Schreiben gegen Rechts – ein Buch der Zuversicht!

Schreiben gegen Rechts

Eine Momentaufnahme in Berlin: Ich gehe in die Markthalle, kaufe beim Wurststand Salami am Stück. Der Verkäufer, der mir sehr freundlich mein Rückgeld gibt, hat asiatische Augen. Die Steinpilze beim Gemüsehändler bekomme ich von einem offensichtlich türkischen Mitbürger. Die Bäckereiverkäuferin antwortet mir in breitestem Schwäbisch. Nachher ruhe ich mich im Café aus. Dort sitzen an einem Tisch englischsprachige Studenten. Am nächsten Tisch unterhalten sich ein deutsches Paar und ein Mann mit holländischem Akzent. Als ich später in den Bus einsteige, lasse ich einer Mutter, die ein Kopftuch trägt, mit ihren Kindern den Vortritt und den Busfahrer kann ich von seinem nationalen Hintergrund her nicht einschätzen. Zuhause angekommen treffe ich vor der Haustür meinen syrischen Nachbarn und grüße ihn herzlich. Kaum habe ich die Haustür hinter mir geschlossen, ruft mich meine Schwägerin an, die aus Kenia stammt. Das ist Realität in Deutschland.

Eine Momentaufnahme nach der Bundestagswahl: Die einen feiern einen für sie großartigen Sieg. 72 Jahre nach Kriegsende zieht eine rechtsgerichtete Partei in den Bundestag ein. Die anderen sind entrüstet und können kaum glauben, was da passiert. Etablierte Parteien und Medien gehen auf Ursachensuche und ringen sich fadenscheinige Begründungen ab. Viele üben sich in Gleichgültigkeit und der Hoffnung, dass das schon wieder vorbeigehen wird. Was haben wir eigentlich bei dieser Wahl erwartet? Dass die rechteste aller Parteien tatsächlich unter fünf Prozent bleibt? Dass es vielleicht nur 6 oder 7 Prozent werden? Und dann? Wäre es weniger schlimm gewesen? Haben wir nicht, wenn wir ehrlich sind, alle gewusst, dass diese gewisse Partei, die eben keine Alternative ist, einen Wahlsieg feiern wird, um den einen oder anderen Prozentpunkt hin oder her?

Lange war klar, dass Probleme in unserem Land nicht rechtzeitig aufgegriffen, lange verschleppt wurden und Unzufriedenheit siegt. Für diese Unzufriedenheit wurde zu lange die Flüchtlingspolitik als Platzhalter hergenommen, ohne zu merken, dass die Probleme viel tiefer sitzen. Zu viele fühlen sich abgehängt in einer Gesellschaft, die sich stolz Sozialstaat und Wirtschaftsmacht nennt und doch das steigende Armutsrisiko zulässt. Zu viele fühlen sich nicht zugehörig, trotz dessen, dass es die Mauer schon 28 Jahre nicht mehr gibt.

Zudem haben wir gewusst, wenn wir ehrlich bleiben, dass rechtes Gedankengut immer unter uns war. Nach dem 2. Weltkrieg und in all den Jahren danach. Begriffe wie Kriegskinder und Kriegsenkel werden erst jetzt aufgearbeitet, in einer Zeit, in der die Kriegskindergeneration langsam von uns geht. Wurden die Kriegsenkel im Schulunterricht mit der Geschichte der Nationalsozialisten überfüttert, können viele Jugendliche heute nicht einmal mehr erzählen, warum sich vierzig Jahre eine Mauer durch Deutschland zog. Menschen mit rechtem Gedankengut waren immer unter uns, konnten sich aber in etablierten Parteien wiederfinden. Erst als sich die etablierten Parteien auf die politische Mitte zu bewegten und sich Flüchtlingen öffneten, brauchten Menschen mit ihrem rechten Gedankengut eine neue Partei, die ihnen eine Heimat gibt. Die fand sich und es wurde wieder gesellschaftsfähig rechte Gedanken öffentlich und ohne Scham zu brüllen. Lange haben wir skeptisch über die Landesgrenzen geschaut, in Länder, die alle mit rechten Parteien haderten und gejubelt, wenn diese keine Mehrheiten gewinnen konnten. Wir haben mit Entsetzen die Wahl des amerikanischen Präsidenten beobachtet, der seinen Nationalismus seither dummdreist verbreitet. Nun hat es uns selber getroffen … mit Abgeordneten im Bundestag, die einem Wahlprogramm folgen, das wundern lässt, warum es nur eine einzige Stimme bekommen hat.

Ich habe lange gebraucht um es so anzuerkennen wie es ist: Die ewig Gestrigen spannen populistische Parolen vor ihren Karren und gehen auf Stimmenfang bei den ewig Unzufriedenen. Politiker kümmern sich auch nach der Wahl eher um ihren politischen Einfluss, als den Menschen einmal klar zu signalisieren, dass sie es verstanden haben und sich um die Probleme der kleinen Leute kümmern und zuhören werden. Medien kümmern sich um ihre Zugriffszahlen, füttern uns mit Negativschlagzeilen und bieten den Rechten eine Bühne, die ihnen nicht zusteht. Es waren 12,6 Prozent  … nur 12,6 Prozent oder schon 12,6 Prozent … das haben wir alle künftig in der Hand.

Die Dekadenz mit der wir hier unseren Wohlstand ausleben ist für mich der Punkt, der mir am meisten zu schaffen macht. Wir erleben einen Wohlstand, der sich durch 72 Jahre Frieden in dieser Region aufgebaut hat. Wir leben in einem der sichersten und reichsten Ländern der Welt. Unsere Waffen liefern wir in fremde Länder – sollen sie sich doch die Köpfe einschlagen, solange wir daran verdienen. Wir schotten unseren Reichtum vor denen ab, deren Länder durch Kriege zerstört sind und keine Sicherheit mehr bieten. Wir schließen unsere Grenzen, wenn heimatlose Menschen bei uns Schutz suchen. Wir bewerten, dass das Verhungern kein wirklicher Asylgrund bei uns ist. Und wenn wir als großartige Nation bei deren Aufbau wieder mithelfen, ist nicht selten der Gedanke der Bereicherung dabei. Wir könnten tausende Menschen noch zu uns reinlassen ohne das Geringste zu entbehren. Wenn ich auf die Zahlen der Zwangswanderungen nach dem 2. Weltkrieg schaue, staune ich, dass wir überhaupt über Obergrenzen debattieren. Wir erlauben uns zu bewerten, dass allein unsere Kultur die einzig richtige ist. Lassen aber zu, dass Konzerne auf fremden Kontinenten selbst Wasser als Grundrecht den Menschen vorenthalten. Das Niveau auf dem wir klagen, ist so unglaublich hoch, dass nationalsozialistische Gedanken schon irrational wirken. Die verschobene Realität nationalistischer Menschen so widersinnig und weltfremd, dass man schon fast verzweifeln müsste.

Das tun wir aber nicht – Verzweiflung hat noch nie jemandem genutzt. Ich muss was tun und ich brauche die Gemeinschaft der Menschen, die diese Probleme sehen, aber dennoch an das Gute in der Welt glauben. Es ist mir schon immer schwer gefallen meinen Mund zu halten und ich will es auch gar nicht. Es hat so unglaublich gut getan den Rückhalt zu spüren als ich 2016 zur Blogparade „Schreiben gegen Rechts“ aufgerufen habe. Es kamen 81 wunderbare Beiträge zusammen, die auch heute alle aktuell sind. Das möchte ich gerne mit euch allen weiterführen. Waren es vor einem Jahre die Flüchtlingszahlen, die in aller Munde waren, ist es heute das stärker werden der Rechten. Nehmen wir ihnen die Bühne und geben sie unseren Idealen zurück. Öffnen wir den Blick für Mitmenschlichkeit, eine multikulturelle Gesellschaft und eine Welt, die zusammenrückt:

Lasst uns wieder Beiträge sammeln in einer offenen Blogparade. Offen in der Hinsicht, dass sie nicht zeitlich begrenzt ist. Beteiligt euch mit Beiträgen, die Geschichten von multikulturellem Zusammenleben erzählen. Beiträge über Fakten, die positive Beispiele einer offenen Gesellschaft zeigen. Erzählt von Initiativen und gelungenen Projekten aus der Flüchtlingsarbeit. Erzählt von eurem Untermieter, der erst mit der Zeit eure Worte verstand. Berichtet von Ereignissen über Landesgrenzen hinweg. Beteiligt euch mit Gedichten oder Bildern, die eine bunte, aber eben die tatsächliche Realität in anderen Ländern und unserem Land zeigen. Überlegt, was jeder einzelne von uns aktiv tun kann, um den Rechten ihren Platz zu weisen. Es gibt so wunderbare Möglichkeiten von einer offenen, freien und bunten Gesellschaft zu erzählen. Bedient euch nicht der Sprache der Populisten und der Rechten. Zeigt, dass man Anliegen, Proteste oder Bedenken durchaus respektvoll und konstruktiv darstellen kann. Ich werde keine Beiträge bewerten oder auswählen. Ich fasse sie zusammen.

Veröffentlicht eure Beiträge in eurem Blog mit der Verlinkungen zu diesem Aufruf. Hier setzt ihr euren Link ein, damit er allen zugänglich wird. Ich sammle bis zu einhundert Beiträge und erstelle daraus wieder ein Buch. Dieses Buch ist allen zugänglich, die es lesen möchten. Niemand verdient daran. Es soll ein Buch werden, das einen klaren Standpunkt vermittelt. Ein Buch, dass Bewusstsein schafft. Ein Buch, dass Hoffnung schenkt – ein „Buch der Zuversicht!“.

Ich freue mich von euch zu hören … erzählt anderen davon, denn es geht weiter mit dem „Schreiben gegen Rechts – für Toleranz und Vielfalt!“

1. Mai – Tag der Arbeit + ein neues Magazin

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1. Mai – Maifeiertag, Tag der Arbeiterbewegung, Internationaler Kampftag der Arbeiterklasse oder bei uns ganz geläufig der Tag der Arbeit. Wäre es in diesem Jahr kein Sonntag hätten wir alle frei. Zwei Aspekte betrachten wir näher: Die Historie des Tages zeigt, dass in den Anfängen der Arbeiterbewegung der Chefredakteur und Herausgeber der Arbeiter-Zeitung August Spies eine entscheidende Rolle spielte. Des Weiteren ist dieser Tag in der Verfassung des Landes Nordrhein-Westfalen als „Tag des Bekenntnisses zu Freiheit und Frieden, sozialer Gerechtigkeit, Völkerversöhnung und Menschenwürde“ benannt. Mit beiden Aspekten ist der erste Mai ein durchaus passender Tag ein neues Magazin zu veröffentlichen, dass Leser für soziale und gesellschaftliche Themen interessieren und sensibilisieren möchte – Themen, die uns alle angehen und zwischenmenschliche Räume des Lebens betrachten. Ein Tag der Arbeit – doch die erste Arbeitseinheit ist getan und das Ergebnis kann präsentiert werden: Das Magazin „Im Mittelpunkt“ – als gedrucktes Heft, als eBook-Format 3.0 oder als interaktives Pdf steht für den Leser bereit.

Rückblick: Anfang Januar sitzen wir in einer kleinen Arbeitsgruppe in der Geschäftsstelle des Stadtteilzentrum Steglitz e.V. zusammen. Es ist das dritte Treffen in dieser Zusammensetzung. Wir diskutieren über die Stadtteilzeitung, die der soziale Verein seit seinen Anfängen 1996 veröffentlicht hat. Die Zeitung hatte sich im Laufe der Zeit immer mal wieder inhaltlich oder von der Optik her verändert. Wieder war es Zeit etwas zu verändern und es wurde heftig diskutiert: An der alten Form der Zeitung festhalten? Etwas Neues machen? Gedruckt oder nur online? Klar war, dass wir ein Format wollten, dass uns auch künftig die Möglichkeit gibt, aus unserer Arbeit und von unseren Inhalten zu berichten. Am Ende des Treffens ist ein Konsens gefunden und ein klarer Arbeitsauftrag definiert: Alle zwei Monate soll ein Magazin in Format A5 erscheinen, das sowohl gedruckt als auch online zu lesen ist. Auf diese Weise möchten wir zeitgemäß alle Leser erreichen, die neue elektronische Publikationen bevorzugen, aber ebenso auch alle Leser bedienen, die der Papierform treu bleiben. Jedes Magazin wird einen Themenschwerpunkt haben, der aus dem sozialen oder zwischenmenschlichen Bereich kommt sowie alle Altersgruppen einschließt. Zudem wird für jedes Magazin ein Einleger erstellt, der auf die Veranstaltungen und Angebote in dem entsprechenden zweimonatigen Zeitraum gebündelt aufmerksam macht. Ein weiteres Treffen wird verabredet.

Anfang März wird in gleicher Runde ein Dummy vorgestellt, der in etwa die neue Optik des Magazins wiedergibt. Ebenso ein Entwurf für den Einleger. Der Entwurf beider Formate gefällt, das ein oder andere wird noch näher besprochen und das Thema bestimmt. Spannend ist der Termin: Als Erscheinungsdatum für das neue Gesamtpaket – gedrucktes Heft, eBook-Format + Einleger wird der 1. Mai festgelegt. Bedenkt man die Arbeitszeit, die man braucht um ein gedrucktes Magazin zu erstellen, das wiederum die Grundlage für ein eBook darstellt, ist das ein gewagter Zeitraum. Ich frage meinen Kollegen Kristoffer Baumann, ob er sich vorstellen könnte künftig mit mir zusammen die Redaktionsarbeit zu organisieren und er willigt begeistert ein. Zu zweit setzen wir uns zusammen, besprechen mögliche Beiträge im Magazin, legen fest, wer wen um Beiträge bittet und beginnen mit der Redaktionsarbeit. Zeitgleich informieren wir uns, jeder nach seiner Stärke, was wir für Hilfsmittel und Programme benötigen um ein eBook nach unserer Vorstellung herzustellen. Kristoffer ist Musiker, also mit Audio und Programmtechnik sehr erfahren, was sich mit meinem Bereich Grafik und Öffentlichkeitsarbeit, bestens ergänzt. Ein dritter Kollege, Jörg Backes, kann uns ideal mit seinem Schwerpunkt Film und Video unterstützen.

Mitte April sind die Druckdaten des Magazins fertiggestellt. Eine Korrekturfassung geht an alle beteiligten KollegInnen, es wird noch ein bisschen geändert, die Freigabe und der Druckauftrag erteilt. Nun heißt es abwarten bis die gedruckten Hefte geliefert werden. Ist alles richtig? Kommen die Farben gut raus? Ist der Anschnitt korrekt? Immer wieder entsteht prickelnde Spannung bis man das fertige Druckprodukt in der Hand hält. Als auch der Einleger in der Druckerei ist, geht die Arbeit mit dem eBook weiter. An diesem Punkt wird es richtig spannend für uns, denn das ist ein neues Format, von dem wir wissen was es kann, das wir aber noch nie selber hergestellt haben. Am Anfang dieser Arbeit steht eine Grundsatzentscheidung – welches Datei-Format wählen wir? Zur Zeit ist das gängige ePub-Format das ePUB2-Format. Die Zukunft gehört jedoch dem ePUB3-Format – ein Format, das uns die Möglichkeit gibt Audio- und Videobeiträge einzubinden und zudem die Option eines festen Layout-Formates bietet. Immer mehr Verlage bieten heute schon die Möglichkeit eBook-Reader auf das neue Format anzupassen – dort liegt die Zukunft des digitalen Lesens. Warum sollen wir uns also einem Format widmen, dass in absehbarer Zeit überholt sein wird. Mit einem Update unserer Erstellungs-Programme sind wir in der Lage dieses neue ePub-Format herzustellen. Aber auch die Leser, die mit ihren Geräten noch nicht auf dem neusten Stand sind, werden nicht vergessen. Sie bekommen die Möglichkeit das eBook als interaktives Pdf zu lesen, das – mit einem Flashplayer kombiniert – ebenso in der Lage ist Audio- und Videodateien zu lesen. Die Entscheidung war getroffen, die Arbeit an der Datei auf Grundlage des gedruckten Heftes begann.

Ein Kapitel nach dem anderen entstand. Technische Tüfteleien mit Hyperlinks und Querverweisen, Inhaltsverzeichnissen und vielem anderen raubten so manche Stunde und machten einige Besuche in Online-Hilfeforen notwendig. Trotzdem kamen wir Schritt für Schritt weiter. Es wurde mit jedem Kapitel leichter und so mancher Etappensieg war Grund für reichlich gute Laune. Dann ein Test als die ersten Kapitel fertig waren und wir sie in das ePub-Format umwandelten. Klappte alles bestens … bis wir einen Blick auf die Dateigröße warfen. 130 MB stand da – eine unglaublich hohe Zahl, wenn man weiß, dass die eigene Homepage eigentlich nur 8 MB für den Upload von Dateien zulässt. Der Systemadministrator half … bis zu 64 MB … das reicht nicht. Internetforen und die Logik machen klar, dass die Dateigröße normal ist, wenn man Audio und Video einbindet. Aber was nutzt eine schöne Datei, wenn sie zu groß ist um sie einem Publikum zur Verfügung zu stellen. In der Folge schafften wir es dem Kundendienst unserer Webseite reichlich auf den Wecker zu gehen, doch das Endergebnis rechtfertigt die Hartnäckigkeit (und ein Lob an den Kundendienst!). Über einen Umweg sind wir in der Lage die große Datei auf unseren Server zu laden – mehr als das … wir könnten noch einige Kapitel dranhängen. Die Erleichterung ist unglaublich – dem Termin steht nichts mehr im Wege, die technischen Voraussetzungen sind geschaffen, die Datei ist fertig, wird hochgeladen und steht hier

als eBook ePUB3-Format (235 MB)

als interaktives Pdf (227 MB)

und als Einleger der Veranstaltungen und Angebote des Stadtteilzentrums

zum Download zur Verfügung. Das erste Magazin „Im Mittelpunkt“ ist mit Einleger in der Online-Fassung fertig. Gedruckt liegt es Anfang der Woche in den Einrichtungen des Stadtteilzentrum Steglitz e.V. bereit. Ein sehr spannendes Stück Arbeit liegt hinter uns, aber wie immer gilt auch hier: Nach dem Magazin ist vor dem Magazin … die Arbeit für die zweite Ausgabe beginnt! Die Zusammenarbeit aller beteiligten KollegInnen hat wieder einmal großartig funktioniert und richtig viel Spaß gemacht. Am Tag der Arbeit freuen wir uns auf die nächsten Arbeitsschritte.

Vorwärtsblick: Wir hoffen sehr, dass Ihnen – den LeserInnen – unser Magazin gefällt. Wir würden uns sehr wünschen, dass Sie uns zu Form und Inhalt Rückmeldungen geben, denn: Wenn wir an etwas Spaß haben, dann ist es die Weiterentwicklung unserer Arbeit und der Austausch darüber. Wir freuen uns auf Kommentare – hier oder per Mail an die Redaktion: redaktion_mittelpunkt@sz-s.de.

Jetzt bleibt mir nur noch einen schönen Feiertag und viel Spaß beim Lesen zu wünschen!

Leitartikel der Homepage des Stadtteilzentrum Steglitz e.V. vom 1. Mai 2016

„Deutsche Einheit“ aus dem Geschichtsbuch?

Foto: Henriette Schmidt

Foto: Henriette Schmidt

Es ist der 25. Jahrestag der Deutsche Einheit, die an diesem 3. Oktober gefeiert wird, der einzige deutsche Feiertag nach Bundesrecht. 25 Jahre, in denen Kinder geboren wurden, die das geteilte Land selber nicht erlebt haben. Sie kennen es nur aus Büchern, Filmen oder den Erzählungen der Eltern und Großeltern. Hat es für heutige Jugendliche noch eine Relevanz an ein geteiltes Land zu erinnern oder ist es eher der Wunsch der Älteren, dass ihre Kinder die eigene Vergangenheit kennen?

Die SchülerInnen der 11. Jahrgangs der Montessori Gemeinschaftsschule haben sich eine ganze Woche mit dem Thema beschäftigt: Der Mauerbau, die Zeit des durch die Mauer geteilten Deutschlands, der Mauerfall, die Wiedervereinigung und die Deutsche Einheit standen im Mittelpunkt einer Projektwoche. Alle relevanten Techniken, mit denen ein Thema in der Oberstufe behandelt werden kann, wurden angewandt. Am Mittwoch stand eine Exkursion zur Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße auf dem Programm. Am diesem historischen Ort in der Bernauer Straße erstreckt sich die ehemalige Mauer auf 1,4 km Länge über den damaligen Grenzstreifen. Am nächsten Tag führten die SchülerInnen eine Diskussion über ein angemessenes Gedenken sowie eine Debatte zur East Side Gallery unter dem Thema: „Ist das Kunst oder kann das weg?“. Ob der Tag der Deutschen Einheit heute noch relevant für sie ist und wie man sinnvoll daran erinnern oder gedenken soll, waren die Fragen, die die SchülerInnen am Freitag schriftlich beantworten sollten.

Das Bemerkenswerte an den Antworten der SchülerInnen ist, dass sie vollkommen frei von eigenem Erleben sind. Das spiegelt sich darin wider, dass sie auf den Punkt bringen, was ihnen wichtig in diesem Zusammenhang ist und keine negativen oder positiven Einflüsse ihre Meinungen färben konnten. Dieses „Nicht-erlebt-haben“ wird aber auch in wenigen Antworten angeführt, als Grund keinen Bezug dazu zu haben und ein paar SchülerInnen führten (wer hätte es nicht gedacht) den freien Schultag als Bezug an.

Es sei ein wichtiges Thema, weil wir in einem Deutschland und mit Menschen leben, die durch diese Geschichte geprägt sind, heißt es den Antworten. Sie sind Zeitzeugen und viele hätte man ohne die Maueröffnung nie kennengelernt. Eltern und Großeltern erzählen viel von früheren Zeiten als sie mit der Mauer lebten. Schüler erzählen, dass sie einen Großteil ihrer Familie nicht kennen würden oder auch, dass die eigenen Eltern sich nicht kennengelernt hätten, würde die Mauer noch stehen. Manche erwähnen ihre Verwandten, für die es emotional ein schwerer Tag sei, der aber auch ein Tag des Feierns sei. Ein schweres Leben hätte aufgehört, ein ungewisses, doch besseres begonnen. Es sei wichtig für die Stadt in der er geboren sei, ist eine andere Antwort und dass es ein Tag und Symbol für Freiheit und Widerstand ist. Den SchülerInnen ist klar, dass sie mit Mauer ganz anders aufgewachsen wären, auf diese Weise in einer Demokratie, in Frieden und Freiheit leben könnten. Wie wäre Deutschland heute, fragt ein Schüler und mehrere erzählen, dass ihnen die Geschichte der Einheit in dieser Stadt immer wieder durch Mauerreste oder Erzählungen begegnet.

Eine Antwort hebt sich dann doch etwas ab: Inwieweit ist dieses Thema relevant für dich? „Gar nicht,“ beginnt die Antwort. „Außer, dass ich mich ständig über die pro-westliche Darstellungsweise aufrege. Statt einer deutschen Einheit wäre es schöner, irgendwann eine humanitäre, soziale Einheit Europas zu feiern. Ein solidarisches Europa, ohne Außen- und Innenmauern. Mit wenigen sozialen Unterschieden, was die Gesellschaftsschichten betrifft. Sowas wäre erstrebenswert!“ Eine Antwort, die offensichtlich zeigt, wie wichtig die Kenntnis der eigenen Geschichte ist, die Zusammenhänge sehen, verknüpfen und Schlussfolgerungen daraus ziehen lässt. Eine Antwort, die Hoffnung in die Jugend begründet wachsen lässt.

Wie sollte man nun sinnvoll daran erinnern und gedenken? Hier sind sich die meisten einig, dass mit einem Gedenktag für den „Tag der Deutschen Einheit“ Genüge getan ist. Zudem sei mit Gedenktafeln, Mahnmalen, Mauerresten und Museen auch optisch ein Zeichen gesetzt. Dennoch meinen die SchülerInnen, dass man Zeitzeugen erzählen lassen sollte, damit das Wissen nicht verloren geht. Es gehöre zu Bildung und Allgemeinwissen, meinen mehrere Schüler, die es gut finden, dass es in der Schulzeit ein Thema ist. Und auch praktische Tipps wie Gedenkstätten besuchen, Theaterstücke spielen, einen Zeichentrickfilm darüber machen oder eine Kerze anzünden, sind unter den Antworten zu finden. Anrührend ist eine Antwort, die besagt, dass man den Tag immer mit Familie und Freunden feiern sollte, da dies lange Zeit nicht möglich gewesen ist. Und wieder bemerkenswert eine Antwort, die fordert, dass man immer einen aktuellen Bezug zum heutigen Geschehen herstellen sollte. „Wir feiern den Fall der Mauer und bauen heute Mauern wieder auf. Was kann man da tun?“ fragt der Schüler.

Über den Besuch der Gedenkstätte und der Debatte über die East Side Gallery erzählt die Lehrerin sehr begeistert. Insbesondere darüber, dass das Votum der SchülerInnen eindeutig für den Erhalt des Kunstprojekts der Künstlerinitiative East Side Gallery e.V. ausgefallen ist. Beide Stätten sind gelebte und greifbare Geschichte, die für junge wie ältere Menschen historische Ereignisse mit aktuellem Geschehen verbindet.

Die gedachte Mauer zwischen Ost und West, die in den Köpfen der Älteren noch oft vorhanden ist, sollte verschwinden. Umso bedeutender ist es, ihre damalige Tragweite auch künftig in den Köpfen der Jüngeren zu verankern. Damit sie sich in Zukunft, mit Unterstützung und den Erfahrungen der Älteren, gegen neue Mauer, wo immer und gegen wen sie stehen mögen, einsetzen werden.

Stacheldrahtzaun oder Betonelemente – schon vergessen?

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Das Gefühl ist im Nachhinein schwer zu beschreiben … , wenn man davor stand, nach links und nach rechts schaute und kein Ende ausmachen konnte. Doppelter Stacheldrahtzaun oder Betonelemente verhinderten die Sicht auf das, was dahinter war. Allein das Bewusstsein, dass Selbstschussanlagen, Minenfelder, Hundelaufanlagen und andere Schikanen ein Durchkommen unmöglich machten, reichte aus, eine unglaubliche Ohnmacht und Beklemmung zu erzeugen. 

Einzig ein paar Grenzübergänge erlaubten ein Durchkommen, dies nur nach scharfen Kontrollen, unter Beobachtung und Bewachung von bewaffneten Grenzsoldaten. Bei Kontrollen, ob mit Auto oder Zug durch das Gebiet der DDR unterwegs, stets die spürbare Anspannung, welche Fragen von den Kontrolleuren gestellt werden würden, und die Erleichterung, wenn sie sich der nächsten Person zuwandten. Die Erleichterung, westdeutschen – freien – Boden zu betreten und das Gefühl zu haben, dass man nun wieder sagen darf, was man will. Der „antifaschistische Schutzwall“ war die euphemistische Bezeichnung der innerdeutschen Grenze des Ostens, der vor Übergriffen aus dem Westen schützen sollte. Ein Schutz, der letztlich über 45 Jahre 872 Menschen das Leben kostete. Vielen Menschen, die fliehen wollten, hat dieser „Schutz“ lange Gefängnisstrafen aufbürdete und Familien auf Jahrzehnte getrennt oder oft für immer entzweit.

Die Kinder der 50er und 60er sind mit dieser Mauer aufgewachsen und kannten nichts anderes. Sie mussten sich oft mit dem Vorwurf auseinandersetzten, das geschichtliche Erbe des letzten Weltkriegs der Eltern und Großeltern zu tragen, dessen Konsequenz diese Mauer war. Eine Mauer, die jeglichen Freiheitsgedanken, Rede- und Reisefreiheit, Selbstbestimmung immer wieder sichtbar außer Kraft setzte. Für beide Seiten – die einen, die nicht hinein konnten und die anderen, die eingeschlossen leben mussten. Für Berliner war es täglich gelebte Realität. Die Geschichte hatte jedoch einen anderen Plan und durch viele zusammenhängende geschichtlichen Entwicklungen, durch beherztes Agieren verschiedener Persönlichkeiten, wurde die Öffnung und letztlich Beseitigung möglich.

Der Mauerfall am 9. November 1989 wurde ein geschichtliches Ereignis, das bis heute tief in das Gedächtnis aller eingebrannt ist, die in irgendeiner Weise betroffen waren. Unzählig die Biografien, deren Verlauf sich durch diesen Tag drastisch änderte. Für die, die es erlebt haben sind die Tränen, die Freude und Euphorie noch heute spürbar, genauso wie die Unsicherheit und Angst vor der Zukunft. Bedeutend schließlich der 3. Oktober 1990, der beide ehemaligen Staaten wieder zusammenführte. Unbestritten, dass dieser Tag lediglich der Beginn einer gemeinsamen Entwicklung war und unzählig die Liste der persönlichen Geschichten, die im Verlauf der Jahre sehr positive, aber auch oft sehr negative Erfahrungen mit der Zusammenführung beiden Staaten machen mussten. Eine Geschichte der Akzeptanz, der Toleranz und Solidarität, die nicht immer ein gutes Bild auf die Bürger beider Seiten warf.

Die deutschen Kinder der späten 90er Jahre und 2000er, kennen diese Schilderungen nur aus den Geschichtsbüchern. Ihnen ist kaum zu vermitteln, was es bedeutet, wenn einem ein Ort verschlossen ist. Wenn man keine Möglichkeit hat, geliebte Menschen zu sehen oder zu sprechen, wenn man in irgendeiner Weise in seiner Freiheit sich zu bewegen, zu denken oder sprechen, durch äußere Willkür behindert ist. Das Gefühl der Beklemmung und Angst kennen sie nicht, da sie das Privileg genießen, in Friedenszeiten und einem zusammengeführten Staat zu leben. Es ist ein Segen, dass diese Kinder, Jugendlichen, jungen Erwachsenen unbelastet und frei aufwachsen. Nicht zuletzt, weil dadurch die Mauer, die oft noch in den Köpfen vorhanden ist, immer weniger wird und ein Zusammenwachsen des Ostens und Westens in einem Land voranschreitet.

Dennoch stellt sich die Frage, welche Aufgaben uns im Hinblick auf die letzten 70 Jahre erwachsen. Den Kindern, wie früher geschehen, eine Erbschuld aufzubürden, ist wohl der falsche Weg. Ihnen muss jedoch klar gemacht werden, dass es höchsten Stellenwert hat, diese Geschichte wach zu halten und aus ihren Erfahrungswerten zu schöpfen. Dies nicht ohne dass sich die älteren Jahrgänge der eigenen Verantwortung bewusst sind, da man oft gerne das Negative vergisst, wenn die Zeiten wieder gut laufen. Jedem muss der Stellenwert unserer Freiheit höher liegen, als die Angst vor Unbekannten.

Insbesondere bedeutet es für dieses Land, das Bewusstsein wach zu halten, was eine Mauer, eine Grenze, sei sie gedacht oder real, für das Leben von Menschen bedeutet. Eine Mauer kann kein Schutz sein, wenn sie die Schutzbedürftigen ein- und ausschließt und damit Freiheit beschränkt. Sie kann nicht verhindern, dass Strömungen von außen ins Innere dringen und Leben verändern. Sie kann keinen Ist-Zustand erhalten, ohne zu sehen, was an den Grenzen passiert. Gerade dieses Land müsste jeglichen Begrenzungen entgegenwirken, jedem Menschen ungehinderten Zugang erlauben und die Stärke beweisen, jedem Menschen ein Leben an jedem Ort zu ermöglichen.

Die Deutsche Einheit ist nicht zu trennen von vielen Geschichten über Flucht, Existenzangst, Familientrennung und menschlichen Schicksalen. Umso mehr stehen wir in der Verantwortung, Stacheldrahtzaun oder Betonelemente nicht zu vergessen. In der Verantwortung uns für Freiheit in jeglicher Hinsicht einzusetzen – eine Verantwortung, die richtigen Signale zu setzen und uns europaweit zu Verfechtern der Freiheit für allen Menschen zu machen. Den Wandel und die Zeichen der Zeit anzunehmen. Ganz gleich, woher die Menschen kommen, ganz gleich, welche Sprache sie sprechen, welche Geschichten sie mitbringen, ob sie Gast oder Landsmann bei uns werden wollen. Die Freiheit ist wie eine Pflanze, die trotz Stacheldrahtzaun oder Betonelemente immer wieder zum Licht wächst. Manchmal dauert es viele lange Jahre – Jahre, die viele Menschen gerade jetzt nicht haben.

Was geben wir den Kindern mit?

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Stell dir vor, du gehst auf eine einsame Insel und gründest eine neue Zivilisation. Vorher musst du allerdings an einer Versteigerung teilnehmen. Zu ersteigern gibt es moralische Werte, auf die diese Zivilisation aufbauen wird. Welche Werte würdest du ersteigern wollen?

Eine Werte-Versteigerung: Die Tochter hatte ein Praktikum absolviert und musste abschließend eine Präsentation aus der Praktikums-Arbeit in der Schule vorstellen. Im Rahmen des Geschichts-/Sozialkunde-Unterrichts hatte sie eine Schulstunde vorbereitet. Ihre Vorarbeiten habe ich beobachtet und das ein oder andere mit ihr diskutiert. Beschäftigt hat es mich erst, als sie nach der Präsentation nach Hause kam und davon erzählte. Die Schulstunde war ein großer Erfolg und die Tochter glücklich. Ihre MitschülerInnen hatten sich auf das Thema eingelassen, waren der Fiktion gefolgt, diskutierten über Werte und ersteigerten sie für ihre neue Zivilisation. Was mich besonders daran freute waren die nachträglichen Rückmeldungen, die mein Kind von ihren Mitschülern bekam. Es hätte sehr großen Spaß gemacht. Ein Junge schrieb ihr, dass er es schade fände, dass sie solche Diskussionen nicht öfter machten. Auf einer Skala von eins bis 10 bekäme sie eine 100. Total zufrieden … besser ging es nicht.

annaschmidt-berlin.com_werte2Es war nicht nur der Erfolg der Arbeit, der so positiv war. Es war die Vorstellung, dass sich eine Klasse von etwa 15 – 18-jährigen Oberschülern eine Stunde lang intensiv mit moralischen Werten auseinandergesetzt hatten. Sich offensichtlich sehr ernsthaft damit beschäftigte, was höheres Gewicht in der Wertung hätte. Zur Wahl hatten sie 14 Optionen: Ausbildung, Fortschritt, Freiheit, Frieden, Gerechtigkeit, Gesundheit, glückliches Familienleben, Gleichheit, Glück, Liebe, Reichtum, Schönheit, Tradition, Weisheit. Sie waren in sieben Gruppen eingeteilt, mussten erst für sich selber, dann in der Gruppe festlegen, welche Werte sie ersteigern möchten. Aus der Wertung der sieben Gruppen (Ich habe das erste Mal in meinem Leben selber ein Säulendiagramm erstellt – Mac-sei-dank! :-) ) ergab sich, dass die drei höchsten Werte Frieden, Freiheit und Liebe sind. Tradition, Reichtum und Schönheit belegten die letzten Plätze. Ein sehr schönes Ergebnis finde ich.

Es gefällt mir, dass sich eine Klasse mit Jugendlichen mit moralischen Werten auseinandersetzt, stehen Jugendliche im Generationskonflikt doch immer etwas unter Generalverdacht, dass sie so etwas nicht interessiert. Und dass es sie interessiert und ihnen sogar sehr wichtig ist, zeigt sich in ihren Reaktionen. Es zeigt aber auch, dass sie sich schon viel damit beschäftigt haben müssen und hier ziehe ich den Rückschluss zu ihren Eltern. Kinder übernehmen das, was ihnen ihre Eltern vorleben. Wenn nie über Werte gesprochen wird, keine Werte gelebt werden, können sie auch nicht weitergegeben werden. “Kinder lernen mehr von dem, was Du bist, als was Du sie lehrst …“ heißt es.

Immer mal wieder seine eigenen Werte überprüfen und sich selber zu hinterfragen, was man selber weiter gibt, kann daher nicht verkehrt sein. In meinem Umfeld werden junge KollegInnen Eltern und Großeltern, ich selber werde in Kürze Tante. Was wollen wir diesen Kindern mitgeben, was soll sie formen? Meine eigenen Kinder haben in wenigen Monaten beide die Volljährigkeit erreicht. Haben wir es richtig gemacht? Ihnen die richtige Basis, eine solide Grundlage auf guten Werten vermittelt?

Wie sieht es mit uns selber aus? Welche Werte finden wir für uns persönlich grundlegend und lebenswert. Wie verändern sich unsere persönlichen Werte im Kontext mit einer Gruppe, einer Gesellschaft? Werte verändern sich mit steigendem Alter. Ist dem Jugendlichen die Freiheit sehr wichtig, mag sich der Senior vielleicht doch in den Traditionen ausruhen. Freiheit, Liebe, Gesundheit und Glück dürfte dabei keine Altersfrage sein. Für jeden einzelnen dieser vierzehn Werte lohnt sich eine eigene Debatte. Kann es Gesundheit ohne Glück geben oder Liebe ohne Weisheit? Interessant ist der Dialog zwischen Jugendlichen und Älteren. Aus dem Blick der Erwachsenen fehlen vielleicht Werte, die für eine Gesellschaft elementar sind. Wie sieht’s mit Sicherheit oder Wachstum aus? Werte, die die Jugend noch nicht interessiert. Sind Jugendliche noch enthusiastisch und wollen die Welt verändern, haben sich die Älteren mit einem realitätsnahem Blick vielleicht schon zurückgelehnt.

Ich stelle mir meine Insel vor und die Werte, die ich als Priorität einsetzen würde. Bei Frieden und Freiheit gehe ich mit der Schulklasse einher. Beim dritten Wert kämpfe ich sehr mit mir selber. Ich denke fast, ich würde das glückliche Familienleben einsetzen, beinhaltet es für mich doch das Glück, die Gesundheit und die Liebe. Vielleicht ist das aber auch mogeln … Es ist jedenfalls immer ein interessantes Thema, sich mit Werten auseinanderzusetzen. Dort, wo über Werte gesprochen wird, werden sie auch gelebt und weitergegeben … in der Familie, an die Kinder und in der Gesellschaft. Wir brauchen keine neue Zivilisation, aber wir müssen an unserer sehr hart arbeiten, viele Dinge gerade rücken, korrigieren und verbessern. Mit welchen Werten das am besten gelingt, wäre eine grundlegende Frage. Tröstlich und schön, dass sich die nächste Generation positiv diesem Thema widmet.

Dein Frieden muss mein Frieden sein

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Frieden hat für mich eine kaum fassbare Größe. Ich lebe in ihm, lebe mit ihm und glaube ein Recht darauf zu haben, in Frieden leben zu können. Er ist immer da seit dem ich denken kann. Ich wünsche ihn mir, meinen Kindern, meinen Freunden, meinen Mitmenschen. Ich kann es mir nicht anders vorstellen, habe nichts anderes kennengelernt und habe doch eine furchtbare Angst davor, dass er eines Tages nicht mehr da sein könnte – hier – dort, wo ich lebe. In meiner Welt.

Ich gehöre der Generation an, die Eltern haben oder hatten, die den Nicht-Frieden erlebt haben. Gehöre zu denjenigen, die eins zu eins die Geschichten erzählt bekamen, die von Krieg, Vertreibung, Bombennächten, Hunger, Verlust von Menschen, Hoffnung und Verzweiflung hörten. Zu denjenigen, die Menschen kennen oder kannten, die Kriegstraumata ihr Leben lang mitnahmen. Aber erlebt habe ich es nicht und kann mir den Schrecken des Krieges nur vorstellen und mit Gesichtern und Erzählungen in Verbindung bringen. Meine Kinder nicht mehr – für sie gibt es nichts anderes als den Frieden in dem wir hier leben. Selbst die Vorstellung des beklemmenden Gefühls an der Berliner Mauer, einer direkten Auswirkung des letzten Krieges bei uns, ist diesen Kindern nicht mehr zu vermitteln. Sie fühlen sich, wie ich, sicher – weil sie ja auch nichts anderes kennengelernt haben. Ich bin dankbar dafür.

Diese Sicherheit endet mit einem Knopfdruck und genau dieser Knopfdruck macht uns die außergewöhnliche Lage klar, in der wir leben. Es bedarf nur den Fernseher anzuschalten um zu erfahren, was in anderen Ländern und der Welt los ist. In den Nachrichten erfahren wir von dem Schrecken, den Menschen in allen Teilen der Welt erleben und dieser Schrecken heißt Krieg. Gerade jetzt finden überall politische Kriege statt, zu nennen sind aktuell die Ukraine, Afghanistan, Irak, Gaza oder Syrien – unter anderen. Aber auch Glaubenskriege in alle Teilen der Welt und soziale Kriege lassen von sich hören, in einer Vielzahl, die kaum mehr zu ertragen ist. In jeder Sekunde leiden und sterben Menschen, weil andere Menschen ihre politischen, wirtschaftlichen oder religiösen Interessen nicht vereinen können. Wir hören, wie der Nachrichtensprecher sagt, dass die Bilder nicht gezeigt werden können, weil sie zu grausam sind. Wir sehen Menschen, die um ihr Leben rennen, dabei die Richtung egal ist, weil es keine Flucht gibt. Wir sehen Gesichter, die das Grauen erleben. Und schalten den Fernseher aus, weil wir diese Nachrichten nicht mehr erfassen können. Oder – schalten um und lenken uns mit einer Talkshow ab – nicht ohne vorher für die Bequemlichkeit vor dem Apparat gesorgt zu haben.

Und was tun wir? Manch einer postet im Facebook-Profil, wie schrecklich er dies alles findet. Mancher klebt sich ein Peace-Zeichen aufs Auto. Mancher schreibt sich den Frust, wie ich, von der Seele. Wenige gehen auf die Straßen, wenige sind aktiv in irgendwelchen Organisationen. Stellung beziehen wir gerne, was ja auch wichtig und richtig ist, aber wirklich aktiv sind wir kaum. Dabei könnten wir alle etwas tun.

Ich denke, dass jeder Frieden im Kopf anfängt. Der erste Schritt zu unseren Friedensbemühungen muss deshalb in unseren Köpfen stattfinden. Wir dürfen nicht in Gleichgültigkeit verharren, weil Kriegsschauplätze in sicherer Entfernung liegen. So ist schon viel erreicht, wenn wir uns selber prüfen und überlegen, wo unsere eigenen Grenzen sind. Wo steckt noch ein kleiner Rest Intoleranz und einseitiges Denken in uns. Wo wären unsere Grenzen Andersartigkeit, Fremdheit oder andere Meinungen zu akzeptieren. Wo wird es uns zu persönlich, dass wir uns in unserer Welt bedroht fühlen. Wir müssen uns prüfen, was uns an Menschen mit anderem Hintergrund oder Nationen, auch religiöser oder sexueller Ausrichtung tatsächlich stört, warum wir manches nicht akzeptieren wollen. Wir müssen thematisieren, wie die Vorstellung und Definition von Frieden beim anderen aussieht und wo dieser Frieden seine Grenze hätte. Denn wenn wir die Grenzen kennen, können wir diese auch benennen und eben mit jenen Menschen in einen Dialog treten und Grenzen für beide Seiten öffnen.

Beide Seiten zusammen zu bringen, ist die Grundlage für jegliche Friedensbemühungen. Um das zu bewerkstelligen muss man immer auch erkennen und begreifen, dass jede Seite ihre eigene Geschichte hat. Nur wenn man die Geschichte des anderen kennt, kann man einlenken, verstehen, Kompromisse schließen und gangbare Wege finden. Es gibt keinen bösen Palästinenser und guten Juden, genauso wenig wie einen bösen Juden und guten Palästinenser. Beide Völker haben einen historischen Weg hinter sich, den man kennen muss um zu verstehen, was in diesen Ländern passiert. Mir ist es vollkommen unverständlich, warum in unserem „sicheren“ Land Geschichts- und Politikunterricht zu Nebenfächern degradiert sind, die leicht abwählbar gar keine Rolle mehr in der Schulbildung der Kinder spielen. Wie sollen Kinder und Jugendliche zu verantwortungsvollen politisch denkenden Menschen erzogen werden, wenn sie Politik aus der historischen Rolle überhaupt nicht mehr verstehen. Statt dessen werden sie durch die Schulzeit geschubst, um möglichst schnell für Staat und Wirtschaft als „Material“ zur Verfügung zu stehen und Bruttosozialprodukt und Renten zu sichern. Wo bitte sollen sie Toleranz lernen, die über Urlaubsbekanntschaften hinaus geht. Wie sollen sie begreifen, aus welchen Gründen Menschen in unserem Land Schutz suchen. Wie verstehen, dass der ganze Globus zusammenhängt und das Wohl eines Volkes auf Kosten der anderen geht. Und wie sollen sie Kulturen verstehen, die sie im Schnellverfahren der Rahmenlehrpläne streifen. Und da brauchen wir nicht einmal in die weite Welt zu schauen, auch unsere eigene Geschichte verblasst immer mehr in den Köpfen. Ein fataler Fehler aus meiner Sicht.

Frieden ist dort nicht möglich, wo wenige ihre einseitigen Interessen mit Macht wahren wollen und Massen lenken. Und gefährlich wird es dort, wo diese wenigen radikal werden. Alles was radikal ist, kann einer Gemeinschaft nicht nutzen. Aber je leichter eine Masse zu lenken ist, desto schneller wird sie für dumm verkauft und in eine Richtung gedrängt, die weder Freiheit noch Gleichberechtigung oder Frieden heißen kann. So ist es geradezu Pflicht für uns, darauf zu achten Medienmacher, Politiker und auch die Wirtschaft kritisch zu betrachten und dort unbequem zu sein, wo es undurchsichtig oder allzu platt erscheint. Kritik zu üben und zu äußern ist nicht nur Recht, es ist auch Pflicht und genau das müssen Kinder lernen. Tun sie aber nicht, wenn sie nur das nächste Klassenziel und das Wohlwollen der Lehrkräfte vor Augen haben.

Um den Frieden in unserem Land zu wahren, müssen wir der kommenden Generation begreiflich machen, dass der Zustand in dem wir leben nicht selbstverständlich ist. Sie müssen verstehen, wie die Welt funktioniert und warum es in anderen Kulturen andere Prioritäten als bei uns gibt. Sie müssen lernen, Konflikte ohne Waffen zu lösen. Sie müssen sich eine Welt gestalten, in der nicht das ständige Wirtschaftswachstum, sondern das friedliche, kompromissfähige Leben die Zukunft sichert. Und wir müssen Kindern vorleben und thematisieren, dass nur die Differenzierung, das Gespräch und Kompromissfähigkeit mit Zukunft gleichzusetzen ist.

Ich hoffe, nichts anderes kennenzulernen als den Frieden in meinem Land. Aber ich möchte auch den Frieden für meine Kinder und deren Kinder, Frieden in anderen Ländern. Dafür kann ich etwas tun. Indem ich in meinem Kopf aufräume, indem ich meine Kinder zu kritischen und bewussten Bürgern erziehe und in dem ich immer wieder offen und laut fordere, dass unsere Zukunftsinvestition nur in den Kindern und Jugendlichen liegen kann. Sie brauchen den Rückhalt und die Sicherheit, dass wir ihnen die Zukunft in unserem Land anvertrauen und die Gewissheit, dass wir alles tun, um sie für diese Aufgabe vorzubereiten. Sie müssen diejenigen sein, die den Friedenswunsch in die Welt tragen und durchsetzen. Unsere Kinder müssen mit unserer Unterstützung Frieden zu einer festen Größe wandeln und das nicht nur bei uns!

Das war’s – Leben mit der Bundeswehr

bundeswehr

Es gibt Dinge, die schon bei ihrer Einführung heftig umstritten sind und äußerst kontrovers diskutiert werden. Dazu gehört die Deutsche Bundeswehr. Für die einen ist sie Friedensgarant im eigenen Land, für die anderen ein Verein von Kriegstreibern, der längst abgeschafft sein müsste und schon gar nicht öffentlich auftreten sollte. Was sich bei allen Diskussionen kaum jemand klar macht ist, dass viele Familien mit der Bundeswehr leben. Und dies nicht erst seit dem es eine Verteidigungsministerin gibt, die diese Familien ob ihrem früheren Amt als Familienministerin in den Fokus gestellt hat. Diese Familien hat es seit Gründung der Bundeswehr 1955 immer gegeben, nur standen sie nie in der Öffentlichkeit.

Ich bin nie gefragt worden, ob ich etwas mit der Bundeswehr zu tun haben will. Ich wurde in die Bundeswehr hineingeboren und bin ein Bundeswehrkind. Mein Vater ging nach seinem Abitur in Berlin zur Bundeswehr. Seine Motivation war zum einen die Möglichkeit zu studieren. Durch den nicht lange zurückliegenden Weltkrieg waren die Mittel der Familie knapp und dort bot sich ihm die sonst nicht machbare Möglichkeit des Studiums. Der zweite Grund waren seine Erlebnisse mit dem Weltkrieg, der seine Kindheit bestimmt hatte und er diese nie wieder erleben wollte. Er wollte dazu beitragen den Frieden zu erhalten. So ging er, damals schon verheiratet und junger Vater, nach München und begann seine Laufbahn als Offizier.

Als Kleinkinder war uns der Zusammenhang zwischen dem Vater und seinem Beruf natürlich nicht klar. Eine Auswirkung dessen war, dass wir Kinder alle eine andere Geburtsstadt haben. Auch Jahre im Ausland, die eine sehr prägende Kindheitserinnerung sind, haben wir erlebt. Immer mehr ins Bewusstsein rückte die Zugehörigkeit zu dieser besonderen Gruppe als wir älter wurden und Oberschulen besuchten. Es war für uns Normalität den Vater in Uniform zu sehen. Das Leben mit der Bundeswehr überhaupt war Normalität, kamen doch die meisten Klassenkameraden ebenso aus solchen Familien. Es war normal, dass der eine Freund zuzog und der andere wieder wegziehen musste. Geschichten über Wehrübungen, Starfighter, über Beförderungen, Dienstgrade, Umzüge gehörten ebenso dazu wie ein sonntägliches Essen im Casino.

Und auch die Diskussionen über Bundeswehr waren so normal wie der tägliche Schulbesuch. Gerade im jugendlichen Alter, wenn politisches Denken beginnt und wenn sich Jugendliche von zuhause abgrenzen wollen, beginnen die Gespräche über Sinn und Unsinn des Ganzen. Diese Diskussion hat es immer in unserem Haus gegeben und jede Meinung wurde akzeptiert, solange sie respektvoll und begründet vorgetragen wurde. Meine Brüder sind nicht zur Bundeswehr gegangen, meine Schwestern haben Wehrdienstverweigerer geheiratet und trotzdem haben wir immer an einem Tisch gesessen, diskutiert, gelacht und die Welt verbessert. Ich habe damals, als es noch undenkbar war, mit meinem Vater gestritten, warum Frauen nicht zur Bundeswehr gehen dürfen. Für ihn als alten Offizier eine Unmöglichkeit, für mich eine Ungerechtigkeit. Damals hätte ich’s eventuell sogar gemacht, heute bin ich froh, dass der Kelch an mir vorbeiging. Wir Kinder sind zu den ersten Friedensdemo’s in Bonn gegangen und wir haben Gespräche erlebt, bei denen der Großvater (Heer), der Vater (Luftwaffe) und der Schwiegersohn (Marine) leidenschaftlich über politische Themen diskutierten.

Nach meinem Auszug zuhause ergab sich für mich ein anderer Weg, der die Verbindung zur Bundeswehr aufrecht erhielt. Viele Jahre fuhr ich als Betreuerin bei Jugendfreizeiten des Bundeswehr Sozialwerkes e.V. mit. Sehr viele Jahre später habe ich einen Berufssoldaten geheiratet. Warum ausgerechnet einen Soldaten, habe ich mich sehr oft gefragt. Letztendlich kann man sich die Liebe nicht aussuchen und es ist für mich, denke ich, die Verlässlichkeit und die Sicherheit, die ich sowohl beim Vater wie Ehemann immer gefunden habe. Ich habe gewusst, worauf ich mich mit dieser Ehe einlasse. Habe gewusst, dass Umzüge, Auslandseinsätze, Befremden von anderen und Diskussionen weiterhin zu meinem Leben gehören würden. Ich habe es nie bereut und wir hatten Glück. In unserer Ehe haben wir einen Umzug gemeinsam erlebt. Durch die Tätigkeit meines Mannes im Personalrat wurde es möglich, dass meine Kinder eine Grundschule und eine Oberschule besuchen konnten. Ich habe sechs Schulen bis zum Abitur mitgenommen. Es wurde möglich, dass ich durch die Ortsgebundenheit beruflich Fuß fassen konnte. Schließlich konnten wir uns über die Jahre ein festes soziales Gefüge aufbauen und ein Gefühl von Zuhause an einem Ort erleben. Eine Seltenheit bei der Bundeswehr, die ich in Kindertagen erlebt habe.

Der Abschied von der Bundeswehr war absehbar. Die Marine muss künftig ohne meinen Mann auskommen. Ein paar Wochen lang hat uns unsere Tochter, mit dem Gedanken zur Bundeswehr zu gehen, beschäftigt. Der Wehrberater war glücklicherweise so fähig ihr die Bundeswehr schmackhaft zu machen, dass sie schon während des Gespräches geheilt war. Mein Mann hat seine Sachen gepackt, hat sie abgegeben und damit ist es vorbei. Keine Wehmut, kein Groll, er blickt auf eine gute Dienstzeit zurück – die Pflichtjahre sind voll und nun geht es mit Optimismus und neuen Zielen in die Zukunft.

Was ich mir schon lange abgewöhnt habe sind die Diskussionen über die Bundeswehr. Man wird mit der Zeit müde zu erklären, dass man in einer normalen Familie lebt. Das der Vater nicht schlägt, der Ehemann liebevoll ist, dass man Drill nie erlebt hat und Waffen in diesem Zusammenhang nie gesehen hat. Man wird müde zu schlucken, dass der Vater als Kriegstreiber, der Ehemann als Uniformträger und alle als Gewaltverherrlichend angesehen werden. Man wird müde unfaire Diskussionen zu führen, die nicht zu gewinnen sind und man hört auf zu verteidigen, was man anders erlebt hat und zu schätzen weiß.

Die Bundeswehrfamilien haben sich schon immer in diesem Staat arrangiert. Sie benötigen keine eigenen Kitas, die die Kinder ausgrenzen. Sie benötigen Unterstützung und Akzeptanz in den angrenzenden Bereichen. Unterstützung der Schüler, die vom Norden in den Süden wechseln müssen. Unterstützung der Ehefrauen, deren berufliche Karriere oft wegen der Umzüge nicht möglich ist. Unterstützung bei langen Trennungszeiten. Sie brauchen Freunde und offene Menschen, die diese Familien nicht ständig durch unfaire Argumente in eine Verteidigungshaltung drängen. Denn für sie ist der Beruf des Vaters, des Ehemanns, nun auch der Mutter, meist nur ein Beruf, der zweifelsohne eine besondere Einstellung erfordert.

Mein Vater hat Frieden gewollt und geweint, als er als geborener Berliner die Öffnung der Grenzen erleben durfte. Er hat uns beigebracht für alle Nationen der Welt offen zu sein, den Frieden zu halten, Gespräche zur Lösung von Konflikten zu führen und schließlich, dass jeder Mensch dem anderen gleichwertig ist. Und mein Mann durfte erleben, dass sein Heimatort im Osten wieder ein Teil seines Lebens werden konnte. Beiden gemeinsam ist der unerschütterliche Familiensinn, dem sie aus Überzeugung ihr berufliches Leben gewidmet haben.

Ob man für oder gegen die Bundeswehr ist, muss jeder für sich entscheiden. Für mich ist entscheidend, dass meine Familie in Frieden leben kann. Ob die Bundeswehr einen Sinn hat, mag sich jeder beim Säbelrasseln unseres russischen Nachbarn selber fragen. Wir werden keinen Krieg in der Welt durch die Abschaffung der Bundeswehr verhindern. Keinen Konzern von Waffenlieferungen in Drittländer abhalten. Wir werden keinen Nazi zur Umkehr bewegen, wenn Kasernen geschlossen werden. Was ich mir wünsche ist etwas Verständnis und Fairness gegenüber dem Menschen, der in der Uniform steckt, der sein Tun jeden Tag hinterfragt und die Arbeit erledigt, die Moralisten wohl kaum erledigen möchten. Die größten Kritiker der Bundeswehr sind die, die jeden Tag ihren Dienst leisten. Sie symbolisieren für mich bald 70 Jahre Frieden in diesem Land. Dafür haben sie meinen tiefsten Respekt.

Und damit schließe ich für mich dieses Kapitel … vielleicht bis zur Seniorenfahrt mit dem Bundeswehr Sozialwerk e.V.