Wir können die Welt ändern

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Momentaufnahme: Vor mir sitzt eine rebellische 17-jährige und verteidigt ihre Argumente ohne Rücksicht auf Verluste. Eigentlich ärgere ich mich, weil ihre Argumente gefühlt die besseren sind, ich aber in meiner elterlichen Vernunft gefangen bin. Insgeheim freu ich mich unheimlich, dass wir ein Kind erzogen haben, das so engagiert und stark argumentiert – auch wenn es sich gegen unsere „erwachsene“ Sicht der Dinge richtet.

Wir saßen wieder beim Abendessen. Für uns alle die wichtigste Mahlzeit am Tag. Auch wegen der Nahrungsaufnahme, wichtiger ist jedoch, einmal am Tag zusammenzusitzen, besprechen was erlebt wurde, was beschäftigt, was anliegt. Die Tochter bat den Vater um Hilfe, weil sie eine Geschichtshausaufgabe über die Ferien schreiben müsse. Eine Argumentation für und wider den Ersten Weltkrieg. Und wie so oft – wir sind alle Liebhaber historischer Vorgänge – waren wir sofort in einer Diskussion. Vornehmlich ging es darum, Argumente für etwas zu finden, zu dem man im Grunde die Gegenposition vertritt. Also in diesem Fall Argumente für den Ersten Weltkrieg, obwohl wir gegen Krieg überhaupt sind. Nicht leicht, auch für Erwachsene nicht.

Wir diskutierten und diskutierten, zogen andere Beispiele heran und waren mit einem mal bei dem Thema gelandet, ob Homosexualität schon Bestandteil des Lehrplans einer Grundschule sein sollte. Ich werde nicht alles wiedergeben. Es zeigte sich jedoch bald, dass unsere Kinder eine ganz andere Position als wir Eltern einnahmen. Die ältere Tochter unterstützte die Jüngere, jeder kämpfte mit der Regel, den anderen ausreden zu lassen, Argumente wurden aufgegriffen um widerlegt zu werden – es war heftig. Aber – die Kinder vertraten einen guten Standpunkt, der mich später sehr ins Grübeln brachte. Die Vehemenz mit der die Töchter ihre Position verteidigten und die Energie, die dahinter stand, beeindruckte mich nachhaltig und rief Erinnerungen wach.

Ich war genauso und befürchte, an einem Teil der grauen Haare meiner Mutter bin ich schuld. Als Jugendliche war ich frech, manche nannten es vorlaut oder schlagfertig. Ich habe meine Meinung laut und auch ungefragt geäußert, habe mich immer gemeldet, wenn ich Ungerechtigkeit spürte und liebte Weltverbesserungsdebatten. Ich war auch nicht gerade ein Liebling mancher LehrerInnen, denn die mögen es oft gar nicht, wenn man ehrlich sein Denken in die Runde gibt. Da ich eine (sagen wir nett) bequeme Schülerin war, waren die Noten nun nicht so die besten. Aber immerhin, ich habe es geschafft das Abitur zwischen Bequemlichkeit und freier Meinungsäußerung zu meistern. Durch die Zeit wurde ich natürlich ruhiger, bzw. habe ich gelernt, dass es manchmal doch besser ist den Mund zu halten und diplomatisch abzuwägen, was gesagt werden sollte oder was zu dem wunderbaren Lied „Die Gedanken sind frei!“ passt – übrigens bis heute eins meiner Lieblingslieder. Auch ändert man Ansichten, wenn sich die Lebenssituation ändert, Erfahrungen dazu kommen oder man einfach älter wird. Aber hin und wieder ist sie noch da – die Schlagfertigkeit – eine Bemerkung findet ihren Weg zu fremden Ohren und ich denke „Konntest du den Mund wieder nicht halten“.

Heute denke ich manchmal „Kind – halte doch einfach den Mund!“ – was natürlich so ganz nicht stimmt. Wir haben uns mehr oder weniger bewusst den schwierigsten Erziehungsweg ausgesucht. Wir haben unsere Kinder dazu erzogen, ihre Meinung frei und offen zu sagen. Ihnen gesagt, dass sie egal wo und zu wem, alles sagen dürfen was sie denken, solange sie die Grenzen des Respektes einhalten. Tun sie das, stehen wir hinter ihnen. Sie haben es beherzigt – sie sagen ihre Meinung. Da aber Menschen unterschiedliche Ansichten haben, was Grenzen des Respekts sind, hat uns diese Erziehungsart schon unzählige LehrerInnengespräche eingebracht. Zudem richtet sich diese freie Meinungsäußerung natürlich manchmal gegen uns selber, wie zum Beispiel in der oben beschriebenen Diskussion – es wird härter. Ein Argument der älteren Tochter war, dass sie den Satz „Es ändert sich so schnell sowieso nichts“, nicht mehr hören könne. Dann könne man auch jeglichen Fortschritt, jegliche Bewusstseinsänderung vergessen. Dazu kann ich nur sagen: „Kind, du hast recht“!

Später, als ich darüber nachdachte, kam mir ein schöner Gedanke: „Ja, wir können die Welt ändern“. Mir gehen ja auch frustrierte Menschen auf den Wecker, die lieber leiden als sich neue Wege zu suchen – die lieber schimpfen, als sich Lösungen auszudenken – die lieber alles lassen, wie es ist, als aktiv an Veränderungen teilzuhaben. Wir können selbstbewusste junge Menschen erziehen, die ihre Meinung äußern und Veränderungen in der Gesellschaft fordern. Wir können sie dabei unterstützen, ihren jugendlichen Elan zu erhalten und ihre Sicht der Welt zu behalten. Und wenn wir gut und offen sind, hören wir zu, was sie zu sagen haben und lernen von ihnen.

Die Diskussionen mit meinen Töchtern finde ich immer sehr spannend. Manchmal sind es anstrengende Gespräche und hin und wieder gebe ich zu, bin ich grummelig, weil sie an Punkten recht haben, die für mich unbequem sind. Aber ich kann nicht das eine wollen (selbstbewusste Kinder) und damit verbundenes ablehnen (selbstbewusste Kinder, die recht haben). Und ich wäre dumm, würde ich mich ihren Argumenten verschließen. Hin und wieder geben sie ja auch zu, dass die Mutter oder der Vater recht hat. Natürlich nicht so gerne, aber wenn ich ins Feld führe, dass sich ihre Sicht der Dinge ändern wird, wenn sie zum Beispiel selber Kinder haben werden, ist das nun mal nicht von der Hand zu weisen.

Entscheidend ist, das wir im Gespräch bleiben. Dass die Jungen von den Erfahrungen der älteren Menschen profitieren, aber auch, dass sich die Älteren von den Ideen der jungen Menschen anstecken lassen. Dann wird ein Schuh draus und die Welt vielleicht ein klitzekleines bisschen besser! 🙂

Und nun … Diskussion frei …

17 Kommentare zu “Wir können die Welt ändern

  1. Hallo,
    ich bin begeistert darüber was du hier schreibst. Ehrlich gesagt bin ich auch etwas neidisch darüber, dass ihr eure Kinder so erzogen habt, dass sie immer offen und ehrlich ihre Meinung sagen (dürfen). Leider macht mich das auch etwas traurig weil mir dadurch bewusst wird, wie sehr ich mir selber meine eigene Meinung verbiete.
    Ich lerne fleißig und stelle fest: Diskussionen sind ja total spannend! Schade, dass ich das jetzt erst lerne.
    Finde es toll, dass du das deinen Kindern sofort mit auf den Weg gibst! Liebe grüße 🙂

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    • Liebe Maria, ich hatte aber auch das Glück, sehr junge Eltern zu haben, die mir dieses Privileg ebenso gestattet und anerzogen haben. Nicht ganz so frei, wie bei uns heute, aber immerhin. Ich bin mir auch sicher, dass uns dies eines Tages zugute kommt. Unsere Kinder wissen sich in der Welt zu behaupten, ohne dies auf Kosten anderer zu tun. Und traurig musst du nicht sein. Ein Problem ist nur solange vorhanden, wie wir brauchen es uns bewusst zu machen … ist es bewusst, fängt der Lösungsweg an. Liebe Grüße und danke für deinen Besuch! 🙂

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  2. Christiane Zander sagt:

    Liebe Frau Schmidt,
    ich bin gerade zu blöde, eine/ Ihre Kontaktmail zu finden: herzlichen Dank für Ihren schönen Blog! Ich bin bestimmt ein sehr „offener“ , ehrlicher Mensch, der seine Meinung und Prinzipien gemäß Sternzeichen Steinbock mit Kopf durch die Wand vertritt – und manchmal besser den Mund gehalten hätte! Aber nun gut, auch unschöne Diskussionen können ja zu neuen Ideen führen und die „blauen Flecken“ am Ego verblassen…aber es tut immer wieder gut, etwas Zuspruch oder Beifall zu bekommen! Und wenn einen dann noch so ein freundliches Bild wie das Ihre anlacht – dann tut das so gut wie Vanillepudding mit Blaubeersoße…schönes Wochenende!
    Glückwunsch für solch tolle Töchter!

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    • Liebe Christiane, ich habe so gelacht! 🙂 … Vanillepudding mit Blaubeersoße … was für ein schönes Beispiel. Meine Mail ist schmidt.anna@arcor.de . Ich bin damit nicht zögerlich und wenn man will, findet man mich, schon allein wegen der Arbeit. Ich habe leider noch keine gute Idee, wie ich ein „über mich“ hier in den Blog einbaue. Es sollte unbedingt drin sein. Danke für die Erinnerung – und weiter so – immer offen und ehrlich – mit blauen Flecken und einem guten Gefühl! Herzliche Grüße und Danke! 🙂 von Anna

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  3. Elvira sagt:

    Diese Sätze: „Es ändert sich ja sowieso nichts“ und „Was kann ich denn schon machen?“ bringen auch mich auf die Palme. Und ich muss ehrlich gestehen, dass mich dann die Lust am Diskutieren verlässt. Ich kann Deine Tochter sehr gut verstehen! Seine Meinung sagen zu dürfen ist ein äußerst wichtiger Punkt einer demokratischen Regierungsform. Meinungsfreiheit sollte also unbedingt bereits in den Familien beginnen. Dazu gehört aber schon das Ernstnehmen der kleineren Kinder, die in der Formulierung ihrer Ansichten noch nicht geübt sind. Für mich gibt es noch einen Satz, den ich nicht hören mag: „Das verstehst Du noch nicht!“. Was mir gerade noch einfällt ist das Thema Zeit. Eltern, die offene Gespräche mit ihren Kindern (was natürlich auch umgekehrt gilt) führen möchten, müssen auch die Zeit dafür haben; ob es bei einer gemeinsamen Mahlzeit oder einem anderen festen Zeitpunkt ist.

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  4. merlanne sagt:

    Das hast Du sehr richtig in Worte gefasst. Unsere Tochter kommt jetzt so langsam auch in das „rebellische“ Alter und macht schon lautstark ihre Meinung kund. Und erinnert mich an … mich … als ich so alt war und auch der Meinung, dass ich die Welt ändern kann und möchte. Ich bin manchmal froh, wenn mir meine Tochter jetzt den Spiegel vorhält und ich meinen alten Kampfgeist wieder entdecke. Ja, wir können und müssen, wenn wir Energie haben, die Welt ändern. Utopien sind da uns wach zu rütteln.

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  5. moma58 sagt:

    Die Diskussion hätte mich schon interessiert “ zwinker “ jedoch ich finde es gut, das drüber geredet wurde. Es wäre erwünschenswert, dass wir nicht mehr darüber diskutieren müssten. Alles Gute

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    • Den Wunsch unterstreiche ich sehr gerne! Die Kinder waren für eine Aufnahme in den Lehrplan – am besten schon im Kindergartenalter. Mein Mann und ich, durch Erfahrungen des Kindererziehens und durch meinen Bruder geprägt, sehr viel vorsichtiger und differenzierter. Es war wirklich spannend!

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  6. Meine Kinder sind auch so erzogen und scheuen Diskussionen nicht. Wir kommen auch nicht immer auf einen Nenner, aber das muss man ja auch nicht. So bleibt es spannend 🙂
    Mein grosser Sohn wohnt ja schon nicht mehr zu Hause und ich freue mich immer, wenn er uns übers Wochenende besucht, weil es dann so interessante Gespräche gibt.
    Mir geht es aber so wie dir: ich befürchte auch immer, dass sie mal an einen Lehrer oder Professor geraten, die es nicht so gern haben, wenn Jugendliche ihre Standpunkte konsequent vertreten. Bis jetzt haben sie aber Glück gehabt.

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    • Neben einigen blöden Beispielen, haben wir es bei der Jüngeren auf der Oberschule tatsächlich erlebt, dass uns eine Lehrerin sagte, wie toll sie die offene Art zu reden bei der Tochter schätzen würde. Dass das Kind sie aber auch an Grenzen gebracht hätte, durch die sie viel für sich selber gelernt hat. Ich war beeindruck und fand es klasse so eine Rückmeldung zu bekommen. Tja … das gibt`s auch!

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  7. Danke für den schönen Text! Meinungen zu äußern, die richtig sind, aber andere um ihre schöne bequeme Weltsicht bringen, ist eine mutige Haltung – egal, ob man immer Recht hat oder nicht. Die nachkommenden Generationen werden das umso besser können, wenn Sie Eltern wie Euch im Rücken haben. Denn dann müssen Sie den Gegenwind, der ihnen mit Sicherheit um die Ohren weht, nicht als Kritik an ihrer Persönlichkeit intepretieren und lassen sich nicht so schnell umpusten. Toll, dass es Eltern gibt, die selbst reflektiert genug sind, um sich so verhalten zu können!

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    • Das ist aber manchmal auch etwas schwierig, weil die Jungen ja das Ding mit der Diplomatie erst lernen müssen. Und da flutsch schon manchmal etwas durch, was man mit anderen Worten hätte besser ausdrücken können. Aber dafür ist ja dann der breite Rücken von Vater oder Mutter da um wieder gerade zu biegen! 🙂

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      • Und manchmal spricht jemand undiplomatisch etwas aus, das einfach gehört werden musste. Auch wenn sich das oft nicht augenscheinlich zeigt. Unsere Geschichte zeigt auf jeden Fall, dass die großen Veränderungen nicht durch Diplomatie ausgelöst wurden. Auch wenn sie natürlich das Leben erleichtert 🙂

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  8. Das finde ich einen der wichtigsten Erziehungsgrundsätze. – Und ich selbst habe wohl diese „Diplomatie“ noch immer nicht so richtig gelernt, was mir in meinen 3 Arbeitsstellen nach der Wende schmerzlich bewusst geworden ist.

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