Immer wieder … zuhören, laut werden, voneinander lernen!

WhatsApp meldet sich: Es ist meine Schwägerin, die mir einen Link zu einem Gastbeitrag im Magazin Bento schickt. Der Beitrag ist von Aminata Touré, der Vizepräsidentin des schleswig-holsteinischen Landtages. Gleich in der Headline sagt sie: „Es fehlt nicht an Schwarzen, die sprechen, sondern an Weißen, die zuhören.“ Ich stimme zu, aber ergänze im Kopf: „… sondern an Weißen, die zuhören und sprechen.“ Meine Schwägerin und Aminata Touré sind dunkelhäutig, also per Geburt mit dem Thema Rassismus verflochten. In meiner Familie sind alle entsetzt, was George Floyd passiert ist und welche Entwicklung daraus entstand. Meine Tochter kauft sich ein T-Shirt mit der Aufschrift: „No place for hate, sexism, racism, homophobia, anti-semitism.“ Meine Mutter positioniert sich in Facebook und Instagram. Meine Schwester äußert sich sehr besorgt. Ich bekomme aber auch andere Stimmungen mit. Schon wieder Rassismus in nicht endender Debatte? Was geht uns Amerika an?

Es geht uns sehr viel an und wenn wir – Weiße – wollten, würden wir Rassismus tagtäglich und mitten unter uns bemerken. Der Tod von George Floyd ist nur der Auslöser einer lange fälligen Debatte und Forderungen nach allgemein gültiger Menschenwürde und Gleichstellung. Alleine die Frage an einen andersfarbigen Menschen, welche Nationalität seine Ursprungsfamilie hat, ist rassistisch. Das erstaunte Gesicht einer Fleischverkäuferin, wenn ihre farbige Kundin Hochdeutsch spricht. Die Frage des Kellners, ob der dunkelhäutige Gast etwas anderes isst als die Tischnachbarn. Aber es betrifft nicht nur die dunkelhäutigen Menschen. Betroffen sind alle Ethnien, die sich von unserem Allgemeinbild unterscheiden. Die Gründe sind vielfältig und meist durch Angst vor Unbekanntem begleitet. Der Alltagsrassismus ist real, alltäglich, dabei oft unauffällig und unerträglich. Doch kann sich kaum jemand davon freisprechen. Auch ich nicht.

Auf der Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung steht: „Rassen? Gibts doch gar nicht!“ und wir lesen im Beitrag: „… Die Einteilung der Menschen in „Rassen“ hat nach heutiger Erkenntnis keine wissenschaftlich begründete Grundlage. Und doch existieren „Menschenrassen“ tatsächlich. Nicht als biologische Fakten, sondern als – unbewusste – Denkstrukturen und Urteile in unseren Köpfen. …“ Zitat Ende.

Es gibt ebenso keine allgemein akzeptierte Definition für Rassismus. Mir sagt die Beschreibung von Albert Memmi, tunesisch-französischer Schriftsteller und Soziologe, zu: „Der Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden sollen.“ Entstanden ist Rassismus in der Zeit des europäischen Kolonialismus und Imperialismus. Menschen wurden in Rassen eingeteilt, die unter anderem den Kolonialismus und Sklaverei rechtfertigen sollten. Wenig bekannt dabei ist, dass die wissenschaftlichen Errungenschaften des 17. und 18. Jahrhunderts eng mit der Sklaverei verbunden sind. Körperliche, ethnische oder kulturelle Merkmale einer Gruppe wurden und werden genutzt, um diese im Pseudovergleich mit dem eigenen Standpunkt herabzusetzen. Colette Guillaumin, französische Soziologin und Feministin, hat gesagt „ ,Rassen‘ existieren nicht, aber Rassismus tötet.“

Ich spreche mich selber nicht frei, Rassismus nicht zu erkennen oder ihn unwissentlich zu begehen. Um Rassismus tatsächlich zu begegnen, braucht es aus meiner Sicht eine weit größere Sensibilisierung, Debatte und Haltungsänderung auf allen gesellschaftlichen Ebenen als wir zurzeit haben. Wir brauchen politische Vorgaben und klare Standpunkte, Projekte und passende Bildungsvorgaben von der Kindertagesstätte an. Kinder kennen keinen Rassismus. Den erlernen sie – im Alltag und am Abendbrottisch.

Es macht mich unglaublich traurig, dass Rassismus überhaupt noch ein Thema ist. Im 21. Jahrhundert fühlen sich Menschen höherwertig als andere. Das beste Bild für mich dazu: Ein weißes, ein beiges, ein braunes Ei nebeneinander auf einer Seite. Auf der anderen Seite alle drei Eier aufgeschlagen in der Pfanne. Kein Unterschied, kein Besser oder Schlechter, kein Frisch oder Alt, kein Teuer oder Günstig … keine Wertung – alle gleich!

Alle gleich! Was für eine wunderbare Vorstellung. Es gehören tatsächlich alle dazu. Nicht nur die unterschiedlichen Hautfarben, auch sexuelle Orientierungen, religiöse Richtungen oder andere Unterschiede, die vordergründig trennen. Alle Menschen, die in der Gemeinschaft und in der Toleranz zueinander eine unglaubliche Bereicherung sind. Was für eine wunderbare Vorstellung wäre es, in einem Land zu leben, in dem tatsächlich jeder ohne Wertung so sein kann, wie er ist!

Meine Mutter zeigt mehrere Fotos aus ihrer Puppenwerkstatt. Dazu schreibt sie: „Wenn unsere Kinder schon mit ethnischer Vielfalt aufwachsen, grenzen sie im späteren Leben niemanden aus und haben keine Berührungsängste, zu Hautfarbe, Sprache und Religion.“

Was durch den Tod von George Floyd ausgelöst wurde, ist eine große Bewegung, die hoffentlich nicht vorbei ist, wenn die Medien das Interesse verlieren. So unfassbar dumme und ignorante Aussagen es dazu einerseits gibt, gibt es andererseits auch Beispiele, die Hoffnung machen: Alle vier lebenden ehemaligen amerikanischen Präsidenten stellen sich auf die Seite der Demonstranten in Amerika. Unglaublich viele Künstler*innen aller Kunstrichtungen positionieren sich für Vielfalt. Es ist für viele weiße Menschen, mich eingeschlossen, schwer, nachzuvollziehen, was andersfarbige Menschen tagtäglich an Rassismus erleben. Besonders schwer, wenn man niemanden mit anderer Hautfarbe so richtig kennt. Empfehlenswert dazu ist der Brennpunkt zum Thema „Rassismus“ von Carolin Kebekus, in dem diese Menschen zu Wort kommen und das beschreiben.

Die Debatte um Rassismus ist hoffentlich lange nicht zu Ende. Ich habe gemerkt, nachdem die Partei, die keine Alternative ist, bei uns in den Bundestag gewählt wurde, dass ich müde wurde gegen Intoleranz zu kämpfen. Ich glaubte, dass langsam auch der letzte Mensch begriffen haben müsste, dass es keine höher- oder minderwertigen Menschen gibt. Glaubte ich. Das war falsch und es ist anders: Solange es Menschen gibt, die sich aus mangelndem Selbstbewusstsein, aus Machtwillen, aus Dummheit oder anderen Gründen über andere stellen, wird es Rassismus geben. Und so lange ist es immer wieder notwendig, dass wir – alle Ethnien – nicht nur sehr sensibel zuhören und immer mehr voneinander lernen … wir müssen laut werden, sprechen, uns gegen Menschenfeindlichkeit positionieren und sie, wo immer möglich, entlarven.

Das andere Ende der Perlenkette …

Mein Wecker steht still auf dem Nachttisch, doch er klingelt nie. Ich wache jeden Morgen pünktlich um 5.30 Uhr auf. Natürlich auch am Wochenende, was ich gerne abstellen würde, aber es ist eine über Jahre gepflegt Gewohnheit geworden. Ich genieße die ruhigen Morgenstunden. Ich trinke meinen Kaffee, lese Nachrichten und E-Mails, danach ist eine halbe Stunde Gymnastik dran und eine Viertelstunde am Maltisch. Schließlich gehe ich duschen, mache mich fertig, laufe mit dem Hund eine Runde und starte in den Tag … dann ist es halb neun Uhr morgens. Drei Stunden, ohne Verpflichtung, nur für mich, wie ein Ritual. Das war früher mal anders.

In diesem „Früher“ liegt der Grund für mein zeitiges Aufstehen. Ich war junge Mutter von zwei süßen Mädchen. Die mussten in den Kindergarten und später zur Schule. Morgendliche Hektik habe ich mein Leben lang verabscheut. Verschlafen war immer der Beginn eines richtig schrägen Tages und ist mir zum Glück nicht oft passiert. Aus diesem Grund habe ich mir früh angewöhnt, um 5.30 Uhr aufzustehen. Ich habe eine halbe Stunde Kaffeetrinken genossen, mich geduscht und angezogen um dann, selber fertig, meine Kinder zu wecken. Nun hatte ich Zeit mich nur ihnen zu widmen, bis wir entspannt weggehen konnten. Es war mir wichtig, dass sich die Kinder in Ruhe, Harmonie und ohne Zank, auf ihren Tag außer Haus einlassen konnten.

Sehr viel früher, erzählen meine Mitmenschen, sei ich ein Langschläfer und Morgenmuffel gewesen, den man nach dem Aufstehen nicht ansprechen durfte. Kluge Leute sprechen mich heute so früh immer noch nicht an. Aber das gehört woanders hin. Ich bin in meinem 60 zigsten Lebensjahr angekommen. Meine morgendlichen Gewohnheiten haben sich mehrfach im Leben geändert, je nachdem, ob ich alleine war oder nicht. Heute ist es nur noch der Ehemann, mit dem ich beim Frühstück zu einem Konsens kommen muss. Ansonsten bin ich größtenteils frei.

Diese Freiheit ist hart erarbeitet, auch wenn die „Unfreiheit“ zuvor eine klare Entscheidung war. Sie hieß Kinder großziehen und etwa 20 Jahre in allen persönlichen Belangen und Wünschen zurücktreten. Alle Wünsche wurden dem Erziehungsauftrag untergeordnet oder vielmehr angepasst. Meine Arbeit und meine Freizeitgestaltung mussten ständig nach den Erfordernissen der Kinder geändert werden. Selten war etwas „nur für mich“. Dem Vater erging es dabei nicht anders. Mit der Pubertät bekamen wir eine Ahnung, dass sich etwas ändern könnte. Die Kinder mochten nicht mehr im Fokus der elterlichen Fürsorge stehen. Freiräume erschlossen sich und wurden größer, bis zur klaren Feststellung, dass die Versorger-Rolle endgültig passé ist. Schließlich muss aber deutlich festgestellt werden, so hart manche Tage waren, haben andere uns belohnt. Wir haben es bewusst und aus Liebe gemacht. Dafür sind wir jetzt auch 20 Jahre älter.

Nun komme ich mir wie auf einer Wippe vor: Bei guter Laune, oben, jubele ich der neuen Freiheit zu, bei schlechter Laune, untern, werden alle Zipperlein doppelt schwer. Und je nach Befinden kokettiere ich mit dem Alter oder fühle mich genervt. Im Büro werden die KollegInnen immer junger. Die direkten TeamkollegInnen könnten meine Kinder sein. Ich erwische mich, wie ich meinen Kollegen mit: „Junger Mann“ anspreche und das eigentlich richtig blöd finde. Die Kollegin, zweifache junge Mutter, erzählt real und in ihrem Blog von ihrem innerlichen Chaos, gerne arbeiten zu wollen und doch Kinder versorgen zu müssen. Ich merke eine Tendenz meine Erfahrungen dazu zu sagen, aber lasse es ganz bewusst sein. Das liegt alles hinter mir, denke ich dann auf dem Heimweh, bei dem ich genieße, dass niemand mehr nachfragt: „Wann kommst du nach Hause!“

Meine Freundin hat treffend den Punkt ausgedrückt, an dem ich mich gerade befinde: „Ich denke langsam darüber nach, dass das ewige Haare färben lästig ist, und ob das Stehen zu grauen Haaren nicht vielmehr meinem selbstbewussten Alter und meinem „Ich“ entsprechen würde“. Das bedeutet auch, sich selber einzugestehen, dass die lebenslang gesammelten Perlen der Perlenkette sich dem Fadenende zuneigen. Wie viele Perlen noch passen, haben wir selbst in der Hand. Ich sage gerne, dass ich heute die Summe dessen bin, was ich im Leben erlebt habe. Jeder Tag, auch die Schlechten, gehören dazu. Ich würde keinen wiederholen wollen, weil sie nie gleich sein könnten.

Der Auszug der zweiten Tochter ist eine Frage der Zeit. Die Ruhe, wenn der Ehemann und ich alleine sind, haben wir schon oft testen können. Es ist weniger Arbeit im Haushalt (die man doch gern getan hat), die Diskussionen, welches Essen auf den Tisch kommt, verschwinden. Es ist mehr Selbstbestimmung und unsere eigenen Wünsche und Vorstellungen treten wieder in den Vordergrund. Ich muss mich nicht mehr beweisen, muss niemandem gefällig sein und kann die Menschen um mich sammeln, die mir guttun. Ich kann deutlich „Nein“ sagen, wenn ich etwas nicht will. Meine Hobbys und Interessen bekommen großen Raum, neben den Zielen und Plänen, die wir gemeinsam verfolgen. Es wird sich zeigen, was sich verwirklichen lässt, denn eine entspannte Genügsamkeit macht sich breit. Es muss keine Weltreise mehr sein, die Ostsee oder selbst der Garten reichen aus. Es ist nicht wie vor 20 Jahren, dafür kann ich heute klar sagen, was ich will oder eben auch nicht.

Wie immer haben wir selber die Wahl und entscheiden, wie wir damit umgehen. Depressive Züge entwickeln und krampfhaft an der Jugend festhalten, fordert sehr viel Kraft. Ich denke, am leichtesten mache ich es mir, wenn ich mit mir selber ehrlich umgehe. Ja, die Haare werden grau, die Waage zeigt nicht gerade das Traumgewicht, die Arztbesuche häufen sich. Aber ich kann mir entspannt alles so einrichten, wie ich es haben möchte und brauche. Ich kann eine Neugierde entwickeln, was uns noch bevorsteht. Welche Überraschungen die Kinder uns präsentieren. Insgeheim lächeln, wenn mir junge Leute erzählen, welche Erfahrungen sie machen mussten. Wir werden nun die Alten, mit hoffentlich viel Humor, viel Offenheit, Neugierde für Neues und Verständnis für Junges. Mein einziger Wunsch ist gesund bleiben, den ich durch eine positive Denkweise fördern kann. Das ist nicht an allen Tagen leicht, aber so kann auch die Perlenkette noch ein gutes Stück länger werden.

Das kleine Wörtchen Dankbarkeit …

Es ist Muttertag und wie immer gibt es drei Standpunkte. Die einen, die die Gelegenheit nutzen, der Mutter Danke zu sagen, weil sie es im Alltag oft vergessen und weil man es halt so macht. Die Zweiten, die die Chance ergreifen, um von Herzen ihre Wertschätzung auszudrücken. Schließlich noch die dritte Fraktion, die Muttertag für ein Relikt aus ungeliebten Zeiten, oder vielmehr für ein vom Kommerz gemachtes Fest halten. Es spielt hier keine Rolle, zu wem man gehört. Was mir oft an dem Tag passiert, sind kleine Nachrichten von anderen Müttern. WhatsApp meldet sich: „Guten Morgen liebe Anna, alles Liebe zum Muttertag. Lass uns dankbar sein, dass wir Mamas sein dürfen!“ Da ist es wieder: Das kleine Wörtchen „Dankbarkeit“, über das ich sehr oft in den letzten Tagen nachgrübele.

Seit Wochen bin ich zuhause, öfter alleine und habe viel Gelegenheit darüber nachzudenken. Es ist keine leichte Zeit für uns alle. Die Pandemie hat unser aller Leben zum Stillstand gebracht. Eine Zeit lang jedenfalls. Für mich war es ok. Ich gehöre zur Risikogruppe. Ich fühlte mich die ganze Zeit sicher und beschützt. Es gab auch nichts zu klagen. Wir haben es gut. Genug Platz zuhause, genug zu essen, Dinge, die uns beschäftigen, einen Garten, Möglichkeiten uns aus dem Weg zu gehen. Wir können trotzdem weiter arbeiten. Die Gehälter kommen pünktlich und in voller Höhe. Wir haben keine kleinen Kinder mehr zu versorgen. Ach ja, ganz wichtig, das WC-Papier geht uns nicht aus – ohne Hamsterkauf. Anderen ergeht es schlimmer. Mir ist bewusst, dass andere weitaus schwierigere Situationen zu bewältigen haben. Dennoch habe ich den Eindruck, dass die Menschen mit jeder Lockerung der Pandemie-Regelungen unzufriedener werden.

Niemand wird je mit Sicherheit sagen können, ob alle Maßnahmen gerechtfertigt oder überzogen waren. Fakt ist, unsere Krankenhäuser haben keinen Kollaps erlebt, unsere Sterberate ist eine der niedrigsten der Welt und schließlich wird viel getan, um wirtschaftlich zu unterstützen. Ich mag dabei nicht über die Grenzen anderer Länder sehen, wo es sehr viel anders aussieht. Sicherlich sind einige Fehler passiert. Doch wer konnte je schon so ein Szenario proben. In diesen Tagen möchte ich kein Entscheidungsträger sein. Statt Dankbarkeit zu zeigen oder einfach ruhig zu bleiben, mehren sich die Nachrichten von Protesten. Gegen die Auflagen des Abstandhaltens, der Hygiene, des Ausgangs, der Wiederöffnungen und vieles mehr. Verschwörungstheorien werden geboren, bei denen man sich einfach nur noch fragen kann, ob die Leute alle Tassen im Schrank haben. Die Demokratie sei gefährdet und die Grundrechte sollen untergraben werden. Natürlich auch wieder die Rechten, die die Gunst der Stunde nutzen, Verschwörungsexperten und eine Menge Leute, denen langweilig ist. Hinterfragen ist unmodern. So viele Aluhüte können gar nicht gebastelt werden, um die Leute wieder auf den Boden zu bringen.

Aber es ist auch eine andere Dankbarkeit, die immer mehr zu vermissen ist. Sie ist persönlich und steht in engem Zusammenhang mit Zufriedenheit. Damit anderen etwas gönnen können, sich an Kleinigkeiten zu freuen und mit gegenseitiger Wertschätzung. Ich habe zuweilen den Eindruck, dass die Menschen sich verändert haben. Wir Älteren sagen gerne entweder: „Früher war alles viel besser.“ oder: „Ihr solltet es einmal besser haben! “. Der erste Satz ist das ständige Klagelied vergangene Zeit zu glorifizieren und sich mit Unbekanntem nicht arrangieren wollen, vielmehr Neues zu kritisieren. Der zweite Ausspruch ist der Wunsch der älteren Generation, dass die Zukunft der Nachkommenschaft gesichert ist. Aber eher ist er ein unterschwelliger Vorwurf, wenn der Nachwuchs nicht gehorchen mag und die Andeutung, dass man selber es ja nicht so gut hatte. Beide Sätze passen in die Zeit nach dem letzten Weltkrieg, vor dem tatsächlich sehr vieles besser war (oder auch nicht) und es nicht viel dazu gehörte, es leichter zu haben als eben in jenen Tagen.

Heute frage ich mich oft, was unsere Nachkommen einmal besser haben sollen? Oder wo wir uns selber noch steigern sollen. Dabei beschränke ich mich auf dieses Land. Was wollen wir mit unseren Luxusbestrebungen noch erreichen, wie groß darf der Fernseher werden, wie dick darf der Reisekatalog in die Welt sein. Wir leben auf einem dermaßen hohen Niveau, dass kaum mehr zu toppen ist. Auf Kosten der Umwelt und der Außenwelt, die wir tunlichst von unserem Luxus ausschließen möchten. Man muss bewahren, was einem lieb und teuer ist!

Immer höher, weiter, schneller geht irgendwann nicht mehr, aber mit dem Status quo zufrieden zu sein, ist für die meisten Menschen nicht leicht. Dabei ist es so angenehm, einem anderen sagen zu können, dass sein Kleid, die Frisur oder sein Bild gefällt. Es ist schön, die Leistung anderer zu sehen und wertschätzen zu können. Genauso wie wir genießen ein Lob des Partners, der Freundin, des Chefs zu bekommen. Zu sehen, dass jemand bemerkt hat, dass ich mir mit etwas besondere Mühe gegeben habe. Oder nur Einfachmal zwischendurch gesagt zu bekommen, dass man für jemanden wichtig ist.

Auch materiell mit dem zufrieden sein, was man hat, kann sehr entspannend sein. Ich muss nicht die neusten Markenklamotten, das teuerste Parfüm und den angesagtesten Schmuck haben, um persönliche Zufriedenheit zu spüren. Es ist gut, einen realistischen Blick zu wahren, was tatsächlich lebensnotwendig ist oder was Luxus ist. Natürlich möchten sich Jüngere eine Existenz aufbauen und vorteilhaft ist, wenn sie dabei nicht auf verlockende Ratenzahlungsangebote hereinfallen. Es war doch eine spannende Zeit als der improvisierte Haushalt sich immer weiter in eine komplette Wohnungsausstattung entwickelte. Nichts muss von Anfang an perfekt sein.

Ich habe so viele Dinge, für die ich dankbar sein und die ich wertschätzen kann. Habe um mich Menschen, die ich begleiten und bewundern kann. Ich darf kleine Situationen erleben, an denen ich mich lang erfreuen kann. Ich kann im Großen und Ganzen tun, was ich will, sagen, was ich will, mich bewegen, wie ich will. Ich darf sogar dankbar sein, schon zu den Senioren zugehören, mit allen Zipperlein des Alters, die ich natürlich zähneknirschend annehme. Aber mir dafür die Laune zu verderben? Was ich erlebt habe, war in der Summe zu wertvoll.

Die kleinen Wörtchen Dankbarkeit, Zufriedenheit, Gönnen sind kein Bild nach außen, sondern ein Eindruck, wie ich mit meiner Persönlichkeit umgehe, was ich für ein Mensch bin. Natürlich darf ich Dinge hinterfragen, kritisch betrachten, bessere Lösungen anstreben und mich klar positionieren. Entspannter lebt es sich, mit dem Gegebenen und Erreichten zufrieden zu sein und das zu pflegen. Vieles ist heutzutage besser, als es je zuvor gewesen ist, aber – anders halt!

50 Kinder … mehr geht nicht

„In Abstimmung mit Bauernverbänden werden insgesamt zehntausende Saisonkräfte aus der EU eingeflogen“ (Tagesschau). Am Donnerstag, dem 9. April sind die ersten Maschinen in Düsseldorf und Berlin gelandet. Zehntausende Saisonkräfte bedeutet zehntausende Menschen, die die Pandemie Corona weiter verbreiten könnten. Uns wird vermittelt, dass sie strikt getrennt von anderen abgeschirmt arbeiten und so unsere wertvolle Spargelernte retten. In normalen Zeiten ist das keine besonders erwähnenswerte Nachricht, hätte es nicht zwei Tage vorher eine andere Nachricht gegeben: „Deutschland lässt zunächst 50 minderjährige Flüchtlinge aus Griechenland einreisen!“ (Fokus). 

50 Kinder … keine zwei volle Grundschulklassen. Das wird gefeiert, als erster guter Schritt, da mehr Kinder zur Zeit nicht reisefähig wären … von geschätzt 14 Tausend Kindern, die sich in den griechischen Lagern aufhalten. Es würde mich interessieren, wer die Reisefähigkeit dieser Kinder geprüft hat. Ganz besonders in dieser Pandemiezeit, in der die geflüchteten Menschen in den griechischen Lagern ganz gewiss nicht an erster Stelle medizinischer Versorgung stehen.

Als ich die Nachricht hörte, war ich fassungslos … 50 Kinder. Seit Wochen und Monaten wird diskutiert die Menschen aus den griechischen Lagern zu holen. Kompromisse werden gesucht. Die Zahl von 1000 bis 1500 Kinder, die Deutschland aufnehmen könnte steht im Raum. Sehr viele Deutsche Städte bieten sich an, Kinder und Geflüchtete aufzunehmen. Und die europäische Lösung heißt: 50 Kinder für Deutschland und 12 für Luxemburg. Ich bin immer noch fassungslos!

Deutschland hat 83,1 Millionen Einwohner. Das bedeutet auf 1,66 Millionen Deutsche kommt ein Kind. Ist das die Zahl der fremdländischen Unterwanderung, die so viele ängstliche Bürger fürchten? Ein Bekannter sagt zu mir, dass die Pandemiezeit die schlechteste Zeit wäre, um Kinder aufzunehmen. Zumal man ja nicht wüsste, was nachzüglich kommt. Wir sind eins der medizinisch bestens gerüsteten Länder der Welt. Die Sterblichkeitsrate bezüglich Corona ist bedenklich, aber vergleichsweise zu anderen Ländern niedrig. Zehntausende Erntehelfer schaffen wir zu organisieren, aber nicht mehr als 50 Kinder. Zudem leben diese Kinder schon länger in diesen Lagern. Ein Armutszeugnis für Europa, dass es diese Lager überhaupt noch gibt. Mein Mitleid gilt den Helfern, die festlegen müssen, welche 50 Kinder das Lager verlassen dürfen. Welche Kriterien müssen die Kinder erfüllen, die 13.950 andere Kinder nicht erfüllen?

Ja, es ist alles schwierig in dieser Zeit von Corona. Was aber an Zwischen- und Mitmenschlichkeit gefeiert wird, hört offensichtlich an Solidarität an der deutschen Grenze auf. Es ist eine politische Entscheidung und böse wer glaubt, dass die wenigen gewonnenen Prozentpunkte in der Wählergunst erhalten bleiben sollen. Unbequem, wer glaubt, dass die momentane Ruhe von Rechts gehalten werden soll. Also bitte kein Öl in das rechte Feuer gießen, dass unsere Menschlichkeit schon lange verbrennt.

Das Osterfest steht vor der Tür. Das höchste christliche Fest. In einem der reichsten Länder der Erde wird christliche Nächstenliebe gefeiert, die vor politischem Eigennutz und mehr als 50 Kindern halt macht. Schämen sollten wir uns alle … dass wir es zulassen, dass wir die Verantwortlichen gewähren lassen, nicht laut aufschreien, den Rechten den Raum schaffen, dass so etwas hier passieren kann. Ich fasse es immer noch nicht.

Den Osterbraten essen wir mit frischem Spargel. Lassen wir es uns schmecken. 13.950 Kinder haben nicht mal die Aussicht auf genügend Nahrung. 50 vielleicht … mehr geht nicht … zum Heulen!

Pfleger Georg


Es gibt Erfahrungen im Leben, die man nicht gerne macht und doch dankbar sein darf, dass man sie machen kann. So ist es mir passiert. Ich merkte, dass ich immer schlechter laufen konnte, auch Probleme mit dem Rücken waren zur Gewohnheit geworden. Frau wird halt älter. Würde mich ein Auto anfahren wollen, realisierte ich irgendwann auf einer Kreuzung, könnte ich nicht mal mehr weglaufen. So ging ich in ärztliche Behandlung und die Diagnose war alles andere als schön. Ein quer stehender Wirbel drückte die Nervenbahn im Rücken ab, weshalb die Beine nicht mehr wollten. Spinalkanalstenose nennt sich das im Fachjargon und die einzig erfolgversprechende Abhilfe bedeutet eine Operation an der Wirbelsäule. 

Auf jede Operation verzichte ich gerne. Diese Erfahrung brauche ich nicht, aber es gab keine Alternative. Die Nervenbahn hätte irgendwann versagt und damit die Beine. Ich war doch dankbar, etwas zu haben, was man beheben kann, wenn auch der Weg dahin mehr als unbequem erschien. Der OP-Termin war schnell gefunden, und bis dahin musste meine Umgebung viel Verständnis aufbringen, weil ich nichts anderes mehr im Sinn hatte. Google hat nicht gestreikt, wenn ich allerlei zusammenhängende Stichwörter recherchierte. Es half nichts – da musste ich durch. Gut vorbereitet und tapfer ging ich am Vortag ins Krankenhaus, erledigte alle erforderlichen Vorgespräche und Untersuchungen, lernte meine Bettnachbarin kennen, die die gleiche OP an diesem Tag hinter sich gebracht hatte und verbrachte irgendwie die Stunden bis zum frühen Abend … verstohlen beobachtend, wie sich die Nachbarin fühlt.

Gegen 17 Uhr klopfte es kurz an der Tür und ein junger Mann kam herein. „Pfleger Georg,“ stellte er sich vor, mit einem fröhlichen „Grüß Gott!“. Er erklärte uns, dass er der Pfleger für die Spätschicht sei, zuständig für die nächsten Stunden und fragte, wie es uns geht. Meine einzige Frage war, ob er schon sagen könne, um wie viel Uhr ich am nächsten Tag mit der OP an der Reihe sei. Vom Arzt wusste ich, dass zwei bis drei solche Operationen am Tag in diesem Krankenhaus gemacht werden. Pfleger Georg wollte nachsehen und mir Bescheid geben. Wieder warten im ruhigen Zimmer. Die Nachbarin, Oma Bach, frisch operiert, war nicht sehr gesprächsselig und ich fand heraus, ohne Hörgeräte noch tauber als ich. Später kamen eine Schwester und Pfleger Georg zur abendlichen Runde vorbei. Blutdruck messen, Puls, Tabletten verteilen und noch ein paar Kleinigkeiten. Und die OP-Zeit? 16.39 Uhr, antwortete Pfleger Georg.

Große Freude … 16.39 Uhr … ich sollte einen ganzen Tag wie auf heißen Kohlen warten … na klasse. Trotzdem schlief ich die Nacht recht gut. Oma Bach lang ruhig und leise, wofür ich sehr dankbar war. Am nächsten Morgen kam wieder die gleich Routine – Blutdruck messen, Puls, Tabletten verteilen und noch ein paar Kleinigkeiten mehr. Kurze Zeit später kamen die netten Schwestern, die das Frühstück verteilten. Frühstück für Frau Schmidt? Nein, die muss nüchtern bleiben. Ich mochte nicht glauben, bis nachmittags Hunger schieben zu müssen. Wenigstens eine Tasse Kaffee wollte ich aushandeln, aber auch die bekam ich nicht. Doch nicht so nette Schwestern. Ich saß doch sehr stinkig auf meinem Bett und stellte mich auf einen langen Tag mit Warten ein. Kein 10 Minuten später klopfte es an der Tür. Die nächste Schwester kam herein. Ob ich Frau Schmidt sein? Ja! Gut, es geht los. Etwas verwirrt schrieb ich schnell meiner Familie „Es geht los!“ ins Handy. Sie sollten doch wissen, was mir gerade jetzt passierte, nicht erst um 16,39 Uhr. Nicht, dass mich jemand vermisst. Auf dem Weg in den Anesthesie-Raum des Operationstraktes wurde ich viermal gefragt, wie ich heiße, wann und wo ich geboren bin, was ich arbeite und was operiert wird. Denn Sinn dahinter sollte ich erst später verstehen. Der Nachname Schmidt ist doch recht gefährlich in einem Krankenhaus. Mehr gibt es von der OP nicht zu erzählen – ich war irgendwo, jedenfalls nicht bei Bewusstsein.

Ich kann mich noch bruchstückhaft an den Aufwachraum erinnern. Der nächste klare Moment kam irgendwann im Laufe des Tages, den ich viel mit Schlafen verbrachte. Das Liegen war nicht so ganz gemütlich, aber es war erträglich. Oma Bach fragte von der linken Seite, wie es mir ginge. Nun waren wir beide ans Bett gefesselt und konnten auf bettebene Erfahrungen austauschen – mit Hörgeräten im Ohr. Um 17 Uhr kam wieder das gleiche Klopfen wie am Vortag und Pfleger Georg kündigte fröhlich seine Schicht an. So ging es nach der OP in die Krankenhaus-Routine über. Nach immer gleichem Muster Morgen-Untersuchung, Frühstück, Arztbesuch, Mittagessen, Kaffeetrinken, Abenduntersuchung, Abendessen, Nachtruhe. Über die Tage ging es Oma Bach und mir immer besser. Wir mussten das Bett verlassen, lernten, wie man sich mit so einem malträtierten Wirbel bewegt und versuchten das beste daraus zu machen. Dabei stellten wir fest, dass wir uns sehr gut verstanden. Oma Bach war eine sehr optimistische, nette Frau, ruhig, angenehm, sehr kultiviert und gut belesen. Wir mochten uns.

Knapp 14 Tage später kam der Abschied. Oma Bach wurde in die Reha in ein anderes Krankenhaus verlegt. Ich selber durfte nicht nach Hause, weil die Blutwerte nicht in Ordnung waren. Irgendwie war mir die ganze Zeit klar, dass ich so eine nette Nachbarin nicht mehr bekommen würde. Nach ein paar Tränchen meines Schicksals und der blöden Blutwerte wegen, stellte ich mich auf ein weiteres Wochenende im Krankenhaus ein. Oma Bach verabschiedete sich. Keine Stunde später hatte ich eine neue Nachbarin.

Schon allein dem neuen Bett sah man an, dass da ein schwierigerer Patient das Zimmer bezogen hatte. Viele Ständer und Schläuche säumten das Bett. Viele Ärzte, Schwestern und Pfleger kümmerten sich. Schnell war klar, dass die neue Bettnachbarin von der Intensivstation kam. Aus den Gesprächen erfuhr ich, dass sie der armen Frau nicht, wie bei mir, einen Wirbel fixiert hatten. Ihr hatten sie gleich mehrere Wirbel mit Schrauben verziert. Sie tat mir unheimlich leid!

Aber – Oma Kippling war wach und das sollte das größte Leid aller Schwestern und Pfleger – und mir – in den nächsten Tagen werden. Kaum eine halbe Stunde im Zimmer, klingelte Oma Kippling und bat, umgebettet zu werden. Sie wollte gerne auf der Seite liegen. Pfleger Georg erklärte ihr geduldig, wie sie das nun gemeinsam bewerkstelligen würden und legte sie routiniert auf die Seite. Alles gut. Er ging wieder, um keine 5 Minuten später wieder im Zimmer zu stehen. Oma Kippling hatte geklingelt und bat, dass ihr die Füße zugedeckt werden. Pfleger Georg ging wieder um nach kürzester Zeit und Klingeln zurückzukehren. Nun wollte sie doch noch etwas trinken und wieder auf den Rücken gelegt werden. Auf der Seite war ihr das nichts. So ging es gefühlt jede viertel Stunde weiter. Pfleger Georg kam und ging. Als es an den abendlichen Rundgang ging, stand Pfleger Georg geduldig am Bett und erklärte Oma Kippling, dass sie in den nächsten 30 Minuten nicht klingeln dürfe. Er müsse den Rundgang machen. Auf der Intensivstation sei eine Pflegekraft für 3 Patienten da, hier auf der Station hätte eine Pflegekraft 15 Patienten. Oma Kippling verstand und versprach Geduld zu haben. Pfleger Georg ging.

Ein paar Minuten Ruhe, dann rumpelte es im Nachbarbett. Irgendetwas fiel vom Nachttisch runter. Oma Kippling gab mir die klare Anweisung zu klingeln. Sie dürfe ja nicht. Ich erklärte ihr, dass die Pflegschaft doch gerade die Abendrunde mache und wir auch bald an der Reihe seien. Ach ja, hatte sie vergessen, aber sie klingelte doch wieder, um dem noch geduldigen Pfleger zu erklären, dass ihr etwas runter gefallen sei. „Nun aber – nicht mehr klingeln,“ verabschiedete er sich.

So ging es gefühlt den ganzen Freitag, Samstag und Sonntag weiter, wobei Oma Kippling auch die Nächte gut füllen und die Belegschaft in Bewegung halten konnte. Als ich einmal etwas genervt im Flur sitzend Ruhe suchte, leuchtete die rote Lampe unseres Zimmers besonders oft. Nach ein paar Mal, setzte sich die gescheuchte Schwester auf den Stuhl neben mich und klagte ihr Leid. Kein Wort über die Oma, doch allgemein, dass es hier manchmal nicht zu schaffen ist. Es brauchte nicht viel Einfühlungsvermögen, das zu erkennen. Mehr als alles andere sehnte ich den Montag herbei. Ich war geneigt, mich selbst zu entlassen, was dann zum Glück nicht notwendig war. Die Blutwerte waren gut und die Tochter konnte mich nach Hause holen. Wie es mit Oma Kippling weiter ging, kann ich natürlich nicht sagen. Ja, auch nach drei Tagen tat sie mir noch leid, aber es war gut, dass sich die Wege trennten – nett ausgedrückt. Mein Kontingent an Geduld mit der Bettnachbarin war erschöpft.

Unabhängig der Freude nach Hause zu können, war es mir ein Bedürfnis Pfleger Georg am letzten Abend zu sagen, wie sehr ich seine Arbeit und die der KollegInnen bewundere. Wir kamen auf den Beruf Pfleger zu sprechen und er beklagte etwas, dass Leute im Privaten immer glauben, er würde nur Patienten waschen und Bettpfannen verteilen. Dabei tut er weit mehr.

Pfleger Georg und alle seine KollegInnen und Kollegen gehören zu dem Heer von Menschen, die in so einem Krankenhaus einen enormen Dienst leisten. Pfleger und Schwestern unterstützen die Patienten und pflegebedürftige Menschen. Dabei bewegen sie sich immer innerhalb der Gratwanderung, den Patienten zu unterstützen und ihm doch ein höchstmögliches Maß an Selbstbestimmung und eigenem Handeln zu lassen. Sie stellen die Hygiene und Ernährung während des Krankenaufenthalts sicher. Sie überwachen die Genesung, dokumentieren den Verlauf, organisieren Therapien und medikamentöse Unterstützung. Dabei haben sie immer den Patienten im Blick, der oder die ein höchstmögliches Maß an Freundlichkeit und Wertschätzung erwarten darf und bekommt.

Auch Oma Kippling … zweifelsohne eine sehr intensive und Zeit fordernde Patientin. Auch sie wurde immer wertschätzend und höflich behandelt und gepflegt. Ich habe die Pflegekräfte bewundert … alle!

Mein Wirbel heilt nun still vor sich hin. Ein Korsett (modern Orthese) hilft mir dabei. Ich bewundere jede Frau, die gerne ein Korsett trägt. Es sind viele Erfahrungen, die durch diese Geschichte zusammen kommen. Am prägendsten ist für mich allerdings die Erfahrung mit Pfleger Georg, der immer freundlich, nett und humorvoll war. Für den Beruf muss man viele Fähigkeiten mitbringen und ein hohes Maß an Engagement und Empathie aufbringen, ohne dabei selber zu zerbrechen. Sie müssen Menschen lieben, gleich ob es welche wie Oma Bach oder Oma Kippling sind, deren Namen im Übrigen geändert sind … ein bisschen was von beiden steckt wohl in jedem von uns drin. Oder? 😉

Redet drüber … Sucht!

Es ist fast wie eine alte Gewohnheit: Wenn ich in einer Zeitung oder in sozialen Netzwerken einen Artikel finde, der „Sucht“ zum Thema hat, muss ich ihn lesen. Ich lese diese Artikel immer sehr kritisch. Wenige schaffen es, mir neue Erkenntnisse aufzuzeigen, selten finde ich etwas, was mich fesselt und zu Ende lesen lässt. Kürzlich hat mich meine Schwester auf einen Bericht aufmerksam gemacht, der mich nicht nur sehr ansprach, sondern der sowohl meine Erfahrungen deckte, als auch einen anderen Weg im Umgang mit Sucht offenbarte. Die Headline des Beitrags im Business Insider Deutschland lautet: „Studie zeigt eine unbequeme Wahrheit über Sucht“. Der Beitrag beginnt mit dem Satz: „Das Wort Sucht – … – ist negativ konnotiert. Wir bezeichnen Sucht als eine Störung und Betroffenen wird von der Gesellschaft ein Problem zugesprochen.“

Die Gesellschaft jedoch ist, nach meiner Ansicht, ein großer Teil des Problems, wenn es bei uns um das Thema Sucht geht. Süchtige stehen außerhalb der Norm. Was nicht die Norm erfüllt, gehört geächtet. Die Form der Sucht spielt dabei keine Rolle. Sucht ist nicht gesellschaftsfähig. Wer süchtig ist, wird abschätzig betrachtet, möglichst totgeschwiegen, aus den eigenen Reihen verwiesen. Über Sucht wird nicht gesprochen, jedenfalls nicht öffentlich, weil es ja vermuten ließe, dass man selbst Betroffener ist, als Angehöriger oder Süchtiger. Betroffen sein bedeutet Schwäche, deutet auf ungelöste Probleme hin, falsche Erziehung und lässt Fehler in der Lebensführung oder im Miteinander vermuten. Zu gerne wird negiert, dass es einen selbst treffen könnte. Zu gerne vergessen, dass Sucht keinen sozialen Status kennt und zu gerne übersehen, dass Sucht überall in unserer Gesellschaft präsent ist.

Ich bin betroffen und damit auch meine Familie. Ich könnte auch sagen „Ich war betroffen“, aber auch dafür hat die Gesellschaft eine Form gefunden, die mich sozusagen lebenslang „ächtet“. Ich bin, wenn es nach der Gesellschaft geht, eine „trockene Alkoholikerin“. Ich verabscheue den Begriff, denn ich bin weder „trocken“, noch „Alkoholikerin“. Ich habe vor 20 Jahren geschafft, meinem Leben die entscheidende Wende zu geben und für mich beschlossen, das Alkohol keine Rolle mehr in meiner Lebensführung spielen wird. Den Entschluss fasste ich selber, den nötigen Rückhalt dafür gab mir meine Familie und mein Freundeskreis. Wer jetzt erwartet, dass ich hier von dem Grauen der Sucht und dem elendigen Weg daraus erzähle, braucht nicht weiterlesen. Das werde ich nicht tun, denn seither ist jeder Tag für mich besser gewesen als die Tage davor. Ich genieße mein Leben, ich lebe bewusst und bin die Summe dessen, was ich erlebt habe, wozu auch sehr düstere Tage gehören. Aber ich bin nicht bereit, ein lebenslanges Stigma zu tragen, nur weil unsere Gesellschaft Sucht nicht offen bespricht. Jeder anderen Krankheit wird mit Betroffenheit begegnet, aber Sucht nicht als Krankheit anerkannt, sondern als Makel empfunden.

Natürlich gab es Gründe für meine Sucht, trotz dessen, dass ich eine glückliche Kindheit und eine große Familie hatte und habe. Nur spielt es hier keine Rolle, welche Gründe dazu führten, die vielfältigster Art sein können. Ich kann nur versichern, dass es tatsächlich jeden treffen kann, sei man sich auch noch so sicher gefeit zu sein. Entscheidend, wenn man denn in die „Falle“ getappt ist, ist die eigene Erkenntnis und der Wille sich zu befreien. Das passiert im Kopf und so bezeichne ich es immer als „Kopfsache“. Die körperlichen Symptome bekommt man je nach Substanz recht schnell in den Griff. Viel schwieriger ist es, den eigenen Geist zu überzeugen, dass das Ende der Sucht als lebensrettender Entschluss zu sehen ist. Wir verlieren nichts, sondern können nur gewinnen!

Ich fasste meinen Entschluss vor 20 Jahren auf dem Weg in ein Krankenhaus. Im Zuge der anschließenden Therapie wurden Patienten verpflichtet die verschiedenen Gruppen kennenzulernen, die Alkoholsucht zum Thema hatten. So saß ich an einem Abend in einem recht dunklen Raum, in dem die Gruppenmitglieder um einen Tisch saßen. Es waren die Anonymen Alkoholiker, bei deren Begrüßungsritual jeder Teilnehmer sagt: „Ich heiße Soundso, bin seit … anonymer Alkoholiker …“ und fügt dann noch ein/zwei Sätze zur aktuellen Verfassung an.  Irgendwann war Ingrid an der Reihe und sagte: „Ich heiße Ingrid, ich bin seit 7 Jahren anonyme Alkoholikerin und ich leide seit 7 Jahren unter meiner Sucht!“ Das war aus meiner heutigen Sicht der Moment in meinem Leben, in dem ich Optimist wurde. Ich saß mit großen Augen dort, hörte die anderen kaum mehr und dachte für mich, dass ich mich nicht der ganzen Mühe unterwerfe meine Sucht zu besiegen um den Rest meines Lebens zu leiden. Ich wollte leben, bewusst und jeden kommenden Tag genießen.

Das gelang natürlich nicht sofort, aber es wurde immer besser. Meine Familie und Freunde mussten wieder Vertrauen in mich gewinnen. Ich musste die Ernsthaftigkeit zeigen, mein Leben zu stabilisieren. Ich wurde stärker, physisch, wie psychisch und gewann meine frühere Persönlichkeit nicht nur zurück, sondern gewann eine veränderte, selbstbewusstere hinzu. Etwa zwei Jahre nach der Therapie hatte ich hin und wieder noch das Gefühl, dass mir „Alkoholikerin“ auf der Stirn geschrieben steht. Doch irgendwann merkte ich, dass es außer mir selbst, niemanden mehr interessierte. Die Menschen um mich herum bewerteten mich nach dem, wie sie mich aktuell erlebten. Natürlich habe ich nicht jedem gleich erzählt, was ich erlebt hatte, aber hin und wieder ergab es sich doch aus Gesprächen. Niemals in den vergangenen Jahren erlebte ich dadurch Ablehnung. Immer Anerkennung und oft die gegenseitige Öffnung, dass mein Gegenüber ähnliche Erfahrungen gemacht hatte. Diese anderen waren immer starke, in sich ruhende Menschen, die ihr Leben im Griff hatten und genau wussten, was sie nicht mehr wollten. Es kann tatsächlich jeden treffen und wenn man aufmerksam zuhört, ist es erstaunlich, wie viele Menschen betroffen sind.

Wäre es nach der gesellschaftlichen Meinung gegangen, hätte ich damals „erst mal in der Gosse landen müssen“, hätte mein Umfeld verlassen müssen um, eine Chance zu haben, hätte mich später still und ohne Stressfaktoren bewegen müssen. „Einmal ‚Suchti‘, immer ‚Suchti‘“ ist die gängige Meinung. Hin und wieder hörte ich Gespräche mit Leuten, die diese Meinungen vertraten. Ich habe nichts dazu gesagt, sondern sie nur still für mich zu den Dummen stellt.

Ich habe nichts von dem getan, was in der Allgemeinheit für richtig gehalten wird, um einen Weg aus der Sucht zu finden. Ich habe mich nicht verkrochen, sondern den Weg in den Beruf wiedergefunden. Ich blieb in genau dem Umfeld, welches ich vorher hatte. Ich habe Alkohol nicht aus meinem Leben verbannt, sondern kann jedem Gast ein Glas Wein anbieten oder eingießen und gönne es ihm von Herzen. Ich habe keinen Psychologen konsultiert oder eine Gruppe besucht, die mich auf Jahre an eine schwache Lebensphase erinnert. Ich ging meinen – glücklichen – Weg.

Möglich wurde das, weil meine große Familie, meine Freunde und mein Ehemann im entscheidenden Moment erkannten, dass es mir ernst war. Auch vorher ließen sie mich nicht fallen, sondern zeigten mir ihre Grenzen auf, bekräftigten immer wieder die Möglichkeiten mir zu helfen, aber gaben mir trotz Abhängigkeit, das Gefühl nicht alleine zu sein. Mit meinem Mann habe ich zwei wunderbare Kinder aufgezogen. Natürlich interessierten die sich im gewissen Alter für Alkohol. So haben wir frühst möglich mit ihnen meine Problematik kommuniziert und sie ihre Erfahrungen mit Alkohol machen lassen. Einen heilsamen „Kater“ hatten beide, den die Mutter half auszukurieren.

Ich bin nicht stolz auf das, was ich erlebt habe, aber stolz darauf, was ich daraus gemacht habe. Es gehört zu mir und hat mein Wesen verändert. Ich wurde aufgefangen, bekam Grenzen aufgezeigt, bekam Halt und Zuneigung als ich sie am dringendsten brauchte. Ich habe gelernt Hilfe annehmen zu können. Das Wunderbare ist, dass ich heute in der Lage bin, das was ich bekam, weiterzugeben. Ich helfe, wem ich helfen kann, und sei es nur dadurch, dass ich eine positive Lebenseinstellung teile. Dabei ist mir vollkommen klar, dass ich ideale Bedingungen und die richtigen Menschen um mich hatte, um das zu schaffen. Nicht selten endet Sucht in hilfloser Ohnmacht und Tod.

Sucht ist kein Makel. Eine Krankheit allemal und eine Falle, in so vielfacher Form, dass man sich hüten sollte, sich sicher zu fühlen. Ich bin dankbar, dass ich ihr entkommen bin und Menschen hatte, die mich begleiteten, unglaubliche Kraft mobilisierten mich zu stützen, mit mir redeten, mir meine Chance gaben und bis heute bei mir sind. Es sind die Menschen, die praktiziert haben, was im letzten Satz des oben erwähnten Beitrags steht: „Anstatt Süchtige zu hassen und sie zu isolieren, sollten wir eine warmherzigere Gesellschaft aufbauen.
Wenn wir die Art und Weise anpassen, wie wir uns miteinander verbinden und Menschen helfen können, durch ihr normales Leben erfüllt zu werden, kann Sucht in Zukunft ein geringeres Problem werden.“

Redet drüber!

 

Eine kleine Geschichte vom Mandelstrauch

Es ist 25 Jahre her, dass wir, mein Mann und ich, frisch verheiratet, in unser kleines Häuschen einzogen. Damals noch nicht alleine. Die Schwiegermutter und wir bildeten eine Art Wohngemeinschaft, weil zu der Zeit gute Wohnungen schwer zu bekommen waren. Die „Haushoheit“ lag natürlich bei der Schwiegermutter. Was ich vom ersten Tag an jedoch besonders zu schätzen wusste, war der Garten ums Haus. Insbesondere als unsere Kinder geboren wurde, war es immer schön, einfach die Tür aufzumachen und sofort im Freien zu sein. Das bedeutet nicht, dass mir der Garten gefiel. Er war doch sehr praktisch gestaltet: Rundum Nadelbäume auf brauner Erde und in der Mitte Rasen, weiter nix. Mit einer Ausnahme – ein Mandelstrauch.

An der Seite des Hauses stand der Mandelstrauch, der mir nicht sofort auffiel, da er übers Jahr eigentlich nur grüne Blätter trägt. Gleich im ersten Frühjahr sah ich aber die kleinen Knospen und später wunderschönen gefüllten Blüten in zartrosa. Die Blüte dauert nicht lange, ein/zwei Wochen, dann kommen die Blätter. Ich mochte ihn von Anfang an, war er für mich ein Sinnbild des beginnenden Sommers.

Irgendwann war es dann so weit, dass die Schwiegermutter nach Mecklenburg zog. Ich gebe gerne zu, dass wir den Platzgewinn und natürlich auch das wieder gewonnene Alleine-Sein sehr genossen. Nachdem wir im Haus alles neu aufgeteilt und eingerichtet hatten, begannen wir den Garten neu zu gestalten. Dazu muss man wissen, dass Gartenarbeit in jungen Jahren für mich ein Greul war, zumal es meist nur Laubharken und Rasen mähen bedeutete. Blumen pflanzen interessierte mich schlicht gar nicht. Nun hatten wir eine große Fläche und legten ohne Plan los. Das Erste, was fiel, waren die Nadelbäume und Friedhofssträucher. Das war schlicht durch den Wunsch geprägt, ohne Pickser im Garten barfuß laufen zu können. Wir pflanzten aus, wir pflanzten neu und pflanzten um. Zugegebener Maßen ohne Erfahrung und hoffnungsvoll, es richtig zu machen.

Schließlich kam ein Herbst und wir harkten Laub, beschnitten die Bäume und Abgeblühtes. Dabei geriet mir der Mandelstrauch in die Finger. Ich weiß es nicht mehr genau, aber denke, ich wollte ihn in Form bringen. Jedenfalls musste er sich einen starken Rückschnitt gefallen lassen. Das Resultat kam prompt im nächsten Frühjahr in Form von weniger Blüten. Ich hatte es trotzdem noch nicht begriffen und auch der nächste Rückschnitt kam. Das ging so weit, bis in einem Frühjahr nur noch die Feststellung übrig blieb, dass er eingegangen war. Schweren Herzens kam der letzte Rückschnitt auf Boden Niveau … wir hatten mal einen Mandelstrauch.

Mit den Jahren machten wir dann doch gute Erfahrungen und bekamen Routine in unseren Gartenarbeiten. Nicht alles glückte, aber im Großen und Ganzen immer mehr. Ich fand Spaß daran, Neues zu pflanzen und mich im nächsten Frühjahr zu freuen, wenn es den Winter überstanden hatte. Gartenarbeit assoziierten wir immer mehr mit Entspannung, als mit Arbeit. Der Garten wurde unser zusätzliches Wohnzimmer im Sommer.

Viele Jahre später beschäftigten wir uns mit dem Gedanken das Haus umzubauen. Dazu wollten wir drei weitere Bäume fällen, wozu man in Berlin eine Genehmigung braucht. Für eine sehr große, aber kranke, Birke neben dem Haus bekamen wir diese sofort. Wirklich sehr kurz bevor die Birke gefällt wurde, bemerkte ich genau an der Stelle an der früher der Mandelstrauch stand, einen kleinen Zweig. Ich konnte es kaum fassen, aber es war sofort klar, dass es tatsächlich ein Mandelzweig war. Ich pflanzte ihn sehr behutsam aus, bevor die schweren fallenden Baumabschnitte der Birke ihn wieder kaputtmachten. Er bekam eine sehr geschützte Stelle von mir und ich achtete sehr auf den kleinen Zweig. Dort musste er die Um- und Anbauarbeiten abwarten. Zwei Jahre stand er dort, entwickelte sich und zeigte im Frühjahr wieder seine wunderschönen gefüllten Blüten. Anfänglich ein paar, aber mit den Jahren wurden es wieder mehr. Es ging ihm gut und vor meiner Schere war er sicher!

Ich habe mich schon oft gefragt, warum mir die Geschichte des Mandelstrauches immer wieder in den Sinn kommt. Ich denke, es sind zwei Sachen. Zum Einen wissen wir verloren gegangen Dinge oft erst zu schätzen, wenn wir sie nicht mehr haben. Vieles ist für uns so selbstverständlich, dass wir es erst bemerken, wenn es weg ist. Das gilt für Gegenstände genauso wie für Menschen. Viel öfter sollten wir uns Selbstverständliches bewusst machen und den wirklichen Wert, die Bedeutung für uns klar machen. Ganz besonders denke ich dabei auch an die 74 Jahre Frieden, die wir hier in unserem Land erleben dürfen. Das ist nicht selbstverständlich. Wir haben einfach nur Glück, dass wir hier und jetzt geboren sind.

Der zweite Punkt, der mir bei dieser Geschichte in den Sinn kommt, ist die unglaubliche Kraft, die in der Natur, aber auch in vielen Menschen steckt. Es ist bekannt, dass sich die Natur alles zurückholt. Viele Bilder zeigen vergangene Bauwerke, die von Wurzeln und Blattwerk überzogen sind. Natur ist unglaublich Stark und mit dieser Stärke sollten wir rechnen. Greifen wir weiter wie bisher in die Natur ein, holt sie sich auf ihre Weise alles wieder zurück. Wie das letztlich aussieht, mag ich mir nicht vorstellen. Aus dem Grunde bin ich jedem jungen Menschen dankbar, der uns Ältere mahnt, endlich zukunftsweisende Klimapolitik umzusetzen und unsere Welt als Leihgabe der Jugend zu begreifen.

Auch Menschen können eine unglaubliche Kraft entwickeln. Mittlerweile bin ich so alt, dass ich schon öfter erleben durfte, wie sich der ein oder andere veränderte und sich seiner Kraft bewusst wurde. Menschen, die eine Situation nicht mehr ertrugen und von heute auf Morgen alles änderten. Menschen, die sich ein sehr hohes Ziel steckten und es tatsächlich erreichten. Menschen von anderen aufgegeben, die sich einen neuen Platz in der Gesellschaft erkämpften. Entscheidend sind der Wille und der Glaube in sich selbst.

Der Mandelstrauch hat seinen endgültigen Platz in unserem Vorgarten zwischen vielen Steinen gefunden. Heute weiß ich, dass man ihn nach der Blüte durchaus zurückschneiden darf, bzw. sogar soll. Heute kenne ich ja auch seine Kraft, die er nutzt, wenn ich ihn gut behandele. Und es ist für mich nicht selbstverständlich, wenn er jedes Jahr im Frühjahr wieder wunderschön blüht … es ist mir umso mehr eine besondere Freude!

 

Von Pinseln und Punkten … und Mandalas

Der Schulranzen meiner Kinder war immer ein ganz besonderer Ort. Er konnte Geheimnisse verbergen, Gegenstände komplett verschwinden lassen oder Sammlungen von Dingen beherbergen, die nun wirklich kein Mensch braucht. Abgesehen von den jahrelang nutzlos hin und her geschleppten Büchern, konnte er aber eins besonders gut sammeln: Halb fertige, lieblos ausgemalte Mandalas.

Hin und wieder räumten wir diese Schulranzen gemeinsam aus um zu verhindern, dass meine kleinen Mädchen unter dem Gewicht zusammenbrechen. Das war besonders nach den Ferien ein festes Ritual. So manches Schulbrot – von vor den Ferien – kam wieder zum Vorschein. Dabei ist mir ganz besonders ein Schuljahr in Erinnerung geblieben. Meine Tochter wünschte sich einen größeren Schulranzen aus Platzproblemen. Also räumten wir wieder erst einmal aus, um die Notwendigkeit zu prüfen. Ich zog gefühlt 100.000 halb fertige Mandala-Ausmalblätter aus der Tasche. Auf meine Frage hin und weil ich wusste, dass Malen nicht gerade eine Lieblingstätigkeit der jungen Dame war, bekam ich die Erklärung, dass sie im Matheunterricht, immer wenn sie früher als die anderen fertig ist, Mandalas malen sollte. Mehrfache Gespräche mit der Lehrerin änderten nichts.

Mein Verhältnis zu Mandalas war nachhaltig und auf viele Jahre gestört. Ich sah meine Tochter den kreativen Tod sterben und trotz aller Argumente bekam sie weiter Mandala-Ausmalblätter, statt zusätzliche Mathematikaufgaben im Mathematikunterricht. Aus dem Kind ist trotzdem etwas geworden – nein, keine Malerin. Die ganze Geschichte hätte ich sehr wahrscheinlich völlig vergessen, wenn nicht vor ein paar Jahren Ausmalbücher für Erwachsene sehr modern geworden wären. Ich schaute mir diese Bücher an, kaufte sogar ein paar, weil mich die Muster doch interessierten. Ich trat in Facebook zwei Gruppen bei, die sich nur mit Ausmalbüchern beschäftigten und beobachtete fasziniert, was sich dort tat. … Wie erkläre ich das jetzt ohne jemanden auf die Füße zu treten? Vielleicht so: Die Bilder, die dort gezeigt wurden, waren teilweise wahre Ausmal-Meisterwerke. Manche Ausmaler beherrschen die Kunst, bzw. das Handwerk mit Stiften Flächen gleichmäßig oder gegebenenfalls verlaufend auszumalen wirklich trefflich. Manche nicht so sehr, aber auch hier macht Übung tatsächlich den Meister. Anerkennend sah ich, dass sie es versuchten und übten. Oft musste ich lächeln, weil die Ausmalbilder tatsächlich wie kleine Picasso‘s beschrieben wurden und der Stolz der Besitzer spürbar war. Einzig, was sich mir nicht erschloss war, wie auch schon früher bei meiner Tochter: Was ist die kreative Leistung an Ausmalbildern. Ich las viel über Mandalas, aber wirklich überzeugendes in Hinblick auf die Kreativität fand ich wenig. Viel über die Geschichte der Mandalas und deren Symbolik. Ich hatte viel Nachzudenken.

Es dauerte noch eine Zeit bis ich es, zumindest teilweise, verstehen konnte und das kam so: 2016 hatten wir unser Haus komplett saniert, um- und angebaut. Dadurch kam ich zu einem Zimmer in dem ein kleiner Arbeitsplatz ohne irgendetwas Digitalem steht. Der ist nur dem Malen, Basteln oder Werkeln vorbehalten. Kopf an Kopf steht der Arbeitsplatz für den Computer und so konnte ich von nun an, je nach Lust, die Seiten wechseln. Ich hatte mich drei Jahre lang in meiner Freizeit vornehmlich mit dem Bloggen beschäftigt, merkte aber dass ich etwas Neues brauchte. Eines Tages sah ich in Instagram ein persisches Mandala. Das war so wunderschön, dass ich es mir speicherte und immer wieder anschaute. Irgendwann fasste ich den Mut und dachte, dass ich das auch hinbekommen könnte. Ich legte Leinwand, Zirkel, Lineal und Stifte bereit und fing an, mein eigenes Mandala vorzuzeichnen. Nachdem das geschafft war, begann die Arbeit mit dem Pinsel. Ich entdeckte wieder, was ich viele Jahre nicht getan und vermisst hatte. Ich malte, versank in den Prozess und fand die Ruhe in mir selber. Diese Ruhe, könnte ich mir vorstellen, ist das, was ein Ausmaler, abgesehen davon etwas Schönes zu erschaffen, beim Ausmalen findet.

Es entstanden einige Bilder und irgendwann mit meiner Kollgin die Idee, sie alle einmal auszustellen, was ich auch im April machen werde. Schön, wenn man einen Arbeitgeber mit einem schönen Nachbarschaftscafé hat, wo so etwas möglich ist. Dann musste ich sozusagen malen, denn ein paar Bilder sollten schon zu sehen werden. Aber es blieb nicht bei den Mandalas. Irgendwann entdeckte ich die Punkte – das „dot painting“. Wunderschöne Bilder, bzw. Mandalas, die nur aus verschieden großen Punkten zusammengestellt waren. Ich recherchierte eine Weile, wie die Künstler das machten und fand schließlich in Australien einen Versandt für das richtige Werkzeug. Der Zoll übergab es mir erst gegen eine kleine Gebühr, aber dann war ich auch hier nicht mehr zu halten und malte Punkte ohne Ende. Und auch hier wieder macht die Übung den Meister. Nicht alles gelang, aber es wurde besser. Auch hier fand ich eine Facebookgruppe: „Traumhaftes Dot Painting – Austausch und Inspirationen“ von Anika Brust. Anders als in anderen, mir bekannten Facebookgruppen, fiel mir hier der ausgesprochen nette Umgangston auf. Jeder, ob Anfänger oder Profil erhält die gleiche Wertschätzung, geduldige Tipps oder freundliche Antworten. Für mich eine große Motivation weiterhin einen Punkt neben den anderen zu setzen.

Meine Schwester fragte mich vor nicht allzulanger Zeit, wohin ich mit meiner Malerei will. Eine sehr gute Frage, über die ich immer wieder nachdenke. Ich werde kein großer Künstler mehr werden. Dafür habe ich zu viele andere Dinge, die ich auch gerne mache. Ich möchte Bilder malen, die mir gefallen, in deren Entstehung ich Entspannung finde und freue mich natürlich, wenn ich Anerkennung von anderen erhalte. Was ich will, ist ganz besonders der Prozess, der zwischen mir, dem Pinsel und der Leinwand stattfindet. Das Versinken in das Tun, das Ausblenden meiner Umgebung, die Suche nach neuen Möglichkeiten der Gestaltung. Die Ruhe, die ich finde, wenn ich mich mit Farben beschäftige und das alles fern ab von allem Digitalen, was mich sonst umgibt.

Um mit den Mandalas im Schulranzen abzuschließen: Ich bleibe dabei, dass Mandalas als Beschäftigungsmittel in der Schule nichts zu suchen haben. In der Form fördern sie außer gelangweilten Kindern nichts. Anders wäre es, sie im Kunstunterricht einzusetzen und Kinder ihre eigenen Muster malen zu lassen, deren Herkunft und Symbolik zu klären. Ausmalbücher sehe ich mittlerweile etwas anders. Menschen, die nicht zeichnen können und dennoch malen möchten, finden hier ihre Passion und Entspannung. Auch zur Förderung der Feinmotorik sind die Ausmalbilder oder Mandalas sicher förderlich. Eine eigene Richtung sind noch die gepunkteten Steine, unter denen es ebenfalls wahre Könner gibt. Unter den Mandala-Malern, ob mit Pinsel oder Punkten, gibt es ebenfalls große Künstler, die ich sehr bewundere, die aber alle ihre Bilder selber entwerfen und wunderbare Einblicke in die Welt der Fantasie geben.

Ich habe meine Malerei wiedergefunden, die in den letzten Jahren sehr vernachlässigt war. In der Zeit standen die Kinder an erster Stelle. So intensiv, wie im letzten Jahr werde ich allerdings nicht mehr malen, denn eins fehlt mir doch: Trotz aller Malerei hab ich den Kopf nicht abgestellt. Es gibt viele Themen, die mich bewegen und über die ich schreiben möchte. Also werde ich versuchen eine gute Mischung aus dem Malen und der Blog-Welt hinzubekommen, die sich in meine sonstige Privat- und Arbeitswelt einreihen muss. Trotzdem sind die Bilder nicht mehr von mir zu lösen. Ein paar zeige ich euch hier. Ich habe den Blog etwas umgebaut. Das Inhaltsverzeichnis und Impressum aktualisiert. Eine neue Seite „Meine Bildermappe“ ist hinzugekommen. So kann ich jetzt hin und wieder mit Texten oder Bildern von mir hören zu lassen. Jedes Ding hat seine Zeit und jetzt packt mich wieder die frühere Neugier auf die befreundeten und neue Blogs … man liest sich. Liebe Grüße!

Die Zahnputzbecher bleiben leer

Wochenend-Einkauf: Ich schiebe meinen Einkaufswagen durch den Supermarkt und staune nach einer Weile, dass der Einkaufszettel kürzer, der Wagen aber so gar nicht voll wird. Viele Sachen, die sonst zum „Must-have“ des Einkaufs gehörten bleiben in den Regalen. Keine Himbeeren im Winter, kein Vollkorn-Knäckebrot, kein Steviazucker, kein Joghurt 0,1%. In den Süßigkeiten-Regalen schaue ich nur nach Sachen, die der Vater mag. An den Kosmetik-Regalen gehe ich ohne Interesse vorbei. Kein spezielles Haarwaschmittel oder Duschshampoo wird gebraucht. Nach dem Bezahlen kommt mir der Quittungsstreifen ungewöhnlich kurz vor und das Umladen des Einkaufs in das Auto kommt keiner Schwerstarbeit gleich. Andere Situationen gibt es auch: Die tägliche Frage, was es zum Abendessen gibt, ist in kürzester Zeit und ohne Diskussion gelöst. Ziehe ich beim Heimkommen die Schuhe aus, finde ich immer einen Platz dafür im kleinen Schuhregal ohne mich durch sieben davor stehende Paare durchzuwühlen. Mache ich nach der Arbeit Zuhause meinen Entspannungskaffee, sieht die Küche tatsächlich so aus, wie ich sie morgens verlassen habe. Morgens im Bad hängt mein Handtuch immer dort, wo ich es zuletzt hingehängt habe. Ich muss keine Haargummis in das entsprechende Schälchen weglegen (ich selbst habe maximal 2 cm lange Haare). Wenn ich Zähne putze, fällt mein Blick oft auf die zwei leeren Zahnputzbecher. Ich überlege, ob ich sie wegräume, denn sie bleiben auch künftig leer. Beide Töchter haben sich in diesem Jahr auf eigene Wege begeben. Auch ihre Betten bleiben leer.

Wenn man Kinder bekommt, muss einem klar sein, dass man die nächsten 20 Jahre in der zweiten Reihe steht. Das bedeutet nicht, sich selber aufzugeben, aber alles Bestreben in dieser Zeit sollte darauf ausgerichtet sein, eigenständigen und selbstbewussten Nachwuchs großzuziehen. Je mehr Zeit man darin investiert, umso erfolgsversprechender und sicherer hat man später auch seine Ruhe. Gerade in den ersten durchwachten Nächten mit dem Säugling kommt einem diese Zeitspanne unüberwindbar vor. Selbst viel später in der Pubertät des Nachwuchs, denkt man immer noch, dass man es nie schaffen wird. Doch irgendwann ist es dann doch vorbei. Plötzlich vorbei. Viel schneller vorbei, als man eigentlich für möglich gehalten hätte. Der Nachwuchs zieht aus und die Zeit beginnt, in der sich Mutter und Vater ihres Elternjobs beraubt fühlen und sich wieder auf sich selbst besinnen müssen. Nun ist das natürlich nicht mit der gemeinsamen Zeit zu vergleichen, die man mehr oder weniger hatte bevor die Kinder da waren. Zum einen ist man eben gut 20 Jahre älter, die rosa Wölkchen der Anfangszeit haben so ziemlich alle Farbnuancen durchgemacht und das eine oder andere Zipperlein ist ständiger Wegbegleiter geworden. Herr Schmidt und ich sind frisch in diese neue Lebensphase eingetreten. Wir müssen uns neu sortieren, miteinander positionieren, neue Routine oder Herausforderungen finden.

Unsere erstgeborene Tochter hat uns Eltern sanft entwöhnt, beziehungsweise sich selber sehr elegant heraus gelöst. Man könnte es auch als eine Art „Ausschleichen“ bezeichnen. Letzten November zog ihr Freund in seine erste eigene Wohnung ein. Der unglaubliche Vorteil dieser Wohnung für unsere Tochter bestand darin, dass sie genau auf der anderen Straßenseite ihrer Ausbildungsstätte liegt. Hat sie Frühschicht, ist es natürlich ein gewaltiger Unterschied für die jungen Frau, ob sie in der Wohnung des Freundes um halb sechs aufstehen muss oder in dem elterlichen Heim um halb vier morgens. Wir erlebten nicht mehr viele Frühschichten der Tochter. Auch nicht mehr viele Spätschichten. Kam sie nach Hause, war eine große Tasche im Gepäck mit Schmutzwäsche, aber auch diese Tasche blieb irgendwann weg, nachdem über WhatsApp geklärt war, bei wie viel Grad man Bunt- oder Kochwäsche wäscht. Im Sommer räumten der Ehemann und ich einiges im Haus um und überlegten, wie wir die Räume optimal nutzen könnten. Mit einigen Vorbehalten trauten wir uns die Tochter bei ihrem nächsten Besuch zu fragen, ob in ihr Zimmer nicht der Vater einziehen könnte. Statt einem entsetzen „Wollt ihr mich rausschmeißen!“, kam nur ein „Warum habt ihr das nicht schon längst gemacht.“ Damit war das bisher Unausgesprochene offiziell: Es lebt nur noch ein Kind hier im Haus.

Loslassen war das erste Mal ein Thema für mich. Nein, eigentlich nicht loslassen. Das müssen Mütter mit jedem Entwicklungsschritt der Kinder mitmachen. Trennung bezeichnet es eigentlich besser. Der gemeinsame Weg mit der Tochter ist beendet. Jetzt zeigt sich, ob wir ihr das richtige Rüstzeug in der Erziehung mitgegeben haben. Aber: Sie ist selbstbewusst, weiß was sie will, zieht konsequent ihr Studium durch und wirkt auf mich bei jedem Besuch ausgeglichen und zufrieden. Hier kann ich gut loslassen, zumal der junge Mann an ihrer Seite mir das Gefühl gibt, dass er ihr gut tut. Seinen Besucherstatus haben wir irgendwann aufgehoben. Jetzt gehört er zu uns. Sie planen beide ihre Zukunft und wir haben den Eindruck, dass sie sich gut ergänzen und glücklich zusammen sind.

Die jüngere Tochter hat die Schule im Sommer beendet, womit der Weg frei war, sich ihren großen Traum zu erfüllen. Seit drei Jahren spielte sie mit dem Gedanken ein Jahr ins Ausland zu gehen. Nach vielen Überlegungen hat sie sich für Australien entschieden. Wir haben eine begleitende Organisation ausgewählt und Fakten geschaffen. Lange stand der 24. Oktober als Abflugdatum fest, sodass der Sommer von Vorbereitungen geprägt war. Das erste Mal komisch wurde es mir erst, als wir den großen Rucksack zur Probe gepackt haben. Damit wurde sichtbar, dass sie nicht mehr lange hier sein würde. Trotzdem rückte der Reisetag näher, bis wir sie schließlich zum Bahnhof brachten. Entgegen allen vorherigen Beteuerungen rollten natürlich ein paar Tränen, aber es war ein ruhiger und liebevoller Abschied. Zu Hause alleine fühlte sich die Ruhe unwirklich an. Die ersten zwei Tage hatte ich immer das Gefühl, dass sie gleich wieder kommt. Mit der Nachricht, dass sie in Sydney gelandet ist, hörte das sofort auf. In der ersten Woche erlebten wir ein ständiges Auf und Ab der Gefühle, das uns zugegebener Maßen alle sehr beanspruchte. Wir hatten alle nicht damit gerechnet, dass der Jetlag sie so treffen würde. Schlafmangel und unregelmäßiges Essen taten ihren Teil dazu, dass es ihr nicht gut ging. WhatsApp, Skype, Facebook, Telefon kann man bei solchen Reisen als Fluch oder Segen betrachten. Für uns war es ein Segen, weil wir die nötige moralische Unterstützung geben konnten. Auch Familienmitglieder und Freunde halfen mit Ratschlägen, eigenen Erfahrungen und lieben Worten, sodass es langsam bergauf ging und die ersten schönen Nachrichten aus Sydney kamen. Als sie in ihrem Blog EscapeWorld, den sie eigens für diese Reise eingerichtet hatte, ganz ehrlich über ihre Anfangsschwierigkeiten berichtete, bekam sie so viel Zuspruch, dass die Gefühlswende gelang.

Es war eine schwere erste Woche. Aber: Sie macht jetzt Erfahrungen, die sie Zuhause nicht machen kann. Sie lernt Dinge, die sie sich hier lange erarbeiten müsste. Sie erlebt Sachen, die ihr hier verborgen bleiben würden und sie sieht Orte, die wir nicht sehen werden. Ich bin ein bisschen neidisch und freue mich, dass sie das erleben kann, auch wenn es hin und wieder nicht so leicht ist. Ein bisschen staune ich über mich selber: Bisher hatte ich noch keine Gelegenheit mein Kind zu vermissen. Ich denke, weil wir oft Kontakt hatten. Vornehmlich aber, weil ich weiß, was dieses Kind für Stärken hat und ich tief im Bauch weiß, dass sie es bewältigen wird. Mein Jammer kommt sicherlich, wenn es ihr prächtig geht. Ich bin sehr gespannt mit wie vielen bereichernden Kontakten, lehrreichen Erkenntnissen und neuen Ideen sie wieder nach Hause kommt.

Wir sind also sozusagen kinderlos auf Probe. Die jüngere Tochter kommt wieder. Wer weiß, wie lange sie dann bleiben wird. Jetzt probieren wir erst einmal, wie es sich so alleine lebt, nach gut 20 Jahren Kindererziehung. Es hat Vorteile. Viele Vorteile. Trotzdem möchte ich keine Sekunde der letzten Jahre missen. Es gibt Momente, in denen man seine Kinder verfluchen könnte, um Sekunden später festzustellen, dass man sie einfach nur liebt. Es gibt schwere Phasen, die eine Familie auf harte Proben stellt, um später zu erkennen, dass man noch mehr zusammen gewachsen ist. Und es gibt eben diese Zeit des Loslassens, die zeigen wird, ob man als Eltern einen guten Job gemacht hat. Und hat man es gut gemacht, kommen die Kinder eh immer wieder zurück. Eine Freundin hat mir letzte Woche geschrieben: „Ihr habt ihnen Wurzeln gegeben – jetzt sind die Flügel dran!“ Goethe würde sich immer noch freuen, dass er bis heute zitiert wird.

Mein Mann und ich haben Pläne, Ideen und Ziele. Wir genießen unsere eigenen Freiräume und wieder gewonnene Unabhängigkeit. Und so ganz lassen uns die Kinder ja doch nicht los. Wenn am Feiertag die Frage der großen Tochter über WhatsApp kommt: „Mama, was gibt‘s heute bei euch zu essen?“, liegt die Vermutung doch sehr nahe, dass da ein Kühlschrank leer ist. Natürlich plant die Mutter dann so, dass zwei zusätzliche Bäuche satt werden. Alles verändert sich, muss sich weiter entwickeln und birgt seinen eigenen Reiz.

Nach meinen Wochenend-Einkäufen habe ich immer das Gefühl etwas vergessen zu haben. Manchmal, wenn ich morgens im Bad stehe und Zähne putze, genieße ich die noch ungewohnte Ruhe, die ich um mich herum fühle. Aber manchmal, wenn ich dort stehe, denke ich: „Jetzt könnte doch endlich mal einer ungeduldig klopfen und fragen, wann ich endlich fertig bin.“ Aber, die Zahnputzbecher bleiben auch künftig leer, zumindest einer. Irgendwann zieht sicherlich so eine kleine Kinderzahnbürste der Enkel ein.

Die Schule ist aus …

Im Büro ordne ich ein paar Unterlagen, dabei fällt mein Blick auf die Pinnwand hinter mir, an der der letzte Stundenplan der jüngeren Tochter hängt. Ich nehme ihn in die Hand, betrachte ihn lange und weiß, dass er keine Bedeutung mehr für uns hat. Trotzdem schaffe ich es noch nicht ihn wegzuwerfen und nehme ihn mit nach Hause. Auf dem Heimweg denke ich über den Verkehr in Berlin nach. Wenn doch immer Sommerferien sein könnten. Das Autofahren ist in Ferienzeiten in der Stadt entspannter und man findet überall einen Parkplatz. Aber auch die Sommerferien gehören nicht mehr zu uns. Wir haben keine Ferien mehr. 2014 hatte ich schon einmal über die Schulzeit der jüngeren Tochter geschrieben: „Wenn das Kind nicht zur Schule passt!“. Der letzte Absatz begann damals so: „Wir werden wieder feiern – ihren Schulabschluss. Egal, welcher das sein wird …“ Nun haben wir ihren Schulabschluss gefeiert. Mein großartiges Kind hat es geschafft, entgegen allen früheren Prognosen, das Abitur zu machen. Ihre und unsere Schulzeit ist vorbei.

In Verbindung von Schule und Eltern muss ich oft an meine Mutter denken, die immer gesagte: „Sie macht drei Kreuze, wenn alle Kinder durch die Schule sind!“. Das hat bei ihr etwa 38 Jahre gedauert, da der jüngste Bruder erheblich jünger als wir älteren Geschwister ist. Mein Mann, die Kinder und ich mussten uns nur 16 Jahre von der Einschulung der älteren bis zum Abschluss der jüngeren Tochter mit Schule auseinander setzen. 16 Jahre, die sowohl unser Familienleben beeinflussten als auch meine Kinder prägten. Die Schule ist irgendwann zu Ende, die Erinnerungen daran bleiben uns im Positiven wie im Negativen das ganze Leben lang erhalten.

Beide Kinder haben ihr Abitur, aber machten es auf vollkommen unterschiedliche Art. So verschieden die Töchter sind, ist auch ihre Art zu lernen. Hätte ich meine ältere Tochter nicht als erste gehabt, hätte ich bei der jüngeren geglaubt etwas falsch zu machen. Die Ältere hat mir gleich in der ersten Klasse erklärt, dass die Hausaufgaben ihre Sache sei. Und ich kann mich kaum erinnern ihr je dabei geholfen zu haben. Sie ist vollkommen problemlos von einer Klasse zur nächsten gewandert. Schwierig waren die 11. und 12. Klasse, die eine reine Lern- und Klausurphase waren. Wir wollten, dass sie in der Zeit weiterhin ihren Sport als Ausgleich macht, sich um die Schule kümmert und hielten ihr sonst den Rücken frei. Mit viel Disziplin und Lernwillen hat sie sich durch das verkürzte Abitur auf einem regulären Gymnasium durchgeschlagen. An dem gleichen Gymnasium, an dem auch schon ihr Großvater 56 Jahre zuvor das Abitur machte. Als sie damit fertig war, war sie so jung, dass sie erst einmal nicht wusste, in welche Richtung sie gehen sollte.

Die jüngere Tochter lernte viel und ständig – aus dem Leben – nur nicht aus Büchern oder im Frontalunterricht. Entsprechend schwierig war die Grundschulzeit. Neben anderen Problemen galt es Geduld zu haben und ihre Art zu lernen zu verstehen. Ich kann mich gut an die Verzweiflung des tapferen Vaters erinnern, der einfach nicht begreifen konnte, warum dieses Kind die Linienführung eines karierten Papiers schlicht aushebelte. Sie konnte Blöcke von Matheaufgaben hintereinander lösen, bis sie beim dritten Block dann versuchte, ob eigene Regeln nicht besser funktionierten. Sie war auf allen Ebenen kreativ, was viele LehrerInnen leider als chaotisch verstanden. Ihr Glück war, dass sie auf die Anna-Essinger-Gemeinschaftsschule, eine mit ihrem Jahrgang neu gegründete Montessori Oberschule, gehen konnte. Auch hier galt es hin und wieder Schwierigkeiten zu meistern, aber das Ergebnis steht fest. Entgegen allen Bedenken von LehrerInnen und Eltern hat sie mit eisernem Willen den höchst möglichen Schulabschluss bekommen. Auch sie hat noch keinen wirklichen Plan für die Zukunft und gönnt sich erst einmal ein Jahr im Ausland … um weiter aus dem Leben zu lernen.

Was uns gemeinsam in Erinnerung bleiben wird sind die Lehrkräfte, denen die Kinder begegnet sind. Ich bin weit davon entfernt, ein pauschales Urteil über den Beruf der LehrerInnen zu fällen. Nach meiner Ansicht stecken LehrerInnen heute in einem starren Korsett von Rahmenlehrplänen und einem Schulsystem fest, dass völlig überholt ist und scheinbar permanent reformiert wird. Mit Ausnahme der JüL-Klassen (Jahrgang übergreifendes Lernen) hat meine jüngere Tochter alle Reformen mitgemacht, die Berliner Schulen in den letzten 13 Jahren zu bieten hatten. Um das G8 ist sie durch die Gemeinschaftsschule herumgekommen. Das musste die ältere Tochter durchstehen. Keine dieser Schulreformen hat sich als tatsächlich wirkungsvoll erwiesen. Die wunderbaren Vorklassen wurden abgeschafft. 5 ½ Jährige werden zu früh eingeschult, damit sie als kaum 16 – 17 Jährige mit der Schulzeit fertig sind und planlos auf’s Leben losgelassen werden. Und das nach einer Schulzeit, die permanent aus Stress besteht: Nach drei Jahren JüL gibt’s eine relativ entspannte 4. Klasse. In der 5. + 6. Klasse geht es um die Qualifizierung für die weitergehende Schule. In der 7. Klasse müssen sie ein Probejahr bestehen um auf dem Gymnasium bleiben zu dürfen. Der Punkt ist auf der Sekundarschule entspannter. In der 8. Klasse kommt Vera 8. Ich habe bis heute nicht wirklich verstanden, was diese Prüfung bringt, die selbstverständlich entgegen allen Beteuerungen die Kinder unter Stress stellt. In der 9. Klasse gibt es dann den BBR (Berufsbildungsreife) um in der 10. Klasse den MSA (Mittlere Schulabschluss) zu machen. Wer es bis hierhin geschafft hat, darf ein Abitur in 4. Semestern machen. Wohl dem der auf der Sekundar- oder Gemeinschaftsschule ein Jahr mehr zur Vorbereitung auf das Zentralabitur hat. Die SchülerInnen lernen von Prüfung zu Prüfung, bewegen sich zwischen eigenem Ehrgeiz oder eben auch nicht, und Erwartungshaltungen von Eltern und Lehrern. Es wird nicht für die Allgemeinbildung oder aus Interesse gelernt, sondern um Hürden zu meistern und irgendwie zum ersehnten Ziel zu gelangen.

Von welchen LehrerInnen die Kinder begleitet werden ist ganz einfach Glückssache. Hier gilt – wie im normalen Leben – entweder die Chemie passt oder auch nicht. Hatte die ältere Tochter in der Grundschulzeit großes Glück mit engagierten LehrerInnen, war die Grundschulzeit der jüngeren schlicht weg eine LehrerInnen bedingte Katastrophe, die in 5 ½ Jahre Gesprächstherapie mündete. Auf der Oberschule begegnete die Ältere dagegen vornehmlich LehrerInnen, die ihren Job machten, SchülerInnen aber mehr oder weniger als Namen auf einer Liste sahen. Dafür begegnete die Jüngere LehrerInnen, die verstanden, wie das Kind lernt und sie mit allen Möglichkeiten förderten. Bei beiden Kindern bekamen wir den Rat, sie zu einem Oberstufenzentrum zu schicken, statt den regulären Weg zum Abitur gehen zu lassen. Bei beiden Kindern bewirkte dieser Rat lediglich, dass sie sich dann erst recht anstrengten. Uns sind LehrerInnen begegnet, die uns vermittelten, dass allein sie wüssten, was unser Kind fühlt, denkt und vermag. Uns sind LehrerInnen begegnet, die auf den Punkt das ergänzten, was auch wir empfanden und beobachteten. Manchen LehrerInnen (auch aus meiner Schulzeit) habe ich die Pest an den Hals gewünscht. Viele habe ich als Persönlichkeit erfunden und manche schlicht weg bewundert. Ich würde diesen Beruf nicht machen wollen und bin froh und glücklich, dass meine Kinder dieses Kapitel beendet haben.

Sie haben es beide auf ihre Weise großartig gemacht. Das waren Jahre, in denen wir ihnen sehr den Rücken gestärkt haben und uns oft, auch wenn es hin und wieder schwer fiel, gegen den Rat der Schule entschieden. In unzähligen Elterngesprächen haben wir zu den Kindern gehalten, wohl wissend, dass eine Geschichte immer zwei Seiten hat. Wir waren da, wenn sie uns brauchten bis sie es immer mehr in die eigene Hand nahmen. Schulbrote, Schulweg, Hausaufgaben, Elternabende, GEV, Ferien, Stundenpläne, Elterngespräche, Klassenfahrten, Entschuldigungen, Schulbücher, Schreibfüller, Schulranzen … auf all das können wir in Zukunft verzichten und das fällt uns sicherlich nicht schwer. Dafür kommen neue Dinge auf uns zu, die uns Eltern in anderer Hinsicht fordern. Die weiteren Wege müssen die Töchter selber in die Hand nehmen. Im September treffe ich mich mit meinen SchulfreundInnen zum 35. Mal. An was werden sich meine Kinder später einmal erinnern? Die Schule ist aus … für immer.