Schreiben gegen Rechts – ein Buch der Zuversicht!

Schreiben gegen Rechts

Eine Momentaufnahme in Berlin: Ich gehe in die Markthalle, kaufe beim Wurststand Salami am Stück. Der Verkäufer, der mir sehr freundlich mein Rückgeld gibt, hat asiatische Augen. Die Steinpilze beim Gemüsehändler bekomme ich von einem offensichtlich türkischen Mitbürger. Die Bäckereiverkäuferin antwortet mir in breitestem Schwäbisch. Nachher ruhe ich mich im Café aus. Dort sitzen an einem Tisch englischsprachige Studenten. Am nächsten Tisch unterhalten sich ein deutsches Paar und ein Mann mit holländischem Akzent. Als ich später in den Bus einsteige, lasse ich einer Mutter, die ein Kopftuch trägt, mit ihren Kindern den Vortritt und den Busfahrer kann ich von seinem nationalen Hintergrund her nicht einschätzen. Zuhause angekommen treffe ich vor der Haustür meinen syrischen Nachbarn und grüße ihn herzlich. Kaum habe ich die Haustür hinter mir geschlossen, ruft mich meine Schwägerin an, die aus Kenia stammt. Das ist Realität in Deutschland.

Eine Momentaufnahme nach der Bundestagswahl: Die einen feiern einen für sie großartigen Sieg. 72 Jahre nach Kriegsende zieht eine rechtsgerichtete Partei in den Bundestag ein. Die anderen sind entrüstet und können kaum glauben, was da passiert. Etablierte Parteien und Medien gehen auf Ursachensuche und ringen sich fadenscheinige Begründungen ab. Viele üben sich in Gleichgültigkeit und der Hoffnung, dass das schon wieder vorbeigehen wird. Was haben wir eigentlich bei dieser Wahl erwartet? Dass die rechteste aller Parteien tatsächlich unter fünf Prozent bleibt? Dass es vielleicht nur 6 oder 7 Prozent werden? Und dann? Wäre es weniger schlimm gewesen? Haben wir nicht, wenn wir ehrlich sind, alle gewusst, dass diese gewisse Partei, die eben keine Alternative ist, einen Wahlsieg feiern wird, um den einen oder anderen Prozentpunkt hin oder her?

Lange war klar, dass Probleme in unserem Land nicht rechtzeitig aufgegriffen, lange verschleppt wurden und Unzufriedenheit siegt. Für diese Unzufriedenheit wurde zu lange die Flüchtlingspolitik als Platzhalter hergenommen, ohne zu merken, dass die Probleme viel tiefer sitzen. Zu viele fühlen sich abgehängt in einer Gesellschaft, die sich stolz Sozialstaat und Wirtschaftsmacht nennt und doch das steigende Armutsrisiko zulässt. Zu viele fühlen sich nicht zugehörig, trotz dessen, dass es die Mauer schon 28 Jahre nicht mehr gibt.

Zudem haben wir gewusst, wenn wir ehrlich bleiben, dass rechtes Gedankengut immer unter uns war. Nach dem 2. Weltkrieg und in all den Jahren danach. Begriffe wie Kriegskinder und Kriegsenkel werden erst jetzt aufgearbeitet, in einer Zeit, in der die Kriegskindergeneration langsam von uns geht. Wurden die Kriegsenkel im Schulunterricht mit der Geschichte der Nationalsozialisten überfüttert, können viele Jugendliche heute nicht einmal mehr erzählen, warum sich vierzig Jahre eine Mauer durch Deutschland zog. Menschen mit rechtem Gedankengut waren immer unter uns, konnten sich aber in etablierten Parteien wiederfinden. Erst als sich die etablierten Parteien auf die politische Mitte zu bewegten und sich Flüchtlingen öffneten, brauchten Menschen mit ihrem rechten Gedankengut eine neue Partei, die ihnen eine Heimat gibt. Die fand sich und es wurde wieder gesellschaftsfähig rechte Gedanken öffentlich und ohne Scham zu brüllen. Lange haben wir skeptisch über die Landesgrenzen geschaut, in Länder, die alle mit rechten Parteien haderten und gejubelt, wenn diese keine Mehrheiten gewinnen konnten. Wir haben mit Entsetzen die Wahl des amerikanischen Präsidenten beobachtet, der seinen Nationalismus seither dummdreist verbreitet. Nun hat es uns selber getroffen … mit Abgeordneten im Bundestag, die einem Wahlprogramm folgen, das wundern lässt, warum es nur eine einzige Stimme bekommen hat.

Ich habe lange gebraucht um es so anzuerkennen wie es ist: Die ewig Gestrigen spannen populistische Parolen vor ihren Karren und gehen auf Stimmenfang bei den ewig Unzufriedenen. Politiker kümmern sich auch nach der Wahl eher um ihren politischen Einfluss, als den Menschen einmal klar zu signalisieren, dass sie es verstanden haben und sich um die Probleme der kleinen Leute kümmern und zuhören werden. Medien kümmern sich um ihre Zugriffszahlen, füttern uns mit Negativschlagzeilen und bieten den Rechten eine Bühne, die ihnen nicht zusteht. Es waren 12,6 Prozent  … nur 12,6 Prozent oder schon 12,6 Prozent … das haben wir alle künftig in der Hand.

Die Dekadenz mit der wir hier unseren Wohlstand ausleben ist für mich der Punkt, der mir am meisten zu schaffen macht. Wir erleben einen Wohlstand, der sich durch 72 Jahre Frieden in dieser Region aufgebaut hat. Wir leben in einem der sichersten und reichsten Ländern der Welt. Unsere Waffen liefern wir in fremde Länder – sollen sie sich doch die Köpfe einschlagen, solange wir daran verdienen. Wir schotten unseren Reichtum vor denen ab, deren Länder durch Kriege zerstört sind und keine Sicherheit mehr bieten. Wir schließen unsere Grenzen, wenn heimatlose Menschen bei uns Schutz suchen. Wir bewerten, dass das Verhungern kein wirklicher Asylgrund bei uns ist. Und wenn wir als großartige Nation bei deren Aufbau wieder mithelfen, ist nicht selten der Gedanke der Bereicherung dabei. Wir könnten tausende Menschen noch zu uns reinlassen ohne das Geringste zu entbehren. Wenn ich auf die Zahlen der Zwangswanderungen nach dem 2. Weltkrieg schaue, staune ich, dass wir überhaupt über Obergrenzen debattieren. Wir erlauben uns zu bewerten, dass allein unsere Kultur die einzig richtige ist. Lassen aber zu, dass Konzerne auf fremden Kontinenten selbst Wasser als Grundrecht den Menschen vorenthalten. Das Niveau auf dem wir klagen, ist so unglaublich hoch, dass nationalsozialistische Gedanken schon irrational wirken. Die verschobene Realität nationalistischer Menschen so widersinnig und weltfremd, dass man schon fast verzweifeln müsste.

Das tun wir aber nicht – Verzweiflung hat noch nie jemandem genutzt. Ich muss was tun und ich brauche die Gemeinschaft der Menschen, die diese Probleme sehen, aber dennoch an das Gute in der Welt glauben. Es ist mir schon immer schwer gefallen meinen Mund zu halten und ich will es auch gar nicht. Es hat so unglaublich gut getan den Rückhalt zu spüren als ich 2016 zur Blogparade „Schreiben gegen Rechts“ aufgerufen habe. Es kamen 81 wunderbare Beiträge zusammen, die auch heute alle aktuell sind. Das möchte ich gerne mit euch allen weiterführen. Waren es vor einem Jahre die Flüchtlingszahlen, die in aller Munde waren, ist es heute das stärker werden der Rechten. Nehmen wir ihnen die Bühne und geben sie unseren Idealen zurück. Öffnen wir den Blick für Mitmenschlichkeit, eine multikulturelle Gesellschaft und eine Welt, die zusammenrückt:

Lasst uns wieder Beiträge sammeln in einer offenen Blogparade. Offen in der Hinsicht, dass sie nicht zeitlich begrenzt ist. Beteiligt euch mit Beiträgen, die Geschichten von multikulturellem Zusammenleben erzählen. Beiträge über Fakten, die positive Beispiele einer offenen Gesellschaft zeigen. Erzählt von Initiativen und gelungenen Projekten aus der Flüchtlingsarbeit. Erzählt von eurem Untermieter, der erst mit der Zeit eure Worte verstand. Berichtet von Ereignissen über Landesgrenzen hinweg. Beteiligt euch mit Gedichten oder Bildern, die eine bunte, aber eben die tatsächliche Realität in anderen Ländern und unserem Land zeigen. Überlegt, was jeder einzelne von uns aktiv tun kann, um den Rechten ihren Platz zu weisen. Es gibt so wunderbare Möglichkeiten von einer offenen, freien und bunten Gesellschaft zu erzählen. Bedient euch nicht der Sprache der Populisten und der Rechten. Zeigt, dass man Anliegen, Proteste oder Bedenken durchaus respektvoll und konstruktiv darstellen kann. Ich werde keine Beiträge bewerten oder auswählen. Ich fasse sie zusammen.

Veröffentlicht eure Beiträge in eurem Blog mit der Verlinkungen zu diesem Aufruf. Hier setzt ihr euren Link ein, damit er allen zugänglich wird. Ich sammle bis zu einhundert Beiträge und erstelle daraus wieder ein Buch. Dieses Buch ist allen zugänglich, die es lesen möchten. Niemand verdient daran. Es soll ein Buch werden, das einen klaren Standpunkt vermittelt. Ein Buch, dass Bewusstsein schafft. Ein Buch, dass Hoffnung schenkt – ein „Buch der Zuversicht!“.

Ich freue mich von euch zu hören … erzählt anderen davon, denn es geht weiter mit dem „Schreiben gegen Rechts – für Toleranz und Vielfalt!“

Die Schule ist aus …

Im Büro ordne ich ein paar Unterlagen, dabei fällt mein Blick auf die Pinnwand hinter mir, an der der letzte Stundenplan der jüngeren Tochter hängt. Ich nehme ihn in die Hand, betrachte ihn lange und weiß, dass er keine Bedeutung mehr für uns hat. Trotzdem schaffe ich es noch nicht ihn wegzuwerfen und nehme ihn mit nach Hause. Auf dem Heimweg denke ich über den Verkehr in Berlin nach. Wenn doch immer Sommerferien sein könnten. Das Autofahren ist in Ferienzeiten in der Stadt entspannter und man findet überall einen Parkplatz. Aber auch die Sommerferien gehören nicht mehr zu uns. Wir haben keine Ferien mehr. 2014 hatte ich schon einmal über die Schulzeit der jüngeren Tochter geschrieben: „Wenn das Kind nicht zur Schule passt!“. Der letzte Absatz begann damals so: „Wir werden wieder feiern – ihren Schulabschluss. Egal, welcher das sein wird …“ Nun haben wir ihren Schulabschluss gefeiert. Mein großartiges Kind hat es geschafft, entgegen allen früheren Prognosen, das Abitur zu machen. Ihre und unsere Schulzeit ist vorbei.

In Verbindung von Schule und Eltern muss ich oft an meine Mutter denken, die immer gesagte: „Sie macht drei Kreuze, wenn alle Kinder durch die Schule sind!“. Das hat bei ihr etwa 38 Jahre gedauert, da der jüngste Bruder erheblich jünger als wir älteren Geschwister ist. Mein Mann, die Kinder und ich mussten uns nur 16 Jahre von der Einschulung der älteren bis zum Abschluss der jüngeren Tochter mit Schule auseinander setzen. 16 Jahre, die sowohl unser Familienleben beeinflussten als auch meine Kinder prägten. Die Schule ist irgendwann zu Ende, die Erinnerungen daran bleiben uns im Positiven wie im Negativen das ganze Leben lang erhalten.

Beide Kinder haben ihr Abitur, aber machten es auf vollkommen unterschiedliche Art. So verschieden die Töchter sind, ist auch ihre Art zu lernen. Hätte ich meine ältere Tochter nicht als erste gehabt, hätte ich bei der jüngeren geglaubt etwas falsch zu machen. Die Ältere hat mir gleich in der ersten Klasse erklärt, dass die Hausaufgaben ihre Sache sei. Und ich kann mich kaum erinnern ihr je dabei geholfen zu haben. Sie ist vollkommen problemlos von einer Klasse zur nächsten gewandert. Schwierig waren die 11. und 12. Klasse, die eine reine Lern- und Klausurphase waren. Wir wollten, dass sie in der Zeit weiterhin ihren Sport als Ausgleich macht, sich um die Schule kümmert und hielten ihr sonst den Rücken frei. Mit viel Disziplin und Lernwillen hat sie sich durch das verkürzte Abitur auf einem regulären Gymnasium durchgeschlagen. An dem gleichen Gymnasium, an dem auch schon ihr Großvater 56 Jahre zuvor das Abitur machte. Als sie damit fertig war, war sie so jung, dass sie erst einmal nicht wusste, in welche Richtung sie gehen sollte.

Die jüngere Tochter lernte viel und ständig – aus dem Leben – nur nicht aus Büchern oder im Frontalunterricht. Entsprechend schwierig war die Grundschulzeit. Neben anderen Problemen galt es Geduld zu haben und ihre Art zu lernen zu verstehen. Ich kann mich gut an die Verzweiflung des tapferen Vaters erinnern, der einfach nicht begreifen konnte, warum dieses Kind die Linienführung eines karierten Papiers schlicht aushebelte. Sie konnte Blöcke von Matheaufgaben hintereinander lösen, bis sie beim dritten Block dann versuchte, ob eigene Regeln nicht besser funktionierten. Sie war auf allen Ebenen kreativ, was viele LehrerInnen leider als chaotisch verstanden. Ihr Glück war, dass sie auf die Anna-Essinger-Gemeinschaftsschule, eine mit ihrem Jahrgang neu gegründete Montessori Oberschule, gehen konnte. Auch hier galt es hin und wieder Schwierigkeiten zu meistern, aber das Ergebnis steht fest. Entgegen allen Bedenken von LehrerInnen und Eltern hat sie mit eisernem Willen den höchst möglichen Schulabschluss bekommen. Auch sie hat noch keinen wirklichen Plan für die Zukunft und gönnt sich erst einmal ein Jahr im Ausland … um weiter aus dem Leben zu lernen.

Was uns gemeinsam in Erinnerung bleiben wird sind die Lehrkräfte, denen die Kinder begegnet sind. Ich bin weit davon entfernt, ein pauschales Urteil über den Beruf der LehrerInnen zu fällen. Nach meiner Ansicht stecken LehrerInnen heute in einem starren Korsett von Rahmenlehrplänen und einem Schulsystem fest, dass völlig überholt ist und scheinbar permanent reformiert wird. Mit Ausnahme der JüL-Klassen (Jahrgang übergreifendes Lernen) hat meine jüngere Tochter alle Reformen mitgemacht, die Berliner Schulen in den letzten 13 Jahren zu bieten hatten. Um das G8 ist sie durch die Gemeinschaftsschule herumgekommen. Das musste die ältere Tochter durchstehen. Keine dieser Schulreformen hat sich als tatsächlich wirkungsvoll erwiesen. Die wunderbaren Vorklassen wurden abgeschafft. 5 ½ Jährige werden zu früh eingeschult, damit sie als kaum 16 – 17 Jährige mit der Schulzeit fertig sind und planlos auf’s Leben losgelassen werden. Und das nach einer Schulzeit, die permanent aus Stress besteht: Nach drei Jahren JüL gibt’s eine relativ entspannte 4. Klasse. In der 5. + 6. Klasse geht es um die Qualifizierung für die weitergehende Schule. In der 7. Klasse müssen sie ein Probejahr bestehen um auf dem Gymnasium bleiben zu dürfen. Der Punkt ist auf der Sekundarschule entspannter. In der 8. Klasse kommt Vera 8. Ich habe bis heute nicht wirklich verstanden, was diese Prüfung bringt, die selbstverständlich entgegen allen Beteuerungen die Kinder unter Stress stellt. In der 9. Klasse gibt es dann den BBR (Berufsbildungsreife) um in der 10. Klasse den MSA (Mittlere Schulabschluss) zu machen. Wer es bis hierhin geschafft hat, darf ein Abitur in 4. Semestern machen. Wohl dem der auf der Sekundar- oder Gemeinschaftsschule ein Jahr mehr zur Vorbereitung auf das Zentralabitur hat. Die SchülerInnen lernen von Prüfung zu Prüfung, bewegen sich zwischen eigenem Ehrgeiz oder eben auch nicht, und Erwartungshaltungen von Eltern und Lehrern. Es wird nicht für die Allgemeinbildung oder aus Interesse gelernt, sondern um Hürden zu meistern und irgendwie zum ersehnten Ziel zu gelangen.

Von welchen LehrerInnen die Kinder begleitet werden ist ganz einfach Glückssache. Hier gilt – wie im normalen Leben – entweder die Chemie passt oder auch nicht. Hatte die ältere Tochter in der Grundschulzeit großes Glück mit engagierten LehrerInnen, war die Grundschulzeit der jüngeren schlicht weg eine LehrerInnen bedingte Katastrophe, die in 5 ½ Jahre Gesprächstherapie mündete. Auf der Oberschule begegnete die Ältere dagegen vornehmlich LehrerInnen, die ihren Job machten, SchülerInnen aber mehr oder weniger als Namen auf einer Liste sahen. Dafür begegnete die Jüngere LehrerInnen, die verstanden, wie das Kind lernt und sie mit allen Möglichkeiten förderten. Bei beiden Kindern bekamen wir den Rat, sie zu einem Oberstufenzentrum zu schicken, statt den regulären Weg zum Abitur gehen zu lassen. Bei beiden Kindern bewirkte dieser Rat lediglich, dass sie sich dann erst recht anstrengten. Uns sind LehrerInnen begegnet, die uns vermittelten, dass allein sie wüssten, was unser Kind fühlt, denkt und vermag. Uns sind LehrerInnen begegnet, die auf den Punkt das ergänzten, was auch wir empfanden und beobachteten. Manchen LehrerInnen (auch aus meiner Schulzeit) habe ich die Pest an den Hals gewünscht. Viele habe ich als Persönlichkeit erfunden und manche schlicht weg bewundert. Ich würde diesen Beruf nicht machen wollen und bin froh und glücklich, dass meine Kinder dieses Kapitel beendet haben.

Sie haben es beide auf ihre Weise großartig gemacht. Das waren Jahre, in denen wir ihnen sehr den Rücken gestärkt haben und uns oft, auch wenn es hin und wieder schwer fiel, gegen den Rat der Schule entschieden. In unzähligen Elterngesprächen haben wir zu den Kindern gehalten, wohl wissend, dass eine Geschichte immer zwei Seiten hat. Wir waren da, wenn sie uns brauchten bis sie es immer mehr in die eigene Hand nahmen. Schulbrote, Schulweg, Hausaufgaben, Elternabende, GEV, Ferien, Stundenpläne, Elterngespräche, Klassenfahrten, Entschuldigungen, Schulbücher, Schreibfüller, Schulranzen … auf all das können wir in Zukunft verzichten und das fällt uns sicherlich nicht schwer. Dafür kommen neue Dinge auf uns zu, die uns Eltern in anderer Hinsicht fordern. Die weiteren Wege müssen die Töchter selber in die Hand nehmen. Im September treffe ich mich mit meinen SchulfreundInnen zum 35. Mal. An was werden sich meine Kinder später einmal erinnern? Die Schule ist aus … für immer.

Es sind die Begegnungen mit Menschen, …

Ich sitze an meinem Computer und betrachte die Fotos, die beim diesjährigen Kunstmarkt der Generationen entstanden sind. Von 529 Fotos habe ich 102 Bilder ausgesucht, die exemplarisch den Tag, die Stimmung und die Menschen zeigen sollen. Die Bilder sind fertig bearbeitet und nun überlege ich, was ich dazu schreiben soll. Es war der vierte Kunstmarkt, den wir veranstalteten und ich frage mich, was mir dieses Mal besonders gut gefallen hat. Ein Zitat von Guy de Maupassant bringt es auf den Punkt: „Es sind die Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen.“ Eben diese Begegnungen mit Menschen sind das Hauptmotiv, das uns als sozialer Träger immer wieder motiviert, diesen Tag zu organisieren. Wir möchten ein Forum zu schaffen, in dem sich Kunstschaffende, deren Interessenten und Besucher, junge und ältere Menschen begegnen und über die Kunst einen Anlass für einen gemeinsamen Tag haben.

Natürlich liegt in Vorfeld etwas Spannung in der Luft, wenn wir den Kunstmarkt organisieren. Auch wenn wir routiniert vorgehen, können wir nicht alles beeinflussen, was einen erfolgreichen Tag ausmacht. Die Wettervorhersage haben wir beispielsweise sehr früh im Blick und verfolgen aufmerksam was uns eventuell bevorsteht. Das sah in diesem Jahr recht gut aus – bedeckt und etwa 23 Grad. Im letzten Jahr waren wir glücklich, dass uns bei der Hitze niemand ohnmächtig wurde. Um 6.04 Uhr am Morgen postete mein Kollege ein Bild in seinen Facebookprofil, das den Schlosspark Lichterfelde zeigt. „Die Stände für den Kunstmarkt stehen“ schrieb er dazu und alle betroffenen KollegInnen konnten schon einmal einen erleichterten Säufer loswerden. Ab dann lief alles wie einstudiert ab. Zwischen 9.00 und 11.00 Uhr bauten wir Bänke, Tische und Stände auf, die KünstlerInnen trafen ein, meldeten sich an, spendierten ihren Kuchen und richteten ihre Stände ein. Schon bei der Begrüßung von bekannten und neuen KünstlerInnen sowie unserer treuen ehrenamtlichen HelferInnen, war die freundliche Stimmung zu spüren. Um 12.00 Uhr stand der 4. Kunstmarkt der Generationen seinem Publikum offen.

Die Schirmherrin des Kunstmarktes, Bezirksbürgermeisterin Kerstin Richter-Kotowski, bedenkt ebenfalls in ihrer Begrüßungsrede, dass dieser Kunstmarkt schon alle Wetterkapriolen erlebt hat. Dazu wedelt sie leicht mit dem Fächer, den wir ihr vorsorglich und aus letztjähriger Erfahrung vor der Rede geschenkt hatten. Sie lobt die stimmungsvolle Atmosphäre des Parks, der wie geschaffen für einen schönen Kunstmarkt ist, lädt zum Verweilen und Kaufen des abwechslungsreichen Angebots der KünstlerInnen ein, nicht ohne allen Ehrenamtlichen zu danken, die mit uns diesen besonderen Tag möglich machen. Ab dann bestimmt das bunte Treiben den Schlosspark und natürlich freuten wir uns als Veranstalter, dass offensichtlich viele Menschen unserer Einladung gefolgt waren.

Der Rundgang an den Ständen hatte für jeden etwas zu bieten. Viele KünstlerInnen sind treue TeilnehmerInnen des Marktes und neue TeilnehmerInnen ergänzten das bunte Angebot. Etwa ein Viertel der Stände bot darstellende Kunst in verschiedensten Variationen an. Aquarell, Acryl, Encaustic, Fotografie, Öl, Illustrationen und anderes war zu finden, was eine lebhafte Bildwelt zeigte. Die anderen Stände waren den KunsthandwerkerInnen vorbehalten, die durch die Vielfalt der Techniken, Werkstoffen und Art staunen ließen. Holz, Glas. Leder, Papier, Scherenschnitt, Pappmaché, Filz, Seide, Stoff, Keramik, Wachs, Recyclekunst, Kork, Perlen, Leder … kaum ein Werkstoff, der nicht vertreten war. Schmuck in allen Formen von Nespressokapseln bis Gold- und Silberschmuck. Bei dem Angebot musste man den Geldbeutel schon besonders gut festhalten. Trotzdem kam immer wieder jemand auf die Terrasse um Freunden zu zeigen, was er oder sie gerade schönes erstanden hatte. Für die KünstlerInnen ist der Verkauf Lob und Geschäft zugleich. Besonders wichtig ist jedoch das Gespräch mit den BesucherInnen der Stände. Was kommt an, was gefällt, wo kann man an sich arbeiten. Und wie bei jedem von uns, wird die Anerkennung zur Motivation weiterzumachen. Das Publikum profitiert nicht nur vom Erwerb schöner Dinge, sondern auch von der Anregung eigener Kreativität. Manche KünstlerInnen bieten die Möglichkeit einen Kurs oder Workshop zu besuchen und Künstlergruppen laden zum Mitmachen ein.

Wer eine Pause vom Marktgeschehen brauchte, fand einen Platz im Garten des Gutshauses Lichterfelde. Tische und Bänke luden zu Kaffee und Kuchen oder einer leckeren Bratwurst ein. Der Kuchen wurde, wie in jedem Jahr, von den KünstlerInnen gespendet, dessen Erlös der Kinder- und Jugendarbeit des Stadtteilzentrums Steglitz e.V. zugedacht war. Besonders in diesem Bereich gilt ein besonderer Dank den ehrenamtlichen HelferInnen, die jedes Jahr ohne eigenen Nutzen ihre Hilfe anbieten. Dieser Helferkreis hat schon etwas sehr Familiäres, weil jeder weiß, wo er anpacken, helfen und unterstützen muss. Respekt den Herren am Grill, die auch nach Stunden mit einem netten Spruch und Lächeln die Bratwurst verkauften, den Damen, die immer für ausreichend Kaffee sorgten, die Sauberkeit der Örtlichkeiten im Blick hielten oder Kunstmarkttaler tauschten.

Wer genug von Kunst und Kuchen hatte, fand auf der Wiese ein schönes Programm. Zuerst zeigte die Kreistanzgruppe aus dem Gutshaus ihre Freude an traditionellen internationalen Kreistänzen und vermittelte Spaß an der Musik und an der Bewegung. Zu anderen Klängen und anderen Rhythmen machten ihnen das die Tanzgruppen aus dem KiJuNa nach. Seit vielen Jahren übt Anija mit den Kindern Choreografien ein, die besondere Beachtung bei solchen Gelegenheiten finden. Wer die Kinder über die Jahre kennt, stellt leicht fest, dass aus ehemals kleinen Mädchen nun junge Damen geworden sind und durch neue kleine Mädchen unterstützt werden. Giovanna hat uns im vergangenen Jahr schon mit ihren orientalischen Tänzen fasziniert, was ihr auch diesmal mit Leichtigkeit gelang. Ihre anmutigen Bewegungen zum Tanz mit oder ohne Reif lassen so manchen träumen und genießen. Beim letzten Programmpunkt „Biodanza mit Martina“, gebe ich offen zu, war ich im Vorfeld etwas skeptisch, weil ich es nicht kannte. Biodanza kann man in etwa mit „Tanz des Lebens“ übersetzen und setzt sich aus Musik, Bewegung und Begegnung zusammen. Martina und Natascha warben beim Publikum mitzumachen und als sich eine kleine Gruppe zusammengefunden hatte, begannen die Kreistänze mit viel Schwung und freien Bewegungen. Faszinierend hierbei war die Zusammensetzung der Tanzenden. Mütter mit sehr kleinen Kindern, eine Frau mit ihrer Mutter, die an den Gehwagen gebunden war, Frauen aus Afghanistan – bunter hätte das Bild nicht sein können. Die Freude an der Bewegung reichte bis in die letzte Ecke des Schlossparks und der Spaß an der Begegnung steckte an.

Es sind die Begegnungen mit Menschen, die diesen 4. Kunstmarkt der Generationen wieder einmal zu einem besonderen Erlebnis gemacht haben. Begegnungen mit KünstlerInnen, die uns sehr wertschätzende Rückmeldungen gaben. Begegnungen mit BesucherInnen, die sich offensichtlich wohl fühlten. Kinder, die überall dazwischen tobten, Erwachsene, die gute Gespräche führten, Freunde und Bekannte, die uns mit einem herzlichen Hallo und Lächeln motivierten. Begegnungen, die uns beschenkten und bestärkten auch im nächsten Jahr wieder einen Kunstmarkt der Generationen zu veranstalten. Und eine schöne Nachricht zum Schluss: Durch Spenden und den Erlös des Kunstmarktes der Generationen wird es möglich, dass sich die Kinder im KiJuNa – Kinder-, Jugend- und Nachbarschaftszentrum, demnächst in einer großen Vogelnestschaukel entspannen können.

Wir freuen uns auf die Begegnung mit Ihnen bei 5. Kunstmarkt der Generationen am 23. Juni 2018.

Der kleine Funke Freude an der Musik

„Reinhard Mey sang: ‚Über den Wolken, da muss die Freiheit wohl grenzenlos sein‘,“ sagt Andreas „aber so weit nach oben muss ich nicht, denn Musik machen ist wie fliegen!“ Das Statement drückt sehr schön das Gefühl aus, dass man zurück bekommt, wenn man mit den Bandmitgliedern von Telte spricht. Telte ist eine Band mit sechs Musikern, die alle insbesondere die Freude an der Musik und des gemeinsamen Musizierens in den Vordergrund stellen. Doch fangen wir früher an.

Am Anfang stand die Idee, eine Band zu gründen, die sich aus MitarbeiterInnen des Stadtteilzentrum Steglitz e.V. zusammensetzt. Kristoffer, der seit  2009 im Verein arbeitete, brachte von Haus aus das nötige Wissen und die Fähigkeiten mit, einer Band den notwendigen Rahmen zu geben. Verschiedene KollegInnen wurden gefragt und schließlich einfach losgelegt. So einfach allerdings nicht, weil alle neuen Bandmitglieder große Lust hatten, zusammen Musik zu machen, das Leistungsvermögen der Mitglieder aber sehr unterschiedlich ausgeprägt war. Kristoffer blickte auf eine lange Banderfahrung zurück, angefangen vom Gitarren- und Klavierunterricht, der Schulband an der Kastanienschule, der ersten eigenen Band „Beatbuztaz“, „Liedermacherkram“, „Das Theater“ und nun „Telte“. Hanfried, kein Mitarbeiter des Stadtteilzentrums, aber von Anfang an ehrenamtliches Vorstandsmitglied, spielte früher in einer Schulband. Thomas beschreibt seine damalige Gitarrenerfahrung eher als Lagerfeuerromantik geprägt. Toni erzählt, sie hätte als Kind einmal in einem Chor gesungen, aber immer geträumt einmal Sängerin zu sein, deren Mut und Begeisterung sie bewunderte. Andreas war zu diesem frühen Zeitpunkt der Bandgeschichte wohl der erste treue Fan. Jan ist das einzige Bandenmitglied, das nicht für den Verein arbeitet. Er ist sozusagen „angeheiratet“, weil seine Frau in einer Kita des Trägers arbeitet. Er bedient das Schlagzeug von Beginn an äußerst wahrnehmbar. So war das Anfangsrepertoire der Band auf maximal drei Akkorde beschränkt, was sich natürlich auf die Songauswahl auswirkte. Gespielt wurde alles, was nicht zu kompliziert war.

Was aber keinem der Bandmitglieder fehlte, war Mut. Sie probten fleißig und vor allem mit viel Hingabe. Schon recht früh trauten sie sich den ersten Auftritt vor Publikum zu. Am Mitarbeitertag im April 2010 spielte Telte das erste Mal vor allen Mitarbeitern des Vereins. Aller Nervosität zum Trotz schafften sie es, die MitarbeiterInnen zu begeistern, was bester Ansporn war, weiterhin dieses gemeinsame Hobby zu pflegen. Das Erlernen der Texte, besonders der englischen, sei ihr anfänglich schwer gefallen, erzählt Toni, bis sie eine für sich passende Methode gefunden hat. Die Musik speichert sie im iPod und übt mit den Textblättern in der Hand. Mit der Zeit ging es immer leichter und sie wurde sicherer, besonders wenn sie die Musik spüren kann und Spaß an den Texten hat. Neben dem Gesang managt sie die Band, wenn es um Termine und Auftritte geht. Am Anfang hat die Band stets vor wenigen, meist persönlich eingeladenen Gästen gespielt. Mittlerweile blickt Telte auf eine ansehnliche Reihe von Auftritten zurück. Ob im Stadion Lichterfelde beim Sommerfest, der Steglitzer Festwoche, auf privaten Geburtstagsfeiern oder geschäftlichen Tagungen und Events, die Anfragen kommen meist aus dem Publikum, das sich von der guten Laune der Band anstecken lässt. Kommt eine Anfrage, schaut Toni sich den Raum an, bespricht, was gewünscht ist und kombiniert alles mit den Terminkalendern der Bandmitglieder und der erforderlichen Ausrüstung. An zwei Auftritte erinnert sie sich lachend: Als die musikalische Unterstützung der Berlin-Christmas-Biketour angefragt wurde, sah sie sich mit der Band in schöner weihnachtlicher Stimmung auf dem großen LKW durch den Bezirk fahren. Tatsächlich spielte die Band auf einem Kartoffelwagen am Sammelpunkt der Motorräder auf dem Steglitzer Damm. Dumm war nur, dass es bitterkalt war und sich die Gitarre schlecht mit Handschuhen spielen lässt. Aber sie hielten trotz Schneegestöber durch. Ein anderes Mal wurden die Band  für eine Tagung gebucht, deren Fachleute den Bandmitglieder recht – sagen wir – nüchtern erschienen. Ernsthafte Bedenken kamen auf, ob man sie mit der Musik fesseln kann. Tatsächlich fing der Auftritt erst um 23 Uhr an. Das Publikum ließ sich aber derart begeistern, dass die Band bis 2.30 Uhr in der Nacht, getragen von der Begeisterung des Publikums, durchspielte. Wie sich ein Auftritt entwickelt, lässt sich nun mal schlecht im Vorfeld planen. Auch ein Unwetter haben sie tapfer ertragen und nass weiter gespielt. So hat jeder Auftritt seine ganz spezielle eigene Note.

Wenn man an die Anfänge der Band zurück denkt, ist es heute kein Vergleich mehr mit Telte aus dem Jahr 2010. Das Repertoire umfasst mittlerweile 60 bis 70 Songs. Darunter finden sich ein paar Lieder aus der Anfangszeit, aber auch viele zum Teil „komplizierte“ und selbst arrangierte Songs. Inzwischen legt die Band Wert darauf, nicht „nur“ zu covern, sondern den Stücken in gewisser Weise eine eigene „Telte-Note“ zu geben. Wenn diese eigenen Arrangements beim Publikum gut ankommen, wird der Ansporn umso größer. Zudem macht sich deutlich bemerkbar, dass die Band mittlerweile richtig gute Instrumente, gute Technik und einen professionell ausgestatteten Proberaum hat. Trotzdem ist es eine Freizeitband. Es geht nur um den Spaß, gemeinsamen zu musizieren. Darum, Lieder nachzuspielen, die gefallen. Es gibt, außer bei den Proben direkt vorm Auftritt, keinen spürbaren Druck. Kristoffer ist bewusst, dass er nicht mit musikalischen Fachbegriffen um sich werfen und voraussetzen kann, verstanden zu werden. Die Vorbereitung neuer Songs ist für ihn immer eine große Herausforderung. Er muss Tonarten anpassen und komplexe Songs simplifizieren, so dass sie immer noch gut klingen, aber einfach zu spielen sind. Die Auswahl der Musikstücke obliegt allen Bandmitgliedern. Sie sitzen regelmäßig zusammen und jeder kann Vorschläge machen. Wenn der Rest der Band einverstanden ist, kommt das Stück auf die Liste und wird probiert, ob es geht. Oft wird ein Song dann wieder rausgeschmissen, weil er die Band über- oder unterfordern oder auch weil er keinen Spaß macht. Bei anderen Stücken ist sofort eine gemeinsame Idee, eine besondere musikalische Energie spürbar und sie verlieben sich in den Song. Für jeden Auftritte wird im Vorfeld eine Setlist zusammengestellt. Dabei entscheidet der Anlass, das erwartete Publikum und der zur Verfügung stehende Zeitrahmen, was auf die Liste kommt und gespielt wird.

Wen man in der Anfangsbesetzung der Band nicht findet ist Andreas. Bei einer offenen Bandprobe von Telte setzte er sich einmal unbewusst auf eine braune „Holzkiste“. Von der Musik inspiriert, trommelte er mit den Händen zum Takt der Musik auf diese Kiste und stellte voller Erstaunen fest, dass sie Töne von sich gab. Die Band bekam das irgendwie mit und hinterher sprach ihn Kristoffer an, ob er sich vorstellen könnte zur nächsten Probe zu kommen? Gesagt, getan – nun wusste er, dass es sich bei der braunen Kiste um ein Cajon handelte. So kam er in die Band und hat Cajon spielen gelernt, was er als eine der besten Entscheidungen seines Lebens bezeichnet. Irgendwann wurde er bei den Bandproben öfter angesprochen, ob er nicht Bass spielen will? Das ignorierte er lange Zeit, da er glaubte, es nicht hinzubekommen. Hanfried erzählte ihm aber, er hätte einen schönen Bass, den er ihm für wenig Geld verkaufen könnte und erneut kniete sich Andreas rein und lernte. Nun, er kann den Bass spielen, was er im Besonderen der Unterstützung und Begleitung von Kristoffer zuschreibt.

Musik machen mit Telte, egal ob Proben oder Auftritte, empfinden alle Bandmitglieder als absoluten Ausgleich zum häufig anstrengenden Job. Hier können sie entspannen und den Alltag ausblenden. Man fühlt, hört, lernt einfach im Spielen und das ohne jeden Druck, rein aus Freude an der Musik. Die Höhepunkte des Musikerlebens sind natürlich die Auftritte. Wichtig ist allen: Sie sind keine Profis, sie machen das, weil sie Lust auf Musik haben und weil es Spaß macht, zusammen zu spielen. Musik machen ist ihr Hobby. Daraus resultiert eine gewisse Leichtigkeit und Freude, die sich, so hoffen sie, aufs Publikum überträgt. Tragend ist dabei die Energie auf der Bühne mit dem kurzen Weg zwischen einem Patzer und dem Lachen. Fehler dürfen sein und ein Neustart eines Liedes ist kein Makel.

Die Bandmitglieder sind Freunde mit einem gemeinsamen Hobby. Was das bedeutet, beschreibt Thomas, der im Alltag Geschäftsführer ohne Lücke im Terminkalender ist. In der Band spielt das überhaupt keine Rolle. Hier ist Kristoffer der Boss. Sie nennen ihn resepkt- und liebevoll ihren „El Capitano“. Er entscheidet, wenn sie musikalisch nicht mehr weiter wissen, er weist auf Fehler hin und lobt, wenn was gut geklappt hat. Er sorgt dafür, dass sie sich fordern, anstrengen und besser werden. Wenn Thomas falsch spielt, gibt es keinen „Geschäftsführer-Bonus“. Dann wird er genauso kritisiert wie jeder andere in der Band. Das ist eine perfekte und notwendige Voraussetzung dafür, dass er sich in der Band wohl fühlt und beim Musik machen entspannen und abschalten kann. Vollkommen raus aus der Chefrolle fallen und einfach nur „Kollege und Freund“ zu sein, ist für ihn das besondere. Nur Freunde waren sie auch, als es die Band nach Polen führte. Jan, dessen Heimatland Polen ist, hatte zweimal eingeladen und so verbrachten sie jeweils ein Wochenende dort. Neben kulinarischen Freuden warteten Jans Freunde, die ebenfalls zum Teil in Bands spielen. So spielten sie gemeinsam Musik, die keine Grenzen kennt und verbrachten unvergessene Zeit zusammen.

Kristoffer ist das einzige Bandmitglied, das über die Freizeitband hinaus seine Musik mit dem Beruf verbindet. Seit der Grundschulzeit schreibt er eigene Texte, die er vertont. Das macht er auf der einen Seite nur für sich selbst durch Songs, die seine Stationen im Leben spiegeln und für seine Familie, aber auch nicht zuletzt für seine Arbeit. Hier hat er im letzten Jahr ein Projekt gestartet, bei dem er zusammen mit Kindern aus dem KiJuNa – Kinder-, Jugend- und Nachbarschaftszentrum, Texte schreibt, dann gemeinsam mit musikalischen Kollegen die Musik dazu komponiert und aufnimmt. Zuletzt werden diese Lieder zusammen mit den Kindern gesungen. Sein Plan ist, noch in diesem Jahr ein komplettes Album dieses Projektes zu präsentieren. So hat er es in der Vergangenheit schon mehrfach verstanden, mit verschiedenen Projekten den Kindern wunderschöne Erfolgserlebnisse zu vermitteln und das KiJuNa zu einer musikalischen Einrichtung zu machen.

Telte ist eine Freizeitband und doch fehlt die Verbindung zum sozialen Träger, aus dem sich die Mitglieder größtenteils zusammensetzen, nicht ganz. Viele Auftritt sind mit einem Spendenziel verbunden, auf das gerne, aber dezent hingewiesen wird. Spielt die Band über die geplante Liederliste hinaus, kann sich das Publikum Lieblingslieder wünschen. Die Spendendose steht nicht weit von der Wunschliste entfernt. Vor allem geht es aber um Spaß, Gemeinsamkeit und den kleinen Funken Freude an der Musik, der immer wieder auf das Publikum überspringen kann!

Lust auf Musik? Informationen und Kontakt Veronika Mampel, Tel 0173 2 34 46 44, E-Mail: v.mampel@sz-s.de.

Acryl, Aquarell oder doch lieber Pastell?

Es fängt in aller Ruhe an. Die Kursleiterin richtet die Tische für die nächsten 2 ½ Stunden ein. Kleine Staffeleien, Farben, Becher mit verschiedensten Pinseln, eine Gliederpuppe, Malmittel, Wassertöpfe und anderes, finden Platz auf dem Tisch. Die Tischdecke, fast als wäre sie ein eigenes Bild, zeugt von sehr vielen Bildern, die hier schon entstanden sein müssen. Die ersten Kursteilnehmerinnen finden sich ein, begrüßen sich und bereiten ihre Plätze vor. Sie suchen sich die notwendigen Utensilien, stellen eigene Arbeitsmittel dazu und beginnen mit ihren Werken. Seit 12 Jahren, jeden Mittwochvormittag, verwandelt sich der Kieztreff in eine Malwerkstatt.

Das Wort „Werkstatt“ drückt im besten Sinne aus, was hier passiert: Es bietet sich Raum zum gemeinsamen Arbeiten, Experimentieren, Probieren, Lernen, Austauschen, Besprechen – im Fokus die Kunst, die sehr individuell auf jede Teilnehmerin abgestimmt ist. Das zeigt sich am deutlichsten, wenn wir den Teilnehmerinnen über die Schulter schauen. Bei der ersten fällt eine große Plastikflasche mit feinem Sand auf. Ich frage, was der zwischen den Farben zu suchen hat und erfahre, dass Sand mit Farbe gemischt, die Oberflächenstruktur beeinflusst sowie die Farbe verdichtet. Sand sei allerdings nicht die einzige Möglichkeit, es wurde hier schon mit Kaffeesatz oder Sägespänen und anderem experimentiert. Die Künstlerin mischt sich verschiedene Farbtöne auf ihre Palette, den Sand dazu, und taucht in die Farbflächen ihres Bildes ein, mischt, ergänzt, verdichtet, Fläche um Fläche. Die nächste Teilnehmerin hat gleich vier Malgründe vorbereitet und malt parallel an allen. Entstehen soll ein Jahreszeiten Pentaptychon. Kein leichtes Unterfangen, da Farben natürlich auch einer Temperatur unterliegen und Nuancen entscheidend sein können. „Die Farben haben immer ihr eigenes Leben,“ sagt sie dazu. „Erst entsteht eine Vision eines Bildes, die zur Idee wird und schließlich einer ganz eigenen Entwicklung unterliegt.“ Die vierte Kursteilnehmerin experimentiert auf unbekanntem Gebiet. Sie hat sich erstmalig einer Collage gewidmet. Ein Bild einer Frau aus einer Zeitung hat sie fasziniert und man merkt, wie es in ihr arbeitet, wenn ihr Pinsel seinen Weg über die Leinwand sucht. 

 

 

 

 

„In der Schule haben sie mir immer gesagt, dass ich nicht malen könne,“ erzählt die nächste Künstlerin und zeigt stolz ihr Blumenbild. Ihre Mutter und der Ehemann konnten sehr gut malen und es hätte sie immer selber gereizt. Als sie den Aushang der Malwerkstatt sah, hätte sie es einfach versucht. Sie hält stolz das gerahmte Bild in den Händen, überlegt, ob die Rahmenfarbe passt und straft das frühere schulische Urteil ab. Der Aushang der Malwerkstatt hat auch die nächste Teilnehmerin in den Kieztreff gelockt. Sie hätte noch nie gemalt, erzählt sie. Jetzt ist sie so begeistert, dass sie jeden Tag an ihren Werken arbeitet. Schaut man sich die Bilder an, mag man kaum glauben, dass sie vor kaum zwei Monaten angefangen hat Bekanntschaft mit Pinseln und Farben zu machen.

In der Unterschiedlichkeit der Teilnehmerinnen und deren Technikvielfalt offenbart sich die Intension der Malwerkstatt, die Ursula Langer-Weisenborn vor so vielen Jahren ins Leben gerufen hat. Sie gründete eine offene Malgruppe für kreative und experimentierfreudige Erwachsene. Hier ist alles erlaubt, was im Spielraum der Ideenvielfalt und Kreativität der TeilnehmerInnen liegt. Ursula Langer-Weisenborn macht keine Vorgaben wie und an was gearbeitet werden soll. Kommen neue TeilnehmerInnen hinzu, hinterfragt sie behutsam, wo das Interesse liegt, welche Technik geeignet sein könne, wie man eine Idee verwirklichen kann. Arbeiten die TeilnehmerInnen an ihren Werken, wird gemeinsam betrachtet, miteinander Erfahrungen ausgetauscht und so der kreative Diskurs gefördert. Farben, Materialien und Techniken können sich ein künstlerisches Wechselspiel erlauben, dass sich in den unterschiedlichsten Bildern offenbart und jedem nach Vermögen einen Erfolg bescheinigt. Ob Acryl-, Aquarell- oder Temperafarben verwendet werden, mit Pastell- oder Kohlestiften gezeichnet wird, Leinwand oder Papier als Malgrund verwendet wird, spielt keine Rolle. Das gemeinsame Arbeiten gibt Impulse, fördert Ideen und Ausdrucksvermögen. So wird es unwesentlich, ob jemand „gut malen“ kann oder gerade erst seine Kreativität entdeckt. Es gilt das geeignete Ausdrucksmittel und den persönlichen Weg ins kreative Arbeiten zu finden.

Die professionelle Anleitung durch Ursula Langer-Weisenborn gibt dabei den sicheren Rahmen. Die Leiterin der Malwerkstatt berät und gibt Anregungen, aber bestimmt keine Vorgaben für das Arbeiten. Die Diplom-Pädagogin weiß aus eigenen Erfahrungen und ihrem Studium in Berlin, London und Rom, dass Kunst Bewegungsfreiheit braucht und immer im aktuellen gesellschaftlichen Kontext zu sehen ist. Deshalb gibt es in der Malwerkstatt auch keine Anwesenheitspflicht. Die Zusammensetzung der KursteilnehmerInnen wechselt von Woche zu Woche. Die Aufwandsentschädigung wird nur für die tatsächlich in Anspruch genommenen Termine bezahlt. Neben der Malwerkstatt bietet Langer-Weisenborn die „Malwerkstatt für Mütter“ an, die sich in der Freude am kreativen Arbeiten entspannen können und Ausdrucksmöglichkeiten finden, für Dinge die sich sonst schwer in Worte fassen lassen. Ihr eigenes künstlerisches Arbeiten stellt Langer-Weisenborn in der Malwerkstatt in den Hintergrund. In der Malwerkstatt sind ihre pädagogischen sowie handwerklichen Erfahrungen ausschlaggebend. Nicht das fertige Bild, sondern eher der schaffensreiche Prozess zum Bild steht im Vordergrund. Eigene Bilder zeigt sie auch im diesem Jahr beim 4. Kunstmarkt der Generationen, die sie unter das Thema „Rosen“ gestellt hat. Auch die Malwerkstatt kann auch auf Gemeinschaftsausstellungen im Kieztreff, im Gutshaus Lichterfelde oder Nachbarschaftsheim Schöneberg und anderem zurückblicken.

Ich frage eine Teilnehmerin, ob Konkurrenz ein Thema in der Werkstatt sei: „Nein, eher manchmal so ein kleiner Neid,“ antwortet sie mit einem Augenzwinkern. Nach meinem Besuch überlege ich, wie mein Bild aussehen könnte, welchen Pinsel, welche Farben, welche Technik ich wählen würde. Acryl, Aquarell oder doch lieber Pastell? Das offene Konzept, die Stimmung und Ruhe laden zum Mitmachen ein.

Malwerkstatt – offene Malgruppe für Erwachsene
Mittwochs, 9.30 – 11.30 Uhr im Kieztreff, Celsiusstraße 60, 12207 Berlin.
Gebühr 10 € pro Termin, Grundmaterial wird gestellt.
Neueinstieg ist jederzeit möglich.

Malwerkstatt – offene, kreative Gruppe für Mütter
Montags, 9.30 – 11.30 Uhr im Kieztreff, Celsiusstraße 60, 12207 Berlin.
Gefördert durch das SRL-Projekt Steglitz-Zehlendorf.
Das Material wird gestellt.

Leitung: U. Langer-Weisenborn, Diplompädagogin, freischaffende Malerin
Informationen und Anmeldung: 030 77 32 84 77


4. Kunstmarkt der Generationen

24. Juni 2017, 12.00 – 18.00 Uhr,
Schlosspark Lichterfelde am Hindenburgdamm 28, 12203 Berlin

Informationen und Kontakt:
Manuela Kolinski,
Projektleiterin Gutshaus Lichterfelde,
Telefon 030 84 41 10 40, E-Mail: kolinski@stadtteilzentrum-steglitz.de

Wie würde dein Raum aussehen?

Die Ausstellung „The Haus“

Ich sage es lieber gleich am Anfang: Dies ist der Beitrag einer Unwissenden, aber er muss geschrieben werden, schließlich war das, was ich gesehen habe, großartig. Die Organisatoren sagen sogar zurecht, dass es „fresh“ und „überkrass“ sei. Es geht um Kunst, die unter normalen Umständen in keinem Museum zu finden ist. Es geht um Street-Art und die aktuelle Ausstellung „The Haus“ in Berlin. Eine Ausstellung, die gestaltet wurde, um am Ende doch zerstört zu werden. Schon früh in diesem Jahr wurde das Ereignis über viele Kanäle angekündigt und schon früh verabredete ich mich mit meinem Freund Sebastian „The Haus“ gemeinsam anzuschauen. Anfang April wurde die Ausstellung eröffnet und wie erwartet wurde ein großer Besucherandrang gemeldet. Wir warteten etwas ab bis schließlich die Verabredung stand.

Ich habe mich wirklich sehr darauf gefreut, denn von Anfang an war klar, dass wir etwas Besonderes sehen würden. Eine bessere Begleitung hätte ich nicht finden können. Sebastian versteht es bestens selber mit der Sprühdose typografische Bilder zu kreieren, Wände, Autos, Bauwagen oder auch ganz einfach Papier in Kunst zu verwandeln. Hätte er keinen anderen Weg gewählt, wäre er vielleicht bei dieser Ausstellung dabei gewesen. Etwas neugierig habe ich mich vorher auf der Internetseite der Ausstellung informiert und geschaut, was mich erwartet.

„The Haus“ ist eine temporäre Galerie. Eine leerstehende Bank mitten in Berlin, um die Ecke von Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und dem Europacenter, stand 165 Künstlern zur Verfügung. Künstler, die das komplette Gebäude in ein Haus voller Street- und Urban-Art verwandelt haben. Jedem Künstler oder Team stand ein Raum zur Verfügung, um ihre Ideen und Visionen zu verwirklichen. Entstanden sind Gemälde, Video-Installationen, Skulpturen, Projektionen, Illustrationen und vieles mehr, wobei jeder Raum und jede Fläche ihre eigene Botschaft trägt. Straßenkunst wurde in ein Gebäude geholt, um nach zwei Monaten wieder zerstört zu werden. Zwei Monate ist die wohl einzigartigste Galerie der Welt eröffnet. Es ist ein Projekt von DIE DIXONS, einer Künstler-Crew, die alle Beteiligten und Verantwortlichen von dieser ungewöhnlichen Idee begeistern konnte. Ich finde viele Informationen auf der wirklich gut gemachten und durchdachten Internetseite www.thehaus.de. Nur eins gefällt mir nicht: Ich lese unter anderem, dass Besucher gebeten werden am Eingang ihre Smartphones einzutüten und während des Besuches keine Fotos zu machen. Na klasse, genau mein Ding … eine Ausstellung besuchen und keine Fotos machen dürfen. Hilft aber nichts, ich will es ja sehen.

Auf dem Weg zur Ausstellung schaue ich sehr genau aus dem Bus und in der U-Bahn, wo ich Graffitis an den Wänden sehe. Ich freue mich sehr, dass ich bald das, was der Straße vorbehalten ist, in konzentrieren Form in einem Gebäude sehen werde. Mein Freund Sebastian ist schon dort und wartet in der Warteschlange. Ich hatte gelesen, dass maximal 199 Besucher hereingelassen werden. Nun, wir haben uns länger nicht gesehen und ein junger Vater hat eine Menge zu erzählen, genauso wie die Mutter, deren Kinder gerade die Welt erobern. So ging die halbe Stunde schnell vorbei. Kurz vor dem Einlass bekommen wir die angekündigte Tüte für die Smartphones und auch eine smarte Nachfrage oder Hinweis auf den Presseausweis hilft nichts – die Dinger müssen in die Tüte. Aber … wir waren drin.

Im Prinzip waren wir gleich im Eingangsraum des ersten Treppenabsatzes gefangen und betrachteten sehr lange das uns gebotene Graffiti. Wir wussten ja noch nicht, was vor uns lag. Schon hier hätten wir länger verweilen können und die gekonnte Machart des Bildes betrachten können. Wir sind beide der darstellenden Kunst verbunden und im Umgang mit Farben, Malmitteln, Pinsel oder Spraydose, nicht unbedarft. So war es ein leichtes in den Sog der verschiedensten Künstler einzutauchen. Jeder, wirklich jeder der 165 KünstlerInnen hat seine eigene Handschrift und nichts lässt sich vergleichen. Es sind Bilder, Visionen, Träume, Statements, Anklagen, Hinweise, Proteste und vieles mehr verbildlicht worden, jedes in seiner Sprache. Man kann sogar sagen, dass man binnen zwei bis drei Stunden in „The Haus“ durch 165 Ausstellungen wandeln darf. Sebastian und ich haben es durchs Treppenhaus geschafft und in der vierten Etage angefangen uns die Räume zu erschließen. Gesprayt oder getaped, gestupft, gemalt, mit Schablonen gearbeitet … kaum eine Technik ist nicht vertreten.

Der einzige Künstler, den ich im Vorfeld kannte, war El Bocho, weil ich einen seiner Galeristen kenne. Alles andere waren für mich bis dahin unbekannte Namen. Sebastian sagte, dass er vier der Künstler aus früheren Zeiten kenne. Überhaupt klang in allem, was er mir erklärte und erzählte, viel Wehmut mit. Ich denke, er hätte gerne sofort losgelegt. Er verstand es aufs beste mir die Wortbilder auseinander zu setzen und den Schwung der Buchstaben zu erklären. Die Schriften sind bestens geeignet die fähigsten Typografen neidisch zu machen und in vielen Räumen steck Potential schöner Innenarchitektur. Aber schön ist die falsche Bezeichnung für die meisten Räume. Vieles bringt düstere Botschaften in ästhetischem Gewand dem Betrachter näher.

In der zweiten Etage gestehe ich Sebastian kleinlaut, wie froh ich bin, dass ich nicht fotografieren darf. Ich fühlte mich vollkommen in der Bildwelt gefangen. Hätte ich mich jetzt auch noch damit beschäftigen müssen, was und in welchem Licht oder Winkel fotografiert werden soll, wäre ich hoffnungsvoll überfordert gewesen. Schlimmer noch, ich hätte sicherlich einiges übersehen. Die Besucher werden hier vollkommen vereinnahmt und das Fotoverbot steht zu Recht. In der dritten Etage bekomme ich fast das Gefühl, dass ich satt bin und komme an die Grenzen dessen, was ich fassen kann. Ich tröste mich mit dem Gedanken an den Katalog und – was ich vorher gelesen hatte – die wirklich gute Übersicht aller Künstler auf der Internetseite. In diesem Pdf THE ARTIST LINE UP findet man Künstlernamen und Webseiten und kann nach Interesse nacharbeiten. Doch trotz voranschreitender Sättigung hätte ich um nichts in der Welt einen Raum, eine Fläche oder Flur verpassen wollen. Sebastian und ich überlegen, wie unser Raum aussehen würde. Ob 199 oder 500 Besucher im Haus anwesend waren, war nicht wahrnehmbar. Überall war Platz, Ruhe und keiner, der drängelte. Und niemand, nicht einmal wir, standen jemandem fotografierend im Blickfeld. 

Mein persönlicher Favorit war „Amigo“, der mir mit urbaner Kalligrafie besonders gefällt. Aber auch ein Raum, dessen eine Hälfte schwarz/weiß und die andere Hälfte in bunt die gleiche Handschrift trägt. Dies war der Raum der „Super Bad Boys„, in dem auch Sebastian fasziniert vor sich hin strahlte. Eigentlich jedoch ist es nicht richtig einzelne Künstler herauszuheben. Es wurde gemeinschaftlich ein Projekt verwirklicht, das seines Gleichen noch lange suchen wird. Es ist alles durchdacht, sehr gut als Projekt umgesetzt, herausragend von den Künstlern umgesetzt und selbst der Abriss des Gebäudes im Juni in seiner Konsequenz ist folgerichtig.

Ich werde Street-Art künftig mit anderen Augen betrachten, nicht mehr so ganz unwissend, und hoffe, dass diese Kunstformen weit größere Akzeptanz als bisher erfahren wird. Sogar Sebastian, für den Street-Art bisher nur eine weniger „coole“ Spielart des Graffiti war, fühlte sich nachhaltig beeindruckt und wachgerüttelt, wie er gestand. Ich hoffe, dass Abrisshäuser den Künstlern angeboten werden und hoffe, dass auch junge Straßenkünstler, die nicht legal ihre Tacks verteilen, durch solche Projekte neue Perspektiven bekommen. Und hoffe, dass ich meinem Freund Basti bald mit einer Spraydose in der Hand über die Schulter schauen kann. Schön war es! 🙂

 

Mein Respekt gilt den Künstlern und Machern – ich bin dankbar, dass ich diese besondere Ausstellung sehen durfte.

Mit Dank für die Erlaubnis die Fotos verwenden zu dürfen:
© Million Motions – Eugen Lebedew 

Mein Bildschirmschoner heißt „Ich habe gute Laune!“

Meine Kaffeetasse steht unter dem Vollautomat und ich warte, dass die Bohnen fertig gemahlen mit heißem Wasser das wichtige Morgengetränk bereiten. Während ich warte, kommt mein Chef dazu, wir wechseln ein paar Sätze und kommen auf die am nächsten Tag geplanten Klausurtagung. Einmal im Jahr treffen sich alle ProjektleiterInnen des Stadtteilzentrums Steglitz e.V. um zukunftsweisende Themen zu erarbeiten. In diesem Jahr steht der Tag unter dem Thema „Leiten und Führen!“ Ich beschwere mich ein bisschen, dass meine Motivation bei dem Thema nicht sehr groß ist. In meiner Funktion gehöre ich keinem Team an, leite und führe nicht, sondern bin eher ein Einzelkämpfer. Klar muss ich immer wieder alle MitarbeiterInnen für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit begeistern, aber direkte Personaltätigkeiten habe ich nicht. Der Chef, Thomas Mampel – falls ich es noch nie erwähnt habe – gibt mir zu bedenken, dass ich quasi doch mich selbst leiten und führen muss. Wie es denn mit meiner Selbstmotivation aussieht, was ja auch zu „leiten und führen“ gehört. Sofort und noch während er mir das Thema schmackhaft macht, fängt mein Kopf an zu arbeiten (sogar noch ohne Kaffee). Selbstmotivation ist von Natur aus ein sehr beliebtes Thema, mit dem ich mich oft, bewusst und gerne beschäftige. Der Klausurtag ist in Form eines Barcamps geplant. Jeder kann sein Thema einbringen und versuchen dafür Interessierte zum Austausch zu finden. Mein Thema steht also fest.

Am Klausurtag biete ich dieses Thema an und trotz vieler interessanter, parallel laufender Themen, sitzen wir in einer kleinen Runde und beschäftigen uns mit den Dingen, die uns selber Motor und Antrieb sind. Dabei stellte sich sehr schnell heraus, wie unterschiedlich Selbstmotivation je nach Charakter aufgefasst und genutzt wird. Braucht der eine kleine Rituale, ist es beim anderen die Rückmeldung und beim dritten die Vorstellung eines erreichten Ziels. Das Erledigt-Häkchen war genauso dabei, wie ein Erfolgstagebuch oder Motivation durch Musik. Dem einen Kollegen hilft die Möglichkeit Aufgaben auf das einfachste herunterzubrechen, dem anderen die Freiheit und das Vertrauen seinen Arbeits- und Aufgabenbereich selber zu gestalten. Wir haben wirklich eine Menge Aspekte gefunden, die unsere Selbstmotivation stärken, aber einen gemeinsamen Nenner dafür nicht.

Ich wage zu bezweifeln, dass es einen ausschlaggebenden Aspekt der Selbstmotivation gibt. Je nachdem in welchem Kontext ich mich bewege, müssen jeweils andere Aspekte greifen, die mich in meinem Handeln führen, bestärken und antreiben. Ist es das eine Mal eine positive Vorstellung, kann es ein anderes Mal eine reale Belohnung sein und ein drittes Mal ein erleichtertes Aufatmen. Selbstmotivation spiegelt meine persönliche Haltung und Lebenseinstellung wider und ist eine Fähigkeit, die ich erlernen und pflegen kann. Trainiere ich sie, kann sie treue und sehr effektive Dienste leisten, die mein Handeln in allen Facetten positiv voranbringen. Schon Kinder sollten sehr früh die Möglichkeit und Fähigkeit erlernen, das „Selbst“ zu leben, zu probieren, zu entscheiden und so eigene Erfolge zu erleben. Erlebte Erfolge graben sich tief ins Bewusstsein ein, die künftige Aufgaben beeinflussen. Das „stolz sein“ etwas geschafft zu haben, beflügelt und motiviert im Folgenden.

Im Internet finde ich Seiten voll mit Listen, die alle möglichen Formen der Selbstmotivation anbieten. Motivation durch: erkannten Sinn und Zweck einer Aufgabe, … messbare und realistische Ziele, … machbare Teilaufgaben, … durch Klarheit, … durch Vereinfachung, … Zielvorstellungen, … durch Niederlagen als Lernschritte, … dadurch negative Denkbarrieren abzuschalten, … durch Gefühl, … durch Belohnung, … durch feste Zeitpunkte, … durch bewusste Auszeiten, … durch Druck, … durch kleine Rituale, … durch To-do-Listen, … durch ein Erfolgstagebuch, … durch Verbündete, … durch Rückmeldung, … durch Vorbilder, … durch Weiterentwicklung, … durch Lachen und positives Denken, … durch Energiequellen, … durch Musik, … durch Mut, … durch Kreativität, … selber andere Motivieren. Ganz egal, was gerade als Motivation greift, ist die Selbstmotivation grundsätzlich von dem Willen beeinflusst, etwas erreichen zu wollen.

Mein persönlich stärkster Motivator ist vornehmlich der Optimismus. Sicherlich von manchen hin und wieder belächelt, hilft es mir immer das Gute einer Sache zu betrachten und positive Umstände zu schaffen. Natürlich kann ich auch schlecht gelaunt sein, wütend werden, irgendjemanden so richtig blöde finden, entsetzt sein oder übelst schimpfen. Ich kann meinen inneren Schweinehund in die Hölle wünschen und mich selber dafür verfluchen. In der Regel halte ich es in dem Zustand jedoch nicht lange aus. Über die „Kraft des positiven Denkens“ haben meine Großeltern schon viel geredet und irgendwann ist der Funke auf mich übergegangen. Ich bin von der positiven Selbstsuggestion überzeugt. Mein Denken steuert mein Handeln, was ein bewusster Prozess und eine klare Entscheidung ist. Optimismus und positives Denken hat nichts damit zu tun, sich die Welt schön zu färben, hilft jedoch enorm sich in ihr erfolgreich zu bewegen.

Den Optimismus muss ich natürlich auch trainieren, dies ganz besonders, wenn sich widrige Umstände auftun. Aber ich habe meine kleinen Hilfen: Als Bildschirmschoner steht bei mir der Satz „Ich habe gute Laune!“. Meine Passwörter sind immer ein positiver Satz. Ich gehe an fast keinem Spiegel vorbei, in dem ich mir kein Lächeln schenke (auch wenn ich muffelig bin). Ich liebe Smileys, als Aufkleber oder wenn ich schreibe. Schöne Dinge machen mir gute Laune, was sich z.B. in zahllosen Blumenbildern wiederfindet. Und noch ein paar andere Sachen. Mit Optimismus, positivem Denken, Humor, Offenheit und einer guten Portion Selbstironie ist man, denke ich, recht gut aufgestellt und gut in der Lage sich selbst zu motivieren. Das mit dem Schweinehund trainiere ich noch, immer wieder, mal mehr oder weniger erfolgreich … 😉

Und wenn’s mal nicht klappt mit der Selbstmotivation? Nun, ich habe gelernt, dass man manchen Dingen ihren Lauf lassen muss. Fehlt eine gute Idee, lieber einer anderen Aufgabe zuwenden und später weiter machen. Wenn der Antrieb fehlt, einfach mal akzeptieren, dass ich nicht immer 100 % geben kann (99 % tun es auch 🙂 ). Der Schweinehund hat mal wieder gewonnen? Neue Strategien planen … Das wichtigste mit der Selbstmotivation ist, dass wir ehrlich mit uns selbst sind, sozusagen Experten in eigener Sache – dann klappt es! Bestimmt!