Oma Liselotte, ihre Tiere und der Abschied

Oma Liselotte liebte Tiere. Wenn ich mich richtig erinnere, hatte sie das allererste Mal, als ich sie kennenlernte, ein Meerschweinchen im Arm und unterhielt sich mit ihm. Ja, mit Meerschweinchen kann man sich, wenn man sie mit viel Liebe hält, unterhalten. Nicht wie wir, aber sie reagieren auf die Worte ihres Menschen. Wenn die Oma telefonierte, hatten die Meerschweinchen in ihrem Arm ein Wörtchen mitzureden. Mit Tieren konnte sie immer gut reden und die Tiere verstanden sie.

Oma Liselotte hatte mehrere Meerschweinchen, deren Verweildauer auf der Erde nicht sehr lang ist. Angefangen hatte das einmal mit ihrer Mülltonne. Als sie von der Arbeit kam, hatte ein böser Mensch neugeborene Meerschweinchen in ihre Mülltonne vor dem Haus gelegt. Vielleicht wusste dieser Mensch, dass er den Meerschweinchen damit den Himmel auf Erden bereitete, bevor sie irgendwann in den richtigen Meerschweinchenhimmel kommen würden. Sie wurden auf das Beste versorgt. Es kam ein riesengroßer Meerschweinchen-Käfig ins Haus, der mit Zeitung und Heu ausgelegt wurde. Dazu gab es frischen Salat, Obst und Gemüse und davon so viel, dass diese Meerschweinchen nie einen Wassertopf brauchten. Wenn Liselotte abends von der Arbeit nach Hause kam, trank sie erst einmal eine Tasse Tee mit dem Meerschweinchen im Arm. Das wurde später in eine Decke eingewickelt, auf dem Sofa abgelegt. Dann wurde der komplette Käfig auseinandergenommen. Das alte Heu in die Zeitung eingewickelt und alles wieder neu ausgelegt, mit dem Abendessen. Schließlich durfte das glückliche Meerschweinchen speisen. Wilma, Fridolin, Flitzeline und wie sie alle hießen, wurden auf diese Weise älter als die meisten Meerschweinchen. Beendet wurde die Meerschweinchen-Ära erst, als Oma Liselotte aufs Land umzog und ein Greifvogel ihr letztes Meerschweinchen im Flug aus dem Käfig holte. Danach erinnerte nur noch der verwaiste Käfig hinten im Schuppen hin und wieder an diese Ära.

Zeitgleich mit den Meerschweinchen durften sich alle Igel aus der Nachbarschaft über Oma Liselottes Zuwendung freuen. Es war ein abendliches Ritual, die Enkeltochter in eine Decke eingewickelt auf die oberste Stufe der Terrasse zu setzen. So konnten Oma und Kind die Futterstelle beobachten, die mit zunehmender Dämmerung von mehreren Igeln besucht wurde. Oma und Kind unterhielten sich flüsternd dabei, solange bis die Igel satt und verschwunden waren und das Kind ins Bett gebracht wurde.

Nach der Beendigung des Arbeitslebens zog meine Schwiegermutter aufs Land. Dort gab es viel zu tun, zumal ihr Haus gleich an den See grenzte. Eine Schar Enten hatte sehr schnell entdeckt, dass in den frühen Abendstunden Futter vor Liselottes Haus für sie lag. Trotz dessen, dass es Wildtiere waren, kamen sie mit der Zeit immer näher und sogar in den kommenden Jahren zurück. Liselotte stellte Futter für sie bereit, wofür sie stundenlang gesammeltes Brot in gut zu verdauende Würfel schnitt. Natürlich dachte sie nicht nur an die Wasservögel. Zwischen Haus und Schuppen stand ein großes Vogelhaus. Es machte ihr viel Freude, bei einer Tasse Tee zu beobachten, wie die Vögel der Rangfolge nach ihr Futter holten.

Zu den Wasser- und Flugvögeln kam später ein Hund ins Haus. Was für ein Hund Cäsar war, ist schwer zu sagen. Der Körper erinnerte an einen schwarzen Langhaardackel mit dem Kopf eines Pekinesen. Cäsar war ein Kettenhund. Seine Besitzer fanden es zeitweise sehr spaßig, den Fressnapf des Hundes gerade so weit wegzustellen, dass der Hund nicht dran kam. Auch ein Wassernapf fehlte oft in praller Sonne. Wenn der Hund schließlich fressen durfte, verteidigte er sein Futter, als wäre er ein Mastiff. Eines Tages wurde es Oma Liselotte zu viel, sie löste die Hundekette und nahm Cäsar mit nach Hause. Ja, der Besitzer versuchte später sein Tier zurückzuholen. Cäsar blieb und dem früheren Besitzer die Ansage der Oma sicherlich bis heute im Gedächtnis. Die Oma und die jüngste Enkeltochter liebten diesen Hund, der ganz besonders beim Fressen einfach eine sympathische Macke hatte. Als Liselotte uns einmal mit ihm in Berlin besuchte, beschloss Cäsar, sich die große Stadt alleine anzuschauen. Irgendwer hatte die Haustür offengelassen, was das Tier gleich nutzte. Eine Nachbarin konnte noch die Richtung seines Abgangs beschreiben, aber Oma Liselotte glaubte an den sicheren Unfalltod ihres Tieres. Als ich nach Hause kam und die Geschichte hörte, bat ich die Kinder mitzukommen. Auf Omas Frage, wohin ich denn wolle, sagte ich: „Na, zur Polizei!“ und trotz Gezeter ging sie mit. Auf der Polizeiwache erklärten wir dem Beamten unser Problem. Der sagte zu den Kindern: „Kommt mal mit“ und hob eins der Kinder zu dem Fenster einer Gefängniszelle. „Ja, das ist er!“ hörten wir und schon wurde Cäsar aus dem Knast entlassen. Später ereilte ihn leider doch der Unfalltod, aber nicht in der Stadt.

„Oma ohne Hund“ ging nicht. Sie brauchte ein Tier, um durch die Nachbarschaft zu laufen und zum Reden. Und zu unserer Beruhigung, dass sie in ihrem Haus am Waldrand nicht alleine ist. Wir fuhren mit ihr zum Tierheim in Neustrelitz. Käfig für Käfig kamen wir an erschütternden tierischen Gestalten vorbei. Die Pflegerin erklärte immer wieder „Nicht vermittelbar!“. Dann kam doch ein Gehege mit einem Insassen, der freudig wedelnd und japsend erklärte „Nehmt mich mit, nehmt mich mit!“ Wir machten mit dem kleinen Bordercolli-Schäferhund-Mix einen Probespaziergang und beobachteten ihn genau. Cäsar hatte jeden Fahrradfahrer, der am Haus vorbei fuhr, ausgebellt. Dieser hier schien sich nicht für die Radfahrer zu interessieren. Das war seine Fahrkarte zu Oma Liselottes Haus. Die Kinder tauften ihn Socke und freuten sich über den freundlichen Spielkameraden. Socke lebte besonders gerne seinen Bordercolli-Anteil aus. Er brauchte richtig viel Bewegung und unternahm stundenlange Spaziergänge mit der Oma. Wir gewöhnten uns daran, dass sie telefonisch nur noch während der Dunkelheit zu Hause erreichbar war. Leider kam auch Socke ein Auto im falschen Moment entgegen.

Wieder war sie allein in ihrem Haus. Nun allerdings in einem Alter, in dem es sein könnte, dass das Tier die Oma überlebte. Aus dem Grunde sahen wir uns nach einem Hund um, der notfalls auch zu unserem Haushalt passen würde. Einen Mischling mit unbekannter Vorgeschichte wollten wir nicht noch einmal. Einen Welpen hingegen kann man von Anfang an prima erziehen, dachten wir. Die Wahl fiel auf einen Golden Retriever und noch vor dem Weihnachtsfest zog Eddi bei Oma Liselotte ein. Eddi erfüllte alles, was wir uns von einem Hund wünschten und so verliebten wir uns alle in dieses Wollknäuel.

Eddi wuchs und wurde größer, während Oma Liselotte ihn verwöhnte und liebte. Wir besuchten beide so oft es ging. Im Sommer bemerkten wir allerdings, dass etwas nicht stimmte. Eddi, jung, kräftig, pubertär und Testeron gesteuert, hatte das Ruder im Haus übernommen. Er war Chef! Womit wir nie gerechnet hatten: Oma Liselotte hatte versäumt, den kleinen Hund zu erziehen. Oder anders gesagt, ihre Erziehung bestand aus Liebe und Kommandos, die der Hund nicht verstand. Das Kommando für „Sitz!“ war: „Komm Eddi, wenn du dich jetzt nicht hinsetzt, kann ich die Leine nicht festmachen und wir nicht spazieren gehen!“ Und leider mussten wir feststellen, dass es zuweilen recht gefährlich wurde. Eddi fing an zu beißen. Im Herbst stand fest, dass die Oma den Hund nicht mehr halten konnte und wir sagten zu, dass wir ihn zu uns nach Berlin holten. Im Gegenzug zog unsere griechische Landschildkröte Polly aufs Land. So kamen wir zu dem Hund.

Die erste Zeit mit Eddi in Berlin war schlimm. Der Hund wähnte sich in der häuslichen Hierarchie mindestens ebenbürtig mit den Kindern. Ich wusste nie, was der Hund mit den Mädchen anstellt und stand unter Dauerstress. Trotzdem liebten wir ihn und erlebten wunderschöne und lustige Momente. Es war ein nervenaufreibender Machtkampf zwischen ihm und mir. Mein Mann konnte nicht helfen, weil er zu der Zeit im Ausland war. Nach einem halben Jahr war der Machtkampf entschieden. Den letzten Biss von Eddi bekam mein Arm ab. Ab dann waren wir Blutsbrüder und ich Chef. Trotzdem machten wir noch lange ein sehr gutes Hundetraining mit und er wurde ein prima Familienhund – mit Macken! Die frühkindliche Nicht-Erziehung konnten wir bei Eddi nie leugnen. Tapete, Schuhe, Lesebrillen, USB-Stick, Socken, Bälle, Fingernägel lernten seine Zähne kennen … Hunderttausende geklaute Brötchen nahmen ein nicht gewolltes Ende. Zwar war ich Chef, aber die Kuschel-Beauftragten die Kinder und der große Kumpel wurde der Herr im Haus. Eddi wurde Familienmitglied und wie jeder Haustierhalter könnten wir ein Buch über ihn ganz alleine schreiben. Wir gehörten zusammen. Fast …

Oma Liselotte besuchte uns in Berlin und wir sie auf dem Land. Trafen sie und Eddi aufeinander, war eine Freude und ein Band zu spüren, das immer ins Gedächtnis rief, wo dieser Hund aufgewachsen war. Später erkrankte sie an Demenz. Wir brachten sie nach Berlin in ein Seniorenwohnheim. Wann immer es möglich war, holten wir sie zu uns nach Hause. Die Freude des Hundes und die das Strahlen in den Augen der alten Frau, wenn sie sich sahen, war etwas Besonderes. Sechs Jahre lang nahm die Demenz ihren Verlauf. Ihre Erinnerungen verschwanden aus dem Kopf. Was aber blieb, war der Hund. In diesem Jahr wurde es durch die Pandemie und lange Wochen, in denen wir sie nicht sehen konnten schwieriger. Nicht nur ich selber war aus ihren Gedanken verschwunden. Sie erkannte mich nicht mehr. Eddi aber blieb und für uns war bemerkenswert, dass Liselotte und Eddi sich beim letzten Besuch, bevor er starb, kaum voneinander trennen mochten. Dass sie sich das letzte Mal verabschiedeten, wussten wir ja nicht.

Durch einen Geburtsfehler am Bein ging es Eddi diesen Sommer zeitweilig immer schlechter und konnte machmal nicht mehr aufstehen. Anfang September war es vorbei. Es gab nur die Entscheidung, ihn von den Schmerzen zu erlösen und über die Regenbogenbrücke gehen zu lassen. Am nächsten Morgen nach seinem Tod kam Oma Liselotte mit einem Infarkt ins Krankenhaus. Bei dem Besuch ihres Sohnes fragte sie gleich „Was ist mit Eddi?“ und er antwortete wahrheitsgemäß. Woher sie wusste, dass etwas mit dem Hund nicht stimmt, ist uns unerklärlich. 14 Tage später starb Oma Liselotte. Das Band zwischen der Oma und dem Hund hielt bis zum Ende. Wir waren seine Familie, aber Oma Liselotte seine große Liebe! Wir haben uns oft gefragt, was Liselotte noch in dieser Welt hielt. Wir können es zwar nicht erklären, aber nun glauben wir es zu wissen.

Nach der Frage „Was ist mit Eddi?“ sagte sie im Krankenhaus: „Aber dann holt ihr euch einen neuen Hund.“ Die Entscheidung war schnell getroffen und ein Welpe wird bald bei uns einziehen. In Erinnerung bleiben immer die schönen Bilder von der Oma, ihren Tieren und Eddi, zu dem sie eine ganz besondere Beziehung hatte. Die beiden verstanden sich – ohne Worte.

14 Kommentare zu “Oma Liselotte, ihre Tiere und der Abschied

  1. Flowermaid sagt:

    … es ist nichts neues für mich… diese Liebe und Fürsorge und das Scheitern im Alter… Danke für deine Geschichten, die ich niemals so schreiben könnte… o (◡‿◡✿)

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  2. Was für eine schöne und berührende Geschichte 😊Ich konnte so vieles nachempfinden. Mit allen Höhen und Tiefen und dieser unglaublichen Verbundenheit, die es zwischen Mensch und Tier geben kann. Vielen Dank für diese schönen Zeilen. Herzliche Grüße, Daniela

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  3. Martina sagt:

    Liebe Anna, das ist wirklich eine wunderschöne Geschichte. Ich kann mich noch gut daran erinnern als Eddi zu Euch kam und über all die Jahre habe ich auf FB immer ein bisschen miterleben dürfen was der kleine Rocker so alles anstellte. Unvorstellbar, dass er jetzt im Hundehimmel ist.
    Ich wünsche Euch eine schöne Zeit mit dem neuen Familienmitglied und grüße ganz lieb Martina

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  4. Anna, das ist so berührend geschrieben, mir sind ganz leise die Tränen gekommen. Ich liebe Hunde sehr, hatte aber dennoch nie den Mut, mir selbst einen anzuschaffen, war aber ganz glücklich, als das mein Sohn gemacht hat.
    Er hat einen 2jährigen aus dem Tierheim geholt, der offenbar nicht die besten Vorerfahrungen gemacht hat.
    Und da er für konsequente Hundeerziehung zu wenig Zeit hat, war nicht immer klar zu erkennen, wer dort Herr im Haus ist.
    Da er von mir aber immer nur Gutes erlebt hat, habe ich noch nie einen Knurrer oder schlimmeres abbekommen.
    Jetzt ist er 10. Da er auch eine Krankheit hat, meinte der Tierarzt, dass er nicht das für solche Hunde übliche Alter erreichen wird. Wir werden sehen.
    Lieben Gruß von Clara

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    • Ach, Clara, das kann ich so verstehen. Man liebt sie einfach – mit Macken. Als Eddi mich damals gebissen hat, habe ich immer mir selber die Schuld gegeben. Und trotz Biss hat er mir – und der Familie – soviel gegeben. Es ist schwierig die Tiere gehen zu lassen, wenn die Zeit da ist. Da hilft nur Dankbarkeit für eine wunderschöne Zeit. Ich wünsche euch eine schöne und friedliche Restzeit!

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  5. Was für eine wundervolle Geschichte, ich spüre Liebe und Zuneigung aus jeder Zeile. Deine Schwiegermutter war sicher ein besonderer, ein toller Mensch.

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  6. Was für eine schöne und anrührende Geschichte! Vielen Dank fürs Erzählen, liebe Anna. ❤

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  7. Gudrun sagt:

    Ich konnte mir die Tränen jetzt nicht verkneifen denn ich kenne so eine Verbudenheit auch. Mit meinen Hütehunden verstand ich mich ohne Worte, mit wenigen Gesten. Sie hätten beide alles für mich getan. Leider konnte ich sie nicht zu mir nehmen und das zerreißt mir immer noch das Herz.
    Danke für die Geschichte, liebe Anna, und liebe Grüße an dich.

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  8. Xeniana sagt:

    So eine berührende Geschichte.

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