Was geben wir den Kindern mit?

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Stell dir vor, du gehst auf eine einsame Insel und gründest eine neue Zivilisation. Vorher musst du allerdings an einer Versteigerung teilnehmen. Zu ersteigern gibt es moralische Werte, auf die diese Zivilisation aufbauen wird. Welche Werte würdest du ersteigern wollen?

Eine Werte-Versteigerung: Die Tochter hatte ein Praktikum absolviert und musste abschließend eine Präsentation aus der Praktikums-Arbeit in der Schule vorstellen. Im Rahmen des Geschichts-/Sozialkunde-Unterrichts hatte sie eine Schulstunde vorbereitet. Ihre Vorarbeiten habe ich beobachtet und das ein oder andere mit ihr diskutiert. Beschäftigt hat es mich erst, als sie nach der Präsentation nach Hause kam und davon erzählte. Die Schulstunde war ein großer Erfolg und die Tochter glücklich. Ihre MitschülerInnen hatten sich auf das Thema eingelassen, waren der Fiktion gefolgt, diskutierten über Werte und ersteigerten sie für ihre neue Zivilisation. Was mich besonders daran freute waren die nachträglichen Rückmeldungen, die mein Kind von ihren Mitschülern bekam. Es hätte sehr großen Spaß gemacht. Ein Junge schrieb ihr, dass er es schade fände, dass sie solche Diskussionen nicht öfter machten. Auf einer Skala von eins bis 10 bekäme sie eine 100. Total zufrieden … besser ging es nicht.

annaschmidt-berlin.com_werte2Es war nicht nur der Erfolg der Arbeit, der so positiv war. Es war die Vorstellung, dass sich eine Klasse von etwa 15 – 18-jährigen Oberschülern eine Stunde lang intensiv mit moralischen Werten auseinandergesetzt hatten. Sich offensichtlich sehr ernsthaft damit beschäftigte, was höheres Gewicht in der Wertung hätte. Zur Wahl hatten sie 14 Optionen: Ausbildung, Fortschritt, Freiheit, Frieden, Gerechtigkeit, Gesundheit, glückliches Familienleben, Gleichheit, Glück, Liebe, Reichtum, Schönheit, Tradition, Weisheit. Sie waren in sieben Gruppen eingeteilt, mussten erst für sich selber, dann in der Gruppe festlegen, welche Werte sie ersteigern möchten. Aus der Wertung der sieben Gruppen (Ich habe das erste Mal in meinem Leben selber ein Säulendiagramm erstellt – Mac-sei-dank! :-) ) ergab sich, dass die drei höchsten Werte Frieden, Freiheit und Liebe sind. Tradition, Reichtum und Schönheit belegten die letzten Plätze. Ein sehr schönes Ergebnis finde ich.

Es gefällt mir, dass sich eine Klasse mit Jugendlichen mit moralischen Werten auseinandersetzt, stehen Jugendliche im Generationskonflikt doch immer etwas unter Generalverdacht, dass sie so etwas nicht interessiert. Und dass es sie interessiert und ihnen sogar sehr wichtig ist, zeigt sich in ihren Reaktionen. Es zeigt aber auch, dass sie sich schon viel damit beschäftigt haben müssen und hier ziehe ich den Rückschluss zu ihren Eltern. Kinder übernehmen das, was ihnen ihre Eltern vorleben. Wenn nie über Werte gesprochen wird, keine Werte gelebt werden, können sie auch nicht weitergegeben werden. “Kinder lernen mehr von dem, was Du bist, als was Du sie lehrst …“ heißt es.

Immer mal wieder seine eigenen Werte überprüfen und sich selber zu hinterfragen, was man selber weiter gibt, kann daher nicht verkehrt sein. In meinem Umfeld werden junge KollegInnen Eltern und Großeltern, ich selber werde in Kürze Tante. Was wollen wir diesen Kindern mitgeben, was soll sie formen? Meine eigenen Kinder haben in wenigen Monaten beide die Volljährigkeit erreicht. Haben wir es richtig gemacht? Ihnen die richtige Basis, eine solide Grundlage auf guten Werten vermittelt?

Wie sieht es mit uns selber aus? Welche Werte finden wir für uns persönlich grundlegend und lebenswert. Wie verändern sich unsere persönlichen Werte im Kontext mit einer Gruppe, einer Gesellschaft? Werte verändern sich mit steigendem Alter. Ist dem Jugendlichen die Freiheit sehr wichtig, mag sich der Senior vielleicht doch in den Traditionen ausruhen. Freiheit, Liebe, Gesundheit und Glück dürfte dabei keine Altersfrage sein. Für jeden einzelnen dieser vierzehn Werte lohnt sich eine eigene Debatte. Kann es Gesundheit ohne Glück geben oder Liebe ohne Weisheit? Interessant ist der Dialog zwischen Jugendlichen und Älteren. Aus dem Blick der Erwachsenen fehlen vielleicht Werte, die für eine Gesellschaft elementar sind. Wie sieht’s mit Sicherheit oder Wachstum aus? Werte, die die Jugend noch nicht interessiert. Sind Jugendliche noch enthusiastisch und wollen die Welt verändern, haben sich die Älteren mit einem realitätsnahem Blick vielleicht schon zurückgelehnt.

Ich stelle mir meine Insel vor und die Werte, die ich als Priorität einsetzen würde. Bei Frieden und Freiheit gehe ich mit der Schulklasse einher. Beim dritten Wert kämpfe ich sehr mit mir selber. Ich denke fast, ich würde das glückliche Familienleben einsetzen, beinhaltet es für mich doch das Glück, die Gesundheit und die Liebe. Vielleicht ist das aber auch mogeln … Es ist jedenfalls immer ein interessantes Thema, sich mit Werten auseinanderzusetzen. Dort, wo über Werte gesprochen wird, werden sie auch gelebt und weitergegeben … in der Familie, an die Kinder und in der Gesellschaft. Wir brauchen keine neue Zivilisation, aber wir müssen an unserer sehr hart arbeiten, viele Dinge gerade rücken, korrigieren und verbessern. Mit welchen Werten das am besten gelingt, wäre eine grundlegende Frage. Tröstlich und schön, dass sich die nächste Generation positiv diesem Thema widmet.

15 Kommentare zu “Was geben wir den Kindern mit?

  1. Herr Ärmel sagt:

    Eine feine Stunde – Gratulation dafür!
    Nach meiner Erfahrung und meines Wissens ist jede Jugend besser als ihr Ruf.
    Und wie bereits gesagt, es kommt immer drauf an, was man Kindern und Jugendlichen vorlebt.
    Vielen Dank für diesen Beitrag und schöne Grüsse aus dem sonnigen Bembelland

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  2. Ich finde das Ergebnis toll! Auch die Schulstunde hätte mir selbst Spaß gemacht!
    Das Thema ist sehr anregend! Junge Menschen gehen an so etwas oft frischer dran – aber eben doch auch noch mit weniger Lebenserfahrung! Die in Deinen Kommentaren angedeuteten Ansätze zeigen schon, wie problematisch das mit diesen Wert doch sein kann, wenn man weiter nachdenkt: Hier ist es die ‚Gesundheit‘, die schon Bedenken erweckt oder die Überlegung, was ist denn jetzt alles bei Liebe oder Familienglück dabei? Auch behaupte ich, dass Schönheit ein eben solcher Begriff ist, den man von zwei Seiten sehen kann. Gibt es nicht Menschen, die behaupten gar, dass nur gut sein kann, was schön ist?
    Grüße jedenfalls Deine Tochter ganz lieb und vielen Dank für die schöne Anregung!
    L G Diana

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    • Ich danke für deinen Kommentar! Ja, ich hätte auch gerne mit diskutiert und ich denke, du hast recht: Jeder Wert hat Sonnen- wie Schattenseiten … und alle Gespräche darüber sind spannend! Tochter liest mit und freut sich. Liebe Grüße!

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  3. Elvira sagt:

    Ein interessantes Thema! Sicherlich ist es kein Zufall, welche Werte oberste Priorität haben, denn täglich erfahren wir aus den Medien, was es heißt, unfrei und in Kriegsgebieten zu leben. Unsere Kinder schätzen diese Werte also nicht, weil sie deren Gegenteil selbst erlebt haben, sondern weil sie in der Lage sind, mitzufühlen. Das ist schon einmal sehr gut! Den Wert der Gesundheit so hoch zu schätzen, bedeutet ebenfalls, dass weitere Werte mit einfließen, z.B. der Wert des eigenen Ichs. Wenn ich mir meines Wertes bewusst bin, gehe ich auch gut mit mir um, was wiederum der Gesundheit dient. Das glückliche Familienleben resultiert letztendlich aus den vorangegangenen Werten. Wo Liebe fehlt, die Freiheit eingeschränkt ist durch innere und äußere Reglementierungen, wo Krankheit an den Kräften zehrt, steht das Familienglück oft auf schwankendem Boden.
    Liebe Grüße,
    Elvira

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    • Da hast du vollkommen recht. Ich denke auch, dass das eine das andere bedingt – besonders das Familienleben! Was ich interessant finde: Ich habe immer befürchtet, dass sie den Frieden gar nicht schätzen können, weil sie seine Auswirkungen, so wie wir, nicht mehr erlebt haben. So wie du argumentierst, ist es ihnen sehr wohl bewusst (wenn auch aus anderem Grund) und der Gedanke gefällt mir sehr gut! Lieben Dank!

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  4. Anna-Lena sagt:

    Interessant und sehr anschaulich geschildert.
    Gesundheit würde ich allerdings nicht als Wert, sondern als ein Geschenk ansehen.
    Die heutige Jugend ist an Werten interessiert, das stelle ich auch immer wieder fest, besonders dann, wenn sie es von den Eltern nicht vorgelebt bekommen.
    Bereits im Kindergarten müssen Werte vermittelt und auch vorgelebt werden. Im normalen Schulunterricht hat man wenig Zeit dafür, denn so eine Stunde passt selten in ein konkretes Unterrichtsfach, außer in eine LER-Stunde, , aber man kann „nebenbei“ immer wieder dranbleiben und Pädagogen müssen sie vorleben.

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    • Als ich es geschrieben habe, habe ich auch darüber nachgedacht, dass Erwachsene als erstes eine Diskussion beginnen würden, was überhaupt ein moralischer Wert an sich ist. Dann müsste man auch Treue, Verlässlichkeit, Ehrlichkeit u.a. aufzählen – oder sind’s doch Eigenschaften? Ist Schönheit tatsächlich ein Wert? Die Kinder legen einfach los und das finde ich sehr gut. In der Montessori-Oberschule werden solche Dinge im Übrigen sehr gut in den Unterricht integriert. Das Vorleben ist schlicht und einfach der springende Punkt bei der ganzen Erziehung, gleich ob von Eltern, ErzieherInnen, LehrerInnen, Erwachsenen.

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  5. marian w. s. sagt:

    Das gefällt mir sehr gut.

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  6. maribey sagt:

    Wie gut, zu solchen Überlegungen anzuregen und wie du zeigst, können sie das hervorragend, die Jugendlichen!

    Und für dich ein kleiner Link, da ich nicht weiß, ob du es entdeckt hast. Ich haben Zeilen aus einem zurückliegenden Kommentar von dir, in ein Gesamtgedicht einfließen lassen. Wenn du zitierst wirst, sollst du es schließlich auch wissen: https://mbeyersreuber.wordpress.com/2015/04/01/auszug-findesatz-kommentare-april-2014/

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  7. Was für eine tolle Idee. Die Schulstunde hätte ich auch gern mit gemacht. Kompliment zur Tochter 🙂

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