Die Zahnputzbecher bleiben leer

Wochenend-Einkauf: Ich schiebe meinen Einkaufswagen durch den Supermarkt und staune nach einer Weile, dass der Einkaufszettel kürzer, der Wagen aber so gar nicht voll wird. Viele Sachen, die sonst zum „Must-have“ des Einkaufs gehörten bleiben in den Regalen. Keine Himbeeren im Winter, kein Vollkorn-Knäckebrot, kein Steviazucker, kein Joghurt 0,1%. In den Süßigkeiten-Regalen schaue ich nur nach Sachen, die der Vater mag. An den Kosmetik-Regalen gehe ich ohne Interesse vorbei. Kein spezielles Haarwaschmittel oder Duschshampoo wird gebraucht. Nach dem Bezahlen kommt mir der Quittungsstreifen ungewöhnlich kurz vor und das Umladen des Einkaufs in das Auto kommt keiner Schwerstarbeit gleich. Andere Situationen gibt es auch: Die tägliche Frage, was es zum Abendessen gibt, ist in kürzester Zeit und ohne Diskussion gelöst. Ziehe ich beim Heimkommen die Schuhe aus, finde ich immer einen Platz dafür im kleinen Schuhregal ohne mich durch sieben davor stehende Paare durchzuwühlen. Mache ich nach der Arbeit Zuhause meinen Entspannungskaffee, sieht die Küche tatsächlich so aus, wie ich sie morgens verlassen habe. Morgens im Bad hängt mein Handtuch immer dort, wo ich es zuletzt hingehängt habe. Ich muss keine Haargummis in das entsprechende Schälchen weglegen (ich selbst habe maximal 2 cm lange Haare). Wenn ich Zähne putze, fällt mein Blick oft auf die zwei leeren Zahnputzbecher. Ich überlege, ob ich sie wegräume, denn sie bleiben auch künftig leer. Beide Töchter haben sich in diesem Jahr auf eigene Wege begeben. Auch ihre Betten bleiben leer.

Wenn man Kinder bekommt, muss einem klar sein, dass man die nächsten 20 Jahre in der zweiten Reihe steht. Das bedeutet nicht, sich selber aufzugeben, aber alles Bestreben in dieser Zeit sollte darauf ausgerichtet sein, eigenständigen und selbstbewussten Nachwuchs großzuziehen. Je mehr Zeit man darin investiert, umso erfolgsversprechender und sicherer hat man später auch seine Ruhe. Gerade in den ersten durchwachten Nächten mit dem Säugling kommt einem diese Zeitspanne unüberwindbar vor. Selbst viel später in der Pubertät des Nachwuchs, denkt man immer noch, dass man es nie schaffen wird. Doch irgendwann ist es dann doch vorbei. Plötzlich vorbei. Viel schneller vorbei, als man eigentlich für möglich gehalten hätte. Der Nachwuchs zieht aus und die Zeit beginnt, in der sich Mutter und Vater ihres Elternjobs beraubt fühlen und sich wieder auf sich selbst besinnen müssen. Nun ist das natürlich nicht mit der gemeinsamen Zeit zu vergleichen, die man mehr oder weniger hatte bevor die Kinder da waren. Zum einen ist man eben gut 20 Jahre älter, die rosa Wölkchen der Anfangszeit haben so ziemlich alle Farbnuancen durchgemacht und das eine oder andere Zipperlein ist ständiger Wegbegleiter geworden. Herr Schmidt und ich sind frisch in diese neue Lebensphase eingetreten. Wir müssen uns neu sortieren, miteinander positionieren, neue Routine oder Herausforderungen finden.

Unsere erstgeborene Tochter hat uns Eltern sanft entwöhnt, beziehungsweise sich selber sehr elegant heraus gelöst. Man könnte es auch als eine Art „Ausschleichen“ bezeichnen. Letzten November zog ihr Freund in seine erste eigene Wohnung ein. Der unglaubliche Vorteil dieser Wohnung für unsere Tochter bestand darin, dass sie genau auf der anderen Straßenseite ihrer Ausbildungsstätte liegt. Hat sie Frühschicht, ist es natürlich ein gewaltiger Unterschied für die jungen Frau, ob sie in der Wohnung des Freundes um halb sechs aufstehen muss oder in dem elterlichen Heim um halb vier morgens. Wir erlebten nicht mehr viele Frühschichten der Tochter. Auch nicht mehr viele Spätschichten. Kam sie nach Hause, war eine große Tasche im Gepäck mit Schmutzwäsche, aber auch diese Tasche blieb irgendwann weg, nachdem über WhatsApp geklärt war, bei wie viel Grad man Bunt- oder Kochwäsche wäscht. Im Sommer räumten der Ehemann und ich einiges im Haus um und überlegten, wie wir die Räume optimal nutzen könnten. Mit einigen Vorbehalten trauten wir uns die Tochter bei ihrem nächsten Besuch zu fragen, ob in ihr Zimmer nicht der Vater einziehen könnte. Statt einem entsetzen „Wollt ihr mich rausschmeißen!“, kam nur ein „Warum habt ihr das nicht schon längst gemacht.“ Damit war das bisher Unausgesprochene offiziell: Es lebt nur noch ein Kind hier im Haus.

Loslassen war das erste Mal ein Thema für mich. Nein, eigentlich nicht loslassen. Das müssen Mütter mit jedem Entwicklungsschritt der Kinder mitmachen. Trennung bezeichnet es eigentlich besser. Der gemeinsame Weg mit der Tochter ist beendet. Jetzt zeigt sich, ob wir ihr das richtige Rüstzeug in der Erziehung mitgegeben haben. Aber: Sie ist selbstbewusst, weiß was sie will, zieht konsequent ihr Studium durch und wirkt auf mich bei jedem Besuch ausgeglichen und zufrieden. Hier kann ich gut loslassen, zumal der junge Mann an ihrer Seite mir das Gefühl gibt, dass er ihr gut tut. Seinen Besucherstatus haben wir irgendwann aufgehoben. Jetzt gehört er zu uns. Sie planen beide ihre Zukunft und wir haben den Eindruck, dass sie sich gut ergänzen und glücklich zusammen sind.

Die jüngere Tochter hat die Schule im Sommer beendet, womit der Weg frei war, sich ihren großen Traum zu erfüllen. Seit drei Jahren spielte sie mit dem Gedanken ein Jahr ins Ausland zu gehen. Nach vielen Überlegungen hat sie sich für Australien entschieden. Wir haben eine begleitende Organisation ausgewählt und Fakten geschaffen. Lange stand der 24. Oktober als Abflugdatum fest, sodass der Sommer von Vorbereitungen geprägt war. Das erste Mal komisch wurde es mir erst, als wir den großen Rucksack zur Probe gepackt haben. Damit wurde sichtbar, dass sie nicht mehr lange hier sein würde. Trotzdem rückte der Reisetag näher, bis wir sie schließlich zum Bahnhof brachten. Entgegen allen vorherigen Beteuerungen rollten natürlich ein paar Tränen, aber es war ein ruhiger und liebevoller Abschied. Zu Hause alleine fühlte sich die Ruhe unwirklich an. Die ersten zwei Tage hatte ich immer das Gefühl, dass sie gleich wieder kommt. Mit der Nachricht, dass sie in Sydney gelandet ist, hörte das sofort auf. In der ersten Woche erlebten wir ein ständiges Auf und Ab der Gefühle, das uns zugegebener Maßen alle sehr beanspruchte. Wir hatten alle nicht damit gerechnet, dass der Jetlag sie so treffen würde. Schlafmangel und unregelmäßiges Essen taten ihren Teil dazu, dass es ihr nicht gut ging. WhatsApp, Skype, Facebook, Telefon kann man bei solchen Reisen als Fluch oder Segen betrachten. Für uns war es ein Segen, weil wir die nötige moralische Unterstützung geben konnten. Auch Familienmitglieder und Freunde halfen mit Ratschlägen, eigenen Erfahrungen und lieben Worten, sodass es langsam bergauf ging und die ersten schönen Nachrichten aus Sydney kamen. Als sie in ihrem Blog EscapeWorld, den sie eigens für diese Reise eingerichtet hatte, ganz ehrlich über ihre Anfangsschwierigkeiten berichtete, bekam sie so viel Zuspruch, dass die Gefühlswende gelang.

Es war eine schwere erste Woche. Aber: Sie macht jetzt Erfahrungen, die sie Zuhause nicht machen kann. Sie lernt Dinge, die sie sich hier lange erarbeiten müsste. Sie erlebt Sachen, die ihr hier verborgen bleiben würden und sie sieht Orte, die wir nicht sehen werden. Ich bin ein bisschen neidisch und freue mich, dass sie das erleben kann, auch wenn es hin und wieder nicht so leicht ist. Ein bisschen staune ich über mich selber: Bisher hatte ich noch keine Gelegenheit mein Kind zu vermissen. Ich denke, weil wir oft Kontakt hatten. Vornehmlich aber, weil ich weiß, was dieses Kind für Stärken hat und ich tief im Bauch weiß, dass sie es bewältigen wird. Mein Jammer kommt sicherlich, wenn es ihr prächtig geht. Ich bin sehr gespannt mit wie vielen bereichernden Kontakten, lehrreichen Erkenntnissen und neuen Ideen sie wieder nach Hause kommt.

Wir sind also sozusagen kinderlos auf Probe. Die jüngere Tochter kommt wieder. Wer weiß, wie lange sie dann bleiben wird. Jetzt probieren wir erst einmal, wie es sich so alleine lebt, nach gut 20 Jahren Kindererziehung. Es hat Vorteile. Viele Vorteile. Trotzdem möchte ich keine Sekunde der letzten Jahre missen. Es gibt Momente, in denen man seine Kinder verfluchen könnte, um Sekunden später festzustellen, dass man sie einfach nur liebt. Es gibt schwere Phasen, die eine Familie auf harte Proben stellt, um später zu erkennen, dass man noch mehr zusammen gewachsen ist. Und es gibt eben diese Zeit des Loslassens, die zeigen wird, ob man als Eltern einen guten Job gemacht hat. Und hat man es gut gemacht, kommen die Kinder eh immer wieder zurück. Eine Freundin hat mir letzte Woche geschrieben: „Ihr habt ihnen Wurzeln gegeben – jetzt sind die Flügel dran!“ Goethe würde sich immer noch freuen, dass er bis heute zitiert wird.

Mein Mann und ich haben Pläne, Ideen und Ziele. Wir genießen unsere eigenen Freiräume und wieder gewonnene Unabhängigkeit. Und so ganz lassen uns die Kinder ja doch nicht los. Wenn am Feiertag die Frage der großen Tochter über WhatsApp kommt: „Mama, was gibt‘s heute bei euch zu essen?“, liegt die Vermutung doch sehr nahe, dass da ein Kühlschrank leer ist. Natürlich plant die Mutter dann so, dass zwei zusätzliche Bäuche satt werden. Alles verändert sich, muss sich weiter entwickeln und birgt seinen eigenen Reiz.

Nach meinen Wochenend-Einkäufen habe ich immer das Gefühl etwas vergessen zu haben. Manchmal, wenn ich morgens im Bad stehe und Zähne putze, genieße ich die noch ungewohnte Ruhe, die ich um mich herum fühle. Aber manchmal, wenn ich dort stehe, denke ich: „Jetzt könnte doch endlich mal einer ungeduldig klopfen und fragen, wann ich endlich fertig bin.“ Aber, die Zahnputzbecher bleiben auch künftig leer, zumindest einer. Irgendwann zieht sicherlich so eine kleine Kinderzahnbürste der Enkel ein.

Wer braucht noch den Telefonhörer?

Foto: © brat82 - Fotolia.com

Foto: © brat82 – Fotolia.com

Wenn ich mich als Kind auf den Weg machte und absehbar war, dass ich eine Zeit lang auf mich selbst gestellt bin, kam immer die Frage: „Hast du zwei Groschen dabei!“ Zwei Groschen brauchte man um im Fall der Fälle eine Telefonzelle zu finden und zuhause anzurufen. Wollte man hingegen zuhause telefonieren ging das nur sitzender oder stehender Weise neben dem einzigen Apparat im Haus. Eine recht ungemütliche Angelegenheit, da das dazugehörende Kabel sehr kurz war. Insbesondere in Zeiten der Pubertät ein äußerst lästiges Unterfangen. Sobald jemand in der Nähe war konnte er mithören – ausweichen oder mit dem Apparat wandern war unmöglich. Bei zuviel telefonierenden Teenagern im Haus besaß das Telefon oft ein kleines Schloss mit dem man die Wählscheibe nicht mehr drehen, also auch keine Nummer wählen konnte. Musste man ein Ferngespräch führen, wurde streng auf die Uhrzeit geachtet, da es ab 20.00 Uhr abends günstiger wurde zu telefonieren. Bei besonderen Feiertagen, beispielsweise Silvester, war langes Stehvermögen angesagt und man hatte Glück, wenn der Telefonapparat über eine Wahlwiederholungstaste verfügte, denn eine freie Leitung zu bekommen, war an solchen Tagen nicht selbstverständlich. Telefone waren in der Zeit reine Gebrauchsgegenstände. Die vorgegebene Modellwahl, quitsch-orange, dunkelgrün oder einheitsgrau, war sehr eingeschränkt und als Dekoration ungeeignet. Schöne alte Zeit – weit entfernt vom Komfort, den wir heute genießen.

Der technische Fortschritt legte insbesondere in den 1980er und ’90er Jahren ein rasantes Tempo vor. Dies sowohl in der Entwicklung der Computertechnik als auch der Mobiltelefone. Sowohl die ersten Computer als auch die ersten Mobiltelefone waren ungeeignet sie in der Hosentasche mit sich herumzutragen, doch das ist längst vergessen. Wir sind im Zeitalter der Laptops, Tablets und Smartphone angelangt. Design spielt eine große Rolle, besonders aber der Anspruch möglichst viel Technik in immer kleineren Geräten zu vereinigen. Ziel ist, immer und überall erreichbar, flexibel, handlungsfähig und online zu sein. Schöne neue Zeit mit allem Komfort.

Nicht nur die Technik hat sich geändert, auch das Kommunikationsverhalten der Nutzer. Wenn man bedenkt, dass Alexander Graham Bell 1876 das Patent auf das Telefon bekam, hat es noch einhundert Jahre gedauert, bis das erste Mobiltelefon 1973 durch Motorola vorgestellt wurde. Kaum mehr 50 Jahre später sind wir soweit dem Festnetz den sicheren Tod anzusagen. Das Internet hat in wenigen Jahren alles bisher dagewesene verändert und manch einer verweigert sich dieser rasanten Entwicklung. Immerhin – sprechen tun wir noch miteinander.

Das Telefonieren hat seinen hohen Stellenwert eingebüßt, trotz dem mehr Menschen als jemals zuvor Zugang zu einem Mobiltelefon haben. Die Möglichkeit zu telefonieren ist nicht der Hauptgrund dafür. Der findet sich in den vielen Messenger und Apps über die diese Geräte verfügen. Bevor ich jemanden anrufe, nicht erreichen oder stören könnte, schreibe ich eine SMS – Short Message Service – und kann in der Regel sicher sein, dass der Andere mein Begehren kennt. Gibt’s dazu Fragen, kann der ja anrufen oder eben auch eine SMS schreiben, was wahrscheinlicher ist. Wurden 2011 in Deutschland pro Tag noch 148 Millionen SMS verschickt, hat sich das Wort SMS auch schon wieder überholt. 2015 waren es „nur“ noch knapp 40 Millionen. Heute heißt es „Schreib mir über WhatsApp“ – was sich in 667 Millionen Nachrichten pro Tag widerspiegelt. Selbst der Verdacht auf eklatante Sicherheitsmängel und die Übernahme durch Facebook konnte den Messenger nicht aufhalten. Nicht nur meine Textnachrichten, auch Bilder, Videos, Sprachnachrichten und Standortübermittlungen, geben mir die Möglichkeit mich der Welt mitzuteilen.

Die Möglichkeit sich mitzuteilen bietet sich zudem im Internet. Nicht nur die vielen Sozialen Netzwerke, bei denen vorrangig Facebook, Google+, twitter oder Instagram (und viele, viele andere) zu nennen sind, auch Dienste wie zum Beispiel Skype eröffnen Möglichkeiten der Kommunikation von hohem Stellenwert. Man kann über das Internet nicht nur telefonieren, sondern sein Gegenüber in Echtzeit sehen. Verbringen Großeltern den Winter in warmen Ländern, bekommen sie die Entwicklung der Enkel live mit. Leben Verwandte in fremden Erdteilen, kann man den persönlichen Kontakt halten. Arbeitsbesprechungen lassen sich zwischen Partnern verschiedener Städte und Ländern via Bildschirm organisieren. Die Möglichkeiten sind – wie das Internet – unendlich.

Dies alles nun schöne neue Zeit zu nennen wäre etwas zu oberflächlich gedacht. Letztendlich zählt das gesprochene und geschriebene Wort, das gereifte Sprachvermögen und der sichere Umgang damit. Der Mensch kann ohne andere Menschen nicht leben und der soziale – reale – Kontakt muss gegeben bleiben, sonst verkümmert er. Viele Erwachsene denken gerne wehmütig an die schöne alte Zeit zurück, als sie sich verabreden mussten, um ihre Freunde zu sehen. Beklagen die ständige Erreichbarkeit heutzutage und führen gerne Beispiele an, die von Verbrechen – durch das Internet entstanden – erzählen. Die schöne alte Zeit ist Vergangenheit – ganz einfach vorbei. Es ist eine Frage der Relation und der eigenen Verhältnismäßigkeit geworden. Können sich Erwachsene der Entwicklung noch verweigern, ist das für Kinder und Jugendliche nicht mehr möglich. Sie wachsen mit der Technik und deren Möglichkeiten auf. Eltern sind besser beraten Kindern so früh als möglich den sicheren Umgang damit begleitet beizubringen, als zu verbieten und sie dann aus Unwissenheit und Angst den Tücken auszusetzen. Der reale Kontakt und Umgang muss dennoch gegeben bleiben, der durch die Möglichkeiten der modernen Kommunikation aufgewertet werden kann.

Die Form der Kommunikation ist so individuell wie der Charakter jedes einzelnen. Nicht der ist der Held, der im sozialen Netzwerk 563 „Freunde“ vorweisen kann, sondern der, den im realen Leben „die“ zwei, drei Freunde lebenslang begleiten. Trotzdem können Freundschaften über das Internet entstanden, eine unglaubliche Bereicherung sein und Kommunikation und Austausch fördern. Sorgsamer Umgang damit ist zwingend notwendig und öffentliche Kommunikation darf nicht als persönliche Frustabladestation genutzt werden. Gleichgültig was ich von mir gebe, jedes Wort, jede Äußerung, jeder Kommentar – ob gesprochen oder geschrieben – ist ein Ausdruck meiner persönlichen Visitenkarte! Und an diesem Punkt könnten sich nostalgische Erwachsene und moderne Kinder wunderbar ergänzen. Erwachsene, die den sicheren, höflichen, kommunikativen Umgang beherrschen, lassen sich von Kindern den sicheren, technischen, medialen Umgang zeigen. Eine Ergänzung, die jedem gedient – in der schönen neuen realen Welt.

Die zwei Groschen von früher wurden durch mein Handy abgelöst. Ein Handy dabei zu haben, bedeutet längst nicht mehr, dass ich nur telefonieren möchte. Es ist mit meinem E-Mail-Programm verbunden, meine Wettervorhersage, meine Kamera, das Fenster zum Internet mit allen verbundenen Netzwerken und ich komme an alle digitalen Arbeitsdateien – völlig gleichgültig wo ich mich aufhalte. Die App-Welt eröffnet vielfältige Möglichkeiten, die tägliche Erfordernisse zu unterstützt. Gehe ich spontan nach der Arbeit einkaufen, sichert mir eine vorherige Abfrage in der Familie, nichts zu vergessen. Via Messenger weiß ich fast lückenlos, wo sich meine Kinder aufhalten. Bin ich unterwegs, kann ich sofort auf dringende Anfragen reagieren und handeln. Und mich mitteilen, was immer mir auch gerade passiert. Ich persönlich, ein frühes ’60 Kind, würde die Zeit nicht zurück drehen wollen. Ich nutze diese modernen Möglichkeiten in vollen Zügen und lasse mich davon faszinieren. Das Festnetz-Telefon klingelt bei uns nur noch selten. Den Spruch „Da fällt mir doch fast der Telefonhörer aus der Hand!“, sprich: ich bin erstaunt über etwas, wird man Kindern bald erklären müssen. Und trotzdem schätze ich drei Dinge in meiner Kommunikation besonders: Den Stummschalter des Handys, den Ausschalter des Computers, eine reale Verabredung und Zeit mit meinem Gegenüber über Gott und die Welt zu reden. Kommunikation ist ja doch sehr viel mehr als jegliche Technik uns geben kann. Kommunikation ist Gestik, Mimik, Sprache, Gefühl, Ausdruck und vieles mehr – sehr menschliche Dinge, die man zum Glück in keine App quetschen kann.

Stadtteilzeitung Steglitz-Zehlendorf – Februar 2016

Die Februar-Ausgabe 2016 der Stadtteilzeitung beschäftigt sich mit dem Leitthema „Internet und Kommunikation“. Ab dem 1. Februar ist die Ausgabe hier online zu finden und an allen bekannten Auslagestellen. Alle Ausgaben der Stadtteilzeitung Steglitz-Zehlendorf von 2003 bis heute liegen im Archiv der Stadtteilzeitung.

Up-date 22. Januar 2016: Gerrit Jan Appel hat aufgrund dieses Beitrags einen ebenso lesenswerten auf seinem Blog  WORTGEPÜTTSCHER geschrieben. „Das Pferd frisst keinen Gurkensalat“ – Sehr lesenswert! 

Herzlichen Dank! 🙂

wellcome – Ehrenamt und Familie – ein entspanntes Miteinander

Foto © wellcome Frederika Hoffmann

Foto © wellcome Frederika Hoffmann

Es ist immer etwas ganz besonderes: Ein Kind wird geboren, nimmt seinen Platz in der Welt ein und verändert das Gefüge einer Familie vom ersten Tag an. Nichts ist mehr so wie es vorher war, obwohl man sich Monate lang darauf vorbereitet hat. Mit großer Vorfreude wurde die Erstausstattung zusammen getragen, der Name heraus gesucht, eventuell Elternratgeber gelesen, erfahrene Mütter und Väter wurden zu dem ein oder anderem befragt und man fühlt sich gut vorbereitet. Nur eins kann man nicht vorbereiten – das ist der Alltag mit dem neuen Kind. Und der kommt ganz sicher!

Wenn der Alltag mit den neugeborenem Kind beginnt, stehen junge Eltern unter einem ganz besonderen Druck. Zum einen müssen sie intuitiv mit vielen neuen Situationen zurechtkommen, ihre Zeit neu organisieren und schließlich auch ihren eigenen Anspruch, gute Eltern zu sein, auf einen sensiblen Prüfstand stellen. Denn – kein Kind lässt sich einplanen, verhält sich erwartungsgemäß und so wie es in allen Ratgebern steht. Kinder sind kleine Individuallisten, die den Müttern und Vätern das Leben ganz schön schwer machen können. Mehrlingsgeburten, Geschwisterkinder, gesundheitliche Probleme des Kindes können die jungen Eltern zudem vor besondere Belastungen stellen. Die Großfamilien, die vornehmlich der jungen Mutter in solchen Situationen früher zur Seite standen, gibt es kaum mehr und die heutige Arbeits- und Lebenssituation führt meist dazu, dass die Ursprungsfamilie aus Eltern, Geschwistern und Verwandten nicht am gleichen Ort leben. Freunde sind meist berufstätig. Junge Mütter oder Väter sind alleine mit dem Kind und der Alltagssituation. Unterstützung ist gefragt, nur woher soll die kommen?

Eine andere Situation: Eine Frau mittleren Alters hat den beruflichen Alltag hinter sich gelassen. Ihre Kinder sind eigene Wege gegangen und sie kann eigene Interessen und Vorlieben wieder ausleben. Hin und wieder möchte sie vielleicht reisen, Freunde für ein paar Wochen besuchen, eine VHS-Kurs machen. Sich in jedem Fall nicht festlegen, sondern flexibel, ggf. mit Lebenspartner, ihre Zeit und Unternehmungen planen. Aber so hin und wieder möchte sie doch irgendwo helfen, ihre Erfahrungen als Mutter nutzen, etwas Sinnvolles tun und Anerkennung finden. Sie möchte nur keine Verpflichtung eingehen, die sie zeitlich auf längere Zeit bindet und Unternehmungen einschränkt. Also ist ein kurzzeitiges Ehrenamt gesucht, nur wo findet man das?

Foto © wellcome Frederika Hoffmann

Foto © wellcome Frederika Hoffmann

Vermittlung ist gefragt: Katrin Reiner ist wellcome-Koordinatorin und Elternlotsin Frühe Hilfen im Familienstützpunkt in Lankwitz. Sie verbindet, koordiniert und begleitet sowohl jungen Mütter als auch ehrenamtlichen Kräfte, die beide in Ergänzung einen guten Start ins Familienleben erleichtern. Was ist wellcome? wellcome engagiert sich dafür, dass alle Familien die Unterstützung erhalten, die sie brauchen, um den Wunsch nach Kindern zu realisieren und sie in einem sicheren Umfeld gesund aufwachsen zu lassen. Das Angebot spricht alle Familien an – unabhängig vom sozialen Hintergrund. Es soll individuell, unbürokratisch, effizient und nachhaltig geholfen werden. wellcome ist praktische Hilfe nach der Geburt im Rahmen moderner Nachbarschaftshilfe für alle Familien, die im ersten Jahr nach der Geburt eines Kindes keine familiäre Unterstützung haben. Dazu werden über die Koordinatoren junge Mütter mit ehrenamtlichen Helferinnen verbunden, die sich so ergänzen. Die Familien finden Entlastung und Unterstützung, die ehrenamtlichen Helfer hohe Anerkennung und ein erfüllendes Ehrenamt ohne längerfristige Verpflichtung.

Das System ist einfach: HelferInnen, die sich für dieses Ehrenamt interessieren melden sich bei der wellcome-Koordinatorin. Sie bespricht die Möglichkeiten und Erwartungen mit den Interessierten. Die Aufgabe ist es während der ersten Monate nach der Geburt, ein bis dreimal in der Woche für ein- bis zwei Stunden in die Familie zu gehen. Dort betreut sie das Neugeborene, spielt mit den Geschwisterkindern oder hört der Mutter oder dem Vater ganz einfach zu und hilft ganz praktisch. Das Ehrenamt ist zeitlich begrenzt, hat aber einen hohen Anspruch. Die HelferInnen werden fachlich begleitet, können eine Aufwandsentschädigung oder Fahrtkosten erstattet bekommen. Katrin Reiner, als wellcome-Koordinatorin, vermittelt in die Familien, arrangiert das Kennenlernen beider Seiten und begleitet in Gesprächen den erfolgreichen Verlauf der Hilfe.

Die Familie, bzw. jungen Eltern melden sich ebenso wie die HelferInnen bei der wellcome-Koordinatorin, die im Gespräch herausfindet, welche Form und Intensität der Hilfe erforderlich ist. An diesem Punkt kommt der Vorteil zur Geltung, dass sie ebenso Elternlotsin der Frühen Hilfen ist und über ein großes Netzwerk aller Stellen im Bezirk verfügt, die eine nachhaltig gesunde Entwicklung von Kindern fördern. Aber – sie ist keinem Amt unterstellt, sondern Angestellte des Stadtteilzentrum Steglitz e.V., dem freien Träger unter anderem des Familienstützpunktes. Die Frühen Hilfen legen den Fokus auf Familien von der werdenden Mutter an bis etwa einem Kindesalter von ein bis drei Jahren. So ist das wellcome-Projekt ideal in ein Netzwerk von Hilfemöglichkeiten eingebettet, dass Familie, Kindern und Müttern ideal und unkonventionell mit viel Herz und Menschlichkeit ansprechen kann. Ist einfach nur Entlastung im Rahmen von nachbarschaftlicher Hilfe gefragt oder sind darüber hinaus psychosoziale Unsicherheiten auszuräumen, wird in einem sensiblen, streng vertraulichem Gespräch geklärt und das Gefühl des Alleingelassenen kann gar nicht erst entstehen. Jeder, der auf die Erziehungszeiten seiner Kinder zurückblickt weiß, was es bedeutet, wenn man sich einfach mal in die Badewanne legen kann um zu entspannen. Einen Arztbesuch machen kann ohne sich zu überlegen, ob die Stillzeiten des Kindes es zulassen. Oder auch einfach mal mit dem Partner ein ungestörtes Gespräch führen kann.

Logo_wellcome_PH_4c_gross_150dpiDie offizielle Eröffnung des wellcome-Projektes im Familienstützpunkt ist der 10. Februar 2016. Katrin Reiner ist im Vorfeld schon eine ganze Weile aktiv. Hat die erste Mutter mit einer ehrenamtlichen Helferin in Kontakt gebracht und freut sich ungemein auf die vor ihr liegenden Aufgaben. Dafür sucht sie nun HelferInnen. HelferInnen, die Spaß im Umgang mit Kindern haben, Erfahrungen gerne weitergeben möchten, jungen Müttern und Vätern helfen Luft zu holen, zu entspannen und ihre neuen Aufgaben zu meistern. Wenn sie sich für dieses Ehrenamt interessieren, rufen sie Katrin Reiner an. Sie werden schnell begeistert sein, denn das Herzstück von wellcome sind die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die den Familien ihre Zeit schenken und sich so für eine familienfreundliche Gesellschaft einsetzen!

Informationen und Kontakt:
Katrin Reiner • wellcome-Koordinatorin
und Elternlotsin Frühe Hilfen

im Familienstützpunkt, Malteser Straße 120, 12249 Berlin
Telefon 0160 96 20 94 72E-Mail berlin.steglitz@wellcome-online.dewww.wellcome-online.de

Leitartikel der Homepage des Stadtteilzentrum Steglitz e.V. vom 18. Januar 2016

Jacob hat den Stern versteckt!

Sternschnuppe - Foto: @nt - Fotolia.com

Foto: @nt – Fotolia.com

Immer im letzten Moment … als ob sie nicht früher daran denken könnte. Jacob war so richtig sauer … und wütend … und traurig … und sowieso. Die Mutter hatte wieder vergessen das Brot mitzubringen und natürlich wollte sie nicht nochmal los. Also schickte sie Jacob … obwohl es kalt war, spät und dunkel und … ja – sowieso. Er ging die Straße herunter und war besonders darauf sauer, dass er bei all dem Schnee keinen Stein finden konnte, den er richtig weit weg treten konnte. Jeder Schritt knirschte unter seinen Füßen, sonst war nichts zu hören und um sich von seinen Gedanken abzulenken zählte er seine Schritte … 127, 128, 129, 130, 131 … knirschend langweilig. Wenigstens war es so spät, dass seine Freunde schon alle zuhause waren und nicht mitbekamen, dass er schon wieder einkaufen musste. Die saßen alle zuhause und konnten es sich gemütlich machen. Jacob nicht.

657, 658, 659 Schritte bis zur Tür vom Bäcker. Jacob klingelte an der Hintertür – es war ja wieder zu spät. Bäcker Friedemann öffnete, sah ihn an und sagte nur: „Ach, du Jacob!“, drehte sich um und kam mit einem Laib Brot zurück. „1,89 € bitte! Und nächstes Mal früher. Muss ja auch mal schlafen, Junge.“ Als wenn ich das nicht wüsste, dachte Jacob sich, gab ihm das Geld und ging mit einem halbherzigen „Schönen Abend!“ zurück. 673, 674 … so ein Quatsch mit dem Zählen. Also lies er es sein. Er schaute sich die beleuchteten Fenster an, die im Dunkeln immer so gemütlich aussahen. Jedes war anders und hinter jedem stellte er sich vor, wie die Menschen dort an ihren Abendbrot-Tischen saßen und sich vom Tag erzählten. Jacob nicht. Kommt er nachhause, ist der Vater nicht da und die Mutter zu müde um viel zu reden. Sie fragte immer, wie der Tag war und er hatte immer das Gefühl, dass sie seine Antwort schon nicht mehr hörte, so müde war sie oft.

So stampfte, nein, knirschte er weiter durch den Schnee, mit sich und der Welt uneins und grummelte weiter vor sich hin. Die ruhige Straße im Laternenlicht lag verlassen vor ihm, manche Häuser beleuchtet, manche ganz dunkel. Nichts bewegte sich. Kurz vor der letzten Ecke kam er an dem Haus vom alten Meyerhof vorbei, ein uriger alter Mann, der offensichtlich keine Kinder mochte. Sein Haus lag völlig im Dunkeln und Jacob schaute lieber, dass er schnell daran vorbeikam. Lief … und bemerkte nur gerade eben so im Augenwinkel einen hellen Schein im Hof vom Meyerhof. Er stutzte und blieb stehen, konnte es aber nicht genau sehen. Ging drei Schritte zurück, schaute und war sich unsicher. Gerade als er wieder weiterlaufen wollte, sah er ihn doch, den leichten Schein. Nun kämpften die Angst vor dem Meyerhof und seine Neugierde in ihm. Das war schon sehr ungewöhnlich und mit dem Gedanken, dass der alte Mann bestimmt schon im gemütlichen Sessel döste, traute er sich die ersten Schritte in den Hof. Ganz langsam, ganz leise und zögernd. Im Augenwinkel behielt er immer das Haus, kam aber Schritt für Schritt weiter voran. Zweifelte schon, ob er sich nicht getäuscht hatte, als der Schein wieder kurz aufleuchtete und schwächer wurde.

Noch ein paar leise Schritte, dann sah er hinter einem Stapel Holz das Scheinen deutlicher. Aber er sah weit mehr: Zwischen drei Holzscheiten verklemmt lag ein kleiner Stern. Vier Zacken gerade von sich gestreckt, der Fünfte aber komisch gekrümmt und eingeknickt. Jacob stand wie erstarrt davor und mochte nicht recht glauben, was er dort anschaute. Sicherheitshalber rieb er sich die Augen, blinzelte, blickte zur Straße und wieder zurück, aber er lag dort und schaute auch Jacob mit großen Augen an. „Guck nicht so!“ sagte der Stern … Jacob staunte. „Hast du noch nie einen Stern gesehen?“ fragte der Stern. „Nein!“ gestand Jacob und blickte weiter auf das, was nicht dort sein konnte. „Jetzt hilf mir schon,“ quengelte der Stern, „und beweg dich!“ „Nicht so laut,“ sagte Jacob, „nachher wacht der Meyerhof noch auf.“ „Den kenne ich nicht und ich will hier raus“ quengelte der Stern weiter. Jacob kniete sich hin, fasste einen Holzscheit, legte ihn zur Seite. Fasste den zweiten, aber als er den anhob, jammerte der Stern „Au, au au, au … pass ein bisschen auf!“ Also machte Jacob ganz vorsichtig weiter und fragte, nach dem er den dritten Holzscheit zur Seite gelegt hatte, „Und nun?“ „Weiß ich auch nicht.“ sagte der Stern. Jacob überlegte, was er tun solle. Hier bleiben konnte er nicht und den Stern alleine lassen, wollte er nicht. Er zog seine Mütze vom Kopf, legte den Stern vorsichtig hinein und schlich sich vom Hof.

Auf der Straße ging er wie automatisch nach Hause und nahm nichts um sich herum wahr. Sein Herz pochte wie wild und er merkte wie warm es in seinen Armen wurde. Das Brot war vom Morgen, also musste die Wärme vom Stern sein. Das glaubt mir niemand, dachte er sich und überlegte, was er nun machen sollte. „Bist du noch da,“ fragte der Stern. „Wohin bringst du mich?“ „Erstmal nach Hause,“ sagte Jacob. „Wir müssen schauen, wie wir deinen Zacken wieder heile bekommen.“ An der Haustür angekommen, flüsterte er dem Stern zu, dass er leise sein solle, öffnete die Tür, schmiss das Brot auf den Tisch und verschwand sofort in seinem Zimmer. Diesmal war er froh, dass die Mutter manchmal nicht so aufmerksam war. Mit pochendem Herzen stand er hinter der verschlossenen Zimmertür und überlegte. Dann ging er zum Schrank, schob mit einer Hand ein paar Kisten aus der Ecke, legte einen alten Pullover dort hin und darauf vorsichtig den Stern. „Hier kannst du erst einmal ein bisschen ausruhen. Ich schließe die Tür und komme nachher wieder zu dir!“ sagte er dem kleinen Stern, der nicht so ganz glücklich aussah. „Aber nicht vergessen, versprochen,“ piepste der. „Versprochen, großes Ehrenwort!“ flüsterte er ihm zu und schloss leise die Schranktür.

Nachdem Jacob Mantel und Schuhe in die Diele gebracht hatte, ging er zur Mutter in die Küche. „Du hast es ja eilig gehabt. Was ist los?“ fragte die Mutter. „Ach, mir ist nur was für die Schule eingefallen. Ich wollte schnell nachschauen, ob ich das richtige Buch zuhause habe.“ schwindelte er. „Mein großer Junge!“ meinte sie und es folgte ihr übliches Klagelied, wie selbständig Jacob alles machen muss, weil der Vater und sie so viel arbeiten müssen und kaum Zeit für ihn haben. Das würde alles besser werden, versprach sie, sehr bald schon und zwinkerte ihm mit einem aufmunterndem Lächeln an … und musste Gähnen. Ja, er hätte am liebsten auch gegähnt, wäre er nicht so aufgeregt. Das Klagelied und das Versprechen kannte er zur Genüge. So schnell wie möglich, ohne dass es auffiel, aß er sein Brot und verabschiedete sich mit dem Hinweis auf die Schule in sein Zimmer. Der Mutter war es recht – nach ein paar Hausarbeiten sehnte sie sich nach Ruhe. Sie bereitet dem Vater noch ein Brot vor und hatte Jacob schon nicht mehr im Sinn.

Jacob stand lange vor seinem Schrank. Nach einer ganzen Weile ging er hin und öffnete langsam die Tür. Der Stern war noch da, schaute ihn wieder mit großen Augen an. „Geht’s dir gut!“ fragte er und als der Stern langsam nickte, räumte Jacob auch die andere Schrankecke frei und setzte sich dazu. Die Schranktür zog er heran, so dass nur ein ganz kleiner Spalt offen blieb. Er fragte den Stern, ob der Zacken wieder besser wäre, aber der Stern beklagte sich weiter und meinte, er müsse noch etwas ausruhen. „Ich heiße Jacob,“ sagte er. „Weiß ich,“ antwortete der Stern und als er Jacobs Staunen bemerkte meinte er, dass er alle Kinder kenne. Jacob dachte lange nach. „Und weißt du auch, wie es allen Kindern geht?“ fragte er schließlich. Auch das wisse der Stern und fügte hinzu, dass er die Kinder ja in jeder Nacht beobachten könne, sie in ihren Träumen betrachtet und sofort merkt, wenn ein Kind nicht schlafen kann. „Aber nicht heute Nacht,“ bemerkte Jacob und merkte gleich, dass das Scheinen vom Stern etwas schwächer wurde. „Nein, heute Nacht nicht,“ war die Antwort, „da werden wohl viele Kinder nicht so gut schlafen können.“ Jacob fühlte sich jedoch sehr wohl in seiner Nähe, genoss die Wärme, die von ihm ausging und fing er an zu erzählen  – vom Vater, der Mutter, seinen Freunden, von der Schule, vom Alleinsein und selbst der alte Meyerhof kam in seinen Erzählungen vor. Der Stern hörte geduldig zu wie der kleine Junge sein Herz ausschüttete, davon sprach, warum er oft traurig war, ihm seine Wünsche und Träume verriet.

Als Jacob die Augen wieder aufmachte, war es früher Morgen. Er brauchte einen Augenblick um zu begreifen, dass er im Schrank neben dem Stern eingeschlafen war. Als der ihm wieder einfiel, bekam er gleich einen großen Schreck: Er konnte den Stern kaum mehr ausmachen und sah nur noch den Hauch seiner Umrandung, was eher einem Schatten glich. Der Stern war aber wach und beruhigte ihn gleich: „Es ist Tag, mein Junge, tagsüber sehen die Menschen uns Sterne nicht. Heute Abend musst du mich aber wieder fliegen lassen. Dann bin ich genug ausgeruht und kann wieder mit fünf Zacken leuchten.“ „Aber ich möchte gar nicht, dass du wieder gehst. Wenn du bei mir bist, geht es mir gut. Ich fühle mich nicht alleine, kann reden und vergesse alles, was mich stört. Es ist so ein schönes Gefühl, dass ich kaum richtig beschreiben kann“ Der Stern erinnerte ihn aber an alle Kinder, die dann einen Stern weniger am Himmel hätten. Die nicht so gut schlafen könnten, weil einfach etwas fehlen würde. Und Kinder, die nicht schlafen könnten, auch am Tag kaum Freude finden könnten.

Doch Jacob blieb stur. Er ließ den Stern im Schrank zurück und ärgerte sich. Ärgerte sich auf dem Weg zur Schule, in der Schule und auf dem Weg nach Hause – über alles, was ihm begegnete. Was interessieren ihn die anderen Kinder. Er wollte doch endlich nicht mehr allein sein, gut schlafen, jemandem alles erzählen können. Er wollte Freude haben und Lachen. Könnte der Stern nicht einfach nur mal an ihn alleine denken? Er saß den ganzen Nachmittag alleine an seinem Fenster, aber ärgerte sich schon ein bisschen weniger. Wenn er der einzige wäre, der Freude hätte, freut sich keiner mit ihm. Wäre er der Einzige der lacht, wäre er Außenseiter und wieder alleine. Alle um ihn herum wären kraftlos und matt. Und der alte Meyerhof bestimmt noch knurriger – der war ja auch mal ein Kind. Aber bei dem Gedanken musste Jacob schon wieder lächeln. Jacob dachte lange nach. Er hatte einmal eine Geschichte gelesen in der stand, dass man reicher wird, wenn man etwas teilt – auch wenn man es sehr lieb hat. Ob das wohl auch für Sterne galt?

Als Jacob klar wurde, wie dunkel es wieder war, stand er auf und ging zum Schrank. Es fiel ihm schwer die Schranktür aufzumachen und den Stern anzusehen. „Es wird Zeit für dich, kleiner Stern. Bist du wieder ganz heile und gesund?“ „Ja, ich bin bereit,“ erklärte der Stern mit kraftvoller Stimme. „Wie bist du eigentlich herunter gefallen,“ fragte Jacob. Der Stern erklärte ihm, dass ihm das öfter passieren würde. „Immer wenn mich jemand aufgibt, falle ich vom Himmel. Dann muss ich mich erholen, versuchen denjenigen wieder ins Boot – also eher an den Himmel – zu holen und dann geht es wieder. Aber ich gebe zu, dass ich meistens nicht so bequem in einem Schrank liegen kann.“ Jacob lächelte: „Das hört sich sehr beschäftigt an.“ „Ja, das bin ich. Manche machen es mir gar nicht so leicht“ Jacob hob den Stern sanft mit seinen Händen hoch und trug ihn zum Fenster. Öffnete das Fenster und hielt den Stern in die Luft. „Ich wünsche dir einen guten Flug. Eine Frage habe ich aber noch, kleiner Stern. Wie heißt du eigentlich?“ Der kleine Stern fing langsam an zu schweben, immer ein wenig höher und höher. „Ich heiße Hoffnung, Jacob, und du solltest mich nie verlieren!“ und dann war er schon fast nur ein heller Punkt. In dem Moment klopfte es an Jacobs Zimmertür. Die Mutter öffnete und Jacob drehte sich zu ihr um. „Jacob? Der Vater ist schon Zuhause. Wir möchten mit dir reden, mein Kind!“

Der Mensch neben uns …

Foto: © blvdone Fotolia.com

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Im Supermarkt vor der Kasse steht eine Frau, legt ihren Einkauf aber nicht auf’s Band und wartet. Hinter ihr kommt ein junger Mann mit zwei Gegenständen in der Hand. Obwohl er sehr abweisend und mürrisch schaut, fragt die Frau ihn, ob er vorgehen möchte. Die Kassiererin ist noch lange mit dem Einkauf, der schon auf dem Band liegt, beschäftigt. Nach einer Weile kommt die Tochter der Frau dazu und gemeinsam beginnen sie auch ihren Einkauf auf’s Band zu legen. Die Frau fragt den jungen Mann schüchtern, ob sie einen Stopper bekommen könnte. Erst da verwandelt sich sein Gesicht in ein strahlendes Lächeln und er meint, dass er sich schon wunderte, warum die Frau so einen großen Abstand zu ihm hielt. Sie unterhielten sich ein paar Sätze in sehr sympathischer Art und Weise bis jeder seiner Wege ging.

Auf dem Weg zum Auto erzählt die Frau ihrer Tochter, wie sehr sie sich in dem jungen Mann getäuscht hatte. Sie hielt ihn für den Prototypen eines Jugendlichen, der sich in arroganter Weise nicht für seine Umgebung interessiert. Dabei stellte er sich als offen, höflich und nett heraus. Sie musste noch lange darüber nachdenken, wie sie sich durch das Äußere des Mannes hatte täuschen lassen. Solche Situationen passieren oft und jedem von uns. Wir sitzen beispielsweise in einem Bus, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt und beobachten die anderen Leute um uns herum. Manche Menschen bemerken wir kaum, andere interessieren uns, wieder anderer finden wir vielleicht unsympathisch und bei manchen versuchen wir möglichst unbemerkt zu bleiben. Bei vielen stellen wir uns vor, aus welchen Verhältnissen sie kommen, ob sie alleine leben, Arbeit haben, in ihren Familien glücklich sind. Die tatsächlichen Umstände der Lebensart der anderen gehen jedoch in der Anonymität der Großstadt unter und sind spätestens an unserer nächsten Haltestelle für immer vergessen.

Die Stadt, in der wir leben, stellt die Menschen vor eine Anonymität, die sie selber durchbrechen müssen. In Berlin sind es 3,5 Millionen Menschen und täglich werden es mehr. Man kann die Masse an Menschen wahrnehmen und sich ohnmächtig vor dieser Zahl beugen. Oder man macht sich bewusst, dass dies auch 3,5 Millionen einzelne Geschichten, Schicksale und Lebenswege sind. 3,5 Millionen mal könnte man ein Buch über einen Menschen schreiben und jedes Buch hätte einen eigenen individuellen Inhalt. Man stelle sich diese große Bibliothek vor. 300.000 Tausend dieser Menschen leben in Steglitz-Zehlendorf und auch in diesem Bezirk werden es täglich mehr. Es ist immer noch eine enorm große Zahl, aber es wird greifbarer, wenn man weiter in die Ortsteile hineingeht, die sich hier aus Lichterfelde, Steglitz, Zehlendorf, Lankwitz, Nikolassee, Dahlem und Wannsee zusammensetzen. Und auch die Ortsteile lassen sich weiter gliedern wie beispielsweise Lichterfelde, Ost, West oder Süd. So kommen wir immer weiter dem Ort näher, an dem wir selber leben, dessen Umfeld wir kennen und wo wir beginnen, den Menschen zu begegnen, die ein bekanntes Gesicht oder einen Namen tragen. Hier sind wir keine Zahl von 3,5 Millionen mehr, hier sind wir Nachbarn, Bekannte oder Freunde.

Und hier bekommt die Individualität der Menschen eine tragende Rolle, durch die jeder einzelne von uns zum Gemeinwesen beiträgt. Es sind Merkmale wie Nationalität, Religion, Alter, Geschlecht, Beruf, Interessen, Bildung und viele andere Dinge mehr, die uns einzigartig machen. Dabei spielen Hierarchien keine Rolle, ob der eine Arzt, der andere Müllmann, die eine Chefsekretärin und die andere Putzfrau ist. Alle gemeinsam machen eine funktionierende Gemeinschaft aus, jeder einzelne wird in dieser Gemeinschaft gebraucht und erfüllt seine Aufgabe. Je stärker, toleranter, offener und emphatischer diese Gemeinschaft ist, desto besser ist sie bei Problemen oder Widrigkeiten aufgestellt, die das gemeinschaftliche Leben nun einmal in sich birgt. Die Großfamilie der letzten Jahrhunderte gibt es nicht mehr. An ihre Stelle ist das soziale Leben in Gemeinden und Städten getreten, das in vielseitiger Form in Schulen, Vereinen, sozialen Trägern, kulturelle Begegnungsstätten, sportlichen Vereinigungen, Interessengemeinschaften und anderem ausgelebt wird. Der einzelne Mensch kann ohne Gemeinschaft nicht leben und jeder einzelne macht die Gemeinschaft aus.

Es ist hin und wieder recht hilfreich, sich selber klar zu machen, in welch einem Geflecht von Menschen wir leben und in welchen Abhängigkeiten, im positiven Sinne, wir zu ihm stehen. Jeder einzelne möchte akzeptiert, toleriert, in seiner einzigartigen Art und Weise angenommen sein. So sollte es nur recht sein, dass wir das, was wir für uns selber einfordern, auch bereit sind, anderen zuzugestehen. Anderen den Raum zu geben, sich zu entfalten, den wir auch selber für ein zufriedenes Leben benötigen. Anderen mit Interesse und Neugierde begegnen, die wir uns selber wünschen. Dem Bekannten, dem Freund und Fremden die Wertschätzung schenken, die wir selber erfahren möchten. Und ganz besonders auch schwächere Menschen unterstützen, wo ein Mangel offensichtlich wird. „Eine Kette ist nur so stark, wie ihr schwächstes Glied!“, heißt ein geflügeltes Wort. Ein Gedanke, den man vielleicht nicht nur zur Weihnachtszeit überdenken sollte. Stärkt man die Schwachen der eigenen Gemeinschaft, stärkt man auch die Gemeinschaft und letztlich sich selber.

Den Menschen neben uns wahrnehmen, mutig und für Gespräche bereit sein, über unsere eigenen Grenzen steigen, sind Möglichkeiten, die Anonymität aufheben und kleiner machen. Das hilfreichste und einfachste Mittel ist dabei ein offenes Lächeln, das – noch ein geflügeltes Wort – in jeder Sprache verstanden wird. Wenn wir vielleicht das nächste Mal an der Kasse zurückblicken und aufmerksam sind, uns nicht vom Äußeren täuschen lassen … geben wir den Menschen um uns herum genau das, was wir uns von ihnen wünschen. Dann wird selbst eine große Stadt sehr klein!

Leitartikel der Stadtteilzeitung Steglitz-Zehlendorf
Dezember 2015 – Januar 2016

zeit1215

In guten wie in schlechten Tagen

Foto: c2a9drsg98 - fotolia-com

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Mit den Kindern das JETZT erleben, ist ihre größte Antriebsfeder im Job. Mit ihnen Sprechen, Lachen und die täglichen Dinge erleben, fasziniert sie immer wieder auf’s neue. Elke Heinrich ist Erzieherin, Kita-Erzieherin, und das schon ziemlich viele Jahre. In „ihrer“ Kita ist sie sozusagen eine Honoration, obwohl sie noch recht jung ist, aber sie war von Anfang an dabei. Als der freie Träger, das Stadtteilzentrum Steglitz e.V., die Kita 1999 übernahm, entstand ihr erste Kontakt und seither hat sie die Entwicklung des sozialen Vereins begleitet. Jetzt zum 20. Geburtstag des Vereins möchte sie ihre eigene Geschichte mit dem Verein erzählen. Möchte damit Danke sagen und erzählen, dass es nicht nur dem Namen nach ein sozialer Verein ist. Deshalb stimmt an dieser Geschichte alles und nur ihr Name nicht. Den haben wir geändert, weil es nicht darauf ankommt, wer sie ist, sondern auf das, was sie zu erzählen hat:

Zwei Vorstellungsgespräche musste sie führen, überzeugte und war damit dabei – im ersten Team der ersten Kindertagesstätte des jungen Vereins. Damals noch eine kleine Kita, genauso im Aufbau wie der ganze Verein. Das erste Team konnte wachsen, sich ausprobieren und mit der Unterstützung und dem Vertrauen der Eltern die Arbeit aufnehmen. Routine konnte sich entwickeln, das Team zusammenwachsen und Handlungsfelder wurden ausprobiert, geändert, angepasst. Es dauerte nicht lange, dass sich die Kita etablierte und sich ein vertrautes Verhältnis zwischen Kindern, Eltern und Erzieherinnen entwickelte. Elke entwickelte Berufserfahrung, dies insbesondere dahingehend, dass kein Tag dem anderen glich. Die Kinder, die ihr in ihrer Gruppe anvertraut waren, brachten jeden Tag auf’s Neue Neugierde und Lust auf’s Leben mit. Jeder Tag wurde für sie eine neue Herausforderung. Sie konnte sich in der guten Atmosphäre des Teams wohlfühlen und hatte Spaß im Beruf. Im Privaten führte sie ein völlig normales Leben. Der Lebensgefährte, Freunde, Verwandte begleiteten sie auch hier und so sehr sie das Private schätzte, freute sie sich doch jeden Morgen erneut auf „ihre“ Kinder, die Kolleginnen und Ereignisse rund um die Arbeit.

Die Idylle ihrer Geschichte änderte sich von heute auf morgen. Die Beziehung zum Lebensgefährten wurde brüchig, doch bevor er endgültig aus ihrem Leben verschwand, hatte er noch so manche Überraschung für sie parat. Eines morgens kam sie wieder zur Arbeit, wo sie die Buchhalterin empfing. In einem Gespräch erfuhr Elke, dass eine Lohnpfändung vorlag und damit ihr Kartenhaus eines intakten Lebens zusammenbrach. Die Puzzleteile setzen sich in Folge langsam zusammen und das ganze Ausmaß ließ Elke schier verzweifeln. Der Lebensgefährte hatte über das Internet einen Kredit auf Elkes Namen abgeschlossen. Völlig unbedacht hatte sie dem Briefträger eine Sendung unterschrieben, unwissend, dass dies die Unterschrift für den Kredit war. Auch ihr Konto war leer geräumt, die Miete für die gemeinsame Wohnung nicht bezahlt, der Lebensgefährte verschwunden. Sämtlicher Halt und Boden unter den Füßen war für Elke verloren. Das Leben in Trümmern und die Aussichtslosigkeit groß.

Sie war nicht allein. In der Folgezeit erlebte sie, was Hilfe bedeutet und welchen Halt man in solch einer Situation erleben kann. Die Buchhalterin ging mit ihr gemeinsam zum Rechtsanwalt, der ihr half die Sachlage nüchtern zu betrachten und erforderliche Schritte einzuleiten. Familie und Freunde gaben ihr Unterschlupf, Unterstützung und Trost. Vereinsleitung und KollegInnen gaben ihr Halt, ließen sie erzählen, weinen und fluchen. Aus einem sozialen Fond bekam sie zur Unterstützung etwas Geld. Alle hatten ein offenes Ohr, alle haben geholfen und waren offen für ihre Anliegen in dieser Zeit. Letztlich blieb nichts anderes übrig, als ihre finanzielle Notlage mit viel Geduld und Zeit zu klären. Sie hatte karge Jahre vor sich und musste Wünsche sehr weit hinten anstellen. Sie ließ den Kopf nicht hängen, so schwer es auch war und nahm gebotene Chancen wahr. Noch heute ist sie dankbar, dass dies für den Arbeitgeber kein Drama, sondern schlicht Selbstverständlichkeit zur Unterstützung war.

Heute sagt sie, dass sie nicht gewusst hätte, was sie in der schweren Zeit ohne ihre Arbeit hätte machen sollen. Elke bekam nie das Gefühl, Scham empfinden zu müssen, sondern fand Verständnis und Hilfe. Darüber hinaus konnte sie sich mit der Arbeit, die sie schon immer liebte, ablenken. Sie erlebte täglich Stunden, in denen sie nicht an die Probleme denken musste, sondern durfte mit Kindern lachen, die ihr zuversichtlich klar machten, das es immer weiter gehen wird.

Trotz der schweren Zeit schafften Freude und KollegInnen es oft, Elke zum Ausgehen zu ermuntern. Eines Abends lernte sie einen Mann kennen, den sie öfter traf und schließlich wurden sie ein Paar. Sie wurden so vertraut, dass der Moment kam, an dem sie dem neuen Mann erzählen musste, was für ein Päckchen sie trug. Statt Ablehnung erlebte sie auch durch ihn uneingeschränkte Unterstützung und Hilfe. Heute ist sie mit diesem Mann verheiratet und hat mit ihm gemeinsam die Zeit der finanziellen Not überstanden. Sie vergisst nie, was sie in dieser Zeit alles erlebt und erfahren hat.

Elke erlebt nach wie vor jeden Arbeitstag mit „ihren“ Kindern. Sie hat immer Spaß, sie zu beobachten – wie sie die Welt entdecken, wie sie Dinge aufnehmen, Schwierigkeiten überwindet, Freude empfinden, Kleinigkeiten wertschätzen, Emotionen ausleben. Sie möchte diesen Kindern das geben, was sie besonders in schweren Jahren selbst bekommen hat: Selbstbewusstsein, bestärkende Begleitung, Optimismus, Verständnis für die individuelle Situation. Heute geht sie gerne wieder nach Hause. Sie weiß, dass dort jemand wartet, mit dem sie alle Hürden nehmen kann. Morgens kommt sie gerne wieder zur Arbeit, freut sich auf die Kinder und die Arbeit. Die Arbeit bei einem Träger, der nicht nur sozial heißt, sondern es auch tatsächlich ist. Mit dem sie in guten wie in schlechten Tagen gemeinsam gehen kann und am Ende doch immer ein wertvoller Mensch sein wird.

Der Weg vom Blog zum Leser …

liebster-award

Ziemlich zögerlich und ganz langsam hat es angefangen, dass sich dieser Blog einen Weg in die weite Welt gesucht hat. Zu Beginn stand für mich mehr im Vordergrund bei anderen zu lesen, zu staunen, zu bewundern und neugierig zu beobachten. Bei einigen Blogs bin ich immer wieder zu Besuch gekommen, gefiel mir doch sehr die Art und Weise, wie sie es schafften ihre Leser zu fesseln – und mich!

Ein Blog war von Anfang an auf meiner Bestsellerliste, weil ich bis heute die Geschichten, Denkanregungen und den Schreibstil liebe und verfolge. Noch dazu (ganz wichtig!) schafft es dieser Blog immer wieder, mich mit den Gedankenspielen zwischen Großstadt (in der ich lebe) und den selbstgewählten Exil auf dem Land (wo sie lebt) zum Lachen zu bringen. Ausgerechnet dieser Blog, bzw. seine Schreiberin, hat mich nun in die Liste der Blogs eingereiht, die ihre Fragen für den „Liebsten Award“ beantworten dürfen. Also beantworte ich (nicht ohne Stolz … ehrlich bleiben! 😉 ) die Fragen von Friederike und ihrem LANDLEBENBLOG … mit einer herzlichen Leseempfehlung!

Ist das geschafft, bekommt ihr noch ein paar Leseempfehlungen zu anderen Blogs, die dann wiederum meine Fragen (vielleicht) beantworten. Es ist ein Spiel unter den Bloggern, macht Spaß und bringt so manche interessante Einsichten ans Licht. Denn – so ist das mit den Blogs … sie leben vom Austausch, der Kommunikation und Empfehlungen … und nicht selten trifft man gute alte Bekannte auf den anderen Seiten wieder!

Friederikes Fragen:

Warum hast Du angefangen zu bloggen?
Ganz am Anfang fand ich das Wort „Blog“ komisch, aber hörte es immer öfter und habe gegoogelt, was es bedeutet. Dort stand, dass es eine Art virtuelles Tagebuch sei. Das fand ich ziemlich komisch, denn – wer schreibt ein öffentliches Tagebuch … bis ich irgendwann mitbekam, dass mein Chef bloggt. Der Mann ist alles mögliche, keinesfalls aber komisch, und so war die Neugierde geweckt. Ich fing an (siehe oben) zögerlich zu lesen, zu staunen, zu … hatten wir ja schon. Es fing an mir zu gefallen und es entstand eine Idee. Seit 2003 entsteht eine Bezirkszeitung an meinem Computer und mit der Zeit schrieb ich den ein oder anderen Texte dafür. Über die Jahre verschwanden die Texte aber in den alten Ausgaben. Schade eigentlich und so fragte ich eben den Chef, ob er eine Idee hätte, wie ich diese Texte sammeln könnte und einen Überblick behalte. „Mach einen Blog!“ war die Antwort. Und da wir für unsere Arbeit in dieser Zeit eine neue Internetseite mit WordPress erarbeiteten, hatte ich das System schon lieb gewonnen. Also bastelte ich meinen Blog, stellte zwei Beiträge ein, lies es aber ein dreiviertel Jahr unberührt – der richtige Mut fehlte. Zu Weihnachten schrieb ich schließlich eine schöne Geschichte, die auf der Homepage der Arbeit veröffentlicht wurde. Da ich dort großen Zuspruch fand, traute ich mich endlich und ab dann purzelten die Beiträge nur noch so in meinen Blog … und ich bekam mit der Zeit einen Begriff, was Internet tatsächlich bedeutet!

Wissen Freunde und Familie von der Bloggerei?
Oh ja … und sie gehören zu den wichtigsten Kritikern! Ich teile immer fleißig in die Netzwerke oder Messenger. Viele Beiträge handeln von ihnen.

Und lesen die das etwa auch?
Ich denke ja – die Rückmeldungen zeigen es. Jeden Beitrag, in dem ich jemanden persönlich erwähne, lasse ich vorher von demjenigen lesen. Es ist mir wichtig, dass sie Bescheid wissen und sich ebenso damit identifizieren können. Töchter, Mann, Geschwister, meine Mutter, viele Freunde … da sind alle mit im Boot. Wenn ich mit einem Beitrag unsicher bin (was immer noch oft vorkommt) hole ich mir Rat (davon weiß u.a. der Chef ein Lied zu singen) – vier Augen sehen immer mehr als zwei! ;-).

Hast Du eine Bloggerbotschaft an die Welt?
Ja … viele … lest einfach. Das wichtigste wäre mir, jeden Menschen so zu akzeptieren, wie er ist und in der Toleranz und dem Kompromiss die größte Errungenschaft der Menschheit zu sehen!

Liest Du auch noch Zeitungen?
Ich lese sie nicht nur – ich mache auch eine – seit 12 Jahren – die Stadtteilzeitung Steglitz-Zehlendorf. Ich liebe sie und werde immer ganz grantig, wenn jemand Blättchen dazu sagt. Immerhin 12 Seiten und eine Auflage von 10.000 Stück. Die lese ich besonders intensiv – auch zur Korrektur. Ich lese auch viele andere Zeitungen … nicht mehr in den Mengen wie früher, aber an manchen Sonderheften komme ich nicht vorbei. Modezeitungen gar nicht und für Society-Lektüre müssen die seltenen Arztbesuche ausreichen.

Bist Du online und offline gleich?
Aaaaahhhhhh … nein … wenn ich ehrlich bin. Ich liebe online, kann offline aber bestens aushalten und mich problemlos beschäftigen. „Langeweile“ und „Anna Schmidt“ passt nicht auf einen Planeten – kenne ich nicht. Ich bin aber die Ohne-Fernseher-Handy-Computer-Kindheitsgeneration … schätze also beide Seiten sehr!

Hast Du schon mal Internetbekanntschaften im realen Leben getroffen?
Mehrere und es war jedes Mal ein absoluter Gewinn! 🙂

Was machst Du in computerfreien Zeiten?
Hungrige Kinder füttern, reale Bücher lesen, Garten genießen, Hund sozialisieren, den Gatten beschäftigen und Pläne schmieden, was ich noch so alles vor habe … und das ist viel!

Hast Du überhaupt längere computerfreie Zeiten?
Wenn ich ehrlich bin – nein. Im Sommer habe ich es im Urlaub sehr genossen, aber das Smartphone war doch immer irgendwo in der Nähe und ich bin grundsätzlich ein sehr interessierter Mensch. Das Seniorenheim bekommt mich irgendwann einmal nur mit der Zusage von uneingeschränktem WLan.

Wie gehts Dir, wenn Du momentan die Welt betrachtest?
Schwierige Frage – das wäre einen eigenen Beitrag würdig. Ich bin sehr realistisch und lebe nicht auf einem rosa Wölkchen. Dennoch weigere ich mich, zu glauben, die Welt und der Mensch sei schlecht. Miesmacher, Schlecht-Redner, Zukunfts-Paniker ertrage ich nicht in meiner Nähe. Wenn wir nur das Negative sehen würden, hätten wir keine Zukunft mehr. Und so bin ich auch überzeugt, dass ein Kind, dass selbstbewusst und positiv erzogen wird, die beste Investition in die Zukunft ist. Wenn ich zuhöre, wie meine Töchter sich mit Dritten über Toleranz und Weltoffenheit unterhalten, weiß ich, dass ich etwas richtig gemacht habe. Selbst, wenn mich mancher für meinen Optimismus belächeln mag, denke ich, dass ich für meinen Teil der Welt mehr erreiche, als andere die mit ihrem Wehgeschrei nerven.

Magst Du Schnitzel mit Pommes?
Ganz klar – nein! 50 % unserer kleinen Familie mag es sehr und ich esse es, wenn ich mich nur an den Tisch setzen muss. Offiziell habe ich beschlossen, dass ich beim Panieren die größte Pflaume bin und es nicht kann. Ich liebe Tintenfisch, esse Schnecken oder rohen Fisch, aber auch ein einfaches Spiegelei kann bei mir Begeisterung auslösen … es gibt wenige Dinge, die ich nicht esse … das Schnitzel ist ein Volltreffer in Bezug auf nicht mögen! 😉

 

Meine Leseempfehlungen wären folgende Blogs – neben vielen anderen, die ich sehr schätze:

Wortgepüttscher

Schnipseltippse

Modepraline

Mein Lesestübchen

keinbisschenleise

Kinder Unlimited

Ich habe nicht nachgeschaut, ob sie an diesem Award schon einmal teilgenommen haben – es lohnt sich in jedem Fall ein Klick auf ihre Seiten, wo ihr schöne, interessante Beiträge findet.

 

Meine Fragen an sie wären die Folgenden …

Alter ist ein relativer Begriff – gibt’s Momente, in denen du dich alt fühlst?

Ist Alter ein Problem für dich?

Würdest du noch einmal gerne von vorne Anfangen?

Welches Alter war das spannendste?

Gibt es Einstellungen oder Dinge, die sich bei dir im Laufe des Lebens geändert haben?

Wird man im Alter ein sozialerer Mensch?

Was möchtest du einmal machen, wenn du das Glück hast so richtig alt zu werden? 🙂

Was wäre deine Großmutter/Großvater-Botschaft an die Jugend?

 

Ich habe in Facebook einen wunderbaren Spruch
bei Irene Söding gelesen:

„Wenn ich alt bin,
will ich nicht jung aussehen,
sondern glücklich!“

So soll es sein! 🙂 Ich bin gespannt!