Wie würde dein Raum aussehen?

Die Ausstellung „The Haus“

Ich sage es lieber gleich am Anfang: Dies ist der Beitrag einer Unwissenden, aber er muss geschrieben werden, schließlich war das, was ich gesehen habe, großartig. Die Organisatoren sagen sogar zurecht, dass es „fresh“ und „überkrass“ sei. Es geht um Kunst, die unter normalen Umständen in keinem Museum zu finden ist. Es geht um Street-Art und die aktuelle Ausstellung „The Haus“ in Berlin. Eine Ausstellung, die gestaltet wurde, um am Ende doch zerstört zu werden. Schon früh in diesem Jahr wurde das Ereignis über viele Kanäle angekündigt und schon früh verabredete ich mich mit meinem Freund Sebastian „The Haus“ gemeinsam anzuschauen. Anfang April wurde die Ausstellung eröffnet und wie erwartet wurde ein großer Besucherandrang gemeldet. Wir warteten etwas ab bis schließlich die Verabredung stand.

Ich habe mich wirklich sehr darauf gefreut, denn von Anfang an war klar, dass wir etwas Besonderes sehen würden. Eine bessere Begleitung hätte ich nicht finden können. Sebastian versteht es bestens selber mit der Sprühdose typografische Bilder zu kreieren, Wände, Autos, Bauwagen oder auch ganz einfach Papier in Kunst zu verwandeln. Hätte er keinen anderen Weg gewählt, wäre er vielleicht bei dieser Ausstellung dabei gewesen. Etwas neugierig habe ich mich vorher auf der Internetseite der Ausstellung informiert und geschaut, was mich erwartet.

„The Haus“ ist eine temporäre Galerie. Eine leerstehende Bank mitten in Berlin, um die Ecke von Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und dem Europacenter, stand 165 Künstlern zur Verfügung. Künstler, die das komplette Gebäude in ein Haus voller Street- und Urban-Art verwandelt haben. Jedem Künstler oder Team stand ein Raum zur Verfügung, um ihre Ideen und Visionen zu verwirklichen. Entstanden sind Gemälde, Video-Installationen, Skulpturen, Projektionen, Illustrationen und vieles mehr, wobei jeder Raum und jede Fläche ihre eigene Botschaft trägt. Straßenkunst wurde in ein Gebäude geholt, um nach zwei Monaten wieder zerstört zu werden. Zwei Monate ist die wohl einzigartigste Galerie der Welt eröffnet. Es ist ein Projekt von DIE DIXONS, einer Künstler-Crew, die alle Beteiligten und Verantwortlichen von dieser ungewöhnlichen Idee begeistern konnte. Ich finde viele Informationen auf der wirklich gut gemachten und durchdachten Internetseite www.thehaus.de. Nur eins gefällt mir nicht: Ich lese unter anderem, dass Besucher gebeten werden am Eingang ihre Smartphones einzutüten und während des Besuches keine Fotos zu machen. Na klasse, genau mein Ding … eine Ausstellung besuchen und keine Fotos machen dürfen. Hilft aber nichts, ich will es ja sehen.

Auf dem Weg zur Ausstellung schaue ich sehr genau aus dem Bus und in der U-Bahn, wo ich Graffitis an den Wänden sehe. Ich freue mich sehr, dass ich bald das, was der Straße vorbehalten ist, in konzentrieren Form in einem Gebäude sehen werde. Mein Freund Sebastian ist schon dort und wartet in der Warteschlange. Ich hatte gelesen, dass maximal 199 Besucher hereingelassen werden. Nun, wir haben uns länger nicht gesehen und ein junger Vater hat eine Menge zu erzählen, genauso wie die Mutter, deren Kinder gerade die Welt erobern. So ging die halbe Stunde schnell vorbei. Kurz vor dem Einlass bekommen wir die angekündigte Tüte für die Smartphones und auch eine smarte Nachfrage oder Hinweis auf den Presseausweis hilft nichts – die Dinger müssen in die Tüte. Aber … wir waren drin.

Im Prinzip waren wir gleich im Eingangsraum des ersten Treppenabsatzes gefangen und betrachteten sehr lange das uns gebotene Graffiti. Wir wussten ja noch nicht, was vor uns lag. Schon hier hätten wir länger verweilen können und die gekonnte Machart des Bildes betrachten können. Wir sind beide der darstellenden Kunst verbunden und im Umgang mit Farben, Malmitteln, Pinsel oder Spraydose, nicht unbedarft. So war es ein leichtes in den Sog der verschiedensten Künstler einzutauchen. Jeder, wirklich jeder der 165 KünstlerInnen hat seine eigene Handschrift und nichts lässt sich vergleichen. Es sind Bilder, Visionen, Träume, Statements, Anklagen, Hinweise, Proteste und vieles mehr verbildlicht worden, jedes in seiner Sprache. Man kann sogar sagen, dass man binnen zwei bis drei Stunden in „The Haus“ durch 165 Ausstellungen wandeln darf. Sebastian und ich haben es durchs Treppenhaus geschafft und in der vierten Etage angefangen uns die Räume zu erschließen. Gesprayt oder getaped, gestupft, gemalt, mit Schablonen gearbeitet … kaum eine Technik ist nicht vertreten.

Der einzige Künstler, den ich im Vorfeld kannte, war El Bocho, weil ich einen seiner Galeristen kenne. Alles andere waren für mich bis dahin unbekannte Namen. Sebastian sagte, dass er vier der Künstler aus früheren Zeiten kenne. Überhaupt klang in allem, was er mir erklärte und erzählte, viel Wehmut mit. Ich denke, er hätte gerne sofort losgelegt. Er verstand es aufs beste mir die Wortbilder auseinander zu setzen und den Schwung der Buchstaben zu erklären. Die Schriften sind bestens geeignet die fähigsten Typografen neidisch zu machen und in vielen Räumen steck Potential schöner Innenarchitektur. Aber schön ist die falsche Bezeichnung für die meisten Räume. Vieles bringt düstere Botschaften in ästhetischem Gewand dem Betrachter näher.

In der zweiten Etage gestehe ich Sebastian kleinlaut, wie froh ich bin, dass ich nicht fotografieren darf. Ich fühlte mich vollkommen in der Bildwelt gefangen. Hätte ich mich jetzt auch noch damit beschäftigen müssen, was und in welchem Licht oder Winkel fotografiert werden soll, wäre ich hoffnungsvoll überfordert gewesen. Schlimmer noch, ich hätte sicherlich einiges übersehen. Die Besucher werden hier vollkommen vereinnahmt und das Fotoverbot steht zu Recht. In der dritten Etage bekomme ich fast das Gefühl, dass ich satt bin und komme an die Grenzen dessen, was ich fassen kann. Ich tröste mich mit dem Gedanken an den Katalog und – was ich vorher gelesen hatte – die wirklich gute Übersicht aller Künstler auf der Internetseite. In diesem Pdf THE ARTIST LINE UP findet man Künstlernamen und Webseiten und kann nach Interesse nacharbeiten. Doch trotz voranschreitender Sättigung hätte ich um nichts in der Welt einen Raum, eine Fläche oder Flur verpassen wollen. Sebastian und ich überlegen, wie unser Raum aussehen würde. Ob 199 oder 500 Besucher im Haus anwesend waren, war nicht wahrnehmbar. Überall war Platz, Ruhe und keiner, der drängelte. Und niemand, nicht einmal wir, standen jemandem fotografierend im Blickfeld. 

Mein persönlicher Favorit war „Amigo“, der mir mit urbaner Kalligrafie besonders gefällt. Aber auch ein Raum, dessen eine Hälfte schwarz/weiß und die andere Hälfte in bunt die gleiche Handschrift trägt. Dies war der Raum der „Super Bad Boys„, in dem auch Sebastian fasziniert vor sich hin strahlte. Eigentlich jedoch ist es nicht richtig einzelne Künstler herauszuheben. Es wurde gemeinschaftlich ein Projekt verwirklicht, das seines Gleichen noch lange suchen wird. Es ist alles durchdacht, sehr gut als Projekt umgesetzt, herausragend von den Künstlern umgesetzt und selbst der Abriss des Gebäudes im Juni in seiner Konsequenz ist folgerichtig.

Ich werde Street-Art künftig mit anderen Augen betrachten, nicht mehr so ganz unwissend, und hoffe, dass diese Kunstformen weit größere Akzeptanz als bisher erfahren wird. Sogar Sebastian, für den Street-Art bisher nur eine weniger „coole“ Spielart des Graffiti war, fühlte sich nachhaltig beeindruckt und wachgerüttelt, wie er gestand. Ich hoffe, dass Abrisshäuser den Künstlern angeboten werden und hoffe, dass auch junge Straßenkünstler, die nicht legal ihre Tacks verteilen, durch solche Projekte neue Perspektiven bekommen. Und hoffe, dass ich meinem Freund Basti bald mit einer Spraydose in der Hand über die Schulter schauen kann. Schön war es! 🙂

 

Mein Respekt gilt den Künstlern und Machern – ich bin dankbar, dass ich diese besondere Ausstellung sehen durfte.

Mit Dank für die Erlaubnis die Fotos verwenden zu dürfen:
© Million Motions – Eugen Lebedew 

Mein Bildschirmschoner heißt „Ich habe gute Laune!“

Meine Kaffeetasse steht unter dem Vollautomat und ich warte, dass die Bohnen fertig gemahlen mit heißem Wasser das wichtige Morgengetränk bereiten. Während ich warte, kommt mein Chef dazu, wir wechseln ein paar Sätze und kommen auf die am nächsten Tag geplanten Klausurtagung. Einmal im Jahr treffen sich alle ProjektleiterInnen des Stadtteilzentrums Steglitz e.V. um zukunftsweisende Themen zu erarbeiten. In diesem Jahr steht der Tag unter dem Thema „Leiten und Führen!“ Ich beschwere mich ein bisschen, dass meine Motivation bei dem Thema nicht sehr groß ist. In meiner Funktion gehöre ich keinem Team an, leite und führe nicht, sondern bin eher ein Einzelkämpfer. Klar muss ich immer wieder alle MitarbeiterInnen für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit begeistern, aber direkte Personaltätigkeiten habe ich nicht. Der Chef, Thomas Mampel – falls ich es noch nie erwähnt habe – gibt mir zu bedenken, dass ich quasi doch mich selbst leiten und führen muss. Wie es denn mit meiner Selbstmotivation aussieht, was ja auch zu „leiten und führen“ gehört. Sofort und noch während er mir das Thema schmackhaft macht, fängt mein Kopf an zu arbeiten (sogar noch ohne Kaffee). Selbstmotivation ist von Natur aus ein sehr beliebtes Thema, mit dem ich mich oft, bewusst und gerne beschäftige. Der Klausurtag ist in Form eines Barcamps geplant. Jeder kann sein Thema einbringen und versuchen dafür Interessierte zum Austausch zu finden. Mein Thema steht also fest.

Am Klausurtag biete ich dieses Thema an und trotz vieler interessanter, parallel laufender Themen, sitzen wir in einer kleinen Runde und beschäftigen uns mit den Dingen, die uns selber Motor und Antrieb sind. Dabei stellte sich sehr schnell heraus, wie unterschiedlich Selbstmotivation je nach Charakter aufgefasst und genutzt wird. Braucht der eine kleine Rituale, ist es beim anderen die Rückmeldung und beim dritten die Vorstellung eines erreichten Ziels. Das Erledigt-Häkchen war genauso dabei, wie ein Erfolgstagebuch oder Motivation durch Musik. Dem einen Kollegen hilft die Möglichkeit Aufgaben auf das einfachste herunterzubrechen, dem anderen die Freiheit und das Vertrauen seinen Arbeits- und Aufgabenbereich selber zu gestalten. Wir haben wirklich eine Menge Aspekte gefunden, die unsere Selbstmotivation stärken, aber einen gemeinsamen Nenner dafür nicht.

Ich wage zu bezweifeln, dass es einen ausschlaggebenden Aspekt der Selbstmotivation gibt. Je nachdem in welchem Kontext ich mich bewege, müssen jeweils andere Aspekte greifen, die mich in meinem Handeln führen, bestärken und antreiben. Ist es das eine Mal eine positive Vorstellung, kann es ein anderes Mal eine reale Belohnung sein und ein drittes Mal ein erleichtertes Aufatmen. Selbstmotivation spiegelt meine persönliche Haltung und Lebenseinstellung wider und ist eine Fähigkeit, die ich erlernen und pflegen kann. Trainiere ich sie, kann sie treue und sehr effektive Dienste leisten, die mein Handeln in allen Facetten positiv voranbringen. Schon Kinder sollten sehr früh die Möglichkeit und Fähigkeit erlernen, das „Selbst“ zu leben, zu probieren, zu entscheiden und so eigene Erfolge zu erleben. Erlebte Erfolge graben sich tief ins Bewusstsein ein, die künftige Aufgaben beeinflussen. Das „stolz sein“ etwas geschafft zu haben, beflügelt und motiviert im Folgenden.

Im Internet finde ich Seiten voll mit Listen, die alle möglichen Formen der Selbstmotivation anbieten. Motivation durch: erkannten Sinn und Zweck einer Aufgabe, … messbare und realistische Ziele, … machbare Teilaufgaben, … durch Klarheit, … durch Vereinfachung, … Zielvorstellungen, … durch Niederlagen als Lernschritte, … dadurch negative Denkbarrieren abzuschalten, … durch Gefühl, … durch Belohnung, … durch feste Zeitpunkte, … durch bewusste Auszeiten, … durch Druck, … durch kleine Rituale, … durch To-do-Listen, … durch ein Erfolgstagebuch, … durch Verbündete, … durch Rückmeldung, … durch Vorbilder, … durch Weiterentwicklung, … durch Lachen und positives Denken, … durch Energiequellen, … durch Musik, … durch Mut, … durch Kreativität, … selber andere Motivieren. Ganz egal, was gerade als Motivation greift, ist die Selbstmotivation grundsätzlich von dem Willen beeinflusst, etwas erreichen zu wollen.

Mein persönlich stärkster Motivator ist vornehmlich der Optimismus. Sicherlich von manchen hin und wieder belächelt, hilft es mir immer das Gute einer Sache zu betrachten und positive Umstände zu schaffen. Natürlich kann ich auch schlecht gelaunt sein, wütend werden, irgendjemanden so richtig blöde finden, entsetzt sein oder übelst schimpfen. Ich kann meinen inneren Schweinehund in die Hölle wünschen und mich selber dafür verfluchen. In der Regel halte ich es in dem Zustand jedoch nicht lange aus. Über die „Kraft des positiven Denkens“ haben meine Großeltern schon viel geredet und irgendwann ist der Funke auf mich übergegangen. Ich bin von der positiven Selbstsuggestion überzeugt. Mein Denken steuert mein Handeln, was ein bewusster Prozess und eine klare Entscheidung ist. Optimismus und positives Denken hat nichts damit zu tun, sich die Welt schön zu färben, hilft jedoch enorm sich in ihr erfolgreich zu bewegen.

Den Optimismus muss ich natürlich auch trainieren, dies ganz besonders, wenn sich widrige Umstände auftun. Aber ich habe meine kleinen Hilfen: Als Bildschirmschoner steht bei mir der Satz „Ich habe gute Laune!“. Meine Passwörter sind immer ein positiver Satz. Ich gehe an fast keinem Spiegel vorbei, in dem ich mir kein Lächeln schenke (auch wenn ich muffelig bin). Ich liebe Smileys, als Aufkleber oder wenn ich schreibe. Schöne Dinge machen mir gute Laune, was sich z.B. in zahllosen Blumenbildern wiederfindet. Und noch ein paar andere Sachen. Mit Optimismus, positivem Denken, Humor, Offenheit und einer guten Portion Selbstironie ist man, denke ich, recht gut aufgestellt und gut in der Lage sich selbst zu motivieren. Das mit dem Schweinehund trainiere ich noch, immer wieder, mal mehr oder weniger erfolgreich … 😉

Und wenn’s mal nicht klappt mit der Selbstmotivation? Nun, ich habe gelernt, dass man manchen Dingen ihren Lauf lassen muss. Fehlt eine gute Idee, lieber einer anderen Aufgabe zuwenden und später weiter machen. Wenn der Antrieb fehlt, einfach mal akzeptieren, dass ich nicht immer 100 % geben kann (99 % tun es auch 🙂 ). Der Schweinehund hat mal wieder gewonnen? Neue Strategien planen … Das wichtigste mit der Selbstmotivation ist, dass wir ehrlich mit uns selbst sind, sozusagen Experten in eigener Sache – dann klappt es! Bestimmt!

Wir haben Probleme!

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Es ist eine liebe Gewohnheit geworden: Ich gehöre zu den Menschen, die man morgens besser nicht ansprechen sollte. Da mir das irgendwann bewusst wurde, habe ich mir angewöhnt, morgens eine Stunde vor der Zeit aufzustehen, mir einen Kaffee zu machen und eine ganze Stunde in Ruhe damit zu verbringen wach zu werden, Kaffee zu trinken, E-Mails zu lesen und Nachrichten auf dem iPad durchzusehen. Selbst der Hund tut in dieser Stunde so, als ob er mich nicht wahrnimmt. Seit ein paar Tagen erwische ich mich dabei, dass ich, wenn ich das iPad aufklappe, bei mir denke: „Mal sehen, was er heute wieder angestellt hat“. „Er“ ist der amerikanische Präsident. Das Lesen der Nachrichten ist unangenehm geworden. Wir rutschen von einer Fassungslosigkeit in die andere. Mir geht es jedenfalls so.

Ich habe lange überlegt, ob ich überhaupt etwas dazu schreibe. Die Fülle der Nachrichten ist erschlagend, die richtige Wahl der Quellen schwierig, neutral und objektiv keine verlässlichen Attribute für Journalismus mehr. Die reinen Fakten, sofern wir welche bekommen, widerstreben hingegen allem, woran ich glaube und was meine Grundwerte darstellt. Ich bin kein Experte, was globale Zusammenhänge angeht, kein Amerika-Kenner und auch wirtschaftliche Zusammenhänge sind mir recht undurchsichtig. Trotzdem habe ich ein Gefühl für Falsch und Richtig und dieses Gefühl sagt im Moment, dass wir gewaltige Probleme haben.

Ausschlaggebend, dass ich nun doch etwas schreibe, waren meine Cousine und mein Cousin, zweiten Grades. Sie lebt in Amsterdam, er in Omaha in den Vereinigten Staaten. Sie teilte in ihrem Facebookprofil den Aufruf, den weltweiten offenen Brief an Donald Trump auf Avaat.org zu unterzeichenen und zu teilen. Der Cousin reagierte mit einem wütenden Smiley. Ich hatte schon länger bemerkt, dass er diesen unfassbaren Präsidenten befürwortet. Einmal teilte er ein Bild, auf dem in etwa stand “Wünschen wir uns, dass Donald Trump ein guter Präsident sein wird. Ihm das Gegenteil zu wünschen, wäre das gleiche, wie einem Piloten zu wünschen, dass er gegen einen Berg fliegt – in einem Flugzeug in dem wir alle Passagier sind“. Als ich fragte, warum er gewählt worden wäre, wenn alle das wüssten, antwortete er, dass er die bessere Wahl war. Später hat er das Bild gelöscht. Es ist nur eine Familie, Cousins und Cousinen aus Amerika, Niederlanden und Deutschland und dennoch wirkt, was diesen neuen Präsidenten auszeichnet: Er spaltet Menschen, Familie, Völker und Gemeinschaften und er ist erst am Anfang.

Es ist unsinnig jetzt über die „Amerikaner“ zu lamentieren. Natürlich ist er gewählter Präsident, doch wie bei jeder Wahl, stehen auch ihm die Stimmen der Gegenkandidatin und die immense Zahl der Menschen, die nicht gewählt haben, entgegen. Dazu die Stimmen derjenigen, die nun aufhorchen und ihre Wahl bereuen. Es sind keine 324 Millionen Amerikaner, die das gut heißen, was aktuell dort drüben passiert. Es ist ein Mann, der Befürworter und Trittbrettfahrer um sich scharrt und ein ganzes Land in Aufruhr bringt. Bisher tut er das mit ein paar Dekreten, die für sich selbst schon schlimm, aber noch nicht Gesetz sind. Regieren muss er erst noch und erst dann wird man sehen, wie stark diese Nation ist. Wie das Land der Möglichkeiten seine Demokratie, sein Selbstverständnis als freie Nation und Land der Einwanderer, schützt.

Meine Sorge gilt mit dem Blick über den großen Teich unserem eigenen Land. Auch wir werden im Herbst wählen und auch bei uns ist der Populismus des Herrn Trump modern und gesellschaftsfähig geworden. Und nicht nur das: Mit dem Verbleib des Herrn Höcke in seiner Partei nach seiner Rede in Dresden, hat diese Partei für mich jeglichen Anspruch verloren, eine bürgerliche Partei zu sein. Sein Nichtausschluss ist gleichbedeutend mit einer Einladung aller rechten Gesinnungsbrüder sich in den Reihen dieser Partei in scheinbarer Demokratie zu bewegen und menschenverachtende Gedanken zu verbreiten. Was daraus wird, können wir alle aktuell in Amerika verfolgen und unsere Schlüsse daraus ziehen.

Auch wir werden wählen und ich hoffe, dass sowohl die Politik als auch jeder einzelne von uns, viele Wähler mobilisieren kann. Wir dürfen dankbar sein, dass wir wählen dürfen, was in vielen Ländern nicht geht. Wir haben mit Angela Merkel und Martin Schulz Kandidaten, die – gleich, welche politischen Richtung man bevorzugt – sich beide entschieden und deutlich für eine multikulturelle Gesellschaft einsetzen. Wir haben demokratische Mittel dieser alternativlosen Partei zu zeigen, dass für sie kein Platz ist.

Jeder kann etwas tun. Es gibt schöne Beispiele dafür: Der offene Brief an Donald Trump hat aktuell fast 5 Millionen Unterzeichner, auf change.org gibt es eine Petition, die sich für ein „Einreiseverbot für Donald Trump nach Deutschland“ einsetzt, mit fast 30.000 Stimmen, in Facebook gibt es eine Gruppe, die sich #ichbinhier nennt – „eine Aktionsgruppe, die sich für eine bessere Diskussionskultur in den Sozialen Medien einsetzt. Statt Hass, Beleidigungen und Lügen wollen wir ein sachliches, konstruktives Miteinander.“ Das sind nur drei Beispiele und ich bin sicher, dass es in den nächsten Monaten immer mehr werden. Es wird Demonstrationen geben, Aktionen, Aufrufe und Veranstaltungen. Unterstützen wir sie, werden wir laut und unmissverständlich für eine offene Gesellschaft. Entwickeln wir eigene Ideen. Ich habe überlegt sozusagen die Blogparade „Schreiben gegen Rechts“, Teil II, zu starten. Ich denke, wir müssen zeigen, dass wir dieses multikulturelle Leben wollen und darin unsere Zukunft sehen. Und falls jemand denkt, dass so eine Unterschrift doch nichts bringt: Doch, tut sie, weil wir klar Stellung beziehen – immer wieder. Amerika ist so weit weg und in Wirklichkeit doch so nah! Auf twitter habe ich gelesen „Jetzt können wir endlich herausfinden, was wir anstelle unserer Großeltern getan hätten“ „Bitter …“ war ein Kommentar darunter. Ja, bitter ist was Amerika erlebt und wir an einen ähnlichen Punkt gekommen sind. Bitter … wenn wir jetzt nicht aktiv werden.

Ich möchte mein iPad aufschlagen und lesen, dass Amerika einen offenen, einigenden Präsidenten hat. Ich möchte lesen, dass Deutschland eine gute Wahl getroffen hat, die Rechten zwar hier und da gewählt wurden, sich aber selber in ihren queren Gedanken ins Nichts führen. Ich möchte gerne lesen, dass Europa seine Chance aus der Amerika-Krise verstanden hat, ein eigenes Profil hat und sich stark neben dem sogenannten „großen Bruder“ platziert hat. Ich würde gerne lesen, dass der IS in die Geschichtsbücher wandert, Kriegsregionen aufgebaut und Religionen sich mischen dürfen. Es wäre schön zu lesen, dass mein Cousin seine Wahl nicht bereuen muss. Ich würde so vieles gerne lesen – aber dazu muss ich, wie so viele andere auch – wach und aktiv sein.

Ohne Headline …

Foto: Pixabay

Kürzlich fiel mir auf, dass ich jedes Mal, wenn ich länger über etwas nachdenke, dem Thema meiner Gedanken sehr schnell eine Headline gebe. Es ist so, als wenn ich in meinem Kopf einen Beitrag schreibe. Vermutlich färbt mein Beruf oder auch das Blogschreiben ab. In den letzten Wochen las oder hörte ich viele Zusammenfassungen des aktuellen Jahres und musste über mein persönliches Jahr 2016 nachdenken. Nur dafür – so sehr ich mich auch bemühe – finde ich keine Headline. Viele unterschiedliche  Begebenheiten haben dieses Jahr geprägt, viele unterschiedliche Menschen haben eine entscheidende Rolle gespielt und viele Dinge haben erst begonnen, müssen weiterverfolgt oder beendet werden. Das Jahr lässt sich in Subheadlines ausdrücken, die entscheidend waren und mir lange im Gedächtnis bleiben werden:

Die Blogparade – Schreiben gegen Rechts
Ich bin kein mutiger Mensch, fasste im Februar dennoch Mut und veröffentlichte den Aufruf „Schreiben gegen Rechts!“ und lud zur Blogparade ein. Ich hatte gehofft, vielleicht um die zehn Beiträge zusammen zu bekommen, was für mich als Erfolg verbucht worden wäre. Es wurden tatsächlich weit über 80 teilnehmende Beiträge und es wurde unglaublich viel kommentiert. Daraus ist ein eBook entstanden (mein erster Versuch mit diesem Format), es sind neue wertvolle Kontakte entstanden und ähnlich wie bei meinem Beitrag über die Bundeswehr 2014, bekam ich wieder einen Eindruck, was Internet tatsächlich bedeutet. Die Blogparade hat mich bis in den April sehr beschäftigt. Ganz besonders aber bekam ich das Gefühl, mit meiner Einstellung für Offenheit und Toleranz bei weitem nicht alleine zu sein, und dass jedes geschriebene und gesprochene Wort, für Empathie und Miteinander über Grenzen hinweg, ein wertvolles Wort ist … jedes einzelne die richtige Antwort auf rechte Parolen. Das Emblem der Blogparade bleibt in der linken Seitenleiste des Blogs und ich werde auch künftig jede Gelegenheit ergreifen mich für meine Überzeugung zu äußern. Denn nur wenn wir das tun, können wir andere zu nachdenken anregen und Schweigen beenden. Die Solidarität, die sich in allen Beiträgen zeigte hat mich tief beeindruckt und ich bin jedem einzelnen dafür sehr dankbar.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne
Herrmann Hesse drück sehr gut aus, was es für mich bedeutete, mich nach 13 Jahren von meiner geliebten Stadtteilzeitung trennen zu müssen. Der Vehemenz und dem Wunsch meines Chefs nach einem neuen Format der Öffentlichkeitsarbeit machte es erforderlich, mich mit der Erstellung von eBooks und einem Magazin zu beschäftigen. Ich gebe zu, dass ich mich anfangs schwer tat, aber glücklicherweise lasse ich mich gerne von Herausforderungen begeistern. So erschien im April die letzte von 131 Stadtteilzeitungen, die an meinem Computer entstanden und am 1. Mai das erste Magazin „Im Mittelpunkt“ als gedrucktes Heft und als eBook. Zähneknirschend, aber gerne und mit einem Lächeln, muss ich zugeben, dass der Wechsel von Zeitung zu Magazin zeitgemäß und erforderlich war. Durch das Magazin können wir im Sinne der sozialen Arbeit viel spezifischer arbeiten. Das eBook-Format bietet Möglichkeiten, die wir noch lange nicht ausgeschöpft haben. … Und schließlich – der Moment in dem der iTunes-Store meldete, dass er das Magazin veröffentlichte … großartig! 😃

Erst die Fremde lehrt uns, …
ist der erste Teil des Spruchs von Theodor Fontane, der uns in diesem Jahr nach Prag und nach Kreta führte. Die schönen Tage in Prag hatte ich in einem Beitrag beschrieben. In Erinnerung blieb vor allen Dingen die schöne Architektur der Stadt, und die schöne Zeit mit meinem besten Freund und Ehemann. Diese Städtereise lässt uns weitere Ziele planen, da die Kinder so langsam ihre eigenen Wege gehen. Auf Kreta haben wir zwei wunderschöne Wochen verbracht, denn wir mussten zuhause ausziehen. Darüber konnte ich aus Zeitmangel nicht mehr schreiben. In Erinnerung sind entspannte, freundliche Menschen, ein wirklich schöner, sauberer Strand, eine bunte Vegetation und traumhafte Landschaftsbilder. Wir fahren sicherlich noch einmal dorthin.

… was wir an der Heimat haben …
sagt der zweite Teil des Spruchs. 2016 haben wir uns einen langen Wunsch erfüllt und unser Haus kernsaniert und angebaut. In den zwei Wochen Kreta-Urlaub wurden unsere Bäder neu gemacht. Im März hatte mein Mann die ersten Holzpaneele herausgerissen und Ende September kamen die Handwerker zum letzten Mal. Ich bin oft in meinem Leben umgezogen. Jeder Umzug ist einfacher als ein Haus umzubauen und währenddessen darin wohnen zu bleiben. Wir konnten das Wort „Staub“ nicht mehr hören, noch mochten wir ihn spüren. Es war oft schwierig und hat uns viel Geduld abverlangt. Die Firma, die den Umbau durchführte, war in jeder Hinsicht klasse. Sie haben nicht umgebaut, sondern mitgedacht, beraten und letztlich wirklich gut umgesetzt. Auch haben alle Nachbarn in irgendeiner Weise geholfen. Die einen hüteten den Hund, die anderen halfen Bauschutt zu entsorgen, passten auf oder übten sich in großer Geduld, wenn auch am Wochenende gebohrt wurde. Spätestens als wir einrichten konnten und nicht mehr von Zimmer zu Zimmer umziehen mussten, wurde uns klar, was wir über Jahre gesammelt hatten und nutzen die Gelegenheit ohne Ende auszumisten. Wir haben immer noch nicht alle Zimmer durch sortiert und fertig, aber wir genießen ein helles und schönes Haus. Mit diesem Umbau ist endgültig klar, dass wir „Zuhause“ angekommen sind, was für ein Bundeswehrkind und einen Berufssoldaten schon eine tiefe Bedeutung hat.

Ein Reich ist leicht zu regieren, eine Familie schwer
… sagt ein Sprichwort. Dieses Jahr hat gezeigt, dass man sich nie zu sicher sein sollte, wie die Familiengeschicke laufen. Der Herr Schmidt ist Pensionär und doch nicht mehr. Was als Urlaubsvertretung im Rahmen einer Wehrübung anfänglich gedacht war, entwickelte sich als durchgehenden Dienst. Die Wehrübung, die im April begann wurde verlängert und verlängert, und wird auch das nächste Jahr ausfüllen. Der pensionierte Berufssoldat erfüllt seinen Dienst im alten Büro. Zuhause trauen wir uns wieder eine Kaffeetasse einfach so stehen zulassen … die straffe Haushaltsorganisation des Familienoberhauptes hat eine Pause. 😉

Ich spreche hier meistens von zwei Töchtern, was so aber nicht ganz stimmt. Wenn ich von ihnen erzähle meine ich die gemeinsamen Töchter. Die älteste Tochter, die dritte, stammt aus der ersten Ehe meines Mannes. Ihr Lebensweg war lange nicht der unsere und getrennt, was sich in den letzten zwei Jahren aber ändert und eine schöne Entwicklung nimmt. Im Sommer hat sie nun geheiratet und wir freuen uns über immer größere Nähe. Dafür hat die zweite Tochter, die erste gemeinsame, beschlossen, ihre Mutter etwas leiden zu lassen und verbringt immer mehr Zeit bei ihrem Freund. Es ist nicht leicht, auch wenn man immer weiß, dass es so kommen wird, das Kind gehen zu lassen. Im gleichen Maß wie ich „leide“ freue ich mich aber mein Kind glücklich mit ihrem lieben Freund zu sehen. Glücklich über die häufige Abwesenheit der mittleren Tochter ist ganz besonders die Jüngste, die entspannt den Einzelkindstatus genießt.

Der Tod, die Nachrichten und viele Ereignisse …
Das dieses Jahr vielen neuen Idole Platz gemacht hat, musste letztendlich auch ich zugeben. Viele Kindheitshelden und Vorbilder sind gegangen. Ich stelle mir die Party im Himmel vor … es muss ein großartiges Fest sein. Auch unsere Familie musste den Tod eines Mitgliedes erleben. Mein Onkel Fridolin Hablitzel hat mit 94 Jahren beschlossen, dass er seinen Weg auf der Erde beendet. Dieser Tod war von Bedauern, aber nicht von Traurigkeit begleitet. Wir wissen, dass er Traurigkeit nicht gewollt hätte, er hatte schon lange gesagt, dass sein Soll erfüllt ist und wir werden uns immer an einen besonderen Mann und sein Lachen erinnern. Ich durfte meine ersten vier Berufsjahre in seiner Werbeagentur lernen – Lehrjahre, die mein Berufsleben prägten, wofür ich noch heute dankbar bin.

Mit Sorge betrachtete ich über das ganze Jahr die Nachrichten, die uns alle bewegten. Besonders der Krieg in Syrien, Attentate und immer stärkere rechte Tendenzen in allen Ländern. Die Wahl des neuen amerikanischen Präsidenten lähmte mich etwa 14 Tage lang und ich war in gewisser Weise unglücklich und dankbar zugleich, dass ich in den letzten Monaten kaum Zeit fand für meinen Blog zu schreiben oder in befreundeten Blogs zu lesen. Ich verstehe die Empathielosigkeit vieler Menschen und den Nationalismus der Länder nicht. Je größer mein Unverständnis wird, desto größer wird mein Wunsch rechten Tendenzen Widerstand zu leisten.

Neben dem, was wir wie oben beschrieben erlebten, passierten in diesem Jahr viele Ereignisse, die schöne Erinnerungen hinterlassen. Seit meiner Jugend bin ich das erste Mal wieder auf eine Demo gegangen, die Menschenkette gegen rechts, in sehr netter Begleitung. Wir durften den 3. Kunstmarkt der Generationen organisieren und ausrichten und ich freue mich sehr auf den 4. Markt. Im Juni lud meine Mutter zu einem Familienfest ein – wie dankbar bin ich ein Teil dieser großen, bunten und multinationalen Familie zu sein. In diesem Jahr durfte ich bis in den Dezember immer wieder Menschen kennenlernen, die mich sehr beeindruckt haben und ich hoffe, dass ich einige dieser Kontakte vertiefen und festigen kann. Bestehende lange Kontakte haben sich sehr positiv verändert und ich fand die Kraft, mich von einigen wenigen zu trennen – auch das gehört dazu.

Es war ein sehr intensives Jahr, in dem eins nicht dazu gehörte und das war Ruhe!

Da ich auch viel über das Älter werden nachdachte und schlicht feststellen kann, wie wohl ich mich mit meinen Lebensjahren fühle, möchte ich zum Schluss das vollständige Gedicht „Stufen“ von Herrmann Hesse anführen, von dem ich mich sehr angesprochen fühle. Ich wünsche allen, die das hier lesen ein wunderbares neues Jahr, besonders Gesundheit und jeden Tag ein Lächeln. Ich bin neugierig auf 2017, es darf ein bisschen ruhiger als 2016 sein … aber wenn ich ehrlich bin … ich kenne mich und meine Ideen … es wird nie langweilig werden! 😃 Vielleicht gibt’s 2017 dann eine Headline … seid herzlich gegrüßt!

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Hermann Hesse

Der Hartz4-Nazi … war einmal

Foto: Pixabay

 

Selten, ganz selten lese ich Kommentare, die irgendwelche Nutzer in sozialen Netzwerken unter Beiträge schreiben. Sie sind oft abstoßend und selten werden konstruktive, differenzierte Meinungen geäußert. Es ist so leicht, so anonym zu hetzen. Aus irgendeinem Grund blieb ich bei einem Artikel doch an den Kommentaren hängen und lese: „Hartz4-Nazi“. … Ich überlege, was ein Hartz4-Nazi ist. Ich google, aber finde keine richtige Antwort. Das Wort ist eine Beschimpfung, eine Beleidigung, ein Vorurteil und in sich völlig bescheuert. Natürlich weiß ich, was vordergründig gemeint ist. Doch um es richtig zu verstehen, muss ich wohl erst verstehen, was ein Nazi ist. Genau da liegt mein Problem – ein Versuch:

Ich mache eine kleine Liste mit Begriffen, die mir einfallen, wenn ich mir einen Nazi vorstelle. Schon allein das ist schwer, weil natürlich der Springerstiefel-Typ als Erstes in den Sinn kommt. Die Sache ist jedoch viel subtiler, versteckt sich doch so mancher Nazi im Küchenkittel oder Nadelstreifen-Anzug. Und sich vorzustellen, was der Nazi im Kopf hat … ähm … Also:

Eins der häufigsten Probleme, dass Menschen mit dieser Gesinnung haben müssen, ist der Wohlstandsverlust und daraus bedingte Existenzangst. Immer wieder lese ich, dass die bösen Flüchtlinge viel mehr Geld bekommen, als einheimische Bedürftige. Dass dies schlicht und einfach falsch ist und jeglicher Grundlage entbehrt, spielt keine Rolle. Wenn der eine es behauptet, glaubt es der nächste, angebliche Rechenbeispiele werden aus dem Zusammenhang gerissen, falsche widerlegte Zahlen trotzdem in den Netzwerken geteilt – es tut ja so gut, wenn man weiß wer der böse ist. Wenn einer schreit, applaudieren zwei andere und schon tut’s nicht mehr so weh. Ich behaupte mal, dass keine alleinerziehende Mutter, keine Oma im Rentenalter, kein arbeitsloser Mann je einen Euro zu wenig bekommen hat, weil die bösen Flüchtlinge da sind. Wir leben mit einem der besten Sozialsysteme der Welt und trotzdem ist Alters- sowie Kinderarmut ein sehr ernstes Thema bei uns … aber das sind ganz andere Töpfe und gehen den Flüchtling nichts an!

Mangelndes Geschichtsbewusstsein möchte ich fast gleichsetzen mit Realitätsverlust. Geschichte ist nicht zu ändern und die Welt in der wir leben ist bunt. Speziell Deutschland war immer ein Durch- und Einwanderungsland. Die Deutschen sind nicht erst seit den beiden letzten Weltkriegen, der Einwanderungswelle von Türken und Italienern der Nachkriegszeit, der Aufnahme von Menschen aus den Jugoslawienkriegen, Spätheimkehrern, Sudetendeutschen und vieles mehr, vollkommen gemischt und von anderen Völkern durchsetzt. Keine Familie und kein Freundeskreis kann behaupten rein Deutsch zu sein, falls es das überhaupt gibt. Gäbe es ein „Rein Deutsch“ wären wir sehr wahrscheinlich ein degenerierter Haufen von Menschlein, die in der Welt keine Rolle spielten und noch in den Höhlen der Urzeiten vor sich hin vegetierten. Was bei uns in den Landstrichen passiert, die von Durchmischen anderer Nationen ausgeschlossen waren oder sind, kann man fast täglich in der (Lüge-)Presse lesen.

Womit der gemeine Nazi im meinen Augen auch die seinen vor den Zusammenhängen der Länder der Welt verschließt. Ein Staat kann heute nur im Verbund mit anderen Nationen und im offenen Transfer existieren. Verschließen wir uns, verkümmern wir, machen Handel, Wirtschaft und Fortschritt zunichte. Grenzen zu schließen bedeutet Kriege und Allianzen zu fördern, die Vernichtung nach sich ziehen.

Die Empathielosigkeit vor dieser Vernichtung ist ein weiteres Merkmal, dass in der Liste auftaucht. Via Internet erleben wir die Kriege in der Welt als fänden sie im eigenen Wohnzimmer statt. Wir sehen Bilder von Menschen, die unerträgliches Leid erfahren und wollen diesen Menschen einen sicheren Platz bei uns verwehren? Der Gedanke tut mir fast körperlich weh. Ich erlebe Menschen, die über Flüchtlinge schimpfen, sie an Grenzen erschießen lassen wollen, Asylbetrüger in jedem sehen, der nicht ins Bild passt … und gleichzeitig die Todesstrafe für Tierquäler fordern. Jedem Hund und jeder Katze mehr Wohlstand und fettere Bäuche gönnen, als Menschen, die vorm Verhungern flüchten.

Übersteigertes Selbstbewusstsein und Bildungsresistenz möchte ich in einem Satz nennen, gehört es für mich doch sehr zusammen. Der normale Nazi ist nämlich nicht von der ungebildeten Sorte und müsste eigentlich, wenn er einen rein logischen Denkprozess einsetzen würde, wissen, dass seine Thesen und Behauptungen haltlos, selbstsüchtig und veraltet sind. Es gibt für mich bis heute keinen einzigen Grund aus dem sich ein Mensch einem anderen gegenüber als höherwertig stellen kann – der Nazi tut’s … also kann er ja nur so selbstverliebt sein, … oder … ich vermute fast … so wenig von sich selber halten, dass es in übersteigertes Selbstbewusstsein umschlägt. Wäre das nicht so fürchterlich, müsste man fast mit Mitleid kämpfen …

Machtwille steht als letztes in meiner Liste und das ist ein sehr trauriger Punkt. Beobachtet man die politische Entwicklung im Land, stellt man fest, wie einige wenige mit viel Polemik, mit gemachter Angst und Populismus, eine Masse lenken, die Lämmer-gleich und ohne Hinterfragen nachplappert, schreit und brüllt. Das „Hatten-wir-schon-mal!“ bleibt bewusst ungehört und jeglicher Wille aus der Geschichte zu lernen fehlt. Die Lämmer merken nichts … mäh!

Der Nazi ist – unbelehrbar – da … und er war immer da! Die rechte Gesinnung wird – wieder – gesellschaftsfähig. Das ist der Punkt, der mir Angst und mich nachdenklich macht. Er wird wieder so gesellschaftsfähig, dass in den Netzwerken schon eine Art Ranking unter den Nazis beginnt. Der Hartz4- und Springerstiefel-Nazi ist böse und dumm. Bleiben ja noch genug andere, die den politischen Entwicklungen gedankt, sich frei und offen unter uns bewegen. Als wären sie befreit, ihre Parolen endlich wieder in die Gesellschaft zu tragen. Wir geben ihnen Raum in Talkshows, auf der politischen Bühne und in der Nachbarschaft. Wir empören uns ein bisschen, wenn ein Polizist einer rechten Veranstaltung ein gutes Gelingen wünscht. Entschuldigen es damit, dass es ja in dem bestimmten Bundesland passiert. Unsere Politiker halten die Klappe, weil nach der Wahl vor der Wahl ist, hoffend, dass nicht zu viele Stimmen wegwandern.

Sie waren immer da und fanden Unterschlupf in den etablierten Parteien, die ihr Profil mehr und mehr einbüßen. Jetzt ist es nicht mehr unfein besorgt, rechts, gegen Werte zu sein – denn – und das kann ich nicht mehr hören – so ist nun mal Demokratie. Was ein Nazi ist, verstehe ich wohl. Warum er jetzt in offener Weise mein Nachbar, mein Kollege, der Mann im Bus sein könnte – das verstehe ich nicht und nicht, dass wir – die Nicht-Nazis – nicht viel lauter schreien. Ich kann nicht nachvollziehen und will auch nicht verstehen, wie ein Nazi denkt. Brauche ich auch nicht – denn er besinnt sich neuer Namen … besorgter Bürger oder Mitglied der Partei, die eben keine Alternative ist. Der Hartz4-Nazi war einmal … jetzt kommen andere.

Die Frau auf der Bank

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Zuhause, wenn wir uns zum Essen an den großen Tisch setzen, hat jeder von uns seinen Stammplatz. Das ist nicht gewollt und hat sich mit der Zeit ergeben. Von meinem Stuhl aus schaue ich genau auf den kleinen Platz vor unserem Haus. An beiden Seiten der Wiese des Platzes steht jeweils eine Bank und ich kann die linke der beiden beobachten. Viel ist dort nicht los, aber hin und wieder sitzt jemand auf der Bank und ruht sich etwas aus. Vor kurzem saßen wir an einem Sonntag beim Frühstück und unterhielten uns. Aus dem Augenwinkel, ohne dem Aufmerksamkeit zu schenken, nahm ich wahr, dass sich eine Frau auf die Bank setzte. Wir beendeten das Frühstück nach einiger Zeit. Ich räumte den Frühstückstisch auf und schaute danach wieder aus dem Fenster. Sie saß immer noch dort – die Frau auf der Bank.

Ich bin mir nicht ganz sicher, warum mir gerade diese Frau auffiel. Ich schätzte sie über 50 Jahre. Sie war vollständig mit einem hellblauen Gewand gekleidet – einem hellblauen Mantel und hellblauen Kopftuch, das über die Schultern ging. Das Gesicht, die Hände und Schuhe waren frei. Sie saß alleine dort und bewegte sich kaum. Es war ein schönes und ruhiges Bild, was an diesem Sonntag und in den darauf folgenden Tagen bis heute nicht mehr aus meinem Kopf ging. Auch eine Stunde später saß sie dort, zwei weitere Stunden später und bis in den frühen Nachmittag hinein. Mal saß sie auf der rechten Seite der Bank, mal links. Mal saß sie mit überkreuzen Händen dort, mal hatte sie die Ellenbogen auf den Knien und stützte den Kopf oder legte die Hände seitlich auf die Bank. Mehr Bewegungen gab es nicht. Es war ein schönes und ruhiges Bild und doch war es traurig, aber es zog mich immer wieder an und ich schaute öfter, ob sie noch dort sitzt.

Mehr als das, was ich gesehen habe, weiß ich nicht über sie. Ich weiß nicht wie sie heißt oder woher sie gekommen ist. Auch nicht wohin sie ging. Ich vermute, dass sie aus einem fremden Land kam, sonst hätte sie nicht eine solche Tracht getragen. Ich weiß nicht, was sie dazu bewogen hat einen ganzen Sonntag auf einer Bank im Sonnenschein zu verbringen. Und gerade das lässt mich immer wieder an sie denken. Was hat sie gedacht, woran hat sie sich erinnert, was hat sie beschäftigt. 

Was hat sie erlebt? Ich nehme an, dass sie in der Erstaufnahme-Einrichtung an unserer Ecke wohnt. Die Menschen, die dort leben, kommen aus den unterschiedlichsten Ländern. Alle haben einen weiten Weg hinter sich. Alle haben Geschichten hinter sich, die sie berechtigen, von einer Notunterkunft in eine Erstaufnahme-Einrichtung zu wechseln. Das bedeutet, sie sind geduldet in unserem Land. Um geduldet zu sein, muss man Gründe haben oder Geschichten erlebt haben, die alles andere als angenehm, eventuell sogar existenzgefährdend oder lebensbedrohlich sind. Sie sind geduldet – das bedeutet auch, dass sie nicht wissen, wie die Zukunft aussehen wird. Es sind Menschen, die nur von einem Tag auf den anderen leben und planen können. Die sich mit den Gegebenheiten in der Einrichtung arrangieren müssen, ganz gleich ob im Nebenzimmer vielleicht sogar Menschen aus einem verfeindeten Land leben. Sie müssen warten bis unsere Behörden reagieren und ihnen vielleicht zugestehen, dass sie länger bei uns leben dürfen. Sie sind auf andere Menschen angewiesen, die ihnen vorschreiben, ob und wie ein Neuaufbau ihres Lebens möglich wird. Sie dürfen nicht über ihr eigenes Fortkommen entscheiden. Sie müssen aushalten … jeden Tag aufs neue. Die Vorstellung, meine persönlichen Geschicke von anderen entscheiden lassen zu müssen, macht mich wütend!

Welchen Weg hat sie genommen? Ist sie alleine oder mit ihrer Familie zu uns gekommen. In welchem Land hat diese Reise begonnen und was hat sie erlebt, das sie zu dieser Reise gezwungen war? Waren es nur Landwege oder musste sie auch über das Wasser? Das Meer, in dem auch in diesem Sommer so viele Menschen ertrinken. Das gleiche Meer, das uns im Sommer so viel Freude machte. Hat sie erlebt, wie Menschen ertranken? Musste sie an versperrten Grenzen und in trostlosen Lagern warten? War sie auf menschenverachtende Schlepper angewiesen, die ihr und ihrer Familie das letzte Geld abnahmen? Was hat sie gefühlt, als sie doch unsere Grenze erreichen und einreisen durfte? Wie wurde sie bei uns aufgenommen? Ich bin mir sicher, dass ihre Reise keine angenehme war – eine Reise, an deren Ende keiner weiß, wie das Leben weitergehen wird. Allein die Vorstellung alles hier und heute liegen zu lassen und zu wissen, dass ich es nie wieder so sehen werde, macht mir Angst!

Wo ist ihre Familie? Warum sitzt sie einen ganzen Tag alleine auf einer Bank. Ist es in der Unterkunft so eng und laut, dass sie einfach ein paar Stunden Ruhe braucht oder ist sie überhaupt allein? Konnte sie mit der ganzen Familie hierher kommen oder musste sie geliebte Menschen zurücklassen? Hat sie im Krieg in ihrem Land schon den Mann, den Sohn oder Töchter verloren? Was denkt sie bei der Vorstellung nie wieder auf dem heimischen Markt ihre Nachbarn und Bekannte zu treffen. Wie geht es ihr, wenn sie hier beim Einkauf im Supermarkt argwöhnisch betrachtet wird? Hat sie jemanden hier mit dem sie zusammen lachen kann? In den südlichen Ländern hat Familie eine ganz andere Bedeutung und Zusammenhalt als bei uns. Trotzdem graut mir vor dem Gedanken auf irgendeinen von meinen liebsten Menschen verzichten zu müssen!

So könnte ich lange weiter hinterfragen und versuchen zu ergründen, was in dieser Frau vorging. Dachte sie eher an die Vergangenheit oder an die Zukunft? Ich werde es nie erfahren. Trotzdem war sie für mich mehr, als nur eine Frau auf einer Bank. Sie war Anlass, mir wieder und wieder über die Menschen Gedanken zu machen, die zu uns kommen. Menschen, die ganz gleich aus wirtschaftlicher Not oder lebensbedrohlichen Umständen hierher zu uns fliehen. Sie war Anlass, mir selber deutlich zu machen, welchen Luxus ich erleben darf und auf welchem Niveau ich zuweilen klage. Sie macht mir gerade in diesen Tagen klar, wie absurd es ist über ein Burka oder Burkini-Verbot zu streiten und statt dessen lieber die Frau in den Mittelpunkt gerückt werden müsste, die solche Trachten trägt. Das Bild dieser Frau, liebe Freunde mit rechten Gedankengut und ihr besorgten Bürger, hat mich insofern bedroht, als das es mich zwang darüber nachzudenken, mit welch abfälligem Niveau und wie oberflächlich wir mit Fremden umgehen.

Ich habe mich später sehr über mich geärgert. Irgendwann hätte ich hinüber gehen sollen und ihr wenigstens etwas zu trinken anbieten können. Habe ich leider nicht – weil sie so fremd aussah? Am späten Nachmittag ging ich mit meinem Mann und dem Hund aus dem Haus. Im Weggehen schaute ich über die Straße. Sie hob den Kopf und lächelte mich an. Ich war dankbar – sie hatte zumindest ihr Lächeln nicht auf dem langen Weg verloren und mir einen winzigen persönlichen Moment geschenkt. Als wir wiederkamen war die Bank leer. Das Bild dieser Frau ist bis heute geblieben.  

Hühnchen, Möhrchen, Tiger und Co.

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34,4 Millionen Haustiere gab es laut statistika.com im Jahr 2015 in deutschen Haushalten, untergliedert in Katzen, Kleintiere, Hunde, Ziervögel, Gartenteiche, Aquarien und Terrarien. Eine Studie der Uni Göttingen von Prof. Dr. Renate Ohr aus dem Jahr 2014 zum „Wirtschaftsfaktor Heimtierhaltung“ gibt an, dass „Deutschlands Heimtierhaltung insgesamt einen jährlichen Umsatz von über 9,1 Mrd. Euro mit ca. 185.000 – 200.000 Arbeitsplätzen bewirkt“. Enorme Zahlen, die viel Raum für Interpretationen lassen und doch nichts über den wirklichen Wert und die Wirkung eines Haustieres aussagen. Jedes dieser 34,4 Millionen Haustiere ist für seinen Besitzer einzigartig – emotionale Ladestation, Entspannungsfaktor, Quelle persönlicher Liebe und Zuneigung, oft Schutz vor Vereinsamung. Rational ist jedem klar, dass diese Tiere eine kurze Lebenszeit haben, doch wenn sie sich verabschieden ist die Trauer groß. So wie bei uns – wir mussten uns nach 15 Jahren von unserem Tiger trennen. Ich bin eigentlich kein Katzenmensch, Hunde liegen mir eher. An diese Katze denke ich jedoch gerne zurück. Sie hat uns so viele Jahre begleitet und meine Kinder sind mit ihr aufgewachsen. Sie war besonders – dreifarbig, also eine Glückskatze, und hat nach ihren Regeln bei uns gelebt.

Ich selber bin mit Haustieren aufgewachsen. Das erste war eine Schildkröte, Mohammed, die meine Eltern damals noch legal aus Marokko mitgebracht hatten. Da wir oft zelteten, hatte mein Vater ihr ein Loch in den Panzer gebohrt und so konnte sie immer mitkommen, weil eine Nylonschnur das Weglaufen verhinderte. Das zweite Tier war ein Hund, der Boxer XuXu, den wir von Portugal mit nach Deutschland brachten. Ich habe das Bild noch vor Augen, als der Hund das erste mal mit Schnee in Kontakt kam. Der Schnee lag über Nacht einen Meter hoch im unserem Hof und der Hund tobte so sehr darin, dass man nur hin und wieder die spitzen Ohren sah. Der zweite Hund kam mit 9 Monaten in unser Haus, Afra von der Neusiedlung, ein irischer Setter mit dem wir aufwuchsen. Sie sollte als Jagdhund dienen, jagte aber lieber selber als dem Jäger sein Handwerk zu überlassen und wurde Familienhund. Sie wurde 16 Jahre alt und hatte zwei Würfe mit ihrer großen Liebe aus der Nachbarschaft, einem langhaarigen Schäferhund.

Afra musste viele andere Haustiere dulden. Bei uns zuhause mit fünf Kindern waren oft Tiere, die gerettet werden mussten. Die waren natürlich nur kurz da, sofern mein Vater entschied, dass man sie retten konnte – sonst waren sie noch kürzer da. Ich hatte einmal zwei Hamster, an denen ich aber die Lust verlor als mich beide gleichzeitig in beide Daumen bissen. Meinen Daumen brauchte ich noch selber. Bei den Geschwistern blieb der Nymphensittich Hühnchen, die Zebrafinken und Fische in Erinnerung. Der jüngste Bruder kann die Graugans „Gertrud“ im Lebenslauf erwähnen und verzeiht uns bis heute nicht die Witze, die wir mit Kochtöpfen in Bezug zu ihr machten. Und obwohl mein Vater keine Katzen mochte, kam irgendwann doch eine ins Haus. An das schwarz-weiße Flöhchen erinnere ich mich noch, weil sie nichts schöner fand als die nackten Füße eben des Vaters zu jagen.

Später kamen sogar Hühner dazu. Als meine ältere Schwester in Belgien heiratete, schenke unser Onkel ihr einen Schnellkochtopf – lebendes Huhn inklusive. Ein Huhn allein geht aber nicht und da mein Vater wundersamer Weise es nicht übers Herz brachte dieses eine Huhn zu schlachten, zudem ein Hühnerhaus vorhanden war, kauften wir auf dem Sonntagsmarkt in Mons halt sechs Küken dazu. Pech war, dass alle sechs Küken wunderschöne Hähne wurden. Da war wirklich was los im Hof und so konnte nur ein Hahn übrig bleiben. Andere Hühner kam hinzu und meine Mutter konnte immer über einen guten Vorrat an frischen Eiern verfügen.

Wir bekamen also reichlich Erfahrung mit Tieren, einschließlich Jagdtieren. Der Vater war Hobbyjäger und der Ansicht, dass wir Kinder wissen mussten, wie man einem Kaninchen das Fell über die Ohren zieht. Es könnte ja sein, dass wir einmal dadurch überleben mussten. In meinem Fall eine einmalige Erfahrung. Überhaupt mochte ich die erjagten Tiere nicht, da zum einen immer tot und wer zum anderen einmal ein Fasanbeinchen versucht hat zu essen, das mit Bleikugeln gespickt war, den Geschmack daran verliert. Für drei Tage hatten wir zwei Karpfen. Die schwammen in der Badewanne und wurden viel von uns gestreichelt. Nur war irgendwann die Wanne leer und die Karpfen auf dem Tisch – wir Kinder verweigerten. Als wir älter waren stank es irgendwann fürchterlich aus dem Keller. Nach sehr langer Ursachensuche wurde klar, dass Mohammed aus Marokko den Winter nicht überlebt hatte. Sie überwinterte immer im Kohlenkeller und mein Vater hatte dort einen Schrank abgebeizt. Die Dämpfe haben ihr bis dahin langes Leben beendet. Schade, denn sie war schon stattlich groß und hübsch.

Zuhause ausgezogen, versuchte auch ich es kurz mit Zebrafinken. Danach lebte ich viele Jahre ohne Haustier und heiratete einen Mann, der sogar ganz ohne Tiere aufgewachsen war. Das änderte sich erst wieder mit den eigenen Kindern. Die Kleinste hatte Angst vor Tieren überhaupt und war das einzige Kind in der Welt, dem man mit einem Zoobesuch keine Freude machen konnte. Die Tochter aus erster Ehe meines Mannes beschloss künftig ebenso bei uns zu leben und sie war Katzen bei der Mutter gewohnt. So erkämpfte ich gegen den hartnäckigen Widerstand meines Mannes, die Zustimmung für eine Katze – aus psychologischen Gründen natürlich. Aus der ersten einen Katze wurden zwei, denn die Schwester des zugesagten Katers hatte auch noch kein Zuhause. Zwei Katzen sind ja einfacher zu halten als eine. Tiger (dreifarbig) und Puma (schwarz) wohnten von nun an bei uns. Mit den beiden sind meine Kinder aufgewachsen und mit ihnen haben wir wirklich viel erlebt. Die Tierphobie der Kleinsten war schnell überwunden und ich habe immer gestaunt, was ein Tier alles mitmacht, wenn es von kleinen Mädchen als Puppenersatz bespielt wird. Jedenfalls kam es oft vor, dass zur Futterzeit eine Katze ganz lässig mit T-Shirt gekleidet zu mir in die Küche kam.

Meinen Kampf, dass kein Tier in ein Bett gehört habe ich offiziell gewonnen. Inoffiziell möchte ich nicht wissen, wie oft sie in unseren Federn lagen, wenn ich nicht da war. Erwischt habe ich einmal unter weißer Tagesdecke eine schwarze Schwanzspitze und sie dann flitzen sehen. Auch der Gatte gewöhnte sich an die beiden und die tierliebe Nachbarin übernahm immer den Dienst, wenn wir verreisten. Nur die Sache mit den Geschenken der Katzen konnten wir zwischen uns nie befriedigend klären, wollte sich doch bei mir keine Dankbarkeit für tote Mäuse oder Vögel einstellen. Zu den Katzen kam ein Hund. Den hatten wir der Schwiegermutter als Welpe geschenkt und sie liebte ihn sehr. Eddi, der Golden Retriever, schlich sich in unsere Herzen. So sehr meine Schwiegermutter ihn aber auch liebte, vergaß sie, dass man so einen Hund erziehen muss. Eines Tages war er groß, pubertär, der Chef im Haus und nicht mehr zu halten. Weggeben ging nicht – der Kinder wegen und so blieb nur, ihn zu uns zu holen. Die Katzen waren nicht begeistert, der Gatte auch nicht, wobei letzterer ihn ja schon sehr mochte. Die Katzen verpassten ihm rechts-links Kombinationen und machten ziemlich schnell deutlich in welchem Radius sich Eddi um sie herum bewegen durfte.

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Eddi und ich haben im ersten halben Jahr sehr darum gerungen, wer von uns beiden Chef im Haus ist. Nach einem Biss, an dem ich selber Schuld war, waren wir beide Blutsbrüder und ich seit dem sein Chef. Trotzdem haben wir noch weitere zwei Jahre viel Zeit mit dem Hundetrainer verbracht. Nicht, weil der Hund nichts kapierte, sondern weil es Spaß machte. Der Puma musste nach einem Unfall vor ein paar Jahren gehen, was sehr hart für die Kinder war. Tiger und Eddi wurden nun gemeinsam älter, und in den letzten ein/zwei Jahren näherten sie sich sogar an. Bei Gewitter war es durchaus möglich, dass sie beide zusammen lagen und pünktlich um 18.00 Uhr war Zeit für friedliche Koexistenz in der Küche. Tiger fraß, Eddi fraß auch und wartete immer bis die Katze satt war und wegging … um dann nach eventuellen Katzenfutter-Resten zu schauen.

Jetzt musste auch der Tiger gehen. Ein Tumor hat seit Ende besiegelt und da kein Tier unnötig leiden sollte, durfte sie friedlich in unseren Armen bei der Tierärztin einschlafen. Was ich vorher nicht für möglich gehalten hätte: Der Tiger sollte im Garten begraben werden, wo auch der Bruder liegt. Wir nahmen die tote Katze mit nach Hause und ich legte sie auf die Terrasse in einer Decke eingeschlagen. Während mein Mann das Loch grub, kam der Hund und leckte die Katze immer wieder ab um sie aufzuwecken. In dieser Nacht war er nicht dazu zu bewegen ins Haus zu kommen, sondern legte sich neben das Grab und passte bei der Katze auf. Er hatte eine Freundin verloren, was man ihm mehrere Tage anmerkte. Meine Kinder trauerten ebenso, die Große auf ihre Weise, die Jüngere sehr heftig. Auch wir Eltern empfinden eine gewisse Wehmut, können mit den Unabänderlichkeiten der Dinge aber besser umgehen. Natürlich entstand sofort die Diskussion nach einer neuen Katze. Die Kinder sind aber beide in einem Alter, das viel Veränderungen in den nächsten Jahren verspricht. Mein Mann und ich möchten keine Katze mehr … der Hund wird sicherlich nicht der letzte sein.

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Ich bin allen Tieren dankbar, die meinen Weg begleitet haben. Besonders diesen beiden Katzen für das was sie uns, besonders meinen Kindern, gegeben haben. Aber – es sind Tiere, die nicht vermenschlicht werden sollten. Trotzdem sind es fühlende Wesen, die in der Lange sind, Stimmungen des Menschen aufzunehmen, bei Krankheiten helfen, trösten und Lachen erzeugen können. Sie können Kindern Verantwortung beibringen, Selbstbewusstsein schenken, Einsamkeit zunichte machen, können Freund sein, Liebe erwidern und vieles andere mehr. Sie geben uns Menschen echte Gefühle und Zuneigung. Natürlich bezweifele ich, ob der Fisch im Aquarium oder die Echse im Terrarium mir das geben kann, wozu mein Hund in der Lage ist, aber vielleicht verstehe ich nur nicht, wie Fisch und Echse Zuneigung und Treue vermitteln. Ich denke aber, dass jedes dieser 34,4 Millionen Haustiere seine Berechtigung hat und einen Platz in einem Herzen.