Sie trauen sich!

Das Erste, woran ich mich in diesem Zusammenhang erinnern kann, sind die Überlegungen meiner älteren Tochter, wie sie bei uns zu Hause einen Kuchen backen kann. Das Besondere, er sollte eine Hertha BSC Dekoration bekommen und das alles, ohne dass ihr Vater es mitbekommt. Schon allein die Tatsache, dass sich dieses Kind an einen Kuchen wagen wollte, war ungewöhnlich, war das doch eher die Domäne der Jüngeren. Doch sie schaffte es. Der Kuchen wurde gebacken, dekoriert, duftete durchs ganze Haus und natürlich bekam der Vater es mit. Dazu muss man wissen, dass wir in einem reinen, unumstößlichen Hamburger SV Fan-Haushalt leben. Das Missfallen des Vaters war sicher und die Tochter in Erklärungsnot. Keine verlorene Wette, sondern ein Geburtstag. Es konnte nur ein Mann dahinter stecken.

Tat es auch. Die Informationen, die wir Eltern über die sich verändernde Lebenssituation der Tochter bekamen, waren spärlich. Auch die Schwester hielt dicht. Aber der verklärte und abwesende Blick der Tochter auf ihr Handy häufte sich. Kein Abendessen konnte schnell genug erledigt sein, damit sie wieder das Handy in die Hand nehmen konnte, um zu schauen, ob (seine) Nachrichten da sind. Es wurde immer deutlicher, besonders durch Abwesenheit. Die Tochter hatte einen Freund und es war ernst.

Tatsächlich kam nach einiger Zeit die Frage, ob der junge Mann einmal zum Abendessen kommen könne, was wir natürlich mit großer Begeisterung (oder Neugierde?) bejahten. Bis es so weit war, zeichneten sich haufenweise Szenarien vor unserem inneren Auge ab, wen sich die Tochter gewählt hatte. Ich denke, die Anlage für manch graues Haar wurde in dieser Zeit gelegt. Was, wenn er (in unseren Augen) der Falsche ist, die Chemie mit uns nicht stimmt, die Verliebtheit das Kind geblendet hat. Und überhaupt – ein Hertha-Fan. Es half nichts. Wir mussten da durch. – Er auch. Und sicher hatte er ebenso seine Szenarien im Kopf, ähnlich dem Film „Meine Braut, ihr Vater und ich“ mit Robert de Niro, in dem der Schwiegersohn beim Antrittsbesuch nicht nur jedes Fettnäpfchen mitnimmt, sondern die Familie nahezu in den Ruin treibt.

Nichts davon passierte bei uns. Der junge Mann, der uns besuchte, erfüllte noch viel besser als wir den Eindruck eines kultivierten Menschen. Frisch aus dem Büro kommend, korrekt und sehr schick gekleidet, ließ er uns in unserem Räuberzivil eher blass aussehen. Nun, ohne viel drumrum zu reden: Mein Kind hat gute Gene und so auch hier ihren guten Geschmack unter Beweis gestellt. Dieser Bewerber war vorstellbar, denn uncoolerweise denken Eltern ja gleich in Zukunftsperspektiven. Es war ein schöner Abend und wir haben viel gelacht.

Wenn über WhatsApp die Frage kommt: „Wie wäscht man Buntwäsche?“, weiß man als Eltern, dass sich der gemeinsame Lebensweg mit dem Kind in der Trennungsphase befindet. Bei uns bekam der Vater die Frage gestellt, denn entgegen dem gängigen Rollenverständnis war die Waschküche das Hoheitsgebiet des Vaters. Der erklärte auch gerne, was die Tochter wissen musste, womit sich ihre Besuche zu Hause weiter reduzierten. Nicht uneigennützig, muss man zugeben, bedeutet das für ihn ja weniger Arbeit. Und zufälligerweise befand sich die Arbeitsstelle der Tochter genau auf der anderen Straßenseite von der Wohnung des Freundes. Musste sie um sechs Uhr morgens anfangen zu arbeiten, klingelte ihr Wecker bei ihm um halb sechs. Bei uns hingegen um vier Uhr. Wir hatten verloren. Trotz Ein-Zimmerwohnung, Liebe macht das möglich, lebte das junge Paar in minimalistischen vier Wänden. Nun wurden wir „nur“ noch besucht.

Aber auch in dieser Sache machte der Gewöhnungseffekt ganze Arbeit. Der Mann an der Seite des Kindes war nicht nur sehr sympathisch, sondern wir mussten schnell feststellen, dass sich das junge Paar in allen positiven Eigenschaften perfekt ergänzte. Es passte einfach für die beiden und auch für uns. Die Eingangstür in die Familie stand offen. Er wurde uns vertraut und gehörte immer mehr dazu. Spätestens als an einem legendären Sonntag der Vater, HSV, mit dem potenziellen Schwiegersohn, Hertha, im Wohnzimmer ein gemeinsames Spiel beider Vereine zusammen anschauten und beide überlebten. Die friedliche Koexistenz beider Fußballfans täuschte aber zuweilen, je nach Punktestand und Tordifferenz des Gegners.

Ein weiterer Pluspunkt sollte sich herausstellen, als die Eltern beider selber zum Antrittsbesuch verabredet wurden. Wieder flogen die Gedanken durch die Köpfe, was wäre, wenn man sich nun so gar nicht grün wäre oder auf völlig anderen Planeten leben würde. Ich denke, das Magen-Grummeln war deutlichst zu hören. Aber: Glück gehabt – und mehr als das. So ein akzeptabler, eventuell mal, Schwiegersohn musste ja aus einem entsprechenden Elternhaus kommen. Und seine Eltern waren nicht nur sympathisch, sondern hatten beträchtliches Potenzial, einen neuen freundschaftlichen Familienzweig zu eröffnen. Wir verstanden uns von Anfang an und das war ein sehr schönes Gefühl, sicherlich auch für die Kinder.

Das Leben ist leider nicht immer nett zu uns und wir mussten uns vom Vater im Februar verabschieden. Es war hart und bei einem der ersten Gespräche kam die Frage der Tochter auf, wer sie nun zum Traualtar führen würde. Das Paar fing das erste Mal an, offen über Hochzeit zu sprechen. Sicher war es öfters schon Thema, nun hatte es zwar einen wehmütigen Anklang, war aber doch ein sehr tröstliches Zeichen, dass auch wir wieder feiern werden und in Zukunft denken. Trotz der Umstände und es war ok. Denn ganz besonders in dieser Trauersituation zeigte der junge Mann, wie stark er mit uns zusammen gewachsen war. Er war eine sehr besondere Stütze, nicht nur für die eine Tochter und ich war extrem dankbar dafür.

Den nächsten Kuchen wird ganz sicher nicht die Tochter backen, aber sie wird ihn mit ihrem Mann anschneiden. Er hat sich getraut zu fragen, nicht ohne sich vorher die Zustimmung der jüngeren Schwester zu holen. An einem verlängerten Urlaubswochenende zwischen den Dünen wurde mein Kind seine Verlobte. Sie wird seine Frau und ganz gleich, wer sie zum Traualtar führt, sie wird genau vom Richtigen empfangen.

Neubeginn

Es war ein sehr spontaner Entschluss. Nachdem ich den Computer ausgeschaltet hatte, überlegte ich mit dem Hund spazieren zu gehen oder mit ihm zum Friedhof zu fahren. Fünf Minuten später saßen wir im Auto und fuhren los. Ich hatte 14 Tage vermieden daran zu denken, aber jetzt sagte das Bauchgefühl, sei der richtige Zeitpunkt. Gleich an der ersten Ampel fing der Starkregen an. Nun wollte ich es aber durchziehen und fuhr weiter. Auch am Friedhof regnete es noch in Strömen, trotzdem nahm ich Balou an die Leine und wir liefen los.

Ich war mir sicher die Grabstelle sofort zu finden, verlief mich aber hoffnungslos auf diesem riesigen Friedhof. Schließlich fand ich mit der Satellitenansicht des Handys doch die richtige Stelle. Der Hund nahm einen Stock zum Knabbern. Ich stand das erste Mal, tropfnass, am Grab meines Mannes, der 14 Tage zuvor beerdigt worden war. Seit dem 8. Februar bin ich Witwe. Etwas, was ich bei allen Möglichkeiten und Gedanken nie ins Auge gefasst hatte. Ich verbrachte etwas Zeit in der Stille des Bereichs, nur mit dem Geräusch des Regens. Dann nahm ich die Leine wieder auf und drehte mich zum Gehen um. Genau in diesem Moment riss der Himmel auf. Balou und ich gingen unter tropfenden Bäumen, aber mit strahlendem Sonnenschein zum Auto zurück. Es hatte etwas Mystisches: Der erste Besuch am Grab im Regen begonnen und unter der Sonne beendet. Ich hatte ein schönes Gefühl in mir und dachte „Du passt ja doch auf uns auf!“

Seit 10 Wochen bin ich nun alleinstehend. Von Heute auf Morgen war beendet, was ich immer geliebt und geschätzt hatte. Unser einfaches, stinknormales Familienleben mit erwachsenen Kindern, die ihrer Wege gehen, gibt es nicht mehr. Wir waren glücklich, hatten Pläne, haben an Zukunft gedacht, uns auf ein Leben wieder zu zweit gefreut. Es machte uns Spaß, dem anderen eine kleine Freude zu bereiten. Wir hatten uns immer noch etwas zu sagen. Waren einander noch lange nicht müde. Der Plan, als Greise auf einer Bank sitzend, unser Leben noch einmal zu besprechen geht nicht mehr auf. Und doch kann ich, trotz aller Trauer auf eine erfüllte Liebe und glückliche Ehe zurückblicken. Das empfinde ich als Geschenk. Ich hatte den besten Vater für meine Kinder und er war nicht nur mein Ehemann, sondern auch der beste Freund, Schutz, meine Schulter zum Anlehnen und der Mensch, mit dem ich am liebsten meine Zeit verbrachte. Er ist nicht mehr.

Seither kämpfen meine Gedanken. Ich bedenke alle Konsequenzen und überlege, was sich alles ändern wird. Versuche zu erfassen, was das für mich bedeutet. Ich fange an mich einzurichten in diesem neuen Lebensabschnitt – alleine. Ich habe eine neue Freiheit, die ich nie haben wollte, und weiß, je eher ich sie zu schätzen weiß, desto besser komme ich mit ihr klar. Ich wollte das alles nicht, aber muss es doch annehmen.

Verbittern oder in Trauer versinken ist nicht meins. Was wäre wenn … bringt mich nicht weiter. Und nach wie vor spüre ich in mir diese Lust auf Leben, meine permanente Neugierde auf alles, was mir begegnet und den ständigen Drang der Langeweile keine Chance einzuräumen. Ich habe Ideen, ich entwickel Pläne, korrigiere frühere Vorhaben. Nur derjenige, dem ich das alles am liebsten erzählt hätte, fehlt. Ich erzähle es ihm in Gedanken.

Ein Plan ist diesen Blog wieder zu aktivieren. Als die Trauer ganz frisch war, konnte ich sehr guten Freunden schreiben. Ohne Antworten zu erwarten, konnte ich meinen Gedanken Raum geben und sie los lassen. Das hat unheimlich geholfen. Wenn ich etwas schreibe, bekomme ich es schneller aus dem Kopf. Das Schreiben hatte mir schon lange gefehlt, nur waren andere Dinge an der Reihe. Jetzt finde ich den Zeitpunkt gut wieder weiter zu machen. 

Was ich seit Jahren pflege, und sicher von manchem hin und wieder belächelt wurde, ist mein Optimismus. Er ist für mich purer Egoismus mir mein Leben leichter zu machen und Überlebensstrategie. Und genau das rechnet sich jetzt. Besser als Dietrich Bonhoeffer kann ich es nicht sagen: 

„Optimismus ist in seinem Wesen keine Ansicht über die gegenwärtige Situation, sondern er ist eine Lebenskraft, eine Kraft der Hoffnung, wo andere resignierten, eine Kraft, den Kopf hochzuhalten, wenn alles fehlzuschlagen scheint, eine Kraft, Rückschläge zu ertragen …“

Es wird weitergehen und es wird gut weitergehen. Anders als erhofft, aber mit wundervollen Erinnerungen im Gepäck und dem ein oder anderen Gespräch in Gedanken mit ihm. Wie, werdet ihr hin und wieder hier lesen.

Und noch einen Satz habe ich gelesen, der sich gerade in meiner jetzigen Situation, siehe oben, bewahrheitet: Die Sonne scheint immer – auch hinter den Wolken!

Ein bisschen Glück zum Mitnehmen!

Sonntag Morgen und strahlend blauer Himmel. Das lädt zu guter Laune ein. Nach meiner morgendlichen Kaffeestunde fange ich langsam an, das Frühstück vorzubereiten. Ein wenig aufräumen, das ein oder andere Blümchen gießen, zwischendurch den Hund streicheln … Ich liebe diese frühen Morgenstunden, wenn alle anderen noch schlafen und nur langsam Leben in den Tag kommt. Mein Blick fällt auf einen von mir bemalten Stein, der einen Marienkäfer darstellt. Ich mache noch ein paar verschiedene Dinge, bis mir der Käfer wieder in den Sinn kommt. Mir gehts gut, ich habe beste Laune … Warum sollte ich nicht andere daran teilhaben lassen. Die Idee war da.

Ich hatte noch mehr bemalte Käfer. Diese und ein paar Steine mit Muster holte ich mir, setzte mich an den großen Tisch und schrieb auf einen Karton: „Ein bisschen Glück zum Mitnehmen!“ und weiter unten „Schönen Sonntag!“. Dann ging ich vor das Haus. Wir haben eine Steinmauer mit geradem Abschluss. Dort legte ich auf einen Pfeiler den Karton und platzierte alle Steine darauf. 10 Käfer und sechs Steine mit Muster. Dann ging ich wieder rein. An unserem Haus kommen recht viele Menschen vorbei, ganz besonders sonntags, wenn die Angehörigen im Krankenhaus besucht werden oder der Park lockt. Etwas später machte ich noch schnell ein Foto. Da waren drei Käfer weg. Zuweilen schaute ich immer mal wieder neugierig aus dem Fenster. Dann vergas ich es und wir erlebten einen sehr schönen und entspannten Sonntag.

Am nächsten Morgen lagen noch drei Mustersteine dort. Die holte ich rein. Es war ja nicht mehr Sonntag. Am Abend erzählte ich meinem Mann davon. Der gestand mir, dass er morgens auf dem Weg zur Arbeit die drei letzten Käfer mitgenommen hatte. Die bekamen drei seiner Kolleginnen, die sich sehr freuten. Sie hatten ihren Sinn erfüllt. Die drei Mustersteine wanderten wieder zu den anderen bemalten Sachen. Die Aktion hatte mir Spaß gemacht und der Alltag holte mich ein.

Hin und wieder dachte ich noch darüber nach. Aus welchem Gefühl heraus ich es gemacht hatte. Was es mir persönlich gebracht hat. Wo die Steine wohl gelandet waren. Haben die Leute, die sie mitgenommen haben, selber behalten, oder haben sie die Steine weiter verschenkt? Es gibt verschiedene Aktionen und Gruppen in Facebook. Die rufen dazu auf, Steine zu bemalen, mit dem Gruppennamen zu versehen und sie irgendwo in der Umgebung auszuwildern. Werden sie gefunden, sollen die Finder ein Foto in entsprechende Gruppe posten. Diese Facebook-Gruppen heißen beispielsweise Elbstones, Spreestones, BrandenburgSteine oder Bunte Steine – Around the world. Auf diese Weise ist sicherlich schon oft gelungen, den Steine-Malern und Steine-Findern eine große Freude zu machen. Kontakte sind entstanden und durch Berichterstattungen in den Medien sicherlich auch viele Mitmacher. Und im Kern geht es immer wieder nur darum, jemanden eine kleine Freude zu machen. Gefällt mir!

Etwa drei Wochen später klingelt es an unserer Haustür. Vor dem Haus stand eine junge Frau mit Kinderwagen. Sie erzählte, dass sie kürzlich sonntags mit ihrem Mann an unserem Haus vorbei spaziert wäre. Sie hätten die Steine gesehen und einen Käfer mitgenommen. Glück konnten sie gerade gebrauchen. Am nächsten Tag kam ein Brief, auf den sie schon gewartet hatten. Ihr Mann hatte sich um eine Doktorstelle in der Schweiz beworben. Sie wollten mit ihrem acht Monate alten Kind gerne aus der Stadt raus. Mit dem Brief bekamen sie die Zusage zu der neuen Arbeitsstelle und waren nun voller Pläne bezüglich ihres künftigen Lebens in der Schweiz. Sie sagte, mein Glücksstein hätte sofort gewirkt, schenkte mir eine Tafel Schokolade und bedankte sich sehr herzlich. Der Stein würde natürlich mit umziehen. Wir unterhielten uns noch eine Weile und sie ging weiter ihrer Wege. Ich wünsche dieser Familie eine wunderbare Zukunft in der Schweiz.

Ob es jetzt mein Käfer-Stein war oder einfach nur der Lauf der Dinge, mag jeder für sich selbst entscheiden. Ich selber habe mich unheimlich darüber gefreut, dass die junge Frau sich extra noch einmal auf den Weg zu mir gemacht hat. Dies ist ein prima Beispiel, dass man mit kleinen Sachen viel Freude schenken kann und selber durch ein gutes Gefühl diese Freude direkt zurückbekommt.

Auf jeden Fall waren die Käfer- und Mustersteinchen sicherlich ein Karma-Pünktchen wert.

Was für ein biblisches Alter

Als wäre es gestern gewesen, kann ich mich sehr gut daran erinnern, wie ich etwa 16-jährig über Ältere nachdachte. Meine Mutter, damals 36 Jahre jung, war für mich jenseits eines erreichbaren Alters. So alt zu werden lang außerhalb meiner Vorstellungskraft. Damals. Das einzige Etappenziel, das ich vor Augen hatte, war 18 Jahre alt zu werden, um die Volljährigkeit zu erhalten. Volljährig werden war mir wichtig, da ich ein mit der Welt auf Konfrontation stehender, immer für zu jung gehaltener Teenager war. Tatsächliche Verbesserungen stellten sich mit der Volljährigkeit nicht wirklich ein. Dennoch glaubte ich, mich nun in der Welt der Erwachsenen allen ebenbürtig zu behaupten können. Die Erkenntnis, dass Erwachsen sein nichts mit der Volljährigkeit zu tun hat, traf mich erst später.

Ich wurde 30 Jahre alt, das war ok. Mit 40 Jahren kamen die ersten Gedanken über das Älterwerden. Der 50 zigste war mein entspanntester Geburtstag und nun – uups – bin ich 60 Jahre alt. Auch dieses Wiegenfest tat nicht weh, zumal ich es seit jeher als Energieverschwendung ansehe, mit etwas zu hadern, was ich eh nicht ändern kann. Ein paar Gedanken mache ich mir trotzdem darum:

Mich fasziniert der Perspektivwechsel, den wir mit steigender Lebenszeit unterliegen. Man wird tatsächlich mit dem Alter erfahrener und ändert die Betrachtungsweise in vielerlei Hinsicht. Dazu kommen angepasste Bedürfnisse, Vorlieben und Interessen. Konnte ich mir als 18-jährige nicht vorstellen, einen Abend zu Hause und ohne meine Freunde zu verbringen, bin ich heute froh, wenn ich nicht unbedingt mehr weg muss. Nahezu jeder von uns hat sicherlich als Kind einmal gedacht, die eigenen Kinder ganz anders zu erziehen als die Eltern. Ganz besonders, wenn wir gerade ein entschiedenes Nein erfahren hatten. Sind die eigenen Kinder dann tatsächlich da, sieht die Sache schon anders aus. Man ertappt sich dabei, wie man den Eltern nachträglich recht gibt oder frühere Entscheidungen nachvollziehen kann. Wir haben viele Dinge in der Erziehung unserer Kinder anders als unsere Eltern gemacht. Allein weil sich die Zeit und das Verständnis zur Pädagogik geändert hatte. Wir haben aber auch viele grundlegende Werte übernommen, weil sie sich bewährt und als richtig erwiesen haben.

Immer schon habe ich bewundernd und respektvoll älteren Menschen zugehört. Sie haben in Zeiten gelebt, die ich nur aus Büchern oder Filmen kennenlernen konnte und kann. Meine Großeltern hatten zwei Weltkriege erlebt und überlebt. Verhältnisse, die wir uns hier überhaupt nicht vorstellen können. Mein Vater hatte immer gesagt, dass er sich nichts mehr wünschte, als dass seine Kinder keinen Krieg erleben müssen. Bisher hat sein Wunsch gehalten. Für viele Kinder in der Welt gilt das nicht. Ich gehöre in eine Generation, deren Großeltern die Kriege erlebten und deren Eltern dort hineingeboren worden sind. Das hat unsere Erziehung bestimmt. Wir sind deren Enkel und hatten das Privileg, ihren Geschichten persönlich zuhören zu dürfen. Meine Mutter kann aus ihren Kindertagen nicht erzählen, ohne den Tränen nahe zu sein. Dieses erzählte Erleben aus der Kriegszeit wird es bald nicht mehr geben. Andere Ereignisse treten in den Vordergrund und bestimmen unsere Geschichten, die den Kindern von Heute mitgegeben werden.

Nun gehöre ich langsam zu denjenigen, die von Früher erzählen können und in der Tat hat sich unser Leben sehr verändert. Die frühen 60er, Kriegsenkel-Generation, ist eine der letzten Generationen, die analog aufgewachsen ist. Wir hatten relativ wenig Spielzeug und im Kinderzimmer nichts, wozu eine Steckdose erforderlich war. Als Jugendliche hatten wir keine Handys. Taschenrechner ab der 10. Klasse waren etwas Besonderes und der ganze Stolz ein eigener Kassettenrekorder und die erste aus dem Radio aufgenommene Musikkassette mit Lieblingsmusik. In der Ausbildung habe ich Bleisatz gelernt, eine Reprokamera per Hand eingestellt, eine Reinzeichnung mit Rapidograf bearbeitet und gezeichnet wurde mit einem Bleistift. Ich weiß, was ein Fadenzähler ist und ein Typometer benutze ich noch heute. Sachen, die mein Schreibprogramm als Fehler oder unbekannte Wörter markiert. Computer eroberten recht schnell in den 90ern unser Leben. Den ersten Privaten kauften mein Mann und ich 1993 als wir zusammen zogen. Das erste Handy bekamen wir 1995. Heute ist beides nicht mehr wegzudenken. Ich bin dankbar, dass ich im Gegensatz zu meinen Kindern analog aufwuchs. Bei ihnen waren diese Geräte von Anfang an dabei, was für mich nicht schlechter, aber eben anders ist. Ihre Selbstverständlichkeit, mit digitalen Programmen, Tools und Inhalten umzugehen, werde ich nicht erreichen. Die Möglichkeiten, die sie haben, waren uns nicht gegeben, allein weil ihre Welt transparenter und kleiner geworden ist.

Der Blick auf einige Gesetze, die in den Jahren geändert wurden, seit dem ich geboren wurde, lohnt ebenfalls. Bis 1977 waren Frauen zur Führung des Haushalts verpflichtet. Der Mann allein konnte bestimmen, ob sie arbeiten gehen durfte oder nicht. 1994 wird der Paragraf 175 abgeschafft, womit Homosexualität nicht mehr strafbar war. Erst seit 1998 wird in Deutschland nicht mehr zwischen ehelichen und nichtehelichen Kindern unterschieden. Seit kurzen 21 Jahren haben Kinder ein Recht auf gewaltfreie Erziehung, sowohl körperlich als auch psychisch. Es ist so unglaublich kurz her, dass diese heutigen Selbstverständlichkeiten beschlossen wurden. Und es ist so unglaublich traurig, wie sehr immer noch um Gleichberechtigung, Kinderschutz, Inklusion, Anerkennung und Respekt allen Geschlechtern gegenüber gekämpft werden muss.

Es ist spannend, das Leben rückwärts zu betrachten und Veränderungen zu beobachten. Manche Jahre und schwierige Entwicklungen hätte ich gerne vermieden, aber genau sie sind sehr prägend gewesen. Und nur alle Jahre zusammen prägen meine heutige Persönlichkeit. Noch einmal Jung sein möchte ich nicht. Natürlich würde ich mich freuen, wenn die Waage etwas anderes anzeigen würde. Den körperlichen Zustand einer 20-Jährigen würde ich mir auch heute gerne gefallen lassen. Alles noch einmal erleben würde mir aber nichts nutzen. Ich würde vieles vielleicht anders handhaben, aber auch neue Fehler machen. Je älter ich werde, desto entspannter empfinde ich mich im Umgang mit vielen Aspekten. Ich MUSS nicht mehr, ich KANN.

Tja, 60 Jahre und lange noch nicht das Ende. Hoffentlich! Eine Erkenntnis, die für einen Teenager unvorstellbar ist. Meine 80-jährige Mutter ist jetzt mein Vorbild. Ich empfände es als Geschenk so fit, so alt zu werden und auch sie hat noch einige Pläne. Der Blick auf das gelebte Leben ist zuweilen sehr schön. Ich liebe Erinnerungen und Gegenstände, die früher für mich eine Rolle spielten. Nun, ich gehöre jetzt zu den Alten – Punkt! Nicht zu ändern, aber auch nicht schlimm. An die Zahl 60 muss ich mich etwas gewöhnen. Bedeutender ist für mich das Jetzt mit meinen Plänen und Zielen, die es zu erfüllen gilt. Humor und Optimismus müssen gepflegt werden und sind wichtig, um gelassen alt zu werden. So ein bisschen mit dem inneren Schweinehund zanken und etwas für die geistige und körperliche Gesundheit tun, ist auch von Vorteil. Ich bin jeden Morgen neugierig auf den bevorstehenden Tag und die Menschen, die mir begegnen werden. Solange ich mir diese Neugierde erhalten kann, werde ich mich um das tatsächlich biblische Alter noch fleißig weiter bemühen.

Lockdown – macht was draus!

Morgendliche Bad-Routine. Ich schaue in den Spiegel und stelle fest, dass es so weit ist. Die Haare um die Ohren fangen an, sich zu kräuseln. Der Friseurbesuch würde anstehen, wäre da nicht so ein hinderlicher Lockdown. Ich probiere es mit einem Mittelscheitel und werde es noch eine Weile aushalten müssen. Wie sehr ich langhaarige Frauen in dieser Zeit beneide. Beim Anziehen greife ich zur festen Jeanshose, weil ich meine Jogginghose, wer hätte das je gedacht, im Moment nicht mehr sehen kann. Ich ziehe mich an, schminke mich, suche Ohrringe aus und trage mein Parfüm auf. Dann bin ich fertig gestylt für den Hundespaziergang. Wieder zu Hause, sitze ich nach dem Frühstück, pünktlichst zum Arbeitsbeginn vor meinem Computer. Das Homeoffice beginnt.

Zu Hause arbeite ich grundsätzlich gerne und bin es aus früheren Zeiten gewöhnt. Kein nerviger Anfahrtsweg. Ich bin konzentrierter bei der Sache und erledige mangels Ablenkung mehr Aufgaben als im Büro. Mit pünktlichem Beginn erhebe ich mich bis zum offiziellen Arbeitsende wenig von meinem Stuhl. Nur steht der Computer zurzeit im Wohnzimmer, weil der neue Welpe nicht in mein Dachzimmer kommt. So ist der Rechner allgegenwärtig und oft finde ich nicht das Ende oder Abstand vom Office. Meine Hemmschwelle, schnell mal zu einem Videogespräch anzurufen, ist dazu enorm gesunken. Es ist ein neuer Arbeitsalltag, die Kolleg*innen in quadratischen Bildern zu sehen. Die Arbeit selbst hat sich verändert. Wir denken alles in „Digital“. So richtig Spaß machen mir diese Rahmenbedingungen allerdings nicht mehr wirklich. Je länger das Homeoffice dauert, desto strengere Routine brauche ich für mich. Dazu kommt, dass ich ganz besonders eben das vermisse, was mich hier nicht ablenkt: die kleinen zwischenmenschlichen Gespräche in der Kaffeeküche oder beim Postausgangsstempel.

Was gibt es sonst noch zu klagen? Wir sind abgesichert. Haben keine kleinen Kinder mehr hier, außer dem Hundebaby, der kein Homeschooling braucht. Wir haben Platz, uns aus dem Weg zu gehen oder eben auch nicht. Wir sind gesund. Wir haben Ablenkung, Hobbys und genug zu tun. Wir haben eigentlich keine Probleme. Außer zu lange Haare vielleicht. Klagen auf extrem hohen Niveau. Ich gehe fast nie Shoppen und würde gerade jetzt so gerne mal durch die Geschäfte ziehen. Ich meide Menschenmassen und wünsche mich nun in ein Straßencafé, um Leute zu beobachten. Ich vermisse geistigen Input in Form von Ortswechseln, Ausstellungen oder Städtereisen. Mir fehlt der Streit mit meinem inneren Schweinehund beim Kiesertraining. Ich vermisse das Leben, das außerhalb meiner geliebten vier Wände stattfindet – normalerweise.

Ich habe im Vergleich zu anderen nichts zu klagen. Trotzdem bin ich extrem genervt, dünnhäutig und jeden Abend heilfroh, keinen meiner lieben Mitmenschen bis in die Steinzeit beleidigt zu haben. Ich bin nicht glücklich und erlebe das sehr bewusst. Es macht mir große Sorge, was in der Welt passiert und ich schaue skeptisch in die Zukunft. Dabei erkenne ich mich selbst manchmal nicht mehr, besonders, wenn ich mir selber suggeriere „Bloß nicht depressiv werden!“. Ich behaupte immer Optimist zu sein und muss eben diesen nun recht oft suchen. Und alles zusammen nervt mich am meisten, wenn ich das eigene Selbstmitleid pflege. Die Lösung eines Problems beginnt, indem man das Problem erkennt. Ein Satz, der mich seit sehr vielen Jahren erfolgreich begleitet. Auch diesmal erkenne ich mein Problem, nur finde die Perspektive und Lösung nicht. Auf den Frühling oder den Sommer freuen reicht mir nicht mehr. Worauf dann, wenn nichts planbar ist oder alles im „Vielleicht“ schwebt?

Ich kann gut mit Dingen umgehen, die klar und verständlich kommuniziert werden. Ich würde es begrüßen, wenn der Lockdown gleich bis April festgeschrieben und bundeseinheitlich wäre. Dann könnten alle Protagonisten aufhören zu überlegen, welches Bundesland sich welche Ausnahme leisten kann. Wer den geschicktesten Wahlkampf macht, die beste Figur zeigt oder die schwärzesten Prognosen liefern kann. Vielleicht wäre dann Zeit zu überlegen, wie man den Menschen selber helfen kann.

Politiker oder Entscheidungsträger möchte ich in diesem Zeitraum beim besten Willen nicht sein. Noch nie musste eine Pandemie bewältigt werden. Aber das Hin und Her, ein bisschen Öffnung oder doch lieber nicht, die vielen „vielleicht“ und „eventuells“ machen die Menschen mürbe, ratlos und aggressiv. Versagen und Fehler werden schnell offenbar. Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit macht sich breit. Wie können Novemberhilfen im Februar nicht ausgezahlt sein. Warum ist es immer noch nicht möglich, allen Schulkindern digitale Bildung zu ermöglichen. Wie kann man über ein Jahr den Menschen Sport- und Bewegungsmöglichkeiten nehmen, ohne auf sinnvolle Konzepte der Sporttreibenden zu hören. Warum sind Museen geschlossen. Restaurant, die sich sehr gute Hygiene-Konzepte erdacht hatten, zu? Warum müssen Kinder- und Jugendhäuser schließen, wenn sie handfeste Hygiene- und Beschäftigungskonzepte haben. Es gäbe so viel mehr aufzuzählen und zu Recht fühlen sich Pflegekräfte und Arbeitnehmer*innen aus sozialen und medizinischen Berufen alleine gelassen. Der Mensch ist ein soziales Wesen und nicht für die Isolation geeignet. Also müssen Konzepte erdacht werden, die den Virus isolieren, aber nicht die Menschen.

Welcher Wert welchen Level erreicht hat, kommt nicht mehr in meinem Bewusstsein an. Ich würde gerne täglich wahrnehmen, wo wem geholfen wurde. Was unter welchen Bedingungen wieder eingerichtet werden kann oder welche Möglichkeiten der Begegnung möglich sind – ganz besonders für ältere Leute. Die Negativstimmung der Politik und der Medien selber macht mich und sicher viele andere krank.

Ich kann mir den Frust „von der Seele schreiben“. Viele andere könne das nicht. Ich würde mir sehr wünschen, dass wieder auf die Menschen und nicht auf die Zahlen geachtet wird. Ich bin dankbar für jeden Tag, an dem alle um mich herum gesund sind und trage dafür den Lockdown mit allen Einschränkungen gerne mit. Trotzdem möchte ich den Damen und Herren der Politik und Verwaltung ein Zitat von Max Frisch ans Herz legen:

„Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihm nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.“

In diesem Sinne – macht endlich was draus!

Oma Liselotte, ihre Tiere und der Abschied

Oma Liselotte liebte Tiere. Wenn ich mich richtig erinnere, hatte sie das allererste Mal, als ich sie kennenlernte, ein Meerschweinchen im Arm und unterhielt sich mit ihm. Ja, mit Meerschweinchen kann man sich, wenn man sie mit viel Liebe hält, unterhalten. Nicht wie wir, aber sie reagieren auf die Worte ihres Menschen. Wenn die Oma telefonierte, hatten die Meerschweinchen in ihrem Arm ein Wörtchen mitzureden. Mit Tieren konnte sie immer gut reden und die Tiere verstanden sie.

Oma Liselotte hatte mehrere Meerschweinchen, deren Verweildauer auf der Erde nicht sehr lang ist. Angefangen hatte das einmal mit ihrer Mülltonne. Als sie von der Arbeit kam, hatte ein böser Mensch neugeborene Meerschweinchen in ihre Mülltonne vor dem Haus gelegt. Vielleicht wusste dieser Mensch, dass er den Meerschweinchen damit den Himmel auf Erden bereitete, bevor sie irgendwann in den richtigen Meerschweinchenhimmel kommen würden. Sie wurden auf das Beste versorgt. Es kam ein riesengroßer Meerschweinchen-Käfig ins Haus, der mit Zeitung und Heu ausgelegt wurde. Dazu gab es frischen Salat, Obst und Gemüse und davon so viel, dass diese Meerschweinchen nie einen Wassertopf brauchten. Wenn Liselotte abends von der Arbeit nach Hause kam, trank sie erst einmal eine Tasse Tee mit dem Meerschweinchen im Arm. Das wurde später in eine Decke eingewickelt, auf dem Sofa abgelegt. Dann wurde der komplette Käfig auseinandergenommen. Das alte Heu in die Zeitung eingewickelt und alles wieder neu ausgelegt, mit dem Abendessen. Schließlich durfte das glückliche Meerschweinchen speisen. Wilma, Fridolin, Flitzeline und wie sie alle hießen, wurden auf diese Weise älter als die meisten Meerschweinchen. Beendet wurde die Meerschweinchen-Ära erst, als Oma Liselotte aufs Land umzog und ein Greifvogel ihr letztes Meerschweinchen im Flug aus dem Käfig holte. Danach erinnerte nur noch der verwaiste Käfig hinten im Schuppen hin und wieder an diese Ära.

Zeitgleich mit den Meerschweinchen durften sich alle Igel aus der Nachbarschaft über Oma Liselottes Zuwendung freuen. Es war ein abendliches Ritual, die Enkeltochter in eine Decke eingewickelt auf die oberste Stufe der Terrasse zu setzen. So konnten Oma und Kind die Futterstelle beobachten, die mit zunehmender Dämmerung von mehreren Igeln besucht wurde. Oma und Kind unterhielten sich flüsternd dabei, solange bis die Igel satt und verschwunden waren und das Kind ins Bett gebracht wurde.

Nach der Beendigung des Arbeitslebens zog meine Schwiegermutter aufs Land. Dort gab es viel zu tun, zumal ihr Haus gleich an den See grenzte. Eine Schar Enten hatte sehr schnell entdeckt, dass in den frühen Abendstunden Futter vor Liselottes Haus für sie lag. Trotz dessen, dass es Wildtiere waren, kamen sie mit der Zeit immer näher und sogar in den kommenden Jahren zurück. Liselotte stellte Futter für sie bereit, wofür sie stundenlang gesammeltes Brot in gut zu verdauende Würfel schnitt. Natürlich dachte sie nicht nur an die Wasservögel. Zwischen Haus und Schuppen stand ein großes Vogelhaus. Es machte ihr viel Freude, bei einer Tasse Tee zu beobachten, wie die Vögel der Rangfolge nach ihr Futter holten.

Zu den Wasser- und Flugvögeln kam später ein Hund ins Haus. Was für ein Hund Cäsar war, ist schwer zu sagen. Der Körper erinnerte an einen schwarzen Langhaardackel mit dem Kopf eines Pekinesen. Cäsar war ein Kettenhund. Seine Besitzer fanden es zeitweise sehr spaßig, den Fressnapf des Hundes gerade so weit wegzustellen, dass der Hund nicht dran kam. Auch ein Wassernapf fehlte oft in praller Sonne. Wenn der Hund schließlich fressen durfte, verteidigte er sein Futter, als wäre er ein Mastiff. Eines Tages wurde es Oma Liselotte zu viel, sie löste die Hundekette und nahm Cäsar mit nach Hause. Ja, der Besitzer versuchte später sein Tier zurückzuholen. Cäsar blieb und dem früheren Besitzer die Ansage der Oma sicherlich bis heute im Gedächtnis. Die Oma und die jüngste Enkeltochter liebten diesen Hund, der ganz besonders beim Fressen einfach eine sympathische Macke hatte. Als Liselotte uns einmal mit ihm in Berlin besuchte, beschloss Cäsar, sich die große Stadt alleine anzuschauen. Irgendwer hatte die Haustür offengelassen, was das Tier gleich nutzte. Eine Nachbarin konnte noch die Richtung seines Abgangs beschreiben, aber Oma Liselotte glaubte an den sicheren Unfalltod ihres Tieres. Als ich nach Hause kam und die Geschichte hörte, bat ich die Kinder mitzukommen. Auf Omas Frage, wohin ich denn wolle, sagte ich: „Na, zur Polizei!“ und trotz Gezeter ging sie mit. Auf der Polizeiwache erklärten wir dem Beamten unser Problem. Der sagte zu den Kindern: „Kommt mal mit“ und hob eins der Kinder zu dem Fenster einer Gefängniszelle. „Ja, das ist er!“ hörten wir und schon wurde Cäsar aus dem Knast entlassen. Später ereilte ihn leider doch der Unfalltod, aber nicht in der Stadt.

„Oma ohne Hund“ ging nicht. Sie brauchte ein Tier, um durch die Nachbarschaft zu laufen und zum Reden. Und zu unserer Beruhigung, dass sie in ihrem Haus am Waldrand nicht alleine ist. Wir fuhren mit ihr zum Tierheim in Neustrelitz. Käfig für Käfig kamen wir an erschütternden tierischen Gestalten vorbei. Die Pflegerin erklärte immer wieder „Nicht vermittelbar!“. Dann kam doch ein Gehege mit einem Insassen, der freudig wedelnd und japsend erklärte „Nehmt mich mit, nehmt mich mit!“ Wir machten mit dem kleinen Bordercolli-Schäferhund-Mix einen Probespaziergang und beobachteten ihn genau. Cäsar hatte jeden Fahrradfahrer, der am Haus vorbei fuhr, ausgebellt. Dieser hier schien sich nicht für die Radfahrer zu interessieren. Das war seine Fahrkarte zu Oma Liselottes Haus. Die Kinder tauften ihn Socke und freuten sich über den freundlichen Spielkameraden. Socke lebte besonders gerne seinen Bordercolli-Anteil aus. Er brauchte richtig viel Bewegung und unternahm stundenlange Spaziergänge mit der Oma. Wir gewöhnten uns daran, dass sie telefonisch nur noch während der Dunkelheit zu Hause erreichbar war. Leider kam auch Socke ein Auto im falschen Moment entgegen.

Wieder war sie allein in ihrem Haus. Nun allerdings in einem Alter, in dem es sein könnte, dass das Tier die Oma überlebte. Aus dem Grunde sahen wir uns nach einem Hund um, der notfalls auch zu unserem Haushalt passen würde. Einen Mischling mit unbekannter Vorgeschichte wollten wir nicht noch einmal. Einen Welpen hingegen kann man von Anfang an prima erziehen, dachten wir. Die Wahl fiel auf einen Golden Retriever und noch vor dem Weihnachtsfest zog Eddi bei Oma Liselotte ein. Eddi erfüllte alles, was wir uns von einem Hund wünschten und so verliebten wir uns alle in dieses Wollknäuel.

Eddi wuchs und wurde größer, während Oma Liselotte ihn verwöhnte und liebte. Wir besuchten beide so oft es ging. Im Sommer bemerkten wir allerdings, dass etwas nicht stimmte. Eddi, jung, kräftig, pubertär und Testeron gesteuert, hatte das Ruder im Haus übernommen. Er war Chef! Womit wir nie gerechnet hatten: Oma Liselotte hatte versäumt, den kleinen Hund zu erziehen. Oder anders gesagt, ihre Erziehung bestand aus Liebe und Kommandos, die der Hund nicht verstand. Das Kommando für „Sitz!“ war: „Komm Eddi, wenn du dich jetzt nicht hinsetzt, kann ich die Leine nicht festmachen und wir nicht spazieren gehen!“ Und leider mussten wir feststellen, dass es zuweilen recht gefährlich wurde. Eddi fing an zu beißen. Im Herbst stand fest, dass die Oma den Hund nicht mehr halten konnte und wir sagten zu, dass wir ihn zu uns nach Berlin holten. Im Gegenzug zog unsere griechische Landschildkröte Polly aufs Land. So kamen wir zu dem Hund.

Die erste Zeit mit Eddi in Berlin war schlimm. Der Hund wähnte sich in der häuslichen Hierarchie mindestens ebenbürtig mit den Kindern. Ich wusste nie, was der Hund mit den Mädchen anstellt und stand unter Dauerstress. Trotzdem liebten wir ihn und erlebten wunderschöne und lustige Momente. Es war ein nervenaufreibender Machtkampf zwischen ihm und mir. Mein Mann konnte nicht helfen, weil er zu der Zeit im Ausland war. Nach einem halben Jahr war der Machtkampf entschieden. Den letzten Biss von Eddi bekam mein Arm ab. Ab dann waren wir Blutsbrüder und ich Chef. Trotzdem machten wir noch lange ein sehr gutes Hundetraining mit und er wurde ein prima Familienhund – mit Macken! Die frühkindliche Nicht-Erziehung konnten wir bei Eddi nie leugnen. Tapete, Schuhe, Lesebrillen, USB-Stick, Socken, Bälle, Fingernägel lernten seine Zähne kennen … Hunderttausende geklaute Brötchen nahmen ein nicht gewolltes Ende. Zwar war ich Chef, aber die Kuschel-Beauftragten die Kinder und der große Kumpel wurde der Herr im Haus. Eddi wurde Familienmitglied und wie jeder Haustierhalter könnten wir ein Buch über ihn ganz alleine schreiben. Wir gehörten zusammen. Fast …

Oma Liselotte besuchte uns in Berlin und wir sie auf dem Land. Trafen sie und Eddi aufeinander, war eine Freude und ein Band zu spüren, das immer ins Gedächtnis rief, wo dieser Hund aufgewachsen war. Später erkrankte sie an Demenz. Wir brachten sie nach Berlin in ein Seniorenwohnheim. Wann immer es möglich war, holten wir sie zu uns nach Hause. Die Freude des Hundes und die das Strahlen in den Augen der alten Frau, wenn sie sich sahen, war etwas Besonderes. Sechs Jahre lang nahm die Demenz ihren Verlauf. Ihre Erinnerungen verschwanden aus dem Kopf. Was aber blieb, war der Hund. In diesem Jahr wurde es durch die Pandemie und lange Wochen, in denen wir sie nicht sehen konnten schwieriger. Nicht nur ich selber war aus ihren Gedanken verschwunden. Sie erkannte mich nicht mehr. Eddi aber blieb und für uns war bemerkenswert, dass Liselotte und Eddi sich beim letzten Besuch, bevor er starb, kaum voneinander trennen mochten. Dass sie sich das letzte Mal verabschiedeten, wussten wir ja nicht.

Durch einen Geburtsfehler am Bein ging es Eddi diesen Sommer zeitweilig immer schlechter und konnte machmal nicht mehr aufstehen. Anfang September war es vorbei. Es gab nur die Entscheidung, ihn von den Schmerzen zu erlösen und über die Regenbogenbrücke gehen zu lassen. Am nächsten Morgen nach seinem Tod kam Oma Liselotte mit einem Infarkt ins Krankenhaus. Bei dem Besuch ihres Sohnes fragte sie gleich „Was ist mit Eddi?“ und er antwortete wahrheitsgemäß. Woher sie wusste, dass etwas mit dem Hund nicht stimmt, ist uns unerklärlich. 14 Tage später starb Oma Liselotte. Das Band zwischen der Oma und dem Hund hielt bis zum Ende. Wir waren seine Familie, aber Oma Liselotte seine große Liebe! Wir haben uns oft gefragt, was Liselotte noch in dieser Welt hielt. Wir können es zwar nicht erklären, aber nun glauben wir es zu wissen.

Nach der Frage „Was ist mit Eddi?“ sagte sie im Krankenhaus: „Aber dann holt ihr euch einen neuen Hund.“ Die Entscheidung war schnell getroffen und ein Welpe wird bald bei uns einziehen. In Erinnerung bleiben immer die schönen Bilder von der Oma, ihren Tieren und Eddi, zu dem sie eine ganz besondere Beziehung hatte. Die beiden verstanden sich – ohne Worte.

Was machen die mit uns? IrREGELeitet …

Um es gleich vorwegzusagen: Regeln sind Regeln und sollten befolgt werden. Wenn sie Sinn machen. Machen sie nach unserer Auffassung keinen Sinn, darf man sie infrage stellen und diskutieren, aber bis zur potenziellen Änderung gelten sie. Sinnvoll ist zurzeit die AHA-Regel – Abstand – Hygiene – Alltagsmaske. Abstand schützt, Hygiene schützt jederzeit. Einzig der Punkt Alltagsmaske kann infrage gestellt werden. Hier kommt es auf die Art der Maske an, der Ort, wo sie aufgesetzt werden soll und wie sie getragen wird. Aber, auch sie kann schützen, und wenn sie nur den Menschen ein sicheres Gefühl gibt. Mit Ausnahme der Corona-Leugner und Verschwörungstheoretiker könnten sich bis hierhin alle einig sein, dass diese Maßnahmen gegen die Verbreitung des Virus helfen. Alles, was darüber hinaus geht, beobachte ich immer skeptischer und merke, dass ich anfange, es zu bezweifeln.

Bisher sah ich alles ein und halte mich weitgehend, wenn auch manchmal knurrend an die Regeln. Ich mag die Masken nicht. Sie geben mir das Gefühl, nicht richtig atmen zu können. Oft beschlägt die Brillen, weil ich den korrekten Sitz der Maske nicht hinbekomme. Häufig reiße ich mir das Hörgerät aus dem Ohr, weil das Gummi der Maske sich verheddert. Trotzdem wird sie immer selbstverständlicher, im Bus und beim Einkaufen, und gibt mir den guten Eindruck, etwas Richtiges zu tun. Die Berliner Verordnung, dass Masken auch in den Büros getragen werden müssen, habe ich von Anfang an abgelehnt. Wer, wenn nicht der Arbeitgeber selber hat das höchste Interesse daran, dass seine Belegschaft gesund und arbeitsfähig bleibt. Die getroffenen Vorgaben im Büro meines Arbeitgebers fand ich sinnvoll und umsetzbar. Hier denke ich, muss jede Bürogemeinschaft nach eigenem Ermessen und räumlichen Gegebenheiten entscheiden, was angebracht ist. In den Büros sollte das Hausrecht und nicht die Politik den Ton angeben.

Mein Lieblingsthema zum Aufregen sind die Beherbergungs-Verbote. Wir hatten uns das beste Bundesland dafür ausgesucht. Mecklenburg-Vorpommern. Den geplanten Urlaub vom Mai 2020 verschoben wir in den Oktober. Den haben wir jetzt, Verordnung sei dank – storniert. Nein, es ist nicht möglich, dass ein gesundes Ehepaar aus Berlin-Lichterfelde 10 Tage in eine Ferienwohnung an der Ostsee geht, um dort ein bisschen Luft am Meer zu holen. Wir müssten (Anreise Montag) einen maximal 48 Stunden alten negativen Test vorweisen und dürften dennoch 5 der 10 Tage Urlaub in Quarantäne sitzen, sofern ein zweiter Test negativ ausfällt. Oder ohne Test 14 Tage freiwillig in Quarantäne gehen und 10 Tage Urlaub auf diese Weise verlängern. Dann hätten wir das Meer nicht gesehen, aber den Urlaub in Mecklenburg verbracht. Hört sich komisch an? Ist es auch. Eine Bekannte wohnt fünf Kilometer weiter in Brandenburg und macht Urlaub in Mecklenburg. Und schon können wir in den Nachrichtenportalen lesen, dass Schwerin gemerkt hat, dass der Tourismus (und seine Einnahmen) wegbrechen. Man möchte auflockern und ein Gericht wird in der nächsten Woche die Rechtmäßigkeit der Maßnahme prüfen. Nutzt uns nichts mehr. Brandenburger, Berufspendler, Familienangehörige, Mediziner, Polizisten, Politiker … dürfen nach Mecklenburg … die haben sicherlich weniger Corona.

Urlaub im Ausland ist möglich, sofern man den Dschungel der unterschiedlichen Gebote und Verbote versteht. Reisen im eigenen Land wird zur Lachnummer, denn jedes Bundesland hat eigene Vorstellungen und Regeln. Immer vorausgesetzt, dass Berufspendler etc. reisen und sich bewegen dürfen. Eine bundeseinheitliche Regelung wurde nicht möglich. Es drängt sich schwer der Verdacht auf, dass es schon eine Weile nicht mehr um die Sache selbst geht. Eher darum, dass die Politik zeigen kann, wer hier der starke Mann oder Frau ist. Ministerpräsidenten demonstrieren Härte und Macht gegen den Bund und rücken nicht von dem Beherbergungs-Verbot ab, um dann von den Gerichten ausgehebelt zu werden. Genauso beispielsweise die Sperrstunde in Berlin. 11 Gastronomen hatten geklagt und recht bekommen. In Hamburg wird die Sperrstunde dafür aktuell eingeführt. Kein Mensch behält den Überblick und jedes Bundesland macht, wie es möchte. Nur – Gebote und Verbote gehören in unserer Demokratie in die Parlamente und nicht in die Chefsessel der Minister und Ministerpräsidenten. Und jetzt sage keiner, dass dafür die Zeit gefehlt hätte.

Ich frage mich immer öfter, ob hier nicht mit der Angst der Menschen Wahlkampf 2021 getrieben wird. Der Bund, sieben Landtage und das Berliner Abgeordnetenhaus bringen ihre Kandidaten in Stellung. Wer will da nicht als der starke Mann oder Frau aus der Krise herausgehen? Im Moment begegnen uns Aktionismus und Zahlenattacken. Jeden Tag gibt es neue Regeln, jeden Morgen neue Zahlen, jeden Abend noch höhere Zahlen. Dazwischen Berichte von Virologen, die alle die Apokalypse versprechen und dafür, dass sie ihre Arbeit tun, mit Bundesverdienstkreuz und Medienpreisen belohnt werden. Ärzte, die direkt mit den betroffenen Patienten arbeiten, bekommen kaum Gehör. Kritiker bekommen gerne die Ecke der Ungläubigen zugewiesen. Besonnenheit hat seit Monaten in den Medien und der Politik keinen Stellenwert mehr. …  Und dann lese ich, dass die Große Koalition jetzt im Oktober 2020 schon eine Eingabe in den Bundestag vorbereitet. Dem Gesundheitsminister sollen die Sonderrechte zum Schutz der Bevölkerung über den 31. März 2021 hinaus verlängert werden. Wie war das mit der parlamentarischen Demokratie? Macht Hoffnung … stimmt mich sehr positiv!

Wen wir in diesem ganzen Spiel vergessen, ist der Mensch. Ich möchte nicht an die Zahlen denken, die wir in ein paar Jahren zur Coronakrise veröffentlichen werden. Um wie viel Prozent die Zahl der Kinderschutzfälle gestiegen ist, die Zahl der Insolvenzen, die Zahl der psychischen Erkrankungen älterer und junger Menschen, Jugendliche, die keine Lehrstellen antreten konnten, Studenten, die ein/zwei Jahre verloren haben, Menschen, die starben, weil Operationen und Untersuchungen nicht rechtzeitig stattfanden, Familien, die Trennungen erlebten, weil sie das Existenzminimum nicht erreichen konnten, Menschen, die Verluste jeglicher Art alleine verkraften mussten, weil sie alleine gelassen wurden und vieles mehr.

Wir müssen anders denken lernen. Es müssen nicht neue Verordnungen her, die unser Leben einschränken und verhindern. Wir brauchen Konzepte, wie wir mit dem Virus unser Leben unter geänderten Bedingungen aufrecht erhalten können. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Er braucht Kontakt, Gespräche, Mimik und Berührungen und – andere Menschen. Hat er das nicht, verkümmert er. Mehr als je zuvor muss die Politik begreifen, dass soziale Träger und Einrichtungen diejenigen sind, die im Moment immer mehr gefordert werden und politisch unterstützt werden müssen. Genauso alle, die in künstlerischen Berufen arbeiten und dringend gebraucht werden, um den Menschen ein bisschen Freude zu bringen. Zu Beginn des Lockdowns gab es viele Solidargemeinschaften und gute, positive Ideen, die Zeit mit der Pandemie gemeinschaftlich zu bewältigen. Ich bin weit davon entfernt, den Virus klein zu reden, aber sehr dafür, dass besonders EINE neue Regel heißen muss, dass nicht die Politiker + Virologen, die Zahlen, die Ge- und Verbote, im Fokus stehen, sondern einzig und alleine der Mensch und seine Möglichkeit gut und sinnvoll das Leben mit dem Virus weiter zu gestalten. Gebt den Menschen stimmige Regeln, Perspektiven und die Lebensfreude zurück.

Holen wir sie vom Sockel?

Was in Amerika begann, zieht Kreise durch die ganze Welt. Aktivisten holen Denkmäler von den Sockel, denen eine, nach heutigem Denken, unrühmliche Geschichtsschreibung anhängt. Der bekannteste Fall ist sicherlich in Bristol passiert: Demonstranten gegen Rassismus holten die Statue von Edward Colston, eines Sklavenhändlers aus dem 17. Jahrhundert vom Sockel. Nachdem einige Demonstranten etwa 8 Minuten auf ihm knieten, landete er im Wasser. Ein klares Statement gegen Rassismus, das im Innenministerium keine Gegenliebe, beim Bürgermeister der Stadt aber Verständnis fand. Aber die Debatte ist losgetreten. Auch bei uns.

Losgetreten wurde sie durch den Afroamerikaner George Floyd, der durch einen Polizisten zu Tode kam. Seither wird auch bei uns der Rassismus, der anders als in den USA, überall vertreten ist, diskutiert. Unter dem Hashtag #wasihrnichtseht in Instagram kann man beispielsweise in vielen Posts nachlesen, wie und wo sich Alltagsrassismus zeigt. Es gibt wohl kaum einen, der sich davon freisprechen kann. Aber nicht nur der Rassismus ist in den Fokus geraten. Auch Straßen, Plätze oder Denkmäler sind im Blickfeld, deren Namen in der deutschen Geschichte eine Rolle spielten. Einige davon sind nach heutiger Denkweise und Wissenstand fragwürdig.

Uns hat diese Diskussion erfasst, als meine Mutter von der Petition „Umbenennung der U-Bahn Station Onkel-Toms-Hütte und der Onkel-Tom-Straße“ las. Moses Pölking, ein Basketballspieler, hat die Petition ins Leben gerufen. Er ist der Ansicht, dass der Name „Onkel-Toms-Hütte“ dem Buch der Autorin Harriet Beecher Stowe entnommen ist. Sie beschreibt in ihrem Roman das Schicksal der Schwarzafrikaner in den 40er-Jahren des 19. Jahrhunderts. Pölking ist der Ansicht, dass die Titelfigur sich erniedrigt, um seinem Peiniger nicht aufzufallen. Zudem sei „Onkel Tom“ ein Begriff, der in der farbigen Community jemandem beschreibt, der sich vornehmlich gegen die eigene Hautfarbe den „Weißen“ andient. Er empfindet den Namen Onkel-Tom-Straße ebenso beleidigend, wie Mohrenstraße. Auch die Mohrenstraße hat in Berlin eine U-Bahn-Station, die nach Willen der BVG nun Glinkastraße heißen soll.

In der Facebook-Gruppe Steglitz-Zehlendorf wird ein Beitrag aus dem Tagesspiegel zum Thema geteilt. Als ich das letzte Mal schaute, gab es 621 Kommentare darunter. Natürlich habe ich nicht alle gelesen, aber es wird ähnlich kontrovers diskutiert, wie in meiner Familie. Wie führt man nun diese Debatte richtig und zielführend? Darüber gibt es sehr unterschiedliche Ansichten. Fest steht: Sie ist notwendig, zeitgemäß und richtig. Doch wie erreicht man tatsächlich alle Menschen, sowohl die, die eine Änderung herbei wünschen, als auch jene, denen es relativ egal ist.

Nicht nur der Nationalsozialismus ist in unserer deutschen Geschichte ein schreckliches Kapitel. Auch die deutschen Versuche, in der Kolonialzeit eine Rolle zu spielen, hat viel Leid verursacht und so gibt es unzählige weitere Beispiele, die uns nicht mit Ruhm bedecken. Würden wir nun, nach heutiger Denkweise versuchen, alle negativen geschichtlichen Ereignisse aus dem öffentlichen Straßenbild und Bewusstsein zu löschen, hätten wir nicht nur viel zu tun, sondern keine Geschichte mehr. Auch bei den Philosophen wird es eng. So bezeichnete Emanuel Kant die Juden als ‚Vampyre der Gesellschaft‘ und fordert ‚die ‚Euthanasie des Judentums‘. Und auch der Gründer der evangelischen Religion, Martin Luther, dürfte mit seinen ‚Judenschriften‘ nicht gut wegkommen. Müssen wir nun die philosophischen Grundlagen oder selbst die evangelische Kirche aus unseren Köpfen löschen?

Die Geschichte, aus der sich unsere heutige Gesellschaft entwickelt hat, kann nicht verleugnet werden. Sie ist nun mal passiert. Aber sie kann weitergeschrieben werden, sich weiter entwickeln und verändern, wenn man tatsächlich Ehrlichkeit und Mut dazu aufbringt. Dazu gehört es unbedingt, die Diskussion in die Bevölkerung zu bringen. Die Aktivisten, die die Statuen von den Sockeln holen, sind mutige Menschen, die sich beherzt für eine gute Sache einsetzen. Doch die Wahl der Mittel schreckt den Normalbürger ab. Die Statue im Wasser steht kurz in den Schlagzeilen und regt die Gemüter auf. Tatsächlich eine nachhaltige Sinnesänderung schafft sie nicht.

Ein guter Akt wäre beispielsweise dem Schulfach Geschichte wieder eine tragende Rolle zu geben. Zu sehr wurde es als Nebenfach degradiert und aus der Allgemeinbildung gedrängt. Wie sollen Kinder und Jugendliche heutige politische und zwischenmenschliche Vorgänge der Weltgeschichte verstehen, wenn ihnen der Hintergrund unbekannt ist. Wie kann ich heutige Handlungen nachvollziehen, wenn mir das Wissen fehlt, wie sie entstanden sind. Heutige Handlungen kann man nur aus dem Kontext der Vergangenheit verstehen und sie sinnvoll weiterentwickeln.

Auch die Wahl der Quellen gehört dazu. Kritikpunkt bei der Petition zu „Onkel-Toms-Hütte“ ist beispielsweise, dass die Autorin der Buches erklärte Gegnerin der Rassismus war und auf die Missstände aufmerksam machen wollte. Sie hat mit dem Buch eine veränderte Denkweise angeregt. Es kommt dazu, dass diese Petition deutschlandweit geführt wird. Also ein Bruchteil der Unterzeichner tatsächlich den Ort kennen. Nicht zuletzt gibt es eine andere Quelle der Namensgebung. Die Bezirksgeschichtsschreiber schrieben 1885 dazu: „Die Siedlung Onkel Toms Hütte oder Waldsiedlung Zehlendorf, oft auch als Onkel-Tom-Siedlung oder Papageiensiedlung bezeichnet, liegt im Berliner Ortsteil Zehlendorf am Rande des Grunewaldes. Namensgebend war das 1885 eröffnete benachbarte Ausflugslokal, dessen Besitzer Thomas seine Gaststätte in Anlehnung an Harriet Beecher Stowes Roman Onkel Toms Hütte benannt hatte.“ Der Lokalbesitzer verehrte die Autorin, aber war nun das Buch oder der Thomas namensgebend?

Auch die Mohrenstraße, Mohrengasse, Mohrenapotheke muss sich einen genaueren Blick gefallen lassen. War tatsächlich ein „Mohr“ im heutigen Sinne gemeint oder nicht doch der heilige Mauritius, der seiner Geschichte wegen durchaus auf einem Podest stehen könnte? Es ist also immer fraglich, wie man eine Umbenennung oder eine entfernte Statue begründet, wenn man tatsächlich alle Quellen erwägt. Nur darf man nicht unsere heutigen Werte und Überzeugungen einfach überstülpen. Wichtig ist die tatsächliche Auseinandersetzung, die den Fortschritt für heutige Werte und Überzeugungen bringt. Die Statue im Museum nutzt nur den wenigen, die eine Affinität zu Museumsbesuchen haben. Die Statue auf der Straße mit einer Informationstafel kann mehr Menschen erreichen.

Unsere Geschichte ist nicht wirklich vorbei und wir sind ein Produkt daraus. Heutiges Denken muss sensibilisiert werden und sich weiter entwickeln. Das kann aber nur geschehen, wenn man den Hintergrund und die Gründe dafür versteht. Reiner Aktionismus ist dabei ein schlechter Berater.

In Bristol wurde es doch zu einer guten Entwicklung geführt: Die gestützte Statue wird im Museum mit dem Plakat der Aktionisten „Black lives matter“ ausgestellt. Was letztlich auf den leeren Sockel kommt, wird demokratisch entschieden. Und genau das bedeutet, dass eine weitere Auseinandersetzung damit stattfindet, die viele Menschen erreicht. Die Debatte wird dort seit Jahren geführt. Bei uns fängt sie hoffentlich richtig an.

Immer wieder … zuhören, laut werden, voneinander lernen!

WhatsApp meldet sich: Es ist meine Schwägerin, die mir einen Link zu einem Gastbeitrag im Magazin Bento schickt. Der Beitrag ist von Aminata Touré, der Vizepräsidentin des schleswig-holsteinischen Landtages. Gleich in der Headline sagt sie: „Es fehlt nicht an Schwarzen, die sprechen, sondern an Weißen, die zuhören.“ Ich stimme zu, aber ergänze im Kopf: „… sondern an Weißen, die zuhören und sprechen.“ Meine Schwägerin und Aminata Touré sind dunkelhäutig, also per Geburt mit dem Thema Rassismus verflochten. In meiner Familie sind alle entsetzt, was George Floyd passiert ist und welche Entwicklung daraus entstand. Meine Tochter kauft sich ein T-Shirt mit der Aufschrift: „No place for hate, sexism, racism, homophobia, anti-semitism.“ Meine Mutter positioniert sich in Facebook und Instagram. Meine Schwester äußert sich sehr besorgt. Ich bekomme aber auch andere Stimmungen mit. Schon wieder Rassismus in nicht endender Debatte? Was geht uns Amerika an?

Es geht uns sehr viel an und wenn wir – Weiße – wollten, würden wir Rassismus tagtäglich und mitten unter uns bemerken. Der Tod von George Floyd ist nur der Auslöser einer lange fälligen Debatte und Forderungen nach allgemein gültiger Menschenwürde und Gleichstellung. Alleine die Frage an einen andersfarbigen Menschen, welche Nationalität seine Ursprungsfamilie hat, ist rassistisch. Das erstaunte Gesicht einer Fleischverkäuferin, wenn ihre farbige Kundin Hochdeutsch spricht. Die Frage des Kellners, ob der dunkelhäutige Gast etwas anderes isst als die Tischnachbarn. Aber es betrifft nicht nur die dunkelhäutigen Menschen. Betroffen sind alle Ethnien, die sich von unserem Allgemeinbild unterscheiden. Die Gründe sind vielfältig und meist durch Angst vor Unbekanntem begleitet. Der Alltagsrassismus ist real, alltäglich, dabei oft unauffällig und unerträglich. Doch kann sich kaum jemand davon freisprechen. Auch ich nicht.

Auf der Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung steht: „Rassen? Gibts doch gar nicht!“ und wir lesen im Beitrag: „… Die Einteilung der Menschen in „Rassen“ hat nach heutiger Erkenntnis keine wissenschaftlich begründete Grundlage. Und doch existieren „Menschenrassen“ tatsächlich. Nicht als biologische Fakten, sondern als – unbewusste – Denkstrukturen und Urteile in unseren Köpfen. …“ Zitat Ende.

Es gibt ebenso keine allgemein akzeptierte Definition für Rassismus. Mir sagt die Beschreibung von Albert Memmi, tunesisch-französischer Schriftsteller und Soziologe, zu: „Der Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden sollen.“ Entstanden ist Rassismus in der Zeit des europäischen Kolonialismus und Imperialismus. Menschen wurden in Rassen eingeteilt, die unter anderem den Kolonialismus und Sklaverei rechtfertigen sollten. Wenig bekannt dabei ist, dass die wissenschaftlichen Errungenschaften des 17. und 18. Jahrhunderts eng mit der Sklaverei verbunden sind. Körperliche, ethnische oder kulturelle Merkmale einer Gruppe wurden und werden genutzt, um diese im Pseudovergleich mit dem eigenen Standpunkt herabzusetzen. Colette Guillaumin, französische Soziologin und Feministin, hat gesagt „ ,Rassen‘ existieren nicht, aber Rassismus tötet.“

Ich spreche mich selber nicht frei, Rassismus nicht zu erkennen oder ihn unwissentlich zu begehen. Um Rassismus tatsächlich zu begegnen, braucht es aus meiner Sicht eine weit größere Sensibilisierung, Debatte und Haltungsänderung auf allen gesellschaftlichen Ebenen als wir zurzeit haben. Wir brauchen politische Vorgaben und klare Standpunkte, Projekte und passende Bildungsvorgaben von der Kindertagesstätte an. Kinder kennen keinen Rassismus. Den erlernen sie – im Alltag und am Abendbrottisch.

Es macht mich unglaublich traurig, dass Rassismus überhaupt noch ein Thema ist. Im 21. Jahrhundert fühlen sich Menschen höherwertig als andere. Das beste Bild für mich dazu: Ein weißes, ein beiges, ein braunes Ei nebeneinander auf einer Seite. Auf der anderen Seite alle drei Eier aufgeschlagen in der Pfanne. Kein Unterschied, kein Besser oder Schlechter, kein Frisch oder Alt, kein Teuer oder Günstig … keine Wertung – alle gleich!

Alle gleich! Was für eine wunderbare Vorstellung. Es gehören tatsächlich alle dazu. Nicht nur die unterschiedlichen Hautfarben, auch sexuelle Orientierungen, religiöse Richtungen oder andere Unterschiede, die vordergründig trennen. Alle Menschen, die in der Gemeinschaft und in der Toleranz zueinander eine unglaubliche Bereicherung sind. Was für eine wunderbare Vorstellung wäre es, in einem Land zu leben, in dem tatsächlich jeder ohne Wertung so sein kann, wie er ist!

Meine Mutter zeigt mehrere Fotos aus ihrer Puppenwerkstatt. Dazu schreibt sie: „Wenn unsere Kinder schon mit ethnischer Vielfalt aufwachsen, grenzen sie im späteren Leben niemanden aus und haben keine Berührungsängste, zu Hautfarbe, Sprache und Religion.“

Was durch den Tod von George Floyd ausgelöst wurde, ist eine große Bewegung, die hoffentlich nicht vorbei ist, wenn die Medien das Interesse verlieren. So unfassbar dumme und ignorante Aussagen es dazu einerseits gibt, gibt es andererseits auch Beispiele, die Hoffnung machen: Alle vier lebenden ehemaligen amerikanischen Präsidenten stellen sich auf die Seite der Demonstranten in Amerika. Unglaublich viele Künstler*innen aller Kunstrichtungen positionieren sich für Vielfalt. Es ist für viele weiße Menschen, mich eingeschlossen, schwer, nachzuvollziehen, was andersfarbige Menschen tagtäglich an Rassismus erleben. Besonders schwer, wenn man niemanden mit anderer Hautfarbe so richtig kennt. Empfehlenswert dazu ist der Brennpunkt zum Thema „Rassismus“ von Carolin Kebekus, in dem diese Menschen zu Wort kommen und das beschreiben.

Die Debatte um Rassismus ist hoffentlich lange nicht zu Ende. Ich habe gemerkt, nachdem die Partei, die keine Alternative ist, bei uns in den Bundestag gewählt wurde, dass ich müde wurde gegen Intoleranz zu kämpfen. Ich glaubte, dass langsam auch der letzte Mensch begriffen haben müsste, dass es keine höher- oder minderwertigen Menschen gibt. Glaubte ich. Das war falsch und es ist anders: Solange es Menschen gibt, die sich aus mangelndem Selbstbewusstsein, aus Machtwillen, aus Dummheit oder anderen Gründen über andere stellen, wird es Rassismus geben. Und so lange ist es immer wieder notwendig, dass wir – alle Ethnien – nicht nur sehr sensibel zuhören und immer mehr voneinander lernen … wir müssen laut werden, sprechen, uns gegen Menschenfeindlichkeit positionieren und sie, wo immer möglich, entlarven.

Das andere Ende der Perlenkette …

Mein Wecker steht still auf dem Nachttisch, doch er klingelt nie. Ich wache jeden Morgen pünktlich um 5.30 Uhr auf. Natürlich auch am Wochenende, was ich gerne abstellen würde, aber es ist eine über Jahre gepflegt Gewohnheit geworden. Ich genieße die ruhigen Morgenstunden. Ich trinke meinen Kaffee, lese Nachrichten und E-Mails, danach ist eine halbe Stunde Gymnastik dran und eine Viertelstunde am Maltisch. Schließlich gehe ich duschen, mache mich fertig, laufe mit dem Hund eine Runde und starte in den Tag … dann ist es halb neun Uhr morgens. Drei Stunden, ohne Verpflichtung, nur für mich, wie ein Ritual. Das war früher mal anders.

In diesem „Früher“ liegt der Grund für mein zeitiges Aufstehen. Ich war junge Mutter von zwei süßen Mädchen. Die mussten in den Kindergarten und später zur Schule. Morgendliche Hektik habe ich mein Leben lang verabscheut. Verschlafen war immer der Beginn eines richtig schrägen Tages und ist mir zum Glück nicht oft passiert. Aus diesem Grund habe ich mir früh angewöhnt, um 5.30 Uhr aufzustehen. Ich habe eine halbe Stunde Kaffeetrinken genossen, mich geduscht und angezogen um dann, selber fertig, meine Kinder zu wecken. Nun hatte ich Zeit mich nur ihnen zu widmen, bis wir entspannt weggehen konnten. Es war mir wichtig, dass sich die Kinder in Ruhe, Harmonie und ohne Zank, auf ihren Tag außer Haus einlassen konnten.

Sehr viel früher, erzählen meine Mitmenschen, sei ich ein Langschläfer und Morgenmuffel gewesen, den man nach dem Aufstehen nicht ansprechen durfte. Kluge Leute sprechen mich heute so früh immer noch nicht an. Aber das gehört woanders hin. Ich bin in meinem 60 zigsten Lebensjahr angekommen. Meine morgendlichen Gewohnheiten haben sich mehrfach im Leben geändert, je nachdem, ob ich alleine war oder nicht. Heute ist es nur noch der Ehemann, mit dem ich beim Frühstück zu einem Konsens kommen muss. Ansonsten bin ich größtenteils frei.

Diese Freiheit ist hart erarbeitet, auch wenn die „Unfreiheit“ zuvor eine klare Entscheidung war. Sie hieß Kinder großziehen und etwa 20 Jahre in allen persönlichen Belangen und Wünschen zurücktreten. Alle Wünsche wurden dem Erziehungsauftrag untergeordnet oder vielmehr angepasst. Meine Arbeit und meine Freizeitgestaltung mussten ständig nach den Erfordernissen der Kinder geändert werden. Selten war etwas „nur für mich“. Dem Vater erging es dabei nicht anders. Mit der Pubertät bekamen wir eine Ahnung, dass sich etwas ändern könnte. Die Kinder mochten nicht mehr im Fokus der elterlichen Fürsorge stehen. Freiräume erschlossen sich und wurden größer, bis zur klaren Feststellung, dass die Versorger-Rolle endgültig passé ist. Schließlich muss aber deutlich festgestellt werden, so hart manche Tage waren, haben andere uns belohnt. Wir haben es bewusst und aus Liebe gemacht. Dafür sind wir jetzt auch 20 Jahre älter.

Nun komme ich mir wie auf einer Wippe vor: Bei guter Laune, oben, jubele ich der neuen Freiheit zu, bei schlechter Laune, untern, werden alle Zipperlein doppelt schwer. Und je nach Befinden kokettiere ich mit dem Alter oder fühle mich genervt. Im Büro werden die KollegInnen immer junger. Die direkten TeamkollegInnen könnten meine Kinder sein. Ich erwische mich, wie ich meinen Kollegen mit: „Junger Mann“ anspreche und das eigentlich richtig blöd finde. Die Kollegin, zweifache junge Mutter, erzählt real und in ihrem Blog von ihrem innerlichen Chaos, gerne arbeiten zu wollen und doch Kinder versorgen zu müssen. Ich merke eine Tendenz meine Erfahrungen dazu zu sagen, aber lasse es ganz bewusst sein. Das liegt alles hinter mir, denke ich dann auf dem Heimweh, bei dem ich genieße, dass niemand mehr nachfragt: „Wann kommst du nach Hause!“

Meine Freundin hat treffend den Punkt ausgedrückt, an dem ich mich gerade befinde: „Ich denke langsam darüber nach, dass das ewige Haare färben lästig ist, und ob das Stehen zu grauen Haaren nicht vielmehr meinem selbstbewussten Alter und meinem „Ich“ entsprechen würde“. Das bedeutet auch, sich selber einzugestehen, dass die lebenslang gesammelten Perlen der Perlenkette sich dem Fadenende zuneigen. Wie viele Perlen noch passen, haben wir selbst in der Hand. Ich sage gerne, dass ich heute die Summe dessen bin, was ich im Leben erlebt habe. Jeder Tag, auch die Schlechten, gehören dazu. Ich würde keinen wiederholen wollen, weil sie nie gleich sein könnten.

Der Auszug der zweiten Tochter ist eine Frage der Zeit. Die Ruhe, wenn der Ehemann und ich alleine sind, haben wir schon oft testen können. Es ist weniger Arbeit im Haushalt (die man doch gern getan hat), die Diskussionen, welches Essen auf den Tisch kommt, verschwinden. Es ist mehr Selbstbestimmung und unsere eigenen Wünsche und Vorstellungen treten wieder in den Vordergrund. Ich muss mich nicht mehr beweisen, muss niemandem gefällig sein und kann die Menschen um mich sammeln, die mir guttun. Ich kann deutlich „Nein“ sagen, wenn ich etwas nicht will. Meine Hobbys und Interessen bekommen großen Raum, neben den Zielen und Plänen, die wir gemeinsam verfolgen. Es wird sich zeigen, was sich verwirklichen lässt, denn eine entspannte Genügsamkeit macht sich breit. Es muss keine Weltreise mehr sein, die Ostsee oder selbst der Garten reichen aus. Es ist nicht wie vor 20 Jahren, dafür kann ich heute klar sagen, was ich will oder eben auch nicht.

Wie immer haben wir selber die Wahl und entscheiden, wie wir damit umgehen. Depressive Züge entwickeln und krampfhaft an der Jugend festhalten, fordert sehr viel Kraft. Ich denke, am leichtesten mache ich es mir, wenn ich mit mir selber ehrlich umgehe. Ja, die Haare werden grau, die Waage zeigt nicht gerade das Traumgewicht, die Arztbesuche häufen sich. Aber ich kann mir entspannt alles so einrichten, wie ich es haben möchte und brauche. Ich kann eine Neugierde entwickeln, was uns noch bevorsteht. Welche Überraschungen die Kinder uns präsentieren. Insgeheim lächeln, wenn mir junge Leute erzählen, welche Erfahrungen sie machen mussten. Wir werden nun die Alten, mit hoffentlich viel Humor, viel Offenheit, Neugierde für Neues und Verständnis für Junges. Mein einziger Wunsch ist gesund bleiben, den ich durch eine positive Denkweise fördern kann. Das ist nicht an allen Tagen leicht, aber so kann auch die Perlenkette noch ein gutes Stück länger werden.