Ein bisschen Glück zum Mitnehmen!

Sonntag Morgen und strahlend blauer Himmel. Das lädt zu guter Laune ein. Nach meiner morgendlichen Kaffeestunde fange ich langsam an, das Frühstück vorzubereiten. Ein wenig aufräumen, das ein oder andere Blümchen gießen, zwischendurch den Hund streicheln … Ich liebe diese frühen Morgenstunden, wenn alle anderen noch schlafen und nur langsam Leben in den Tag kommt. Mein Blick fällt auf einen von mir bemalten Stein, der einen Marienkäfer darstellt. Ich mache noch ein paar verschiedene Dinge, bis mir der Käfer wieder in den Sinn kommt. Mir gehts gut, ich habe beste Laune … Warum sollte ich nicht andere daran teilhaben lassen. Die Idee war da.

Ich hatte noch mehr bemalte Käfer. Diese und ein paar Steine mit Muster holte ich mir, setzte mich an den großen Tisch und schrieb auf einen Karton: „Ein bisschen Glück zum Mitnehmen!“ und weiter unten „Schönen Sonntag!“. Dann ging ich vor das Haus. Wir haben eine Steinmauer mit geradem Abschluss. Dort legte ich auf einen Pfeiler den Karton und platzierte alle Steine darauf. 10 Käfer und sechs Steine mit Muster. Dann ging ich wieder rein. An unserem Haus kommen recht viele Menschen vorbei, ganz besonders sonntags, wenn die Angehörigen im Krankenhaus besucht werden oder der Park lockt. Etwas später machte ich noch schnell ein Foto. Da waren drei Käfer weg. Zuweilen schaute ich immer mal wieder neugierig aus dem Fenster. Dann vergas ich es und wir erlebten einen sehr schönen und entspannten Sonntag.

Am nächsten Morgen lagen noch drei Mustersteine dort. Die holte ich rein. Es war ja nicht mehr Sonntag. Am Abend erzählte ich meinem Mann davon. Der gestand mir, dass er morgens auf dem Weg zur Arbeit die drei letzten Käfer mitgenommen hatte. Die bekamen drei seiner Kolleginnen, die sich sehr freuten. Sie hatten ihren Sinn erfüllt. Die drei Mustersteine wanderten wieder zu den anderen bemalten Sachen. Die Aktion hatte mir Spaß gemacht und der Alltag holte mich ein.

Hin und wieder dachte ich noch darüber nach. Aus welchem Gefühl heraus ich es gemacht hatte. Was es mir persönlich gebracht hat. Wo die Steine wohl gelandet waren. Haben die Leute, die sie mitgenommen haben, selber behalten, oder haben sie die Steine weiter verschenkt? Es gibt verschiedene Aktionen und Gruppen in Facebook. Die rufen dazu auf, Steine zu bemalen, mit dem Gruppennamen zu versehen und sie irgendwo in der Umgebung auszuwildern. Werden sie gefunden, sollen die Finder ein Foto in entsprechende Gruppe posten. Diese Facebook-Gruppen heißen beispielsweise Elbstones, Spreestones, BrandenburgSteine oder Bunte Steine – Around the world. Auf diese Weise ist sicherlich schon oft gelungen, den Steine-Malern und Steine-Findern eine große Freude zu machen. Kontakte sind entstanden und durch Berichterstattungen in den Medien sicherlich auch viele Mitmacher. Und im Kern geht es immer wieder nur darum, jemanden eine kleine Freude zu machen. Gefällt mir!

Etwa drei Wochen später klingelt es an unserer Haustür. Vor dem Haus stand eine junge Frau mit Kinderwagen. Sie erzählte, dass sie kürzlich sonntags mit ihrem Mann an unserem Haus vorbei spaziert wäre. Sie hätten die Steine gesehen und einen Käfer mitgenommen. Glück konnten sie gerade gebrauchen. Am nächsten Tag kam ein Brief, auf den sie schon gewartet hatten. Ihr Mann hatte sich um eine Doktorstelle in der Schweiz beworben. Sie wollten mit ihrem acht Monate alten Kind gerne aus der Stadt raus. Mit dem Brief bekamen sie die Zusage zu der neuen Arbeitsstelle und waren nun voller Pläne bezüglich ihres künftigen Lebens in der Schweiz. Sie sagte, mein Glücksstein hätte sofort gewirkt, schenkte mir eine Tafel Schokolade und bedankte sich sehr herzlich. Der Stein würde natürlich mit umziehen. Wir unterhielten uns noch eine Weile und sie ging weiter ihrer Wege. Ich wünsche dieser Familie eine wunderbare Zukunft in der Schweiz.

Ob es jetzt mein Käfer-Stein war oder einfach nur der Lauf der Dinge, mag jeder für sich selbst entscheiden. Ich selber habe mich unheimlich darüber gefreut, dass die junge Frau sich extra noch einmal auf den Weg zu mir gemacht hat. Dies ist ein prima Beispiel, dass man mit kleinen Sachen viel Freude schenken kann und selber durch ein gutes Gefühl diese Freude direkt zurückbekommt.

Auf jeden Fall waren die Käfer- und Mustersteinchen sicherlich ein Karma-Pünktchen wert.

Lasst euch was Gutes einfallen – Muttertag 2021

1995 saß ich an einem Sonntagmorgen in unserer Küche mit meinem 10 Tage alten Kind auf dem Schoß. Mein Mann kam in den Raum und streckte mir mit einem strahlenden Lächeln eine rote Rose entgegen. Meine spontane Reaktion darauf war die Frage: „Was hast du denn jetzt angestellt?“ Das war mein erster Muttertag, was mir noch nicht wirklich klar war. Ihr könnt euch sicherlich vorstellen, dass alle Weiteren immer von dieser Episode begleitet waren. Der Muttertag steht nicht nur bei uns in der Diskussion und wird jedes Jahr erneut und kontrovers besprochen. Ob dafür oder dagegen, ob überhaupt notwendig oder noch zeitgemäß – die Geister spalten sich, wenn die Mütter geehrt werden sollen.

Fest steht, dass es kein Tag ist, den sich der Floristikverband ausgedacht hat. Römer und Griechen ehrten die Mütter. Die Engländer gingen im 13. Jahrhundert am Mothering Day in die (Mutter) Kirche. Napoleon wollte einen Muttertag einführen, dem aber ein kleines Waterloo dazwischen kam. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde der Tag mit dem Mothers Friendships Day und der Mütter-Friedenstag-Initiative in Amerika und England aufgegriffen. Als eigentliche Begründerin des heutigen Muttertags gilt Anna Jarvis, die in Philadelphia am 9. Mai 1907 ihre Mutter ehrte. Erst 1922/23 wurde der Muttertag durch den Verband Deutscher Blumengeschäftsinhaber mit Plakaten „Ehret die Mutter“ in den Schaufenstern etabliert. Die Nationalsozialisten missbrauchten den Tag seit 1934 als „Gedenk- und Ehrentag der deutschen Mütter“. Frauen, die viele Kinder zur Welt brachten und nur für ihre Familie da waren, galten für sie als Idealbild der Mutter. Für acht Kinder wurde ihnen das Mutterkreuz verliehen. Im geteilten Deutschland wurde auch geteilt geehrt. Im Osten am 8. März, dem Frauentag, der nichts mit dem Muttertag gemein hat. Im Westen am 2. Sonntag im Mai, allerdings nicht als offizieller Feiertag. Das Argument, dass es ein rein kommerzieller Ehrentag ist, fällt also weg. Er hat durchaus Geschichte vorzuweisen.

„Der Muttertag ist unnötig, weil man Mütter jeden Tag schätzen sollte. Das kann ich an 365 Tagen tun.“ Schon mal gehört? Ganz bestimmt. Aber liebe Männer, Söhne und Töchter, das tut ihr nicht. Es gibt sicherlich die rühmlichen Ausnahmen unter den Partnern und Abkömmlingen. Bei den meisten geht diese Wertschätzung fast garantiert im Alltag unter. Zu selbstverständlich ist immer noch die Rollenverteilung der Mütter als unter anderem Kinderkümmerin, Köchin, Einkaufslieferantin, Reinigungskraft, Haushaltsorganisatorin, Familienmanagerin, Freizeitcoach, Frustabladestelle und ganz nebenher 2. Gehaltsverdienerin. Während die Rolle der Väter in den letzten Jahrzehnten enorm aufgewertet wurde, hängt die tatsächliche Gleichstellung der Mütter noch immer hinterher – in der Aufgabenverteilung zu Hause, bei den Kariere-Chancen im Job und natürlich beim lieben Geld. Also, warum sollte man nicht den Muttertag als Anlass nehmen, um die Wertschätzung der Leistung der Mütter wenigstens einmal im Jahr zum Thema zu machen?

Nicht zuletzt müssten zudem veränderte Rollenbilder und Diversitätsbestrebungen bedacht werden. Haben Mütter allein überhaupt noch die zentrale Aufgabe in der Familienführung? Alleinerziehende Väter sind nicht mehr die Ausnahme und viele nehmen die Rolle des Hausmanns ein, in dem sie ihrer Partnerin das Geldverdienen überlassen. Regenbogenfamilien sind eine weitere Familienform, die die Mutter nicht unbedingt an den Herd stellen und das Monopol der Familienführung zuschreiben.

Die Bedeutung der Mütter hat sich nicht zuletzt in der Pandemie gezeigt. Im Lockdown bekamen die sie zusätzliche Jobs als Krisenmanagerin, Freizeittherapeutinnen und Lehrerinnen. Unter meist extrem hohen Belastungen, nicht zuletzt wegen finanzieller Sorgen, räumlich an den Belastungsgrenzen oder Sorgen um die schulische Laufbahn der Kinder. Quarantäne in einer Wohnung ohne Balkon mit drei Kindern mag sich niemand gerne vorstellen. Viele Mütter haben ihre Grenzen kennengelernt und brauchen Hilfe. Da nutzt kein Blumenstrauß an einem Sonntag im Mai. Wurde das Homeoffice zur Beginn der Pandemie als eine Möglichkeit begrüßt, Kindererziehung und Job unter einen Hut zu bekommen, müsste es nach einem Jahr nun wirklich jedem klar sein, dass es auf Dauer kaum zu leisten ist. Mütter sind an der Belastungsgrenze, desillusioniert und fühlen sich von Politik und Gesellschaft allein gelassen.

Bestrebungen, Mütter zu unterstützen, sind sicherlich da, aber nicht vollumfänglich wirksam. Es gibt Hilfesysteme oder Beratungsstellen, nur kann man die im Lockdown schwer erreichen. Solange in diesem reichen Land das Attribut „alleinerziehende Mutter“ als sichere Garantie für Verarmung gilt, liegt etwas sehr im argen. Es fehlt an Respekt gegenüber der Erziehungsleistung, an Unterstützung Alleinerziehender auf dem Arbeitsmarkt und im Steuerrecht. Finanzielle Grundsicherung für Familien und voller Lohnausgleich bei Krankheit und Betreuungspflichten ist nicht gegeben. Massive Verbesserung der Qualität in der Kinderbetreuung in Kita und Schule, längere und flexiblere Betreuungszeiten, Betreuungsangebote der Kinder in der Freizeit, Flexibilität in den Arbeitszeiten und vieles mehr fehlt.

Dem Muttertag kann man also durchaus einen großen Stellenwert zuschreiben. Allerdings sollte er eher Gedenk-, Aktions- und Diskussionstag werden. Der Blumenstrauß an einem Tag nutzt keiner Mutter, die die anderen 364 Tage nicht weiß, wie sie funktionieren soll. Statt zu debattieren, ob wir einen Muttertag brauchen, sollten wir besser darüber reden, bestehende Strukturen ändern, die letztlich der ganzen Gesellschaft nutzen. Statt also zu schauen, welcher Blumenladen geöffnet hat, fragt lieber mal, was ihr tun könnt, um zu helfen und zu unterstützen. Lasst euch was Gutes einfallen. Am Muttertag und an allen Tagen danach!

im Visier der AFD

„Es ist eine Entwicklung, die uns besorgt machen muss. Deutschlandweit zieht die AFD gegen freie Träger und ihr politisch unliebsame Projekte und Initiativen ins Feld und versucht Druck und Verunsicherung bei den Akteuren im Bereich des zivilgesellschaftlichen Engagements aufzubauen.“

… die perfide Strategie dieser Partei macht wütend. Ganz besonders, wenn wir jeden Tag sehen, was für wundervolle Arbeit unsere Kolleg*innen in ihren Projekten und Einrichtungen leisten und mit welchen Hürden sie auch ohne diese sinnlosen Anfeindungen zu kämpfen haben.

Ich bin dankbar ein Teil davon zu sein …

mampels welt

© Alex White – Fotolia.com

Es ist eine Entwicklung, die uns besorgt machen muss. Deutschlandweit zieht die AFD gegen freie Träger und ihr politisch unliebsame Projekte und Initiativen ins Feld und versucht Druck und Verunsicherung bei den Akteuren im Bereich des zivilgesellschaftlichen Engagements aufzubauen. Dafür nutzt und mißbraucht sie gern parlamentarische Instrumente, um Verleumdungen, Gerüchte und (falsche) Anschuldigungen in die Welt zu setzen, die sie dann selbst zum Gegenstand der politischen Debatte hochstilisert.

Das „Berliner Register zur Erfassung rechtsextremer und diskriminierender Vorfälle in Berlin“ fasst diese (bundesweite) Strategie zusammen: „Mit steigender Tendenz stellt die AfD (…..) große und kleine schriftliche Anfragen, in denen sie die Förderung und Ausrichtung freier Träger, Stiftungen, Gewerkschaften und politischer Initiativen hinterfragen. Dahinter steckt eine sehr perfide Strategie: Durch Unterstellungen, falsche Behauptungen (…) soll demokratiefördernde Arbeit diffamiert und generell infrage gestellt werden.“ (Quelle: Alternative für Deutschland (AfD) | Berliner Register (berliner-register.de))

Dieses Vorgehen stellt soziale…

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Was für ein biblisches Alter

Als wäre es gestern gewesen, kann ich mich sehr gut daran erinnern, wie ich etwa 16-jährig über Ältere nachdachte. Meine Mutter, damals 36 Jahre jung, war für mich jenseits eines erreichbaren Alters. So alt zu werden lang außerhalb meiner Vorstellungskraft. Damals. Das einzige Etappenziel, das ich vor Augen hatte, war 18 Jahre alt zu werden, um die Volljährigkeit zu erhalten. Volljährig werden war mir wichtig, da ich ein mit der Welt auf Konfrontation stehender, immer für zu jung gehaltener Teenager war. Tatsächliche Verbesserungen stellten sich mit der Volljährigkeit nicht wirklich ein. Dennoch glaubte ich, mich nun in der Welt der Erwachsenen allen ebenbürtig zu behaupten können. Die Erkenntnis, dass Erwachsen sein nichts mit der Volljährigkeit zu tun hat, traf mich erst später.

Ich wurde 30 Jahre alt, das war ok. Mit 40 Jahren kamen die ersten Gedanken über das Älterwerden. Der 50 zigste war mein entspanntester Geburtstag und nun – uups – bin ich 60 Jahre alt. Auch dieses Wiegenfest tat nicht weh, zumal ich es seit jeher als Energieverschwendung ansehe, mit etwas zu hadern, was ich eh nicht ändern kann. Ein paar Gedanken mache ich mir trotzdem darum:

Mich fasziniert der Perspektivwechsel, den wir mit steigender Lebenszeit unterliegen. Man wird tatsächlich mit dem Alter erfahrener und ändert die Betrachtungsweise in vielerlei Hinsicht. Dazu kommen angepasste Bedürfnisse, Vorlieben und Interessen. Konnte ich mir als 18-jährige nicht vorstellen, einen Abend zu Hause und ohne meine Freunde zu verbringen, bin ich heute froh, wenn ich nicht unbedingt mehr weg muss. Nahezu jeder von uns hat sicherlich als Kind einmal gedacht, die eigenen Kinder ganz anders zu erziehen als die Eltern. Ganz besonders, wenn wir gerade ein entschiedenes Nein erfahren hatten. Sind die eigenen Kinder dann tatsächlich da, sieht die Sache schon anders aus. Man ertappt sich dabei, wie man den Eltern nachträglich recht gibt oder frühere Entscheidungen nachvollziehen kann. Wir haben viele Dinge in der Erziehung unserer Kinder anders als unsere Eltern gemacht. Allein weil sich die Zeit und das Verständnis zur Pädagogik geändert hatte. Wir haben aber auch viele grundlegende Werte übernommen, weil sie sich bewährt und als richtig erwiesen haben.

Immer schon habe ich bewundernd und respektvoll älteren Menschen zugehört. Sie haben in Zeiten gelebt, die ich nur aus Büchern oder Filmen kennenlernen konnte und kann. Meine Großeltern hatten zwei Weltkriege erlebt und überlebt. Verhältnisse, die wir uns hier überhaupt nicht vorstellen können. Mein Vater hatte immer gesagt, dass er sich nichts mehr wünschte, als dass seine Kinder keinen Krieg erleben müssen. Bisher hat sein Wunsch gehalten. Für viele Kinder in der Welt gilt das nicht. Ich gehöre in eine Generation, deren Großeltern die Kriege erlebten und deren Eltern dort hineingeboren worden sind. Das hat unsere Erziehung bestimmt. Wir sind deren Enkel und hatten das Privileg, ihren Geschichten persönlich zuhören zu dürfen. Meine Mutter kann aus ihren Kindertagen nicht erzählen, ohne den Tränen nahe zu sein. Dieses erzählte Erleben aus der Kriegszeit wird es bald nicht mehr geben. Andere Ereignisse treten in den Vordergrund und bestimmen unsere Geschichten, die den Kindern von Heute mitgegeben werden.

Nun gehöre ich langsam zu denjenigen, die von Früher erzählen können und in der Tat hat sich unser Leben sehr verändert. Die frühen 60er, Kriegsenkel-Generation, ist eine der letzten Generationen, die analog aufgewachsen ist. Wir hatten relativ wenig Spielzeug und im Kinderzimmer nichts, wozu eine Steckdose erforderlich war. Als Jugendliche hatten wir keine Handys. Taschenrechner ab der 10. Klasse waren etwas Besonderes und der ganze Stolz ein eigener Kassettenrekorder und die erste aus dem Radio aufgenommene Musikkassette mit Lieblingsmusik. In der Ausbildung habe ich Bleisatz gelernt, eine Reprokamera per Hand eingestellt, eine Reinzeichnung mit Rapidograf bearbeitet und gezeichnet wurde mit einem Bleistift. Ich weiß, was ein Fadenzähler ist und ein Typometer benutze ich noch heute. Sachen, die mein Schreibprogramm als Fehler oder unbekannte Wörter markiert. Computer eroberten recht schnell in den 90ern unser Leben. Den ersten Privaten kauften mein Mann und ich 1993 als wir zusammen zogen. Das erste Handy bekamen wir 1995. Heute ist beides nicht mehr wegzudenken. Ich bin dankbar, dass ich im Gegensatz zu meinen Kindern analog aufwuchs. Bei ihnen waren diese Geräte von Anfang an dabei, was für mich nicht schlechter, aber eben anders ist. Ihre Selbstverständlichkeit, mit digitalen Programmen, Tools und Inhalten umzugehen, werde ich nicht erreichen. Die Möglichkeiten, die sie haben, waren uns nicht gegeben, allein weil ihre Welt transparenter und kleiner geworden ist.

Der Blick auf einige Gesetze, die in den Jahren geändert wurden, seit dem ich geboren wurde, lohnt ebenfalls. Bis 1977 waren Frauen zur Führung des Haushalts verpflichtet. Der Mann allein konnte bestimmen, ob sie arbeiten gehen durfte oder nicht. 1994 wird der Paragraf 175 abgeschafft, womit Homosexualität nicht mehr strafbar war. Erst seit 1998 wird in Deutschland nicht mehr zwischen ehelichen und nichtehelichen Kindern unterschieden. Seit kurzen 21 Jahren haben Kinder ein Recht auf gewaltfreie Erziehung, sowohl körperlich als auch psychisch. Es ist so unglaublich kurz her, dass diese heutigen Selbstverständlichkeiten beschlossen wurden. Und es ist so unglaublich traurig, wie sehr immer noch um Gleichberechtigung, Kinderschutz, Inklusion, Anerkennung und Respekt allen Geschlechtern gegenüber gekämpft werden muss.

Es ist spannend, das Leben rückwärts zu betrachten und Veränderungen zu beobachten. Manche Jahre und schwierige Entwicklungen hätte ich gerne vermieden, aber genau sie sind sehr prägend gewesen. Und nur alle Jahre zusammen prägen meine heutige Persönlichkeit. Noch einmal Jung sein möchte ich nicht. Natürlich würde ich mich freuen, wenn die Waage etwas anderes anzeigen würde. Den körperlichen Zustand einer 20-Jährigen würde ich mir auch heute gerne gefallen lassen. Alles noch einmal erleben würde mir aber nichts nutzen. Ich würde vieles vielleicht anders handhaben, aber auch neue Fehler machen. Je älter ich werde, desto entspannter empfinde ich mich im Umgang mit vielen Aspekten. Ich MUSS nicht mehr, ich KANN.

Tja, 60 Jahre und lange noch nicht das Ende. Hoffentlich! Eine Erkenntnis, die für einen Teenager unvorstellbar ist. Meine 80-jährige Mutter ist jetzt mein Vorbild. Ich empfände es als Geschenk so fit, so alt zu werden und auch sie hat noch einige Pläne. Der Blick auf das gelebte Leben ist zuweilen sehr schön. Ich liebe Erinnerungen und Gegenstände, die früher für mich eine Rolle spielten. Nun, ich gehöre jetzt zu den Alten – Punkt! Nicht zu ändern, aber auch nicht schlimm. An die Zahl 60 muss ich mich etwas gewöhnen. Bedeutender ist für mich das Jetzt mit meinen Plänen und Zielen, die es zu erfüllen gilt. Humor und Optimismus müssen gepflegt werden und sind wichtig, um gelassen alt zu werden. So ein bisschen mit dem inneren Schweinehund zanken und etwas für die geistige und körperliche Gesundheit tun, ist auch von Vorteil. Ich bin jeden Morgen neugierig auf den bevorstehenden Tag und die Menschen, die mir begegnen werden. Solange ich mir diese Neugierde erhalten kann, werde ich mich um das tatsächlich biblische Alter noch fleißig weiter bemühen.

Geschichten erzählen und Transparenz schaffen

Öffentlichkeitsarbeit im Stadtteilzentrum Steglitz e.V.

Windows 95 kommt auf den Markt, der Krieg in Bosnien wird endlich beendet und Christo verpackt den Reichstag für zwei Wochen … 1995. Währenddessen sitzen ein paar Straßen weiter eine Handvoll Menschen in einem kleinen Büro. Sie wollen anfangen, die Welt zu verändern und gründen einen sozialen Verein. „Dienstleistungen für Menschen in Lankwitz“ bietet der Nachbarschaftsverein Lankwitz auf einem Din A5 Handzettel an, der Geschäftsführer hat seine erste Visitenkarte und eine Internetseite gab es auch sehr bald, das „Nachbarschaftsnetz“ …. http://www.lankwitz.de. Öffentlichkeitsarbeit war von der ersten Stunde dabei.

In den Wochen und Monaten nach der Vereinsgründung war Öffentlichkeitsarbeit, noch weit entfernt davon diesen Namen zu tragen, bittere Notwendigkeit. Der Kiez, die Nachbarn und der Bezirk mussten erst einmal erfahren, dass sich dort ein Verein gründete, der Gutes tun wollte. Die Glasfront des Büros wurde als Informations- + Werbefläche für Handzettel vermietet. Auch eine Nachbarschaftszeitung gab es in diesen frühen Tagen. Erst als Nachbarschaftsbote, der in Din A4 auf dem Kopierer vervielfältigt wurde. Später erschien die Zeitung als „Lankwitzer Zeitung“, die mit einer Auflage von 3000 Stück der Leserschaft wichtige Bezirks- und Vereinsnachrichten erzählen durfte. Auf einem ersten Briefumschlag wurde es konkreter, was man dort erwarten konnte: NachbarschaftsCafé, HandwerkerHilfe, FamilyManagement, Beratung zu Thema Arbeit … Männer- + Frauengruppen, Umweltfahrkartensharing, Internet-Schnupperkurse und vieles, vieles mehr. Entweder war es nach diesem Kuvert gleich ein Riesenverein oder die ersten Mitarbeiter*innen waren äußerst kreative Menschen, vielseitig und ideenvoll. Man neigt zu lächeln, wüssten wir nicht, was 25 Jahre später daraus geworden ist. Nicht genau diese Ideen hatten Bestand, aber weit ist das heutige Angebot nicht davon entfernt.

„Klappern gehört zum Handwerk“ ist ein geflügeltes Wort, dass beherzigt werden musste. Zum einen um bekannt zu werden, Teilnehmer*innen für Angebote, Gruppen und Kurse zu finden und schließlich auch Förderer von der Seriosität des Tuns zu überzeugen. Transparenz schafft Vertrauen, Vertrauen fördert wiederum Kooperationen und mit Kooperationen baut sich ein Netzwerk auf. Zwar gibt es das Internet, aber noch lange sind nicht alle Menschen damit verbunden. Analoge Werbung ist das richtige Mittel um die Jahrtausendwende. Zeitung, Handzettel, Plakate werden gestaltet und verteilt. Programmübersichten erstellt und ausgehängt. Es wird immer mehr, denn der Verein wird größer. Der Projektleiter des Nachbarschaftstreffs Lüdeckestraße macht die Öffentlichkeitsarbeit so nebenbei.

Von Januar bis März 2003 bieten drei Studentinnen der Medienakademie Cimdata ihre zweimonatige unentgeltliche Mitarbeit in Form einer Projektarbeit an. Nach diesen zwei Monaten hat der Verein ein eigenes Logo, eine neue Internetseite, Geschäftspapiere und passen ein neues Programmheft. Manches gab es früher schon, nun aber in einheitlicher modernerer Form. Ab April 2003 wurde die im Jahr vorher eingestellte Stadtteilzeitung wieder neu aufgelegt. Ab nun zweifarbig und in einer Auflage von 10.000 Exemplaren. Es bildete sich mit der Zeit ein Team ehrenamtlicher Redakteur*innen, die je nach Interessen aus dem Bezirk berichteten. Mit dem Wachsen des Vereins wurde die Notwendigkeit, gezieltere Öffentlichkeitsarbeit zu machen, dringlicher. Der Projektleiter, der es nebenher erledigte hatte, suchte neue Aufgaben und orientierte sich um. Ab 2008 gab es eine halbe Stelle, die nur für die Öffentlichkeitsarbeit und die Stadtteilzeitung zuständig war.

Social Media fängt an eine Rolle zu spielen. Zwar ist analoge Werbung noch im Vordergrund, aber es zeichnet sich ab, dass sich das ändern wird. Seit April 2009 wird ein twitter-Account geführt. Ab Dezember 2009 die Facebookseite des Stadtteilzentrums aufgebaut. Die Arbeit wird vielseitiger, weil Werbung analog und digital geführt werden muss. Was für Ältere noch spannendes Neuland ist, wird für die jüngere Generation normaler Bestandteil des Alltags. Längst sind Lexika in den Regalen verstaubt und das Internet die erste Informationsquelle geworden. Ganz besonders geprägt sind die Jahre um 2010 bis 2015 von einer relativ allgegenwärtigen Diskussion über die Etikette der Handynutzung. Auch die Arbeit innerhalb des Stadtteilzentrums ändert sich. Durch die Notwendigkeit der E-Mail-Flut Herr zu werden, wird ein Firmenaccount im internen Netzwerk Yammer eingerichtet. Ähnlich wie Facebook wird seither in Yammer informiert, berichtet, verabredet und abgesprochen. Die Digitalisierung von Dokumenten wird immer öfter Gesprächsthema.

2016 wird die Stadtteilzeitung Steglitz-Zehlendorf eingestellt. Als neues Format erscheint das Magazin „Im Mittelpunkt“. Dadurch wird es möglich, sich besser Themen aus der sozialen Arbeit zu nähern. Jedes Magazin hat ein Hauptthema, das aus verschiedensten Blickwinkeln betrachtet wird. Und auch das Magazin wird der digitalen Welt gerecht. Zur gedruckten Auflage wird ein eBook erstellt, dass das Lesen am Bildschirm möglich macht. Im gleichen Jahr übernimmt der Verein die StadtrandNachrichten, eine Onlinezeitung, die über alles berichtet, was für den Süden Berlins wichtig erscheint.

Neue Formate kommen digital hinzu, alte werden eingestellt. Es wird viel ausprobiert und versucht. Manche haben Bestand, andere wiederum passen nicht oder müssen der Zielgruppe angepasst werden. Instagram kommt als beständiger Kanal hinzu, Handzettel werden immer weniger, Plakate gibt es kaum noch. Die Werbewelt verändert sich – ständig. Große Veränderungen gab es 2020 durch die Pandemie. Nicht nur in der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit wurden Social Mediakanäle bespielt, auch die Einrichtungen bedienen passende Tools. Videokonferenzen gehören zum Alltag, beispielsweise bei Beratungen oder Runden Tischen und anderem.

Die Form der Öffentlichkeitsarbeit spielt im Grunde genommen keine Rolle. Der Kern des Anliegens ist heute der gleiche wie 1995, als das Stadtteilzentrum anfing zu arbeiten. Was damals nebenher erledigt wurde, bearbeiten heute drei Mitarbeiter*innen. Sie erzählen, was 240 Mitarbeiter*innen jeden Tag Gutes tun. Sie berichten den Menschen im Bezirk, was sie vom Stadtteilzentrum erwarten können, sie erzählen Geschichten, was in den Einrichtungen passiert und sie machen transparent, für welche Ziele und Visionen der Verein einsteht. Fördernde, wie  z.B.  Bezirks- und Landesverwaltungen,  aber auch private Spender*innen können jederzeit sehen, dass bereitgestellte Fördermittel für gute Arbeit und den von ihnen bestimmten Zweck eingesetzt werden. Es geht nicht nur um einen netten Einblick. Es geht um Vertrauen, das es braucht, um eben jeden Tag ein bisschen etwas für eine bessere Welt zu tun. Die Öffentlichkeitsarbeit ist dabei …

Ein Beitrag aus der Festschrift des Stadtteilzentrum Steglitz e.V., ein gemeinnütziger Verein für Soziale Arbeit, der sich seit 1995 im Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf engagiert.

Als eBook oder interaktives Pdf zum Herunterladen:
www.stadtteilzentrum-steglitz.de/ebook/25.Jahre.SzS.Festschrift.epub 
www.stadtteilzentrum-steglitz.de/ebook/25.Jahre.SzS.Festschrift.pdf

Lockdown – macht was draus!

Morgendliche Bad-Routine. Ich schaue in den Spiegel und stelle fest, dass es so weit ist. Die Haare um die Ohren fangen an, sich zu kräuseln. Der Friseurbesuch würde anstehen, wäre da nicht so ein hinderlicher Lockdown. Ich probiere es mit einem Mittelscheitel und werde es noch eine Weile aushalten müssen. Wie sehr ich langhaarige Frauen in dieser Zeit beneide. Beim Anziehen greife ich zur festen Jeanshose, weil ich meine Jogginghose, wer hätte das je gedacht, im Moment nicht mehr sehen kann. Ich ziehe mich an, schminke mich, suche Ohrringe aus und trage mein Parfüm auf. Dann bin ich fertig gestylt für den Hundespaziergang. Wieder zu Hause, sitze ich nach dem Frühstück, pünktlichst zum Arbeitsbeginn vor meinem Computer. Das Homeoffice beginnt.

Zu Hause arbeite ich grundsätzlich gerne und bin es aus früheren Zeiten gewöhnt. Kein nerviger Anfahrtsweg. Ich bin konzentrierter bei der Sache und erledige mangels Ablenkung mehr Aufgaben als im Büro. Mit pünktlichem Beginn erhebe ich mich bis zum offiziellen Arbeitsende wenig von meinem Stuhl. Nur steht der Computer zurzeit im Wohnzimmer, weil der neue Welpe nicht in mein Dachzimmer kommt. So ist der Rechner allgegenwärtig und oft finde ich nicht das Ende oder Abstand vom Office. Meine Hemmschwelle, schnell mal zu einem Videogespräch anzurufen, ist dazu enorm gesunken. Es ist ein neuer Arbeitsalltag, die Kolleg*innen in quadratischen Bildern zu sehen. Die Arbeit selbst hat sich verändert. Wir denken alles in „Digital“. So richtig Spaß machen mir diese Rahmenbedingungen allerdings nicht mehr wirklich. Je länger das Homeoffice dauert, desto strengere Routine brauche ich für mich. Dazu kommt, dass ich ganz besonders eben das vermisse, was mich hier nicht ablenkt: die kleinen zwischenmenschlichen Gespräche in der Kaffeeküche oder beim Postausgangsstempel.

Was gibt es sonst noch zu klagen? Wir sind abgesichert. Haben keine kleinen Kinder mehr hier, außer dem Hundebaby, der kein Homeschooling braucht. Wir haben Platz, uns aus dem Weg zu gehen oder eben auch nicht. Wir sind gesund. Wir haben Ablenkung, Hobbys und genug zu tun. Wir haben eigentlich keine Probleme. Außer zu lange Haare vielleicht. Klagen auf extrem hohen Niveau. Ich gehe fast nie Shoppen und würde gerade jetzt so gerne mal durch die Geschäfte ziehen. Ich meide Menschenmassen und wünsche mich nun in ein Straßencafé, um Leute zu beobachten. Ich vermisse geistigen Input in Form von Ortswechseln, Ausstellungen oder Städtereisen. Mir fehlt der Streit mit meinem inneren Schweinehund beim Kiesertraining. Ich vermisse das Leben, das außerhalb meiner geliebten vier Wände stattfindet – normalerweise.

Ich habe im Vergleich zu anderen nichts zu klagen. Trotzdem bin ich extrem genervt, dünnhäutig und jeden Abend heilfroh, keinen meiner lieben Mitmenschen bis in die Steinzeit beleidigt zu haben. Ich bin nicht glücklich und erlebe das sehr bewusst. Es macht mir große Sorge, was in der Welt passiert und ich schaue skeptisch in die Zukunft. Dabei erkenne ich mich selbst manchmal nicht mehr, besonders, wenn ich mir selber suggeriere „Bloß nicht depressiv werden!“. Ich behaupte immer Optimist zu sein und muss eben diesen nun recht oft suchen. Und alles zusammen nervt mich am meisten, wenn ich das eigene Selbstmitleid pflege. Die Lösung eines Problems beginnt, indem man das Problem erkennt. Ein Satz, der mich seit sehr vielen Jahren erfolgreich begleitet. Auch diesmal erkenne ich mein Problem, nur finde die Perspektive und Lösung nicht. Auf den Frühling oder den Sommer freuen reicht mir nicht mehr. Worauf dann, wenn nichts planbar ist oder alles im „Vielleicht“ schwebt?

Ich kann gut mit Dingen umgehen, die klar und verständlich kommuniziert werden. Ich würde es begrüßen, wenn der Lockdown gleich bis April festgeschrieben und bundeseinheitlich wäre. Dann könnten alle Protagonisten aufhören zu überlegen, welches Bundesland sich welche Ausnahme leisten kann. Wer den geschicktesten Wahlkampf macht, die beste Figur zeigt oder die schwärzesten Prognosen liefern kann. Vielleicht wäre dann Zeit zu überlegen, wie man den Menschen selber helfen kann.

Politiker oder Entscheidungsträger möchte ich in diesem Zeitraum beim besten Willen nicht sein. Noch nie musste eine Pandemie bewältigt werden. Aber das Hin und Her, ein bisschen Öffnung oder doch lieber nicht, die vielen „vielleicht“ und „eventuells“ machen die Menschen mürbe, ratlos und aggressiv. Versagen und Fehler werden schnell offenbar. Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit macht sich breit. Wie können Novemberhilfen im Februar nicht ausgezahlt sein. Warum ist es immer noch nicht möglich, allen Schulkindern digitale Bildung zu ermöglichen. Wie kann man über ein Jahr den Menschen Sport- und Bewegungsmöglichkeiten nehmen, ohne auf sinnvolle Konzepte der Sporttreibenden zu hören. Warum sind Museen geschlossen. Restaurant, die sich sehr gute Hygiene-Konzepte erdacht hatten, zu? Warum müssen Kinder- und Jugendhäuser schließen, wenn sie handfeste Hygiene- und Beschäftigungskonzepte haben. Es gäbe so viel mehr aufzuzählen und zu Recht fühlen sich Pflegekräfte und Arbeitnehmer*innen aus sozialen und medizinischen Berufen alleine gelassen. Der Mensch ist ein soziales Wesen und nicht für die Isolation geeignet. Also müssen Konzepte erdacht werden, die den Virus isolieren, aber nicht die Menschen.

Welcher Wert welchen Level erreicht hat, kommt nicht mehr in meinem Bewusstsein an. Ich würde gerne täglich wahrnehmen, wo wem geholfen wurde. Was unter welchen Bedingungen wieder eingerichtet werden kann oder welche Möglichkeiten der Begegnung möglich sind – ganz besonders für ältere Leute. Die Negativstimmung der Politik und der Medien selber macht mich und sicher viele andere krank.

Ich kann mir den Frust „von der Seele schreiben“. Viele andere könne das nicht. Ich würde mir sehr wünschen, dass wieder auf die Menschen und nicht auf die Zahlen geachtet wird. Ich bin dankbar für jeden Tag, an dem alle um mich herum gesund sind und trage dafür den Lockdown mit allen Einschränkungen gerne mit. Trotzdem möchte ich den Damen und Herren der Politik und Verwaltung ein Zitat von Max Frisch ans Herz legen:

„Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihm nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.“

In diesem Sinne – macht endlich was draus!

Kinderschutz ist machbar …

Trubel im Eingangsraum der Kita. Eltern bringen ihre Kinder, hängen die Jacken an die Haken, ziehen ihnen die Hausschuhe an und verabschieden sich. Die Kleinen verschwinden in die Gruppenräume und ganz langsam kehrt Ruhe ein. Die Frühstücksrunden beginnen. In einem Gruppenraum bemerkt die Erzieherin, dass eins der Kinder eine Rötung unter dem rechten Auge hat. Sie denkt kurz darüber nach, ob es in der letzten Woche nicht das linke Auge mit einer Rötung war. Dann wird sie abgelenkt und vergisst es erst einmal wieder. Später am Nachmittag hatte die Gruppe mit Kleister gebastelt. Die Erzieherin geht mit dem Kind zum Waschbecken, um die Hände zu waschen. Sie schiebt den Ärmel hoch und bemerkt dabei einen blauen Fleck am Ellbogen. Jetzt kann sie ihre Verwunderung kaum mehr unterdrücken. Die Eltern holen das Kind ab, ohne dass die Erzieherin das Gespräch sucht. Sie ist unsicher, was sie tun soll, und spricht ihre Kitaleitung an. Spätestens an diesem Punkt muss der Kinderschutz ansetzen. Doch wie fängt man es besonnen und tatsächlich zum Schutz des Kindes an? Die Erzieherin braucht hier Unterstützung und Beratung, um vorerst eigenes Verhalten und Gefühle zu reflektieren. Sind ihre Eindrücke korrekt oder übertrieben? Wie handelt sie hier richtig? Ein behutsames Gespräch mit den Eltern suchen? Das Jugendamt informieren? Fakt ist: Das Thema muss auf den Tisch.

Nur – wie sprechen wir über etwas, das es eigentlich in unserer Vorstellung, unseren Köpfen und der Gesellschaft nicht geben darf? Erziehung und Pädagogik hat sich ganz besonders seit den 1960er-Jahren stark verändert, auch wenn Körperstrafen erst im Jahr 2000 gesetzlich in Deutschland verboten wurden. Kinderschutz ist jedoch weit mehr als der Schutz vor Schlägen. Das Kind per se wurde zur eigenständigen Persönlichkeit, dass ein gesetzliches Recht auf körperliche und geistige Unversehrtheit hat. Die erzieherische Aufgabe sowie gesunde körperliche und geistige Entwicklung liegen elementar in der Hand der Eltern. Deren Schutz ist vordringliche Aufgabe von Staat und Gesellschaft geworden. Kinderschutz unterliegt einem gesetzlichen Auftrag, an den durch das Bundeskinderschutzgesetz (2012) alle – Eltern, Jugendämter, Lehrer*innen, Pädagogik*innen, Erzieher*innen, Ärzteschaft und alle verbundenen Akteure – gebunden sind. Und trotz aller gesetzlicher Regelung ist die Dunkelziffer von Kinderschutzfällen ungeahnt hoch. Unter normalen Umständen fällt es schwer, eine Vorstellung zu entwickeln, was erwachsene Menschen Kindern antun können. Doch gerade die Pandemie seit März 2020 lässt das tatsächliche Ausmaß an Kinderschutzverletzungen nur erahnen. Kindeswohl ist stark gefährdet – bei uns, unter uns und nebenan. Darüber muss geredet werden.

Das Stadtteilzentrum Steglitz e.V. hat die Notwendigkeit der Arbeit in Richtung Kinderschutz sehr früh erkannt. Seit 2013 angestellt, wird Birgit Kiecke ab 2015 als Kinderschutzfachkraft beschäftigt. Später kommt eine Weiterbildung als „insoweit erfahrene Fachkraft nach § 8a SGB VIII“ hinzu, die Frau Kiecke seit 2019 mit einer vollen Stelle ausschöpft. Als anerkannter Jugendhilfeträger betreibt das Stadtteilzentrum neben Nachbarschaftseinrichtungen auch im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe zahlreiche Einrichtungen: Kindertagesstätten, Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtungen, einen Familienstützpunkt sowie Schulkooperationen. Dabei beziehen wir intergenerative, inklusive und sozialraumorientierte Ansätze in unsere tägliche Arbeit ein und vertreten diese Werte dialogisch nach außen. Zurzeit besuchen 861 Kinder unsere Kita- und Horteinrichtungen. Hinzu kommen die Kinder und Jugendlichen, die unsere offenen Einrichtungen in der Freizeit nutzen. Alle diese Kinder und Jugendlichen gilt es zu schützen und ihnen einen Raum zu schaffen, der ihnen altersentsprechende Förderung und Entwicklung garantiert. Um diesen Schutz erfolgreich gewährleisten zu können, müssen wir bei unserer täglichen Arbeit und unseren Mitarbeiter*innen ansetzen.

Die Inhalte ihrer Arbeit zieht Birgit Kiecke aus den Bedarfen der Mitarbeiter*innen, die an sie herangetragen werden. Ein wichtiges Element ist die kollegiale Fallberatung. 4 bis 7 Kolleg*innen kommen dabei zusammen. Ein Fall wird vorgestellt und jede*r Anwesende beschreibt, was er oder sie tun würde. Dabei muss berücksichtigt werden, dass alle Beteiligten ihre eigene Geschichte, Haltung und erlernte Verhaltensweisen mitbringt. Jedes Team unterliegt einer eigenen Dynamik, unter deren Aspekt so ein Fallbeispiel beraten wird. Wie kann, darf oder muss gehandelt werden. Viele Fallbeispiele werden mit einer persönlichen Reflexion begonnen. Birgit Kiecke hilft die Erinnerungen und Eindrücke des Falles zu sortieren und gibt dem ganzen Struktur. Die Emotionen werden auf eine sachliche Ebene gebracht, bevor alles weitere in einer Supervision im Team besprochen wird. Unsicherheiten, Vorbehalte und Vorurteile müssen minimiert werden, um eine zielgerichtete und helfende Handlung im Sinne des Kinderschutzes möglich zu machen.

Neben den Fallbesprechungen obliegt Birgit Kiecke die Bearbeitung des Trägerschutzkonzeptes, das einrichtungsübergreifende Geltung im Stadtteilzentrum hat. Zusätzlich dazu gibt es einrichtungsbezogene Konzepte und Risikoanalysen. Dazu sagt Birgit Kiecke, dass es um die Auseinandersetzung mit der Sache und den Prozess geht, nicht um die fertigen Schriften. Es gibt keinen Kinderschutz 2. Wahl und muss deshalb permanent besprochen, beobachtet und bearbeitet werden. Doch trotz aller Handlungskonzepte ist die Hemmschwelle, darüber zu reden, oft groß. Was tun, wenn man übergriffiges Verhalten bei Kolleg*innen beobachtet? Was, wenn Kolleg*innen aus Kooperationen nicht die gleichen Wertvorstellungen teilen? Wie handelt man richtig, wenn im Bezug auf Kinderschutz unterschiedliche kulturelle Hintergründe aufeinandertreffen?

Besonders die persönliche, auf Wunsch auf anonyme, Beratung der Kolleg*innen ist ein sehr wichtiges Element in der Arbeit der Kinderschutz-Beauftragten. Allein das Wissen, dass sie erreichbar ist, hilft und gibt Sicherheit im Alltag. Auch die Präsenz durch interne Seminare mit Themen wie „Elterngespräche, auch im schwierigen Kontext sicher führen“, „Frühe Bindung und Umgang mit herausforderndem Verhalten im päd. Alltag“ oder „trans*Identität“ stärkt die Teams. Auch diese Seminarthemen ergeben sich aus der Arbeit der Kolleg*innen und den jeweiligen Erfordernissen.

Der Kinderschutz an sich hatte schon immer eine sehr hohe Priorität innerhalb des Trägers und ist aus der täglichen Arbeit nicht wegzudenken. Durch die volle Stelle der Kinderschutzfachkraft und „insoweit erfahrene Fachkraft nach § 8a SGB VIII“ ist eine nachhaltige und zielgerichtete Bearbeitung möglich geworden. Die Vernetzung des Kinderschutzes mit allen anderen Arbeitsbereichen des Trägers ist eng gesetzt. Es gibt Handlungskonzepte und es gibt vor allem jemanden, den man fragen kann. Birgit Kiecke schätzt dabei ganz besonders 30 Jahre Berufserfahrung, auf die sie zurückgreifen und so jüngeren Kolleg*innen die Ruhe und Sicherheit geben kann, die oft notwendig sind, um richtige Schritte zu tun. Das oben beschriebene Kitakind bekam nach einem einvernehmlichen Gespräch mit den Eltern und einer ärztlichen Untersuchung eine erste Brille verschrieben. Kinderschutz in allen Facetten ist machbar – wenn man hinschaut, bespricht, hinterfragt und immer wieder sensibilisiert.

Ein Beitrag aus der Festschrift des Stadtteilzentrum Steglitz e.V., ein gemeinnütziger Verein für Soziale Arbeit, der sich seit 1995 im Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf engagiert.

Als eBook oder interaktives Pdf zum Herunterladen:
www.stadtteilzentrum-steglitz.de/ebook/25.Jahre.SzS.Festschrift.epub 
www.stadtteilzentrum-steglitz.de/ebook/25.Jahre.SzS.Festschrift.pdf

Oma Liselotte, ihre Tiere und der Abschied

Oma Liselotte liebte Tiere. Wenn ich mich richtig erinnere, hatte sie das allererste Mal, als ich sie kennenlernte, ein Meerschweinchen im Arm und unterhielt sich mit ihm. Ja, mit Meerschweinchen kann man sich, wenn man sie mit viel Liebe hält, unterhalten. Nicht wie wir, aber sie reagieren auf die Worte ihres Menschen. Wenn die Oma telefonierte, hatten die Meerschweinchen in ihrem Arm ein Wörtchen mitzureden. Mit Tieren konnte sie immer gut reden und die Tiere verstanden sie.

Oma Liselotte hatte mehrere Meerschweinchen, deren Verweildauer auf der Erde nicht sehr lang ist. Angefangen hatte das einmal mit ihrer Mülltonne. Als sie von der Arbeit kam, hatte ein böser Mensch neugeborene Meerschweinchen in ihre Mülltonne vor dem Haus gelegt. Vielleicht wusste dieser Mensch, dass er den Meerschweinchen damit den Himmel auf Erden bereitete, bevor sie irgendwann in den richtigen Meerschweinchenhimmel kommen würden. Sie wurden auf das Beste versorgt. Es kam ein riesengroßer Meerschweinchen-Käfig ins Haus, der mit Zeitung und Heu ausgelegt wurde. Dazu gab es frischen Salat, Obst und Gemüse und davon so viel, dass diese Meerschweinchen nie einen Wassertopf brauchten. Wenn Liselotte abends von der Arbeit nach Hause kam, trank sie erst einmal eine Tasse Tee mit dem Meerschweinchen im Arm. Das wurde später in eine Decke eingewickelt, auf dem Sofa abgelegt. Dann wurde der komplette Käfig auseinandergenommen. Das alte Heu in die Zeitung eingewickelt und alles wieder neu ausgelegt, mit dem Abendessen. Schließlich durfte das glückliche Meerschweinchen speisen. Wilma, Fridolin, Flitzeline und wie sie alle hießen, wurden auf diese Weise älter als die meisten Meerschweinchen. Beendet wurde die Meerschweinchen-Ära erst, als Oma Liselotte aufs Land umzog und ein Greifvogel ihr letztes Meerschweinchen im Flug aus dem Käfig holte. Danach erinnerte nur noch der verwaiste Käfig hinten im Schuppen hin und wieder an diese Ära.

Zeitgleich mit den Meerschweinchen durften sich alle Igel aus der Nachbarschaft über Oma Liselottes Zuwendung freuen. Es war ein abendliches Ritual, die Enkeltochter in eine Decke eingewickelt auf die oberste Stufe der Terrasse zu setzen. So konnten Oma und Kind die Futterstelle beobachten, die mit zunehmender Dämmerung von mehreren Igeln besucht wurde. Oma und Kind unterhielten sich flüsternd dabei, solange bis die Igel satt und verschwunden waren und das Kind ins Bett gebracht wurde.

Nach der Beendigung des Arbeitslebens zog meine Schwiegermutter aufs Land. Dort gab es viel zu tun, zumal ihr Haus gleich an den See grenzte. Eine Schar Enten hatte sehr schnell entdeckt, dass in den frühen Abendstunden Futter vor Liselottes Haus für sie lag. Trotz dessen, dass es Wildtiere waren, kamen sie mit der Zeit immer näher und sogar in den kommenden Jahren zurück. Liselotte stellte Futter für sie bereit, wofür sie stundenlang gesammeltes Brot in gut zu verdauende Würfel schnitt. Natürlich dachte sie nicht nur an die Wasservögel. Zwischen Haus und Schuppen stand ein großes Vogelhaus. Es machte ihr viel Freude, bei einer Tasse Tee zu beobachten, wie die Vögel der Rangfolge nach ihr Futter holten.

Zu den Wasser- und Flugvögeln kam später ein Hund ins Haus. Was für ein Hund Cäsar war, ist schwer zu sagen. Der Körper erinnerte an einen schwarzen Langhaardackel mit dem Kopf eines Pekinesen. Cäsar war ein Kettenhund. Seine Besitzer fanden es zeitweise sehr spaßig, den Fressnapf des Hundes gerade so weit wegzustellen, dass der Hund nicht dran kam. Auch ein Wassernapf fehlte oft in praller Sonne. Wenn der Hund schließlich fressen durfte, verteidigte er sein Futter, als wäre er ein Mastiff. Eines Tages wurde es Oma Liselotte zu viel, sie löste die Hundekette und nahm Cäsar mit nach Hause. Ja, der Besitzer versuchte später sein Tier zurückzuholen. Cäsar blieb und dem früheren Besitzer die Ansage der Oma sicherlich bis heute im Gedächtnis. Die Oma und die jüngste Enkeltochter liebten diesen Hund, der ganz besonders beim Fressen einfach eine sympathische Macke hatte. Als Liselotte uns einmal mit ihm in Berlin besuchte, beschloss Cäsar, sich die große Stadt alleine anzuschauen. Irgendwer hatte die Haustür offengelassen, was das Tier gleich nutzte. Eine Nachbarin konnte noch die Richtung seines Abgangs beschreiben, aber Oma Liselotte glaubte an den sicheren Unfalltod ihres Tieres. Als ich nach Hause kam und die Geschichte hörte, bat ich die Kinder mitzukommen. Auf Omas Frage, wohin ich denn wolle, sagte ich: „Na, zur Polizei!“ und trotz Gezeter ging sie mit. Auf der Polizeiwache erklärten wir dem Beamten unser Problem. Der sagte zu den Kindern: „Kommt mal mit“ und hob eins der Kinder zu dem Fenster einer Gefängniszelle. „Ja, das ist er!“ hörten wir und schon wurde Cäsar aus dem Knast entlassen. Später ereilte ihn leider doch der Unfalltod, aber nicht in der Stadt.

„Oma ohne Hund“ ging nicht. Sie brauchte ein Tier, um durch die Nachbarschaft zu laufen und zum Reden. Und zu unserer Beruhigung, dass sie in ihrem Haus am Waldrand nicht alleine ist. Wir fuhren mit ihr zum Tierheim in Neustrelitz. Käfig für Käfig kamen wir an erschütternden tierischen Gestalten vorbei. Die Pflegerin erklärte immer wieder „Nicht vermittelbar!“. Dann kam doch ein Gehege mit einem Insassen, der freudig wedelnd und japsend erklärte „Nehmt mich mit, nehmt mich mit!“ Wir machten mit dem kleinen Bordercolli-Schäferhund-Mix einen Probespaziergang und beobachteten ihn genau. Cäsar hatte jeden Fahrradfahrer, der am Haus vorbei fuhr, ausgebellt. Dieser hier schien sich nicht für die Radfahrer zu interessieren. Das war seine Fahrkarte zu Oma Liselottes Haus. Die Kinder tauften ihn Socke und freuten sich über den freundlichen Spielkameraden. Socke lebte besonders gerne seinen Bordercolli-Anteil aus. Er brauchte richtig viel Bewegung und unternahm stundenlange Spaziergänge mit der Oma. Wir gewöhnten uns daran, dass sie telefonisch nur noch während der Dunkelheit zu Hause erreichbar war. Leider kam auch Socke ein Auto im falschen Moment entgegen.

Wieder war sie allein in ihrem Haus. Nun allerdings in einem Alter, in dem es sein könnte, dass das Tier die Oma überlebte. Aus dem Grunde sahen wir uns nach einem Hund um, der notfalls auch zu unserem Haushalt passen würde. Einen Mischling mit unbekannter Vorgeschichte wollten wir nicht noch einmal. Einen Welpen hingegen kann man von Anfang an prima erziehen, dachten wir. Die Wahl fiel auf einen Golden Retriever und noch vor dem Weihnachtsfest zog Eddi bei Oma Liselotte ein. Eddi erfüllte alles, was wir uns von einem Hund wünschten und so verliebten wir uns alle in dieses Wollknäuel.

Eddi wuchs und wurde größer, während Oma Liselotte ihn verwöhnte und liebte. Wir besuchten beide so oft es ging. Im Sommer bemerkten wir allerdings, dass etwas nicht stimmte. Eddi, jung, kräftig, pubertär und Testeron gesteuert, hatte das Ruder im Haus übernommen. Er war Chef! Womit wir nie gerechnet hatten: Oma Liselotte hatte versäumt, den kleinen Hund zu erziehen. Oder anders gesagt, ihre Erziehung bestand aus Liebe und Kommandos, die der Hund nicht verstand. Das Kommando für „Sitz!“ war: „Komm Eddi, wenn du dich jetzt nicht hinsetzt, kann ich die Leine nicht festmachen und wir nicht spazieren gehen!“ Und leider mussten wir feststellen, dass es zuweilen recht gefährlich wurde. Eddi fing an zu beißen. Im Herbst stand fest, dass die Oma den Hund nicht mehr halten konnte und wir sagten zu, dass wir ihn zu uns nach Berlin holten. Im Gegenzug zog unsere griechische Landschildkröte Polly aufs Land. So kamen wir zu dem Hund.

Die erste Zeit mit Eddi in Berlin war schlimm. Der Hund wähnte sich in der häuslichen Hierarchie mindestens ebenbürtig mit den Kindern. Ich wusste nie, was der Hund mit den Mädchen anstellt und stand unter Dauerstress. Trotzdem liebten wir ihn und erlebten wunderschöne und lustige Momente. Es war ein nervenaufreibender Machtkampf zwischen ihm und mir. Mein Mann konnte nicht helfen, weil er zu der Zeit im Ausland war. Nach einem halben Jahr war der Machtkampf entschieden. Den letzten Biss von Eddi bekam mein Arm ab. Ab dann waren wir Blutsbrüder und ich Chef. Trotzdem machten wir noch lange ein sehr gutes Hundetraining mit und er wurde ein prima Familienhund – mit Macken! Die frühkindliche Nicht-Erziehung konnten wir bei Eddi nie leugnen. Tapete, Schuhe, Lesebrillen, USB-Stick, Socken, Bälle, Fingernägel lernten seine Zähne kennen … Hunderttausende geklaute Brötchen nahmen ein nicht gewolltes Ende. Zwar war ich Chef, aber die Kuschel-Beauftragten die Kinder und der große Kumpel wurde der Herr im Haus. Eddi wurde Familienmitglied und wie jeder Haustierhalter könnten wir ein Buch über ihn ganz alleine schreiben. Wir gehörten zusammen. Fast …

Oma Liselotte besuchte uns in Berlin und wir sie auf dem Land. Trafen sie und Eddi aufeinander, war eine Freude und ein Band zu spüren, das immer ins Gedächtnis rief, wo dieser Hund aufgewachsen war. Später erkrankte sie an Demenz. Wir brachten sie nach Berlin in ein Seniorenwohnheim. Wann immer es möglich war, holten wir sie zu uns nach Hause. Die Freude des Hundes und die das Strahlen in den Augen der alten Frau, wenn sie sich sahen, war etwas Besonderes. Sechs Jahre lang nahm die Demenz ihren Verlauf. Ihre Erinnerungen verschwanden aus dem Kopf. Was aber blieb, war der Hund. In diesem Jahr wurde es durch die Pandemie und lange Wochen, in denen wir sie nicht sehen konnten schwieriger. Nicht nur ich selber war aus ihren Gedanken verschwunden. Sie erkannte mich nicht mehr. Eddi aber blieb und für uns war bemerkenswert, dass Liselotte und Eddi sich beim letzten Besuch, bevor er starb, kaum voneinander trennen mochten. Dass sie sich das letzte Mal verabschiedeten, wussten wir ja nicht.

Durch einen Geburtsfehler am Bein ging es Eddi diesen Sommer zeitweilig immer schlechter und konnte machmal nicht mehr aufstehen. Anfang September war es vorbei. Es gab nur die Entscheidung, ihn von den Schmerzen zu erlösen und über die Regenbogenbrücke gehen zu lassen. Am nächsten Morgen nach seinem Tod kam Oma Liselotte mit einem Infarkt ins Krankenhaus. Bei dem Besuch ihres Sohnes fragte sie gleich „Was ist mit Eddi?“ und er antwortete wahrheitsgemäß. Woher sie wusste, dass etwas mit dem Hund nicht stimmt, ist uns unerklärlich. 14 Tage später starb Oma Liselotte. Das Band zwischen der Oma und dem Hund hielt bis zum Ende. Wir waren seine Familie, aber Oma Liselotte seine große Liebe! Wir haben uns oft gefragt, was Liselotte noch in dieser Welt hielt. Wir können es zwar nicht erklären, aber nun glauben wir es zu wissen.

Nach der Frage „Was ist mit Eddi?“ sagte sie im Krankenhaus: „Aber dann holt ihr euch einen neuen Hund.“ Die Entscheidung war schnell getroffen und ein Welpe wird bald bei uns einziehen. In Erinnerung bleiben immer die schönen Bilder von der Oma, ihren Tieren und Eddi, zu dem sie eine ganz besondere Beziehung hatte. Die beiden verstanden sich – ohne Worte.

Was machen die mit uns? IrREGELeitet …

Um es gleich vorwegzusagen: Regeln sind Regeln und sollten befolgt werden. Wenn sie Sinn machen. Machen sie nach unserer Auffassung keinen Sinn, darf man sie infrage stellen und diskutieren, aber bis zur potenziellen Änderung gelten sie. Sinnvoll ist zurzeit die AHA-Regel – Abstand – Hygiene – Alltagsmaske. Abstand schützt, Hygiene schützt jederzeit. Einzig der Punkt Alltagsmaske kann infrage gestellt werden. Hier kommt es auf die Art der Maske an, der Ort, wo sie aufgesetzt werden soll und wie sie getragen wird. Aber, auch sie kann schützen, und wenn sie nur den Menschen ein sicheres Gefühl gibt. Mit Ausnahme der Corona-Leugner und Verschwörungstheoretiker könnten sich bis hierhin alle einig sein, dass diese Maßnahmen gegen die Verbreitung des Virus helfen. Alles, was darüber hinaus geht, beobachte ich immer skeptischer und merke, dass ich anfange, es zu bezweifeln.

Bisher sah ich alles ein und halte mich weitgehend, wenn auch manchmal knurrend an die Regeln. Ich mag die Masken nicht. Sie geben mir das Gefühl, nicht richtig atmen zu können. Oft beschlägt die Brillen, weil ich den korrekten Sitz der Maske nicht hinbekomme. Häufig reiße ich mir das Hörgerät aus dem Ohr, weil das Gummi der Maske sich verheddert. Trotzdem wird sie immer selbstverständlicher, im Bus und beim Einkaufen, und gibt mir den guten Eindruck, etwas Richtiges zu tun. Die Berliner Verordnung, dass Masken auch in den Büros getragen werden müssen, habe ich von Anfang an abgelehnt. Wer, wenn nicht der Arbeitgeber selber hat das höchste Interesse daran, dass seine Belegschaft gesund und arbeitsfähig bleibt. Die getroffenen Vorgaben im Büro meines Arbeitgebers fand ich sinnvoll und umsetzbar. Hier denke ich, muss jede Bürogemeinschaft nach eigenem Ermessen und räumlichen Gegebenheiten entscheiden, was angebracht ist. In den Büros sollte das Hausrecht und nicht die Politik den Ton angeben.

Mein Lieblingsthema zum Aufregen sind die Beherbergungs-Verbote. Wir hatten uns das beste Bundesland dafür ausgesucht. Mecklenburg-Vorpommern. Den geplanten Urlaub vom Mai 2020 verschoben wir in den Oktober. Den haben wir jetzt, Verordnung sei dank – storniert. Nein, es ist nicht möglich, dass ein gesundes Ehepaar aus Berlin-Lichterfelde 10 Tage in eine Ferienwohnung an der Ostsee geht, um dort ein bisschen Luft am Meer zu holen. Wir müssten (Anreise Montag) einen maximal 48 Stunden alten negativen Test vorweisen und dürften dennoch 5 der 10 Tage Urlaub in Quarantäne sitzen, sofern ein zweiter Test negativ ausfällt. Oder ohne Test 14 Tage freiwillig in Quarantäne gehen und 10 Tage Urlaub auf diese Weise verlängern. Dann hätten wir das Meer nicht gesehen, aber den Urlaub in Mecklenburg verbracht. Hört sich komisch an? Ist es auch. Eine Bekannte wohnt fünf Kilometer weiter in Brandenburg und macht Urlaub in Mecklenburg. Und schon können wir in den Nachrichtenportalen lesen, dass Schwerin gemerkt hat, dass der Tourismus (und seine Einnahmen) wegbrechen. Man möchte auflockern und ein Gericht wird in der nächsten Woche die Rechtmäßigkeit der Maßnahme prüfen. Nutzt uns nichts mehr. Brandenburger, Berufspendler, Familienangehörige, Mediziner, Polizisten, Politiker … dürfen nach Mecklenburg … die haben sicherlich weniger Corona.

Urlaub im Ausland ist möglich, sofern man den Dschungel der unterschiedlichen Gebote und Verbote versteht. Reisen im eigenen Land wird zur Lachnummer, denn jedes Bundesland hat eigene Vorstellungen und Regeln. Immer vorausgesetzt, dass Berufspendler etc. reisen und sich bewegen dürfen. Eine bundeseinheitliche Regelung wurde nicht möglich. Es drängt sich schwer der Verdacht auf, dass es schon eine Weile nicht mehr um die Sache selbst geht. Eher darum, dass die Politik zeigen kann, wer hier der starke Mann oder Frau ist. Ministerpräsidenten demonstrieren Härte und Macht gegen den Bund und rücken nicht von dem Beherbergungs-Verbot ab, um dann von den Gerichten ausgehebelt zu werden. Genauso beispielsweise die Sperrstunde in Berlin. 11 Gastronomen hatten geklagt und recht bekommen. In Hamburg wird die Sperrstunde dafür aktuell eingeführt. Kein Mensch behält den Überblick und jedes Bundesland macht, wie es möchte. Nur – Gebote und Verbote gehören in unserer Demokratie in die Parlamente und nicht in die Chefsessel der Minister und Ministerpräsidenten. Und jetzt sage keiner, dass dafür die Zeit gefehlt hätte.

Ich frage mich immer öfter, ob hier nicht mit der Angst der Menschen Wahlkampf 2021 getrieben wird. Der Bund, sieben Landtage und das Berliner Abgeordnetenhaus bringen ihre Kandidaten in Stellung. Wer will da nicht als der starke Mann oder Frau aus der Krise herausgehen? Im Moment begegnen uns Aktionismus und Zahlenattacken. Jeden Tag gibt es neue Regeln, jeden Morgen neue Zahlen, jeden Abend noch höhere Zahlen. Dazwischen Berichte von Virologen, die alle die Apokalypse versprechen und dafür, dass sie ihre Arbeit tun, mit Bundesverdienstkreuz und Medienpreisen belohnt werden. Ärzte, die direkt mit den betroffenen Patienten arbeiten, bekommen kaum Gehör. Kritiker bekommen gerne die Ecke der Ungläubigen zugewiesen. Besonnenheit hat seit Monaten in den Medien und der Politik keinen Stellenwert mehr. …  Und dann lese ich, dass die Große Koalition jetzt im Oktober 2020 schon eine Eingabe in den Bundestag vorbereitet. Dem Gesundheitsminister sollen die Sonderrechte zum Schutz der Bevölkerung über den 31. März 2021 hinaus verlängert werden. Wie war das mit der parlamentarischen Demokratie? Macht Hoffnung … stimmt mich sehr positiv!

Wen wir in diesem ganzen Spiel vergessen, ist der Mensch. Ich möchte nicht an die Zahlen denken, die wir in ein paar Jahren zur Coronakrise veröffentlichen werden. Um wie viel Prozent die Zahl der Kinderschutzfälle gestiegen ist, die Zahl der Insolvenzen, die Zahl der psychischen Erkrankungen älterer und junger Menschen, Jugendliche, die keine Lehrstellen antreten konnten, Studenten, die ein/zwei Jahre verloren haben, Menschen, die starben, weil Operationen und Untersuchungen nicht rechtzeitig stattfanden, Familien, die Trennungen erlebten, weil sie das Existenzminimum nicht erreichen konnten, Menschen, die Verluste jeglicher Art alleine verkraften mussten, weil sie alleine gelassen wurden und vieles mehr.

Wir müssen anders denken lernen. Es müssen nicht neue Verordnungen her, die unser Leben einschränken und verhindern. Wir brauchen Konzepte, wie wir mit dem Virus unser Leben unter geänderten Bedingungen aufrecht erhalten können. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Er braucht Kontakt, Gespräche, Mimik und Berührungen und – andere Menschen. Hat er das nicht, verkümmert er. Mehr als je zuvor muss die Politik begreifen, dass soziale Träger und Einrichtungen diejenigen sind, die im Moment immer mehr gefordert werden und politisch unterstützt werden müssen. Genauso alle, die in künstlerischen Berufen arbeiten und dringend gebraucht werden, um den Menschen ein bisschen Freude zu bringen. Zu Beginn des Lockdowns gab es viele Solidargemeinschaften und gute, positive Ideen, die Zeit mit der Pandemie gemeinschaftlich zu bewältigen. Ich bin weit davon entfernt, den Virus klein zu reden, aber sehr dafür, dass besonders EINE neue Regel heißen muss, dass nicht die Politiker + Virologen, die Zahlen, die Ge- und Verbote, im Fokus stehen, sondern einzig und alleine der Mensch und seine Möglichkeit gut und sinnvoll das Leben mit dem Virus weiter zu gestalten. Gebt den Menschen stimmige Regeln, Perspektiven und die Lebensfreude zurück.

Holen wir sie vom Sockel?

Was in Amerika begann, zieht Kreise durch die ganze Welt. Aktivisten holen Denkmäler von den Sockel, denen eine, nach heutigem Denken, unrühmliche Geschichtsschreibung anhängt. Der bekannteste Fall ist sicherlich in Bristol passiert: Demonstranten gegen Rassismus holten die Statue von Edward Colston, eines Sklavenhändlers aus dem 17. Jahrhundert vom Sockel. Nachdem einige Demonstranten etwa 8 Minuten auf ihm knieten, landete er im Wasser. Ein klares Statement gegen Rassismus, das im Innenministerium keine Gegenliebe, beim Bürgermeister der Stadt aber Verständnis fand. Aber die Debatte ist losgetreten. Auch bei uns.

Losgetreten wurde sie durch den Afroamerikaner George Floyd, der durch einen Polizisten zu Tode kam. Seither wird auch bei uns der Rassismus, der anders als in den USA, überall vertreten ist, diskutiert. Unter dem Hashtag #wasihrnichtseht in Instagram kann man beispielsweise in vielen Posts nachlesen, wie und wo sich Alltagsrassismus zeigt. Es gibt wohl kaum einen, der sich davon freisprechen kann. Aber nicht nur der Rassismus ist in den Fokus geraten. Auch Straßen, Plätze oder Denkmäler sind im Blickfeld, deren Namen in der deutschen Geschichte eine Rolle spielten. Einige davon sind nach heutiger Denkweise und Wissenstand fragwürdig.

Uns hat diese Diskussion erfasst, als meine Mutter von der Petition „Umbenennung der U-Bahn Station Onkel-Toms-Hütte und der Onkel-Tom-Straße“ las. Moses Pölking, ein Basketballspieler, hat die Petition ins Leben gerufen. Er ist der Ansicht, dass der Name „Onkel-Toms-Hütte“ dem Buch der Autorin Harriet Beecher Stowe entnommen ist. Sie beschreibt in ihrem Roman das Schicksal der Schwarzafrikaner in den 40er-Jahren des 19. Jahrhunderts. Pölking ist der Ansicht, dass die Titelfigur sich erniedrigt, um seinem Peiniger nicht aufzufallen. Zudem sei „Onkel Tom“ ein Begriff, der in der farbigen Community jemandem beschreibt, der sich vornehmlich gegen die eigene Hautfarbe den „Weißen“ andient. Er empfindet den Namen Onkel-Tom-Straße ebenso beleidigend, wie Mohrenstraße. Auch die Mohrenstraße hat in Berlin eine U-Bahn-Station, die nach Willen der BVG nun Glinkastraße heißen soll.

In der Facebook-Gruppe Steglitz-Zehlendorf wird ein Beitrag aus dem Tagesspiegel zum Thema geteilt. Als ich das letzte Mal schaute, gab es 621 Kommentare darunter. Natürlich habe ich nicht alle gelesen, aber es wird ähnlich kontrovers diskutiert, wie in meiner Familie. Wie führt man nun diese Debatte richtig und zielführend? Darüber gibt es sehr unterschiedliche Ansichten. Fest steht: Sie ist notwendig, zeitgemäß und richtig. Doch wie erreicht man tatsächlich alle Menschen, sowohl die, die eine Änderung herbei wünschen, als auch jene, denen es relativ egal ist.

Nicht nur der Nationalsozialismus ist in unserer deutschen Geschichte ein schreckliches Kapitel. Auch die deutschen Versuche, in der Kolonialzeit eine Rolle zu spielen, hat viel Leid verursacht und so gibt es unzählige weitere Beispiele, die uns nicht mit Ruhm bedecken. Würden wir nun, nach heutiger Denkweise versuchen, alle negativen geschichtlichen Ereignisse aus dem öffentlichen Straßenbild und Bewusstsein zu löschen, hätten wir nicht nur viel zu tun, sondern keine Geschichte mehr. Auch bei den Philosophen wird es eng. So bezeichnete Emanuel Kant die Juden als ‚Vampyre der Gesellschaft‘ und fordert ‚die ‚Euthanasie des Judentums‘. Und auch der Gründer der evangelischen Religion, Martin Luther, dürfte mit seinen ‚Judenschriften‘ nicht gut wegkommen. Müssen wir nun die philosophischen Grundlagen oder selbst die evangelische Kirche aus unseren Köpfen löschen?

Die Geschichte, aus der sich unsere heutige Gesellschaft entwickelt hat, kann nicht verleugnet werden. Sie ist nun mal passiert. Aber sie kann weitergeschrieben werden, sich weiter entwickeln und verändern, wenn man tatsächlich Ehrlichkeit und Mut dazu aufbringt. Dazu gehört es unbedingt, die Diskussion in die Bevölkerung zu bringen. Die Aktivisten, die die Statuen von den Sockeln holen, sind mutige Menschen, die sich beherzt für eine gute Sache einsetzen. Doch die Wahl der Mittel schreckt den Normalbürger ab. Die Statue im Wasser steht kurz in den Schlagzeilen und regt die Gemüter auf. Tatsächlich eine nachhaltige Sinnesänderung schafft sie nicht.

Ein guter Akt wäre beispielsweise dem Schulfach Geschichte wieder eine tragende Rolle zu geben. Zu sehr wurde es als Nebenfach degradiert und aus der Allgemeinbildung gedrängt. Wie sollen Kinder und Jugendliche heutige politische und zwischenmenschliche Vorgänge der Weltgeschichte verstehen, wenn ihnen der Hintergrund unbekannt ist. Wie kann ich heutige Handlungen nachvollziehen, wenn mir das Wissen fehlt, wie sie entstanden sind. Heutige Handlungen kann man nur aus dem Kontext der Vergangenheit verstehen und sie sinnvoll weiterentwickeln.

Auch die Wahl der Quellen gehört dazu. Kritikpunkt bei der Petition zu „Onkel-Toms-Hütte“ ist beispielsweise, dass die Autorin der Buches erklärte Gegnerin der Rassismus war und auf die Missstände aufmerksam machen wollte. Sie hat mit dem Buch eine veränderte Denkweise angeregt. Es kommt dazu, dass diese Petition deutschlandweit geführt wird. Also ein Bruchteil der Unterzeichner tatsächlich den Ort kennen. Nicht zuletzt gibt es eine andere Quelle der Namensgebung. Die Bezirksgeschichtsschreiber schrieben 1885 dazu: „Die Siedlung Onkel Toms Hütte oder Waldsiedlung Zehlendorf, oft auch als Onkel-Tom-Siedlung oder Papageiensiedlung bezeichnet, liegt im Berliner Ortsteil Zehlendorf am Rande des Grunewaldes. Namensgebend war das 1885 eröffnete benachbarte Ausflugslokal, dessen Besitzer Thomas seine Gaststätte in Anlehnung an Harriet Beecher Stowes Roman Onkel Toms Hütte benannt hatte.“ Der Lokalbesitzer verehrte die Autorin, aber war nun das Buch oder der Thomas namensgebend?

Auch die Mohrenstraße, Mohrengasse, Mohrenapotheke muss sich einen genaueren Blick gefallen lassen. War tatsächlich ein „Mohr“ im heutigen Sinne gemeint oder nicht doch der heilige Mauritius, der seiner Geschichte wegen durchaus auf einem Podest stehen könnte? Es ist also immer fraglich, wie man eine Umbenennung oder eine entfernte Statue begründet, wenn man tatsächlich alle Quellen erwägt. Nur darf man nicht unsere heutigen Werte und Überzeugungen einfach überstülpen. Wichtig ist die tatsächliche Auseinandersetzung, die den Fortschritt für heutige Werte und Überzeugungen bringt. Die Statue im Museum nutzt nur den wenigen, die eine Affinität zu Museumsbesuchen haben. Die Statue auf der Straße mit einer Informationstafel kann mehr Menschen erreichen.

Unsere Geschichte ist nicht wirklich vorbei und wir sind ein Produkt daraus. Heutiges Denken muss sensibilisiert werden und sich weiter entwickeln. Das kann aber nur geschehen, wenn man den Hintergrund und die Gründe dafür versteht. Reiner Aktionismus ist dabei ein schlechter Berater.

In Bristol wurde es doch zu einer guten Entwicklung geführt: Die gestützte Statue wird im Museum mit dem Plakat der Aktionisten „Black lives matter“ ausgestellt. Was letztlich auf den leeren Sockel kommt, wird demokratisch entschieden. Und genau das bedeutet, dass eine weitere Auseinandersetzung damit stattfindet, die viele Menschen erreicht. Die Debatte wird dort seit Jahren geführt. Bei uns fängt sie hoffentlich richtig an.