Weiter geht’s … der erste Schultag

Foto: ©-stockWERK-Fotolia.com

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Wochenlang freuen wir uns darauf und wenn sie dann da sind, dauert es gefühlt einen Augenaufschlag bis sie wieder vorbei sind – die Sommerferien. Kinder wie Eltern freuen sich darauf durchatmen zu können, keinen Wecker zu stellen, kein Nachmittagshausaufgaben-Programm findet statt, keine Schulbrote werden geschmiert, keine Nörgeleien kommen an die Ohren, keine Elternabende müssen geschafft werden. Einfach nur Pause, ein paar Wochen Erholung und Müßiggang.

Gegen Ende der Ferien dreht sich das Ganze wieder um. Die Kinder freuen sich auf ihre Freunde, die sie sechs Wochen lang nicht gesehen haben und so manch ehrlicher Elternteil freut sich auf die gewohnte Alltagsroutine. Der erste Schultag steht bevor. Die „alten“ Hasen ab der zweiten Klasse packen wieder ihre Ranzen und sehen dem ersten Tag mehr oder weniger gelassen entgegen. Für die Neulinge, die Erstklässler, beginnt es eine Woche später. Für sie wird es aufregend und neu – Kinder und wie Eltern. Eine Schultüte wird gebastelt und gepackt, Erwartungen und Vorfreude bestimmt die Stimmung – ein ganz neuer Lebensabschnitt des Kindes und der Familie beginnt.

Hat das Kind bisher nur spielerisch und in zeitlich sehr lockerem Rahmen gelernt, wird das Lernen nun zum Hauptteil der Vormittage. Auch weite Teile des Nachmittags werden davon bestimmt. Und recht schnell wird deutlich werden, welche Fächer dem Kind liegen oder welche eher Schwächen offenbaren. Ist das eine Kind mathematisch begabt, glänzt das andere durch das Lesen oder Schreiben, manche sind auffällig durch ihre kreative Seite, andere wiederum durch sportliche Aktivitäten. Natürlich gibt es die Überflieger, die alles können, wahrscheinlicher ist aber, dass sich besondere Stärken und auch Schwächen zeigen werden. Was die Erstklässler in den ersten Wochen in jedem Fall erleben ist VIEL. Sie müssen sich an einen neuen Ort gewöhnen, herausfinden welchen Geistes die Lehrkraft ist, müssen sich in der Gemeinschaft der Klassen zurechtfinden und dann auch noch Ergebnisse liefern, die Lehrkraft und Eltern zufrieden stellt. Der neue Schulweg muss sicher und alleine gemeistert werden, die richtige Portion an Schulbrot bemessen und zeitliche Abläufe neu eingeübt werden. Ist das Kind informationsfreudig oder eher der Typ, bei dem nie etwas besonderes in der Schule passiert? Findet es schnell Freunde? Welche Ruhephasen braucht es, um die Fülle der neuen Situation zu bewältigen? Der Kuschelfaktor der Kita entfällt … der erste Schritt zur Selbstständigkeit getan.

Was Kinder ganz besonders in dieser ersten Zeit brauchen, sind starke Partner zuhause. Eltern, die egal was kommt, ihnen den Rücken stärken und das nicht nur in den ersten Wochen, sondern in der gesamten Schulzeit! Eltern, die an den einen Punkten gelassen reagieren, an anderen wiederum konsequent. Kinder brauchen Eltern, die in jedem Fall genau beobachten, wie sich der junge Schüler in die neue Rolle einfindet und was er an Unterstützung braucht. Eltern ohne rosarote Brille, die einen guten Blick und die nötige Gelassenheit haben, ihren Nachwuchs durch diese wichtige Zeit zu begleiten. Insbesondere aber auch Eltern, die loslassen können und dem Kind ermöglichen, selber die Verantwortung für seine Schullaufbahn zu übernehmen. Das müssen sie lernen. Hausaufgaben zuverlässig anfertigen, Informationen weitergeben, Erlerntes wiederholen … es ist primär die Aufgabe des Kindes, diese Job zu erledigen. Eltern sollten nur Unterstützer und gute Beobachter sein.

Ein Patentrezept für eine gute Schulzeit gibt es nicht. So unterschiedlich jedes Individuum ist, so unterschiedlich gestalten sich auch die Schullaufbahnen der Kinder. Empfehlenswert ist es in jedem Fall, immer gut informiert zu sein und die Besonderheiten der Schuljahre zu kennen. So sollte man in Berlin darauf vorbereitet sein, dass die ersten zwei Jahre in sogenannten JÜL-Klassen verbracht werden – Jahrgangsübergreifendes Lernen. Die Noten der fünften und das erste Halbjahr der sechsten Klasse zählen für die Qualifizierung der Oberschule. Die siebte Klasse auf dem Gymnasium ist ein Probejahr. In der achten Klasse schreiben allen Schüler Vera 8 – Vergleichsarbeiten in den Fächern Deutsch, Mathematik und der ersten Fremdsprache. In der neunten Klasse wird der BBR geprüft – Berufsbildungsreife und in der zehnten Klasse müssen die Schülerinnen und Schüler den MSA bestehen – den Mittleren Schulabschluss. Wer dann noch weiter gehen möchte hat die Möglichkeit, je nach Schultyp das Abitur in zwei oder drei Jahren zu machen. Je früher man diese Besonderheiten kennt, desto früher kann man den geeigneten Schultyp für das Kind finden und sich entsprechend vorbereiten. Tage der offenen Tür gibt es an den Schulen in jedem Jahr, nicht nur in dem Jahr bevor das Kind wechseln muss. Lohnenswert ist es in jedem Fall sich die jeweiligen Schulprofile der Schulen anzusehen. Ob eine Betonung auf den Naturwissenschaften, der Musik, einer sportliche Ausrichtung oder in sprachlicher Richtung liegt, ist ein guter Hinweis. Informationsmöglichkeiten gibt es zahlreich, auch im Internet. Sehr gut ist aber auch ein Eindruck von Eltern, die ihr Kind schon auf einer potentiellen Schule haben, auch wenn hier eher das subjektive Empfinden eine Rolle spielt. Informieren kann man sich immer sehr gut über die GEV – die Gesamtelternvertretung und empfehlenswert sind in jedem Fall die regelmäßige Teilnahme an Elternabenden. Auch wenn ihr Kind viel aus der Schule erzählt, auf der Elternebene wird doch anders gesprochen und manche Erzählungen zeigen sich in einem anderen Licht. Die erste Adresse bei Fragen sollte jedoch immer die entsprechende Lehrkraft sein. Ideal ist es, wenn Eltern mit Lehrerinnen und Lehrern Partner im Sinne des Kindes werden.

Das wichtigste ist trotzdem immer der eigene und realistische Blick auf das Kind. Den Satz „Der Lehrer nimmt mich nie dran, obwohl ich mich immer melde!“ kennen wir alle und haben ihn wohlmöglich selber schon unseren Eltern gesagt. Es gibt aber immer zwei Blickwinkel des Ganzen – den des Kindes und den der Lehrkraft. So muss man vorsichtig versuchen herauszufinden, wo das Problem liegt und gut abwägen, was zu tun ist. Liegt eine Schräglage vor, muss man handeln und versuchen wieder Ordnung zu schaffen. Wenn ein Kind sich in der Schule nachhaltig nicht wohl fühlt, ist in jedem Fall Handlungsbedarf. Und auch wenn es manchmal schwer auszuhalten scheint – keine Schullaufbahn wurde je in einem Schuljahr entschieden. Die Kinder werden heute sehr jung eingeschult und haben früh einen Abschluss. Manch einer ist dankbar für ein Jahr mehr Zeit und Entwicklungsspielraum. Ein guter Schulabschluss ist eine Grundlage und ein Einstieg, jedoch nicht zwingend ein Garant einer erfolgreichen beruflichen Laufbahn.

Eine wichtige Sache zum Schluss: Jeder hat Schule erlebt und verbindet damit Erinnerungen. Kinder merken, was für eine Einstellung die eigenen Eltern zu Schule haben. Eine positive Einstellung, Motivation und Spaß an der Schule kann man zuhause unterstützen, immer bedacht dabei, dass die Eltern eher in der zweiten Reihe stehen sollten. Freundliche, ihnen zugewandte Lehrkräfte brauchen Kinder. Lehrkräfte, die individuell erkennen, wo Stärken ausgebaut und Schwächen behoben werden können. Kinder können in jedem Fall mehr, als wir ihnen zutrauen … lassen wir uns von ihnen überraschen und sie ihren eigenen Weg laufen.

Leitartikel der Homepage des Stadtteilzentrum Steglitz e.V.
vom 21. August 2014

In Freundschaft …

Foto: ©-Ciaobucarest-Fotolia.com

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Sie hat mich am frühen Abend abgeholt. Zusammen sind wir eine große Kanalrunde gelaufen und als der Hund glaubte, jetzt geht’s nach Hause, sind wir einfach umgedreht und die gleiche Runde noch einmal gelaufen. Dann ging es aber immer noch nicht nach Hause. Eine Parkbank kam uns gerade recht, auf die wir uns setzten und weiter erzählten … erzählten, erzählten und weiter erzählten. Wir hatten uns lange nicht gesehen, zwischenzeitlich viel erlebt und mussten nun das alles austauschen, besprechen und beratschlagen – auf einer Ebene und mit einer Nähe, die ich nur bei wenigen Menschen zulasse. Ich war mit meiner Freundin unterwegs und als ich wieder zuhause war, vollkommen zufrieden, besänftigt, bestätigt und ruhig – eine Gefühlsmischung, die man eben nur bei der Freundin erlebt.

Ich habe immer Probleme damit „meine Freundin“ oder „meine beste Freundin“ zu sagen. Denn sie ist ja nicht „meine“, sie ist „eine“ Freundin, aber eben eine ganz besondere. Es ist eine sehr alte und vertraute Freundschaft, die unabhängig von Zeit und Ort immer weiter besteht und sich durch die Jahre entwickelt und verändert hat. Diese Freundschaft ist immer ein paar Monate älter als unsere älteren Kinder. Wir waren damals beide Neulinge in Berlin und schwanger. Durch die Schwangerschaftsgymnastik und einen Geburtsvorbereitungskurs haben wir uns und unsere Männer kennengelernt und es passte einfach. Neu in Berlin und schwanger ist eine gute Mischung um noch mehr Mütter kennenzulernen. So kamen wir gemeinsam in der PEKiP-Gruppe an und erlebten stundenlange Spaziergänge mit den Kinderwagen, bei denen wir uns austauschen konnten und Junge-Mütter-Geschichten debattierten. Die Schwangerschaft der Zweigeborenen erlebten wir fast gleichzeitig und auch den ersten Kindergarten besuchten unsere Kinder gemeinsam. Das trennte sich eine Weile, bis sich unsere größeren Kinder in der ersten Klasse wieder trafen. So ging es immer weiter. Mit der Zeit fingen wir beide wieder an zu arbeiten und im letzten Jahr besuchten wir den gleichen Abiturball unserer Kinder. Wir verabreden uns schon lange nicht mehr, damit die Kinder miteinander spielen können. Daran mussten sich zeitweilig auch die Kinder gewöhnen, dass sich die Mütter verabreden einfach um ihrer selbst willen. Nur sehen wir uns heute seltener, jeder hat seine Kreise, seine Arbeit, unterschiedliche Interesse.

Es ist eine Freundschaft, die alles erfüllt, was ich mir von Freundschaft erhoffe. Das Vertrauen, mich öffnen zu können. Den Respekt, in meiner Situation verstanden zu werden. Die Sicherheit, eine ehrlich und keine gefällige Meinung zu hören. Die Verschwiegenheit, sehr persönliche Dinge erzählen zu können und das Gefühl in Freude wie auch Schmerz aufgehoben zu sein. Wenn wir merken, dass es dem anderen nicht gut geht, können wir fragen und helfen. Wenn einer von beiden etwas sehr Schönes erlebt, die Freude vorbehaltlos teilen. Das alles – es sind ja hohe Ansprüche – ohne das Empfinden gefangen oder verpflichtet zu sein und ohne Erwartung.

Das ist die eine Freundschaft, die in dieser Form nur funktionieren kann, weil sie frei ist. Frei von Absolutheitsansprüchen und frei von Eifersucht. Wir haben beide viele andere Freundschaften, die mit unserer nichts zu tun haben. Ich pflege einige andere Freundschaften, die einen völlig andern Stellenwert und Inhalt haben. Jeder Freund, jede Freundin belegt einen anderen Platz in mir und erfüllt ein anderes Bedürfnis. Keine von ihnen ist mehr oder weniger Wert als die andere. Es gibt Freunde, mit denen ich philosophieren kann, Freunde für Unternehmungen, Freunde aus meinem Arbeitskreis, Freunde durch die Familie, Freundschaften durch den Hund, alte Schulfreundschaften, Brieffreundschaften, ganz alte Wegbegleiter, Freundschaften, die sich über Gefühl definieren, durch gemeinsame Hobbies, durch Sport oder sonst welche Umstände. Jede davon ist mir gleich wichtig und wertvoll. Aber doch ist es nur eine Handvoll, die sehr innig, beständig, zeitlos und wertfrei – eben so, wie diese besondere Freundschaft, sind.

Neben den Freundschaften gibt es das Heer von Bekanntschaften. Auch die sind mir wertvoll und ich freue mich über Jeden, dem ich begegne, mit dem ich etwas erlebt oder eine Gemeinsamkeit habe. Jedes freundliche Lächeln, wenn man sich begegnet und grüßt, ein paar Worte tauschen kann. Unter den Bekanntschaften sind viele Menschen, die ich so interessant finde, dass ich es schade finde nicht mehr Zeit zu haben um sich intensiver kennenlernen zu können. Es gibt so spannende Menschen.

Den Umgang mit Freundschaften muss man erlernen. Es ist ein hartes Stück Arbeit, sie aufrecht zu erhalten und nach Bauchgefühl zu entscheiden, was richtig für die jeweilige ist. Ist es für Kinder und Jugendliche oft wichtig viele Freunde zu haben, lernt man mit der Zeit, dass nicht die Anzahl sondern die Tiefe den Wert bestimmt. Und nicht unbedeutend ist der schöne Satz: „Sei der Freund, den du dir wünscht!“ … es gibt so schöne Zitat über Freundschaft. Freunde muss ich nicht unbedingt um mich haben. Sie geben mir Halt und es reicht, zu wissen, dass sie da sind und erreichbar wären, wenn ich sie bräuchte. Manchmal freue ich mich über einen Anruf, ein Bild oder eine Kleinigkeit – besonders aber hin und wieder über solche Aussichten wieder eine Runde am Kanal zu laufen und alles Erlebte vertraut zu tauschen.

Spiel und Spaß und … Hausaufgaben!

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Im Immenweg in Steglitz gibt es ein Haus, in dem sich alles um Kinder und Jugendliche dreht – liebevoll „die Imme“ genannt. Ein eingespieltes Team von Pädagogen bezeichnet die Imme sozusagen als „verlängertes Wohnzimmer“ für die Jugend, in dem aber auch Eltern und Lehrkräfte auf Wunsch Hilfe und Unterstützung bekommen. Ganz wichtig ist es, in der Imme gemeinsam Spaß zu haben, und so bietet man dort ein breit gefächertes Angebot, das genau auf die Interessen von älteren Kindern und Jugendlichen abgestimmt ist. Schon auf der Internetseite www.immenweg.de wird jedoch klar, dass es nicht nur um Spaß geht. „Hausaufgaben“ ist ein eigener Reiter auf der Homepage, der deutlich macht, dass alle Lebensbereiche der Kinder und Jugendlichen in diesem Haus unterstützt werden.

Die Hausaufgabenbetreuung in der Imme gibt es seit 2002, als das Haus unter Trägerschaft des Stadtteilzentrums Steglitz e.V. für die Kinder und Jugendlichen geöffnet wurde. Anfangs besuchten lediglich zwischen zwei und fünf Kinder die Hausaufgabenbetreuung, die damals noch halbtags von einem Mitarbeiter des Jugendamtes geleitet wurde. Von 2005 bis 2008 musste sich die Einrichtung die Räume im Haus mit dem Hort einer benachbarten Grundschule wegen eines Neubaus teilen, wodurch aufgrund der beengten Platzverhältnisse die Durchführung der Hausaufgabenhilfe eher theoretisch möglich war. Dennoch ließen sich in dieser Zeit etwa fünf bis zehn Kinder täglich unterstützen, wenn auch mit einem eher unverbindlichen Charakter. Nachdem der Hort seinen eigenen Neubau beziehen konnte, übernahm Jörg Backes, Projektleiter des Kinder- und Jugendhauses, den Neuaufbau der HA-Betreuung, die mittlerweile seit sieben Jahren mit Erfolg läuft. Das Konzept wurde komplett neu ausgerichtet und fand nach einer rund einjährigen Anlaufzeit zu der Form, in der sie bis heute besteht.

Die Hausaufgabenbetreuung ist offen für alle Kinder ab der 5. Klasse bis zur Oberstufe. In der Praxis sieht es aber so aus, dass überwiegend Grundschüler der 5. und 6. Klasse kommen, die trotz Hortzeitverlängerung nicht mehr in den Hort gehen möchten. Dazu kommen Oberschüler der Unter- und Mittelstufe. Die meisten Kinder sind also zwischen 10 und 15 Jahre alt. Vereinzelt finden sich Viertklässler (als Ausnahme, z.B. bei Geschwisterkindern) ein und Ältere, die vor allem die Recherche-Möglichkeiten und Hilfestellungen nutzen. Angemeldet waren in den letzten Jahren immer zwischen 35 und 50 Schüler und Schülerinnen. Hinzu kommen „Altgediente“, die nicht mehr regelmäßig kommen, sondern nur noch, wenn z.B. ein Referat oder die MSA-Vorbereitung (Mittlerer Schulabschluss) auf dem Plan steht.

Die Kinder kommen nicht gleichzeitig, sondern gestaffelt. In Kernzeiten steht Jörg Backes eine Honorarkraft zur Seite. Um an der Hausaufgabenbetreuung teilnehmen zu können, müssen sich die Kinder verbindlich anmelden. Es gibt ein Aufnahmegespräch mit den Eltern, außerdem ist das Erscheinen dreimal in der Woche Minimum. Die Hausaufgabenbetreuung in der Imme grenzt sich von individueller Nachhilfe ab, gibt aber intensive Hilfestellung mit Üben auch für Klassenarbeiten – und das Ganze gibt’s kostenlos.

Sind Hausaufgaben, die die Kinder zu erledigen haben, überhaupt ein Gewinn für sie und zeitgemäß? Hat das Gelernte nicht nur für die nächste Klassenarbeit, sondern für die Zukunft Relevanz? Jörg Backes denkt durchaus, dass Hausaufgaben – bei einem sinnvollen Umgang – zeitgemäß sind. Er beantwortet die Frage mit einem entschiedenen ‚Ja’.

“Ich weiß, dass es Bestrebungen gibt, die Hausaufgaben als Relikt einer frontal vermittelnden Macht- und Notenpädagogik abzuschaffen, aber ich halte sehr viel von Hausaufgaben – WENN sie richtig eingesetzt werden. Sich stumpfsinnig hinzusetzen und eine Matheaufgabe nach der anderen herunterzuschreiben, ist natürlich nicht mehr zeitgemäß. Aber dass die Schüler sich auch nach dem letzten Klingeln noch hinsetzen und ihre Gehirnzellen mit dem tieferen Verständnis des Stoffes trainieren, ist in meinen Augen absolut sinnvoll.

Der „richtige“ Umgang mit Hausaufgaben beinhaltet dabei natürlich einige Voraussetzungen. Dazu gehört die sinnvolle Verzahnung von Lehrern und Eltern/Hausaufgabenpädagogen. Manche Aufgaben könnten fächerübergreifend thematisch verbunden werden. Bei anderen mag es sinnvoll sein, die Art der Aufgabe an die individuelle Leistungsfähigkeit jedes Schülers anzupassen. Zudem fördert der Dialog zuhause bzw. in der HA-Betreuung auch das Verständnis des Stoffes. Zum Beispiel, wenn Schüler und Eltern gemeinsam an einer kniffligen Frage arbeiten – die Eltern natürlich nur beratend, nicht vorsagend.“ Er denkt aber, dass diese Frage nicht nur in Bezug auf die Hausaufgaben, sondern in Bezug auf den Lehrstoff bzw. die Schulfächer betrachtet werden muss. “Einiges hat Relevanz für die Zukunft (und zwar immer dann, wenn das Kind sich für diese Thematik irgendwie interessiert), anderes wiederum lernt man nur bis zur nächsten Arbeit. Welche Priorität man da auch immer hat: Ein Gewinn ist das Anfertigen der Hausaufgaben immer – allerdings weniger in Bezug auf den Stoff, sondern eher in Bezug auf das Erlernen von Schlüsselqualifikationen (Selbständigkeit, Organisation, Zuverlässigkeit, Bilden von Verknüpfungen). Anders gesagt: Es gibt blöde, stumpfsinnige Hausaufgaben, die einfach nur sinnlos sind, es gibt aber auch die sinnvolle Vertiefung von relevanten Themen und deren Verinnerlichung.“

Danach gefragt, was er abschaffen würde, wenn er “Minister für Bildung” wäre, antwortet Jörg Backes, er würde die Abschaffung der Kulturhoheit der Länder betreiben und das Bildungswesen als Bundesangelegenheit definieren. Der Föderalismus führt in diesem Bereich dazu, dass jedes Bundesland macht, was es will. Er würde keins der heutigen Fächer wirklich abschaffen wollen, sich aber eine lebenspraktischere Orientierung wünschen und allgemein ein größeres Gewicht auf kreative Fächer legen. Nur statt Religion würde er einen neutralen Ethikunterricht einführen, in dem die Religionen natürlich vorkommen, aber eher als Teil der Geschichte.

Jörg Backes nimmt die Betreuung der Hausaufgabenhilfe und seine leitende Rolle darin sehr ernst und wünscht sich besonders, dass Eltern und Pädagogen eng zusammenarbeiten um individuell beurteilen zu können, welche Hilfestellung für das jeweilige Kind erforderlich ist. Aber besonders eines ist ihm bei aller Ernsthaftigkeit des Themas wichtig – der Spaß bei der Sache und das gemeinsame Lachen sollten dabei nie fehlen.

Leitartikel der Homepage des Stadtteilzentrum Steglitz e.V.
vom 14. August 2014

 

Einen herzlichen Dank an Jörg Backes, Projektleiter des Kinder- und Jugendhaus Immenweg, der mich bei diesem Beitrag unterstützt hat.

Generationswechsel …

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Ich gebe zu, dass ich diesbezüglich gedankenlos war oder blauäugig könnte man es auch nennen. Denke jedoch eher, ich wollte mich nicht damit auseinandersetzen. Wollte, dass es immer so bleibt, wie es ist. Ich wollte die Vorzüge genießen, erwachsen zu sein und dennoch hin und wieder in die Rolle des Kindes zurück schlüpfen zu dürfen. Wollte eigenständiges und freies Handeln und Entscheiden bewusst ausüben und mich trotzdem von den Älteren, den Menschen mit mehr Lebenserfahrung, beraten und mich von ihnen unterstützen lassen. So wie es immer war. Eine, wie ich finde, sehr angenehme Lebensphase, deren Endlichkeit nun absehbar ist. Ich muss endgültig erwachsen sein. Ein Generationswechsel steht uns bevor.

Abschiede kündigen sich an. Keine vorübergehenden, sondern endgültige Abschiede. Abschiede von Menschen, die mich mein Leben lang begleitet haben. Natürlich habe ich hin und wieder darüber nachgedacht, dass ich älter werde. Aber ich lege keinen besonderen Wert darauf, jung sein zu müssen, weshalb mir dieses Thema zwar bewusst, aber nicht wichtig ist. Ich genieße es sogar ein „gewisses“ Alter zu haben. Was ich dabei völlig außer acht gelassen habe ist, dass die Menschen um mich herum ebenso älter werden. Menschen, die immer für mich da waren. Menschen, die immer dazu gehörten und mit meinem Lebensweg eng verbunden sind. Wichtige Menschen für mich.

Vor 15 Jahren musste ich mich schon einmal damit auseinander setzen. Mein Vater starb innerhalb eines halben Jahres an Krebs. Das traf uns unvorbereitet und viel zu früh. Ich selber habe zwei Jahre gebraucht, bis ich wieder richtig auf den Füßen stand und das verkraftet hatte. Bereit war, mein Leben weithin ohne ihn anzunehmen und meine Wut, dass mein Großvater viel älter werden durfte als er, beizulegen. Mit der Zeit habe ich ein sehr tröstliches Verhältnis zu diesem Verlust aufbauen können und lasse mich weiterhin in Gedanken von ihm begleiten.

Nun kündigen sich weitere Abschiede an. Meine Schwiegermutter haben wir in den letzten Wochen wegen eines Infarkts und dessen Folgen in einem Seniorenheim bringen müssen. Wir sind froh, dass sie uns erkennt, nur Zeit und Raum gehören nicht mehr in ihre Welt. Wir können sie besuchen, mit ihr sprechen, sie sehen und in den Arm nehmen. In den Arm nehmen … etwas, was die gesunde Frau nur zögerlich zuließ. Ein langsamer Abschied von einer starken Frau. Und immer noch mit dieser neuen Familiensituation beschäftigt, erreichen uns die nächsten Nachrichten von Verwandten, die zur älteren Generation gehörend ihr Leben nicht mehr alleine führen können. Ein Onkel, der auch eine Pflegestufe benötigt und eine Tante, die einen längeren Krankenhausaufenthalt überstanden hat. Wir haben eine wirklich sehr große Familie … aber das reicht für’s erste an Nachrichten.

Erstaunlicherweise hat mich die Nachricht von der Tante so verstört und nachdenklich gemacht. Bei ihr und meinem Onkel habe ich meine erste Ausbildung gemacht. Sie hatte einen Verlag und er eine Werbeagentur. Ich lernte bei ihm und habe dort eine wirklich solide Grundlage für meinen Beruf bekommen. Das ist richtig viele Jahre her und ich war ihm immer dankbar und verbunden dafür. Das besondere daran ist heute, dass diese Tante und dieser Onkel 94 und 93 Jahre alt sind. Ein verheiratetes Paar, dass sich im Restaurant immer noch streitet, wer die Rechnung bezahlen darf. Als ich hörte, dass sie im Krankenhaus liegt und es anfänglich schlecht aussah, war ich erst erstaunt und dann fast empört. Meine Welt ohne sie  – für mich unvorstellbar. Im zweiten Moment erst merkte ich, dass meine Empörung völlig absurd ist. Sie sind 94 und 93 Jahre alt – wer darf das gemeinsam bei relativer Gesundheit erleben?

Ich muss mich bereit machen, mich trennen zu können. Muss akzeptieren, dass die Zeit ihren Tribut fordert und meinen eigenen Wunsch hinten anstellen, dass alles so bleibt, wie es ist. Muss für die anderen, die gehen müssen, bedenken, was das Beste für sie ist. Ich möchte meine Erinnerungen bewahren und einpacken, möglichst an einem Platz, wo sie sich mit der Zeit nicht verklären und ändern können. Und schließlich muss ich mich vorbereiten in ihre Reihen zu treten. In die Reihen der Ältesten der Gesellschaft, in denen wir diejenigen sein werden, die Halt, Zuversicht und Unterstützung geben. Letztlich muss ich mich der Verantwortung den Jüngeren gegenüber stellen und ihnen das bieten, was ich an den Älteren so liebe, die mich und meine Geschichte kennen. Ich muss mich bei ihnen nicht verstellen und verbiegen und sie geben mir den Halt, den speziell ich benötige. Den Halt, den ich künftig aus eigener Kraft aufbringen muss.

Das Schöne daran ist, dass ich das alles nicht alleine erleben muss. Ich habe einen Mann an der Seite, viele gleichaltrige Verwandte, Geschwister, Cousinen, Cousins und viele Freunde. Ich werde mich an die neue Rolle gewöhnen. Werde in Gedanken damit spielen, was der ein oder andere, der gehen muss oder musste, wohl für einen Rat gegeben hätte und mich an sie erinnern. Wir werden nun die Generation, die sich kümmert, die pflegt, regelt, entscheidet, trauert, erinnert und die letzten Reste des Kind-Seins aufgeben wird.

Generationen wechseln – natürlich – zur Zeit erlebe ich das sehr bewusst. Einerseits mag ich nicht so richtig daran denken, andererseits möchte ich es als Natürlichkeit annehmen. Ich kann es nicht aufhalten und weiß, dass es noch sehr oft weh tun wird. Und trotzdem, je mehr es mich beschäftigt, desto stärker wird mein Hunger auf’s Leben. Auf das Hier und Jetzt, meine Kinder und Familie, die Freunde, die Arbeit, das Lachen und die Neugierde, die mich jeden Morgen neu antreibt. Die Vorstellung, was diejenigen, die gehen werden, von mir erwarten würden, wird mein Antrieb sein. Lebensbejahend, positiv und optimistisch … bereit ihre Kinder und Kindeskinder zu stützen.

Dein Frieden muss mein Frieden sein

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Frieden hat für mich eine kaum fassbare Größe. Ich lebe in ihm, lebe mit ihm und glaube ein Recht darauf zu haben, in Frieden leben zu können. Er ist immer da seit dem ich denken kann. Ich wünsche ihn mir, meinen Kindern, meinen Freunden, meinen Mitmenschen. Ich kann es mir nicht anders vorstellen, habe nichts anderes kennengelernt und habe doch eine furchtbare Angst davor, dass er eines Tages nicht mehr da sein könnte – hier – dort, wo ich lebe. In meiner Welt.

Ich gehöre der Generation an, die Eltern haben oder hatten, die den Nicht-Frieden erlebt haben. Gehöre zu denjenigen, die eins zu eins die Geschichten erzählt bekamen, die von Krieg, Vertreibung, Bombennächten, Hunger, Verlust von Menschen, Hoffnung und Verzweiflung hörten. Zu denjenigen, die Menschen kennen oder kannten, die Kriegstraumata ihr Leben lang mitnahmen. Aber erlebt habe ich es nicht und kann mir den Schrecken des Krieges nur vorstellen und mit Gesichtern und Erzählungen in Verbindung bringen. Meine Kinder nicht mehr – für sie gibt es nichts anderes als den Frieden in dem wir hier leben. Selbst die Vorstellung des beklemmenden Gefühls an der Berliner Mauer, einer direkten Auswirkung des letzten Krieges bei uns, ist diesen Kindern nicht mehr zu vermitteln. Sie fühlen sich, wie ich, sicher – weil sie ja auch nichts anderes kennengelernt haben. Ich bin dankbar dafür.

Diese Sicherheit endet mit einem Knopfdruck und genau dieser Knopfdruck macht uns die außergewöhnliche Lage klar, in der wir leben. Es bedarf nur den Fernseher anzuschalten um zu erfahren, was in anderen Ländern und der Welt los ist. In den Nachrichten erfahren wir von dem Schrecken, den Menschen in allen Teilen der Welt erleben und dieser Schrecken heißt Krieg. Gerade jetzt finden überall politische Kriege statt, zu nennen sind aktuell die Ukraine, Afghanistan, Irak, Gaza oder Syrien – unter anderen. Aber auch Glaubenskriege in alle Teilen der Welt und soziale Kriege lassen von sich hören, in einer Vielzahl, die kaum mehr zu ertragen ist. In jeder Sekunde leiden und sterben Menschen, weil andere Menschen ihre politischen, wirtschaftlichen oder religiösen Interessen nicht vereinen können. Wir hören, wie der Nachrichtensprecher sagt, dass die Bilder nicht gezeigt werden können, weil sie zu grausam sind. Wir sehen Menschen, die um ihr Leben rennen, dabei die Richtung egal ist, weil es keine Flucht gibt. Wir sehen Gesichter, die das Grauen erleben. Und schalten den Fernseher aus, weil wir diese Nachrichten nicht mehr erfassen können. Oder – schalten um und lenken uns mit einer Talkshow ab – nicht ohne vorher für die Bequemlichkeit vor dem Apparat gesorgt zu haben.

Und was tun wir? Manch einer postet im Facebook-Profil, wie schrecklich er dies alles findet. Mancher klebt sich ein Peace-Zeichen aufs Auto. Mancher schreibt sich den Frust, wie ich, von der Seele. Wenige gehen auf die Straßen, wenige sind aktiv in irgendwelchen Organisationen. Stellung beziehen wir gerne, was ja auch wichtig und richtig ist, aber wirklich aktiv sind wir kaum. Dabei könnten wir alle etwas tun.

Ich denke, dass jeder Frieden im Kopf anfängt. Der erste Schritt zu unseren Friedensbemühungen muss deshalb in unseren Köpfen stattfinden. Wir dürfen nicht in Gleichgültigkeit verharren, weil Kriegsschauplätze in sicherer Entfernung liegen. So ist schon viel erreicht, wenn wir uns selber prüfen und überlegen, wo unsere eigenen Grenzen sind. Wo steckt noch ein kleiner Rest Intoleranz und einseitiges Denken in uns. Wo wären unsere Grenzen Andersartigkeit, Fremdheit oder andere Meinungen zu akzeptieren. Wo wird es uns zu persönlich, dass wir uns in unserer Welt bedroht fühlen. Wir müssen uns prüfen, was uns an Menschen mit anderem Hintergrund oder Nationen, auch religiöser oder sexueller Ausrichtung tatsächlich stört, warum wir manches nicht akzeptieren wollen. Wir müssen thematisieren, wie die Vorstellung und Definition von Frieden beim anderen aussieht und wo dieser Frieden seine Grenze hätte. Denn wenn wir die Grenzen kennen, können wir diese auch benennen und eben mit jenen Menschen in einen Dialog treten und Grenzen für beide Seiten öffnen.

Beide Seiten zusammen zu bringen, ist die Grundlage für jegliche Friedensbemühungen. Um das zu bewerkstelligen muss man immer auch erkennen und begreifen, dass jede Seite ihre eigene Geschichte hat. Nur wenn man die Geschichte des anderen kennt, kann man einlenken, verstehen, Kompromisse schließen und gangbare Wege finden. Es gibt keinen bösen Palästinenser und guten Juden, genauso wenig wie einen bösen Juden und guten Palästinenser. Beide Völker haben einen historischen Weg hinter sich, den man kennen muss um zu verstehen, was in diesen Ländern passiert. Mir ist es vollkommen unverständlich, warum in unserem „sicheren“ Land Geschichts- und Politikunterricht zu Nebenfächern degradiert sind, die leicht abwählbar gar keine Rolle mehr in der Schulbildung der Kinder spielen. Wie sollen Kinder und Jugendliche zu verantwortungsvollen politisch denkenden Menschen erzogen werden, wenn sie Politik aus der historischen Rolle überhaupt nicht mehr verstehen. Statt dessen werden sie durch die Schulzeit geschubst, um möglichst schnell für Staat und Wirtschaft als „Material“ zur Verfügung zu stehen und Bruttosozialprodukt und Renten zu sichern. Wo bitte sollen sie Toleranz lernen, die über Urlaubsbekanntschaften hinaus geht. Wie sollen sie begreifen, aus welchen Gründen Menschen in unserem Land Schutz suchen. Wie verstehen, dass der ganze Globus zusammenhängt und das Wohl eines Volkes auf Kosten der anderen geht. Und wie sollen sie Kulturen verstehen, die sie im Schnellverfahren der Rahmenlehrpläne streifen. Und da brauchen wir nicht einmal in die weite Welt zu schauen, auch unsere eigene Geschichte verblasst immer mehr in den Köpfen. Ein fataler Fehler aus meiner Sicht.

Frieden ist dort nicht möglich, wo wenige ihre einseitigen Interessen mit Macht wahren wollen und Massen lenken. Und gefährlich wird es dort, wo diese wenigen radikal werden. Alles was radikal ist, kann einer Gemeinschaft nicht nutzen. Aber je leichter eine Masse zu lenken ist, desto schneller wird sie für dumm verkauft und in eine Richtung gedrängt, die weder Freiheit noch Gleichberechtigung oder Frieden heißen kann. So ist es geradezu Pflicht für uns, darauf zu achten Medienmacher, Politiker und auch die Wirtschaft kritisch zu betrachten und dort unbequem zu sein, wo es undurchsichtig oder allzu platt erscheint. Kritik zu üben und zu äußern ist nicht nur Recht, es ist auch Pflicht und genau das müssen Kinder lernen. Tun sie aber nicht, wenn sie nur das nächste Klassenziel und das Wohlwollen der Lehrkräfte vor Augen haben.

Um den Frieden in unserem Land zu wahren, müssen wir der kommenden Generation begreiflich machen, dass der Zustand in dem wir leben nicht selbstverständlich ist. Sie müssen verstehen, wie die Welt funktioniert und warum es in anderen Kulturen andere Prioritäten als bei uns gibt. Sie müssen lernen, Konflikte ohne Waffen zu lösen. Sie müssen sich eine Welt gestalten, in der nicht das ständige Wirtschaftswachstum, sondern das friedliche, kompromissfähige Leben die Zukunft sichert. Und wir müssen Kindern vorleben und thematisieren, dass nur die Differenzierung, das Gespräch und Kompromissfähigkeit mit Zukunft gleichzusetzen ist.

Ich hoffe, nichts anderes kennenzulernen als den Frieden in meinem Land. Aber ich möchte auch den Frieden für meine Kinder und deren Kinder, Frieden in anderen Ländern. Dafür kann ich etwas tun. Indem ich in meinem Kopf aufräume, indem ich meine Kinder zu kritischen und bewussten Bürgern erziehe und in dem ich immer wieder offen und laut fordere, dass unsere Zukunftsinvestition nur in den Kindern und Jugendlichen liegen kann. Sie brauchen den Rückhalt und die Sicherheit, dass wir ihnen die Zukunft in unserem Land anvertrauen und die Gewissheit, dass wir alles tun, um sie für diese Aufgabe vorzubereiten. Sie müssen diejenigen sein, die den Friedenswunsch in die Welt tragen und durchsetzen. Unsere Kinder müssen mit unserer Unterstützung Frieden zu einer festen Größe wandeln und das nicht nur bei uns!

Die Erinnerung bleibt

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Sie sitzt auf ihrem Findling im Garten und ihr Blick geht über den See. Sie schaut in die Ferne. Nicht in die messbare Ferne in Kilometern, sondern in die Ferne ihrer Erinnerungen, die nunmehr übrig bleiben. Gestern hatte sie mich noch gefragt, ob sie den Findling nicht wegräumen sollte. Dann erzählte sie aber, wie gerne sie immer auf dem Stein saß, wenn Schwester Longina, eine befreundete Nonne, zu Besuch kam und sie der Schwester beim Schwimmen im See zuschaute. Schon war sie wieder in den Erinnerungen und ihr Blick nicht mehr greifbar.

Die Oma, die wir kannten, gibt es nicht mehr. Vorangegangen war ein Infarkt, ein Krankenhausaufenthalt und eine Reha. Eine Zeit, in der Bangen, Hoffen und Wunschdenken sich die Klinke in die Hand gaben. Schließlich wurde sie nach Hause entlassen, mit einer vagen Prognose und einer perspektivischen Einschätzung der Ärzte, die den Angehörigen Mut, aber dennoch nichts Greifbares in die Hand gaben. Das Zuhause erkannte sie und der Auftrieb, der sie zu erfassen schien, gab wieder Hoffnung.

Mit den ersten Tagen zuhause kam die Erkenntnis. In den vertrauten Räumen findet sie die Türen nicht, die Anziehsachen liegen immer am falschen Ort, die Zahnbürste war im falschen Raum. Hunger und Durst kennt sie nicht, isst und trinkt nur, wenn sie dazu aufgefordert wird. Von einer Puppe, die immer am gleichen Ort liegt, sagt sie, sie sei gestohlen worden. Wenn man sagt, Nein, sie sitzt auf ihrem Platz. kommt ein kurzes Ach ja! um nach einer halben Stunde wieder zu erzählen, dass die Puppe weg sei. Beim Kaffeetrinken fragt sie alle paar Minuten, wo ich den Kuchen gekauft habe und ich gebe immer wieder die gleiche Antwort. In den Minuten dazwischen ist ihr Blick sehr weit weg … wo, wissen wir nicht.

Zwei Arztbesuche holen uns auf den Boden der Tatsachen. Die Augenärztin erklärt uns das eingeschränkte, irreversible Blickfeld, dass sie noch hat – Orientierung unmöglich – Infarktbedingt. Der Hausarzt erklärt uns den abschließenden Arztbericht der Klinik – selbstständiges Leben unmöglich – Infarktbedingt. Auch Infarktbedingt ist die Demenz, die keine Heilungschancen, eher das Gegenteil erwarten lässt. Wir fahren nach Hause, jeder in seinen Gedanken und beantworten auf der Fahrt wie einstudiert ihre wiederholte Frage, was das denn nun für ein Arzt gewesen sei – immer wieder.

Ohnmacht und ein leerer Tagesablauf sind die Folge. Immer angespannt und auf der Hut, wohin sie nun wieder läuft. Fragen, ob sie nicht trinken möchte, ob sie Hunger hat, wie es ihr geht. Schlafen tut sie schlecht und bei dem schlurfenden Geräusch ihrer Schritte in der Nacht sind alle wieder wach. Argwöhnisches beobachten, ob wir nicht doch wieder einen Funken der alten Oma entdecken, so wie sie früher war. Rundumbetreuung ist notwendig und selbst wenn sie stundenlang am gleichen Platz sitzt, trauen wir uns nicht, sie aus dem Blick zu lassen. Und immer wieder Gespräche zwischen uns, reden und erzählen, abwägen und besprechen, versuchen zu planen und überlegen, wohin es gehen soll. Dazwischen eigene Erinnerungen und die unlösbare Frage nach dem Grund. Und nach der Lösung. Hilflose Versuche ihr Verhalten in den letzten Monaten zu deuten.

Die Entscheidung … tut furchtbar weh und gleicht einem Scheitern. Wir erkennen, dass wir nicht in der Lage sind, diese Rundumbetreuung aufrecht zu erhalten und gleichzeitig unserem Leben, in dem wir an vieles gebunden sind, und unseren Kindern gerecht zu werden. Die Entscheidung ist getroffen, die Oma muss in einem Seniorenheim betreut werden. Dabei haben wir Glück, sofern man in diesem Zusammenhang von Glück reden mag. 200 Meter von unserem Haus ist eine Einrichtung, die auch einen Platz hat und sie sofort aufnehmen kann. Zwei Tage zwischen der Entscheidung und der Abfahrt, die gefüllt sind mit der immer währenden Frage, ob wir das richtige tun. Zwei Tage voll Zweifel und auch voll mit Schuldgefühlen, sie zu verraten. Manchmal, ganz unvermittelt, sagt sie Dinge, die im Zusammenhang passen und zeigen, dass sie durchaus noch Momente in der jetzigen Zeit hat. Momente, in denen wir verzweifeln und wünschten, dass dies alles nicht wahr ist.

Am Morgen vor der Fahrt läuft sie im Bademantel an mir vorbei in den Garten. Wohin sie denn möchte, beantwortet sie damit, dass sie in den See wolle, sich erfrischen. Das hat sie immer getan, jeden Morgen, teils bis in den November, in all den Jahren. Nun das erste Mal seit dem Krankenhaus. Ich sage, dass sie aber nicht hinaus schwimmen solle, platziere mich in angemessenem Abstand, passe auf sie auf und frage mich wieder einmal, ob das alles richtig ist. Warum jetzt? Warum geht sie ausgerechnet an dem Morgen, an dem wir sie wegbringen, an dem sie das letzte Mal hier ist, in den See. Ahnt sie es und verabschiedet sie sich? Später frühstücken wir, packen und als es hinaus ins Auto geht, dreht sie sich noch einmal um und fragt: Und wann bringt ihr mich wieder zurück?“ Ich kann die Tränen noch halten bis das Auto hinter der Kurve verschwunden ist. Zuhause parkt ihr Sohn das Auto an dem Haus in dem sie fast 40 Jahre gewohnt hat. Er läuft mit ihr die 200 Meter in der Straße, die fast 40 Jahre ihr Arbeitsweg war. Sie erkennt das alles nicht mehr und geht mit ihm in das Seniorenheim, dass nun ihr Zuhause werden soll oder besser, werden muss.

Der Sohn spricht mit den Kindern. Er erzählt ihnen, was sie in vielen Telefonaten noch nicht erfahren haben. Sie besuchen gemeinsam die Oma und nun erkennen die Kinder den leeren Blick. Sie sehen, dass die Oma sich verändert hat. Erkennen sie und doch wieder nicht und sind erschüttert. Wir müssen viel reden.

In ihrem Haus, sozusagen in ihrem Leben, kommen wir uns wie Einbrecher vor. Es ist das gleiche Haus, wie wir es immer kannten und doch wieder nicht. Es ist leer … es ist ein Haus ohne Oma. Und doch müssen wir Einbrecher sein und sehen, wie wir alles für sie regeln, was wir beachten müssen, wem wir Bescheid geben müssen. Wir sind zerrissen – zwischen der Vernunft, dass es so sein muss und den Emotionen, dass wir es doch gar nicht wollen.

Zwischen all der Arbeit sitzen wir hin und wieder in ihrem Garten. Nicht auf dem Findling, auf den werden wir uns nicht mehr setzen können. Wir tauschen unsere Erinnerungen und denken über ihr Leben nach. Sie lebte dafür, das Gedenken an ihre Eltern zu erhalten. An den Vater, den Müller und größten Arbeitgeber am Ort. An die Mutter, die alles im Krieg und den schwierigen Zeiten danach aufrecht erhielt. An ihre Bemühungen die Mühle zu erhalten. Wir denken an ihren Weg, dieses Haus am See auszubauen und an die vielen Jahre, in denen sie nicht erreichbar war, weil sie den Garten hegte und von morgens bis abends draußen war. Jeder Gegenstand im Haus erinnert an sie. Ein gelebtes Leben voll Erinnerungen. Um dann am Ende mit einem Koffer in das Seniorenheim umzuziehen. Wir hoffen, dass ihre Erinnerungen sie tragen, die sie mitnehmen kann. Was wir uns wünschen sollen, wissen wir nicht. Aber auch unsere Erinnerungen an die gesunde Oma bleiben … und trösten … ein wenig.

Warum machst du das eigentlich?

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„Warum machst du das eigentlich“, fragte mich eine Bekannte und ihr Unverständnis in der Stimme war deutlich zu hören. Im ersten Moment war ich verwirrt, bis ich verstand was sie meinte. Ich hatte mich beklagt, dass ich trotz Müdigkeit am Abend noch eine ehrenamtliche Arbeit für den Sportverein meiner Kinder fertig bekommen musste. Ja, warum macht man das eigentlich. Warum engagieren sich manche Menschen ehrenamtlich, obwohl vordergründig keine Vorteile daraus ersichtlich sind. Ein Ehrenamt hat immer etwas den Ruf, dass man mehr investiert als man zurück bekommt. Also muss es andere Gründe geben, warum sich viele Menschen engagieren und so einen wertvollen Beitrag in allen gesellschaftlichen Belangen leisten. Ehrenamtlich Engagierte als blauäugig oder Weltverbesserer abzutun wäre zu leicht.

In einem Bereich meiner Arbeit wechsele ich die Rolle der selbst Engagierten, in die Rolle derjenigen, die ein Ehrenamt anbietet. Mein Arbeitgeber ist das Stadtteilzentrum Steglitz e.V., ein sozialer Verein mit Einrichtungen von der Kita bis zum Seniorenheim. Mein Arbeitsbereich ist die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. In diesem Rahmen begleite ich ein Projekt, das ohne ehrenamtliche MitarbeiterInnen in dieser Form nicht denkbar wäre – die Stadtteilzeitung Steglitz-Zehlendorf. Die erste Stadtteilzeitung erschien im März/April 1996 und hieß damals noch “Nachbarschaftsbote”. Die ersten Ausgaben wurden auf einem Kopierer vervielfältigt, aber im Laufe der Zeit entwickelte sie sich zur Stadtteilzeitung und veränderte viele Male ihr “Gesicht”. Nach einer sieben monatigen Zeitungspause durfte ich an diesem Projekt ab April 2003 teilhaben. Schaut man in das Impressum der ersten Ausgaben 2003, so findet man vornehmlich MitarbeiterInnen des Stadtteilzentrums, was sich aber in den folgenden Ausgaben sehr schnell ändert. Das Impressum füllte sich sehr bald mit den Namen ehrenamtlicher RedakteurInnen, die uns nun zum Teil schon über sehr viele Jahre begleiten.

Die Gründe in diesem Bereich mit Ehrenamtlichen zu arbeiten sind vielfältig. Einer davon ist der zeitliche Aspekt. In der täglichen sozialen Arbeit ist zum einen viel zu tun und zum anderen fällt es MitarbeiterInnen schwer zu erkennen wie erzählenswert ihre Arbeit ist, die sie als Selbstverständlichkeit ansehen. Geht ein Kind glücklich nach der Hausaufgabenbetreuung nach Hause, ist das für „Zeitungsmacher“ eine Geschichte wert. Der Mitarbeiter sieht eher die erfüllte Pflicht, die schwer in Worte zu fassen ist. Der Blick des Ehrenamtlichen von außen, lässt es dann wiederum zu einem Bericht werden. Hinzu kommt die Vielfältigkeit der Stadtteilzeitung, die aus allen Bereichen des Bezirks berichtet. Nicht nur eigene Einrichtungen, auch Kooperationspartner, Initiativen, der Bezirk, Privatpersonen, Schulen, Aktionen, Projekte … jeder kommt zu Wort, der sich an die Redaktion wendet und die moralischen Grundsätze der Zeitung einhält. Diese Vielfältigkeit zu bedienen ist nur durch ehrenamtliche Redakteure möglich, die aus allen Bereichen des Bezirks kommen. Sie sind nicht nur die Berichtenden, sondern zugleich auch diejenigen, die Hinweise geben, worüber wir berichten sollten. Seit einigen Jahren arbeiten wir in der Redaktion in jeder Ausgabe mit Themenschwerpunkten, wie zum Beispiel Familie, Bildung, Jugend, Sport, Nachhaltigkeit. Auch diesbezüglich offerieren die RedakteurInnen die notwendige Vielfalt. Durch die Unterschiedlichkeit ihrer Persönlichkeiten bekommen die Themenschwerpunkte verschiedene Gewichtungen, die eine abwechslungsreiche Zeitung möglich machen.

Die Redaktionssitzungen sind spannend. Denn auch wenn sich das Team meist schon lange kennt, gibt es immer wieder Diskussionen, die verschiedene Standpunkte und Sichtweisen unter einen Hut bringen müssen. Es muss ein gemeinsamer Nenner gefunden werden, der eine gemeinsame Zeitungsausgabe möglich macht. Die Gründe über teils viele Jahre in diesem Team mitzuarbeiten sind unterschiedlich. Dank und große Wertschätzung hat einen hohen Stellenwert. Es ist eine fruchtbare Arbeit, abwechslungsreich und spannend und letztendlich erfüllt es ja auch mit Stolz, zu wissen, dass der eigene Artikel 10.000 mal im Bezirk gelesen wird. Es ist ein Team, das über die Zeit gelernt hat, die Eigenheiten, Schwächen und Stärken der anderen zu schätzen.

Meine KollegInnen erfreuen sich ebenso der Unterstützung durch Ehrenamtliche in ihren Arbeitsbereichen. Englischunterricht, Deutschunterricht, Lesestunden für Kinder, Bastelstunden, Hilfe im Nachbarschaftscafé, bei der Gartenarbeit, Hausaufgabenhilfe … sind einige Beispiele dafür. Und genauso wie die Ehrenamtlichen der Stadtteilzeitung, ermöglichen sie eine Angebotsvielfalt, die nur mit dem normalen Arbeitsaufwand personell nicht möglich wäre. Sie bringen den Gemeinschaftsgedanken, Freude am Umgang mit Menschen, Wertschätzung, Erfahrungen und viele andere menschliche Aspekte mit ein, die eine große Bereicherung und ganz besondere Hilfe sind.

In jedem Ehrenamt liegt ein egoistischer Aspekt. So engagiere ich mich in der GEV (Gesamteltervertretung) der Schule meiner Tochter und bin besser informiert, als die meisten Eltern. Ich engagiere mich im Sportverein und kann auch so indirekt den sportlichen Gedanken meiner Kinder fördern. Ich stelle mich an einen Info-Stand meines Vereins und kann meiner Neugier auf ein Event den nötigen Raum einräumen. Ich schreibe für eine Zeitung und finde meine Berichte in großer Vervielfältigung. Ich gebe Deutschunterricht und trainiere eine Weiterbildung. Ich helfe im Café und bin nicht mehr allein. Es ist ein gesunder Egoismus, der Menschen motiviert, sich zu engagieren. So müsste die Antwort auf die Eingangsfrage eigentlich eine Gegenfrage sein: „Warum machst du es noch nicht?“

Erschienen auf der Seite des Paritätischen Berlin für den Rundbrief August 2014
www.paritaet-berlin.de

Ein Brief für mich!

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Ob schöne Karten, besondere Briefe, kleine Zettelchen oder geheime Nachrichten, wie hier, in der Tablettendose versteckt … sie sagen immer – ich habe nur an dich gedacht!

Der kleine Schlüssel dreht sich einmal im Schloss und die Klappe vom Briefkasten ist geöffnet. Ich nehme den ganzen Stapel Post heraus, schließe wieder und trage meine „Beute“ ins Haus. Auf dem Tisch sortiere ich. Rechnung, Werbung, Rechnung, Werbung, Werbung, Infopost, Rechnung, Brief, Werbung, … stopp … ein Brief dazwischen. Ich werde neugierig und schaue mir den Brief genauer an. In Handschrift steht meine Adresse darauf und hinten ebenso der Absender. Ein Brief von meiner Freundin, nur für mich oder besser – extra für mich. Ich öffne ihn und lese, bin gerührt und freue mich ganz besonders über diese gelungene Überraschung. 

Ein Brief im Zeitalter der Digitalisierung und dabei stehen auch dieser Freundin und mir sämtliche Kommunikationswege via Internet und Smartphone offen. Wir haben oft Kontakt über sogenannte Messenger, schicken uns Nachrichten oder Bilder, grüßen kurz oder erzählen etwas von den Kindern. Wir wohnen in unmittelbarer Nähe. Und nun dieser Brief. Ich hatte ihr zwei Tage zuvor einen Link geschickt und mich gewundert, dass sie sich dazu nicht äußerte. Die Antwort auf meine Nachricht war ihr so wichtig, dass sie sich die Mühe machte, einen schönen Briefbogen zu nehmen, zu schreiben, ihn in den Umschlag zu stecken und in meinen Briefkasten zu legen. Welch eine Wertschätzung – ich war überwältigt.

Ich gehöre nicht zu der „Früher war alles viel besser“-Fraktion, aber die Gefühle, die sich bei mir um diesen Brief zeigten, machen mich doch etwas nachdenklich. Mein Umgang mit Nachrichten und Briefen war früher anders. Früher habe ich viel geschrieben, nein, ich habe immer viel geschrieben. Doch früher hatte ich kein Smartphone, keinen Computer, keine Technik und keine Autokorrektur, die das Schreiben viel schneller, effektiver, leichter machen. Früher habe ich mir schönes Papier genommen, habe Briefe und Botschaften geschrieben und verschickt. Viele Briefe und lange Briefe. Ich war auf jeden Brief stolz und immer glücklich, wenn ich einen in den Briefkasten stecken konnte. Und wie groß war die Freude, wenn eine Antwort kam – nur für mich.

Dabei spielten Briefe immer eine besondere Rolle. Als ich zum Beispiel meinen Mann kennengelernt habe, wohnte er an der Nordsee und ich im Schwabenland. Damals gab es nur Telefon und Briefe. Telefonieren war teuer, also schrieben wir Briefe, über zwei Jahre lang. Wunderbare, lange Briefe. Er schrieb immer so, wie er sprach und da er immer schon ein Mensch war, der andere zum Lachen bringen kann, waren auch seine geschriebenen Briefe so zum Lachen. Ich fuhr manchmal in der Mittagspause meiner Ausbildung nach Hause um zu sehen, ob ein Brief von ihm da war. War einer da, steckte ich ihn ein und musste schnell wieder zum Unterricht. Dort las ich die Briefe heimlich unter der Bank – warten ging nicht – und musste manchmal so lachen, dass ich manchen Toilettengang vortäuschen musste. Später verloren wir den Kontakt zueinander, das sollte aber nicht auf Dauer so sein. Sieben Jahre später erzählte mir mein Cousin wieder von diesem Mann und ich schrieb wieder einen kleinen Brief, vollkommen belanglos und kurz. Er könne sich ja melden, wenn er Lust hätte … hatte er. Wir schrieben wieder Briefe und telefonierten zwei Monate lang. Als die Telefonrechnung dann um die 1600,- DM betrug, war mein Umzug in den Norden beschlossen. Das war vor 21 Jahren – wir schreiben keine Briefe mehr – aber lachen oft, wenn wir an diesen Briefwechsel denken müssen.

Ganz besondere Briefe und Botschaften waren die kleinen Zettelchen meiner Kinder. Jede Mutter, jeder Vater könnte vor Rührung fast umfallen, wenn sie oder er das erste Mal einen Brief vom Kind bekommt. Kleine, große, bunte und krumme Buchstaben, die Worte formen, Sätze bilden und die Welt der Eltern in ein Meer von Gefühlen eintauchen lassen. So schön, wertvoll und wichtig die Botschaft des Kindes! Später, wenn das mit dem Schreiben bei den Kleinen dann schon besser geht, werden auch ihre Briefe wichtiger. So fand ich einige Botschaften an strategisch wichtigen Stellen. Kinder haben ein punktgenaues Gespür dafür, wo sie Botschaften für Eltern hinterlegen müssen. Dabei waren unter anderen lebenswichtige Appelle, bittere Entschuldigungen, herzergreifende Wünsche oder auch mal ein „Ich kann nicht schlafen!“ (funktionierte immer – Kind schlief). Ganz oft fand ich die schlichten Botschaften „Ich hab dich lieb!“, die mich immer wieder ermahnten, ob ich das meinen Kindern im Gegenzug auch deutlich zeige. Ich habe alle aufgehoben.

Handgeschriebene Briefe sind mehr als Nachrichtenübermittler. Sie sind die direkte Auseinandersetzung mit meinem Gegenüber. Kein Korrekturprogramm hilft mir und ich muss die Worte bewusst und überlegt wählen, die ich verwenden will. Ich muss acht geben, was ich schreibe, wie ich schreibe und was ich nicht nur im Wort, sondern auch im Gefühl transportieren will. Solche Briefe sagen immer aus „Ich habe mir Zeit genommen – nur für dich!“. Handgeschriebene Briefe sind auch nicht so schnell gelöscht, wie eine E-Mail oder verschwinden in dem Meer der Kurznachrichten. Sie sagen immer aus, dass mir eine Sache so wichtig ist, dass ich mir die Zeit dafür nehme. Der Brief liegt beim Empfänger und selbst, wenn er unter einem Stapel Papiere oder einer Schublade verschwindet, taucht er wieder auf und erinnert an eine besondere Begebenheit.

Oftmals habe ich Briefe geschrieben, bei denen für mich von Anfang an klar war, dass ich sie nicht abschicken würde. Diese Briefe haben mir geholfen, mir über eine Begebenheit klar zu werden. Mit etwas ins Reine zu kommen, etwas für mich zu verarbeiten und abzuschließen. Und ich habe immer ein schönes Papier und einen gute Stift gewählt. Die Wahl des Papiers und des Schreibmittels trägt sehr zur Freude und Wertigkeit der Sache bei. An schönem Schreibpapier kann ich kaum vorbeigehen.

Für mich habe ich beschlossen, wieder mehr – handgeschriebene – Briefe zu schreiben und zu verschicken. Ich möchte wieder bewusster entscheiden, welche Nachrichten eine besondere Form wert sind. Es muss ja kein seitenlanger Brief werden, auch eine schöne Karte kann viel ausdrücken. Zu oft nehme ich die mangelnde Zeit als Ausrede, schnell eine E-Mail zu schreiben oder anzurufen. Besondere Menschen, besondere Freunde, besondere Anlässe und besondere Gedanken sind es wert, diese Form der Wertschätzung nicht zu vergessen. Ich selbst finde Besinnung beim Schreiben und bei der Vorstellung, wie mein Brief bei dem anderen ankommt. Auch ist das handgeschriebene Wort bewusster gewählt, als das der E-Mail, dass eh gleich wieder von der Korrektur gelöscht werden kann. Der erste Brief geht an die Freundin, die jetzt im Urlaub ist. Mal sehen, was sie sagt, wenn sie ihren kleinen Briefkastenschlüssel bei der Heimkehr in den Briefkasten steckt. Dort einen Brief findet auf dem steht: „Nur für dich!“

Wunschlos glücklich!

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Wohl jeder hat sich schon einmal überlegt, was er sich wünschen würde, wenn ein Dschinn wie im Mädchen vorbeikommen und uns drei Wünsche schenken würde. Darüber gibt es viele Witze, in denen sich die drei Wünsche ad absurdum führen und man am Ende mit nichts da steht. Und wohl jeder hat schon die Debatte geführt, was sinnvoller wäre – sich erst Gesundheit und dann Geld oder doch Glück zu wünschen. Aber was wäre tatsächlich, wenn …? Träumen darf man ja!

Das Thema „Wünsche“ hat mich vor ein paar Monaten beschäftigt. Wir haben im Redaktionsteam eine Ausgabe der Stadtteilzeitung vorbereitet, die das Thema „Senioren“ haben sollte. Im Kopf hatte ich eine Zeitungsausgabe, die lauter Senioren vorstellt, die im goldenen Zeitalter stehen und uns erzählen, wie klasse es ist, älter zu sein. Die Realität holte mich recht schnell ein, weil ich doch mehrheitlich mit Menschen sprach, denen es unangenehm war, zugeben zu müssen, dass sie die jugendliche Grenze weit überschritten haben und nicht mehr zu den Best-Agern gehören.

Ich selber habe das Altersproblem nie gehabt. Die Kindheit war schön, in der Jugend alle außer mir und meinen Freunden doof, dann konnte ich nicht schnell genug 18 Jahre alt werden. Die 20er waren prima, aber beruflich geprägt. In den 30ern musste ich so einige Katastrophen mit mir selber ausmachen, ohne die ich in den 40ern nicht meine Persönlichkeit gefunden hätte. Und jetzt in den 50ern darf ich genießen. Weiß vornehmlich, was ich nicht will und bin in der glücklichen Lage mir aussuchen zu dürfen, was ich will. Natürlich mit Abstrichen … frustrierende Bikinieinkäufe z.B. will ich nicht mehr, Atemnot verstecke ich hinter „würdigen“ Bewegungen und die morgendliche Bluthochdruck-Tablette hinter vernunftgesteuerten Vorsorgeargumenten. Nächtliche Discoaktivitäten überlasse ich gnädig der Jugend und schluck meinen Groll  zähneknirschend runter, wenn Themen für mich nicht mehr „altersgerecht“sind, mit einem „Habe ich früher auch so gemacht!“. 🙂

Zurück zu den Wünschen: In dem Redaktionsmonat hatte ich Geburtstag und wollte eigentlich meinen Frust Luft machen, dass ich persönlich es doch ziemlich klasse finde, älter zu werden. Das Resultat war eine Liste mit 53 Wünschen (so alt wurde ich). Ich gebe zu, dass es schwer war, die 53 Wünsche zusammen zu bekommen und am Ende war es harte Arbeit, die letzten Lücken zu schließen. Auch mein „Testleser“ gab mir die unverblümte Rückmeldung, dass er sich doch sehr durch die Liste quälen musste, denn was ist interessant an der Liste, wenn es nicht die eigene ist. So verschwand die Liste der Wünsche wieder in den Notizen der möglichen Blog-Beiträge.

Alter und Wünsche ist und bleibt jedoch Thema und die Gedanken wandern immer wieder dorthin zurück. Wir erleben gerade in diesen Tagen in der Familie, wie es ist, wenn das Alter die letzten Stationen der Mobilität und Flexibilität einleitet. Es kommt der Moment, in dem wir uns alle klar machen müssen, dass auch wir endlich sind. Dieser Umstand können wir nicht ändern und je realistischer unser Bild davon ist umso besser. Was wir sehr wohl beeinflussen können ist der Weg dorthin. Wie wir diesen Weg und unsere Haltung dazu gestalten, ist eine bewusste Entscheidung, die ganz ohne Zweifel von Erfahrung und Lebenseinstellung geprägt ist.

Die eine Möglichkeit ist zu jammern und zu klagen. Wir können versuchen uns an der Zeit festzuhalten. Uns in ein jugendliches Outfit zwängen und so tun, als ob uns das nichts angeht. Das scheitert, wenn dann im Bus jemand aufsteht und fragt, ob wir uns nicht doch setzen wollen. Oder an der Eintrittstür sagt jemand, dass man doch erst die Älteren vorlassen soll und man merkt, dass man selbst gemeint ist. Schlimmstenfalls, wenn uns irgendwo der Seniorenbonus angeboten wird. Jammern hilft nicht, interessiert keinen und kann unter Umständen sogar recht peinlich werden.

Die andere Möglichkeit – wir nehmen es, wie es ist. Gestehen den Jungen die Bereiche zu, die sie übernehmen werden und suchen unsere Bereiche in denen wir eine Bereicherung sein können. Denn eins haben sie nicht – Erfahrung ist das Privileg des Alters. Und noch einen Tick leichter wird das Ganze, wenn wir das Alter tatsächlich annehmen und uns mit Optimismus dem zuwenden, was da noch kommen mag. Und das ist viel. Das hat mir meine Wunschliste sehr klar gemacht. Uninteressant, ob ich mir meine Wünsche alle erfüllen kann, denn sie richten den Blick in die Zukunft und werden so unweigerlich Antrieb und Motor.

Interessant finde ich, dass sich meine Wunschliste in ein paar Monaten schon verändert hat. Manche Wünsche mussten sich ändern, weil die Ereignisse sich geändert haben. Manche schätze ich heute anders ein und andere wiederum würden nun dazukommen. So finde ich es doch sehr interessant eine permanente Wunschliste zu haben, die ich von Zeit zu Zeit wieder ändern und anpassen kann. Sie motiviert mich und macht mir sehr deutlich, was ich zum einen schon geschafft habe und mir zum anderen noch alles bevor steht. Und letztendlich kommt noch in jedem Jahr ein Wunsch hinzu. Und der Platz der Liste ist bei meinen Notizen genau richtig, denn es sind meine Wünsche, ganz individuell und für mich persönlich sehr wertvoll.

So passen Wünsche und Alter für mich wunderbar zusammen … lieber Dschinn – drei reichen mir nicht! Ich möchte in keinem Fall wunschlos glücklich sein. 🙂

Ich rieche, höre, fühle, schmecke … nur sehen kann ich nichts!

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Es sind sehr zaghafte Schritte, vorsichtig und gerade – einer nach dem anderen. Der rechte Arm ist wärmer als der Linke, also ist die Sonne rechts. Von rechts kommen die Kindergeräusche, dort ist der Spielplatz. Und auch der Schatten auf dieser Seite gibt mir eine Ahnung, wo die großen Bäume stehen. Vor mir auf dem Boden rollt eine Kugel, immer hin und her. Die ist verbunden mit einem langen Stab und der liegt in meiner Hand. Ich merke an meinen Schritten den Unterschied von Sand-, Stein- und Holzboden. Mehr habe nicht ich als Orientierungshilfe. Nur eine Brille auf den Augen, die mir vermittelt, wie sich ein Mensch fühlt, der nur noch vier Sinne zur Verfügung hat.

Meine Neugierde war geweckt. Ich hatte zuvor eine E-Mail von meiner Kollegin bekommen. Manuela schreibt nicht viel, diesmal bekam ich jedoch einen langen Text von ihr, der mir von ihrem Treffen mit Kathrin erzählte. Manuela ist die Projektleiterin im Gutshaus Lichterfelde, einem Nachbarschaftshaus. Im Rahmen der Nachbarschaftsarbeit hatte sie Kathrin kennengelernt und gemeinsam bieten sie Nachmittage an, an denen Besucher mit Kathrin in Gespräch kommen können. Kathrin ist gesetzlich blind. An diesem Nachmittag kam keiner und so kamen beide Frauen ins Gespräch.

Manuela schreibt mir darüber: „Wir bieten diese Gesprächsrunden an. Es geht um Barrierefreiheit. Was heißt es eigentlich, nicht sehen zu können, nicht hören zu können oder in einem Rollstuhl zu sitzen? Wir wollen aufklären und Austausch möglich machen. Aber wo fängt das an? Ab heute weiß ich, wo ich anfangen muss. Sensibilisieren heißt das Schlüsselwort. Kathrin hat ihren Laptop dabei. Darauf zeigt sie mir, wie sie Nachrichten schreibt und liest, bzw. wie sie ihr vorgelesen werden. Die Tastatur hat erhöhte Punkte, die ihr eine Orientierung über die Buchstaben geben. Bilder erkennt sie mittels der Audiodeskription, das ist eine akustische Bildbeschreibung. Für mich ist es faszinierend, wie sie sich so im Internet bewegen kann. Etwas, was für uns sehende Menschen selbstverständlich ist, wird für sie möglich. Ich bin vollkommen beeindruckt. 

Später erklärt Kathrin mir, wie sie sich in den Straßen bewegt. Dafür hat sie den langen Blindenstock und trotzdem ist es wie eine Abenteuerreise ins Nirgendwo. Sie erzählt von den fehlenden Gehwegmarkierungen, von den Hindernissen, die im Weg stehen und so ihre Orientierung zunichte machen. Ich kann mir nicht wirklich vorstellen, was damit gemeint ist, aber dafür hatte Kathrin eine Lösung. Sie greift in ihre Tasche und hat eine Brille in der Hand, die im ersten Moment wie eine kleine Taucherbrille aussieht, aber sie hat Tücken. Als ich die Brille aufsetze, sehe ich nichts mehr. Nur noch einen kleinen hellen Punkt. Den Ort an dem ich stehe, kenne ich seit vielen Jahren. Mit der Brille merke ich sofort meine Unsicherheit. Meine Orientierung ist wie ausgelöscht. Aber ich bekomme noch den Stock in die Hand. Ich laufe los, oder besser, ich versuche loszulaufen. Mir wird ganz heiß, ich habe Angst und fühle mich völlig hilflos, obwohl ich weiß, dass Kathrin in meiner Nähe ist.“ 

Angst und Hilflosigkeit löst die simulierte Blindheit bei Manuela aus, bei mir eher die Neugier, wie sich meine anderen Sinne bewähren. Wir können die Situation jedoch unterbrechen. Kathrin nicht – sie lebt damit, jedoch nicht von Anfang an. „Retinopathia pigmentosa“ diagnostizieren die Ärzte als sie 15 Jahre alt war. Für die Eltern ein herber Schlag, dass das jüngste der fünf Kinder mit Blindheit geschlagen sein sollte. Nur ab wann, konnte keiner vorher sagen. Informationen vom Arzt gab es nicht, die musste sie sich zusammensuchen und erfuhr so von ihrem Krankheitsbild und auch, dass nie jemand sagen konnte, wann die Blindheit so gravierend sein würde, dass ein „normales“ Leben nicht mehr möglich sein würde. Die Eltern reagierten dennoch sofort und belegten Radfahren, Rollschuh fahren oder Zeitungen austragen mit Verboten. Für eine 15-jährige junge Frau schwer zu verstehen und zu ertragen, noch ging ja alles. Erst mit 38 Jahren erlebte sie einen großen Schub, der in der Folge die Bezeichnung „gesetzlich blind“ einbrachte. Schwierig war für Kathrin die Zeit, in der sie sich zur Krankheit bekennen musste. Sie vermied Treffen in Restaurants, sie lernte Toilettengänge in der Stadt zu umgehen, aber doch standen zahlreiche Laternen im Weg, die letztendlich das Bekenntnis zur Krankheit verlangten. So war der berufliche Weg auch von Fachschulen begleitet. Über die gelernte Masseurin zur Büroleitung erlebte sie viel Abwechslung und viele Änderungen. Den Lebenspartner lernte sie schon nach der Ausbildung kennen, verlor ihn aber früh durch ein Herzversagen.

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Kathrin bei einem Vortrag über Assistenzhunde der Fürst Donnersmark Stiftung am 25. Juni 2014

Das hört sich alles nicht so wirklich prickelnd an, wäre da nicht der Mensch Kathrin. Lernt man sie kennen, sind Frustration und Resignation die letzten Vokabeln, die einem einfallen würden. Wir erleben eine Frau, die sich Platz macht, mit lauter Stimme sagt, was sie braucht, die sich einmischt und mitredet und – nicht zuletzt – lacht und einen Humor verbreitet, den sich Menschen ohne Sehbehinderung kaum in ihrer Gegenwart zutrauen würden. Kathrin ist mittendrin, mischt mit, macht mit, redet mit. Der Bezirksbehindertenbeirat, die Seniorenvertretung, das Führhundehalter-Portal, der Apple-Stammtisch, der Runde Tisch, die AG Mobilität … alle dürfen mit ihrer Wortmeldung, ob bequem oder eben meistens auch nicht, rechnen. Sie versteht sich als Multiplikator, sozusagen als Werbeplattform in eigener Sache und nutzt die sozialen Medien, meist Facebook oder die eigene Homepage um ihre Sache voranzutreiben. Die da wäre?

Kathrin möchte eine Welt, die für alle bedienbar ist. Das Wort „Inklusion“ mag sie nicht hören und hofft, dass ich meine Frage wieder vergessen, tue ich aber nicht. Sie mag Inklusion nicht, weil wir darüber sprechen müssen, dabei sollte eine für alle nutzbare Welt Selbstverständlichkeit sein. Und zu viele, die selber nicht betroffen sind, erklären uns, was Inklusion heißt. Nur erklären sie nicht, dass eine behindertengerechte Toilette für einen sehbehinderten Menschen nicht gerade das El Dorado an Hygiene ist. Das gehbehinderte, hörbehinderte und sehbehinderte Menschen völlig andere Bedürfnisse haben. Und selber sagt sie, dass es eine 100 % Barrierefreiheit nicht geben kann, dass man aber für Barrierefreiheit in den Köpfen der Menschen noch viel tun könnte.

Dazu schreibt Manuela in ihrer Mail an mich weiter: „Wir nicht körperlich behinderten Menschen können uns in der Welt behaupten. Wir können uns aber nicht in die Lage eines Menschen mit Behinderung hineinversetzen. Wie fühlt es sich an, wenn man alles abgenommen bekommt oder merkt, dass andere nicht wahrnehmen, wo ich gerade Hilfe benötige. Was ist es für ein Gefühl, wenn mein ausgebildeter Blindenführhund von Räumen oder Versammlungen ausgeschlossen ist, die ich besuchen möchte. Das, obwohl der Hund die notwendige Sicherheit und Orientierung gibt. Ich wünsche mir, dass die Menschen nicht aus Mitleid helfen, das keinem nutzt. Ich wünsche mir, dass sich die Menschen dafür interessieren, was Menschen mit Handicap brauchen. Dass sie offen auf die anderen zugehen und einfach ehrlich fragen, ob Hilfe gewünscht, notwendig oder nicht erforderlich ist. Ich werde weiter mit Kathrin sprechen, weiter versuchen andere zu sensibilisieren und weithin Gesprächsmöglichkeiten schaffen, die Menschen mit und ohne Behinderungen zusammen bringen.“ 

Wie notwendig das ist, erklärt mir Kathrin weiter. So selbstständig sie ihr Leben eingerichtet hat, gibt es immer wieder Bereiche, die alleine nicht zu bewältigen sind. So lese ich in einem Facebook Kommentar von ihr, dass sie bei einem Einkauf eine kleine Flasche Joghurt kaufte, der ja bei den Milchprodukten zu finden war und sich auch so anfühlte. Zuhause stelle sich dies jedoch, nach einem herzhaften Schluck aus der Flasche, als Ölprodukt heraus. Eigentlich zum Lachen und tragisch zugleich. Einkaufen, sagt Kathrin, sei ein sehr schwieriger Bereich. Für sehbehinderte Menschen sind Preise, Ausschilderungen und Sortiment-Änderungen kaum zu erkennen. Dort müssen sie warten und hoffen, dass entweder eine Verkäuferin, ein Verkäufer oder ein aufmerksamer Kunde Zeit hat und hilft.

Wie sensibel die ganze Geschichte ist, verstehe ich spätestens, als wir uns schon fast verabschieden. Als diese beeindruckende Frau mir erzählt, dass es Tage gibt, an denen es ihr gut geht, an denen sie Hilfe annehmen möchte und kann. Aber es gibt auch Tage, an denen sie genau diese Hilfe nicht ertragen kann. Es gibt nur eine einzige Sache, die dies Lösen kann: Wir müssen uns trauen, fragen und auf Menschen mit Behinderung zugehen, Scheuklappen abbauen, offen sein und sie in unserem Alltag willkommen heißen!

Wer mehr über Kathrin Backhaus wissen möchte, wird auf ihrer Homepage Backis Welt fündig!

Informationen über die Fürst Donnersmarck-Stiftung: „Rehabilitation, Betreuung, Förderung und Unterstützung“ von Menschen mit Behinderung in drei Arbeitsbereichen um: Rehabilitation, Touristik, Bildung.