Ein Spielzimmer – Platz für kleine Menschen

#steglitzhilft

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Die Nacht vom 9. auf den 10. November 2015 werden engagierte Kolleginnen und Kollegen zusammen mit vielen ehrenamtlichen Helfern nicht so schnell vergessen: Von Heute auf Morgen wurde das Stadtteilzentrum Steglitz e.V., das sich gegenüber dem LaGeSo für diese Aufgabe bereiterklärt hatte, zum Betreiber der Notunterkunft in der Kiriat-Bialik-Halle. Es kam dennoch nicht unverhofft, so dass die gute Vorbereitung auf diese Situation sowie die Erfahrung in der Flüchtlingsarbeit schnell Rechnung trug und die Arbeit, im Sinne der ankommenden Menschen, schnell und sinnvoll aufgenommen werden konnte. Großartig dabei ist immer wieder zu erwähnen, dass die große Bereitschaft ehrenamtlicher Helfer eine ausgesprochene Unterstützung ist, die Steglitz-Zehlendorf als Bezirk auszeichnet.  

Veronika Mampel leitet die Flüchtlingsarbeit innerhalb des Stadtteilzentrums Steglitz e.V. Dazu gehören vielfältige Einsatzbereiche, wie beispielsweise die Unterstützung der Willkommenskultur um das Containerdorf am Ostpreußendamm. Dies ist nicht zu trennen mit den vielfältigen Angeboten für Geflüchtete speziell in den Einrichtungen des Trägers. Angebote, die Geflüchteten außerhalb ihrer Unterkünfte, Abwechslung und Entspannung bringen sollen, ganz besonders aber die Integration dieser Menschen im Bezirk fördern. Erste Erfahrungen mit einer Notunterkunft konnte sie im letzten Winter in der Sporthalle Lippstätter Straße machen, was nun der neuen Notunterkunft zugute kommt. Routiniert und im Bereich der sozialen Arbeit äußerst erfahren, weiß sie um die Erfordernisse und Bedürfnisse der Menschen, die mit solch einer Situation zurechtkommen müssen.

Die kleinen Menschen sind Veronika Mampel immer besonders am Herzen gelegen. So war es absehbar, dass diese Notunterkunft schnell einen eigenen Bereich für Kinder hat. In einem alten Fitnessraum ist nun ein Spielzimmer eingerichtet. Die vielen Sportgeräte mussten an die Wand geschoben werden, da Sie zu schwer sind um sie anderweitig zu lagern. „Wir haben für das Spielzimmer viele Spenden bekommen und es werden täglich mehr.“ freut sich Veronika Mampel. Gemeinsam mit den Kindern wird sortiert und gesichtet, die Spiele entsprechend Alter und Größe in die Regale gelegt. Zwei Frauen fühlen sich für dieses Spielzimmer verantwortlich und sind fleißig dabei, sich täglich mit den Kindern zu beschäftigen. Sie zeigen den Kindern, wie ein Spiel geht, und dass man sich bei „Mensch ärgere Dich nicht“ nicht wirklich ärgern braucht, sondern viel lachen kann. Das Zimmer ist natürlich viel zu klein für alle Kinder. Die kleineren Kinder sind leicht zu begeistern, aber die Großen erwarten mehr. Für sie ist es ein Glück, dass der Sportplatz benutzt werden darf und sie dort Fußball spielen können.

Schon bald werden mit den Kindern und Jugendlichen Ausflüge unternommen, bei denen sie ihr neues Umfeld kennenlernen können. Es ist besonders wichtig, dass sie sich sicher bewegen und wissen, wo sie Freizeitmöglichkeiten und vieles andere finden. So wird die nahe Gemeinde besucht und beispielsweise der JugendKulturBunker, der immer ein besonderes Programm für Jugendliche anbietet. So ergibt sich eins nach dem anderen und für die großen, aber auch für die kleinen Bewohner der Notunterkunft wird gut gesorgt. Auch wenn es turbulent begann: „Wir sind auf einen guten Weg!“ sagt Veronika Mampel.

Wenn Sie diese Arbeit unterstützen möchten finden sie alle Informationen auf der Internetseite www.steglitzhilft.de. Fragen beantworten wir gerne per E-Mail helfen@sz-s.de . Und ganz besonders würde uns freuen, wenn Sie zu Weihnachten spenden möchten und dabei an unsere Flüchtlingsarbeit denken. Herzlichen Dank!

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Eine Initiative des Stadtteilzentrum Steglitz e.V.

Spendenkonto:
IBAN: DE69 1005 0000 0190 1717 74
BIC: BELADEBEXXX

Verwendungszweck: Flüchtlingsarbeit

Leitartikel der Homepage des Stadtteilzentrum Steglitz e.V.
30. November 2015

In guten wie in schlechten Tagen

Foto: c2a9drsg98 - fotolia-com

Foto: c2a9drsg98 – fotolia-com

Mit den Kindern das JETZT erleben, ist ihre größte Antriebsfeder im Job. Mit ihnen Sprechen, Lachen und die täglichen Dinge erleben, fasziniert sie immer wieder auf’s neue. Elke Heinrich ist Erzieherin, Kita-Erzieherin, und das schon ziemlich viele Jahre. In „ihrer“ Kita ist sie sozusagen eine Honoration, obwohl sie noch recht jung ist, aber sie war von Anfang an dabei. Als der freie Träger, das Stadtteilzentrum Steglitz e.V., die Kita 1999 übernahm, entstand ihr erste Kontakt und seither hat sie die Entwicklung des sozialen Vereins begleitet. Jetzt zum 20. Geburtstag des Vereins möchte sie ihre eigene Geschichte mit dem Verein erzählen. Möchte damit Danke sagen und erzählen, dass es nicht nur dem Namen nach ein sozialer Verein ist. Deshalb stimmt an dieser Geschichte alles und nur ihr Name nicht. Den haben wir geändert, weil es nicht darauf ankommt, wer sie ist, sondern auf das, was sie zu erzählen hat:

Zwei Vorstellungsgespräche musste sie führen, überzeugte und war damit dabei – im ersten Team der ersten Kindertagesstätte des jungen Vereins. Damals noch eine kleine Kita, genauso im Aufbau wie der ganze Verein. Das erste Team konnte wachsen, sich ausprobieren und mit der Unterstützung und dem Vertrauen der Eltern die Arbeit aufnehmen. Routine konnte sich entwickeln, das Team zusammenwachsen und Handlungsfelder wurden ausprobiert, geändert, angepasst. Es dauerte nicht lange, dass sich die Kita etablierte und sich ein vertrautes Verhältnis zwischen Kindern, Eltern und Erzieherinnen entwickelte. Elke entwickelte Berufserfahrung, dies insbesondere dahingehend, dass kein Tag dem anderen glich. Die Kinder, die ihr in ihrer Gruppe anvertraut waren, brachten jeden Tag auf’s Neue Neugierde und Lust auf’s Leben mit. Jeder Tag wurde für sie eine neue Herausforderung. Sie konnte sich in der guten Atmosphäre des Teams wohlfühlen und hatte Spaß im Beruf. Im Privaten führte sie ein völlig normales Leben. Der Lebensgefährte, Freunde, Verwandte begleiteten sie auch hier und so sehr sie das Private schätzte, freute sie sich doch jeden Morgen erneut auf „ihre“ Kinder, die Kolleginnen und Ereignisse rund um die Arbeit.

Die Idylle ihrer Geschichte änderte sich von heute auf morgen. Die Beziehung zum Lebensgefährten wurde brüchig, doch bevor er endgültig aus ihrem Leben verschwand, hatte er noch so manche Überraschung für sie parat. Eines morgens kam sie wieder zur Arbeit, wo sie die Buchhalterin empfing. In einem Gespräch erfuhr Elke, dass eine Lohnpfändung vorlag und damit ihr Kartenhaus eines intakten Lebens zusammenbrach. Die Puzzleteile setzen sich in Folge langsam zusammen und das ganze Ausmaß ließ Elke schier verzweifeln. Der Lebensgefährte hatte über das Internet einen Kredit auf Elkes Namen abgeschlossen. Völlig unbedacht hatte sie dem Briefträger eine Sendung unterschrieben, unwissend, dass dies die Unterschrift für den Kredit war. Auch ihr Konto war leer geräumt, die Miete für die gemeinsame Wohnung nicht bezahlt, der Lebensgefährte verschwunden. Sämtlicher Halt und Boden unter den Füßen war für Elke verloren. Das Leben in Trümmern und die Aussichtslosigkeit groß.

Sie war nicht allein. In der Folgezeit erlebte sie, was Hilfe bedeutet und welchen Halt man in solch einer Situation erleben kann. Die Buchhalterin ging mit ihr gemeinsam zum Rechtsanwalt, der ihr half die Sachlage nüchtern zu betrachten und erforderliche Schritte einzuleiten. Familie und Freunde gaben ihr Unterschlupf, Unterstützung und Trost. Vereinsleitung und KollegInnen gaben ihr Halt, ließen sie erzählen, weinen und fluchen. Aus einem sozialen Fond bekam sie zur Unterstützung etwas Geld. Alle hatten ein offenes Ohr, alle haben geholfen und waren offen für ihre Anliegen in dieser Zeit. Letztlich blieb nichts anderes übrig, als ihre finanzielle Notlage mit viel Geduld und Zeit zu klären. Sie hatte karge Jahre vor sich und musste Wünsche sehr weit hinten anstellen. Sie ließ den Kopf nicht hängen, so schwer es auch war und nahm gebotene Chancen wahr. Noch heute ist sie dankbar, dass dies für den Arbeitgeber kein Drama, sondern schlicht Selbstverständlichkeit zur Unterstützung war.

Heute sagt sie, dass sie nicht gewusst hätte, was sie in der schweren Zeit ohne ihre Arbeit hätte machen sollen. Elke bekam nie das Gefühl, Scham empfinden zu müssen, sondern fand Verständnis und Hilfe. Darüber hinaus konnte sie sich mit der Arbeit, die sie schon immer liebte, ablenken. Sie erlebte täglich Stunden, in denen sie nicht an die Probleme denken musste, sondern durfte mit Kindern lachen, die ihr zuversichtlich klar machten, das es immer weiter gehen wird.

Trotz der schweren Zeit schafften Freude und KollegInnen es oft, Elke zum Ausgehen zu ermuntern. Eines Abends lernte sie einen Mann kennen, den sie öfter traf und schließlich wurden sie ein Paar. Sie wurden so vertraut, dass der Moment kam, an dem sie dem neuen Mann erzählen musste, was für ein Päckchen sie trug. Statt Ablehnung erlebte sie auch durch ihn uneingeschränkte Unterstützung und Hilfe. Heute ist sie mit diesem Mann verheiratet und hat mit ihm gemeinsam die Zeit der finanziellen Not überstanden. Sie vergisst nie, was sie in dieser Zeit alles erlebt und erfahren hat.

Elke erlebt nach wie vor jeden Arbeitstag mit „ihren“ Kindern. Sie hat immer Spaß, sie zu beobachten – wie sie die Welt entdecken, wie sie Dinge aufnehmen, Schwierigkeiten überwindet, Freude empfinden, Kleinigkeiten wertschätzen, Emotionen ausleben. Sie möchte diesen Kindern das geben, was sie besonders in schweren Jahren selbst bekommen hat: Selbstbewusstsein, bestärkende Begleitung, Optimismus, Verständnis für die individuelle Situation. Heute geht sie gerne wieder nach Hause. Sie weiß, dass dort jemand wartet, mit dem sie alle Hürden nehmen kann. Morgens kommt sie gerne wieder zur Arbeit, freut sich auf die Kinder und die Arbeit. Die Arbeit bei einem Träger, der nicht nur sozial heißt, sondern es auch tatsächlich ist. Mit dem sie in guten wie in schlechten Tagen gemeinsam gehen kann und am Ende doch immer ein wertvoller Mensch sein wird.

Begeisterung, Mut, Engagement und ein großes Problem

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Begeisterung, Mut und Engagement … starke Worte, aber ohne die geht’s nicht. Wir sitzen in einem kleinen Büro und beide Frauen erzählen von ihrem Projekt, von dem großen Problem und ihren Hoffnungen. Mit jedem Wort, das sie aussprechen, ist es spürbar – die ungebrochene Begeisterung für die Sache, der Mut sich dafür einzusetzen und das unglaubliche Engagement, das dahinter steckt. Marion Herzog und Barbara Posern erzählen vom „Rumpelbasar“ – ihrem Sozialkaufhaus – aber es ist weit mehr als das!

Liest man die Liste der Abteilungen, glaubt man sich in einem normalen Kaufhaus wiederzufinden. Haushaltswaren, Kleidung, Wäsche, Accessoires, Kinder, Bücher, Möbel, Elektrozubehör … alles da. Nur die letzte Abteilung offenbart dann, um welche Art Kaufhaus es sich handelt: Spendenannahme. Alles, was sich in diesem Kaufhaus finden lässt, kommt aus Haushalten, in denen es keine Verwendung mehr fand. Statt den Weg in den Müll zu nehmen, wurde es im Rumpelbasar abgegeben und nach Begutachtung einsortiert. Dort suchen die Sachspenden neue Besitzer und weitere Verwendung. Für wenig Geld kann man hier allerlei finden. Wenn man aufmerksam schaut, sicherlich das ein oder andere Schnäppchen machen oder eine besondere Sammlung ergänzen. Sparen kann hier jeder, denn alles, was angeboten wird ist in einwandfreiem Zustand, nur eben nicht fabrikneu. Der Rumpelbasar steht allen Menschen offen. Denjenigen, die gut haushalten müssen, denjenigen, die sparen möchten und denjenigen, die Spaß am Trödeln haben und zu den Jägern und Sammlern gehören. Es macht Spaß, sich in den Räumen umzuschauen und etwas ältere Jahrgänge finden sich bei manchem Gegenstand, beispielsweise einer schönen Sammeltasse, in ihren Erinnerungen wieder.

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Mit einem Aufruf im Gemeindebrief fand der Rumpelbasar 1970 seinen Ursprung. „Nichts wegzuwerfen, was andere noch gebrauchen können.“ war der Grundgedanke des Projektes in Zehlendorf. Es entwickelte sich durch die Jahre immer weiter. Allein im ersten Jahr konnten so 5000 D-Mark gesammelt werden. Im Jahr 2001 wagten dann die ehrenamtlichen MitarbeiterInnen den Schritt in die Eigenständigkeit und gründeten den gemeinnützigen Verein „Rumpelbasar e.V.“. Heute arbeitet der Verein mit 45 ehrenamtlichen Helfern. Zehn davon sind auch Mitglieder des Vereins und allein zwei Männer sind fest angestellt. Arbeit ist für alle 45 Helfer reichlich vorhanden, denn tatsächlich alles, was hier verkauft wird, ist gespendet. Die Spenden, die gebracht oder abgeholt werden, müssen gesichtet, sortiert, gelagert werden. Schaut man sich im Rumpelbasar um, wird einem sofort klar, welch logistische Aufgabe es ist, bei so vielen Sachen die Übersicht zu behalten. Buchhaltung, Verwaltung, Kommunikation, Administration sind weitere Beispiele für Aufgabe, die neben dem reinen Verkauf erledigt werden müssen und selbst die 45 Helfer manchmal an zeitliche Grenzen stoßen lassen.

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Dieses Kaufhaus macht Gewinn und ist ein Gewinn für alle, die davon profitieren dürfen. Sind die Unkosten, wie Miete, Strom, Benzin und ähnliches gedeckt, geht der Überschuss in soziale Projekte, die Unterstützung und Hilfe benötigen. Unterstützt wird in zwei Formen: Zum einen können Einrichtungen und Projekte um Sachmittel bitten. Wenn beispielsweise eine Mutter-Kind-Einrichtung Erstausstattungen für Säuglinge oder ein Jugendprojekt Winterkleidung benötigt, werden gezielt die entsprechenden Sachen gepackt und dem Projekt zur Verfügung gestellt. Zum anderen kann finanzielle Unterstützung erbeten werden. Zweimal im Jahr wird den Projekten finanziell und zweckgebunden geholfen, wodurch manches möglich gemacht wird, was aus anderen Mittel nicht bezahlt werden kann. Die Auswahl der Begünstigten wird gut geprüft und Unterstützung gibt es nur, wenn die Projekte weiterhin begleitet werden dürfen. Entschieden, wer begünstigt wird, wird stets gemeinsam in der Mitgliederversammlung des Vereins. Nicht ohne berechtigtem Stolz erzählt Marion Herzog, dass so über die Jahre schon über eine Million Euro an gemeinnützige Projekte und Vereine weitergegeben werden konnte.

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Noch etwas anderes hat sich über die Jahre entwickelt, dass man bei solchen Engagement nicht unterschätzen darf. Die menschliche Komponente ist in jedem Winkel des Kaufhauses zu spüren. So erzählt Barbara Posen von der einen Kundin, die nach einem Umzug Fotos der Eröffnungsfeier in Rahmen zu einer Collage zusammenfügte und für die noch weißen Wände vorbeibrachte. Eine andere Unterstützerin malte gar für die Sitz- und Kaffee-Ecke drei wunderschöne große Blumenbilder, die den ganzen Raum nun schmücken. Viele Unterstützer, Spender, Freunde und treue Kunden begleiten den Rumpelbasar seit vielen Jahren. Und auch wenn es nicht das Ziel oder die Aufgabe des Kaufhauses ist, bekam hier schon mancher den richtigen Tipp oder Hinweis für ein kleines Problem.

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Noch aus der Zeit, in der die Idee entstand einen gemeinnützigen Verein zu gründen, kennen Veronika und Thomas Mampel den Rumpelbasar und seine Gründerinnen. Sie besuchten den Rumpelbasar damals für zwei Stunden und Veronika Mampel erzählt, dass sie schon damals den Elan, die Vision und das Leuchten in den Augen der Gründerinnen wahrnehmen konnte. Sie bestärkten die Frauen ihrem Mut zu folgen und boten Hilfe im Rahmen des eigenen Vereins, des Stadtteilzentrums Steglitz e.V., an. Das ist lange her und auch das Stadtteilzentrum war im Rahmen seiner Kinder- und Jugendarbeit sehr oft dankbar Unterstützung zu bekommen. So konnten Kinderreisen oder besondere Ferienprojekte mitfinanziert werden, für die anderenfalls keine Mittel zur Verfügung gestanden hätten. Über die Jahre hat sich eine erfolgreiche und fruchtbare Zusammenarbeit gefestigt.

Marion Herzog und Connie Ehlers stellvertretend für alle ehrenamtlichen HelferInnen des Rumpelbasars

Marion Herzog und Connie Ehlers stellvertretend für alle ehrenamtlichen HelferInnen des Rumpelbasars

Begeisterung, Mut und Engagement … aber auch ein großes Problem. Das Objekt in dem der Rumpelbasar zur Zeit beheimatet ist, wurde verkauft. Zum 31. Dezember 2015 stehen dem Projekt keine Räume mehr zur Verfügung. Es muss dringend ein neuer Ort gefunden werden, der den Rumpelbasar auf einer Fläche von etwa 800 qm weiter bestehen lässt. Und auch, wenn Sie denken, dass sie keine Räume zur Verfügung haben – helfen Sie indem Sie es jedem weiter erzählen. Fragen Sie, wo sie leere Räume sehen. Machen Sie sich für dieses Projekt stark, wenn Sie gute Kontakte haben. Unterstützen sie den Rumpelbasar mit Ihrer Begeisterung, ihrem Mut und Engagement … ein Projekt, dass in seinem Anspruch zeitgemäß, nachhaltig und aktueller denn je ist.

Rumpelbasar Zehlendorf e.V.
Am Stichkanal 2 – 4, 14167 Berlin
(Ecke Goerzallee, Nähe OBI, Bus 285)

www.rumpelbasar-zehlendorf.de

Öffnungszeiten (Verkauf und Spendenannaheme):
Dienstag 9.30 – 11.30 Uhr, Mittwoch 17.00 – 19.00 Uhr.

Telefon: 030 84 72 20 23 montags + donnerstags zwischen 10.00 – 12.00 Uhr.
Außerhalb dieser Zeiten läuft der Anrufbeantworter.

Die Sache mit dem Klettergerüst

Foto: ©-Kara-Fotolia.com

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Ein bekanntes Beispiel für die Diskrepanz zwischen dem Wunsch einer Mutter, ihr Kind in Sicherheit zu wissen und dem Bewegungs- und Entdeckerdrang eines Kindes ist wohl das Klettergerüst. Kinder wollen es erobern, so hoch als möglich klettern und oben stolz beweisen, dass sie es geschafft haben. Die Mutter steht unten, beobachtet, muss sich schwer zusammenreißen, nicht wie ein jonglierender Tanzbär unter dem Kind herumzutanzen und die rettenden Arme aufzuhalten. Selbst den eingezogenen Zischlaut der Mutter, falls das Kind schwankt, sollte es nicht mitbekommen, um nicht das Gefühl zu bekommen, die Mutter zweifele an seinen Fähigkeiten. Kinder brauchen und wollen Sicherheit, die sich aber mit jedem Lebensjahr verändert und oft sehr von der Vorstellung der Eltern abweicht.

Wohl zu den schönsten Gefühlen in der Erziehung gehört der Moment, in dem Mutter oder Vater realisieren, dass das Kind Vertrauen, Zuneigung und Schutz beim Elternteil sucht. Besonders, wenn einem klar wird, dass diese Zuneigung, dieses Schutzbedürfnis, nur einem selbst gilt. Der Moment, wenn sich das erste Mal die Hand des Säuglings um die der Eltern schließt oder das Kind den Kopf vertrauensvoll auf der Schulter ablegt. Dieses Urvertrauen, das das Kind entgegenbringt ist so unglaublich schön und so schwer zu erschüttern – doch es verändert sich. Ist es beim Säugling noch sehr durch Nähe und Körperkontakt bestimmt, löst es sich immer weiter, erforscht und erobert seinen Lebenskreis. Eltern werden zur Zuflucht, wenn es in der Ferne nicht mehr stimmt. Je selbstständiger und selbstbewusster das Kind wird, desto weniger bedarf es den familiären Schutz. Desto größer werden seine Kreise, die für die Eltern immer schwerer zu kontrollieren sind.

Das Maß, wie stark der Schutz sein muss, den Kinder bedürfen, ist individuell und von Kind zu Kind unterschiedlich. Es gibt Kinder, die von Anfang an selbstbewusst, stark und neugierig durch ihre Erlebniswelt streifen, aber auch Kinder, die eher zögerlich und zurückhaltend sind. Genauso wie Eltern: Die einen, die Angst vor jeder Veränderung und Gefahr für das Kind haben oder Eltern, die es entspannt schaffen, das Kind seine Erfahrungen machen zu lassen. Für alle Kinder gilt, dass sie nur aus den Erfahrungen, die sie machen dürfen, lernen und ihr Verhalten entsprechend einstellen.

Kinder sind von Natur aus neugierig und möchten die Welt erfahren. So ist es durchaus sinnvoll, Schutzmaßnahmen zu treffen und vorausschauend die nähere Umgebung zu prüfen, was zur Gefahr werden könnte. Sind das beim Säugling im Krabbelalter noch herumliegende Kleinteile, muss beim laufenden Kind geprüft werden, wo es sich stoßen und verletzen könnte. Gefährliche Substanzen sollten immer gut bewahrt und offene Fenster oder Türen gesichert werden. Scharfe Gegenstände gehören ebenso nicht unbeobachtet in Kinderhände, da gilt nach wie vor der alte Spruch: „Messer, Gabel, Schere, Licht, ist für kleine Kinder nicht!“ Wer Kinder im Haus hat, sollte in allen Lebensbereichen gut prüfen, wo es nachhaltige Maßnahmen zu treffen gilt, die Unfälle vermeiden und so manchen Kummer ersparen.

Dennoch sollte man auch nicht übervorsichtig sein. Ein Kind, dass den Umgang mit Messer und Schere nicht lernt, ist eher in Gefahr, sich damit zu verletzen. Ein Kind, dass nie eine Kerze anzünden darf, wird früher oder später dem Reiz, es im Verborgenen zu tun, unterliegen. Besser als die schützende Glasglocke ist der altersentsprechende Lernprozess und das Gespräch über Gefahren. Dieser Lernprozess gilt auch für Bereiche außerhalb der Wohnstätte. Ein Kind, das nicht schwimmen kann, wird an einen Schwimmbadbesuch keinen Spaß haben. Ein Kind, das nicht lernt, wie man vernünftig einem Tier begegnet, baut Ängste auf, die es in Gefahr bringen. Gut ist, sich zu informieren, wo Kinder in allen Lebensbereichen lernen können und dürfen, und so immer bereichernde Erfahrungen machen.

Ist es in jüngeren Jahren eher der körperliche Schutz und Lernprozess, sind es mit dem Heranwachsen mehr die ideellen Erfahrungswerte. Kinder fangen mehr oder weniger im Alter von 10 Jahren an, sich für Handys und Internet zu interessieren. Verbieten bringt wenig. Sinn macht ein begleitetes Heranführen, was für viele Eltern heute einem gemeinsamen Lernen gleich kommt. Ein Kind muss heute lernen, wo sich Abofallen beim Handy verbergen; muss lernen, welche Gefahren das Internet mit sich bringt; muss wissen, was Datenweitergabe in Netzwerken bedeutet. Meist wird in der Grundschule mit Referaten begonnen, die im Internet recherchiert werden müssen, und wer kennt nicht die gute alte PowerPoint-Präsentation, die ein beliebtes Medium ist. Ein Computer muss ins Haus. Die Ausrede von Erziehungsberechtigten, selber keine Ahnung davon zu haben, hat heutzutage keinen Bestand mehr. Kinder müssen damit umgehen können, da heutzutage nahezu kein beruflicher Weg, geschweige denn viele private Angelegenheiten, ohne die digitale Technik auskommen. Hier kann man mit dem Kind lernen und Angebote nutzen, die vielfältig bereit stehen. Das wichtigste dabei bleibt jedoch, wie bei allen Erziehungsangelegenheiten, mit dem Kind im Gespräch zu bleiben. Nur dadurch kann man beobachten, herausfinden, was aktuell von Interesse ist und notfalls rechtzeitig eingreifen – im Idealfall. Welche Absprachen man trifft, welche Regeln gelten sollen, ist Individuell und familiärer Natur, muss aber immer wieder entsprechend des Kindesalters neu verhandelt werden.

So auch die Regeln, die den Ausgang betreffen und ganz besonders der Umgang mit Alkohol. Irgendwann, und da fasse sich bitte jeder an die eigene Nase, wird der Nachwuchs (wenn er es denn nicht heimlich tut) sein erstes Bier trinken. Hier mit Entsetzen, harten Strafen und Moralpredigten zu reagieren, macht wenig Sinn. Er/sie wird es wieder tun, dann aber erst recht heimlich. Es ist besonders in diesem Bezug wichtig, miteinander zu reden, mit Offenheit zu versuchen einen Weg zu finden, der Eltern und dem Kind entgegen kommt.

Einen ganz besonderen Aspekt der Sicherheit für ein Kind dürfen wir aber nie vergessen: Kinder brauchen Rückendeckung und Vertrauen. Wenn sie sich stets sicher sein können, dass das Zuhause ein Ort ist, der Unterstützung und Verständnis bietet, werden sie sich in der Welt freier und sicherer bewegen. Sicherheit bedeutet, erzählen dürfen ohne Angst zu haben verurteilt zu werden. Sicherheit bedeutet, so sein zu dürfen, wie man ist. Schwäche, Enttäuschung, Wut zeigen zu dürfen, ein offenes Ohr zu finden und im Gespräch Lösungen aufzuzeigen. Sie sind es wert und was Eltern an Zeit in die Erziehung und Sicherheit der Kinder investieren, zahlt sich später vielfach aus. Gute Eltern werden nicht geboren, auch das müssen sie lernen. Wenn wir dabei den Blick in die eigene Kindheit nicht vergessen, mit einem guten Bauchgefühl, viel Liebe und einer gewaltigen Portion Humor in die Erziehungsarbeit einsteigen, kommen wunderbare kleine Persönlichkeiten dabei heraus, auf die wir – berechtigt – stolz sein können. Kinder können ganz oben auf dem gedachten Klettergerüst stehen, wenn ihre Eltern den richtigen Balanceakt zwischen Sicherheit und Freiheit gemeistert haben!

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Stadtteilzeitung Steglitz-ZehlendorfNr. 187 • Mai 2015

Ein Haus mit neuen Nachbarn

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Ende März 2013 ging ein Ruck durch die Nachbarschaft in der Klingsorstraße in Lichterfelde. In das lange leerstehende Eckhaus Klingsorstraße/Ecke Marschnerstraße zog von heute auf morgen Leben ein. Die Firma Gierso Boardinghaus Berlin hatte einen Vertrag für das Gebäude bekommen und richtete es als Wohnheim für Flüchtlinge ein. Die Nachbarschaft war unvorbereitet. Natürlich hatte man allerhand Nachrichten zum Flüchtlingsthema verfolgt, aber so nah am eigenen Heim, lies es doch anfängliche Skepsis entstehen, zumal Nachrichten aus Marzahn/Hellersdorf derzeit in aller Munde waren. Das ist fast zwei Jahre her und es hat sich gezeigt, dass sich nichts verändert hat, außer dass man hin und wieder neue Nachbarn auf dem Bürgersteig begrüßt und trifft.

Was anfänglich als Notunterkunft gedacht war hat sich mit der Zeit als Gemeinschaftsunterkunft entwickelt. 109 Menschen können hier wohnen und finden in Ein- bis Fünfbett-Zimmern Aufnahme. Wie lange sie bleiben hängt vom jeweiligen Stand ihres Asylantrages ab. Bis zur endgültigen Klärung haben sie die Möglichkeit sich im eigenen Rhythmus an das neue Land zu gewöhnen und Fuß zu fassen. In den ersten drei Monaten werden sie voll verpflegt, danach sind sie sogenannte Selbstversorger. Das bedeutet, dass Lebensmittel einkaufen und Essen kochen wieder zu ihrer täglichen Routine gehört. Finanzielle Unterstützung bekommen sie vom Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo), was durch das Asylbewerberleistuungsgesetz (AsylbLG) geregelt ist.

Spannend wird das Zusammenleben unter dem Aspekt, dass zurzeit Menschen aus 14 unterschiedliche Nationen unter einem Dach leben. Einzelpersonen oder Familien mit vielen Kindern. Unterschiedlicher könnte die Zusammensetzung und der kulturelle Hintergrund einer Hausgemeinschaft nicht sein. So ist es nur natürlich, dass eine Hausordnung gemeinschaftliche Aspekte regelt, wie zum Beispiel die Ruhezeiten und vieles mehr. Diese Hausordnung wird von dem LaGeSo vorgegeben und steht in allen denkbaren Landessprachen zur Verfügung. Das alles gut geregelt abläuft und die Bewohner die notwendige Unterstützung finden derer sie bedürfen, wird von den Angestellten gewährleistet. So stehen die Heimleitung, die Sachbearbeiterin, die Sozialarbeiterin, eine Kinderbetreuerin und der Sicherheitsdienst neben vielen ehrenamtlichen Kräften zur Verfügung. Zudem ist das Haus in ein Netzwerk von vielen Helfern, Vereinen oder Organisationen eingebunden, wie beispielsweise den Stadtteilmüttern.

Saed Kawash obliegt die Heimleitung in der Klingsorstraße. Der aus Jordanien stammende Palästinenser kam selber vor 13 Jahren als Student nach Deutschland um Islamwissenschaft zu studieren. Er arbeitete als Fachberater für den Nahen Osten in Mainz und kam vor einem Jahr nach Berlin. Mittels diesem Hintergrund kann er sich mit den Bewohnern in mehreren Sprachen verständigen. Er erzählt, dass gerade die arabische Sprache ihm ermöglicht einen guten Zugang zu manchen Bewohnern zu finden. Sie vertrauen ihn als einer der ihren, öffnen sich und erzählen ihre Erlebnisse, die nicht selten eine große Betroffenheit auslösen. Saed Kawash sagt aber auch, dass er lernen musste damit umzugehen, da die objektive Betrachtung von Situationen in seinem Beruf hoher Priorität bedarf.

Die Frage nach dem besonderen Reiz seiner Arbeit, beantwortet er mit der Unterschiedlichkeit der Herausforderungen und der Bedürfnisse jeden einzelnen Bewohners. Individuell muss geprüft werden, wie man helfen kann und welche spezielle Unterstützung notwendig ist. Hilfe bei Anträgen, Unterstützung bei Arztbesuchen, das Anfordern der passenden Dolmetscher, die richtige Schule für Kinder, der passende Deutschkurs, Begleitung zu Ämtern – vielfältig sind die Bedürfnisse, die im Sinne der Bewohner geregelt werden müssen. Liegt eine Aufenthaltsgenehmigung vor, fängt die Suche nach einer Arbeitsstelle an. Möchten Besucher Verwandte in einem anderen Bundesland besuchen, müssen Genehmigungen eingeholt werden. Jeder Fall ist anders, sagt Saed Kawash und mit jedem Fall lernt er neue Aspekte der Flüchtlingshilfe dazu.

Saed Kawash ist der erste Ansprechpartner und Informationsquelle für alle beteiligten Behörden, Schulen und Vereine. Alles, was im Interesse der Bewohner geregelt werden muss, wird geprüft, mit ihm abgesprochen und im Sinne guter Flüchtlingshilfe geregelt. Dabei greift er auf die Erfahrung und verschiedenen Kompetenzen seines Teams zurück, was gemeinsam den Erfolg des Hauses in Form von Akzeptanz ausmacht. Integration und Toleranz spielt bei jedem Kontakt eine große Rolle, das insbesondere in der offenen Art der Kommunikation. Von Beginn an galt die Einladung Hemmschwellen zu überwinden, das Haus mit seinen BewohnerInnen kennenzulernen und so erst gar keine Skepsis vor Fremden aufkommen zu lassen. Natürlich kann man nicht einfach so hereinspazieren. Die Menschen, die im Einwohnerheim leben haben zum Teil sehr schwere Wege hinter sich. Es ist viel Geduld und Verständnis erforderlich und ein sensibler Weg zu bewältigen, das Vertrauen dieser Menschen zu gewinnen. Wer helfen möchte, ist bei Saed Kawash an der richtigen Stelle. In einem Gespräch wird besprochen, wie zum Beispiel ein Ehrenamt aussehen könnte, ob Vorstellungen und Bedürfnisse zusammen passen. Das dies gut funktionieren kann zeigt sich in den vielen Aktivitäten, die im Haus angeboten werden. Freizeitangebote, Deutschkurse, Beratungen, Bastelkurse, Polizeiangebote für die Kinder, Kinderbuchlesungen oder die Spendenausgabe … die Palette ist vielseitig.

Bereitschaft zur Toleranz ist in der Klingsorstraße gegeben. Das Einwohnerheim hat sich in die Nachbarschaft eingefügt und stellt keine Besonderheit mehr dar. Im Gegenteil achtet man auch hier darauf, dass sich die neuen Bewohner im Kiez beteiligen. So sieht man sie bei Veranstaltungen des Runden Tisches im nahen Gutshaus Lichterfelde, sie sind Teilnehmer des Kiezfestes auf dem Ludwig-Beck-Platz oder kommen zu Veranstaltungen des Willkommensbündnisses im Rathaus Zehlendorf. Natürlich gibt es, wie in jeder normalen Nachbarschaft auch, hin und wieder das ein oder andere Problem. Aber, hier hat man verstanden, dass nur im Gespräch und Miteinander einvernehmlich für alle Ein- und Anwohner eine gute Lebensqualität gefunden werden kann.

Stadtteilzeitung Steglitz-ZehlendorfNr. 184 • Februar 2015

Sie haben einfach nichts …

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Wer kleinen Kindern ein Kuscheltier oder Spielzeug in die Hand gibt, kann beobachten, dass sie sich mit ziemlicher Sicherheit schnell ablenken lassen und die Situation um sich herum vergessen. So auch der kleine Junge, vier Monate alt, den das Geschehen um ihn herum nicht mehr interessierte. Er saß fröhlich, beschäftigt und zufrieden in seinem neuen Kinderwagen. Von den Sorgen seiner Eltern weiß er nichts. Die waren vor weniger als einer Stunde in der Turnhalle angekommen. Mit dem Sohn auf dem Arm, den Sachen, an ihren Körpern und was sie in den Händen tragen konnten. Mehr nicht. Mehr haben sie nicht. Sie kommen aus einem fremden Land und sind Flüchtlinge.

Vorgeschichte: Zwei Tage vor Weihnachten wird die Nachricht bekannt, dass eine Turnhalle in unserer Nähe beschlagnahmt ist und zwischen Weihnachten und Neujahr bis zu 200 Flüchtlinge untergebracht werden. Es muss Hilfe organisiert werden und dies trotz der Feiertage ziemlich schnell. Klar ist, dass die Menschen, die ankommen werden, nichts weiter besitzen, als das was sie anhaben oder tragen können. Es ist eine doppelstöckige Halle, also zwei übereinander. Im oberen Teil werden mit einer Trennwand Betten aufgestellt. Einzelbetten oder Stockbetten. Die untere Halle wird vorerst nur mit Bierbänken und -tischen im hinteren Teil bestückt. Über alle verfügbaren Netzwerke wird von Thomas Mampel, Geschäftsführer des Stadtteilzentrums Steglitz e.V., ein Spendenaufruf veröffentlicht und mit viel Unterstützung auch geteilt und verbreitet. Die Spendenannahme wird von Veronika Mampel organisiert. Die Spenden werden im KiJuNa – Kinder-, Jugend- und Nachbarschaftszentrum abgegeben und gesammelt. Die Spendenbereitschaft am ersten Weihnachtsfeiertag ist überwältigend.

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Als die Annahmestelle das zweite Mal öffnet, kommen Einzelpersonen und mehrere Autos vollgepackt mit allem, was die Familien entbehren können. Es wird schnell klar, dass alles nicht mehr gelagert werden kann und kurzentschlossen stehen mehrere Frauen zur Verfügung. Die Wagen werden wieder vollgepackt und fahren zur Halle. Einige Frauen fahren zweimal. In der Halle ist es noch relativ ruhig. Da die Heizung über Weihnachten ausgefallen war, mussten die ersten 40 Flüchtlinge anderweitig untergebracht werden, wurden nun aber wieder zurückerwartet. Drei Spendenräume wurden vorbereitet, unterteilt in Frauenkleidung, Kinderkleidung und Herrenkleidung. Parallel dazu kamen die ersten Flüchtlinge wieder in die Halle.

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Die Spenden wurden nun angeboten und die Menschen kamen anfangs zögerlich. Trotz der großen Sprachbarriere gelang es mit „Händen und Füßen“, teilweise in Englisch, zu kommunizieren. Die Männer und Frauen schauten nach Kleidungsstücken, die passen könnten, gefielen, nützlich und warm waren. Ein Vater trug die ganze Zeit sein Baby auf dem Arm. Wir deuteten auf einen Kinderwagen, den er dankend annahm. Wir setzten das Kind in den Wagen und der Vater realisierte schnell, dass sich jemand gefunden hatten, der ihm das Kind abnahm. Er konnte suchen gehen. Nach einer Weile fand er einen besseren Wagen. Der erste, ein Buggy, war für ein vier Monate altes Kind eher ungeeignet. Wir betteten den Kleinen um, den das aber nicht weiter interessierte. Wieder nach einer Weile kam der Vater mit einem kleinen Schneeanzug und strahlte als er ihn über den Wagen hängte. Die Eltern suchten nach Kleidung, dennoch immer den Sohn im Blickwinkel.

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Es kamen Menschen, denen anzusehen war, dass sie aus unterschiedlichsten ethnischen Gruppen stammten. Männer, die zusammen sitzen mussten um einen Schlafplatz zugewiesen zu bekommen, bei denen man spürte, dass sie untereinander genauso skeptisch waren, wie der ganzen neuen Situation gegenüber. Ein Ehepaar, das ankam, mit nur einer Tüte in der Hand und sich nur an der Wand entlang schob, sich dabei kaum traute jemanden in die Augen zu schauen. Ein Mädchen, das nur Badelatschen an den Füßen hatte. Ein Junge, der in den Sachen zwei schöne, passende Turnschuhpaare fand und sich bei allem Glück darüber nicht entscheiden konnte, welches er nehmen sollte. Ein Mann, der eine passende Winterjacke fand und sich über ein zustimmendes Lob und Lächeln freute. In diesen zwei Stunden waren alle menschlichen Gefühle vertreten, die man sich überhaupt vorstellen kann. Als alle Helfer zusammen räumten, waren auch Flüchtlinge dabei, die sofort mit anfassten, Kisten trugen und Taschen aufhielten und füllten. Am Ende kamen die jungen Eltern und nahmen ihr Kind mit einem herzlichen Handschlag wieder in ihre Obhut.

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Beim der nächsten Spendenausgabe hatte sich die Situation in der Halle geändert. Es waren nicht mehr 40 Flüchtlinge, es waren 250 Menschen. Kurzfristig hatte man beschlossen die untere Halle zu teilen und weitere 50 Schlafplätze einzurichten. Auch die Stimmung hatte sich geändert – die Anspannung war überall zu spüren. Das machte sich selbstverständlich auch bei der Spendenausgabe bemerkbar. Nun war die Anforderung eine ganz andere, nun musste gelenkt, gerecht verteilt, vermittelt und geholfen werden. Mal war ein Handtuch gefordert, mal ein Schuhpaar für eine Frau, Unterwäsche oder Haarwaschmittel. Oft mussten wir sagen, dass wir das ein oder andere nicht mehr haben. Mit allen Möglichkeiten vermitteln, dass wir versuchen uns zu kümmern. Nachdenken war in den zwei Stunden der Spendenausgabe nicht möglich und die Zeit nicht wahrnehmbar, so schnell war es wieder vorbei.

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Die Menschen, die in dieser Notunterkunft untergebracht sind, kommen aus Bosnien, Albanien, Tschetschenien, Irak, Syrien, Afghanistan und anderen Ländern. Diese Menschen haben nichts. Nicht einmal eine Perspektive. Sie wissen nur, dass sie die nächsten drei Monate in dieser Halle bleiben werden, so lange bis ihr Aufenthaltsstatus fest steht. Sie schlafen in einer Halle ohne die geringste Möglichkeit einen Hauch von Privatsphäre zu erleben. Ohne zu wissen, wo sie in drei Monaten sein werden, ob sie überhaupt bleiben dürfen oder wie es überhaupt weiter geht. Sie müssen sich sanitäre Anlagen teilen, die selbst für Schul- und Vereinssport dürftig sind. Sie wissen nicht, wann, wie und wo sie wieder ein Teil einer Gemeinschaft sein werden, in der sie sich wohlfühlen und sich ihre Kinder frei entwickeln können.

Sie haben einfach nichts – was man nicht oft genug betonen kann. Und vor allen Dingen: Sie wissen nichts von der Skepsis, die ihnen hier entgegen kommt. Nichts von Anwohner-Problemen; nichts von Schulen und Vereinen, die plötzlich keine Halle mehr haben; nichts von Kommunikationsschwierigkeiten zwischen den Instanzen; nichts von Pegida, AfD oder Konsorten. Diese Menschen wollen ganz einfach überleben und bestmöglich die nächsten Tage überstehen.

Das beste Mittel diese Menschen und diese Situation zu verstehen: Helfen Sie einmal bei der Spendenausgabe mit. Gelegenheit dazu wird es immer dienstags und donnerstags geben. Auf der Homepage und dem Blog des Stadtteilzentrum Steglitz e.V. finden Sie die nötigen Informationen, auch wie Sie sonst noch helfen können. Oder Sie schreiben eine E-Mail an helfen@sz-s.de. Eine weitere Möglichkeit sich vielfältig in der Flüchtlingshilfe zu engagieren ist das Willkommensbündnis Steglitz-Zehlendorf. Es bietet Möglichkeiten sich ehrenamtlich zum Beispiel bei Freizeitaktivitäten, Deutschunterricht, Unterstützung bei Behördengängen, der Übernahme von Patenschaften und anderem mit Tatkraft, Erfahrung und eigenen Kompetenzen einzubringen. In dieser Halle geht es um Menschlichkeit und unsere Pflicht zu helfen, unabhängig und unbedeutend von unserer persönlichen Einstellung, politischen Haltung oder Skepsis vor dem Unbekannten.

Wenn Sie nach Hause gehen, werden Sie sich unweigerlich die Frage stellen, wie es Ihnen in dieser Situation gehen würde. Sie werden unendlich dankbar nach Hause gehen. Dankbar für ein Lächeln, dass Sie geschenkt bekamen. Dankbar, dass Sie helfen konnten und dankbar für das Zuhause, in das Sie zurückkehren können. Der kleine vier Monate alte Junge wird vielleicht auch dankbar sein, wenn ihm seine Eltern einmal erzählen können, wie sie in diesem Land aufgenommen wurden.

Der Kitaleiter und das Spiel …

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Erst mit fünf Jahren kam er in die Kita und war anderes Spielen gewohnt. Sie mussten dort komische Lieder singen und Spiele spielen, die er nicht mochte. Er fühlte sich eingeengt und es war ihm zu streng, deshalb denkt nicht gerne an seine Kindergartenzeit zurück. Zuhause hatte er die richtige Umgebung dafür, da war es anders: Fünf Geschwister, Nachbarsfamilien mit vielen Kindern, Felder, Wald und die Freiheit, ungestört die Welt zu entdecken. Heute leitet er selber einen Kindergarten und bewahrt sich dabei immer sein Bild vom freien Spiel, das er so mochte. Werner Luff leitet die Kita Lankwitzer Maltinis, die im August 2013 eröffnet wurde. Er organisiert und koordiniert den Tagesablauf von 88 Kindern und 16 Erzieherinnen. Das ist eine große Aufgabe, wenn man sich selber den Anspruch gibt, dass diese Kinder einmal sehr gerne an ihre Kitazeit zurückdenken sollen.

Hätte sich der Vater durchgesetzt, wäre er Kaufmann geworden. Doch dieser Beruf füllte ihn nicht aus. Als eine Schwester ein Kind bekam, sich vom Kindsvater trennte, bat sie ihn um Unterstützung bei der Kindererziehung. Diese Unterstützung ließ ihn merken, dass der Kontakt zu Kindern, das soziale Arbeiten, sehr entgegenkam. Mit dem Musterungsbescheid stand fest, dass er Ersatzdienst leisten wollte, den er in der Altenpflege absolvierte. Auch hier fühlte er sich im sozialen Dienst sehr wohl, dennoch war seine Affinität zu Kindern stärker als zu älteren Menschen. Es war eine wohlüberlegte Entscheidung in der Folge eine Ausbildung als Erzieher im Pestalozzi-Fröbel-Haus zu machen. Ein Mann als Erzieher war zu seiner Ausbildungszeit schon eine Besonderheit und Werner Luff war dankbar, dass er dennoch mit vier männlichen Kollegen lernen durfte. Wie besonders ein Mann als Erzieher war, merkte er später als er sich um Arbeitsstellen bewarb. Dort passierte es ihm, dass ein Arbeitgeber sich in keiner Weise für seine Qualifikationen interessierte, sondern allein sein männlicher Status für eine Anstellung ausreichen sollte. Er trat die Stelle nicht an. Eine andere Arbeitsstelle als kommissarischer Kitaleiter ließ ihn später jedoch merken, dass ihm seine Ausbildung nicht ausreichte. Als beruflich qualifizierter Bewerber ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung konnte er das Studium für „Kleinkindpädagogik“ antreten. Parallel arbeitete er in der Krankenpflege und absolvierte Zusatzausbildungen in Studiums- und Informationsmanagement und Medienpädagogik. Danach blieb er an der Universität, zertifizierte mit seinem Professor Kindergärten und konnte seine Kenntnisse im IT-Bereich einbringen und festigen.

Mit der Geburt der zweiten Tochter ging er in die Elternzeit. Der Vertrag mit der Uni lief aus, aber sein Entschluss lieber wieder in der Praxis zu arbeiten stand schon fest. Nun hatte er das notwendige theoretische Rüstzeug und zugleich die Erfahrung als Erzieher. Er kannte einerseits die Alltäglichkeiten, Sorgen und Nöte der ErzieherInnen und konnte andererseits die übergeordnete Organisationsstruktur, Mitarbeiterführung und den pädagogischen Anspruch dafür bieten. Er arbeitet nicht mehr direkt in einer Gruppe mit Kindern, aber Kontakt hat er doch mit allen. Wenn er auftaucht muss er oft Fragen beantworten, wann sie wieder gemeinsam spielen oder zusammen Waffeln backen. Dieser Kontakt ist ihm sehr wichtig, begeistert ihn doch bis heute das Urvertrauen, dass Kinder entgegenbringen können.

Was für ihn „Kindheit“ bedeutet, beantwortet Werner Luff damit, dass dies der Zeitraum ist, in dem Kinder alles ausprobieren dürfen. Sie können probieren, staunen, neugierig sein, erforschen, abschauen und besonders spielen, ohne in einen engen Tagesablauf gepresst zu sein. In Rollenspielen soziales Miteinander üben, sich in einer Gruppe positionieren, sich trauen verschiedenste Dinge zu machen, ihre Identität finden … viele lebensentscheidende Aspekte werden in der Kindheit gelegt, die mit freiem Spiel verbunden sind. Werner Luff glaubt, dass vielen Eltern nicht bewusst ist, wie wichtig das Spiel an sich für Kinder ist. Er fremdelt selber in Wohnungen, in denen Kinder leben, die aber vollkommen aufgeräumt sind. Auch das müssen Kinder natürlich lernen, aber ohne Hilfe und mit geduldigen Vorbildern. Das Spiel legt die Grundlagen für jegliche motorischen, sensitiven und emotionalen Handlungen und ist so bessere Vorbereitung für ein Leben, als ein strenges Korsett von allen möglichen Frühförderungen. Die Welt ist heute schon anders, sagt er. Die Kinder, besonders in der Stadt, können nicht einfach unbeaufsichtigt stundenlang im Freien spielen, dennoch sollten sie ein höchstmögliches Maß an Freiheit und Entfaltungsmöglichkeiten behalten.

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Jedes einzelne Kind ist für Werner Luff eine Persönlichkeit, deren Gefühle und Meinungen er sehr ernst nimmt. Über genaues Hinhören und Beobachten möchte er Kinder in ihrer persönlichen Entwicklung nach ihrem Zeitmaß fördern und ihnen motivierende Anregungen geben. Für die eigenen Töchter gilt natürlich das gleiche, wie für die Kitakinder. Er weiß, dass er seinen Töchtern Freiräume geben muss, ihnen vertrauen kann und Dinge zutrauen darf. Dennoch geht den eigenen Kindern immer ein väterlich besorgter Blick hinterher, fällt das Loslassen doch manchmal schwer. Er wünscht ihnen, dass sie sich an eine tolle Kindheit erinnert, trotz ihn, den Pädagogen, als Vater. Droht die kleine Tochter ja doch hin und wieder, dass er, der Vater, kein Sandmännchen sehen darf, wenn er ihr Missfallen erregt.

In der Kita Lankwitzer Maltinis ist das erste gemeinsame Jahr geschafft. Ein Team hat sich gefunden, ein geregelter Auflauf findet statt, eine Gemeinschaft hat sich gebildet und mit dem diesjährigen Laternenfest beginnen die Wiederholungen und Routine im Kitajahr. Was ihn von Anfang an in dieser Kita begeistert hat, sind die Freundlichkeit und der wertvolle Umgangston untereinander. Das findet er, ist das Besondere hier, das Kindern, Eltern und den ErzieherInnen, immer ein gutes Gefühl auf den Weg mitgibt.

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Stadtteilzeitung Steglitz-ZehlendorfNr. 183 • Dezember 2014

Eine Einrichtung mit Herz – der „kieztreff“

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Wenn sie auf die lange Wand an der Seite des „kieztreffs“ schaut, ist Rita Schumann besonders stolz. Dort ist ein riesengroßes Graffiti zu sehen, dass 2011 im Rahmen einer Veranstaltung von ihrem Kollegen und Graffiti-Künstler Sebastian Unger gesprüht wurde. Es ist immer noch unbeschädigt und das empfindet sie als eine Art Respekterweisung gegenüber der kleinen Einrichtung. Der „kieztreff“ ist eine Nachbarschaftseinrichtung in der Thermometersiedlung in Lichterfelde-Süd und feierte in diesem Jahr unter der Trägerschaft des Stadtteilzentrum Steglitz e.V. und in Kooperation mit FAMOS e.V. Berlin sein 10-jähriges Bestehen. Rita Schumann ging 2006 das erste Mal durch die Tür des Treffpunktes.

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Anfänglich war ihr nicht klar, was für eine erfüllende Aufgabe ihr bevorstand, als sie im „kieztreff“ als Projektleiterin anfing. Es war ein völlig neuer Einstieg nachdem sie jahrelang im Künstlermanagement gearbeitet hatte. Eine Tätigkeit, die so gar nichts mit sozialem Engagement zu tun hatte. Aber es war durchaus so gewollt: Nach der Arbeit mit den schönen Künsten und der Zusammenarbeit mit Künstlern stand ihr der Sinn danach etwas für das Gemeinwohl zu tun. Dazu bekam sie reichlich Gelegenheit und eigentlich gleich von Anfang an freute sie sich jeden Tag zur Arbeit zu gehen, Menschen aus dem Kiez zu treffen und mit Rat und Tat Unterstützung im Alltag zu geben. Hier kam ihr die erworbene Menschenkenntnis und Flexibilität zugute, die ihr früheres Berufsleben forderte. Aber hier war auch das Herz am richtigen Fleck gefragt und dafür war sie genau die Richtige. Die Einrichtung blühte auf und konnte sich beständig in der Nachbarschaft etablieren.

Die Aufgaben, die sie zu bewältigen hat sind sehr vielfältig und verlangen ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen. Es kommen Menschen vorbei, die Hilfe bei Schriftwechseln mit Ämtern oder Vermietern benötigen. Manche wissen nicht, wie man eine Bewerbung verfassen kann und bekommen hier Unterstützung, manche haben ein Problem und möchten es einfach loswerden und manche möchten zum Problem einen Rat. Rita Schumann muss mit feinem Gespür herausfinden, wie viel Hilfe gewünscht wird ohne zu nahezutreten. Natürlich weiß sie nicht alles, gibt sich auch nicht den Anspruch, aber sie weiß wohin man sich wenden kann und wer weiter helfen kann. Mit der Zeit konnten einige Beratungsangebote etabliert werden. In der Bürgersprechstunde steht die Polizei regelmäßig zur Verfügung, in der sozialen Sprechstunde können alle familienrelevanten Themen angesprochen werden und wenn’s ganz dicke kommt, gibt es auch noch eine Rechtsberatung vornehmlich für Familienrecht.

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Die Besucher der Einrichtung kennen sich zum großen Teil alle aus der Nachbarschaft, vom Sehen, vom Einkauf, von der Bushaltestelle. Sehr viele Familien mit kleinen Kindern kommen, auch alleinstehende Menschen und Senioren. Alle kommen vorbei und schätzen den einvernehmlichen Ton in der Einrichtung. Alle finden ein passendes Angebot oder wissen einfach eine gute Tasse Kaffee zu schätzen. Angebote gibt es viele und es fällt nicht schwer sie anzunehmen. Ausländische Frauen können einen Deutschkurs besuchen, der ihnen hilft im Alltag zurechtzukommen. Senioren können ihre Englischkenntnisse auffrischen, Kreative finden sich in der Malgruppe wieder und eine Rommé-Gruppe will sich gründen. Die Kaffee- und Gesprächsrunde bietet immer wieder neue Themen … das Miteinander bestimmt die Angebote und die Nachfrage ist groß. Dennoch sollte man kinderfreundlich sein, wenn man den „kieztreff“ besucht. Die Kleinen nehmen den gemütlichen Treffpunkt sehr für sich ein. An den Bastelnachmittagen, die mit FAMOS e.V. Berlin in Kooperation angeboten werden, wimmelt und wuselt es nur so von kleinen Künstlern, die egal ob drei oder zwölf Jahre alt, alle etwas Schönes mit nach Hause nehmen wollen. In der Lesestunde mit Märchen oder Gruselgeschichten und bei der Hausaufgaben-Hilfe sind auch die kleinen Geister ruhiger. Aber es ist gleichgültig, ob die Kinder im Sommer das Freigelände beschlagnahmen oder im Winter die Zimmer mit ihrem Spiel füllen, sie gehören zum Bild dazu und laden jedem zum Lächeln ein. Ob die Gäste einfach kommen um nicht alleine Frühstücken zu müssen oder ob sie am monatlichen Brunch teilnehmen, spielt im „kieztreff“ keine Rolle. Alle möchten Begegnung, Gespräch und gemeinsames Erleben. Hier kann man zwanglos Kontakte knüpfen oder einfach eine Zeitung lesen und nur am Rande das Geschehen beobachten.

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Das der „kieztreff“ so lebhaft ist, ist insbesondere der bunten Mischung vieler Nationen und Kulturen zu verdanken. Hier verkehren türkische, arabische, baltische, asiatische und polnische Familien. Die Unterschiede zwischen den Kulturen werden in den Alltag mit einbezogen. Muslimische Familien zum Bespiel feiern mit den Einheimischen Weihnachten und Ostern, die christlichen Kinder werden zum Zuckerfest von manchem Gast mit einem kleinen Geschenk bedacht. Es herrscht eine große Akzeptanz untereinander. Aber auch Neugierde und Interesse an fremden Kulturen. So hat das Feiern einen besonderen Stellenwert in der kleinen Einrichtung. Da die Wohnungen der Familien oftmals zu klein sind, verlegen sie ihre privaten Festlichkeiten in den „kieztreff“. Familienfeiern aller Art und Kindergeburtstage werden sehr oft ausgerichtet. Rita Schumann hilft mit ihren ehrenamtlichen Kräften, dass die Mütter einen schön geschmückten Raum präsentieren können. Das Buffet und was man so zum Essen benötigt bringen die Familien selber mit. Der Raum ist für diese Feiern so gefragt, dass man unbedingt einen Termin reservieren muss und die Einschränkung akzeptiert, dass nur während der Öffnungszeiten gefeiert werden kann. Macht aber nichts – genauso wenig, wie die Tatsache, dass meist mehr Gäste dabei sind, wenn sie schon mal in der Einrichtung sind. Vor der Tür muss niemand stehen. So passiert es, dass bei der Babyparty oder Taufe, der ein oder andere alleinstehende Senior dazu geladen wird oder die Trauerfeier durch Kinderlachen gelockert wird – das ist im „kieztreff“ nun einfach mal so. Abgrenzungen finden kaum statt, eher das Gegenteil kommt zum Tragen.

Manche Momente möchte Rita Schumann am liebsten festhalten. Hin und wieder kommt beispielsweise ein älterer Herr aus der Nachbarschaft vorbei. Die Kinder nennen ihn liebevoll „Herr Seymerchen“. Er ist 75 Jahre alt und spielt mit den Kindern sehr gerne, meistens Kids-Memory oder „Mensch ärgere dich nicht“. Hin und wieder ist ein besonders ehrgeiziges und mutiges Kind dabei, das fordert ihn dann zum Schach heraus. Herr Seymer nimmt es gelassen und wer weiß, wie oft er schon seine kleinen Spielpartner hat gewinnen lassen. Das sind die Szenen, die für Rita Schumann das nachbarschaftliche Zusammenleben symbolisieren. Diesen Momenten Raum zu geben, das Miteinander der Menschen zu moderieren, Anregungen und Hilfe zu geben, das sieht sie als ihre Herausforderung und Aufgabe an. Sie nimmt sie von Herzen täglich auf’s neue an und macht so aus dem „kieztreff“ eine Einrichtung mit Herz!

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Dieser Beitrag kam mit der wertvollen Unterstützung meiner Kollegin Rita Schumann zustande! 🙂

Leitartikel der Homepage des Stadtteilzentrum Steglitz e.V.
vom 29. September 2014

Generationswechsel …

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Ich gebe zu, dass ich diesbezüglich gedankenlos war oder blauäugig könnte man es auch nennen. Denke jedoch eher, ich wollte mich nicht damit auseinandersetzen. Wollte, dass es immer so bleibt, wie es ist. Ich wollte die Vorzüge genießen, erwachsen zu sein und dennoch hin und wieder in die Rolle des Kindes zurück schlüpfen zu dürfen. Wollte eigenständiges und freies Handeln und Entscheiden bewusst ausüben und mich trotzdem von den Älteren, den Menschen mit mehr Lebenserfahrung, beraten und mich von ihnen unterstützen lassen. So wie es immer war. Eine, wie ich finde, sehr angenehme Lebensphase, deren Endlichkeit nun absehbar ist. Ich muss endgültig erwachsen sein. Ein Generationswechsel steht uns bevor.

Abschiede kündigen sich an. Keine vorübergehenden, sondern endgültige Abschiede. Abschiede von Menschen, die mich mein Leben lang begleitet haben. Natürlich habe ich hin und wieder darüber nachgedacht, dass ich älter werde. Aber ich lege keinen besonderen Wert darauf, jung sein zu müssen, weshalb mir dieses Thema zwar bewusst, aber nicht wichtig ist. Ich genieße es sogar ein „gewisses“ Alter zu haben. Was ich dabei völlig außer acht gelassen habe ist, dass die Menschen um mich herum ebenso älter werden. Menschen, die immer für mich da waren. Menschen, die immer dazu gehörten und mit meinem Lebensweg eng verbunden sind. Wichtige Menschen für mich.

Vor 15 Jahren musste ich mich schon einmal damit auseinander setzen. Mein Vater starb innerhalb eines halben Jahres an Krebs. Das traf uns unvorbereitet und viel zu früh. Ich selber habe zwei Jahre gebraucht, bis ich wieder richtig auf den Füßen stand und das verkraftet hatte. Bereit war, mein Leben weithin ohne ihn anzunehmen und meine Wut, dass mein Großvater viel älter werden durfte als er, beizulegen. Mit der Zeit habe ich ein sehr tröstliches Verhältnis zu diesem Verlust aufbauen können und lasse mich weiterhin in Gedanken von ihm begleiten.

Nun kündigen sich weitere Abschiede an. Meine Schwiegermutter haben wir in den letzten Wochen wegen eines Infarkts und dessen Folgen in einem Seniorenheim bringen müssen. Wir sind froh, dass sie uns erkennt, nur Zeit und Raum gehören nicht mehr in ihre Welt. Wir können sie besuchen, mit ihr sprechen, sie sehen und in den Arm nehmen. In den Arm nehmen … etwas, was die gesunde Frau nur zögerlich zuließ. Ein langsamer Abschied von einer starken Frau. Und immer noch mit dieser neuen Familiensituation beschäftigt, erreichen uns die nächsten Nachrichten von Verwandten, die zur älteren Generation gehörend ihr Leben nicht mehr alleine führen können. Ein Onkel, der auch eine Pflegestufe benötigt und eine Tante, die einen längeren Krankenhausaufenthalt überstanden hat. Wir haben eine wirklich sehr große Familie … aber das reicht für’s erste an Nachrichten.

Erstaunlicherweise hat mich die Nachricht von der Tante so verstört und nachdenklich gemacht. Bei ihr und meinem Onkel habe ich meine erste Ausbildung gemacht. Sie hatte einen Verlag und er eine Werbeagentur. Ich lernte bei ihm und habe dort eine wirklich solide Grundlage für meinen Beruf bekommen. Das ist richtig viele Jahre her und ich war ihm immer dankbar und verbunden dafür. Das besondere daran ist heute, dass diese Tante und dieser Onkel 94 und 93 Jahre alt sind. Ein verheiratetes Paar, dass sich im Restaurant immer noch streitet, wer die Rechnung bezahlen darf. Als ich hörte, dass sie im Krankenhaus liegt und es anfänglich schlecht aussah, war ich erst erstaunt und dann fast empört. Meine Welt ohne sie  – für mich unvorstellbar. Im zweiten Moment erst merkte ich, dass meine Empörung völlig absurd ist. Sie sind 94 und 93 Jahre alt – wer darf das gemeinsam bei relativer Gesundheit erleben?

Ich muss mich bereit machen, mich trennen zu können. Muss akzeptieren, dass die Zeit ihren Tribut fordert und meinen eigenen Wunsch hinten anstellen, dass alles so bleibt, wie es ist. Muss für die anderen, die gehen müssen, bedenken, was das Beste für sie ist. Ich möchte meine Erinnerungen bewahren und einpacken, möglichst an einem Platz, wo sie sich mit der Zeit nicht verklären und ändern können. Und schließlich muss ich mich vorbereiten in ihre Reihen zu treten. In die Reihen der Ältesten der Gesellschaft, in denen wir diejenigen sein werden, die Halt, Zuversicht und Unterstützung geben. Letztlich muss ich mich der Verantwortung den Jüngeren gegenüber stellen und ihnen das bieten, was ich an den Älteren so liebe, die mich und meine Geschichte kennen. Ich muss mich bei ihnen nicht verstellen und verbiegen und sie geben mir den Halt, den speziell ich benötige. Den Halt, den ich künftig aus eigener Kraft aufbringen muss.

Das Schöne daran ist, dass ich das alles nicht alleine erleben muss. Ich habe einen Mann an der Seite, viele gleichaltrige Verwandte, Geschwister, Cousinen, Cousins und viele Freunde. Ich werde mich an die neue Rolle gewöhnen. Werde in Gedanken damit spielen, was der ein oder andere, der gehen muss oder musste, wohl für einen Rat gegeben hätte und mich an sie erinnern. Wir werden nun die Generation, die sich kümmert, die pflegt, regelt, entscheidet, trauert, erinnert und die letzten Reste des Kind-Seins aufgeben wird.

Generationen wechseln – natürlich – zur Zeit erlebe ich das sehr bewusst. Einerseits mag ich nicht so richtig daran denken, andererseits möchte ich es als Natürlichkeit annehmen. Ich kann es nicht aufhalten und weiß, dass es noch sehr oft weh tun wird. Und trotzdem, je mehr es mich beschäftigt, desto stärker wird mein Hunger auf’s Leben. Auf das Hier und Jetzt, meine Kinder und Familie, die Freunde, die Arbeit, das Lachen und die Neugierde, die mich jeden Morgen neu antreibt. Die Vorstellung, was diejenigen, die gehen werden, von mir erwarten würden, wird mein Antrieb sein. Lebensbejahend, positiv und optimistisch … bereit ihre Kinder und Kindeskinder zu stützen.