Mein digitaler Chef

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Jeder kennt einen, arbeitet mit einem, hat sich schon mal über einen geärgert, muss sich wohl (-überlegt) mit ihm arrangieren, muss ihm seine Arbeitsleistung bestmöglich verkaufen und freut sich über sein Lob. Jede Firma, Institution, jedes Amt, jeder Verein hat einen. Jeder Arbeitsprozess und jedes Arbeitsverhältnis wird durch ihn beeinflusst – vom Chef. Und so unterschiedlich die Arbeitsbereiche sind, sind auch die Chef’s. Großer Chef, mittlerer Chef, kleiner Chef. Unter ihnen die Gelassenen, die Choleriker, die Kontrolleure, die Kumpels, die Despoten, die Innovativen, die Wortgewaltigen, die Darsteller und viele, viele andere mehr. Und jeder von uns kann seine persönliche Chef-Geschichte erzählen – ich auch … ich hab nämlich einen digitalen Chef!

Was ein digitaler Chef ist? Ein Mensch aus Fleisch und Blut, wie alle, nur mit einer unverbesserlichen Energie bei allen digitalen Entwicklungen in der ersten Reihe mitzumachen. Eigentlich hat das bei ihm ja ganz harmlos angefangen. Am Anfang gab’s einen Computer – Arbeitsmittel, E-Mail – Kommunikationsmittel und so ein Internet mit Homepages – Informations- und Selbstdarstellungs-Tool. Er erkannte wohl ziemlich schnell deren Vorteile gegenüber Schreibmaschine, Brief und Visitenkarte. Das ging alles schneller und bequemer und wie jeder gute Chef, hat er auch schnell die Vorteile für unsere Arbeitsprozesse und den Bekanntheitsgrad im Netz realisiert. Folglich war die unmittelbare Auswirkung des Ganzen, dass wir ein Verein sozial arbeitender Menschen geworden sind, die sich mit solchen technischen Sachen auskennen – müssen! (Anm. d. Red.: Der Verein ist das Stadtteilzentrum Steglitz e.V. – ein sozialer Träger mit Einrichtungen von Kindertagesstätten bis zum Seniorenzentrum – Infos: Link anklicken.)

Wo war ich stehen geblieben? Ach ja – sozial und technisch … Passt nicht? Passt doch, denn bei so vielen Menschen, mit denen wir tagtäglich zu tun haben, entsteht ein erheblicher Verwaltungsaufwand, der auf diese Weise effizient bewältigt werden kann. Sowohl personaltechnische Angelegenheiten, als auch die Verwaltung z.B. aller Kinder, die unsere Kitas, Schul- oder Jugendeinrichtungen besuchen, sind bestens eingetacktet. Chef beobachtete wohlwollend – vorerst.

Na, jedenfalls hat der Chef wohl was richtig gemacht, denn der Verein wurde größer und größer und aus einer Handvoll Mitarbeitern und Einrichtungen, wurde bald ein ganzer Bienenkorb. Die Folge war Zeitnot, denn anders als bei der Bienenkönigin bringen die Bienen nicht nur alle was, die wollen auch alle was. Gar nicht mehr so einfach das Ganze zu managen, weshalb Chef sich mit Arbeitseffizienz auseinandersetzen musste. So begründet hat er seine Bibel gefunden (Keine Sorge – es geht nicht religiös weiter). Bibel heißt bei ihm GTD – „Getting things done“ von David Allen. Auf deutsch: „Wie ich die Dinge geregelt kriege“. Ich behaupte mal, wir finden kaum einen Kollegen bei uns, der nicht weiß, was das ist. Alle Arbeitsprozesse werden in eine bestimmte Reihenfolge gebracht, die immer einen guten Überblick und ein ruhiges Gewissen verschaffen. Gar nicht so verkehrt die Idee, die er uns sehr ans Herz gelegt hat. Klagt mal einer über Chaos am Arbeitsplatz, ernten wir ein müdes Lächeln vom Chef.

GTD war denn der letzte Auslöser für die chefliche Digitalisierung. Sehr bald war er der E-Mail-Flut überdrüssig und fand eine Internetseite, die ein innerbetriebliches Netzwerk anbot. Mein Pech war dabei nur, dass ich an der Presse- und Öffentlichkeitsstelle sitze – also war es mein Job das Teil auszuprobieren. Ok – anmelden, KollegInnen einladen und hartnäckig darüber kommunizieren. Es hat, schätze ich mal, ein Jahr gedauert, bis auch der letzte Zauderer geglaubt hat, dass das Netzwerk wirklich nur für uns ist und – dass tatsächlich weniger E-Mails von KollegInnen zu beantworten waren. Nun konnten wir Sachverhalte, Projekte, AGs oder einfach mal Spaß gleich mit allen Mitarbeitern teilen. Gut so … Chef zufrieden – kurzfristig.

Ich spreche jetzt mal nicht von den ganzen Netzwerken, in denen ein moderner Verein heutzutage vertreten sein sollte – Chefmeinung. Meine zweijährige hartnäckige Weigerung in ein sehr bekanntes Netzwerk mit F einzutreten, scheiterte am Chefwunsch, dort eine Vereinsseite zu haben. Angemeldet und – hm – Spaß dran gewonnen. Auch in den anderen Netzwerken sind wir prima vertreten. Einen Überblick, wo ich überall angemeldet bin, kann ich spontan nicht geben. Anmelden, ausprobieren, schauen, ob das was für uns ist. Wir sind dabei und machen mit – wo’s sinnvoll ist und nutzt und – Chef gefällt – einstweilen.

Immer wieder kommt er mit neuen schönen Programmen, die uns die Erfüllung und Erleichterung unserer Arbeitswelt geloben. Haben wir eins begriffen und gelernt, integriert oder verworfen, hat er schon wieder eine neue Idee. Aufmerksamkeit ist immer geboten, wenn ich in einem Netzwerk von ihm lese: „Hat jemand schon mal Sowieso ausprobiert und kann mir dazu was sagen?“ Das bedeutet mit ziemlicher Sicherheit, dass er nicht lang danach um die Büro-Ecke kommt und sagt: „Probier mal“. Zugeben muss ich dabei: Hab ich eine Frage dazu oder bekomme ich irgendetwas nicht gleich hin, er weiß es. Also, was er uns zumutet, hat er auch probiert, studiert und eingesetzt. Chef bloggt, postet, schreibt, kommentiert, netzwerkt und ist digital an vorderster Front – früher nannte man die Pioniere. Neulich hatte er Urlaub – das bedeutet Luft im Netz zu suchen. Ganz gefährlich bei digitalen Chefs. Und wie erwartet, stand dann auch bald zu lesen, wie begeistert er von einem neuen Aufgabenprogramm ist. Und wie erwartet … wer probiert es jetzt aus? Wir … Chef freut sich! 🙂

Ok, zugegeben, der Nutzen ist sehr groß und letztendlich machen viele Programme ganz einfach Spaß. Auch ist es ein gutes Gefühl, für einem Verein zu arbeiten, der diesen Dingen sehr aufgeschlossen ist, optimalen Nutzen daraus zieht und eine sehr modere Einstellung dazu hat. Ich stelle mir insgeheim immer vor, dass seine erste Frage bei potentiellen Bewerbungsgesprächen nur heißen kann: „Lieben Sie ihren Computer?“. Tue ich und sitze eigentlich am richtigen Platz, probiere auch gerne aus. Aber nun hat er es doch einmal geschafft, mir den Angstschweiß auf die Stirn zu treiben … Da hat er gepostet (so nennt man das): „Hypereffizienz hätte er noch nicht in seiner Zielplanung gehabt“ und einen Artikel dazu von einer Seite, die sich mit Arbeitseffizienz beschäftigt. – Hypereffizienz – Chef bitte … du musst nicht alles ausprobieren!

Zur Person: Thomas Mampel ist Sozialarbeiter und Unternehmer und versteht sich als social entrepreneur. Er ist Mitgründer und Geschäftsführer des Stadtteilzentrum Steglitz e.V., Mitgründer und Mitbetreiber des sozialen Netzwerkes “socialNC – soziales engagement 2.0″ und geschäftsführender Gesellschafter der .garage berlin GmbH und Gründungsmitglied und Vorstand des gemeinnützigen Vereins Computerbildung e.V.. In seinem Blog „mampel’s welt“ will er seine Sicht auf die Welt – insbesondere zu den Themen “Soziale Arbeit und soziale Netzwerke”, “soziales Unternehmertum” und “Entwicklung der sozialen Arbeit” – zur Diskussion stellen. Außerdem ist er …

… mein Chef! 🙂

Generationswechsel …

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Ich gebe zu, dass ich diesbezüglich gedankenlos war oder blauäugig könnte man es auch nennen. Denke jedoch eher, ich wollte mich nicht damit auseinandersetzen. Wollte, dass es immer so bleibt, wie es ist. Ich wollte die Vorzüge genießen, erwachsen zu sein und dennoch hin und wieder in die Rolle des Kindes zurück schlüpfen zu dürfen. Wollte eigenständiges und freies Handeln und Entscheiden bewusst ausüben und mich trotzdem von den Älteren, den Menschen mit mehr Lebenserfahrung, beraten und mich von ihnen unterstützen lassen. So wie es immer war. Eine, wie ich finde, sehr angenehme Lebensphase, deren Endlichkeit nun absehbar ist. Ich muss endgültig erwachsen sein. Ein Generationswechsel steht uns bevor.

Abschiede kündigen sich an. Keine vorübergehenden, sondern endgültige Abschiede. Abschiede von Menschen, die mich mein Leben lang begleitet haben. Natürlich habe ich hin und wieder darüber nachgedacht, dass ich älter werde. Aber ich lege keinen besonderen Wert darauf, jung sein zu müssen, weshalb mir dieses Thema zwar bewusst, aber nicht wichtig ist. Ich genieße es sogar ein „gewisses“ Alter zu haben. Was ich dabei völlig außer acht gelassen habe ist, dass die Menschen um mich herum ebenso älter werden. Menschen, die immer für mich da waren. Menschen, die immer dazu gehörten und mit meinem Lebensweg eng verbunden sind. Wichtige Menschen für mich.

Vor 15 Jahren musste ich mich schon einmal damit auseinander setzen. Mein Vater starb innerhalb eines halben Jahres an Krebs. Das traf uns unvorbereitet und viel zu früh. Ich selber habe zwei Jahre gebraucht, bis ich wieder richtig auf den Füßen stand und das verkraftet hatte. Bereit war, mein Leben weithin ohne ihn anzunehmen und meine Wut, dass mein Großvater viel älter werden durfte als er, beizulegen. Mit der Zeit habe ich ein sehr tröstliches Verhältnis zu diesem Verlust aufbauen können und lasse mich weiterhin in Gedanken von ihm begleiten.

Nun kündigen sich weitere Abschiede an. Meine Schwiegermutter haben wir in den letzten Wochen wegen eines Infarkts und dessen Folgen in einem Seniorenheim bringen müssen. Wir sind froh, dass sie uns erkennt, nur Zeit und Raum gehören nicht mehr in ihre Welt. Wir können sie besuchen, mit ihr sprechen, sie sehen und in den Arm nehmen. In den Arm nehmen … etwas, was die gesunde Frau nur zögerlich zuließ. Ein langsamer Abschied von einer starken Frau. Und immer noch mit dieser neuen Familiensituation beschäftigt, erreichen uns die nächsten Nachrichten von Verwandten, die zur älteren Generation gehörend ihr Leben nicht mehr alleine führen können. Ein Onkel, der auch eine Pflegestufe benötigt und eine Tante, die einen längeren Krankenhausaufenthalt überstanden hat. Wir haben eine wirklich sehr große Familie … aber das reicht für’s erste an Nachrichten.

Erstaunlicherweise hat mich die Nachricht von der Tante so verstört und nachdenklich gemacht. Bei ihr und meinem Onkel habe ich meine erste Ausbildung gemacht. Sie hatte einen Verlag und er eine Werbeagentur. Ich lernte bei ihm und habe dort eine wirklich solide Grundlage für meinen Beruf bekommen. Das ist richtig viele Jahre her und ich war ihm immer dankbar und verbunden dafür. Das besondere daran ist heute, dass diese Tante und dieser Onkel 94 und 93 Jahre alt sind. Ein verheiratetes Paar, dass sich im Restaurant immer noch streitet, wer die Rechnung bezahlen darf. Als ich hörte, dass sie im Krankenhaus liegt und es anfänglich schlecht aussah, war ich erst erstaunt und dann fast empört. Meine Welt ohne sie  – für mich unvorstellbar. Im zweiten Moment erst merkte ich, dass meine Empörung völlig absurd ist. Sie sind 94 und 93 Jahre alt – wer darf das gemeinsam bei relativer Gesundheit erleben?

Ich muss mich bereit machen, mich trennen zu können. Muss akzeptieren, dass die Zeit ihren Tribut fordert und meinen eigenen Wunsch hinten anstellen, dass alles so bleibt, wie es ist. Muss für die anderen, die gehen müssen, bedenken, was das Beste für sie ist. Ich möchte meine Erinnerungen bewahren und einpacken, möglichst an einem Platz, wo sie sich mit der Zeit nicht verklären und ändern können. Und schließlich muss ich mich vorbereiten in ihre Reihen zu treten. In die Reihen der Ältesten der Gesellschaft, in denen wir diejenigen sein werden, die Halt, Zuversicht und Unterstützung geben. Letztlich muss ich mich der Verantwortung den Jüngeren gegenüber stellen und ihnen das bieten, was ich an den Älteren so liebe, die mich und meine Geschichte kennen. Ich muss mich bei ihnen nicht verstellen und verbiegen und sie geben mir den Halt, den speziell ich benötige. Den Halt, den ich künftig aus eigener Kraft aufbringen muss.

Das Schöne daran ist, dass ich das alles nicht alleine erleben muss. Ich habe einen Mann an der Seite, viele gleichaltrige Verwandte, Geschwister, Cousinen, Cousins und viele Freunde. Ich werde mich an die neue Rolle gewöhnen. Werde in Gedanken damit spielen, was der ein oder andere, der gehen muss oder musste, wohl für einen Rat gegeben hätte und mich an sie erinnern. Wir werden nun die Generation, die sich kümmert, die pflegt, regelt, entscheidet, trauert, erinnert und die letzten Reste des Kind-Seins aufgeben wird.

Generationen wechseln – natürlich – zur Zeit erlebe ich das sehr bewusst. Einerseits mag ich nicht so richtig daran denken, andererseits möchte ich es als Natürlichkeit annehmen. Ich kann es nicht aufhalten und weiß, dass es noch sehr oft weh tun wird. Und trotzdem, je mehr es mich beschäftigt, desto stärker wird mein Hunger auf’s Leben. Auf das Hier und Jetzt, meine Kinder und Familie, die Freunde, die Arbeit, das Lachen und die Neugierde, die mich jeden Morgen neu antreibt. Die Vorstellung, was diejenigen, die gehen werden, von mir erwarten würden, wird mein Antrieb sein. Lebensbejahend, positiv und optimistisch … bereit ihre Kinder und Kindeskinder zu stützen.

Ich rieche, höre, fühle, schmecke … nur sehen kann ich nichts!

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Es sind sehr zaghafte Schritte, vorsichtig und gerade – einer nach dem anderen. Der rechte Arm ist wärmer als der Linke, also ist die Sonne rechts. Von rechts kommen die Kindergeräusche, dort ist der Spielplatz. Und auch der Schatten auf dieser Seite gibt mir eine Ahnung, wo die großen Bäume stehen. Vor mir auf dem Boden rollt eine Kugel, immer hin und her. Die ist verbunden mit einem langen Stab und der liegt in meiner Hand. Ich merke an meinen Schritten den Unterschied von Sand-, Stein- und Holzboden. Mehr habe nicht ich als Orientierungshilfe. Nur eine Brille auf den Augen, die mir vermittelt, wie sich ein Mensch fühlt, der nur noch vier Sinne zur Verfügung hat.

Meine Neugierde war geweckt. Ich hatte zuvor eine E-Mail von meiner Kollegin bekommen. Manuela schreibt nicht viel, diesmal bekam ich jedoch einen langen Text von ihr, der mir von ihrem Treffen mit Kathrin erzählte. Manuela ist die Projektleiterin im Gutshaus Lichterfelde, einem Nachbarschaftshaus. Im Rahmen der Nachbarschaftsarbeit hatte sie Kathrin kennengelernt und gemeinsam bieten sie Nachmittage an, an denen Besucher mit Kathrin in Gespräch kommen können. Kathrin ist gesetzlich blind. An diesem Nachmittag kam keiner und so kamen beide Frauen ins Gespräch.

Manuela schreibt mir darüber: „Wir bieten diese Gesprächsrunden an. Es geht um Barrierefreiheit. Was heißt es eigentlich, nicht sehen zu können, nicht hören zu können oder in einem Rollstuhl zu sitzen? Wir wollen aufklären und Austausch möglich machen. Aber wo fängt das an? Ab heute weiß ich, wo ich anfangen muss. Sensibilisieren heißt das Schlüsselwort. Kathrin hat ihren Laptop dabei. Darauf zeigt sie mir, wie sie Nachrichten schreibt und liest, bzw. wie sie ihr vorgelesen werden. Die Tastatur hat erhöhte Punkte, die ihr eine Orientierung über die Buchstaben geben. Bilder erkennt sie mittels der Audiodeskription, das ist eine akustische Bildbeschreibung. Für mich ist es faszinierend, wie sie sich so im Internet bewegen kann. Etwas, was für uns sehende Menschen selbstverständlich ist, wird für sie möglich. Ich bin vollkommen beeindruckt. 

Später erklärt Kathrin mir, wie sie sich in den Straßen bewegt. Dafür hat sie den langen Blindenstock und trotzdem ist es wie eine Abenteuerreise ins Nirgendwo. Sie erzählt von den fehlenden Gehwegmarkierungen, von den Hindernissen, die im Weg stehen und so ihre Orientierung zunichte machen. Ich kann mir nicht wirklich vorstellen, was damit gemeint ist, aber dafür hatte Kathrin eine Lösung. Sie greift in ihre Tasche und hat eine Brille in der Hand, die im ersten Moment wie eine kleine Taucherbrille aussieht, aber sie hat Tücken. Als ich die Brille aufsetze, sehe ich nichts mehr. Nur noch einen kleinen hellen Punkt. Den Ort an dem ich stehe, kenne ich seit vielen Jahren. Mit der Brille merke ich sofort meine Unsicherheit. Meine Orientierung ist wie ausgelöscht. Aber ich bekomme noch den Stock in die Hand. Ich laufe los, oder besser, ich versuche loszulaufen. Mir wird ganz heiß, ich habe Angst und fühle mich völlig hilflos, obwohl ich weiß, dass Kathrin in meiner Nähe ist.“ 

Angst und Hilflosigkeit löst die simulierte Blindheit bei Manuela aus, bei mir eher die Neugier, wie sich meine anderen Sinne bewähren. Wir können die Situation jedoch unterbrechen. Kathrin nicht – sie lebt damit, jedoch nicht von Anfang an. „Retinopathia pigmentosa“ diagnostizieren die Ärzte als sie 15 Jahre alt war. Für die Eltern ein herber Schlag, dass das jüngste der fünf Kinder mit Blindheit geschlagen sein sollte. Nur ab wann, konnte keiner vorher sagen. Informationen vom Arzt gab es nicht, die musste sie sich zusammensuchen und erfuhr so von ihrem Krankheitsbild und auch, dass nie jemand sagen konnte, wann die Blindheit so gravierend sein würde, dass ein „normales“ Leben nicht mehr möglich sein würde. Die Eltern reagierten dennoch sofort und belegten Radfahren, Rollschuh fahren oder Zeitungen austragen mit Verboten. Für eine 15-jährige junge Frau schwer zu verstehen und zu ertragen, noch ging ja alles. Erst mit 38 Jahren erlebte sie einen großen Schub, der in der Folge die Bezeichnung „gesetzlich blind“ einbrachte. Schwierig war für Kathrin die Zeit, in der sie sich zur Krankheit bekennen musste. Sie vermied Treffen in Restaurants, sie lernte Toilettengänge in der Stadt zu umgehen, aber doch standen zahlreiche Laternen im Weg, die letztendlich das Bekenntnis zur Krankheit verlangten. So war der berufliche Weg auch von Fachschulen begleitet. Über die gelernte Masseurin zur Büroleitung erlebte sie viel Abwechslung und viele Änderungen. Den Lebenspartner lernte sie schon nach der Ausbildung kennen, verlor ihn aber früh durch ein Herzversagen.

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Kathrin bei einem Vortrag über Assistenzhunde der Fürst Donnersmark Stiftung am 25. Juni 2014

Das hört sich alles nicht so wirklich prickelnd an, wäre da nicht der Mensch Kathrin. Lernt man sie kennen, sind Frustration und Resignation die letzten Vokabeln, die einem einfallen würden. Wir erleben eine Frau, die sich Platz macht, mit lauter Stimme sagt, was sie braucht, die sich einmischt und mitredet und – nicht zuletzt – lacht und einen Humor verbreitet, den sich Menschen ohne Sehbehinderung kaum in ihrer Gegenwart zutrauen würden. Kathrin ist mittendrin, mischt mit, macht mit, redet mit. Der Bezirksbehindertenbeirat, die Seniorenvertretung, das Führhundehalter-Portal, der Apple-Stammtisch, der Runde Tisch, die AG Mobilität … alle dürfen mit ihrer Wortmeldung, ob bequem oder eben meistens auch nicht, rechnen. Sie versteht sich als Multiplikator, sozusagen als Werbeplattform in eigener Sache und nutzt die sozialen Medien, meist Facebook oder die eigene Homepage um ihre Sache voranzutreiben. Die da wäre?

Kathrin möchte eine Welt, die für alle bedienbar ist. Das Wort „Inklusion“ mag sie nicht hören und hofft, dass ich meine Frage wieder vergessen, tue ich aber nicht. Sie mag Inklusion nicht, weil wir darüber sprechen müssen, dabei sollte eine für alle nutzbare Welt Selbstverständlichkeit sein. Und zu viele, die selber nicht betroffen sind, erklären uns, was Inklusion heißt. Nur erklären sie nicht, dass eine behindertengerechte Toilette für einen sehbehinderten Menschen nicht gerade das El Dorado an Hygiene ist. Das gehbehinderte, hörbehinderte und sehbehinderte Menschen völlig andere Bedürfnisse haben. Und selber sagt sie, dass es eine 100 % Barrierefreiheit nicht geben kann, dass man aber für Barrierefreiheit in den Köpfen der Menschen noch viel tun könnte.

Dazu schreibt Manuela in ihrer Mail an mich weiter: „Wir nicht körperlich behinderten Menschen können uns in der Welt behaupten. Wir können uns aber nicht in die Lage eines Menschen mit Behinderung hineinversetzen. Wie fühlt es sich an, wenn man alles abgenommen bekommt oder merkt, dass andere nicht wahrnehmen, wo ich gerade Hilfe benötige. Was ist es für ein Gefühl, wenn mein ausgebildeter Blindenführhund von Räumen oder Versammlungen ausgeschlossen ist, die ich besuchen möchte. Das, obwohl der Hund die notwendige Sicherheit und Orientierung gibt. Ich wünsche mir, dass die Menschen nicht aus Mitleid helfen, das keinem nutzt. Ich wünsche mir, dass sich die Menschen dafür interessieren, was Menschen mit Handicap brauchen. Dass sie offen auf die anderen zugehen und einfach ehrlich fragen, ob Hilfe gewünscht, notwendig oder nicht erforderlich ist. Ich werde weiter mit Kathrin sprechen, weiter versuchen andere zu sensibilisieren und weithin Gesprächsmöglichkeiten schaffen, die Menschen mit und ohne Behinderungen zusammen bringen.“ 

Wie notwendig das ist, erklärt mir Kathrin weiter. So selbstständig sie ihr Leben eingerichtet hat, gibt es immer wieder Bereiche, die alleine nicht zu bewältigen sind. So lese ich in einem Facebook Kommentar von ihr, dass sie bei einem Einkauf eine kleine Flasche Joghurt kaufte, der ja bei den Milchprodukten zu finden war und sich auch so anfühlte. Zuhause stelle sich dies jedoch, nach einem herzhaften Schluck aus der Flasche, als Ölprodukt heraus. Eigentlich zum Lachen und tragisch zugleich. Einkaufen, sagt Kathrin, sei ein sehr schwieriger Bereich. Für sehbehinderte Menschen sind Preise, Ausschilderungen und Sortiment-Änderungen kaum zu erkennen. Dort müssen sie warten und hoffen, dass entweder eine Verkäuferin, ein Verkäufer oder ein aufmerksamer Kunde Zeit hat und hilft.

Wie sensibel die ganze Geschichte ist, verstehe ich spätestens, als wir uns schon fast verabschieden. Als diese beeindruckende Frau mir erzählt, dass es Tage gibt, an denen es ihr gut geht, an denen sie Hilfe annehmen möchte und kann. Aber es gibt auch Tage, an denen sie genau diese Hilfe nicht ertragen kann. Es gibt nur eine einzige Sache, die dies Lösen kann: Wir müssen uns trauen, fragen und auf Menschen mit Behinderung zugehen, Scheuklappen abbauen, offen sein und sie in unserem Alltag willkommen heißen!

Wer mehr über Kathrin Backhaus wissen möchte, wird auf ihrer Homepage Backis Welt fündig!

Informationen über die Fürst Donnersmarck-Stiftung: „Rehabilitation, Betreuung, Förderung und Unterstützung“ von Menschen mit Behinderung in drei Arbeitsbereichen um: Rehabilitation, Touristik, Bildung.
 

Update – Toleranz und Anerkennung

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Man möchte bewegen, wenn man sich einem Thema annimmt und darüber schreibt. Die Richtung der Bewegung kann man allerdings kaum beeinflussen. Ich möchte bewegen, Aufmerksamkeit schaffen. Den Beitrag „Toleranz und Anerkennung – Zwischen Wunsch und Wirklichkeit“ hatte ich für die Februar-Ausgabe der Stadtteilzeitung geschrieben. Das Leitthema der Zeitung hieß „Anderssein“. Als ich der Freundin meines Bruders damals erzählte, dass mein geplanter Beitrag nichts werden würde, schlug sie vor über sie selber zu schreiben. Darüber, was sie mit ihrer schwarzen Hautfarbe in den ersten Jahren hier in Deutschland erlebt hatte. Sie wollte anderen in gleicher Situation Mut machen. Der Artikel war das Resultat unseres Gesprächs und er ist bis heute einer meiner liebsten Beiträge in meinem Blog. Ich bekam durch das Gespräch mit ihr einen ganz anderen Blick auf die Situation der Menschen, die versuchen sich in Deutschland eine Existenz aufzubauen.

Einige Zeit nach erscheinen der Zeitung hatte sie Urlaub, den sie in einer anderen Stadt verbrachte. Als sie wieder zurück zur Arbeit kam, sprach keiner der KollegInnen mehr mit ihr. Der Umgang mit ihr wurde gemieden und erst nach einer Woche bekam sie ein Gespräch mit der Filialleitung zugesprochen. Dabei kam heraus, dass während ihres Urlaubs eine Kollegin diesen Artikel in der Zeitung gefunden hatte und der Filialleitung zu lesen gab. Nun durfte sie sich rechtfertigen, wie sie auf die Idee käme, so einen Artikel in eine Zeitung zu setzten. Als ich das hörte, war ich sehr erschüttert und auch völlig verwirrt. Nicht zuletzt, weil ich auch das Gefühl bekam an ihren Unannehmlichkeiten Schuld zu sein.

Letztendlich führten diese Unannehmlichkeiten dazu, dass sie in der anderen Stadt eine neue Arbeitsstelle gesucht und gefunden hat, mit meinem Bruder nun zusammen wohnt und sie sich ein gemeinsames Leben aufbauen werden. Das war zweifelsohne eh geplant, durch diese Vorgänge aber beschleunigt. Ich wünsche beiden alles erdenkliche Glück für ihr gemeinsames Leben!

Was mich nachhaltig an dieser Geschichte beschäftigt ist der Gedanke, wie notwendig das Werben um Toleranz und Anerkennung hier unter uns, in diesem Land und in unserem Umfeld ist. Und auch, wie aktuell dieses Thema ist. Wir sind eine multinationale Gesellschaft, die ihre Stärken eben aus der Mischung aller Menschen zieht. Wir können als attraktives Land nur bestehen, wenn wir Andersartigkeit zulassen und unsere Köpf dafür öffnen. Es gibt für mich keinen einzigen Grund, warum ein Mensch bei uns wegen eines ethnischen Merkmals eine andere Behandlung erfahren sollte als alle anderen oder über sein Erleben schweigen sollte.

Ich gebe gerne zu, dass auch ich oft Scheu spüre, wenn ich Menschen begegne, die aus fremden Ländern kommen, die ich nicht einschätzen kann, die eine mir unbekannte Religion haben oder zu denen ich aus sprachlichen Gründen nicht gehören kann. Ich gebe zu, dass ich mit einem komischen Bauchgefühl kämpfte, als in unmittelbarer Wohnnähe ein Wohnheim für Aussiedler eröffnet wurde. Es war so nah. Aber ich weiß, dass mein Gefühl aus Unkenntnis entsteht und Unkenntnis kann man nur entgehen, indem man darauf zugeht. Man muss Fragen stellen und versuchen zu verstehen, was diese anderen Menschen antreibt und beschäftigt. Damit habe ich noch nie schlechte Erfahrungen gemacht. Ganz im Gegenteil, viele wunderbare Freunde gewonnen und sehr viel für mich gelernt. Das Wohnheim habe ich mir angesehen, sprachliche Hürden kann man überwinden, Religionen und Länder kennenlernen.

Der Beitrag „Toleranz und Anerkennung“ klagt nicht an. Darum geht es nicht. Er zeigt ein Beispiel eines Menschen, der hier eine Existenz aufgebaut hat und sich als bewährtes Mitglied und als Bereicherung für unsere Gesellschaft entwickelt hat. Er zeigt ein Beispiel, wie sich jemand erfolgreich bei uns integriert und hier Freunde, Familie und ein erfülltes Leben findet. Der Hürden überwindet und Stärke zeigt.

Traurig ist die menschliche Seite, die sich zeigte, als der Beitrag erschien. Das sich Menschen nicht vorstellen können, mit welchen Hürden man kämpft, wenn man bei uns anders ist. Das diese „andersartigen“ Menschen nur toleriert werden solange sie „funktionieren“. Wenn sie aber auf sich aufmerksam machen, Menschlichkeit zeigen, uns den Spiegel der Intoleranz vor Augen halten, dann werden sie auf ein Minimum der Akzeptanz reduziert. Und es zeigte sich auch, das der Inhalt und Sinn des Beitrags in keiner Weise von diesen Menschen verstanden werden wollte. Es tut ja auch weh, wenn man den „Guten“ zeigt, dass sie gar nicht so gut sind.

Das war eine Bewegung, die so nicht gewollt war, aber doch zeigt, dass diesbezüglich viel zu tun ist. Ich habe lange überlegt, diese Geschichte hinter dem Artikel einfach so stehen zu lassen. Es ist mir jedoch ein Bedürfnis, für Offenheit anderen gegenüber, bei mir selber und bei anderen – jetzt und künftig – zu werben.

Hallo Nachbar …

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Als ich vor etwa 20 Jahren nach Berlin zog, sagte ein Bekannter zu mir, dass der „normale“ Berliner seinen Nachbarn nicht kennt. Was er damals mit „normal“ meinte, habe ich bis heute nicht herausgefunden. Zu dem Statement, dass der Berliner seinen Nachbarn nicht kennt, kann ich aus heutiger Sicht nur sagen: „Weit gefehlt!“.

3.419.623 Einwohner hatte Berlin im November 2013. Die alle zu kennen, wäre natürlich etwas anstrengend. So gehen wir lieber in die Bezirke direkt, den Stadtteil und den unmittelbaren Kiez. Dies ist eins der Dinge, die Berlin so faszinierend macht. Jeder Kiez hat seinen eigenen Flair, eine eigene Atmosphäre, ein bestimmtes Publikum und natürlich auch Schwächen. Steigt man in die U-Bahn und steigt am anderen Ende der Stadt wieder aus, begegnet man einem völlig anderem Stadtbild. Das sind die Äußerlichkeiten. Spannend wird der Blick auf die Bewohner.

Berlin ist multikulturell und gerade darin liegt der besondere Reiz, auch wenn es immer noch Menschen gibt, die das nicht realisiert haben. Diese Stadt lebt von der Unterschiedlichkeit, den Nationalitäten, der Andersartigkeit der Menschen. Am besten erkennt man dies, wenn man an warmen Sommertagen in die unzähligen Parks und an die vielen Plätze geht, an denen sich die Menschen begegnen. Lässt man sich darauf ein, erntet man einen ungeheuren Gewinn in jeglicher Hinsicht.

Diese Vielfalt und diese ungeheure Menge an Menschen braucht besondere Obhut, unabhängig von den Erfordernissen die behördliche Stellen zu meistern haben. Es ist eben keine „Menge Mensch“ – es sind 3.419.623 Individuen. Dem haben sich viele Verbände und eine wirklich enorme Zahl an freien Trägern, wie zum Beispiel die Stadtteilzentren angenommen. Besondere Größen in der Landschaft der Verbände sind in Berlin „Der Paritätische Berlin“, der „Verband für sozial-kulturelle Arbeit“ und „Das Berliner Bündnis für Familien“, denen sich freie Träger anschließen und so den sozialen Auftrag koordinieren, fördern und politisches Gewicht geben. Ein Blick in das Spektrum der Mitglieder dieser Verbände ist imponierend, da so klar wird, wie facettenreich diese Arbeit ist. Kinder- und Jugendeinrichtungen, Nachbarschaftshäuser, Selbsthilfekontaktstellen sind nur einige Beispiele, was hier den Menschen, den Nachbarn, geboten wird. Allen gemeinsam ist eins – die Menschen zusammenzubringen, Austausch zu fördern, Alleinstehende und Familien zu unterstützen und eben dem Nachbarn ein Gesicht zu geben.

Menschen zusammenzubringen – wie geht das besser als mit einem Fest? Am 24. Mai wurde in Berlin viel gefeiert, denn zwei große Events wurden koordiniert. Das 1999 in Frankreich ins Leben gerufene „Fest der Nachbarn“ wurde schon 2012 in 32 Ländern gefeiert. In diesem Jahr waren erneut zwölf Berliner Bezirke beteiligt und die Unterschiedlichkeit der Angebotspalette hatte alles zu bieten, was Spaß, Gemeinsamkeit und Austausch fördert. Nahtlos ging das Fest in die „4. Lange Nacht der Familien“ über. Bis Mitternacht konnten Familien am 150 Angeboten in ganz Berlin teilnehmen. Ein Blick auf die Internetseiten verrät, was man alles erleben konnte und lässt die Vorfreude auf die Aktionen im kommenden Jahr wachsen.

Ein Beispiel für das Fest war der „Mitternachtströdel im Gutshaus Lichterfelde“. Das Gutshaus Lichterfelde steht seit 1999 unter Trägerschaft des Stadtteilzentrums Steglitz e.V. Die Kita im Haus und das Nachbarschaftscafé machen das Gutshaus zu einem Treffpunkt für Familien und Nachbarn im unmittelbaren Umfeld. Bei dem Mitternachtströdel durfte jeder mitmachen, der seinen eigenen Tisch mitbrachte und einen Kuchen für die Allgemeinheit spendete. Im diesem Jahr war die Sonne dem Fest gewogen, so dass schon der Aufbau mit viel Vorfreude und gegenseitiger Hilfe vonstattengehen konnte. Besucher, die vom Spaziergang aus dem Park oder direkt zum Fest kamen, konnten gemütlich beim Trödel stöbern, Kuchen oder eine Grillwurst essen. Es wurde gehandelt, man konnte sich austauschen, diskutieren, erzählen, kennenlernen, gemeinsam lachen und überall den lustigen Spielen der Kinder zuschauen. Das ist gelebte Nachbarschaft, die mit einem Lagerfeuer in der Mitte ihr Ende fand. Diejenigen, die sich beim Bäcker, beim Einkauf oder im Nachbarschaftscafé in den nächsten Tagen wieder begegnen, werden sich garantiert ein Lächeln schenken. Gemeinsame Feste schaffen Verbundenheit, Nähe und Vertrauen.

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Auch im privaten kenne ich meine Nachbarschaft sehr gut. Gegenseitige Akzeptanz und Hilfe ist an der Tagesordnung, ein freundliches Grüßen, ein nettes Gespräch immer gegeben. Die nachbarschaftliche Arbeit, die von den freien Trägern geleistet wird, habe ich überhaupt erst in Berlin kennengelernt. Lässt man sich darauf ein, wird diese große Stadt doch sehr menschlich und bekommt ein freundliches Gesicht.

Leitartikel der Homepage des Stadtteilzentrum Steglitz e.V.
vom 29. Mai 2014

Feiertage … und der Osterhase kommt ja doch!

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Es ist immer wieder das Gleiche. Gefühlt ist der Weihnachtsbraten gerade erst verdaut, die letzte Silvesterrakete abgeschossen und schon entdecken wir im Supermarktregal den ersten Osterhasen. Dankbar registrieren wir die freundliche Erinnerung, dass die nächsten Festtagsbraten in ein paar Wochen wieder auf dem Tisch stehen. Vorerst dürfen wir es noch gewissenlos verdrängen, denn an Valentinstag und Fasching erinnert uns der Handel ja auch noch rechtzeitig. Aber es kommt – das Osterfest.

Die Auferstehung Jesu Christi von den Toten wird mit diesem wichtigstem und ältesten Fest der Christen gefeiert. Das Datum des beweglichen Feiertages variiert zwischen dem 21. März und dem 25. April nach dem ersten Sonntag des ersten Frühlingsvollmondes. Dies muss man nicht ausrechnen oder wissen. Spätestens wenn im Vorjahr die Urlaubspläne eingereicht werden müssen oder Ferienziele geplant werden, ist das Datum in jedermanns Gedächtnis. Und sowieso – wer vergisst schon, wenn ein paar entspannte Feiertage genossen werden können. Der Karfreitag und Ostermontag rahmen den Ostersonntag so wunderbar ein, dass gleich vier freie Tage zur Verfügung stehen.

Für alle christlichen Konfessionen ist das Osterfest das wichtigste im ganzen Kirchenjahr. Beginnend mit Gründonnerstag über Karfreitag, dem Karsamstag, Ostersonntag und Ostermontag wird es von den Christen wie ein einziger Gottesdienst gefeiert. Dies über den ganzen Globus verteilt. Aber auch die anderen, die Atheisten, Humanisten, Anders- oder Nicht-Gläubige dürfen indirekt in den Genuss dieses Festes kommen und sei es nur durch die freien Tage. Der Handel steht still, Büros und Ämter sind geschlossen – wir dürfen innehalten.

Es stellt sich vehement die Frage nach der Sinnhaftigkeit dieser Feiertage. Anders als im Mittelalter ist die Zugehörigkeit wie auch die Hörigkeit zur Kirche nicht mehr der allein glücklich machende Weg für die Menschen. Der Mensch bekam das Buch zur Hand, die Übersetzung, konnte verstehen, wurde aufgeklärt, durfte selber denken und, ganz fatal, selber entscheiden, ob er mit oder ohne Kirche und Glauben leben will. Wir haben die Wahl – zu glauben oder auch nicht. Keine Wahl jedoch beim Feiertag, den dürfen wir, gewollt oder nicht, alle genießen. Hinzu kommt die Durchmischung der Nation mit Menschen aus aller Herren Länder und damit auch Religionen. Die werden schon gar nicht gefragt, ob sie diesen Feiertag brauchen oder gar feiern möchten. Und sicherlich hat der ein oder andere Statistiker großer Wirtschaftskonzerne ausgerechnet, welcher Gewinn zu erzielen wäre, würde man die lästigen Feiertage abschaffen.

Aber halten wir an – so einfach geht’s nicht. Der Mensch ist ein soziales Wesen und kann nur bestehen, wenn die Mischung zwischen Aktiv- und Ruhephasen ausgeglichen ist. Das erkannte man schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als die Industrialisierung die Menschen auszubeuten begann. Die Sozialgesetze stellten den Beginn in eine Arbeitswelt dar, die den Menschen entgegen kommt und gesundheitlich förderlich ist. Denn wir sind, zum Glück, keine Maschinen, die unentwegt produzieren und Leistung erbringen können. Den Gedanken sollten wir gerade heute wieder aufleben lassen. Zu sehr und an zu vielen Ecken wird gespart und reduziert.

Unabhängig davon, ob wir glauben oder nicht, brauchen wir Zeit für uns, unsere Familien und Freunde. Zeit um Luft zu holen. Zeit für Ruhe und schöne Dinge. Zeit zum Auftanken. Der Takt in den Familien geht immer schneller. Oft müssen Mutter wie Vater arbeiten um den Unterhalt für die Familie aufrecht zu erhalten. Die Kinder stecken zwischen Schule und Freizeitveranstaltungen fest. Es fehlt die Gemeinsamkeit.

Und letztendlich … wer will dem kleinen Knirps erklären, dass es den Osterhasen nicht gibt? Gehen wir einmal in einen Kindergarten, einen Hort oder ein Jugendhaus. Schauen wir uns an, mit welcher Hingabe selbst größere Kinder kleine bemalte Kunstwerke schaffen, Dekorationen basteln, Ostergrüße gestalten. Schauen wir in das Gesicht einer Großmutter, die ein kleines Ostergeschenk vom Enkelkind bekommt und sich freut. Überlegen wir einmal, wie gut es riecht, wenn wir  kurz davor sind den Osterbraten zu essen. Und auch, wie beruhigen sich die Kirchenglocken anhören, die zum Gottesdienst rufen. Es macht Sinn, wenn die Welt sich ab und zu besinnt. Denn letztendlich ist der stichhaltige Beweis, dass es den Osterhasen nicht gibt, nicht erbracht.

Leitartikel der Homepage des Stadtteilzentrum Steglitz e.V.
vom 21. April 2014

Frohe Ostern!

Wenn Elsa sprechen könnte …

Elsa, die Schaufensterpuppe

Sie steht immer in der gleichen Ecke. Viele Jahre schon. Von dort aus kann sie alles sehen und beobachten. Aber sie spricht nie ein Wort, gibt nie eine Antwort und hält sich mit unbequemen Kommentaren zurück. Sie kann fantastisch zuhören. Irgendwann einmal habe ich ihr mein Hochzeitskleid angezogen. Es steht ihr sehr gut. Dazu bekam sie einen Hut, einen Schal und mit der Zeit fand sich auch eine kleine Handtasche an. Ach ja, eine schöne Kette bekam sie auch noch. So sieht sie aus wie eine feine Dame. Ich habe sie Elsa genannt.

Elsa kam aus Köln. Außer dem weiß ich nichts über ihre Vorgeschichte. Ich denke aber, sie muss unwahrscheinlich viel gesehen haben. Tagsüber genauso wie nachts. Sie konnte die Menschen beobachten. Wie sie vorbeigingen. Wie die Menschen sie selber angesehen haben. Ob sie lachten, sie bewunderten oder gleichgültig ausgesehen haben. Oder einfach vorbeischauten und zu sehr mit sich selber beschäftigt waren. Eigentlich müsste sie ziemlich gut darin sein, Menschen einzuschätzen. Zu erkennen, was ihre Kleidung, ihr Gesichtsausdruck oder ihre Haltung verrät. Aber sie kann es mir nicht erzählen. Elsa spricht ja nicht.

Ich hingegen kann ihr alles erzählen. Sie wird es ja niemandem verraten. Ich kann mit ihr reden, wenn ich Sorgen habe, ihr erzählen was mich bewegt, was mich ärgert und was mich nervt. Schöner sind natürlich die Gelegenheiten, wenn ich ihr erzählen kann, worüber ich mich gefreut habe, wenn ich mich für jemanden gefreut habe. Etwas besonderes oder schönes erlebt habe oder wenn ich einfach nur glücklich bin. Sie weiß immer Bescheid, wenn ich krank bin. Das ist ja zum Glück nicht oft. Aber davon könnte sie sicherlich ein Lied singen, wie ich dann leide und unleidlich bin. Krank sein ist ja schließlich auch doof.

Elsa kann aus dem Fenster schauen und so sieht sie immer was draußen los ist. Sie sieht die Vögel auf den Bäumen des Nachbarn. Und kann erkennen, wenn sich die Katze anschleicht. Aber warnen kann sie die Vögel nicht. Die Jahreszeiten bekommt sie immer mit. Den dicksten Winter und beginnenden Frühling. Den blühenden Sommer und den schönen Herbst. Ich glaube, sie würde den Herbst sehr mögen, hat er doch die gleichen Farben wie ihr Kleid. Sie mag es sicherlich, wenn das Fenster offen steht. Dann kann sie die ganzen Geräusche aus der Nachbarschaft hören. Wenn die Kinder spielen, der Hund bellt, ein Rasen gemäht wird, wenn jemand im Sommer grillt oder wenn wir bis spät auf der Terrasse sitzen.

Was ich lese weiß sie auch. Ich sitze beim Lesen ihr gegenüber. So kann sie die Buchtitel erkennen. Aber ob sie weiß, wie gut oder schlecht die Bücher sind, kann ich nicht sagen. Vielleicht erkennt sie an meiner Mimik, ob es mir gefällt oder nicht. Oder sie denkt sich ihren Teil, wenn ich kein Ende finden kann beim Lesen.

Elsa ist so was wie eine ideale Freundin. Sie widerspricht nicht, redet mir nicht dazwischen, steht nicht in Konkurrenz zu mir und ist immer da. Ich kann mir immer einreden, dass sie mir in allem Recht gibt. Mich bestätigt und mich nie enttäuschen würde. Aber – sie spricht ja nicht.

Glücklicherweise habe ich Freunde, die sprechen, mich unterbrechen, widersprechen und auch sagen, dass ich unrecht habe. Freunde, die meine Sichtweisen korrigieren und mich in meinem Tuen fördern. Mit denen ich mich weiter entwickeln kann. Die ich in den Arm nehmen kann, die mit mir lachen, mit denen ich etwas erlebe und die mich durch die Zeit begleiten.

Durch die Zeit begleiten – genauso wie Elsa. Aber – Elsa hat noch einen zweiten Fehler außer dem Sprechen. Elsa ist kalt, lebt nicht … Elsa ist eine Schaufensterpuppe. Würden wir tatsächlich so jemanden um uns herum wollen? Der kritiklos alles gut findet, was wir tun? Jemanden, dem wir nicht das kleinste Geheimnis in uns verbergen könnten? Der alles mit uns teilt und nie widerspricht? Stellt euch vor … wenn Elsa sprechen könnte! Was würde sie wohl sagen?

 

Von Antworten und Fragen … und Papier!

Opened book with flying letters

 

Erst fand ich die Antworten – nicht meine  – seine – Zolaskis Antworten. So gut und spannend geschrieben … Chapeau! Darunter seine Fragen, jetzt meine Antworten! Und so geht’s weiter. Nach meinen Antworten, meine Fragen und was ich gerne, oft, begeistert, neugierig, interessiert lesen. Lust auf Antworten?

1. Frage – Wie kamst du zum Schreiben?

Dafür gab’s mehrere Gründe:

a. Die Liebe zum Papier – die lag wohl in den Genen. In der Familie hat jeder so ein künstlerisches Gen erwischt, vom Urgroßvater, Großvater, über die Mutter zu den fünf Kinder – mein Gen hieß „Papier“. Die Geschwister hatten „Stoff“, „Farbe/Bücher“, „Malerei“ und „Gold“ erwischt. Ich – Papier, Farbe, Schnipsel, Stifte, Schere … egal – Hauptsache etwas damit machen. Ein alter Otto-Katalog (gab’s vor Urzeiten noch) und eine Schere in der Hand, saß das Kind (ich) stundenlang unter dem Tisch und war in seiner Welt versunken. Hatte Zeit für Träume.

b. Die Erwachsenen – die beschlossen hatten, dass ich in die Schule gehen sollte. Ich lernte lesen und schreiben – eine neue Verwendung für Papier. Zu den Schnipseln kam Schrift hinzu – Botschaften, Nachrichten, Briefe, Tagebücher, Bücher. Eine Oma schrieb noch in Sütterlinschrift. Also lernte ich Sütterlin, damit die Oma meine Nachrichten auf Papier lesen konnte. Das waren so ziemlich meine ersten Briefe … ich schrieb immer viele, lange Briefe … auf schönem Papier.

c. Ein richtig doofer Deutschlehrer – der sich in der Oberstufe vor dem ganzen Kurs über meinen Rechtschreibfehler lustig machte. Megadoofes Papier – das Klausurpapier! Aber nichts ärgert mich mehr, als wenn jemand glaubt, dass ich etwas nicht kann … ich lernte weiter – viel Schreiben, wieder auf meinem schönen Papier. Der Beweis steht!

d. Eine kleine Zeitung – nach einer grafischen Ausbildung, vielen Werbeagenturen, Broschüren, Briefpapier, Prospekten, Karten uva. – konnte ich eine kleine Zeitung machen – musste schreiben, lesen, Manuskripte bearbeiten, ein Gefühl für Texte bekommen, viel computern – auf Zeitungspapier.

e. Mein Chef – der schafft es immer wieder mich neugierig zu machen … der bloggt. Ich musste wissen, was das ist, wie das geht. Und er sagte dann das „Mach doch einfach …!“ Da bin ich – selbst ohne Papier.

2. Frage – Gibt es für dich Vorbilder?

Viele …
– Menschen, bei denen ich merke, dass sie echte Wertschätzung anderen Menschen entgegenbringen, egal welchen Stand sie haben.
– Menschen, die Motivieren können.
– Menschen, die zuhören können, andere in ihren Stärken erkennen und fördern können.
– Menschen, die Macht oder Positionen haben, sie aber nicht zeigen müssen.
– Menschen, die echte Inhalte haben.
– Menschen, die ich mit einem guten Gefühl verlasse.
… keine Sorgen, solche Menschen gibt’s – viele!

3. Frage – Wie entstehen deine Texte?

Tja, wie? Ein Gedanke, ein Gespräch, eine Situation, ein Bauchgefühl … oft noch eine Runde mit dem Hund und dann runter geschrieben, ein paarmal lesen, ändern, korrigieren, durchdenken … mich wohlfühlen damit – dann steht’s.

4. Frage – Was bringt dich aus dem Konzept?

Ich mich selber, wenn ich zu viel auf einmal will.

5. Frage – Wen sollten andere noch kennenlernen?

Jeder sollte Menschen mit anderer Hautfarbe, anderer Nation, anderem Glauben, anderer Ansicht kennen- und schätzen lernen. Nur so lernt man Respekt, Anerkennung, Rücksichtnahme, Toleranz … der Anfang vom Weltfrieden – besser als jede Antikriegsdemonstration!

6. Frage – Warum ist schreiben wichtig?

Schreiben gehört zur Kommunikation, zum Austausch, zur Diskussion – ohne dem gibt es keinen Fortschritt. Und manchmal liegen die Wahrheiten einfach in den ganz alten Texten. Schreiben verbindet und bewahrt Gedanken für die Ewigkeit. Schreiben ist Kultur.

7. Frage – Welcher Satz umschreibt dich?

Haijaijai … pfff … schwer!
„Sie schaffte es in neugieriger, offener und trotzdem nachdenklicher Art, ihren Tag mit positiven Dingen füllend, Menschen bejahend immer wieder eine bemerkenswerte Geschichte zu finden.“

8. Frage – Welches Buch empfiehlst du für die Jackentasche?

„Die Kraft des Positiven Denkens“ – muss man nicht unbedingt lesen, nur den Titel verinnerlichen – funktioniert!

9. Frage – Du lädst zum Essen, Trinken, Philosophieren
was steht als Motto / Einladungsnotat auf der versendeten Karte?

„Kommt essen und redet!“ … Essen, Reden, Unterhaltung – gehört alles an/auf einen Tisch.

10. Frage – Füller oder Diktiergerät oder Bleistift / Warum?

Tastatur … geht schneller. Kuli auch – aber nur der jeweilige Lieblingskulli – schlecht für die Handschrift … hat der Opa gesagt. Füller und Bleistift für die besonderen Gelegenheiten, Papiere, Anlässe. Diktiergerät geht gar nicht – ich rede doch schon den ganzen Tag.

11. Frage – Vervollständige diesen Satz! Literatur ist …

Literatur ist … Leben … ist Faszination!

 

Faszination finde ich hier:

LandLebenBlog
– http://landlebenblog.org/
Sardines Welt
– http://sawio.wordpress.com/
Von Punkten und Rosinen
– http://withhonesty.wordpress.com/
Ralf Hauser – Coaching Blog
– http://ralfhauser.wordpress.com/
Sani Hachidori
– http://sanihachidori.wordpress.com/2014/03/31/testtag-3-lichtenauer-testwochen/
Frau neudecker
– http://frauneudeckerlerntendlichkochen.com/2014/03/31/die-uberraschung-des-tages/
Mampel’s Welt
– http://mampel.wordpress.com/2014/03/31/kartoffel-werden/
Tomsgedankenblog
– http://tomsgedankenblog.wordpress.com/
Aufgefrischt
– http://aufgefrischt.wordpress.com/2014/04/02/bevor-ich-den-stecker-aus-dem-router-ziehe/
Frau Anni
– http://frauanni.de/
Die Spaziergängerin
– http://www.diespaziergaengerin.com/


An euch oder wer mag die Fragen:

1. Frage – Was machst du mit Papier?
2. Frage – Was muss stimmen, damit du schreiben kannst?
3. Frage – Welche Bilder hast du im Kopf?
4. Frage – Was für eine Oma/Opa wirst du einmal werden?
5. Frage – Freiheit ist … ?
6. Frage – Dummheit bedeutet für mich … ?
7. Frage – Mit welchen berühmten Menschen möchtest du einen Tag verbringen und warum?
8. Frage – Worüber kannst du dich so richtig aufregen?
9. Frage – Was ist dein Anteil, die Welt in bisschen besser zu machen?
10. Frage – Was bleibt übrig, wenn man in 200 Jahren an dich denkt?
11. Frage – Was ist ein perfekter Tag für dich?

Einladung – leider nicht auf Papier:
11 x Antworten, den Ursprung verlinken, 11 Lieblingsblogs vorstellen, 11 Fragen stellen … los geht’s!

Viel Spaß! 🙂

Lebensphasen

lebensphasen

 

Jeder durchlebt sie, niemand kann sich davon ausnehmen – im Guten wie im Schlechten. Die Schlechten bleiben uns im Gedächtnis, die Guten werden uns erst bewusst, wenn sie vorbei sind. Lebensphasen begleiten uns bewusst oder unbewusst ständig. Sie sind eine nicht zu verachtende Quelle unserer Erfahrungen. Meiner Familie steht die nächste bevor – diesmal eine absehbare Lebensphase.

Ich bin verheiratet, seit fast 20 Jahren, auch eine Lebensphase. In kurzer Zeit geht mein Gatte in Pension. Nein, er ist noch nicht im üblichen Pensionsalter. In seinem Beruf geht er regulär mit 54 Jahren in den Ruhestand. Ich werde weiter arbeiten, noch 13 Jahre. Die Kinder leben noch im Haus, sind in der Schule oder am Beginn der beruflichen Wegfindung. Also haben wir demnächst eine Schülerin, eine Studentin, eine Berufstätige, einen Pensionär. Wir sind dann so in etwa der Bevölkerungsdurchschnitt in einer Familie.

Und natürlich kommen nun viel Gedanken auf, was diese nächste Phase für uns bedeuten wird. Klar ist, er ist kein Mensch von Langeweile und auch Interessen hat er ausreichend zur Verfügung. Sicherlich wird er es erst einmal genießen, wir werden unsere Späße damit machen und viele Möglichkeiten entdecken, die wir bisher nicht hatten. Klar ist auch – der Alltag wird wieder kommen. Dann muss es sich bewähren. Wir werden uns, wieder einmal, als Partner neu kennenlernen, werden unsere Bereiche neu ordnen, werden neue Rhythmen entwickeln und vieles wird möglich, was uns bisher aus Zeitgründen nicht gegeben war. Wir werden Vorteile gegen Nachteile abwägen und so den höchstmöglichen Gewinn daraus suchen.

Eine absehbare Lebensphase … wir konnten uns lange darauf (gedanklich) vorbereiten. Im Vorfeld darüber nachdenken, was alles sein könnte, auch wenn es dann sicherlich ganz anders wird. Eine Lebensphase, die wir gemeinsam erleben und gestalten werden. Eine Phase, die viele Chancen eröffnet. Wir sehen dem entspannt entgegen.

Die meisten Lebensphasen werden uns immer erst im Nachhinein bewusst. Mir jedenfalls. Bin ich Mitten in einer drin, realisiere ich es nicht als Phase. Dann sind es die momentanen Umstände, die mich beschäftigen, an denen ich arbeiten muss. Die Kindheit ist eine Lebensphase, die wir erst viele Jahre später realisieren und analysieren. Sie ist wohl eine der prägendsten für einen Menschen. Eine meiner Lebensphasen ist die der Mutter. Mutter sein ist natürlich keine Phase, aber die der aktiven, versorgenden Mutter. Auch da werde ich erst im Nachhinein feststellen und analysieren können, ob sie gut war, ob ich meinen „Job“ zufriedenstellend gelöst habe und meinen Kindern das nötige Rüstzeug für ihr Leben gegeben habe.

Viele Lebensphasen stehen im Kontext von Ereignissen oder Personen. Dennoch erleben wir sie meistens alleine und unbewusst. Manche Lebensphasen hinterlassen tiefe Spuren, manche geben die Möglichkeit lange davon zu profitieren. Natürlich ist es uns auch gegeben Lebensphasen bewusst zu beginnen und zu beenden. Wir entschließen uns zu etwas oder hören mit etwas gezielt auf. Letztendlich ist aber jede dieser Lebensphasen ein Gewinn. Die Kunst besteht allein darin herauszufinden, worin die Chance liegt. Welche Erfahrung, Richtungsänderung oder Vermeidungstaktik daraus gewonnen werden kann.

In der Summe meiner Lebensphasen liegt mein Grund, warum ich mit meinem Alter nicht hadere, sondern es genieße. Ich bin heute die Summe dessen was ich erlebt habe, der Lebensphasen, die ich gemeistert habe und das Resultat vieler Richtungsänderungen. Und wenn ich den Rückwärtsblick wieder nach vorne richte, weiß ich, dass es noch viele Phasen geben wird, von denen ich heute noch nicht einmal etwas weiß. Will ich auch gar nicht wissen … nur im Nachhinein staunen.

Hinter den Fenstern

Fenster

Im Dunkeln laufe ich gerne durch die Straßen. Besonders gerne, wenn es ruhig ist und noch lieber, wenn das Wetter schon ahnen lässt, dass es Frühling wird. Ich schaue mir gerne die beleuchteten Fenster an und stelle mir vor, was für Menschen dahinter wohnen könnten.

Es gibt so unterschiedliche Fenster. Manche sind hell erleuchtet, mit sittsamen Vorhängen geschmückt, große Leuchter hängen an der Decke. Dort stelle ich mir meistens ein Ehepaar in bestem Alter und geregelten Verhältnissen vor. Eher nichts besonderes, nichts Aufregendes. Manche Fenster sind so mit Blumen vollgestellt, dass dort bestimmt Menschen wohnen, die einen kleinen Schrebergarten haben. Oder ältere Menschen, die etwas brauchen um sich zu kümmern. Andere Fenster wieder lassen einen Blick auf viele Bücherwände zu. Dort wohnen sicherlich sehr kluge Leute. Hin und wieder entdecke ich Fenster, die irgendeinen Hochbau im Raum vermuten lassen. Dort stelle ich mir Familien vor, die nicht so viel Platz und mehrere Kinder haben. Manche Fenster haben das ganze Jahr über Lichterketten im Rahmen. Manche verraten den Fußball-Fanclub und einige verstecken sich hinter Wintergärten.

Es gibt aber auch oft Fenster, die kalt aussehen. Die Beleuchtung ist abweisend und nichts lässt darauf schließen, wer sich dahinter verbergen könnte. Manche haben gar keine Vorhänge oder halb herunter gelassene Jalousien, nichts deutet auf irgendetwas Individuelles hin. Bei solchen Fenstern habe ich keine Vorstellung, wer sich dahinter verbergen könnte. Aber ich denke oft, dass es wohl keine glücklichen Menschen sind, einsame oder auch kranke. So sehr manche Fenster träumen lassen, so sehr weisen andere Fenster den Betrachter ab.

Ich finde, die Fenster kann man mit den Menschen in dieser Stadt vergleichen. Es gibt so unglaublich viele. Und so unterschiedliche – Fenster und Menschen. Mehrere Millionen Menschen. Eine Zahl, die mir oft Angst macht. Die mir deutlich macht, dass ich nur einer von unglaublich vielen bin. Wenn ich die Zahl höre, frage ich mich oft, mit welchem Recht ich mich für einzigartig halte. Warum ich denke, mich gibt´s nur einmal. Warum ich erwarte von anderen gesehen und wahrgenommen zu werden. Warum ich meinen Lebensraum fordere und schütze. Ich überlege dann oft, wie andere mein „Fenster“ wahrnehmen, dass ich nach außen zu zeigen bereit bin.

Die Fenster gehören zur Fassade ebenso wie beim Menschen die Augen. Ich kann sie nach außen schmücken oder eben auch nicht. Wenn ich aber hinein schauen lasse, bestimme ich selber. Das hängt immer von außen ab – wie schön ist es außen, damit ich wie weit das Fenster oder den Blick hinein öffnen kann. Gilt auch für beide – Fenster wie Menschen.

Manch einer mag mich jetzt für neugierig halten, weil ich Fenster im Dunkeln anschaue. Nein, bin ich nicht. Ich interessiere mich für das, was um mich herum passiert, wer neben mir steht, wem ich begegne, wie er aussieht, was für einen Blick er mir gestattet. Denn so unterschiedlich wie die Fenster sind auch die Menschen hier, trotz der vielen Millionen. Ich wünschte, dass es ganz viele „Fenstergucker“ bei uns gibt. Menschen, die sich für die anderen Menschen interessieren. Versuchen in sie hinein zu blicken, versuchen sie zu verstehen.

Menschen sollten immer versuchen „Fenster“ zu öffnen.

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