Sie haben einfach nichts …

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Wer kleinen Kindern ein Kuscheltier oder Spielzeug in die Hand gibt, kann beobachten, dass sie sich mit ziemlicher Sicherheit schnell ablenken lassen und die Situation um sich herum vergessen. So auch der kleine Junge, vier Monate alt, den das Geschehen um ihn herum nicht mehr interessierte. Er saß fröhlich, beschäftigt und zufrieden in seinem neuen Kinderwagen. Von den Sorgen seiner Eltern weiß er nichts. Die waren vor weniger als einer Stunde in der Turnhalle angekommen. Mit dem Sohn auf dem Arm, den Sachen, an ihren Körpern und was sie in den Händen tragen konnten. Mehr nicht. Mehr haben sie nicht. Sie kommen aus einem fremden Land und sind Flüchtlinge.

Vorgeschichte: Zwei Tage vor Weihnachten wird die Nachricht bekannt, dass eine Turnhalle in unserer Nähe beschlagnahmt ist und zwischen Weihnachten und Neujahr bis zu 200 Flüchtlinge untergebracht werden. Es muss Hilfe organisiert werden und dies trotz der Feiertage ziemlich schnell. Klar ist, dass die Menschen, die ankommen werden, nichts weiter besitzen, als das was sie anhaben oder tragen können. Es ist eine doppelstöckige Halle, also zwei übereinander. Im oberen Teil werden mit einer Trennwand Betten aufgestellt. Einzelbetten oder Stockbetten. Die untere Halle wird vorerst nur mit Bierbänken und -tischen im hinteren Teil bestückt. Über alle verfügbaren Netzwerke wird von Thomas Mampel, Geschäftsführer des Stadtteilzentrums Steglitz e.V., ein Spendenaufruf veröffentlicht und mit viel Unterstützung auch geteilt und verbreitet. Die Spendenannahme wird von Veronika Mampel organisiert. Die Spenden werden im KiJuNa – Kinder-, Jugend- und Nachbarschaftszentrum abgegeben und gesammelt. Die Spendenbereitschaft am ersten Weihnachtsfeiertag ist überwältigend.

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Als die Annahmestelle das zweite Mal öffnet, kommen Einzelpersonen und mehrere Autos vollgepackt mit allem, was die Familien entbehren können. Es wird schnell klar, dass alles nicht mehr gelagert werden kann und kurzentschlossen stehen mehrere Frauen zur Verfügung. Die Wagen werden wieder vollgepackt und fahren zur Halle. Einige Frauen fahren zweimal. In der Halle ist es noch relativ ruhig. Da die Heizung über Weihnachten ausgefallen war, mussten die ersten 40 Flüchtlinge anderweitig untergebracht werden, wurden nun aber wieder zurückerwartet. Drei Spendenräume wurden vorbereitet, unterteilt in Frauenkleidung, Kinderkleidung und Herrenkleidung. Parallel dazu kamen die ersten Flüchtlinge wieder in die Halle.

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Die Spenden wurden nun angeboten und die Menschen kamen anfangs zögerlich. Trotz der großen Sprachbarriere gelang es mit „Händen und Füßen“, teilweise in Englisch, zu kommunizieren. Die Männer und Frauen schauten nach Kleidungsstücken, die passen könnten, gefielen, nützlich und warm waren. Ein Vater trug die ganze Zeit sein Baby auf dem Arm. Wir deuteten auf einen Kinderwagen, den er dankend annahm. Wir setzten das Kind in den Wagen und der Vater realisierte schnell, dass sich jemand gefunden hatten, der ihm das Kind abnahm. Er konnte suchen gehen. Nach einer Weile fand er einen besseren Wagen. Der erste, ein Buggy, war für ein vier Monate altes Kind eher ungeeignet. Wir betteten den Kleinen um, den das aber nicht weiter interessierte. Wieder nach einer Weile kam der Vater mit einem kleinen Schneeanzug und strahlte als er ihn über den Wagen hängte. Die Eltern suchten nach Kleidung, dennoch immer den Sohn im Blickwinkel.

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Es kamen Menschen, denen anzusehen war, dass sie aus unterschiedlichsten ethnischen Gruppen stammten. Männer, die zusammen sitzen mussten um einen Schlafplatz zugewiesen zu bekommen, bei denen man spürte, dass sie untereinander genauso skeptisch waren, wie der ganzen neuen Situation gegenüber. Ein Ehepaar, das ankam, mit nur einer Tüte in der Hand und sich nur an der Wand entlang schob, sich dabei kaum traute jemanden in die Augen zu schauen. Ein Mädchen, das nur Badelatschen an den Füßen hatte. Ein Junge, der in den Sachen zwei schöne, passende Turnschuhpaare fand und sich bei allem Glück darüber nicht entscheiden konnte, welches er nehmen sollte. Ein Mann, der eine passende Winterjacke fand und sich über ein zustimmendes Lob und Lächeln freute. In diesen zwei Stunden waren alle menschlichen Gefühle vertreten, die man sich überhaupt vorstellen kann. Als alle Helfer zusammen räumten, waren auch Flüchtlinge dabei, die sofort mit anfassten, Kisten trugen und Taschen aufhielten und füllten. Am Ende kamen die jungen Eltern und nahmen ihr Kind mit einem herzlichen Handschlag wieder in ihre Obhut.

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Beim der nächsten Spendenausgabe hatte sich die Situation in der Halle geändert. Es waren nicht mehr 40 Flüchtlinge, es waren 250 Menschen. Kurzfristig hatte man beschlossen die untere Halle zu teilen und weitere 50 Schlafplätze einzurichten. Auch die Stimmung hatte sich geändert – die Anspannung war überall zu spüren. Das machte sich selbstverständlich auch bei der Spendenausgabe bemerkbar. Nun war die Anforderung eine ganz andere, nun musste gelenkt, gerecht verteilt, vermittelt und geholfen werden. Mal war ein Handtuch gefordert, mal ein Schuhpaar für eine Frau, Unterwäsche oder Haarwaschmittel. Oft mussten wir sagen, dass wir das ein oder andere nicht mehr haben. Mit allen Möglichkeiten vermitteln, dass wir versuchen uns zu kümmern. Nachdenken war in den zwei Stunden der Spendenausgabe nicht möglich und die Zeit nicht wahrnehmbar, so schnell war es wieder vorbei.

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Die Menschen, die in dieser Notunterkunft untergebracht sind, kommen aus Bosnien, Albanien, Tschetschenien, Irak, Syrien, Afghanistan und anderen Ländern. Diese Menschen haben nichts. Nicht einmal eine Perspektive. Sie wissen nur, dass sie die nächsten drei Monate in dieser Halle bleiben werden, so lange bis ihr Aufenthaltsstatus fest steht. Sie schlafen in einer Halle ohne die geringste Möglichkeit einen Hauch von Privatsphäre zu erleben. Ohne zu wissen, wo sie in drei Monaten sein werden, ob sie überhaupt bleiben dürfen oder wie es überhaupt weiter geht. Sie müssen sich sanitäre Anlagen teilen, die selbst für Schul- und Vereinssport dürftig sind. Sie wissen nicht, wann, wie und wo sie wieder ein Teil einer Gemeinschaft sein werden, in der sie sich wohlfühlen und sich ihre Kinder frei entwickeln können.

Sie haben einfach nichts – was man nicht oft genug betonen kann. Und vor allen Dingen: Sie wissen nichts von der Skepsis, die ihnen hier entgegen kommt. Nichts von Anwohner-Problemen; nichts von Schulen und Vereinen, die plötzlich keine Halle mehr haben; nichts von Kommunikationsschwierigkeiten zwischen den Instanzen; nichts von Pegida, AfD oder Konsorten. Diese Menschen wollen ganz einfach überleben und bestmöglich die nächsten Tage überstehen.

Das beste Mittel diese Menschen und diese Situation zu verstehen: Helfen Sie einmal bei der Spendenausgabe mit. Gelegenheit dazu wird es immer dienstags und donnerstags geben. Auf der Homepage und dem Blog des Stadtteilzentrum Steglitz e.V. finden Sie die nötigen Informationen, auch wie Sie sonst noch helfen können. Oder Sie schreiben eine E-Mail an helfen@sz-s.de. Eine weitere Möglichkeit sich vielfältig in der Flüchtlingshilfe zu engagieren ist das Willkommensbündnis Steglitz-Zehlendorf. Es bietet Möglichkeiten sich ehrenamtlich zum Beispiel bei Freizeitaktivitäten, Deutschunterricht, Unterstützung bei Behördengängen, der Übernahme von Patenschaften und anderem mit Tatkraft, Erfahrung und eigenen Kompetenzen einzubringen. In dieser Halle geht es um Menschlichkeit und unsere Pflicht zu helfen, unabhängig und unbedeutend von unserer persönlichen Einstellung, politischen Haltung oder Skepsis vor dem Unbekannten.

Wenn Sie nach Hause gehen, werden Sie sich unweigerlich die Frage stellen, wie es Ihnen in dieser Situation gehen würde. Sie werden unendlich dankbar nach Hause gehen. Dankbar für ein Lächeln, dass Sie geschenkt bekamen. Dankbar, dass Sie helfen konnten und dankbar für das Zuhause, in das Sie zurückkehren können. Der kleine vier Monate alte Junge wird vielleicht auch dankbar sein, wenn ihm seine Eltern einmal erzählen können, wie sie in diesem Land aufgenommen wurden.

15 Kommentare zu “Sie haben einfach nichts …

  1. Wunderbar!

    Danke für diesen sehr wertvollen Beitrag.

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  2. Anna-Lena sagt:

    Ein toller Bericht, danke dafür.
    Ich bin ja am anderen Ende, wenige Kilometer hinter der Pankower Stadtgrenze. Im Ort, in dem ich meine Brötchen verdiene, läuft die Hilfe für ein Flüchtlingsheim ganz toll an, auch seitens unserer Schule.
    Das macht Hoffnung!

    Liebe Grüße
    Anna-Lena

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    • Ja, ich denke auch, zu sehen, dass es viele willige Helfer und spendenfreudige Menschen gibt, hilft und bestärkt. Und es ist so notwendig! Es gibt so viele gute Ideen, wie sich jeder einzelne mit seinen Kompetenzen einbringen kann … ich bin sehr gespannt, wie sich dieses große Thema für alle Menschen hier weiter entwickelt. Liebe Grüße an dich! 🙂

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  3. merlanne sagt:

    Liebe Anna,
    immer wieder bringst Du es fertig mit wenigen Worten Dinge auf den Punkt zu bringen, doch dieses Dein Plädoyer für all die Flüchtlinge auf dieser Welt berührt mich besonders. Ich würde es am liebsten drucken und an all die Menschen verteilen, die sich vor den flüchtenden Menschen „fürchten“, damit sie erkennen, was es heisst von zuhause vertrieben zu werden, mit Nichts im Gepäck ausser der Sorge um eine ungewisse Zukunft. Danke Anna.
    Liebe Grüsse,
    Claudine

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    • Liebe Claudine, erst einmal danke für deine Worte, über die ich mich sehr freue. Zudem hast du wieder auf den Punkt gebracht, was auch für mich sehr wichtig war. Ich wollte dabei sein, um zu verstehen, wie es diesen Menschen geht. Es hat mich zum Teil sehr mitgenommen, nachdenklich gemacht und dennoch bereichert. Besonders aber bestärkt, dass man ihnen helfen und sie unterstützen muss. Liebe Grüße von Anna

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  4. melcoupar sagt:

    Vielen Dank für die geteilten Links.

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  5. Einfach nur bewundernswert, was Helfen bewirken kann. So sollten viel mehr Menschen bereit sein, ihren Teil an Hoffnungmachenden Aktionen beizusteuern. Danke für diesen wichtigen Beitrag
    LG
    Heike

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  6. Ich denke, nicht ein einziger von uns, die wir das gerührt lesen, kann sich auch nur annähernd in die Situation dieser Leute hinein denken, denn zum Glück haben wir alle in unserem Leben keinen Krieg erlebt – und wenn, dann nur im frühesten Kindesalter.
    Ich wünsche diesen Leuten von ganzem Herzen, dass sie nur die netten, freundlichen, hilfsbereiten und entgegenkommenden Seiten der Deutschen kennen lernen mögen, nicht das Gegenteil, dass sich in Hass und Verunglimpfung gegenüber den Asylbewerbern, Ausländern und Migranten äußert aus Angst, sie könnten selbst zu wenig vom großen Kuchen abbekommen.

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Clara, trotz dessen, dass ich überzeugter Optimist bin und deinem Wunsch sehr gerne folge, fürchte ich, dass sie nicht nur die guten Seiten erleben werden. Umso wichtiger, dass man nicht aufhört, ihnen zu helfen. Der Kuchen ist groß genug!

      Gefällt mir

  7. moma58 sagt:

    Danke für diese wichtige, wertvolle und menschliche Mitteilung.

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  8. Elvira sagt:

    Hat dies auf Quilt-Traum rebloggt und kommentierte:
    Ich habe in der taz von Übergriffen auf Jugendliche mit Migrationshintergrund durch Pedigisten gelesen. eine 14jährige musste im Krankenhaus behandelt werden, die Polizei lehnte die Aufnahme einer Anzeige ab. Ich war zutiefst erschüttert. Im Anschluss las ich diesen Beitrag und fühlte mich besser. Denn wo immer ich lese, dass es Menschen wie diese gibt, wächst die Hoffnung. Vielen Dank!

    Gefällt 1 Person

  9. Arabella sagt:

    Das finde ich richtig und wichtig.

    Gefällt 2 Personen

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