Baumkobolde … mit Spaß zum Nachdenken anregen

„Ich war einmal ein sehr stolzer Baum. Über viele Jahre wuchs ich und konnte den Wechsel der Jahreszeiten genießen. Mit den Bewohnern der Häuser um mich herum wurde ich gemeinsam älter. Später wurde ich krank. Sie merken es nicht, bis ich nicht mehr zu retten war. Es tat weh, als sie die Säge anlegten und ich mich von meinem erhabenen Blick aus der Baumkrone verabschieden musste. Lange stand ich traurig dort als Baumstumpf. Sehr lange und niemand beachtete mich – fast niemand. Harald kannte ich schon als kleinen Jungen. Der war immer draußen und musste die Stadt entdecken. An einem schönen Tag kam er mit zwei Holzscheiben vorbei. Das wurden meine ersten Ohren. Augen bekam ich auch und schon hatte ich mit meinem natürlich gewachsenen Mund wieder ein Gesicht. Von da an änderte sich alles. Die Leute schauten mich wieder an. Sie lächelten und gingen tatsächlich mit guter Laune weiter. Und wenn sie Harald in meiner Nähe treffen, erzählen sie immer spannende Sachen aus der Stadt. Jetzt bin ich wieder ein stolzer Baum-Stumpf … ich war der erste in der großen Stadt, doch meinen Namen bekam ich erst viel später.“ So würde sicherlich der Baumstumpf erzählen, doch diese Geschichte ging noch viel weiter:

Harald Kortmann war lange an dem abgesägten Baumstamm vorbeigegangen. Der gefiel ihm nicht und im Mai 2015 fielen ihm zwei Birkenscheiben in die Hände. Derzeit arbeitete er beim Kamin- und Brennholzhandel Hanne und mit den beiden Birkenscheiben wusste er sofort, wie er seiner Mutter eine Freude machen konnte. So entstand die Idee und der erste Baumstumpf bekam ein Gesicht, aber dabei sollte es nicht bleiben. Zwei/drei Monate rätselten die Steglitzer Bevölkerung, wer der Urheber für die vielen Baumstümpfe ist, die über Nacht ein Gesicht bekamen. Überall schienen sie zu entstehen. Das fragte auch Karla Rabe in der Berliner Woche und hatte damit Glück. Harald meldete sich bei ihr, ein weiterer Bericht über die Baumstümpfe entstand und damit bekamen sie auch ihren Namen. Baumkobolde nannte Karla Rabe die kleinen Kreaturen, die immer zahlreicher Straßen und Parks schmückten. Harald Kortmann war sich anfangs nicht sicher, ob er sich mit seiner Aktion am Rande der Legalität bewegt. Deshalb arbeitete er vorwiegend nachts. Er zerstört jedoch nichts und erregt kein öffentliches Ärgernis. Ganz im Gegenteil, die Akzeptanz und Freude, die er mit seinen Baumkobolden verbreitet, sind schon fast nicht mehr aus unserem Straßenbild wegzudenken.

Die Freude an den Baumkobolden ist auch der Grund, warum er immer noch gerne nachts arbeitet. Mittlerweile wird er von den Leuten erkannt, angesprochen, in nette Gespräche verwickelt und … von der Arbeit abgehalten. Das erklärt er allerdings Augenzwinkernd: Es sei sein „Herzens-Portemonnaie“, was er an Rückmeldungen und Reaktionen sammeln kann. Besonders Kinder bringen ihn mit ihren Reaktionen immer wieder zum Lachen. Wildfremde Menschen sprechen ihn freundschaftlich an und bestätigen ihm, das er ihr Leben bereichert. Eine Dame sagte zu ihm, dass er die Welt verändere und aus einer Glut eine Flamme werden könne.

Was anfangs nur eine Idee war, entwickelte sich schnell zu einer Aufgabe. Harald Kortmann möchte mit seinen Baumkobolden nicht anklagen, er betrauert die vielen Bäume, die zwar gefällt, aber nicht nachgepflanzt werden. Der Grund liegt, wie bei vielen anderen Dingen, im fehlenden Geld und nur auf Spenden der Bürger dürften sich Bezirk und Senat nicht verlassen. Hier fordert er eine etwas verantwortungsvoller Vorgehensweise der Behörden und kennt sich mit Zahlen und Verordnungen bestens aus. Er selber sieht sein Engagement unter nachhaltigen Aspekten: Kinder, die Freude an den Kobolden haben und Erwachsene, mit denen er ins Gespräch kommt, kann er auf die Bedeutung der Baumscheiben aufmerksam machen. Kinder, die früh lernen, wie wichtig eine Baumscheibe für einen gesunden Baum ist, parken später auch nicht darauf. „Früher hatte Berlin den Ruf als grünste Stadt Europas,“ sagt er, „dazu würde er gerne wieder seinen Beitrag leisten und die Problematik in den Köpfen der Menschen bewusst machen!“ Kinder, die mit ihren Eltern über die Baumkobolde sprechen, können früh lernen, wie wichtig gesunde Bäume für unser ökologisches System und unser Klima sind.

Die Baumkobolde verbreiten sich in der ganzen Stadt. Was anfangs auf Steglitz-Zehlendorf beschränkt war, ist längst über die Bezirksgrenzen hinaus gegangen. Tatsächlich bekam Harald auch schon Anfragen aus anderen Städten. Als kleines Nebenprodukt entsteht hin und wieder ein Baumkobold im Miniformat. Hier freut er sich besonders, dass diese Minikobolde, die er verschenkt hat, nach Jamaika, Australien, Frankreich, England oder Brasilien ausreisen durften. Er ist bekannt, es ist seine Idee und er ist – zu recht – stolz darauf. Aber es sind nicht alle, die sein Tun gut heißen. Sicherlich muss er Baumkobolde reparieren, wenn die Ohren abfallen. Zerstört wird nur selten etwas. Doch einen hartnäckigen Kontrahenten hatte er: Zwischen Klinikum Steglitz und Stichkanal findet man kaum einen einzigen Baumkobold. Dabei hatte Harald etwa 30 Kobolde dort entlang bestück, um festzustellen, dass ein anderer sie wieder demontierte. Er montierte erneut, der andere demontierte und noch einmal. Dann ließ er es bleiben und akzeptiert schlicht, dass der andere Unbekannte offensichtlich an dem Weg keine Baumkobolde akzeptiert. Aber einen gibt es doch – ganz versteckt im Dickicht. Doch wo der steht verraten wir natürlich nicht.

Die ganze Geschichte der Baumkobolde fusst auf privatem Engagement. Er verdient nichts damit und nimmt keine finanziellen Spenden an. Das notwendige Holz bekommt er vom früheren Arbeitgeber und Freund Thomas Jung. Die Kosten für die Schrauben trägt er selber. Harald Kortmann hat mit dem Baumkobolden seine Passion gefunden und ist vollkommen offen, was daraus entsteht oder wie es sich entwickelt. Er sei immer schon ein Freiluftmensch gewesen und für seinen Aktionismus bei seinen Freunden bekannt. Die Baumkobolde, sagt er, sein das Beste, was ihm in den vergangenen Jahren passiert sei. Gefreut hat er sich über den Kontakt nach Teltow. Der Nachbarbezirk bekam im Mai 2017 seine ersten sechs Baumkobolde und er wurde zum Baumscheibenfest 2017 eingeladen. Dort wird er Baumzauberer genannt, dessen Schützlinge zum Nachdenken einladen, für das Grün in der Stadt sensibilisieren und einfach alle fröhlich stimmen. Richtig zählen kann sie kaum einer mehr, aber der allererste Baumkobold wäre sicherlich stolz, wenn er wüsste, dass er gut 2000 – 3000 Brüder hat.


Ein Beitrag aus dem Magazin „Im Mittelpunkt“ 4 2017 mit dem Leitthema „Runde Tische und Bürgerbeteiligung“

Das ganze Magazin könnt Ihr als eBook oder interaktives Pdf herunterladen, die gedruckte Version, einschließlich dem Einleger mit allen Veranstaltungen des SzS, gibt es in unseren Einrichtungen.

Die Aktion der Kehrenbürger

kehrenbürger_1Es hat etwas von Dornröschenschlaf, wenn man bei trüben Wetter über den Ludwig-Beck-Platz in Lichterfelde geht. Eigentlich ein beliebter Platz, bietet er aber wenig, was zum Verweilen einlädt. Der Brunnen in der Mitte führt meist kein Wasser, das Waschhäuschen mit Toiletten ist seit Jahren hinter einem Bauzaun verschlossen und auch sonst macht der Platz keinen sehr einladenden Eindruck. Das ändert sich immer, wenn die Sonne beschließt ihr Bestes zu geben, der kleine Pavillon für Getränke und Eis öffnet oder sich zweimal in der Woche ein paar Marktstände mit ihren Waren präsentieren. Dann ist es etwas belebter, aber noch lange nicht so, wie es früher einmal war, woran sich noch viele ältere AnwohnerInnen erinnern. So wurde der Ludwig-Beck-Platz ein Thema am Runden Tisch in Lichterfelde-West, wo eine kleine Idee jetzt zur Aktion wurde.

Schon vor drei Jahren wurde der Platz ein fester Tagesordnungspunkt am Runden Tisch. Früher war er weitaus belebter und wurde an Markttagen von sehr viel mehr Händlern genutzt. Durch Pflasterarbeiten, die sich in die Länge zogen, schlief alles ein bisschen ein. Doch das Interesse ist groß, diesen Platz als Mittel- und Treffpunkt für die Menschen in der Umgebung zu nutzen. Dies nicht nur von den AnwohnerInnen, auch von den umliegenden Händlern und Einrichtungen. Viele Diskussionen später am Runden Tisch wurde ein Nachbarschaftsfest beschlossen das in diesem Jahr das dritte Mal in Folge veranstaltet wird. Besprochen am Runden Tisch, organisiert vom Stadtteilzentrum Steglitz e.V., ist das Fest der Nachbarn mittlerweile eine beliebte Größe in der Nachbarschaft geworden. Einrichtungen und Händler stellen sich vor, Nachbarn kommen ins Gespräch, gemeinsame Zeit wird freudig begrüßt! Nur ist ein einziges Fest im Jahr etwas wenig um einen Platz zu beleben.

So stieß eine weitere Idee nun auf offene Ohren. Monika Zwicker ist schon lange regelmäßige Besucherin des Rundes Tisches. Ihr besonderes Interesse liegt in der Pflege der Natur in der Umgebung, bei der ihr besonders die Bäume am Herzen liegen. Das Thema wurde von ihr immer wieder angesprochen, die einzelnen Aspekte in der Runde beraten, Erfahrungen und verschiedene Blickwinkel ausgetauscht. Baumpflege, Baumscheiben, Patenschaften über Bäume, die verschiedenen Ämter angesprochen, wo bekommt man Informationen und Unterstützung, wenn man für die Bäume etwas tun möchte. Und wie bei vielen Dingen, war auch hier schnell klar: Wenn man schnell etwas verändern möchte ist das Selbermachen noch der beste Gedanke. Sie erkundigte sich weiter, beim Amt über die Pflege von Baumscheiben und angeregt durch Kathrin Backhaus, bei der BSR, der Berliner Stadtreinigung, über Putzaktionen. Auch diese Informationen stellte sie den Mitgliedern des Runden Tischs vor, man wurde sich schnell einig, fand einen Termin, erstellte Handzettel, rührte die Werbetrommel und lud ein zur Bürgerkehren-Aktion. Treffpunkt war am 30. April um 10.00 Uhr am Springbrunnen auf dem Platz. Die Aktion war unter www.kehrenbuerger.de bei der BSR angemeldet. Das Tolle dabei ist, dass man durch die Anmeldung, Straßenbesen, Kinderbesen, Arbeitshandschuhe, Papierklammern und Müllbeutel zur Verfügung gestellt bekommt. Die brauchte ein freundlicher Herr der BSR im Gutshaus Lichterfelde vorbei und wurden nach der Aktion wie auch die gefüllten Müllbeutel wieder abgeholt. Einzig Gartengeräte und Blumenspenden mussten mitgebracht werden.

kehrenbürger_17An dem Samstagmorgen hatten auf dem Platz die bekannten Stände der Händler schon geöffnet und boten ihre Waren an. Die Nachbarn, die es kennen, schätzen die Marktstände und was es dort alles zu kaufen gibt sehr. Schnell fanden sich die Helfer der Aktion am Springbrunnen, erst zögerlich, dann immer mehr. Schließlich waren um die 30 Helfer auf dem Platz, dabei ein paar Kinder, die alle motiviert Hand anlegten. Bernd Neumann von der Jugendfreizeiteinrichtung Albrecht-Dürer kam gleich mit einer ganzen Schubkarre voll Gartenwerkzeug. Kristian Koch, der sein Nachbarschaftsportal „WirNachbarn“ ins Gespräch bringen möchte, war ebenso mit von der Partie, wie andere im Bezirk gut bekannte Gesichter. Lange wurde nicht gefragt, was zu tun sei, jeder fand einen Besen, eine kleine Harke oder Schaufel … es wurde gefegt, Unkraut gezupft, Papier aufgehoben, das Pflaster freigekratzt, unter den Bänken gesäubert und emsig gearbeitet um den Platz beim Brunnen wieder fein zu machen. Die einen kümmerten sich um die Sauberkeit, die Anderen um die Baumpflege. Von Unkraut zugewachsen wurden die Baumscheiben hartnäckig befreit. Das brauchte schon einige Zeit waren die Gräser doch sehr eingewachsen. Neben den Arbeiten entstanden immer wieder Gespräche, Helfer lernten sich kennen, Marktbesucher kamen näher und fragten, was hier los sei. Sinn und Unsinn solcher Aktionen wurde besprochen. Handzettel über den Runden Tisch und über das bevorstehende Nachbarschaftsfest wurden verteilt. Der Platz verwandelte sich für diese Stunden in das, was sich viele wünschen: Einen Treffpunkt von Nachbarn zum Austausch und Kennenlernen.

Es dauerte nicht lange bis der ein oder andere Blumentopf auf dem Rand der sechs Baumscheiben stand und darauf wartete, dass sein Inhalt einen neuen Platz bekommt. Die Baumscheiben waren vom Unkraut befreit und es konnte gepflanzt werden. Aber nicht nur mitgebrachte Blumen wurden eingepflanzt: Als deutlich wurde, was hier vonstattenging, wanderte auch so manche Blumenspende vom Blumenstand des Marktes zu den Aktivisten. Eine Dame sagte beispielsweise, dass sie nicht mehr helfen könne, aber eine Blumenspende möchte sie doch beitragen. Blumenerde wurde gekauft, gebracht und gespendet, Gießkannen besorgt, Wasser geholt, Blumen gepflanzt und immer wieder viel gelacht und geredet.

kehrenbürger_46Gegen Ende kamen noch einmal alle zu einer kurzen Besprechung und einem Dankeschön zusammen. Der ein oder andere verabschiedete sich. Ein paar sehr emsige Helfer machten aber weiter, kümmerten sich um die frisch ausgebuddelten Baumscheiben und bepflanzten noch die vierte und fünfte Baumscheibe. Für die letzte fehlte es dann leider an Zeit und Blumen. Als alles gepflanzt und die Geräte wieder am richtigen Platz waren, konnte ein sehr befriedigendes Ergebnis begutachtet werden: Der Platz war sauber, Unkraut kaum noch vorhanden und sechs Bäume standen in ihren schön hergerichteten Beeten. Eine kleine Maus aus Ton mit Namen „RuTi“ fand in einem Beet als Maskottchen seinen festen Platz. Ein paar der HelferInnen verabredeten sich samstags um 10.00 Uhr nach dem rechten zu schauen. In der unmittelbaren Umgebung wohnt eine junge Mutter, die versprach mit ihren Kindern in den nächsten Tagen die frisch gepflanzten Blumen zu wässern. Ganz zum Schluss konnte – wer wollte – noch das Angebot der Seniorenresidenz Bürgerpark Ecke Klingsorstraße/Hindenburgdamm in Anspruch nehmen und als Lohn für die Arbeit eine leckere Kartoffelsuppe im Haus essen.

Insgesamt ist die ganze Aktion ein wunderbares Beispiel für bürgerliches Engagement: Aus dem Anliegen einer Person wird ein Thema am Runden Tisch. Dort wird es besprochen, von den Teilnehmern eine geeignete Aktion erdacht, organisiert und durchgeführt. Am Ergebnis können sich viele erfreuen und das gute Gefühl, zusammen etwas geschafft zu haben, stellte sich von selber ein. Monika Zwicker war sehr zufrieden und dichtete dazu … und möchte sich auch künftig mit Unterstützung des Runden Tisches um ihre Anliegen und die Natur in der Nachbarschaft kümmern.

Die Aktion der Kehrenbürger – 30.04.2016

Mein Herz ist voll, mir geht es gut.
für heute liegt sie still, die Wut.

Wir trafen uns am Platze Ludwig-Beck
zu einem ganz besond’ren Zweck.

Mit Schwung in den Mai, nicht nur mit dem Besen,
es kamen viele fleißige Wesen.

Den Platz zu verschönern, um den Springbrunnen ‚rum,
war unser Ziel und keine Idee zu dumm.

Wir haben gezupft, gepflanzt und gefegt
und keiner hat sich aufgeregt.

Alle hatten gute Laune,
wir haben viel gelacht und es gab kein Geraune.

Zum Herzen geöffnet wurde eine Schranke,
kurzum ich sage allen danke!

Ein Mitglied des Runden Tischs Lichterfelde-West

                                                              Monika Zwicker