Die schönen Seiten der Trauer

Weihnachtskarten schreiben. Das habe ich immer sehr gerne getan. Viele Jahre habe ich die Karten auch selber gebastelt. Das war in der Zeit ohne Internet, WhatsApp oder Messenger. Wenn alle Karten mit Briefumschlag, Adresse und Briefmarke versehen waren, ging es stolz zur Post. Das gehörte für mich zur Adventszeit dazu. Es wurden mit der Zeit weniger Karten. Zum einen, weil wir sesshaft wurden, die Kinder dazu kamen und schließlich auch, weil mit den Jahren die elektronischen Grüße mehr wurden. Dennoch unterschrieb ich jeden Gruß immer gerne und ein wenig stolz, ob per Hand oder elektronisch, mit „Anna und Familie“. Bis zum letzten Weihnachtsfest. Nun saß ich da und konnte nur noch mit „Anna“ unterzeichnen. Die Kinder sind ausgezogen und der Mann ist nicht mehr. Nach drei Karten habe ich das Schreiben beendet. Es ging noch nicht. In diesem Jahr vielleicht.

Ich bin noch in der Trauer gefangen, doch das Trauerjahr neigt sich dem Ende. Der erste Geburtstag, das erste Osterfest, der erste Sommer, Weihnachten, Silvester und vieles mehr. Alles das erste Mal ohne ihn. Das haben wir bald überstanden. Aber auch der erste Todestag macht es nicht besser. Trauer fordert unerbittlich ihre Zeit. Ja, die Trauer verändert sich, wird milder, aber der Schmerz vergeht nicht, auch wenn das viele gerne sagen. Man lernt, mit dem Schmerz umzugehen und ihn in die stillen Stunden zu versetzen. Ich lerne noch und bin dankbar für die Stimmen, die mir klar machten, dass offene Tränen ok sind und ich meine Trauer er- und durchleben muss, ich nicht fröhlich sein muss und das alles seine Berechtigung hat. Hilfreich die Stimme, die sagte, dass es nicht darum geht, ohne ihn weiter zu leben, sondern mit ihm in veränderter Form.

Ich wäre nicht ich, wenn ich all dem nicht etwas Gutes abringen könnte. Der Optimist in mir hat einen erheblichen Schlag abbekommen, aber er lebt und wird stärker. Selbst in diesem Trauerjahr waren viele Dinge gut, lebenswert und schön. Auch in diesem Jahr haben wir oft gelacht. Haben jeder für sich gute neue Weichen eingestellt und Veränderungen zugelassen. Wir haben gespürt, wie sehr wir in der großen Familie und in Freundschaften eingebettet sind. Haben bewusst gespürt, wie schön eine Umarmung sein kann. Wie hilfreich die Worte „Du weißt, wo ich bin, wenn du mich brauchst!“ Wir haben erlebt, wie sehr wir uns auf uns selber in der kleinen Familie verlassen können, eine ganz sensible Nähe aufgebaut und doch jedem seinen Rhythmus, Raum und seine Eigenart zu trauern gelassen. Wir sind und waren vielleicht oft alleine, sind dennoch nie einsam.

In meiner ureigenen Ungeduld habe ich alle nicht ernst genommen, die mir irgendwas von der Trauerspirale erzählten. War relativ bald von dem Auf und Ab der Gefühle erschöpft. Wenn es mir gut ging, hinterfragte ich, ob das alles war, was ich an Trauer aufbringe. Wenn es mir nicht gut ging, mahnte ich mich schnell, mich wieder zusammenzureißen. Immerhin weiß ich jetzt, dass auch dieser Wechsel dazugehört und einen sehr persönlichen Verlauf hat. Nichts ist falsch und alles darf sein. Ich habe viel über mich selbst gelernt, denke auch dieser Prozess lässt mich wachsen und sehr schön die Erkenntnis, nicht stark sein zu müssen.

Großartig die Töchter und der künftige Schwiegersohn, die ein schwieriges Jahr gemeistert haben. Mir zur Seite stehen und das Haus nach wie vor als zu Hause nutzen. Die immer wieder das Lachen und Lebendigkeit hierher bringen. So sehr, dass ich nun doch zuweilen beginne, die Ruhe zu genießen, wenn alle wieder weg sind. An das Alleine leben gewöhne ich mich, fange an, die Vorteile zu erkennen und neue Freiheiten zu schätzen. Ich kann Stille aushalten und weiß doch immer jemanden, der für ein Gespräch bereitsteht. Ich muss nicht so tun, als wenn alles gut ist. Die anderen merken ja doch, wie es wirklich ist.

Wer mich näher kennt oder den Blog verfolgt hat, weiß von meiner früheren Alkoholkrankheit. Von dem Morgen an, als die furchtbare Nachricht kam, bis heute war Alkohol nicht eine Sekunde in meinen Gedanken. Auch heute wage ich nicht zu behaupten, dass mir ein Rückfall nie wieder passieren könnte. Dennoch fühle ich eine große Sicherheit und Freiheit, mir selber gegenüber gerade in dieser Situation davon unberührt zu sein. Und das ist wunderbar.

Nicht zu unterschätzen ist mein Hund Balou. Er gibt meinen Tagen Struktur, zwingt mich zu Spaziergängen, lässt mich Bälle in den Garten werfen, fordert seine Obhut und bekommt sowieso nie genug Streicheleinheiten. Wir sind ein Team geworden. Ganz egal, ob ich eine Stunde weg war oder nur mal nach der Post geschaut habe … er steht immer da und freut sich „tierisch“ über meine Wiederkehr. Er braucht mich genauso wie ich ihn.

In der Weihnachtszeit habe ich genäht. Nicht mein größtes Hobby, aber es hat leidlich geklappt. Mein Mann trug sehr gerne karierte Holzfällerhemden. Aus zwei seiner Lieblingshemden habe ich den Kindern Kuschelkissen genäht. Und wie erwartet wussten sie zu Weihnachten sofort, was das für ein Stoff ist. Ein recht emotionaler Moment. Ich hatte es nicht anders erwartet. Auch so habe ich in diesem Jahr im Haus viel geschafft, sortiert und sogar ausgemistet, was mir eigentlich nicht leicht fällt. Zwei längere Besuche eines Bruders haben dem Garten gutgetan. Mit der jüngeren Schwester ist viel Handwerkliches entstanden. Der Quittenbaum hatte erstmals viele Früchte, die zu Gelee wurden. Eine Weiterbildung in Leichter Sprache ist fast beendet. Alle rechtlichen Dinge sind erledigt oder auf den Weg gebracht. So gesehen eigentlich ein recht erfolgreiches Jahr.

Schön, wenn sich Bloggerfreundinnen erkundigen, wie es mir geht. Ja, ich werde weiterschreiben, werde wieder Geschichten finden, werde morgens den Tag begrüßen, die Kinder unterstützen, wo sie mich brauchen und so weitermachen, wie es sicherlich im Sinne meines Mannes gewesen wäre. Ich vermisse ihn physisch furchtbar, bin ihm aber psychisch sehr nah. Ich wäre nicht ich, wenn mich unsere gemeinsame Zeit nicht lächeln ließe und ich daraus die Stärke ziehe, die mich weiterhin begleitet. Trauer hat auch schöne Seiten und wenn man die zu sehen vermag, liegt viel Gutes in kommenden Tagen.

14 Kommentare zu “Die schönen Seiten der Trauer

  1. Liebe Anna, es ist so schön zu lesen, wie du in der Zeit ohne deinen Mann lernst, mit ihm in Gedanken, aber ohne ihn zu leben. Wie schön, dass dir deine Familie dabei so eine tolle Unterstützung bietet. Und dein Hund erst – ich glaube, er ist der beste Seelentröster aller Zeiten – u.a., da er viel von deiner Zeit braucht.
    Ich schicke liebe Gedanken zu dir
    Clara

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  2. Ich umarme dich aus der Ferne ganz still und sanft.

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  3. bernhardl sagt:

    Liebe Anna Schmidt, ganz großer Respekt, ganz herzliche Umarmung, ganz herzliche Grüße!

    Bernhard Lücke

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  4. Boa, das sind starke Worte! Alles Gute und viel Segen für das neue Jahr! Grüße vom gruenen Daumen.

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  5. Grinsekatz sagt:

    Du hast meinen vollen Respekt, in mehrfacher Weise. Mein Vater starb im letzten Jahr und seitdem ist meien Mutter (87) allein, erleichtert und zufrieden. Eien Ehe, in der ein jeder „seine Pflicht tat“. Du durftest anders leben, das muss so, sonst macht Mensch nicht so liebevolle Geschenke aus alten Kleidern. Und du bist nach wie vor trocken!

    Herzliche Grüße, Reiner, ein meist dankbar trockener Alkoholiker.

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  6. Tut mir sehr leid. Ich wünsche dir, dass das viele wirklich Gute dich weiter sicher begleiten wird. 🐱🌸

    VVN

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  7. Anna-Lena sagt:

    Liebe Anna, schön, dich wieder zu lesen und deinen Optimismus zu spüren. Ja, es wird alles seine Zeit brauchen und die lass dir auch. Alles kann – nichts muss!
    Halt weiter die Ohren steif, genieße die Zeit mit Familie und Freunden und freu dich über deinen treuen Vierbeiner.
    Als mein Mann im letzten Jahr so krank, im Krankenhaus und später in der Reha war, ist unsere Nelly oft der Anstoß gewesen, morgens überhaupt aufzustehen.

    Ich schicke dir herzliche Grüße,
    Anna-Lena

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