Die Erinnerung bleibt

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Sie sitzt auf ihrem Findling im Garten und ihr Blick geht über den See. Sie schaut in die Ferne. Nicht in die messbare Ferne in Kilometern, sondern in die Ferne ihrer Erinnerungen, die nunmehr übrig bleiben. Gestern hatte sie mich noch gefragt, ob sie den Findling nicht wegräumen sollte. Dann erzählte sie aber, wie gerne sie immer auf dem Stein saß, wenn Schwester Longina, eine befreundete Nonne, zu Besuch kam und sie der Schwester beim Schwimmen im See zuschaute. Schon war sie wieder in den Erinnerungen und ihr Blick nicht mehr greifbar.

Die Oma, die wir kannten, gibt es nicht mehr. Vorangegangen war ein Infarkt, ein Krankenhausaufenthalt und eine Reha. Eine Zeit, in der Bangen, Hoffen und Wunschdenken sich die Klinke in die Hand gaben. Schließlich wurde sie nach Hause entlassen, mit einer vagen Prognose und einer perspektivischen Einschätzung der Ärzte, die den Angehörigen Mut, aber dennoch nichts Greifbares in die Hand gaben. Das Zuhause erkannte sie und der Auftrieb, der sie zu erfassen schien, gab wieder Hoffnung.

Mit den ersten Tagen zuhause kam die Erkenntnis. In den vertrauten Räumen findet sie die Türen nicht, die Anziehsachen liegen immer am falschen Ort, die Zahnbürste war im falschen Raum. Hunger und Durst kennt sie nicht, isst und trinkt nur, wenn sie dazu aufgefordert wird. Von einer Puppe, die immer am gleichen Ort liegt, sagt sie, sie sei gestohlen worden. Wenn man sagt, Nein, sie sitzt auf ihrem Platz. kommt ein kurzes Ach ja! um nach einer halben Stunde wieder zu erzählen, dass die Puppe weg sei. Beim Kaffeetrinken fragt sie alle paar Minuten, wo ich den Kuchen gekauft habe und ich gebe immer wieder die gleiche Antwort. In den Minuten dazwischen ist ihr Blick sehr weit weg … wo, wissen wir nicht.

Zwei Arztbesuche holen uns auf den Boden der Tatsachen. Die Augenärztin erklärt uns das eingeschränkte, irreversible Blickfeld, dass sie noch hat – Orientierung unmöglich – Infarktbedingt. Der Hausarzt erklärt uns den abschließenden Arztbericht der Klinik – selbstständiges Leben unmöglich – Infarktbedingt. Auch Infarktbedingt ist die Demenz, die keine Heilungschancen, eher das Gegenteil erwarten lässt. Wir fahren nach Hause, jeder in seinen Gedanken und beantworten auf der Fahrt wie einstudiert ihre wiederholte Frage, was das denn nun für ein Arzt gewesen sei – immer wieder.

Ohnmacht und ein leerer Tagesablauf sind die Folge. Immer angespannt und auf der Hut, wohin sie nun wieder läuft. Fragen, ob sie nicht trinken möchte, ob sie Hunger hat, wie es ihr geht. Schlafen tut sie schlecht und bei dem schlurfenden Geräusch ihrer Schritte in der Nacht sind alle wieder wach. Argwöhnisches beobachten, ob wir nicht doch wieder einen Funken der alten Oma entdecken, so wie sie früher war. Rundumbetreuung ist notwendig und selbst wenn sie stundenlang am gleichen Platz sitzt, trauen wir uns nicht, sie aus dem Blick zu lassen. Und immer wieder Gespräche zwischen uns, reden und erzählen, abwägen und besprechen, versuchen zu planen und überlegen, wohin es gehen soll. Dazwischen eigene Erinnerungen und die unlösbare Frage nach dem Grund. Und nach der Lösung. Hilflose Versuche ihr Verhalten in den letzten Monaten zu deuten.

Die Entscheidung … tut furchtbar weh und gleicht einem Scheitern. Wir erkennen, dass wir nicht in der Lage sind, diese Rundumbetreuung aufrecht zu erhalten und gleichzeitig unserem Leben, in dem wir an vieles gebunden sind, und unseren Kindern gerecht zu werden. Die Entscheidung ist getroffen, die Oma muss in einem Seniorenheim betreut werden. Dabei haben wir Glück, sofern man in diesem Zusammenhang von Glück reden mag. 200 Meter von unserem Haus ist eine Einrichtung, die auch einen Platz hat und sie sofort aufnehmen kann. Zwei Tage zwischen der Entscheidung und der Abfahrt, die gefüllt sind mit der immer währenden Frage, ob wir das richtige tun. Zwei Tage voll Zweifel und auch voll mit Schuldgefühlen, sie zu verraten. Manchmal, ganz unvermittelt, sagt sie Dinge, die im Zusammenhang passen und zeigen, dass sie durchaus noch Momente in der jetzigen Zeit hat. Momente, in denen wir verzweifeln und wünschten, dass dies alles nicht wahr ist.

Am Morgen vor der Fahrt läuft sie im Bademantel an mir vorbei in den Garten. Wohin sie denn möchte, beantwortet sie damit, dass sie in den See wolle, sich erfrischen. Das hat sie immer getan, jeden Morgen, teils bis in den November, in all den Jahren. Nun das erste Mal seit dem Krankenhaus. Ich sage, dass sie aber nicht hinaus schwimmen solle, platziere mich in angemessenem Abstand, passe auf sie auf und frage mich wieder einmal, ob das alles richtig ist. Warum jetzt? Warum geht sie ausgerechnet an dem Morgen, an dem wir sie wegbringen, an dem sie das letzte Mal hier ist, in den See. Ahnt sie es und verabschiedet sie sich? Später frühstücken wir, packen und als es hinaus ins Auto geht, dreht sie sich noch einmal um und fragt: Und wann bringt ihr mich wieder zurück?“ Ich kann die Tränen noch halten bis das Auto hinter der Kurve verschwunden ist. Zuhause parkt ihr Sohn das Auto an dem Haus in dem sie fast 40 Jahre gewohnt hat. Er läuft mit ihr die 200 Meter in der Straße, die fast 40 Jahre ihr Arbeitsweg war. Sie erkennt das alles nicht mehr und geht mit ihm in das Seniorenheim, dass nun ihr Zuhause werden soll oder besser, werden muss.

Der Sohn spricht mit den Kindern. Er erzählt ihnen, was sie in vielen Telefonaten noch nicht erfahren haben. Sie besuchen gemeinsam die Oma und nun erkennen die Kinder den leeren Blick. Sie sehen, dass die Oma sich verändert hat. Erkennen sie und doch wieder nicht und sind erschüttert. Wir müssen viel reden.

In ihrem Haus, sozusagen in ihrem Leben, kommen wir uns wie Einbrecher vor. Es ist das gleiche Haus, wie wir es immer kannten und doch wieder nicht. Es ist leer … es ist ein Haus ohne Oma. Und doch müssen wir Einbrecher sein und sehen, wie wir alles für sie regeln, was wir beachten müssen, wem wir Bescheid geben müssen. Wir sind zerrissen – zwischen der Vernunft, dass es so sein muss und den Emotionen, dass wir es doch gar nicht wollen.

Zwischen all der Arbeit sitzen wir hin und wieder in ihrem Garten. Nicht auf dem Findling, auf den werden wir uns nicht mehr setzen können. Wir tauschen unsere Erinnerungen und denken über ihr Leben nach. Sie lebte dafür, das Gedenken an ihre Eltern zu erhalten. An den Vater, den Müller und größten Arbeitgeber am Ort. An die Mutter, die alles im Krieg und den schwierigen Zeiten danach aufrecht erhielt. An ihre Bemühungen die Mühle zu erhalten. Wir denken an ihren Weg, dieses Haus am See auszubauen und an die vielen Jahre, in denen sie nicht erreichbar war, weil sie den Garten hegte und von morgens bis abends draußen war. Jeder Gegenstand im Haus erinnert an sie. Ein gelebtes Leben voll Erinnerungen. Um dann am Ende mit einem Koffer in das Seniorenheim umzuziehen. Wir hoffen, dass ihre Erinnerungen sie tragen, die sie mitnehmen kann. Was wir uns wünschen sollen, wissen wir nicht. Aber auch unsere Erinnerungen an die gesunde Oma bleiben … und trösten … ein wenig.

9 Kommentare zu “Die Erinnerung bleibt

  1. […] Schwiegermutter auf andere Weise verloren. Sie ist in die Demenz gefallen, das hatte ich in diesem Beitrag schon einmal beschrieben. Die ersten Wochen und Monate waren sehr schwer und wir mussten lernen […]

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  2. Follygirl sagt:

    Ja, so kann es sein das Leben.. leider!
    Es ist sicher sehr schwer und wir wünschen uns alle das wir und unsere Leiben nicht betroffen sein mögen… wenn es dann doch geschieht ist es einfach nur schlimm.
    LG, Petra

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  3. Unter etwas Geschriebenem wie diesem, finde ich, ist „gefällt mir“ zu kurz gegriffen, deshalb hier noch mein Dank, dass diese vorsichtige und berührende Beschreibung hier zu finden ist. Es bekümmert mich immer wieder, die vielen alten Menschen bei meinen Hausbesuchen zu sehen, die nur noch Spuren von dem leben können, was sie einmal waren. Tröstlich dabei ist aber immer wieder der einfühlsame Umgang mit Mensch und Thema, danke, dass Sie ihr Herz investieren.

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  4. juttamarx sagt:

    Ich bin berührt von dieser einfühlsamen, liebevollen Schreibweise. Es ist so schmerzhaft, zu erleben, wie der geliebte Mensch sich verändert. Äußerlich ist er noch da, aber man erreicht ihn nicht mehr. Verliert ihn, ist hilflos und so traurig. Manchmal auch verzweifelt und wütend. Auch dieses Eindringen in das Haus, weil es ja sein muss, gleichzeitig sich aber so falsch anfühlt, kann ich gut nachempfinden. Es gibt Dinge im Leben, die würde man lieber nie tun müssen.

    Alles Liebe und viel Kraft für alles, was die Zukunft bringt.

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  5. Elvira sagt:

    Eine organische Krankheit nehmen wir hin, auch wenn sie unheilbar ist. Wir durchlaufen mehrere Stadien, bis wir so weit sind. Demenz und Alzheimer aber können wir nicht begreifen, es macht uns Angst, weil wir nichts unternehmen können. Wir lesen Bücher darüber, hören die traurigen Geschichten Angehöriger und fühlen uns so machtlos. Stirbt ein Mensch, der uns nahe stand, sind wir traurig, wissen aber auch, dass diese Traurigkeit sich im Laufe der Jahre verändern wird. Wenn aber ein Mensch noch da ist und wir miterleben müssen, wie er uns nach und nach innerlich verlässt, stellt uns das auf eine sehr große Probe. Denn auch wir verändern uns mit ihm. An Demenz oder Alzheimer zu erkranken ist meine persönlich größte Angst.
    Eines meiner Bücher, die ich in diesem Zusammenhang gelesen habe, möchte ich Dir empfehlen: Ilse, wo bist Du? von Ulrike Halmschlager.
    Ich wünsche euch viel Kraft für die kommende Zeit. Versucht, eure Mutter und Großmutter so in euren Herzen zu bewahren, wie ihr sie geliebt habt. Das ist fast die größte Herausforderung, auch wenn es sich so einfach anhört.
    Liebe Grüße von
    Elvira

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    • Liebe Elvira,

      du hast es sehr treffend beschrieben, wirklich wahr. Wenn ein Mensch stirbt kann man trauern, so muss man dem Verfall beiwohnen und sich darüber die Erinnerung zu bewahren, fällt einfach schwer und ist von Fassungslosigkeit begleitet. Das Buch werde ich bestellen – herzlichen Dank für die Empfehlung.

      Viele liebe Grüße Anna

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  6. w8screens sagt:

    Ich wünsche ❤ einen schönen Sonntag 🙂

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  7. Diva sagt:

    Ach ist das traurig ! Liebe Grüsse Anja

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