Die Aktion der Kehrenbürger

kehrenbürger_1Es hat etwas von Dornröschenschlaf, wenn man bei trüben Wetter über den Ludwig-Beck-Platz in Lichterfelde geht. Eigentlich ein beliebter Platz, bietet er aber wenig, was zum Verweilen einlädt. Der Brunnen in der Mitte führt meist kein Wasser, das Waschhäuschen mit Toiletten ist seit Jahren hinter einem Bauzaun verschlossen und auch sonst macht der Platz keinen sehr einladenden Eindruck. Das ändert sich immer, wenn die Sonne beschließt ihr Bestes zu geben, der kleine Pavillon für Getränke und Eis öffnet oder sich zweimal in der Woche ein paar Marktstände mit ihren Waren präsentieren. Dann ist es etwas belebter, aber noch lange nicht so, wie es früher einmal war, woran sich noch viele ältere AnwohnerInnen erinnern. So wurde der Ludwig-Beck-Platz ein Thema am Runden Tisch in Lichterfelde-West, wo eine kleine Idee jetzt zur Aktion wurde.

Schon vor drei Jahren wurde der Platz ein fester Tagesordnungspunkt am Runden Tisch. Früher war er weitaus belebter und wurde an Markttagen von sehr viel mehr Händlern genutzt. Durch Pflasterarbeiten, die sich in die Länge zogen, schlief alles ein bisschen ein. Doch das Interesse ist groß, diesen Platz als Mittel- und Treffpunkt für die Menschen in der Umgebung zu nutzen. Dies nicht nur von den AnwohnerInnen, auch von den umliegenden Händlern und Einrichtungen. Viele Diskussionen später am Runden Tisch wurde ein Nachbarschaftsfest beschlossen das in diesem Jahr das dritte Mal in Folge veranstaltet wird. Besprochen am Runden Tisch, organisiert vom Stadtteilzentrum Steglitz e.V., ist das Fest der Nachbarn mittlerweile eine beliebte Größe in der Nachbarschaft geworden. Einrichtungen und Händler stellen sich vor, Nachbarn kommen ins Gespräch, gemeinsame Zeit wird freudig begrüßt! Nur ist ein einziges Fest im Jahr etwas wenig um einen Platz zu beleben.

So stieß eine weitere Idee nun auf offene Ohren. Monika Zwicker ist schon lange regelmäßige Besucherin des Rundes Tisches. Ihr besonderes Interesse liegt in der Pflege der Natur in der Umgebung, bei der ihr besonders die Bäume am Herzen liegen. Das Thema wurde von ihr immer wieder angesprochen, die einzelnen Aspekte in der Runde beraten, Erfahrungen und verschiedene Blickwinkel ausgetauscht. Baumpflege, Baumscheiben, Patenschaften über Bäume, die verschiedenen Ämter angesprochen, wo bekommt man Informationen und Unterstützung, wenn man für die Bäume etwas tun möchte. Und wie bei vielen Dingen, war auch hier schnell klar: Wenn man schnell etwas verändern möchte ist das Selbermachen noch der beste Gedanke. Sie erkundigte sich weiter, beim Amt über die Pflege von Baumscheiben und angeregt durch Kathrin Backhaus, bei der BSR, der Berliner Stadtreinigung, über Putzaktionen. Auch diese Informationen stellte sie den Mitgliedern des Runden Tischs vor, man wurde sich schnell einig, fand einen Termin, erstellte Handzettel, rührte die Werbetrommel und lud ein zur Bürgerkehren-Aktion. Treffpunkt war am 30. April um 10.00 Uhr am Springbrunnen auf dem Platz. Die Aktion war unter www.kehrenbuerger.de bei der BSR angemeldet. Das Tolle dabei ist, dass man durch die Anmeldung, Straßenbesen, Kinderbesen, Arbeitshandschuhe, Papierklammern und Müllbeutel zur Verfügung gestellt bekommt. Die brauchte ein freundlicher Herr der BSR im Gutshaus Lichterfelde vorbei und wurden nach der Aktion wie auch die gefüllten Müllbeutel wieder abgeholt. Einzig Gartengeräte und Blumenspenden mussten mitgebracht werden.

kehrenbürger_17An dem Samstagmorgen hatten auf dem Platz die bekannten Stände der Händler schon geöffnet und boten ihre Waren an. Die Nachbarn, die es kennen, schätzen die Marktstände und was es dort alles zu kaufen gibt sehr. Schnell fanden sich die Helfer der Aktion am Springbrunnen, erst zögerlich, dann immer mehr. Schließlich waren um die 30 Helfer auf dem Platz, dabei ein paar Kinder, die alle motiviert Hand anlegten. Bernd Neumann von der Jugendfreizeiteinrichtung Albrecht-Dürer kam gleich mit einer ganzen Schubkarre voll Gartenwerkzeug. Kristian Koch, der sein Nachbarschaftsportal „WirNachbarn“ ins Gespräch bringen möchte, war ebenso mit von der Partie, wie andere im Bezirk gut bekannte Gesichter. Lange wurde nicht gefragt, was zu tun sei, jeder fand einen Besen, eine kleine Harke oder Schaufel … es wurde gefegt, Unkraut gezupft, Papier aufgehoben, das Pflaster freigekratzt, unter den Bänken gesäubert und emsig gearbeitet um den Platz beim Brunnen wieder fein zu machen. Die einen kümmerten sich um die Sauberkeit, die Anderen um die Baumpflege. Von Unkraut zugewachsen wurden die Baumscheiben hartnäckig befreit. Das brauchte schon einige Zeit waren die Gräser doch sehr eingewachsen. Neben den Arbeiten entstanden immer wieder Gespräche, Helfer lernten sich kennen, Marktbesucher kamen näher und fragten, was hier los sei. Sinn und Unsinn solcher Aktionen wurde besprochen. Handzettel über den Runden Tisch und über das bevorstehende Nachbarschaftsfest wurden verteilt. Der Platz verwandelte sich für diese Stunden in das, was sich viele wünschen: Einen Treffpunkt von Nachbarn zum Austausch und Kennenlernen.

Es dauerte nicht lange bis der ein oder andere Blumentopf auf dem Rand der sechs Baumscheiben stand und darauf wartete, dass sein Inhalt einen neuen Platz bekommt. Die Baumscheiben waren vom Unkraut befreit und es konnte gepflanzt werden. Aber nicht nur mitgebrachte Blumen wurden eingepflanzt: Als deutlich wurde, was hier vonstattenging, wanderte auch so manche Blumenspende vom Blumenstand des Marktes zu den Aktivisten. Eine Dame sagte beispielsweise, dass sie nicht mehr helfen könne, aber eine Blumenspende möchte sie doch beitragen. Blumenerde wurde gekauft, gebracht und gespendet, Gießkannen besorgt, Wasser geholt, Blumen gepflanzt und immer wieder viel gelacht und geredet.

kehrenbürger_46Gegen Ende kamen noch einmal alle zu einer kurzen Besprechung und einem Dankeschön zusammen. Der ein oder andere verabschiedete sich. Ein paar sehr emsige Helfer machten aber weiter, kümmerten sich um die frisch ausgebuddelten Baumscheiben und bepflanzten noch die vierte und fünfte Baumscheibe. Für die letzte fehlte es dann leider an Zeit und Blumen. Als alles gepflanzt und die Geräte wieder am richtigen Platz waren, konnte ein sehr befriedigendes Ergebnis begutachtet werden: Der Platz war sauber, Unkraut kaum noch vorhanden und sechs Bäume standen in ihren schön hergerichteten Beeten. Eine kleine Maus aus Ton mit Namen „RuTi“ fand in einem Beet als Maskottchen seinen festen Platz. Ein paar der HelferInnen verabredeten sich samstags um 10.00 Uhr nach dem rechten zu schauen. In der unmittelbaren Umgebung wohnt eine junge Mutter, die versprach mit ihren Kindern in den nächsten Tagen die frisch gepflanzten Blumen zu wässern. Ganz zum Schluss konnte – wer wollte – noch das Angebot der Seniorenresidenz Bürgerpark Ecke Klingsorstraße/Hindenburgdamm in Anspruch nehmen und als Lohn für die Arbeit eine leckere Kartoffelsuppe im Haus essen.

Insgesamt ist die ganze Aktion ein wunderbares Beispiel für bürgerliches Engagement: Aus dem Anliegen einer Person wird ein Thema am Runden Tisch. Dort wird es besprochen, von den Teilnehmern eine geeignete Aktion erdacht, organisiert und durchgeführt. Am Ergebnis können sich viele erfreuen und das gute Gefühl, zusammen etwas geschafft zu haben, stellte sich von selber ein. Monika Zwicker war sehr zufrieden und dichtete dazu … und möchte sich auch künftig mit Unterstützung des Runden Tisches um ihre Anliegen und die Natur in der Nachbarschaft kümmern.

Die Aktion der Kehrenbürger – 30.04.2016

Mein Herz ist voll, mir geht es gut.
für heute liegt sie still, die Wut.

Wir trafen uns am Platze Ludwig-Beck
zu einem ganz besond’ren Zweck.

Mit Schwung in den Mai, nicht nur mit dem Besen,
es kamen viele fleißige Wesen.

Den Platz zu verschönern, um den Springbrunnen ‚rum,
war unser Ziel und keine Idee zu dumm.

Wir haben gezupft, gepflanzt und gefegt
und keiner hat sich aufgeregt.

Alle hatten gute Laune,
wir haben viel gelacht und es gab kein Geraune.

Zum Herzen geöffnet wurde eine Schranke,
kurzum ich sage allen danke!

Ein Mitglied des Runden Tischs Lichterfelde-West

                                                              Monika Zwicker

Tochters Hausaufgabe – Mutters Gewinn – die IMEX

Franz Marc - Kühe, gelb-rot-grün, 1912

Franz Marc – Kühe, gelb-rot-grün, 1912

Hausaufgaben sind Aufgaben, die in direkter Linie vom Lehrer an die Schüler gehen, die diese wiederum zur Vor- oder Nachbereitung in der unterrichtsfreien Zeit erledigen sollen. Wissen wir ja alle. Das Wort „Eltern“ kommt in der Definition nicht vor. Jetzt mögen die Eltern in die erste Reihe treten, die noch nie Hand, Auge, Stift, Ohr, Nerven, Streitgespräche, Zeit, Verzweiflung oder sonstiges an die Hausaufgaben des heimischen Schülers gelegt/verloren haben. … Die erste Reihe bleibt leer … Wir hatten beispielsweise einen ganzen Abend an dem das Kind schlief, Vater und Mutter über einen Rechenweg (Rechenpyramide in Mathe, 3. Klasse) grübelten und dem Kind am nächsten Morgen einen verzweifelten Brief mit in die Schule gaben. Das Kind hat’s Abitur trotzdem geschafft. So hin und wieder gibt’s oder gab’s allerdings Hausaufgaben, bei denen ich der Lehrkraft am liebsten auf die Schulter klopfen möchte, weil ich selber davon profitieren darf. So jetzt wieder geschehen – Hausaufgabe in Kunst: Das zweite Kind hat 1. Woche Zeit sich die IMEX in Berlin anzuschauen und während der Ausstellung vier Bögen mit Aufgaben auszufüllen.

Die erste Teilaufgabe der Mutter dabei: Kind beruhigen. Die IMEX – Impressionisten x Expressionisten läuft noch bis zum 20. September in der Alten Nationalgalerie in Berlin. Also kam nur ein Wochenende in Frage und wir verständigten uns auf den Samstag, wohl wissend, dass die Warteschlange vor dem Museum recht lang sein könnte. Kind war trotzdem beruhigt, dass es nicht alleine gehen musste, denn ich freute mich über den leichten Zwang mit ihr dort hinzugehen. Wer weiß, ob ich es sonst gemacht hätte. Wohl eher nicht, wenn ich ehrlich bin.

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Trotzdem sind wir beide recht gut gelaunt in den Bus gestiegen, denn ein Tag für uns alleine ist immer etwas Besonderes. Lange Busfahrten mit Zeit und guter Laune machen in Berlin auch recht viel Spaß, gibt es doch immer wieder neues zu entdecken. So liefen wir auch immer noch recht gut gelaunt den kurzen Weg vom Alexanderplatz um den Berliner Dom herum zur Alten Nationalgalerie. Dabei läuft man an der großen Wiese vor dem Alten Museum vorbei, die bei Sonnenschein voll mit allerlei Menschen ist – allein dort könnte man wegen der schönen Stimmung Stunden verbringen. Wir kamen bis zur Warteschlange – die tatsächlich arg lang war. Die Laune bekam einen Dämpfer, aber nun gut, die Hausaufgabe musste ja erledigt werden und wir fügten uns tapfer dem Unabänderlichen. – Jetzt kommt ein (minikurzes) Plädoyer für die neue Technik, die Vielverdammte – Töchterchen nahm ihr Handy aus der Taschen um sich ein wenig die Zeit zu vertreiben. Sie tippte ein wenig wasweißichwohin und meinte nach nicht mal fünf Minuten, dass ein Klassenkamerad schon ganz weit vorne in der Schlange stehen würde – an einem Wartepunkt, den wir so in geschätzten 1 ½ Stunden passieren würden. Nach weiteren ca. 2 Minuten durfte ich ihren Klassenkameraden kennenlernen. Verschämte Blicke meinerseits vor und hinter mich in der Schlange wurde nicht erwidert, kein lautstarker Protest – ich konnte unser Glück kaum fassen, wir standen somit ganz weit vorne. Ich musste mich schwer zügeln, mich bei dem jungen Mann nicht allzu sehr zu bedanken, ein Kniefall hätte ihn sicherlich peinlich berührt. So passierten wir nach kaum 30 Minuten den netten Herrn am Einlass, konnten unsere Eintrittskarten holen (Bezahlen ist natürlich immer Teilaufgabe der Eltern) und waren drin. Gute Laune!

Max Liebermann - Der Papageienmann, 1902

Max Liebermann – Der Papageienmann, 1902

Wenige Metern in die Ausstellungsräume gelaufen, war schnell klar, dass es innen sehr voll war, kein Wunder bei der vorherigen Einlass-Schlange. Wir beschlossen schnell, dass wir jeder im eigenen Rhythmus durch die Räume gehen und uns bei Bedarf treffen würden. Die nächsten zwei Stunden habe ich einfach nur genossen. Schon bald hatte ich das Gefühl, viele alte Bekannte wieder zu treffen. Alle, die in der Zeit des Impressionismus und Expressionismus Rang und Namen hatten waren vertreten. Claude Monet, Edgar Degas, Auguste Renoir, Max Liebermann, Lovis Corinth, Max Slevogt, Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Emil Nolde und Franz Marc, um nur ein paar zu nennen. In jedem Raum waren beide Richtungen der bestimmenden Kunstrichtungen der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert vertreten. Jeder Raum hatte ein anderes Thema: Badende – Landhäuser – Künstler – Interieur – Stadt – Vergnügen – Kunstvermittler – Tiere – Im Grünen – Beziehungen – Stillleben – Vision Krieg.  Die Namen der Künstler lasen sich wie eine VIP-Liste und die meisten Bilder sind aus vielen Begegnungen, Ausstellungen und Büchern bekannt. Eine wunderschöne Zusammenstellung, ganz nach meinem Geschmack und klasse organisiert. Die einzelnen Bilder zu beschreiben wäre hier zu lang, außer dass sie ausdrucksstark und beeindruckend sind – allesamt.

August Macke - Sonniger Weg, 1913

August Macke – Sonniger Weg, 1913

Zwischendurch traf ich die beiden Oberschüler immer wieder, die beflissentlich bemüht waren, ihre Bögen zu bearbeiten. Mit einem aufmerksamen Blick waren die Arbeitsbögen gut zu bearbeiten. Nur ein Bild suchten sie, bei dem ich aber helfen konnte und wusste, wo es hängt (Unterstützen ist ja immer elterliche Teilaufgabe). Trotzdem sagte die Tochter, dass sie es schade fände mit den Arbeitsblättern durch die Ausstellung zu laufen, weil sie es so nicht ganz genießen könne. Gefallen hat es ihr dennoch sehr gut. Ich habe mir den Katalog der Ausstellung gegönnt und werde die Bilder und die Texte dazu in Ruhe Zuhause studieren. Den Protagonisten, die diese Sammlung zusammengestellt haben, spreche ich ein großes Lob aus.

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Von dem jungen Mann haben wir uns am Ausgang verabschiedet, nicht ohne mich noch einmal herzlich zu bedanken. Draußen begrüßte uns Sonnenschein und wir beschlossen noch einen kurzen Besuch in den Berliner Dom. Es ist immer wieder beeindruckend diese alte Kirche zu betreten. Als wir eintraten schien die Sonne geradewegs durch die Fenster auf den großen Altar – eine ganz besondere Stimmung. Wir haben Kerzen angezündet (denke sich jeder was er möchte – ich mache es bei Gelegenheit immer). Danach haben wir uns noch einen kleinen Spaziergang gegönnt, haben zwei/drei Geschäfte angeschaut und uns schließlich einen guten Kaffee, Waffeln, Sandwichs und Brezeln gegönnt. Zum Bus war es danach nicht weit und wieder fuhren wir gut gelaunt in die entgegengesetzte Richtung nach Hause. Wir hatten viel Zeit zu Reden, eine nicht ganz fertige, aber gut vorbereitete Hausaufgabe, einen wunderschönen gemeinsamen Tag. Es ist toll, in dieser Stadt zu wohnen und doch immer wieder Ausflüge machen zu können, als wenn man das erste Mal hier zu Besuch ist. Eine schöne Hausaufgabe – ohne die ich die IMEX sicherlich nicht gesehen hätte – der ganze Tag ein Gewinn für Tochter und die Mutter! 🙂

Sommer ist überbewertet!

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Nur Motzrüben um mich herum! Neben mir sitzt eine Dame, die permanent an ihrem Rucksack herumfingert. Beim ersten Mal – Rucksack auf den Schoß heben, Schnalle auf machen, Wasserflasche (2 Liter) raus holen, trinken, Wasserflasche wieder rein tun, Schnalle zu machen, Rucksack runter stellen – laut stöhnen! Das zweite Mal: Rucksack wieder hochheben, Schnalle auf machen, Fächer rausholen, Luft zu wedeln, Fächer wieder in den Rucksack legen, Schnalle zu machen, Rucksack runter stellen – laut stöhnen … und dann geht es wieder von vorne los. Ruhig neben ihr sitzen ist unmöglich. Etwas weiter steht eine junge Frau, die theatralisch die Augen verdreht und die Nase rümpft, als sich ein recht großer Mann neben sie stellt. Keine Ahnung warum. Noch etwas weiter ist eine Mutter überfordert, deren Kind permanent ein Eis verlangt und die Trinkflasche, etwa nette 200 ml, ablehnt. Der Rest an Leuten guckt genervt, ausgetrocknet und hohlwangig durch die Gegend. Wir sitzen bei geschätzten 35 Grad in einem Bus. Es ist Sommer in Berlin.

Diesen Sommer haben wir uns alle sehnlichst gewünscht. Aus unterschiedlichen Gründen. Bei näherer Betrachtung und aus verschiedenen Erfahrungen beispielsweise mit oben geschilderten Szenen, stellt sich aber doch die Frage: Warum eigentlich? Die Nachteile gegenüber gemäßigter Jahreszeiten überwiegen bei weitem und trotzdem – jedes Jahr wieder das Gleiche: Ab einer gefühlten Temperatur über 10 Grad fiebert der Durchschnittsmensch dem Sommer entgegen. Geht man ins Detail wird diese Sommerverliebtheit recht unerklärlich. In diesen Breitengraden sind wir eher die Grau-in-Grau-Gewohnheitsmenschen, die – allerdings – nie wirklich mit der entsprechenden Jahreszeit zufrieden sind. Gehen wir ins Detail:

Sonne – ist überbewertet. Glaubt man allen Studien und der Wissenschaft braucht der Mensch Sonne. Vitamin D3 durch die UV-B-Strahlung ist für den Knochenaufbau wichtig. Der Hormonhaushalt, die Ankurbelung des Immunsystems und vieles mehr wird durch den großen Ball am Himmel angekurbelt. Das Wohlbefinden und die Stimmung soll ebenfalls davon abhängig sein. Andernfalls – bei Lichtmangel – wird die Produktion des Schlafhormons Melatonin angekurbelt. Dessen ungeachtet wird immer wieder und besonders immer öfter vor den gefährlichen Strahlen der großen UV-Schleuder gewarnt. Durch sie wird der Hautkrebs gefördert und die Haut wird schneller alt. Für Kinder ist sie besonders gefährlich und die Industrie kann gar nicht schnell genug immer höhere Lichtschutzfaktoren in Sonnencremes erfinden. Wollt ihr einmal Kinder – spart schon mal für Ganzkörperanzüge und Sonnencremes. Für das gute Vitamin D3 gibt es die einfache Lösung – die Pharmazie stellt es uns für einen geringen Kostenaufwand natürlich gerne zur Verfügung. Und das Ding mit der Haut lässt sich ebenso einfach lösen: Wir müssten nur unser Schönheitsideal wieder dezent in frühere Zeit versetzen, in der derjenige als vornehm galt, der eben nicht auf dem Feld (braune Haut) arbeiten musste, sondern sich den Müßiggang in Räumen (beispielsweise Büro) leisten konnte. Weiße Haut ist hipp und betont unseren selbstbewussten und verantwortungsvollen Umgang mit der Gesundheit.

Frischluft – ist überbewertet. Jeder Sommer fördert den Drang des Menschen ins Freie zu gehen. Im Zeitalter der Klimaanlagen unerklärlich und wohl kaum vernünftig. Warum das traute Heim verlassen und sich den Gefahren der Wildbahn stellen nur um Frischluft zu tanken. Fenster aufmachen reicht völlig. Dazu kommt der enorme Aufwand, den sowohl Privatpersonen als auch die Kommunen haben, um Gärten, Parks und Freizeitanlagen sauber und gepflegt zu halten. Steckt man die Stunden, die in Pflanzenpflege und -bewässerung gesteckt werden, einmal in produktive Wirtschaftsprozesse, würde unser Bruttosozialprodukt schon ganz anders aussehen. Wasser, ein knapper Rohstoff auf der Erde, könnte in enormen Mengen gespart werden, ganz zu schweigen von der Ersparnis, die die Überlastung der Wasserwerke kostet. Bedenkenswert sind zudem die enormen Streitigkeiten, die auf unsere Gerichte zukommen, die an Gartenzäunen durch sommerliche Kleingärtnerei entstehen. Lässt der eine den Apfelbaum zu sehr in Nachbars Garten hineinwachsen, der andere erntet aber ab, landet das sehr oft vor dem Gericht. Äpfel im Supermarkt kaufen, Zuhause gemütlich verspeisen und Ruhe bewahren ist Nerven schonender. Also lieber in der Wohnung bleiben. Das schont auch das Leben der hunderttausenden Schnecken, die freudig des Gärtners Pflänzchen vertilgen und unseren Pflaumenkuchen können wir alleine essen, statt ihn mit einem Geschwader Wespen zu teilen. Und wer schläft bei solchen Temperaturen bei geschlossenem Fenster? Keiner – Straßenlärm und Nachbars Gartenparty inbegriffen. Solche Sachen gibt’s in der kühleren Jahreszeit nicht.

Sommerkleidung – ist überbewertet. Jetzt wird’s heikel, denn – seien wir ehrlich – kaum einer verfügt über die Traumfigur, die wir immerzu im Fernsehen und in der Werbung bewundern dürfen. Das indoktrinierte Bild des Idealmenschen gibt es nicht. Und trotzdem – seien wir immer noch ehrlich – stellt sich jeder im Laufe des Vorsommers die Frage, ob auch er eine gute Figur abgibt. Ohne Sommer würde der Diätenwahn auf ein Minimum reduziert werden. Der Mensch würde sich wohler fühlen, denn wir müssten sie ja nicht mehr verstecken: die kleinen Fettpölsterchen, Unebenheiten, Leberflecken, Cellulite oder das Tattoo, welches als jugendliche Torheit entstanden ist. Aber: Es ist nun mal Sommer und unser Auge darf sich über sockentragende Sandalenträger oder schlauchkleidtragende selbstbewusste Damen freuen. Zum Scheitern verurteilt ist die Frage nach der richtigen Kleidung bei 35 Grad, wenn wir ins Büro dürfen, zum Arzt müssen oder sonst irgendwelche wichtigen Termine haben. Kaum zu schaffen, anständig angezogen, ohne durchzuschwitzen, pünktlich zum Termin zu erscheinen. Die bohrende Unsicherheit, ob das Deo (ohne Aluminium bitte) hält und die Gesichtshaut nicht wie eine Speckschwarte glänzt, ist wahrlich fürchterlich. Was die Hitze zudem für Brillen- oder Hörgeräte-Träger bedeutet macht sich auch kaum einer klar. Die Dinger kleben wie verrückt und reizen geradezu lieber blind und taub die hitzestöhnende Umwelt zu erleben.

Urlaub – ist überbewertet. Allein im Vorfeld ist zu überlegen wie viele schlaflose Nächte die Menschen die Sommerurlaubsfrage kostet: Den Arbeitnehmer nach dem „Wann!“ und er sich gegen die KollegInnen durchsetzen muss. Hat er das geschafft, nach dem „Wohin!“ und das schmerzhafte „Wie viel!“ Den Arbeitgeber, weil er gar nicht weiß, wie er die Lücke füllen soll, Motivationseinbußen bei Zurückgebliebenen auffangen und Produktions-Verluste hinnehmen muss. Ehen stehen vor einer enormen Belastungsprobe bei dem „Wohin!“ und an die nölenden Kinder, die nicht zum vierten Mal an den gleichen Ort wollen oder so gar keine Lust auf Kultur- oder Wanderurlaub haben, machen die Sache auch nicht gerade leichter. Und ist es dann endlich so weit, nehmen wir unter dem Deckmantel der „Erholung“ stundenlange Staus, unbefriedigende Hotels, Magenverrenkungen wegen ungewohntem Essen und die völlige Entgleisung unseren gewohnten Lebensrhythmus in kauft. Schweißtreibend auch die Frage, wohin mit den Kindern, denn ist der normale Sommerurlaub drei Wochen lang, hat die Bagage gleich sechs Wochen frei und viel Zeit die Eltern mit „Langweilig!“ und anderem zu nerven. Bleiben wir doch lieber in unseren gewohnten Gleisen. Ein schönes Wochenende dient völlig der Erholung und Entspannung – reicht doch!

Eine Kleinigkeit ist im Sommer jedoch besser – die Leute lachen mehr und es ist vielfältiger … nicht nur in Berlin – überall. Man sieht mehr Menschen, nimmt sie wahr und hört sie. Aber – ist Lachen und Vielfalt nicht auch überbewertet? Die Frage stelle ich mir dann, wenn ich im Winter nach einer langen Busfahrt vollkommen durchgefroren nach Hause komme und an meinen schönen Platz in der Sonne auf der Terrasse denke – dort, wo ich gerade sitze. 🙂

Wir sind alle kleine Lichter!

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Vor nicht allzu langer Zeit stand im Internet eine Dokumentation mit dem Titel „26 Bilder, durch die Sie ihre Existenz neu bewerten werden!“ Gezeigt wurde im ersten Bild die Erde – der Platz auf dem wir leben. Im zweiten Bild wurde die Richtung der Dokumentation deutlich – alle Planeten im Größenvergleich. Merkur, Mars und Venus sind noch kleiner als die Erde, alle anderen deutlich größer bis hin zum Jupiter, der mehr als 10 x so groß ist. Dann die Sonne, in die der Jupiter wiederum mehr als 10 x hineinpasst. Aber das reichte noch nicht … gezeigt wurde auch, dass Nordamerika auf dem Jupiter eher wie ein Mitesser wirkt oder die Erde zur Sonne nicht mal einem Floh gleich kommt. Wer hier noch nicht genug hatte, machte Bekanntschaft mit VY Canis Majoris, einem Hyperriesen, der als größter schätzbarer Stern gilt. Es ging weiter zur Milchstraße, den Galaxien und dem Orbit. Armes Menschlein … wo steckst du nur im Universum!

Nun könnten wir ja zur berechtigten Annahme kommen, dass wir Menschlein ganz kleine Lichter sind. Der Größenvergleich der Planeten ist eigentlich jedem klar, aber in Bildern so deutlich gemacht, lässt es uns doch winzig klein schrumpfen. Wohin mit unserem Selbstbewusstsein und der Bedeutung unseres täglichen Tuns. Sind wir selbst tatsächlich nur Organismen, die des Überlebenswillen existieren. Sind wir trotz der Winzigkeit der Dreh und Angelpunkt oder die einzige denkende Energieform des Universums? Schwierige Fragen, um die sich Heere von Philosophen und Wissenschaftler schon die Köpfe eingehauen haben. Können wir nicht, werden wir nicht und wollen wir nicht beantworten. Die Antwort könnte schlicht und einfach zeigen, wie unwichtig wir sind.

Beschäftigen wir uns lieber mit der Wiederherstellung unseres Selbstwertgefühls! Auch im Internet gefunden: „Wenn du dich für klein hält, bedenke, was eine Mücke im Schlafzimmer anrichten kann!“ Daraus wir schon eher ein Schuh, der uns passt und gefällt. Eine kleine Mücke kann einen Menschen zur Weißglut treiben und ist sicherlich schon mache Male Ursache für ein zerstörtes Schlafzimmer gewesen. Zur Mücke haben wir jedoch ein schlechtes Verhältnis oder haben Sie schon einmal jemanden erlebt, der ein gutes Wort für diese kleinen Blutsauger hatte.

Nehmen wir lieber den Spruch: „Der ist ein ganz kleines Licht!“ Natürlich wollen wir kein „kleines Licht“ sein. Mit Licht bekommt der Mensch aber schon eine ganz andere Bedeutung. Kaum hat er das Licht der Welt erblickt, mag er sein Licht nicht mehr unter den Scheffel stellen. Das heißt, er erarbeitet sich seinen Platz in der Welt (in seinem kleinen Universum) und je nach Prägung möchte er sich in einem guten Licht darstellen. Wenn er zu der lieben Gattung gehört, möchte er anderen nicht im Licht stehen. Licht hat eine ganz besondere Kraft und Wirkung. Eine kleine Flamme wird leicht gelöscht, hat aber auch die Kraft eine Feuersbrunst zu werden. Ein Glühwürmchen geht in der Dunkelheit unter, eine ganze Bande Glühwürmchen begeistert den Betrachter.

Vergleichen wir den Menschen mit Licht, ist er gar nicht mehr so klein, sofern er sich der Wirkung klar ist, die er haben kann. Mit jeder Geste, jedem Ausdruck, jedem Wort senden wir eine Botschaft nach außen zu den anderen „Lichtern“. Bin ich mir dieser Wirkung bewusst, kann ich sie gezielt einsetzten um mein Umfeld ein bisschen schöner, freundlicher und lebenswerter zu machen. Was haben dann schon drei freundliche „Lichter“ für eine Wirkung oder vier, fünf, sechs … und so geht es immer weiter … viele freundliche Lichter in einem Kiez, einem Bezirk, einer Stadt, einem Bundesland, einem Land, einem Kontinent, unserer Welt. Gäbe es den Mann im Mond hätte auch er sicherlich ein freundliches Lächeln für uns. Das färbt wieder auf die anderen Planeten ab und so geht es immer weiter …

Naiv? Nein, sicherlich nicht … zum Jahresbeginn aber ein Grund sich selber einmal zu hinterfragen. Wir sind im Vergleich mit dem Universum nicht wahrnehmbar. Wahrnehmbar aber für jeden, mit dem wir in Kontakt treten. Alles was wir tun und sagen hat eine Wirkung auf einen anderen, wirft ein Licht auf einen anderen. Selbst unser Denken beeinflusst unser Handeln. Alles was wir von uns geben gleicht einer Visitenkarte. Überlegen wir uns einmal, wie diese Karte aussehen soll. Wie möchten wir von anderen gesehen werden, was soll den anderen in Erinnerung bleiben, mit welchem Ausdruck möchten wir ihnen wieder begegnen. Wie möchten wir behandelt werden. Was erwarten wir, wenn wir auf einen anderen treffen. In welchem Licht möchten wir unsere Welt sehen?

Besonders bedenkenswert dabei, dass weißes Licht eine Mischung aus allen Spektralfarben ist. Fehlt eine Nuance ist es schon nicht mehr weiß. Wir brauchen alle Farbbereiche um annähernd weißes Licht zu erreichen. Der Mensch als Licht braucht also alle Farben um tatsächlich als Ganzes hell zu leuchten … das ist doch eine schöne Vorstellung? Eine bunte Welt in der alle Farben und Lichter ihre Wirkung haben dürfen und gemeinsam leuchten und strahlen. Alle Menschen, gleich welcher Hautfarbe, Nationalität, Herkunft, Religion, Neigung, … alle dürfen in ihrem Licht glänzen! In wie vielen Millionen Lichtjahren wären wir dann noch zu sehen?

Alles Gute zum neuen Jahr
… seinen Sie sich ihrer Wirkung bewusst
… in einem neuen, buntem Licht!

Was hat ein Gänseblümchen mit Moral zu tun?

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Ein schöner warmer Frühlingsnachmittag, hell liegt der Raum in angenehmen Schatten und auf dem Tisch ein Glas mit Gänseblümchen. Der Vater beugt sich über seine Zeitung, liest Nachrichten aus aller Welt. Die Tochter spielt im Hintergrund und es ist ruhig im Haus. Alles ist geputzt und vorbereitet. Die Kissen auf dem Sofa haben den richtigen Kniff, die Bilder hängen gerade und die Gardinen liegen luftig in den Schlaufen. Ein feiner Windhauch weht durchs Fenster.

Der Vater blickt auf die Uhr. Ruft dem Kind zu, dass es Zeit wird. Das Kind freut sich jubelnd – es geht los, die Mutter vom Bahnhof abholen. Es rennt zum Vater, reicht zum Glas auf den Tisch und ergreift mit Schwung den Gänseblümchenstrauß. „Los geht´s!“, freut sich das Kind und rennt zur Tür. Doch welch ein Dilemma – ein Gänseblümchen blieb zurück im Glas. Der Vater steht auf, nimmt das Glas, geht ans Fenster und schüttet das nutzlos gewordene Wasser hinaus. Mit Gänseblümchen.

Und nun?

Das Gänseblümchen hat ein bisschen Glück. Es ist genau in die Gießkanne vor dem Fenster gefallen und schwamm in endlosen grünen Raum. Hört noch die Autotüre zuschlagen, den Motor und knirschende Reifen. Ruhe. Fast. Die Vögel kann es wieder hören, erinnert sich der Tage auf der Wiese zwischen Grashalmen und Gänsblümchenfreunden. Dort war es auch grün und luftig, manchmal etwas nass, doch meistens schön und gesellig – so wie das Gänsblümchen halt mögen. Jetzt roch es komisch, das Wasser etwas muffelig, die Luft so künstlich. Nur oben war ein großes Loch. Dort war es blau und schön – die weite Welt wohl – unerreichbar. Langeweile. Das Wasser bewegt sich nicht. Nach langer Zeit kam das Auto wieder, aber keiner kam die kleine Blume reinzuholen. Dunkel, es wurde Nacht.

Am nächsten Tag begann ein Sturm in der Kanne, die eine große Hand gegriffen hat und schwankend weiter trug. Das Wasser klatschte gegen die grünen Wände, wirbelte die kleine Blume mit, die kurz darauf versank und mit einem Sog von Wasser durch ein Rohr gezogen wieder in die Freiheit geschleudert wird. Das Gänseblümchen klatscht auf Erde, schwamm ein paar Runden auf einem Wassersee im Blumentopf. Wagt einen Blick nach oben, sieht aber nur trockenes Geäst. Das Wasser sink, das Blümchen sieht sein Ende. Doch dann der zweite Schwall von frischem Wasser, so dass es auf den Unterteller gespült wird und zwischen trockenen Blättern hängen bleibt. Nun gut, denkt sich das Blümchen. Immerhin wieder an der guten Luft, aber auch hier ist nichts mit der Geselligkeit. Die trockenen Blätter sprechen nicht, werden immer weicher und versinken. Wieder Langeweile. Immerhin nach einiger Zeit schiebt sich ein Sonnenstrahl um die Ecke, wandert weiter und wird schwächer. Wieder Nacht. Das Gänseblümchen wagt den Blick zum Haus, das dunkel steht, die Fenster fest verschlossen. Wagt den Blickt auf die schöne Wiese, die still und dunkel nicht mehr seine ist. Wie geht´s nur weiter, denkt das Gänseblümchen traurig. Wenn die Blume im Topf genug getrunken hat, dann liegt es auf dem Trockenen. Es grübelt und bemerkt nicht, dass Wind aufkommt. Viel Wind. Und Regen, immer mehr.

Wieder ein Sturm, diesmal in der Natur, mit sehr viel Regen und viel Wind. Der Unterteller füllt sich mit Wasser, schwappt über und reißt das Gänseblümchen mit sich fort. Das Wasser fließt im Strom schnurstracks auf einen Gully zu und schwups – versunken ist die Blume. Wie sich ein Gänseblümchen im Abwasserkanal fühlt, kann man sich ja vorstellen. Sehr trübe sind die Gedanken, während es sich versucht im Wasser zu behaupten. Es stellt sich vor, wie stolz es war zu den Auserwählten des Straußes zu gehören. Wie schön es wäre, jetzt im Glas der Mutter auszuruhen. Doch nix ist – Wasser, überall Wasser. So geht das eine Weile. Die Zeit nicht messbar, bis sich etwas tut … es wird heller, immer heller. Und noch mal – schwups – wie ausgespuckt, landet die Blume mit einem Schwall Wasser im Bach.

Es treibt im Bach daher und freut sich seines Lebens, denn jetzt, wie schön, scheint Sonne und die Luft ist gut. Es treibt, das Ufer kommt immer näher und – bleibt hängen. Ein dicker Stein versperrt die Weiterfahrt. Das Gänseblümchen blickt sich um. Nicht schlecht hier, denkt es sich und erschrickt. Zwei große Füße stehen dort im Wasser. Es schaut nach oben und ist sofort verliebt. Ein wunderschönes junges Mädchen sitzt dort und grübelt offensichtlich nach. Was sie wohl denkt, fragt sich die kleine Blume. Die Antwort kommt sofort: „Hallo, du kleine Blume, woher kommst du denn? Ich sitz´ hier und muss überlegen, wohin mein Weg jetzt geht.“ Sie nimmt das Gänseblümchen in die Hand und dreht es einmal um. Es überlegt und überlegt und fast dann den Entschluss. „Ich werde gehen – ja, das muss so sein. Und du sollt mich begleiten und die Erinnerung sein.“ Das junge Mädchen nimmt sein Buch, schlägt Seiten auf, klappt es zu und – platt ist unsere Blume!

Und die Moral?

Versetzt euch in die Blume. Der eine sieht nur das Ganze, den Gänseblümchenstrauß. Das Große ist schnell hinüber, vergessen und dann aus. Das kleine Gänseblümchen aber, nach einem sehr bewegtem Weg, fand Frieden und bleibt lang erhalten, auch wenn es keiner sieht.

Foto: © sommersprossen – Fotolia.com