Die Zeitung Nummer 374

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Nr. 374 macht sich auf den Weg

In der riesigen Produktionshalle der Druckerei steht ein Koloss von einer Maschine, der fünf Farbwerke verbindet und einfaches weißes Rollenpapier in bedruckte Zeitungsseiten verwandelt. Es ist laut in der Halle, denn verbunden mit dem Koloss sind weitere Maschinen und Förderwerke, die in einer Endlosschleife das Rollenpapier verarbeiten und am Ende fertig verpackte Zeitungsstapel produzieren und auswerfen. Es ist die Geburtsstunde der kleinen Stadtteilzeitung, die sich von hier aus auf ihren Weg zum Leser macht. In einem dieser Zeitungsstapel lag eines Tages eine kleine Zeitung, die gleich nach Entstehung eine unglaubliche Neugierde entwickelte, wohin ihr Weg sie führen würde. Sie war ungemein stolz auf ihre schönen gedruckten Buchstaben und bunten Bilder, die viele schöne Berichte auf ihren 12 Seiten zusammenfassten.

Doch zuerst führte der Weg der Zeitungen in der Druckerei zu einem großen Lastwagen. In dem war es ziemlich eng und voll, von oben und unten wurde gedrückt, alles war mit Zeitungsstapeln voll gepackt. Doch es half nichts. Die Lastwagen wurde geschlossen, Motorengeräusche waren zu hören und in schunkelnder Fahrt machten sich alle Zeitungsstapel auf ihren gemeinsamen Weg. Lange dauerte die Fahrt nicht. Der Laster hielt an, wurde geöffnet, Stapel für Stapel wurde in einen kleinen Raum getragen. Die Tür des Raums ging zu und erst einmal war Ruhe. Unsere kleine Zeitung schaute sich ein bisschen um und entdeckte ein Plakat auf dem in bunten Buchstaben stand: „Faschingsfest im KiJuNa“. „Aha, KiJuNa heißt das hier also,“ dachte sich die kleine Zeitung und überlegte, was das wohl war.

Als sich unsere kleine Zeitung gerade so richtig anfing zu langweilen, ging die Tür wieder auf. Zwei Männer kamen herein und besprachen sich, wie sie die ganzen Zeitungsstapel nun im Bezirk verteilen würden. Sie brachten die Stapel erneut in einen Wagen, diesmal in einen kleinen Transporter, der keine allzu lange Fahrt vermuten ließ. Unsere kleine Zeitung dachte sich ganz richtig, dass dies nun wohl der Zeitpunkt war, sich von seinen Brüdern und Schwestern zu verabschieden. Die Zeitungen hatten ja eine Aufgabe: Die Buchstaben und bunten Bilder, die sie trugen, ergaben spannende Informationen, die unbedingt einen Leser finden wollten. Recht hatte sie – nach kurzer Zeit trugen die beiden Männer mal hier, mal dort – immer ein, zwei, drei Stapel der Zeitungen in ein Geschäft, eine Bücherei, ein Bezirksamt oder eine Einrichtung. Bei den Einrichtungen stand immer Stadtteilzentrum auf einem Schild. Die mochte unsere kleine Zeitung, denn das Wort „Stadtteil…“ war ja auch ein Teil ihres schönen Namens. In einer dieser Einrichtungen wurde ihr Stapel schließlich auch gebracht. Dort war eine Frau, die die Männer sehr herzlich begrüßte und sich richtig freute, dass sie die neuen Zeitungen bekam. Als die Männer weiterfuhren, legte die Frau die älteren Zeitungen zur Seite und platzierte die neuen in einem schönen Stapeln bereit. Was wohl mit den älteren Zeitungen gemacht werden würde, überlegte sich unsere kleine Zeitung. Aber das vergaß sie recht schnell, denn nun war ja der Moment „ihren“ Leser zu finden in greifbare Nähe gerückt. Drei Geschwister lagen über ihr – oh, wie sie sich freute.

In der Einrichtung, in der die Zeitungen lagen, war ganz schön viel los. Männer, Mütter mit Kindern, ältere Frauen und Herren, alle aus aller Herren Länder. Die sprachen so viele unterschiedliche Sprachen, dass unsere kleine Zeitung sich immer freute, wenn sie entdeckte, dass die ganzen Menschen ja doch ihre Sprache, also ihre Buchstaben, verstehen und sprechen konnten. Eine Frau mit Kopftuch nahm die erste Zeitung und steckte sie ohne zu lesen ein. „Hm, liest sie bestimmt heute Abend“, dachte die kleine Zeitung, „noch zwei, dann bin ich dran!“ Die nächste Ausgabe nahm eine junge Frau mit einem Baby auf dem Arm und setzte sich ins Café. „Noch eine über mir,“ dachte die kleine Zeitung. Nach einer Weile kam ein ziemlich alter Herr mit Aktentasche. Der sah etwas grummelig aus. Auch er nahm sich eine Zeitung, schaute sich das große Titelbild an, las ein bisschen und fing an zu lächeln. „Aha, wir haben also die Kraft unsere Leser zum Lächeln zu bringen!“ dachte sich unsere Zeitung und konnte kaum mehr aushalten, da sie nun an der Reihe war.

Nun … es dauerte. Keiner kam und nahm sich die kleine Zeitung. Es wurde Nacht und wieder Tag. Die freundliche Frau kam zurück, schloss alles auf, kochte Kaffee, breitete das Frühstück vor für die Gäste in ihrer Einrichtung, die „kieztreff“ hieß. Zu ihr kam eine zweite Frau und sie unterhielten sich, dann kam ein Mann, der sich an die Theke setzte. „Jetzt,“ dachte sich die kleine Zeitung, „gleich entdeckt er mich!“ und tatsächlich zog der Mann die oberste Zeitung zu sich heran. Fing an zu lesen, blätterte, las weiter, blätterte … oh, wie wohl fühlte sich die kleine Zeitung. Schließlich zog der Mann einen Kugelschreiber aus seiner Tasche, klappte die Zeitung zu und schrieb in die obere Ecke „374“. Faltete die Zeitung zusammen und steckte sie in seine Jackentasche.

„Ich bin jetzt also die Zeitung Nr. 374.“ überlegte sich unsere Zeitung. „Was das wohl zu bedeuten hat?“ Aber das überlegte sie nicht lange, denn der Mann machte sich auf den Weg und unsere Nr. 374 freute sich auf die Dinge, die sie nun mit dem Mann erleben würde …

Familie Glück und Nummer 374

Der Mann, der die Zeitung mit der Nummer 374 mitgenommen hat, heißt Herr Glück. Er ist der Vater von Jule und Paul und wohnt mit Frau Bärbel und Schwiegermutter Else zusammen in einem kleinen Haus in Lichterfelde. Ab und zu geht er in den „kieztreff“, trink dort einen Frühstückscafé, liest etwas in der Zeitung, bevor er sich auf den Weg zur Arbeit macht. In seinem Garten steht eine riesengroße Lärche, die mit der Zeit sehr krumm gewachsen ist und er Befürchtungen hat, dass sie irgendwann umfällt. In der kleinen Zeitung hatte er in einem Beitrag gelesen, dass man unter bestimmten Voraussetzungen solch einen Baum fällen darf. Eine Amtsnummer, die Auskunft geben kann, stand auch in dem Artikel, Durchwahl -374. Dort wollte er anrufen und sich erkundigen.

Als Herr Glück am Abend nach Hause kam, hatte er seine Informationen bekommen. Die Lärche gehört nicht zu den geschützten Baumarten in Berlin, also durfte sie ohne Genehmigung und Ersatzbepflanzung gefällt werden. Herr Glück hängte seine Jacke an den Garderobenhaken, sah die kleine Zeitung in der Tasche, die er nun ja nicht mehr brauchte und legte sie auf den Beistelltisch. Er begrüßte seine Familie und freute sich auf einen schönen Abend zuhause. Natürlich erzählte Herr Glück davon, dass die Lärche gefällt werden dürfe und man nun schauen müsse, wer so etwas machen kann. Frau Glück, die ja die Pläne den Baum zu fällen kannte, hatte sich schon einmal online umgeschaut, was man statt dessen dort pflanzen könne. Verliebt war sie in einen Ginkgobaum, der zwar auch ein Nadelgehölz ist, aber doch Blätter hat. Gefallen hat ihr besonders, dass der Ginkgo als Lebensbaum gilt und seinen Blättern eine große Heilwirkung zu gesprochen wird.

Später, als Frau Glück schlafen ging, kontrollierte sie noch einmal die Haustür. Dabei fiel ihr Blick auf die kleine Zeitung auf dem Beistelltisch oder besser gesagt, auf die Nummer auf der kleinen Zeitung auf dem Beistelltisch. 374 … was hatte denn nun das zu bedeuten. 374 war genau die Online-Bestellnummer für einen Ginkgo-Baum. Sie nahm die kleine Zeitung in die Hand, blätterte sie durch und überlegte. Bestimmt wollte sie ihr Mann mit dem schönen Baum überraschen und da er sich keine Zahlen merken konnte, hatte er sie hier aufgeschrieben und vergessen einzustecken. Aber hatte sie tatsächlich die Nummer in dem Gespräch erwähnt? Nun, das wusste sie nicht mehr und legte die Zeitung gedankenverloren in die Schublade darunter.

Das gefiel der kleinen Zeitung nun nicht. In der dunklen Schublade konnte sie keiner sehen. Sie wollte gelesen werden und erst nach ein paar Tagen, in denen sie außerhalb viele Geräusche gehört hatte, zog jemand die Schublade wieder auf. Das Gesicht von Oma Else war zu sehen. Die suchte ihren Schlüssel – wieder einmal – und hoffe ihn in der Schublade zu entdecken. Da war er nicht, aber die Zeitung kannte sie nicht und beschloss, sie sich zum Kaffee anzuschauen. „Endlich wieder jemand der mich lesen möchte,“ stellte die kleine Zeitung zufrieden fest. „Ich kam mir schon wie Altpapier vor!“ … am Nachmittag war es dann soweit. Oma Else machte es sich auf der Terrasse gemütlich, legte sich die Zeitung und ihr Strickzeug bereit, dann machte sich eine schöne Tasse Kaffee. Sie las in der Zeitung, die sich nun so richtig wohl und beachtet vorkam. Alle Beiträge hatten etwa das gleiche Thema. Es ging in der ganzen Zeitung um „Nachhaltigkeit“. Ein ganz modernes Thema, das davon handelt, wie wir unsere Bedürfnisse und unseren Verbrauch so ändern, dass wir die Welt nicht zu sehr belasten und für unsere Nachkommen erhalten. Oma Else las alles durch und legte die Zeitung später zufrieden zur Seite. 374 … sie nahm ihr Strickzeug in die Hand, blickte aber immer wieder auf die 374, die auf die Zeitung geschrieben stand. War sie beim Stricken tatsächlich in Reihe 374 stehengeblieben? Nun, Oma Else grübelte nicht lange und legte los … Reihe 375, 376, 377 … die kleine Zeitung lag zufrieden auf dem Tisch … durchgelesen!

Etwas später am Nachmittag setze sich Paul zur Oma und erzählte ihr, was er am Nachmittag mit seinem Freund Jasper erlebt hatte. Die beiden Jungen waren zum Weiher gefahren und hatten dort ihre Boote fahren lassen. Paul war so stolz auf sein selbstgebautes Boot, das aber etwas langsamer als Jaspers Boot war … Jasper hatte Model 374 – als Paul die Zahl in der oberen Ecke auf der kleinen Zeitung sah, erschrak er so heftig, dass er gegen den Tisch stieß und sein Saftglas umstieß. Na, was für eine Freude. Oma Else sprang auf und rettete vor dem Saft was sie halten konnte. Paul holte einen Lappen und so hatten sie schnell wieder alles in Ordnung gebracht. Nur die kleine Zeitung sah jetzt nicht mehr so fein aus. Else legte sie schnell zur Seite auf die Fensterbank, wo sie trocknen konnte. „Was ist nur mit dir los, Paulchen,“ schimpfte Oma Else, „manchmal bist du wirklich ungeschickt.“ Paul hörte das nicht. Er überlegte, warum die Nummer mit seinem Wunschmodel auf der Zeitung gestanden hatte. Ob sich da wohl jemand Gedanken für seinen Geburtstag gemacht hatte?

Am frühen Abend kam die ganze Familie auf der Terrasse zusammen. Die Mutter hatte für alle etwas zu essen bereit gestellt, alle hatten etwas über den Tag zu erzählen und unterhielten sich angeregt. Bis Oma Else anfing vom Nachmittag und dem umgeschubsten Saftglas zu erzählen. Sie beklagte sich, dass das Strickzeug ja doch ein paar Spritzer von dem Saft abgekommen hatte und nun ganz klebrig sei. „Aber,“ beschwerte sie sich, „ist ja eh wurscht. Ich hab bei Reihe 374 weitergestrickt, weil das auf der kleinen Zeitung stand. Als ich den Fehler gemerkt hatte, war ich im Muster schon viel zu weit. Jetzt muss ich wieder alles aufmachen und neu anfangen.“ „Äh, 374. Auf der kleinen Zeitung? Das war doch nur die Durchwahl für das Grünflächenamt, weil ich wissen wollte, ob wir die Lärche fällen dürfen. Sonst würde die ja immer noch dort stehen!“ sagte Herr Glück ganz verwundert und schaute in die großen Augen seiner Frau. „Wie, Durchwahl,“ , meinte sie. „War das nicht die Online-Bestellnummer für meinen neuen Ginkgo-Baum? Hast du ihn nicht bestellt?“ Die Eltern schauten sich fragend an und wieder zur Oma, die leise vor sich hin schimpfte und irgendwas von mangelnder Kommunikation in der Ehe erzählte. Und Paul … tja, der schaute ebenso verwundert, nein eher enttäuscht, und erzählte mit leiser Stimme ebenfalls von seiner Verbindung zu Nummer 374 … Sprachlosigkeit in der Familie und jeder hing seinen Gedanken nach. Der Vater fragte mit einem Mal, wo eigentlich Jule ist. „Jule wird ja wohl nichts mit 374 zu tun haben … Jule!“ rief er laut.

Jule meldete sich … im hintersten Winkel des Gartens, dort wo vorher die Lärche gestanden hatte, war sie auf dem Boden beschäftigt. Das interessierte dann doch alle und sie gingen zu ihr hinüber. Jule buddelte in der Erde. „Schau mal, Mama. Ich habe diese kleine Kastanie im Park gefunden. Die hat ausgekeimt und ist schon so groß. Wenn ich sie im Park gelassen hätte, wäre sie bestimmt kaputt gegangen. Wir haben doch jetzt den Platz, wo die Lärche weg ist.“ Jule schaute alle mit strahlendem Gesicht an. Herr und Frau Glück konnten sich ihr Lächeln nicht verkneifen und Paul meinte dazu: „Ich weiß jetzt, was Jule mit der kleinen Zeitung Nummer 374 zu tun hat. Schaut mal zu der Erde. Jule hat Zeitungsschnipsel mit eingegraben.“ „Warum hast du das denn gemacht?“ fragte die Oma. „Na, in der Schule im Hort haben wir heute gelernt, dass Zeitungspapier aus Bäumen gemacht wird. Und als ich vorhin mit der Kastanie gekommen bin, habe ich die nasse Zeitung gesehen. Die kann ja keiner mehr lesen.“ „Dann hat der kleine Baum ja genügend Lesestoff und wird bestimmt ein schlauer Baum,“ lachte die Oma und auch die anderen mussten jetzt alle lachen. 374 – eine einfache Zahl auf so einer kleinen Zeitung und jeder hatte damit etwas zu tun. „Ach, Paulchen, natürlich bekommst du dein Model Nr. 374 zum Geburtstag. Das Geld für den Ginkgo haben wir ja jetzt eingespart, dank Jule und der kleinen Zeitung!“

Die kleine Zeitung war zufrieden – zwar in kleine Schnipsel zerrissen, aber sie hatte alles erlebt, was so eine Nr. 374 erleben kann. Eines Tages würde sie wieder ein großer starker Baum sein, der sicherlich nicht zu Zeitungspapier verarbeitet werden würde!

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Die Geschichte von Nr. 374 ist im Zusammenhang mit dem Papierpaten-Projekt des Stadtteilzentrum Steglitz e.V. entstanden. Eine schöne Projektbeschreibung findet sich in diesem Beitrag: Neue KollegInnen in der Geschäftsstelle

Ich hab’s verstanden, Frau Giese!

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„Wenn man ein Kind bekommt, steht man in den nächsten 20 Jahren in der zweiten Reihe!“ Das war immer mein Lieblingssatz bei Diskussionen, in denen es darum ging, was Mütter alles für ihren Nachwuchs tun und aufgeben. Wir sind im Schnitt 20 Jahre die Hauptversorgungsquelle für unsere Kinder. Jahre in denen wir mehr oder weniger eigene Bedürfnisse hinten anstellen (müssen). Eine Zeit in der wir alles tun, um unsere Kinder (nach unserer Vorstellung) gut zu erziehen und auf ihr eigenständiges Leben vorbereiten. Das diese 20 Jahre auch ein Ende haben, habe ich bisher nicht wirklich bedacht. Das hat mir jetzt Frau Giese klar gemacht.

Die Geschichte hat mit ganz vielen E-Mails angefangen. Das Töchterchen brauchte ein Praktikum für die Schule und die Mutter ist davon ausgegangen, dass das weiter kein Problem ist. Undenkbar, dass dieses gute Kind keinen Platz bekommen würde. Hat ja bisher immer geklappt. Bis das Kind eines Tages von der Schule nach Hause kam und verkündete, dass der Praktikumsvertrag in 1 ½ Wochen abgegeben werden müsse. Dazu sei erwähnt, dass das Kind schon viele Anfragen alleine losgeschickt hatte, leider ohne Erfolg. Nun kam die Mutter in die Spur, verfasste siegessicher einen schönen Text und bewarb das Kind bei mehreren interessanten Stellen. Das hat auch nicht geklappt – es war zu spät und die Plätze besetzt. Die E-Mails mit Absagen kamen zurück – eine nach der anderen. Doch eine dieser E-Mail-Absagen war mit einem P.S. versehen und das gab der Mutter schwer zu denken.

Frau Giese von einem sehr namhaften Berliner Kindertheater schickte eine freundliche Absage. Gut, damit hatte ich gerechnet, nicht jedoch mit dem P.S. Frau Giese schrieb: „PS: Ich verstehe, dass Schüler sehr beschäftigt sind. Trotzdem ist es wirklich sehr ungewöhnlich, dass die Eltern die Bewerbung schreiben … Mit 17 sollte Ihre Tochter in der Lage sein, sich selber zu bewerben, das tun die 13- und 14 Jährigen, die wir üblicherweise als Schülerpraktikanten haben auch immer. Seien Sie sich aber sicher, dass dies nicht der Grund der Absage ist …“ Das saß! Im ersten Moment stutzte ich, aber so ziemlich gleich danach, machte sich ein ziemlich breites Grinsen bei mir bereit. Oh ja, Frau Giese, Sie haben so recht und ich hab’s verstanden – nur habe ich mir bis zu diesem Punkt nicht wirklich bewusst gemacht, dass meine Kinder alleine laufen können!

Realistisch gesehen ist die Beziehung zwischen Mutter und Kind von Anfang an von zwei Dingen bestimmt: Das eine ist der natürliche Instinkt der Mutter von Geburt an, alles dafür zu tun, dass es dem Kind gut geht, es sich optimal entwickeln und auf sein erwachsenes Leben vorbereiten kann. Das zweite ist der Ablösungsprozess, der im Grunde genommen mit der Geburt einsetzt. Beide Vorgänge arbeiten gegengleich. Das Kind entwickelt sich in die Selbstständigkeit von der Mutter weg. Die Mutter sollte sich ebenso in Richtung Loslösung entwickeln, was in Anbetracht der jahrelangen Versorgungsrolle, die sie hat, sehr in den Hintergrund tritt. Ist der Zeitpunkt dann da, wird er oft verkannt, dies insbesondere, wenn Mütter sich nicht rechtzeitig wieder eigener Bedürfnissen und Interessen erinnern. Der Tag, der Moment in dem einem das klar wird, kommt – und wenn es in Form einer E-Mail ist.

Ein Erlebnis, das so einen Ablösungsprozess deutlich macht, ist mir sehr in Erinnerung geblieben: Meine Kinder, zweieinhalb und fünf Jahre, hatten gemeinsam einen Brief für ihre Oma geschrieben. Der fertige Brief musste zum Briefkasten und „zu schnell“ gab ich meine Erlaubnis, dass beide alleine dorthin gehen dürfen. Es war das erste Mal, dass meine Kinder alleine und zusammen aus dem Haus gingen. Der Briefkasten ist etwa 500 Metern entfernt. Dazu mussten sie eine kleine Straße und eine riesengroße, zweispurige Kreuzung überqueren. Sie gingen fröhlich und gut gelaunt los und es wurde die schlimmste Viertelstunde in meinem bisherigen Mütterdasein. Wie krank tigerte ich zwischen Garten und Wohnzimmerfenster hin und her und fragte mich, warum sie nicht längst zurück waren. Die schlimmsten Vorstellungen und Gedanken kamen mir in den Sinn. Mein Gatte, dem mein Gejammer gehörig auf die Nerven ging, meinte nur lapidar „Dann geh doch hinterher!“ und genau das, wusste ich, durfte ich nicht tun. Sie kamen nach Hause, stolz und wunderbar gelaunt. Ich lobte und hoffte, dass sie meine Skepsis und Angst nicht gemerkt hatten.

So ging das weiter, mit Kitareisen, Reisen zu der Oma, Klassenfahrten und vielem mehr. Nicht nur die Kinder lernten, sich alleine zu bewegen und in der Welt zu behaupten. Die Mutter lernte loslassen – langsam … Dabei stellten sich die Kinder zweifelsohne besser als die Mutter an. Als ich die „Kleine“ von einem Arztbesuch abholen musste, stellte ich auf der Autobahn fest, dass eine Ausfahrt gesperrt war. Das bedeutete einen Umweg, der Pünktlichkeit unmöglich machte. Ich wusste, dass das Kind kein Handy dabei hatte. Panik machte sich wieder bei mir breit, was sie tun würde, wenn ich nicht rechtzeitig da bin und sie rette. Bis meine „Große“, die mit im Auto saß meinte, dass die „Kleine“ fragt, wo wir bleiben. Mittels IPod hatte sich die „Kleine“ in ein WLan Netz eingewählt und über ihr Musikgerät Kontakt zu uns aufgenommen. Soviel zu den hilflosen „Kleinen“, die sich mittlerweile besser im WLan-, Berliner Bus- und Bahnnetz bewegten, als ihre Mutter es jemals könnte.

Besonders schwer waren Situationen, in denen die Kinder Streit mit anderen hatten und mir verboten, einzugreifen. Sie haben so vieles gemeistert und immer wieder musste ich zugeben, dass sich Stolz bei mir einschlich, wie eigenständig und selbstbewusst sie sich in ihrer Welt bewegen. Das hat auch eine ganze Menge mit „Zutrauen“ zu tun und ich habe oft gestaunt, was sie entsprechend ihrem jeweiligen Alter schon alles konnten. Mittlerweile sind sie so weit, dass sie nach Partys nicht einmal mehr vom Vater abgeholt werden möchten, da sie das alleine sehr gut schaffen. Also nicht nur die Mutter, auch der Vater guckt in die Röhre. Sie wollen alleine und selbstständig ihre Angelegenheiten regeln. Und viele Dinge, die Organisatorisches betrifft, erledigen sich sowieso von alleine, denn mit dem 18. Lebensjahr finden Eltern kaum noch Gehör oder Verständnis bei öffentlichen Stellen. Oder Frau Giese!

Aber es ist auch gut so, denn gerade in dieser Phase zeigt sich ja, ob Mutter „ganze Arbeit“ geleistet hat. Ist der Nachwuchs selbstbewusst und selbstständig, können wir uns getrost zurücklehnen und sie ihr Ding machen lassen. Das heißt ja noch lange nicht, dass wir abgeschrieben und nicht mehr um Rat gefragt sind. Die große Tochter hat sich nun alleine einen dualen Studienplatz gesucht und wird die nächsten dreieinhalb Jahre in einer Institution lernen, die die Eltern noch nie gesehen haben. Es war ihre Wahl und ist ihr Weg. Die jüngere Tochter hat ein Praktikum bekommen – pünktlich, alleine und ganz ohne mein Zutun. Wir sind raus, was ja ebenso nicht heißt, dass wir arbeitslos sind. Wer zwei (fast) erwachsene Kinder im Haus hat weiß sehr genau, dass „Kinder“ prima zwischen Eigenständigkeit und Bequemlichkeit hin und her wechseln können.

Frau Giese hat mir mehr gesagt, als das ich mit der Praktikumssuche meiner Tochter nichts mehr zu tun habe. Sie hat mich daran erinnert, dass ich meinen Kindern zutrauen darf, ihr Leben selber in die Hand zu nehmen. Sie hat gesagt, dass Mütter früh damit beginnen sollten, die Kinder selber ihre Dinge regeln zu lassen. Und sie hat auch vermittelt, dass wir Mütter uns aus manchen Dingen gelassen zurückziehen dürfen. Uns darauf vorbereiten können, in einer gewissen Zeit auch wieder in der ersten Reihe mitzumachen und uns auf Dinge besinnen können, die nur mit uns zu tun haben. Die Kinder können das – und wenn die Säge mal klemmt – nun ja, dann stehen sie mit uns in der ersten Reihe und lösen das Problem!

Danke, Frau Giese! 🙂

Die letzte Mohnstolle …

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Ich sah aus dem Augenwinkel, dass eine E-Mail von der Mutter ankam, worüber ich mich immer freue. Als ich sie las, war ich gar nicht mehr so freudig. Ich wusste nicht, wie ich sie einschätzen sollte. Es war die Ankündigung an meine Geschwister und mich, dass unsere Weihnachtspäckchen unterwegs seien. Das bedeutet in der Regel, bald gibt’s Mohnstollen, den sie jedes Jahr für uns backt – so lecker! Also eigentlich etwas, was Freude bei mir auslösen sollte. Aber in der Mail stand auch der Satz: „Genießt den Kuchen, denn ab jetzt könnt Ihr nur noch das Rezept von mir bekommen.“ Schon schlugen die Gefühle Purzelbaum – richtig auf’s Päckchen freuen wollte ich mich nicht mehr. Natürlich antwortet ich fröhlich, dass sie mir sicherheitshalber das Rezept schicken solle, falls ich sie im nächsten Jahr nicht mehr überreden könne, wieder eine Stolle zu backen.

Was mich so „unfreudig“ gestimmt hatte war die Tatsache, dass sich meine Mutter bester Gesundheit erfreut. Sie ist aber auch ein sehr klar denkender Mensch, der Tatsachen anspricht und ehrlich damit umgeht. Also auch, dass sie älter wird und manche Dinge ihr nicht mehr von der Hand gehen wie früher. So auch das Backen der Stollen für fünf „Kinder“ zu Weihnachten. Unterschwellig war aber auch eine andere Botschaft damit verbunden, die sich für mich durch dieses ganze Jahr zieht. Ich muss bereit sein mich von Menschen zu verabschieden. Akzeptieren, dass Menschen sich auf die letzte Lebensphase vorbereiten. Damit verbunden auch annehmen, dass dieses Thema für mich persönlich näher kommt. Ein sehr unbequemes Thema, wenn man eigentlich Mitten im Leben steht.

Im Juni haben wir die Schwiegermutter auf andere Weise verloren. Sie ist in die Demenz gefallen, das hatte ich in diesem Beitrag schon einmal beschrieben. Die ersten Wochen und Monate waren sehr schwer und wir mussten lernen damit umzugehen. Demenz muss man erleben, sonst kann man sich schwer vorstellen, wie sich die betroffenen Menschen verändern. Dabei haben wir es noch relativ gut getroffen, da sie zweihundert Meter weiter im Seniorenheim sehr gut untergebracht ist. Es fällt uns dennoch immer schwer sie zu besuchen. Ein Teil in uns möchte, dass es wieder so wie früher wird und der andere Teil beobachtet sehr realistisch, dass sich diese einst starke Frau immer weiter von uns entfernt. Sie wird kleiner, transparenter, leiser, zärtlicher, dankbarer … weniger!

Ich habe ihr eine kleine Nikolaustüte gepackt. Ein Schokoladen-Nikolaus, ein Schoko-Glückskäfer (den sie uns immer schenkte) und dann noch jeweils eine Klappdose mit Bonbons und eine mit kandiertem Ingwer. Ich war gespannt und diesmal fiel es mir nicht so schwer sie zu besuchen, hoffte ich doch, dass sie diese Dinge erkennt und sich freut. Normale Tüten zu öffnen und schließen geht mit ihren Fingern nicht mehr. Ich zeigte ihr, wie sie die erste Dose auf bekommt. Auf die Frage, ob sie weiß, was es ist, meinte sie: „Na diese Bonbons, diese Ca… , diese mit Lakritz.“ und ich sagte „Ja, Cachou-Bonbons!“ Sie nahm ganz schnell die zweite Dose in die Hand, die sie selber öffnete. „Ach, Ingwer!“ und schon war der erste in ihrem Mund. Ihr Lächeln war mehr als 1000 Goldstücke wert. Nach einem schönen Spaziergang mit ihr, ging ich einigermaßen zufrieden nach Hause. Nur einigermaßen zufrieden, weil sie mir im Gespräch wieder gesagt hatte, dass sie manchmal nicht mehr aufwachen möchte. Das tut weh. Zufrieden, weil ich gesehen habe, dass sie sich über Kleinigkeiten freut und ich aktiv etwas tun kann. Cachou-Bonbons und Ingwer, die sie immer liebte, sind offensichtlich noch in ihrer Erinnerung wach. Wer weiß, wie lange noch.

Abschied hat immer etwas Schweres in sich, ob plötzlich oder langsam, spielt keine große Rolle dabei. Man kann etwas nicht wieder zurückholen, es ist endgültig und die Angst, was diese Veränderung mit sich bringt und die verbundene Ungewissheit doch groß. Ein Kollege hat kürzlich seine Mutter verloren. Sie war friedlich eingeschlafen, was sicherlich tröstlich war, aber damit ist für ihn die ganze Elterngeneration weggebrochen. Er hat am Tag der Beerdigung einen sehr schönen, ergreifenden Nachruf an seine Eltern veröffentlicht. Ich habe ihn sehr bewundert dafür, weil er offen über seine Trauer sprach, dennoch seine Dankbarkeit zu Ausdruck brachte und seine Verbundenheit und Liebe zeigen konnte. So hat er seinen Söhnen vermittelt, was er selber an Erziehung erfahren hat, was er an Erziehung den Söhnen weitergeben wollte und die Söhne dies in ihre Kinder weitergeben können. Trotz aller Trauer hat er einen Weg aufgezeigt, wie seine Eltern weiterleben in der Erinnerung und der Erziehung der Kinder in dieser Familie.

Es geht immer weiter – anders halt, aber es geht! Manchmal schwer, manchmal leichter … mir ist bewusst, dass ich die Veränderungen nicht aufhalten kann. Will ich auch nicht, genauso wenig wie ständig daran denken. Oder durch so eine Mail mit einer Mohnstolle daran erinnert werden. Lieber konzentriere ich mich auf das Jetzt. Überlege, wie ich die Zeit, die ich z.B. mit der Schwiegermutter noch habe, nutzen kann. Wie ich mich auf Veränderungen vorbereiten und wappnen kann. Genauso wie ich bereit sein muss, mich von Menschen zu verabschieden, muss ich bereit sein, Menschen in meinem Leben zu begrüßen. Was steht mir noch mit meinen Kindern bevor? Ich bin so dankbar, dass ich sie um mich habe, sind sie doch ein entscheidender Motor für mein Leben. Ich freue mich auf neues Leben, denn sicherlich werde ich in vielen Jahren auch einmal Oma sein. Erst einmal werde ich Tante – im nächsten Mai bekomme ich eine Nichte oder einen Neffen. Mein jüngster Bruder wird das erste Mal Vater und die Familie wächst weiter. Ein absoluter Grund für Optimismus – so eine große Freude für uns alle.

In diesem Jahr genieße ich die letzte, von der Mutter gebackene, Mohnstolle, denn das Päckchen ist angekommen. Im nächsten Jahr … backe ich sicherheitshalber schon mal selber … oder schaffe es doch noch, sie wieder zu überreden! 🙂 Denn es gibt einfach Gerichte und Gebackenes, die bei aller Mühe nicht so schmecken wollen, wie es zuhause einmal war!

 

 

 

Geboren vor fast 100 Jahren

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Der Versailler Friedensvertrag tritt am 10. Januar in Kraft. Deutschland leidet unter dem schwierigen Wiederaufbau nach dem Krieg und durch die immensen Reparationsleistungen, die aufgrund des Vertrags erbracht werden müssen. Es herrscht Mangel unter dem die Menschen leiden. Die NSDAP wird gegründet. Der Kapp-Putsch treib Parteien und Gewerkschaften auf die Straße. Es ist das Jahr 1920, das Geburtsjahr von Heinz Rothe, in dem seine Kindheit begann. In diesem Jahr wird er am 27. November 94 Jahre alt und trotzdem erinnert er sich an die Kindheit, als wäre sie gestern erst gewesen. Eine Kindheit, die mit den heutigen Kindertagen so wenig Gemeinsamkeit hat.

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Heinz Rothe wird in der Kaserne des Gardeschützenbataillons im Gardeschützenweg, der früheren Steglitzer Straße in Lichterfelde geboren. Der Vater war Berufssoldat, arbeitete dort in der Bataillonsschmiede, die er als Feldwebel leitete und so konnte die Familie eine kleine Dienstwohnung beziehen. Das Kasernenleben wurde eine der prägendsten Erinnerungen für Heinz Rothe. Für den Jungen gehörte das Militär zum gewohnten Bild, lebte er mit den Eltern ja mitten im Kasernenalltag. Exerzierende oder Sport treibende Soldaten, Militärmusik, Paraden, gehörten genauso dazu wie Uniformen und ein korrekter Gruß unter den Männern. Wollten die Eltern ins Theater gehen, wurde der Junge im Kinderbett in die Stube des Feldwebels geschoben, wo er schlief bis die Eltern heimkehrten. Und später als er auf Entdeckungsreise ging, wurde die ganze Kaserne ein riesengroßes Abenteuerland für ihn. Es gefiel ihm natürlich, bot die Kaserne doch alles, was kleine Jungen sich in der Zeit für heldenhafte Abenteuer ausdachten. Er wurde immer fündig in der Schmiede, der Tischlerei und selbst die Kleiderkammer bot mit Schulterklappen und Knöpfen viele Möglichkeiten, sich Geschichten auszudenken. Heinz Rothe erinnert sich an ein Schaukelpferd, das mit echten Fellen und einem richtigen Sattel ausgestattet war. Eine Eisenbahn mit Dampfmaschine und ein Bahnhof aus Blech gehörte zu seinem Spielzeug. Für zehn Pfennig konnte er sich fünf Zinnsoldaten kaufen und sich mit ihnen in sein Spiel vertiefen. Brauchte er einen Groschen, ging er zu den Soldaten bei denen er für ein ordentliches Lied das Gewünschte bekam und beim Bäcker gegenüber der Kaserne in einen Lutscher, Gebäck oder ein paar Bonbons tauschen konnte. Seine Freunde kamen gerne zu ihm in die Kaserne, in der es immer etwas Spannendes zu erleben gab.

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Mit den Eltern hat er kaum gespielt, wenn eher mit der Mutter. Den Vater sah er eher wie einen großen Bruder an, war er doch sehr beschäftigt. Die Mutter war auch die strengere von beiden, die durchaus mal den Kochlöffel gebrauchte. Hatte er sich bei den Aufgaben verschrieben, kannte sie kein Pardon und riss ihm die Seite aus dem Heft. An die Weihnachtsfeste kann er sich gut erinnern, aber sie wurden doch ganz anders als heute gefeiert. An Wachskerzen und viel Lametta erinnert er sich. Das besondere am Fest war jedoch mal eine Dose Sprotten oder eine Kiste Mandarinen, das war eben so in der kargen Zeit. Dabei ging es der Familie noch gut, denn hin und wieder kam es vor, dass einer der Soldaten, der die Bügelhilfe der Mutter zu schätzen wusste, mit einem Fasan oder einem Huhn vorbeikam.

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1927 konnte die Familie in ein Zweifamilienhaus der Genossenschaft Lankwitz umziehen. Der Vater war in der Zwischenzeit Beamter geworden und hatte Anspruch auf diese Wohnung. Für Heinz Rothe begann in diesem Jahr zusätzlich die Schulzeit. Die Paul-Schneider-Schule sollte für die nächsten Jahre sein Leben prägen. Dies besonders in der Person des Lehrers Paul Hiller. Eine Klasse mit 42 Schülern leitete er nach seiner Lehrerauffassung. Paul Hiller habe ihn den Grundstock für’s Leben gegeben, sagt Heinz Rothe, ein Lehrer, der auf Disziplin setzte, durch aus den Rohrstock gebrauchte, dennoch gerecht und korrekt war. Die Zeichnungen aus der Schulzeit hat Heinz Rothe noch alle zuhause. Sieht man sie durch, erkennt man auf den ersten Blick, wie korrekt die Aufgaben von den Schülern durchgeführt werden mussten. Später ging er auf das Tannenberg-Gymnasium, derzeit eine reine Jungenschule, auf der er 1939 das Abitur machen konnte. Da er vom Elternhaus her zur minderbegüterten Klasse gehörte, konnten sich die Familie das Schulgeld von 15 Reichsmark leisten, was nicht vielen Schülern möglich war. Von 1934 gehörte Heinz Rothe der Hitlerjugend an. Das erzählt er ohne besondere Scheu, denn dort wurde den jungen Leuten das geboten, was sie suchten. Jeden Mittwoch gab es einen Heimatabend, bei dem von 16.00 – 18.00 Uhr Lieder gesungen wurden, sie konnten an Zeltlagern und vielen Dingen, die Jugendliche in dem Alter gerne machten, teilnehmen. Politische Richtungen waren kaum Inhalt der Aktivitäten, galt es zunächst nur Bindungen zu schaffen und die Jugendlichen für gemeinsame Ziele zu begeistern.

Nach dem Abitur begann für Heinz Rothe der Arbeitsdienst und später wurde er Offizier. Die Kindheit und das Elternhaus hatten sein Leben militärisch geprägt, in einer Zeit, in der dem Militär ein hohes gesellschaftliches Ansehen entgegen kam. Mit dem Jahr 1939 hörte die Kindheit für ihn auf, die später in Kriegs- und Gefangenschaftserlebnisse münden sollte. „Ich habe überlebt!“ heißt sein Buch in dem er diese Lebensphase schildert und verarbeitet. Er hat den Weltkrieg überlebt, konnte nach sechs jähriger Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion am 4. Mai 1950 in ein zerstörtes Deutschland zurückkehren. Der Vater war erschossen worden und um die Mutter nicht alleine zu lassen blieb er bei ihr. Er wurde Beamter und später Zollrat – Leiter der Zentralstelle für alle Meldungen, die von den Zollbeamten an der Grenze als „ Auge und Ohr“ fernmündlich ihm zugeleitet wurden. Heinz Rothe kann sein ganzes Leben belegen – in Bildern, Berichten, Ausweisen, Briefen, Urkunden und vielem mehr. Er ist Zeitzeuge für den BND, bei dem er jüngst einen Vortag in seinem Geburtszimmer halten durfte. Zeitzeuge für die Olympiade 1936 in Berlin, für die 700 Jahr Feier der Stadt Berlin, für die Paul-Schneider-Schule, die frühere Tannenberg-Schule (dem heutigen Willi-Graf-Gymnasium) und vieles mehr. Was besonders beeindruckt, ist sein waches Erzählen und der Wunsch auch noch eine 100 als Geburtszahl zu erreichen. Das was er aktiv erlebt hat, können die meisten von uns nur noch aus den Geschichtsbüchern erfahren. Ein großartiger Mann und beeindruckender Zeitzeuge!

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Das Buch „Ich habe überlebt“ ist persönlich bei Heinz Rothe für 16 Euro, Telefon 030 7 72 24 51, erhältlich.

Stadtteilzeitung Steglitz-ZehlendorfNr. 183 • Dezember 2014

Der Kitaleiter und das Spiel …

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Erst mit fünf Jahren kam er in die Kita und war anderes Spielen gewohnt. Sie mussten dort komische Lieder singen und Spiele spielen, die er nicht mochte. Er fühlte sich eingeengt und es war ihm zu streng, deshalb denkt nicht gerne an seine Kindergartenzeit zurück. Zuhause hatte er die richtige Umgebung dafür, da war es anders: Fünf Geschwister, Nachbarsfamilien mit vielen Kindern, Felder, Wald und die Freiheit, ungestört die Welt zu entdecken. Heute leitet er selber einen Kindergarten und bewahrt sich dabei immer sein Bild vom freien Spiel, das er so mochte. Werner Luff leitet die Kita Lankwitzer Maltinis, die im August 2013 eröffnet wurde. Er organisiert und koordiniert den Tagesablauf von 88 Kindern und 16 Erzieherinnen. Das ist eine große Aufgabe, wenn man sich selber den Anspruch gibt, dass diese Kinder einmal sehr gerne an ihre Kitazeit zurückdenken sollen.

Hätte sich der Vater durchgesetzt, wäre er Kaufmann geworden. Doch dieser Beruf füllte ihn nicht aus. Als eine Schwester ein Kind bekam, sich vom Kindsvater trennte, bat sie ihn um Unterstützung bei der Kindererziehung. Diese Unterstützung ließ ihn merken, dass der Kontakt zu Kindern, das soziale Arbeiten, sehr entgegenkam. Mit dem Musterungsbescheid stand fest, dass er Ersatzdienst leisten wollte, den er in der Altenpflege absolvierte. Auch hier fühlte er sich im sozialen Dienst sehr wohl, dennoch war seine Affinität zu Kindern stärker als zu älteren Menschen. Es war eine wohlüberlegte Entscheidung in der Folge eine Ausbildung als Erzieher im Pestalozzi-Fröbel-Haus zu machen. Ein Mann als Erzieher war zu seiner Ausbildungszeit schon eine Besonderheit und Werner Luff war dankbar, dass er dennoch mit vier männlichen Kollegen lernen durfte. Wie besonders ein Mann als Erzieher war, merkte er später als er sich um Arbeitsstellen bewarb. Dort passierte es ihm, dass ein Arbeitgeber sich in keiner Weise für seine Qualifikationen interessierte, sondern allein sein männlicher Status für eine Anstellung ausreichen sollte. Er trat die Stelle nicht an. Eine andere Arbeitsstelle als kommissarischer Kitaleiter ließ ihn später jedoch merken, dass ihm seine Ausbildung nicht ausreichte. Als beruflich qualifizierter Bewerber ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung konnte er das Studium für „Kleinkindpädagogik“ antreten. Parallel arbeitete er in der Krankenpflege und absolvierte Zusatzausbildungen in Studiums- und Informationsmanagement und Medienpädagogik. Danach blieb er an der Universität, zertifizierte mit seinem Professor Kindergärten und konnte seine Kenntnisse im IT-Bereich einbringen und festigen.

Mit der Geburt der zweiten Tochter ging er in die Elternzeit. Der Vertrag mit der Uni lief aus, aber sein Entschluss lieber wieder in der Praxis zu arbeiten stand schon fest. Nun hatte er das notwendige theoretische Rüstzeug und zugleich die Erfahrung als Erzieher. Er kannte einerseits die Alltäglichkeiten, Sorgen und Nöte der ErzieherInnen und konnte andererseits die übergeordnete Organisationsstruktur, Mitarbeiterführung und den pädagogischen Anspruch dafür bieten. Er arbeitet nicht mehr direkt in einer Gruppe mit Kindern, aber Kontakt hat er doch mit allen. Wenn er auftaucht muss er oft Fragen beantworten, wann sie wieder gemeinsam spielen oder zusammen Waffeln backen. Dieser Kontakt ist ihm sehr wichtig, begeistert ihn doch bis heute das Urvertrauen, dass Kinder entgegenbringen können.

Was für ihn „Kindheit“ bedeutet, beantwortet Werner Luff damit, dass dies der Zeitraum ist, in dem Kinder alles ausprobieren dürfen. Sie können probieren, staunen, neugierig sein, erforschen, abschauen und besonders spielen, ohne in einen engen Tagesablauf gepresst zu sein. In Rollenspielen soziales Miteinander üben, sich in einer Gruppe positionieren, sich trauen verschiedenste Dinge zu machen, ihre Identität finden … viele lebensentscheidende Aspekte werden in der Kindheit gelegt, die mit freiem Spiel verbunden sind. Werner Luff glaubt, dass vielen Eltern nicht bewusst ist, wie wichtig das Spiel an sich für Kinder ist. Er fremdelt selber in Wohnungen, in denen Kinder leben, die aber vollkommen aufgeräumt sind. Auch das müssen Kinder natürlich lernen, aber ohne Hilfe und mit geduldigen Vorbildern. Das Spiel legt die Grundlagen für jegliche motorischen, sensitiven und emotionalen Handlungen und ist so bessere Vorbereitung für ein Leben, als ein strenges Korsett von allen möglichen Frühförderungen. Die Welt ist heute schon anders, sagt er. Die Kinder, besonders in der Stadt, können nicht einfach unbeaufsichtigt stundenlang im Freien spielen, dennoch sollten sie ein höchstmögliches Maß an Freiheit und Entfaltungsmöglichkeiten behalten.

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Jedes einzelne Kind ist für Werner Luff eine Persönlichkeit, deren Gefühle und Meinungen er sehr ernst nimmt. Über genaues Hinhören und Beobachten möchte er Kinder in ihrer persönlichen Entwicklung nach ihrem Zeitmaß fördern und ihnen motivierende Anregungen geben. Für die eigenen Töchter gilt natürlich das gleiche, wie für die Kitakinder. Er weiß, dass er seinen Töchtern Freiräume geben muss, ihnen vertrauen kann und Dinge zutrauen darf. Dennoch geht den eigenen Kindern immer ein väterlich besorgter Blick hinterher, fällt das Loslassen doch manchmal schwer. Er wünscht ihnen, dass sie sich an eine tolle Kindheit erinnert, trotz ihn, den Pädagogen, als Vater. Droht die kleine Tochter ja doch hin und wieder, dass er, der Vater, kein Sandmännchen sehen darf, wenn er ihr Missfallen erregt.

In der Kita Lankwitzer Maltinis ist das erste gemeinsame Jahr geschafft. Ein Team hat sich gefunden, ein geregelter Auflauf findet statt, eine Gemeinschaft hat sich gebildet und mit dem diesjährigen Laternenfest beginnen die Wiederholungen und Routine im Kitajahr. Was ihn von Anfang an in dieser Kita begeistert hat, sind die Freundlichkeit und der wertvolle Umgangston untereinander. Das findet er, ist das Besondere hier, das Kindern, Eltern und den ErzieherInnen, immer ein gutes Gefühl auf den Weg mitgibt.

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Stadtteilzeitung Steglitz-ZehlendorfNr. 183 • Dezember 2014

Wir können die Welt ändern

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Momentaufnahme: Vor mir sitzt eine rebellische 17-jährige und verteidigt ihre Argumente ohne Rücksicht auf Verluste. Eigentlich ärgere ich mich, weil ihre Argumente gefühlt die besseren sind, ich aber in meiner elterlichen Vernunft gefangen bin. Insgeheim freu ich mich unheimlich, dass wir ein Kind erzogen haben, das so engagiert und stark argumentiert – auch wenn es sich gegen unsere „erwachsene“ Sicht der Dinge richtet.

Wir saßen wieder beim Abendessen. Für uns alle die wichtigste Mahlzeit am Tag. Auch wegen der Nahrungsaufnahme, wichtiger ist jedoch, einmal am Tag zusammenzusitzen, besprechen was erlebt wurde, was beschäftigt, was anliegt. Die Tochter bat den Vater um Hilfe, weil sie eine Geschichtshausaufgabe über die Ferien schreiben müsse. Eine Argumentation für und wider den Ersten Weltkrieg. Und wie so oft – wir sind alle Liebhaber historischer Vorgänge – waren wir sofort in einer Diskussion. Vornehmlich ging es darum, Argumente für etwas zu finden, zu dem man im Grunde die Gegenposition vertritt. Also in diesem Fall Argumente für den Ersten Weltkrieg, obwohl wir gegen Krieg überhaupt sind. Nicht leicht, auch für Erwachsene nicht.

Wir diskutierten und diskutierten, zogen andere Beispiele heran und waren mit einem mal bei dem Thema gelandet, ob Homosexualität schon Bestandteil des Lehrplans einer Grundschule sein sollte. Ich werde nicht alles wiedergeben. Es zeigte sich jedoch bald, dass unsere Kinder eine ganz andere Position als wir Eltern einnahmen. Die ältere Tochter unterstützte die Jüngere, jeder kämpfte mit der Regel, den anderen ausreden zu lassen, Argumente wurden aufgegriffen um widerlegt zu werden – es war heftig. Aber – die Kinder vertraten einen guten Standpunkt, der mich später sehr ins Grübeln brachte. Die Vehemenz mit der die Töchter ihre Position verteidigten und die Energie, die dahinter stand, beeindruckte mich nachhaltig und rief Erinnerungen wach.

Ich war genauso und befürchte, an einem Teil der grauen Haare meiner Mutter bin ich schuld. Als Jugendliche war ich frech, manche nannten es vorlaut oder schlagfertig. Ich habe meine Meinung laut und auch ungefragt geäußert, habe mich immer gemeldet, wenn ich Ungerechtigkeit spürte und liebte Weltverbesserungsdebatten. Ich war auch nicht gerade ein Liebling mancher LehrerInnen, denn die mögen es oft gar nicht, wenn man ehrlich sein Denken in die Runde gibt. Da ich eine (sagen wir nett) bequeme Schülerin war, waren die Noten nun nicht so die besten. Aber immerhin, ich habe es geschafft das Abitur zwischen Bequemlichkeit und freier Meinungsäußerung zu meistern. Durch die Zeit wurde ich natürlich ruhiger, bzw. habe ich gelernt, dass es manchmal doch besser ist den Mund zu halten und diplomatisch abzuwägen, was gesagt werden sollte oder was zu dem wunderbaren Lied „Die Gedanken sind frei!“ passt – übrigens bis heute eins meiner Lieblingslieder. Auch ändert man Ansichten, wenn sich die Lebenssituation ändert, Erfahrungen dazu kommen oder man einfach älter wird. Aber hin und wieder ist sie noch da – die Schlagfertigkeit – eine Bemerkung findet ihren Weg zu fremden Ohren und ich denke „Konntest du den Mund wieder nicht halten“.

Heute denke ich manchmal „Kind – halte doch einfach den Mund!“ – was natürlich so ganz nicht stimmt. Wir haben uns mehr oder weniger bewusst den schwierigsten Erziehungsweg ausgesucht. Wir haben unsere Kinder dazu erzogen, ihre Meinung frei und offen zu sagen. Ihnen gesagt, dass sie egal wo und zu wem, alles sagen dürfen was sie denken, solange sie die Grenzen des Respektes einhalten. Tun sie das, stehen wir hinter ihnen. Sie haben es beherzigt – sie sagen ihre Meinung. Da aber Menschen unterschiedliche Ansichten haben, was Grenzen des Respekts sind, hat uns diese Erziehungsart schon unzählige LehrerInnengespräche eingebracht. Zudem richtet sich diese freie Meinungsäußerung natürlich manchmal gegen uns selber, wie zum Beispiel in der oben beschriebenen Diskussion – es wird härter. Ein Argument der älteren Tochter war, dass sie den Satz „Es ändert sich so schnell sowieso nichts“, nicht mehr hören könne. Dann könne man auch jeglichen Fortschritt, jegliche Bewusstseinsänderung vergessen. Dazu kann ich nur sagen: „Kind, du hast recht“!

Später, als ich darüber nachdachte, kam mir ein schöner Gedanke: „Ja, wir können die Welt ändern“. Mir gehen ja auch frustrierte Menschen auf den Wecker, die lieber leiden als sich neue Wege zu suchen – die lieber schimpfen, als sich Lösungen auszudenken – die lieber alles lassen, wie es ist, als aktiv an Veränderungen teilzuhaben. Wir können selbstbewusste junge Menschen erziehen, die ihre Meinung äußern und Veränderungen in der Gesellschaft fordern. Wir können sie dabei unterstützen, ihren jugendlichen Elan zu erhalten und ihre Sicht der Welt zu behalten. Und wenn wir gut und offen sind, hören wir zu, was sie zu sagen haben und lernen von ihnen.

Die Diskussionen mit meinen Töchtern finde ich immer sehr spannend. Manchmal sind es anstrengende Gespräche und hin und wieder gebe ich zu, bin ich grummelig, weil sie an Punkten recht haben, die für mich unbequem sind. Aber ich kann nicht das eine wollen (selbstbewusste Kinder) und damit verbundenes ablehnen (selbstbewusste Kinder, die recht haben). Und ich wäre dumm, würde ich mich ihren Argumenten verschließen. Hin und wieder geben sie ja auch zu, dass die Mutter oder der Vater recht hat. Natürlich nicht so gerne, aber wenn ich ins Feld führe, dass sich ihre Sicht der Dinge ändern wird, wenn sie zum Beispiel selber Kinder haben werden, ist das nun mal nicht von der Hand zu weisen.

Entscheidend ist, das wir im Gespräch bleiben. Dass die Jungen von den Erfahrungen der älteren Menschen profitieren, aber auch, dass sich die Älteren von den Ideen der jungen Menschen anstecken lassen. Dann wird ein Schuh draus und die Welt vielleicht ein klitzekleines bisschen besser! 🙂

Und nun … Diskussion frei …

Generationswechsel …

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Ich gebe zu, dass ich diesbezüglich gedankenlos war oder blauäugig könnte man es auch nennen. Denke jedoch eher, ich wollte mich nicht damit auseinandersetzen. Wollte, dass es immer so bleibt, wie es ist. Ich wollte die Vorzüge genießen, erwachsen zu sein und dennoch hin und wieder in die Rolle des Kindes zurück schlüpfen zu dürfen. Wollte eigenständiges und freies Handeln und Entscheiden bewusst ausüben und mich trotzdem von den Älteren, den Menschen mit mehr Lebenserfahrung, beraten und mich von ihnen unterstützen lassen. So wie es immer war. Eine, wie ich finde, sehr angenehme Lebensphase, deren Endlichkeit nun absehbar ist. Ich muss endgültig erwachsen sein. Ein Generationswechsel steht uns bevor.

Abschiede kündigen sich an. Keine vorübergehenden, sondern endgültige Abschiede. Abschiede von Menschen, die mich mein Leben lang begleitet haben. Natürlich habe ich hin und wieder darüber nachgedacht, dass ich älter werde. Aber ich lege keinen besonderen Wert darauf, jung sein zu müssen, weshalb mir dieses Thema zwar bewusst, aber nicht wichtig ist. Ich genieße es sogar ein „gewisses“ Alter zu haben. Was ich dabei völlig außer acht gelassen habe ist, dass die Menschen um mich herum ebenso älter werden. Menschen, die immer für mich da waren. Menschen, die immer dazu gehörten und mit meinem Lebensweg eng verbunden sind. Wichtige Menschen für mich.

Vor 15 Jahren musste ich mich schon einmal damit auseinander setzen. Mein Vater starb innerhalb eines halben Jahres an Krebs. Das traf uns unvorbereitet und viel zu früh. Ich selber habe zwei Jahre gebraucht, bis ich wieder richtig auf den Füßen stand und das verkraftet hatte. Bereit war, mein Leben weithin ohne ihn anzunehmen und meine Wut, dass mein Großvater viel älter werden durfte als er, beizulegen. Mit der Zeit habe ich ein sehr tröstliches Verhältnis zu diesem Verlust aufbauen können und lasse mich weiterhin in Gedanken von ihm begleiten.

Nun kündigen sich weitere Abschiede an. Meine Schwiegermutter haben wir in den letzten Wochen wegen eines Infarkts und dessen Folgen in einem Seniorenheim bringen müssen. Wir sind froh, dass sie uns erkennt, nur Zeit und Raum gehören nicht mehr in ihre Welt. Wir können sie besuchen, mit ihr sprechen, sie sehen und in den Arm nehmen. In den Arm nehmen … etwas, was die gesunde Frau nur zögerlich zuließ. Ein langsamer Abschied von einer starken Frau. Und immer noch mit dieser neuen Familiensituation beschäftigt, erreichen uns die nächsten Nachrichten von Verwandten, die zur älteren Generation gehörend ihr Leben nicht mehr alleine führen können. Ein Onkel, der auch eine Pflegestufe benötigt und eine Tante, die einen längeren Krankenhausaufenthalt überstanden hat. Wir haben eine wirklich sehr große Familie … aber das reicht für’s erste an Nachrichten.

Erstaunlicherweise hat mich die Nachricht von der Tante so verstört und nachdenklich gemacht. Bei ihr und meinem Onkel habe ich meine erste Ausbildung gemacht. Sie hatte einen Verlag und er eine Werbeagentur. Ich lernte bei ihm und habe dort eine wirklich solide Grundlage für meinen Beruf bekommen. Das ist richtig viele Jahre her und ich war ihm immer dankbar und verbunden dafür. Das besondere daran ist heute, dass diese Tante und dieser Onkel 94 und 93 Jahre alt sind. Ein verheiratetes Paar, dass sich im Restaurant immer noch streitet, wer die Rechnung bezahlen darf. Als ich hörte, dass sie im Krankenhaus liegt und es anfänglich schlecht aussah, war ich erst erstaunt und dann fast empört. Meine Welt ohne sie  – für mich unvorstellbar. Im zweiten Moment erst merkte ich, dass meine Empörung völlig absurd ist. Sie sind 94 und 93 Jahre alt – wer darf das gemeinsam bei relativer Gesundheit erleben?

Ich muss mich bereit machen, mich trennen zu können. Muss akzeptieren, dass die Zeit ihren Tribut fordert und meinen eigenen Wunsch hinten anstellen, dass alles so bleibt, wie es ist. Muss für die anderen, die gehen müssen, bedenken, was das Beste für sie ist. Ich möchte meine Erinnerungen bewahren und einpacken, möglichst an einem Platz, wo sie sich mit der Zeit nicht verklären und ändern können. Und schließlich muss ich mich vorbereiten in ihre Reihen zu treten. In die Reihen der Ältesten der Gesellschaft, in denen wir diejenigen sein werden, die Halt, Zuversicht und Unterstützung geben. Letztlich muss ich mich der Verantwortung den Jüngeren gegenüber stellen und ihnen das bieten, was ich an den Älteren so liebe, die mich und meine Geschichte kennen. Ich muss mich bei ihnen nicht verstellen und verbiegen und sie geben mir den Halt, den speziell ich benötige. Den Halt, den ich künftig aus eigener Kraft aufbringen muss.

Das Schöne daran ist, dass ich das alles nicht alleine erleben muss. Ich habe einen Mann an der Seite, viele gleichaltrige Verwandte, Geschwister, Cousinen, Cousins und viele Freunde. Ich werde mich an die neue Rolle gewöhnen. Werde in Gedanken damit spielen, was der ein oder andere, der gehen muss oder musste, wohl für einen Rat gegeben hätte und mich an sie erinnern. Wir werden nun die Generation, die sich kümmert, die pflegt, regelt, entscheidet, trauert, erinnert und die letzten Reste des Kind-Seins aufgeben wird.

Generationen wechseln – natürlich – zur Zeit erlebe ich das sehr bewusst. Einerseits mag ich nicht so richtig daran denken, andererseits möchte ich es als Natürlichkeit annehmen. Ich kann es nicht aufhalten und weiß, dass es noch sehr oft weh tun wird. Und trotzdem, je mehr es mich beschäftigt, desto stärker wird mein Hunger auf’s Leben. Auf das Hier und Jetzt, meine Kinder und Familie, die Freunde, die Arbeit, das Lachen und die Neugierde, die mich jeden Morgen neu antreibt. Die Vorstellung, was diejenigen, die gehen werden, von mir erwarten würden, wird mein Antrieb sein. Lebensbejahend, positiv und optimistisch … bereit ihre Kinder und Kindeskinder zu stützen.

Liebe mit 70+

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Mohnblumenfeld in Spanien

Die Liebesgeschichte begann eigentlich mit einer Trennung, wenn auch noch Jahre vergehen mussten, bevor sie begann. Nach 40 Jahren Ehe verstarb der Ehemann und die Frau, die nie alleine gewesen war, war erstmalig alleine für ihr Leben verantwortlich. Witwe mit 58 Jahren. Das erste Kind hatte sie mit 17 Jahren bekommen, eine Kinderhochzeit zur damaligen Zeit. Vier Jahre vor der Volljährigkeit war sie verheiratet und sozusagen vom Kinderzimmer direkt in die Obhut des Ehemanns gegangen. Es war eine gute Ehe mit vielen Höhen und Tiefen. Sie wurde geschlossen aus der Verpflichtung des Kindes wegen, war aber keine Liebesheirat. Am Ende standen Vertrauen, Respekt und Wertschätzung zwischen ihnen, ganz andere Werte und fünf erwachsene Kinder sowie eine gemeinsame Lebensleistung. 

Als junges Mädchen hatte sie in Sachen Liebe ein Schlüsselerlebnis. Die Damenschneider-Werkstatt in der sie lernte, bekam hin und wieder Besuch von einer Kundin. Sie kam immer in Begleitung ihres Partners oder Ehemanns. Während der Anprobe kokettierte die Dame mit ihren üppigen Rundungen, was dem Partner offensichtlich sehr gut gefiel. Er schwärmte immer davon, wie gut sie doch aussehe. So stellte sie sich die Liebe vor, in der man noch im Alter eine Begeisterung füreinander empfindet. Diese beiden waren später die einzigen, die ihr zu der frühen Schwangerschaft gratulierten.

Sie war Witwe – das erste Mal, dass sie selber, ohne Absprache, bestimmen konnte, wie sie ihren Lebensraum gestalten will. Einen neuen Partner wollte sie in keinem Fall. Sie wollte die Freiheit genießen und sich mit Dingen beschäftigen, die ihr selber wichtig waren. Sie wollte unabhängig ihre Tage gestalten, Reisen unternehmen, Freunde besuchen, selber entscheiden, welchen Film sie anschaute und einfach nur für sich sein. Das hatte sie vorher nie gehabt. Auch das fünfte Kind zog irgendwann aus und begann seinen eigenen Weg. Dann schließlich kamen die Tage, an denen sie alleine am Frühstückstisch saß, die Wochenenden, an denen keiner vorbeikam und Stunden, in denen sie mit niemandem sprach.

Sie begann Annoncen zu lesen, Zeit war ja da, und studierte die Partnerschaftsgesuche. Also doch? Nun ja, erst mal lesen bedeutet ja nichts, ganz unverbindlich einfach mal interessieren und schauen, ob nicht doch jemand Interessantes zu finden ist. Natürlich wurde sie fündig, denn eine Anzeige gefiel ihr recht gut. Es stellte sich jedoch schnell heraus, dass es sich dabei um eine Fangannonce einer Partneragentur handelte. Dennoch traf sie sich mit ein paar Herren, doch das Ergebnis war sehr ernüchternd. Der eine Herr suchte Gesellschaft, ein anderer wollte seine Porno-Sammlung vorstellen. Ein dritter wollte mit ihr nach Australien ausreisen, lebte selber aber schon im Seniorenheim. Ein weiterer hatte im Hinterkopf, seine Pflege für die beginnende Demenz zu sichern. Allen gemeinsam war der Wunsch ihre Lebensgeschichte zu erzählen, es gibt doch so viele einsame Menschen, aber ein so richtig interessanter Mann war für sie nicht dabei. Also lies sie es sein, das Leben konnte sie besser alleine gestalten.

Erstmal! Denn irgendwann saß sie wieder alleine beim Sonntagsfrühstück. Lass die Zeitung und landete doch wieder auf der Partnerseite. Dort lass sie eine außergewöhnliche Anzeige: Ein Glückssucher versprach kein Holzbein, keine Glatze und keine feuchten Hände zu haben. Fragte, wer Mut hätte zu schreiben. Den hatte sie, denn hier fand sie einen mit Humor. Um ein Foto bat er, dass er auch zurückschicken würde. Aussehen, Nationalität, Figur wären sekundär. Als Bild musste ein Passbildautomatenfoto reichen und schreiben konnte sie. So war die Antwort bald fertig und machte sich auf den Weg nach Spanien.

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Ihre Offenheit war es, die ihn wiederum antworten lies. Unter 436 Antworten auf seine Anzeige (man stelle sich den armen Briefträger des kleinen spanischen Ortes vor), war ihr Brief aufgefallen, der vielem entsprach, was er selber empfand. Und damit begann ein reger Briefwechsel. Die erwachsenen Kinder merkten natürlich eins nach dem anderen, dass sie sich veränderte. Die Laune war eine andere, das Lachen zog wieder in ihr Leben ein, die Fröhlichkeit wurde Begleiter. Alarmglocken klingelten bei allen Kindern, als sie nach zwei Brief wechselnden Monaten erzählte, dass er sich auf den Weg von 1600 km machen würde um sie kennenzulernen. Die zaghafte Frage, nach der Unterbringung des Mannes, beantwortet sie einfach: Sie hatten kein Hotel gebucht, er könne ihr gleich an der Haustür sagen, ob sie ihm gefiele oder nicht. Er blieb – für 14 Tag. Verließ für eine kurze Reise das Haus um nach weiteren 14 Tagen wieder da zu sein. Dann reiste sie – 1600 km zu ihm nach Spanien.

Das passierte vor fünf Jahren. Bis heute sind sie ein Paar – ein Liebespaar 70+. Die Kinder mussten sich daran gewöhnen, doch er machte es ihnen leicht ihn zu mögen. Dies war eine ganz andere Geschichte als die Geschichte mit ihrem Vater. Er tat nicht so, als hätte er kein Leben vorher gehabt. Seine frühere Ehe war glücklich, aber er sei nicht zum alleine leben geschaffen. Trotzdem war es teilweise schwer für die Kinder sich, ungeachtet des Erwachsenseins, daran gewöhnen zu müssen, dass die Mutter nun einen anderen Fokus hatte und das elterliche Haus nicht mehr das Haus von früher war. Mancher Unmut musste besprochen und behoben werden. Letztendlich aber zählt etwas ganz anderes. Sie ist glücklich, sie ist gesund, sie erlebt an seiner Seite Dinge, die alleine nicht möglich gewesen wären.

Sie sagt dazu, dass diese Liebe im Alter etwas Besonderes und Schönes sei. Beide müssen sich gegenseitig nichts mehr beweisen. Akzeptieren den Partner so, wie er nun mal ist – mit all seinen Ecken und Kanten. Mit 70 kann man niemanden mehr verbiegen und Kompromisse müssen geschlossen werden. Die grauen Haare, die Falten und der Bauch gehört ebenso dazu, wie die kleinen Macken, deren einzige Berechtigung das Alter ist. Aber, sagt sie, man muss sich auch selbst akzeptieren, so wie man ist, und wenn man den Jugendwahn die kalte Schulter zeigt, lässt sich manche Unebenheit durch hübsche Kleidung kaschieren. Und beobachtet sie ältere Paare, in den Straßen oder Kaffees, wenn sie sich unterhalten, dann wirken sie immer lebendig und vermitteln das Gefühl, sich noch etwas zu sagen zu haben.

So wie damals das Paar in der Damenschneider-Werkstatt, faszinierten sie auch immer schon die Gesichter und Hände älterer Menschen aus denen man viel lesen kann. Wenn diese älteren Menschen das Glück haben, jemanden lieben zu können, sie den Geruch des anderen wahrnehmen, den Kopf an den anderen anlehnen können oder beim Aufwachen dessen Hand spüren, gibt es dafür keinen anderen Namen als „Glück“. Diese Liebe und das Leben mit ihr – wird wertvoll durch Lob, Verständnis, Anerkennung und Dankbarkeit. Das jugendliche Schlüsselerlebnis wurde wahr.

Einzig eine Sorge begleitet diese Liebe im hohen Alter: Wie sieht die nächste Trennung aus? Wer bleibt, wer muss als erster gehen!

Rabenmütter … gibt es nicht

©-Kati-Molin-Fotolia.com

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Mit etwa 20 Jahren saß ich bei meiner Mutter in der Küche. In den Nachrichten berichteten sie von einem Fall, in dem einem Kind Gewalt angetan worden war. Sehr entrüstet äußerte ich, dass ich nicht verstehen könne, wie eine Mutter ihrem Kind so etwas antun kann. Meine Mutter kochte seelenruhig weiter und meinte nur: „Doch, ich kann es mir vorstellen. Es gibt Situationen in denen man einfach nicht mehr anders kann.“ Nun saß ich dort und wusste nicht, worüber ich mich mehr aufregen sollte. Über den geschilderten Fall aus den Nachrichten oder über meine eigene Mutter, die so eine Ungeheuerlichkeit geäußert hatte. 

Meine Mutter hatte etwas ausgesprochen, was für mich als ihr Kind nicht sein durfte. Ich fühlte mich persönlich verletzt und angegriffen. Ich wollte an dem Bild einer Idealmutter festhalten. Einer Mutter, die alles, aber auch alles für ihr Kind gibt und sich selber dafür in den Hintergrund stellt. Ich wollte an eine heile Welt glauben, in der Kinder sicher leben und Mütter aufopfernd und mit großer Fürsorge ihre Kinder großziehen.

Aber es gibt sie immer wieder, die Nachrichten von Kindern, die Furchtbares erleben müssen. Das Entsetzen darüber schlägt meistens in sprachlose Fassungslosigkeit um. Ist von Wut und Hilflosigkeit begleitet. Anders als bei Fällen, die Kindesmissbrauch zum Thema haben, hört und liest man kaum vorschnelle Urteile, die diesen Müttern jegliche Rechte und körperliche Unversehrtheit absprechen. Solche Fälle darf es in unseren Köpfen einfach nicht geben. Wir fühlen uns alle als Kind einer Mutter. Eine Mutter, die ihrem Kind nicht gerecht werden will oder kann, ist etwas was, das nach unserer Vorstellung gegen die Natur und gegen unser Wunschdenken geht.

Ich wurde selber Mutter, viele Jahre später. Machte eigene Erfahrungen als Mutter und musste mir eingestehen, dass es dieses Bild der Idealmutter nicht gibt. Ich erfuhr meine Grenzen, stellte fest, dass das „Mutter sein“ nicht vor Krankheit, Sorgen oder aufgebrauchten Kraftreserven schützt. Das Bild von Mutter und Kind, welches wir in den Medien, meist mit Weichzeichner, vermittelt und vorgespielt bekommen, ist nicht real. Doch niemand erzählt, wie es wirklich ist, wenn man Kinder hat. Die Gesellschaft möchte funktionierende Mütter, welche die eigene Belange auf Jahre hinten anstellen. Mütter, die für ihre Kinder die anderen Facetten ihrer Persönlichkeit ausblenden und diese erst nach Volljährigkeit der Kinder wie aus einem Dornröschenschlaf wieder erwachen lassen. Nur gibt es diese Mütter nicht, auch wenn es niemand hören möchte.

Man kann es nicht lernen – Mutter zu sein. Man kann sich in Kursen bestmöglich vorbereiten, meistens nur auf die Geburt. Man kann Fachbücher zu Rate ziehen, was man oft erst tut, wenn ein Problem auftaucht. Man kann um Rat bitten und bekommt erfahrungsgeprägte unterschiedliche Meinungen. Mutter wird man und ist es dann für immer. Und ist man erst Mutter geworden, stellt man fest, dass sich die eigene Geschichte, die eigene Erziehung, Erfahrungen, Gelerntes mit dem Alltag vermischen. Besonders am Anfang möchte man alles richtig machen und steht im Umfeld, mehr vor sich selbst, vor einem immensen Erwartungsdruck. Alles soll funktionieren, man möchte sich stolz zeigen, Anerkennung bekommen und alles richtig machen. So lange, bis irgendeine Komponente aus dem Gleichgewicht fällt.

Beginnend mit der Geburt … wer erzählt denn, dass es Wochenbett-Depressionen gibt? Dass das Stillen meist nicht auf Anhieb klappt. Dass Schmerzen noch eine Weile Begleiter sind? Dass nicht alle Babys wie Porzellanpuppen aussehen und Kinder am liebsten schreien, wenn Frau selber vor Müdigkeit kaum denken kann. Wer erzählt, dass es oft Situationen gibt, in denen man sich überfordert fühlt, nicht mehr weiter weiß, man vor Hilflosigkeit wütend wird? Wer gibt zu, dass es Momente gibt, in denen wir unser Kind in dem Arm halten, versuchen zu trösten, während das Kind in uns selber weint? Wer sagt, dass das alles normal und erlaubt ist? Wer berichtet von dem Quatsch, den sich Mütter bei Spielplatz-Gesprächen selber antun, in dem sie wetteifern, welches Kind sich schneller entwickelt? Von dem Wettrennen, welches Kind begabter ist und vor dem Schuleintritt schon lesen kann? Von den Endlos-Diskussionen unter Eltern verschiedener Ansichten? Von der Peinlichkeit, eine Therapie für das Kind suchen zu müssen? Von Schulproblemen, Pubertätsproblemen, dem ersten Liebeskummer, von Abgrenzung des eigenen Kindes zur Mutter. Das erzählt vorher keiner so genau und wir würden es sehr wahrscheinlich nicht hören wollen. Wir würden gerne so lange als möglich glauben, dass ausgerechnet wir die ideale Mutter sein können. Was passiert, wenn das Leben unseres Kindes unsere eigene Vergangenheit wieder zum Leben erweckt? Die Barrieren sind da, besonders wenn eigene Geschichte, schlechte Erfahrungen, elterliche Prägung sich mischt mit dem täglichen Erleben. Wenn Sorgen auftreten, partnerschaftliche Spannungen, Existenz-Ängste, Verlust-Ängste, das normale Leben auf harte Belastungsproben stellt.

In einem Gespräch mit einer älteren Frau sagte ich einmal, dass es meinen Kindern nur gut gehen könne, wenn es mir selber gut geht. Als Antwort bekam ich von ihr zu hören, dass eine Mutter sich gefälligst zusammen zu reißen und ausschließlich für die Kinder da zu seinen habe. Eine Ansicht, die mir als junger Mutter genauso erschreckend erschien, wie damals die Aussage meiner Mutter. Meine Perspektive hatte sich geändert. Ich hatte erfahren, was es bedeutet Mutter zu sein. Jede Mutter lernt schnell die Mauern kennen, die blockieren und den Alltag, die Harmonie zum Kind empfindlich belasten können.

Jede Mutter handelt aus ihrer eigenen Geschichte heraus. So hat meine Mutter fünf Kinder und die Endpunkte der Belastbarkeit in alle Richtungen erfahren. Die ältere Frau hatte ein Kind ohne Vater groß gezogen, in einer Zeit in der ein uneheliches Kind noch als Bastard galt. Beide sprachen aus ihrem persönlichen Erleben. Ich muss nicht ihrer Meinung sein, kann ihre Beweggründe aber verstehen und nachvollziehen. So haben auch Schuldzuweisungen oder Vorwürfe Müttern gegenüber nicht den geringsten Nutzen, denn jede kann nur so handeln, wie ihre momentane Verfassung und die Umstände es erlauben. Bevor man ein Urteil über eine Mutter äußert, sollte man sehr genau hinschauen, warum etwas so ist.

Es muss einer Mutter gesellschaftlich erlaubt sein, zu sagen „Ich kann nicht mehr!“. Es darf keinem Versagen gleichkommen, sich Hilfe zu holen. Hilfe gibt es, bei Ämtern, bei freien Trägern, Initiativen und im medizinischen Bereich. Nur um Hilfe annehmen zu können, muss ich mir bewusst machen, dass ich ein Problem habe und dieses Problem seine Berechtigung hat. Ich darf nicht dem Gefühl unterliegen, dadurch versagt zu haben. Die anderen, das Umfeld, sollten genau hinschauen. Fragen, wenn sich Unstimmigkeiten abzeichnen, Hilfe anbieten, Verständnis zeigen, hinschauen und nicht weggucken. Mütter zu unterstützen, ihnen eine solide soziale Basis zu ermöglichen, sie finanziell gut aufzustellen und ihre Leistung zu würdigen und anzuerkennen, ist der primärste Kinderschutz, den eine Gesellschaft leisten kann.

Die erste Frage, die sich eine Mutter stellen sollte ist: „Was kann ich für mich tun, damit es meinem Kind gut geht!“. Und noch ein kleiner Ausflug ins Tierreich – wussten Sie, dass sich Rabenmütter noch fürsorglich um ihren Nachwuchs kümmern, selbst wenn die Jungvögel aus dem Nest gefallen sind?

„Zur Erziehung eines Kindes braucht man ein ganzes Dorf.“ besagt ein afrikanisches Sprichwort – nicht Mütter alleine, wir alle stehen in der Verantwortung Kindern gute Mütter zu geben!

Leitartikel der Homepage des Stadtteilzentrum Steglitz e.V.
vom 19. Mai 2014

Das war’s – Leben mit der Bundeswehr

bundeswehr

Es gibt Dinge, die schon bei ihrer Einführung heftig umstritten sind und äußerst kontrovers diskutiert werden. Dazu gehört die Deutsche Bundeswehr. Für die einen ist sie Friedensgarant im eigenen Land, für die anderen ein Verein von Kriegstreibern, der längst abgeschafft sein müsste und schon gar nicht öffentlich auftreten sollte. Was sich bei allen Diskussionen kaum jemand klar macht ist, dass viele Familien mit der Bundeswehr leben. Und dies nicht erst seit dem es eine Verteidigungsministerin gibt, die diese Familien ob ihrem früheren Amt als Familienministerin in den Fokus gestellt hat. Diese Familien hat es seit Gründung der Bundeswehr 1955 immer gegeben, nur standen sie nie in der Öffentlichkeit.

Ich bin nie gefragt worden, ob ich etwas mit der Bundeswehr zu tun haben will. Ich wurde in die Bundeswehr hineingeboren und bin ein Bundeswehrkind. Mein Vater ging nach seinem Abitur in Berlin zur Bundeswehr. Seine Motivation war zum einen die Möglichkeit zu studieren. Durch den nicht lange zurückliegenden Weltkrieg waren die Mittel der Familie knapp und dort bot sich ihm die sonst nicht machbare Möglichkeit des Studiums. Der zweite Grund waren seine Erlebnisse mit dem Weltkrieg, der seine Kindheit bestimmt hatte und er diese nie wieder erleben wollte. Er wollte dazu beitragen den Frieden zu erhalten. So ging er, damals schon verheiratet und junger Vater, nach München und begann seine Laufbahn als Offizier.

Als Kleinkinder war uns der Zusammenhang zwischen dem Vater und seinem Beruf natürlich nicht klar. Eine Auswirkung dessen war, dass wir Kinder alle eine andere Geburtsstadt haben. Auch Jahre im Ausland, die eine sehr prägende Kindheitserinnerung sind, haben wir erlebt. Immer mehr ins Bewusstsein rückte die Zugehörigkeit zu dieser besonderen Gruppe als wir älter wurden und Oberschulen besuchten. Es war für uns Normalität den Vater in Uniform zu sehen. Das Leben mit der Bundeswehr überhaupt war Normalität, kamen doch die meisten Klassenkameraden ebenso aus solchen Familien. Es war normal, dass der eine Freund zuzog und der andere wieder wegziehen musste. Geschichten über Wehrübungen, Starfighter, über Beförderungen, Dienstgrade, Umzüge gehörten ebenso dazu wie ein sonntägliches Essen im Casino.

Und auch die Diskussionen über Bundeswehr waren so normal wie der tägliche Schulbesuch. Gerade im jugendlichen Alter, wenn politisches Denken beginnt und wenn sich Jugendliche von zuhause abgrenzen wollen, beginnen die Gespräche über Sinn und Unsinn des Ganzen. Diese Diskussion hat es immer in unserem Haus gegeben und jede Meinung wurde akzeptiert, solange sie respektvoll und begründet vorgetragen wurde. Meine Brüder sind nicht zur Bundeswehr gegangen, meine Schwestern haben Wehrdienstverweigerer geheiratet und trotzdem haben wir immer an einem Tisch gesessen, diskutiert, gelacht und die Welt verbessert. Ich habe damals, als es noch undenkbar war, mit meinem Vater gestritten, warum Frauen nicht zur Bundeswehr gehen dürfen. Für ihn als alten Offizier eine Unmöglichkeit, für mich eine Ungerechtigkeit. Damals hätte ich’s eventuell sogar gemacht, heute bin ich froh, dass der Kelch an mir vorbeiging. Wir Kinder sind zu den ersten Friedensdemo’s in Bonn gegangen und wir haben Gespräche erlebt, bei denen der Großvater (Heer), der Vater (Luftwaffe) und der Schwiegersohn (Marine) leidenschaftlich über politische Themen diskutierten.

Nach meinem Auszug zuhause ergab sich für mich ein anderer Weg, der die Verbindung zur Bundeswehr aufrecht erhielt. Viele Jahre fuhr ich als Betreuerin bei Jugendfreizeiten des Bundeswehr Sozialwerkes e.V. mit. Sehr viele Jahre später habe ich einen Berufssoldaten geheiratet. Warum ausgerechnet einen Soldaten, habe ich mich sehr oft gefragt. Letztendlich kann man sich die Liebe nicht aussuchen und es ist für mich, denke ich, die Verlässlichkeit und die Sicherheit, die ich sowohl beim Vater wie Ehemann immer gefunden habe. Ich habe gewusst, worauf ich mich mit dieser Ehe einlasse. Habe gewusst, dass Umzüge, Auslandseinsätze, Befremden von anderen und Diskussionen weiterhin zu meinem Leben gehören würden. Ich habe es nie bereut und wir hatten Glück. In unserer Ehe haben wir einen Umzug gemeinsam erlebt. Durch die Tätigkeit meines Mannes im Personalrat wurde es möglich, dass meine Kinder eine Grundschule und eine Oberschule besuchen konnten. Ich habe sechs Schulen bis zum Abitur mitgenommen. Es wurde möglich, dass ich durch die Ortsgebundenheit beruflich Fuß fassen konnte. Schließlich konnten wir uns über die Jahre ein festes soziales Gefüge aufbauen und ein Gefühl von Zuhause an einem Ort erleben. Eine Seltenheit bei der Bundeswehr, die ich in Kindertagen erlebt habe.

Der Abschied von der Bundeswehr war absehbar. Die Marine muss künftig ohne meinen Mann auskommen. Ein paar Wochen lang hat uns unsere Tochter, mit dem Gedanken zur Bundeswehr zu gehen, beschäftigt. Der Wehrberater war glücklicherweise so fähig ihr die Bundeswehr schmackhaft zu machen, dass sie schon während des Gespräches geheilt war. Mein Mann hat seine Sachen gepackt, hat sie abgegeben und damit ist es vorbei. Keine Wehmut, kein Groll, er blickt auf eine gute Dienstzeit zurück – die Pflichtjahre sind voll und nun geht es mit Optimismus und neuen Zielen in die Zukunft.

Was ich mir schon lange abgewöhnt habe sind die Diskussionen über die Bundeswehr. Man wird mit der Zeit müde zu erklären, dass man in einer normalen Familie lebt. Das der Vater nicht schlägt, der Ehemann liebevoll ist, dass man Drill nie erlebt hat und Waffen in diesem Zusammenhang nie gesehen hat. Man wird müde zu schlucken, dass der Vater als Kriegstreiber, der Ehemann als Uniformträger und alle als Gewaltverherrlichend angesehen werden. Man wird müde unfaire Diskussionen zu führen, die nicht zu gewinnen sind und man hört auf zu verteidigen, was man anders erlebt hat und zu schätzen weiß.

Die Bundeswehrfamilien haben sich schon immer in diesem Staat arrangiert. Sie benötigen keine eigenen Kitas, die die Kinder ausgrenzen. Sie benötigen Unterstützung und Akzeptanz in den angrenzenden Bereichen. Unterstützung der Schüler, die vom Norden in den Süden wechseln müssen. Unterstützung der Ehefrauen, deren berufliche Karriere oft wegen der Umzüge nicht möglich ist. Unterstützung bei langen Trennungszeiten. Sie brauchen Freunde und offene Menschen, die diese Familien nicht ständig durch unfaire Argumente in eine Verteidigungshaltung drängen. Denn für sie ist der Beruf des Vaters, des Ehemanns, nun auch der Mutter, meist nur ein Beruf, der zweifelsohne eine besondere Einstellung erfordert.

Mein Vater hat Frieden gewollt und geweint, als er als geborener Berliner die Öffnung der Grenzen erleben durfte. Er hat uns beigebracht für alle Nationen der Welt offen zu sein, den Frieden zu halten, Gespräche zur Lösung von Konflikten zu führen und schließlich, dass jeder Mensch dem anderen gleichwertig ist. Und mein Mann durfte erleben, dass sein Heimatort im Osten wieder ein Teil seines Lebens werden konnte. Beiden gemeinsam ist der unerschütterliche Familiensinn, dem sie aus Überzeugung ihr berufliches Leben gewidmet haben.

Ob man für oder gegen die Bundeswehr ist, muss jeder für sich entscheiden. Für mich ist entscheidend, dass meine Familie in Frieden leben kann. Ob die Bundeswehr einen Sinn hat, mag sich jeder beim Säbelrasseln unseres russischen Nachbarn selber fragen. Wir werden keinen Krieg in der Welt durch die Abschaffung der Bundeswehr verhindern. Keinen Konzern von Waffenlieferungen in Drittländer abhalten. Wir werden keinen Nazi zur Umkehr bewegen, wenn Kasernen geschlossen werden. Was ich mir wünsche ist etwas Verständnis und Fairness gegenüber dem Menschen, der in der Uniform steckt, der sein Tun jeden Tag hinterfragt und die Arbeit erledigt, die Moralisten wohl kaum erledigen möchten. Die größten Kritiker der Bundeswehr sind die, die jeden Tag ihren Dienst leisten. Sie symbolisieren für mich bald 70 Jahre Frieden in diesem Land. Dafür haben sie meinen tiefsten Respekt.

Und damit schließe ich für mich dieses Kapitel … vielleicht bis zur Seniorenfahrt mit dem Bundeswehr Sozialwerk e.V.