Tochters Hausaufgabe – Mutters Gewinn – die IMEX

Franz Marc - Kühe, gelb-rot-grün, 1912

Franz Marc – Kühe, gelb-rot-grün, 1912

Hausaufgaben sind Aufgaben, die in direkter Linie vom Lehrer an die Schüler gehen, die diese wiederum zur Vor- oder Nachbereitung in der unterrichtsfreien Zeit erledigen sollen. Wissen wir ja alle. Das Wort „Eltern“ kommt in der Definition nicht vor. Jetzt mögen die Eltern in die erste Reihe treten, die noch nie Hand, Auge, Stift, Ohr, Nerven, Streitgespräche, Zeit, Verzweiflung oder sonstiges an die Hausaufgaben des heimischen Schülers gelegt/verloren haben. … Die erste Reihe bleibt leer … Wir hatten beispielsweise einen ganzen Abend an dem das Kind schlief, Vater und Mutter über einen Rechenweg (Rechenpyramide in Mathe, 3. Klasse) grübelten und dem Kind am nächsten Morgen einen verzweifelten Brief mit in die Schule gaben. Das Kind hat’s Abitur trotzdem geschafft. So hin und wieder gibt’s oder gab’s allerdings Hausaufgaben, bei denen ich der Lehrkraft am liebsten auf die Schulter klopfen möchte, weil ich selber davon profitieren darf. So jetzt wieder geschehen – Hausaufgabe in Kunst: Das zweite Kind hat 1. Woche Zeit sich die IMEX in Berlin anzuschauen und während der Ausstellung vier Bögen mit Aufgaben auszufüllen.

Die erste Teilaufgabe der Mutter dabei: Kind beruhigen. Die IMEX – Impressionisten x Expressionisten läuft noch bis zum 20. September in der Alten Nationalgalerie in Berlin. Also kam nur ein Wochenende in Frage und wir verständigten uns auf den Samstag, wohl wissend, dass die Warteschlange vor dem Museum recht lang sein könnte. Kind war trotzdem beruhigt, dass es nicht alleine gehen musste, denn ich freute mich über den leichten Zwang mit ihr dort hinzugehen. Wer weiß, ob ich es sonst gemacht hätte. Wohl eher nicht, wenn ich ehrlich bin.

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Trotzdem sind wir beide recht gut gelaunt in den Bus gestiegen, denn ein Tag für uns alleine ist immer etwas Besonderes. Lange Busfahrten mit Zeit und guter Laune machen in Berlin auch recht viel Spaß, gibt es doch immer wieder neues zu entdecken. So liefen wir auch immer noch recht gut gelaunt den kurzen Weg vom Alexanderplatz um den Berliner Dom herum zur Alten Nationalgalerie. Dabei läuft man an der großen Wiese vor dem Alten Museum vorbei, die bei Sonnenschein voll mit allerlei Menschen ist – allein dort könnte man wegen der schönen Stimmung Stunden verbringen. Wir kamen bis zur Warteschlange – die tatsächlich arg lang war. Die Laune bekam einen Dämpfer, aber nun gut, die Hausaufgabe musste ja erledigt werden und wir fügten uns tapfer dem Unabänderlichen. – Jetzt kommt ein (minikurzes) Plädoyer für die neue Technik, die Vielverdammte – Töchterchen nahm ihr Handy aus der Taschen um sich ein wenig die Zeit zu vertreiben. Sie tippte ein wenig wasweißichwohin und meinte nach nicht mal fünf Minuten, dass ein Klassenkamerad schon ganz weit vorne in der Schlange stehen würde – an einem Wartepunkt, den wir so in geschätzten 1 ½ Stunden passieren würden. Nach weiteren ca. 2 Minuten durfte ich ihren Klassenkameraden kennenlernen. Verschämte Blicke meinerseits vor und hinter mich in der Schlange wurde nicht erwidert, kein lautstarker Protest – ich konnte unser Glück kaum fassen, wir standen somit ganz weit vorne. Ich musste mich schwer zügeln, mich bei dem jungen Mann nicht allzu sehr zu bedanken, ein Kniefall hätte ihn sicherlich peinlich berührt. So passierten wir nach kaum 30 Minuten den netten Herrn am Einlass, konnten unsere Eintrittskarten holen (Bezahlen ist natürlich immer Teilaufgabe der Eltern) und waren drin. Gute Laune!

Max Liebermann - Der Papageienmann, 1902

Max Liebermann – Der Papageienmann, 1902

Wenige Metern in die Ausstellungsräume gelaufen, war schnell klar, dass es innen sehr voll war, kein Wunder bei der vorherigen Einlass-Schlange. Wir beschlossen schnell, dass wir jeder im eigenen Rhythmus durch die Räume gehen und uns bei Bedarf treffen würden. Die nächsten zwei Stunden habe ich einfach nur genossen. Schon bald hatte ich das Gefühl, viele alte Bekannte wieder zu treffen. Alle, die in der Zeit des Impressionismus und Expressionismus Rang und Namen hatten waren vertreten. Claude Monet, Edgar Degas, Auguste Renoir, Max Liebermann, Lovis Corinth, Max Slevogt, Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Emil Nolde und Franz Marc, um nur ein paar zu nennen. In jedem Raum waren beide Richtungen der bestimmenden Kunstrichtungen der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert vertreten. Jeder Raum hatte ein anderes Thema: Badende – Landhäuser – Künstler – Interieur – Stadt – Vergnügen – Kunstvermittler – Tiere – Im Grünen – Beziehungen – Stillleben – Vision Krieg.  Die Namen der Künstler lasen sich wie eine VIP-Liste und die meisten Bilder sind aus vielen Begegnungen, Ausstellungen und Büchern bekannt. Eine wunderschöne Zusammenstellung, ganz nach meinem Geschmack und klasse organisiert. Die einzelnen Bilder zu beschreiben wäre hier zu lang, außer dass sie ausdrucksstark und beeindruckend sind – allesamt.

August Macke - Sonniger Weg, 1913

August Macke – Sonniger Weg, 1913

Zwischendurch traf ich die beiden Oberschüler immer wieder, die beflissentlich bemüht waren, ihre Bögen zu bearbeiten. Mit einem aufmerksamen Blick waren die Arbeitsbögen gut zu bearbeiten. Nur ein Bild suchten sie, bei dem ich aber helfen konnte und wusste, wo es hängt (Unterstützen ist ja immer elterliche Teilaufgabe). Trotzdem sagte die Tochter, dass sie es schade fände mit den Arbeitsblättern durch die Ausstellung zu laufen, weil sie es so nicht ganz genießen könne. Gefallen hat es ihr dennoch sehr gut. Ich habe mir den Katalog der Ausstellung gegönnt und werde die Bilder und die Texte dazu in Ruhe Zuhause studieren. Den Protagonisten, die diese Sammlung zusammengestellt haben, spreche ich ein großes Lob aus.

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Von dem jungen Mann haben wir uns am Ausgang verabschiedet, nicht ohne mich noch einmal herzlich zu bedanken. Draußen begrüßte uns Sonnenschein und wir beschlossen noch einen kurzen Besuch in den Berliner Dom. Es ist immer wieder beeindruckend diese alte Kirche zu betreten. Als wir eintraten schien die Sonne geradewegs durch die Fenster auf den großen Altar – eine ganz besondere Stimmung. Wir haben Kerzen angezündet (denke sich jeder was er möchte – ich mache es bei Gelegenheit immer). Danach haben wir uns noch einen kleinen Spaziergang gegönnt, haben zwei/drei Geschäfte angeschaut und uns schließlich einen guten Kaffee, Waffeln, Sandwichs und Brezeln gegönnt. Zum Bus war es danach nicht weit und wieder fuhren wir gut gelaunt in die entgegengesetzte Richtung nach Hause. Wir hatten viel Zeit zu Reden, eine nicht ganz fertige, aber gut vorbereitete Hausaufgabe, einen wunderschönen gemeinsamen Tag. Es ist toll, in dieser Stadt zu wohnen und doch immer wieder Ausflüge machen zu können, als wenn man das erste Mal hier zu Besuch ist. Eine schöne Hausaufgabe – ohne die ich die IMEX sicherlich nicht gesehen hätte – der ganze Tag ein Gewinn für Tochter und die Mutter! 🙂

Inge Denker – ein Lebenswerk

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Betrachtet man ihre Stadtbilder, erscheint es fast so, als ob man mit der Großstadthektik versöhnt wird. Durch meist warme Farben taucht Inge Denker ihre Stadtmotive in sanftes Licht und obwohl die Häuser sich in Reihen aneinander schmiegen, wirkt doch jedes einzelne individuell. Inge Denker zeigt in einer Ausstellung im Johanniter-Stift in Lichterfelde eine Auswahl von 70 Bildern aus ihrem Lebenswerk.

Die Stadtbilder nehmen den größten Raum im Werk von Inge Denker ein. Der Lebensraum Stadt zeigt sich ganz im Gegensatz zum meist tatsächlichen Erleben. Die Stadt als solches wirkt anmutig, ruhig und lebenswert. Die Bilder lassen die Geräusche, Hektik und Schnelllebigkeit vergessen. Menschen sind kaum abgebildet. Fast scheint es so als ob die Häuser ihren Platz einnehmen, dadurch die Masse aufzeigen, aber dennoch die Individualität der einzelnen spüren lassen. Jedes Bild verfügt über eine sanfte Lichtquelle – Mondlicht – ist danach der Titel der Ausstellung. Landschaftsbilder sind ebenso in den Reihen zu finden. Hier lässt Inge Denker den Betrachter nach Norddeutschland wandern. Emil Nolde, Theodor Storm und verwandte große Dichter und Maler kommen nicht von ungefähr in den Sinn.

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Neben den Aquarellen lädt sie darüber hinaus zu einer Entdeckungsreise durch ihre Federzeichnungen ein. Sie stammen vornehmlich aus dem Frühwerk der Künstlerin. Jedes Bild setzt sich aus mehreren Elementen zusammen, die in der Größe abstrahiert, gemeinsam ihre Geschichte erzählen. Detailverliebt stellt sie beispielsweise einen Baum dar, dessen Blätter wiederum kleine Bäume sind. Die Federzeichnungen stammen meist aus der Zeit in der Inge Denker junge Mutter von zwei Söhnen war. Mangels finanzieller Möglichkeiten und Zeit sind diese Werke oft über Monate entstanden, ließen Inge Denker jedoch ihrer Liebe zur Kunst treu bleiben. So detailverliebt die Federzeichnungen sind, so spielerisch und leicht geht Inge Denker mit den Farben in den Aquarellen um. Auch politische Bilder finden sich in ihrem Lebenswerk, die jedoch kein Bestandteil der aktuellen Ausstellung sind.

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Inge Denker, in Düsseldorf geboren, hat schon in der Jugend Kontakt mit Künstlerkreisen gehabt und so ist die Malerei zum Lebensthema geworden. Der Weg führte nach dem Studium an der Hochschule der Künste in Düsseldorf nach Berlin, wo sie bis heute arbeitet und lebt, nur von wenigen Jahren in Lübeck unterbrochen. Frau Denker ist Mitglied der GEDOK Berlin – Gemeinschaft der Künstlerinnen und Kunstförderer e.V.. Wer nun vermutet, dass Inge Denker aus Altersgründen an ruhige Zeiten denkt, irrt sehr gewaltig. Die Ausstellung im Johanniter-Stift, der mit seinen Räumen und der Atmosphäre geradezu ideal dafür geschaffen scheint, geht bis zum 14. Juni. Und noch während die Künstlerin durch die aktuelle Ausstellung läuft, plant sie schon die nächste in der Briccius-Kirche an der Burg Eisenhardt vom 25.4. – 7.6. Gemeinsam mit der Textil-Künstlerin Karola Rose wird die Ausstellung „Aquarell begegnet Applikation“ geplant.

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Danach gefragt, ob sie stolz ist, wenn sie durch so eine große Ausstellung geht, antwortet Inge Denker mit einem Nein. Sie spüre Dankbarkeit. Für die Möglichkeit dieser Ausdrucksform, die Möglichkeit ihre Werke zu zeigen und mit den Besuchern zu besprechen. Für die Ideen diese Motive zu verwirklichen, könne sie nichts – die kommen beim Malen ganz von alleine.

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Eine wunderbare Möglichkeit Inge Denker und ihr Werk kennenzulernen, ergibt sich beim Kunstmarkt der Generationen am 27. Juni 2015. Dort wird sie in den Reihen vieler interessanter Künstler mit einem Stand vertreten sein. Für die am Kunstmarkt geplante Versteigerung einiger Bilder zugunsten der Kinder- und Jugendarbeit des Stadtteilzentrum Steglitz e.V. hat Inge Denker ohne zu zögern ein Bild gespendet. Die Möglichkeiten mit ihrem Werk in Verbindung zu kommen sind in diesem Jahr also vielfältig in der von ihr portraitierten Stadt.

„Mondlicht über kleiner Stadt“
Aquarelle und Federzeichnungen
Bis 14. Juni 2015,
Johanniter-Stift Berlin-Lichterfelde
Finckensteinallee 123/125, 12205 Berlin,
Künstlerkontakt:
E-Mail 
ingedenkeraquarelle@t-online.de
www.ingedenker-aquarelle.de