Ein Haus mit neuen Nachbarn

annaschmidt-berlin.com_klingsorstrasse

Ende März 2013 ging ein Ruck durch die Nachbarschaft in der Klingsorstraße in Lichterfelde. In das lange leerstehende Eckhaus Klingsorstraße/Ecke Marschnerstraße zog von heute auf morgen Leben ein. Die Firma Gierso Boardinghaus Berlin hatte einen Vertrag für das Gebäude bekommen und richtete es als Wohnheim für Flüchtlinge ein. Die Nachbarschaft war unvorbereitet. Natürlich hatte man allerhand Nachrichten zum Flüchtlingsthema verfolgt, aber so nah am eigenen Heim, lies es doch anfängliche Skepsis entstehen, zumal Nachrichten aus Marzahn/Hellersdorf derzeit in aller Munde waren. Das ist fast zwei Jahre her und es hat sich gezeigt, dass sich nichts verändert hat, außer dass man hin und wieder neue Nachbarn auf dem Bürgersteig begrüßt und trifft.

Was anfänglich als Notunterkunft gedacht war hat sich mit der Zeit als Gemeinschaftsunterkunft entwickelt. 109 Menschen können hier wohnen und finden in Ein- bis Fünfbett-Zimmern Aufnahme. Wie lange sie bleiben hängt vom jeweiligen Stand ihres Asylantrages ab. Bis zur endgültigen Klärung haben sie die Möglichkeit sich im eigenen Rhythmus an das neue Land zu gewöhnen und Fuß zu fassen. In den ersten drei Monaten werden sie voll verpflegt, danach sind sie sogenannte Selbstversorger. Das bedeutet, dass Lebensmittel einkaufen und Essen kochen wieder zu ihrer täglichen Routine gehört. Finanzielle Unterstützung bekommen sie vom Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo), was durch das Asylbewerberleistuungsgesetz (AsylbLG) geregelt ist.

Spannend wird das Zusammenleben unter dem Aspekt, dass zurzeit Menschen aus 14 unterschiedliche Nationen unter einem Dach leben. Einzelpersonen oder Familien mit vielen Kindern. Unterschiedlicher könnte die Zusammensetzung und der kulturelle Hintergrund einer Hausgemeinschaft nicht sein. So ist es nur natürlich, dass eine Hausordnung gemeinschaftliche Aspekte regelt, wie zum Beispiel die Ruhezeiten und vieles mehr. Diese Hausordnung wird von dem LaGeSo vorgegeben und steht in allen denkbaren Landessprachen zur Verfügung. Das alles gut geregelt abläuft und die Bewohner die notwendige Unterstützung finden derer sie bedürfen, wird von den Angestellten gewährleistet. So stehen die Heimleitung, die Sachbearbeiterin, die Sozialarbeiterin, eine Kinderbetreuerin und der Sicherheitsdienst neben vielen ehrenamtlichen Kräften zur Verfügung. Zudem ist das Haus in ein Netzwerk von vielen Helfern, Vereinen oder Organisationen eingebunden, wie beispielsweise den Stadtteilmüttern.

Saed Kawash obliegt die Heimleitung in der Klingsorstraße. Der aus Jordanien stammende Palästinenser kam selber vor 13 Jahren als Student nach Deutschland um Islamwissenschaft zu studieren. Er arbeitete als Fachberater für den Nahen Osten in Mainz und kam vor einem Jahr nach Berlin. Mittels diesem Hintergrund kann er sich mit den Bewohnern in mehreren Sprachen verständigen. Er erzählt, dass gerade die arabische Sprache ihm ermöglicht einen guten Zugang zu manchen Bewohnern zu finden. Sie vertrauen ihn als einer der ihren, öffnen sich und erzählen ihre Erlebnisse, die nicht selten eine große Betroffenheit auslösen. Saed Kawash sagt aber auch, dass er lernen musste damit umzugehen, da die objektive Betrachtung von Situationen in seinem Beruf hoher Priorität bedarf.

Die Frage nach dem besonderen Reiz seiner Arbeit, beantwortet er mit der Unterschiedlichkeit der Herausforderungen und der Bedürfnisse jeden einzelnen Bewohners. Individuell muss geprüft werden, wie man helfen kann und welche spezielle Unterstützung notwendig ist. Hilfe bei Anträgen, Unterstützung bei Arztbesuchen, das Anfordern der passenden Dolmetscher, die richtige Schule für Kinder, der passende Deutschkurs, Begleitung zu Ämtern – vielfältig sind die Bedürfnisse, die im Sinne der Bewohner geregelt werden müssen. Liegt eine Aufenthaltsgenehmigung vor, fängt die Suche nach einer Arbeitsstelle an. Möchten Besucher Verwandte in einem anderen Bundesland besuchen, müssen Genehmigungen eingeholt werden. Jeder Fall ist anders, sagt Saed Kawash und mit jedem Fall lernt er neue Aspekte der Flüchtlingshilfe dazu.

Saed Kawash ist der erste Ansprechpartner und Informationsquelle für alle beteiligten Behörden, Schulen und Vereine. Alles, was im Interesse der Bewohner geregelt werden muss, wird geprüft, mit ihm abgesprochen und im Sinne guter Flüchtlingshilfe geregelt. Dabei greift er auf die Erfahrung und verschiedenen Kompetenzen seines Teams zurück, was gemeinsam den Erfolg des Hauses in Form von Akzeptanz ausmacht. Integration und Toleranz spielt bei jedem Kontakt eine große Rolle, das insbesondere in der offenen Art der Kommunikation. Von Beginn an galt die Einladung Hemmschwellen zu überwinden, das Haus mit seinen BewohnerInnen kennenzulernen und so erst gar keine Skepsis vor Fremden aufkommen zu lassen. Natürlich kann man nicht einfach so hereinspazieren. Die Menschen, die im Einwohnerheim leben haben zum Teil sehr schwere Wege hinter sich. Es ist viel Geduld und Verständnis erforderlich und ein sensibler Weg zu bewältigen, das Vertrauen dieser Menschen zu gewinnen. Wer helfen möchte, ist bei Saed Kawash an der richtigen Stelle. In einem Gespräch wird besprochen, wie zum Beispiel ein Ehrenamt aussehen könnte, ob Vorstellungen und Bedürfnisse zusammen passen. Das dies gut funktionieren kann zeigt sich in den vielen Aktivitäten, die im Haus angeboten werden. Freizeitangebote, Deutschkurse, Beratungen, Bastelkurse, Polizeiangebote für die Kinder, Kinderbuchlesungen oder die Spendenausgabe … die Palette ist vielseitig.

Bereitschaft zur Toleranz ist in der Klingsorstraße gegeben. Das Einwohnerheim hat sich in die Nachbarschaft eingefügt und stellt keine Besonderheit mehr dar. Im Gegenteil achtet man auch hier darauf, dass sich die neuen Bewohner im Kiez beteiligen. So sieht man sie bei Veranstaltungen des Runden Tisches im nahen Gutshaus Lichterfelde, sie sind Teilnehmer des Kiezfestes auf dem Ludwig-Beck-Platz oder kommen zu Veranstaltungen des Willkommensbündnisses im Rathaus Zehlendorf. Natürlich gibt es, wie in jeder normalen Nachbarschaft auch, hin und wieder das ein oder andere Problem. Aber, hier hat man verstanden, dass nur im Gespräch und Miteinander einvernehmlich für alle Ein- und Anwohner eine gute Lebensqualität gefunden werden kann.

Stadtteilzeitung Steglitz-ZehlendorfNr. 184 • Februar 2015

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