Die Gedanken sind frei, …

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… wer kann sie erraten? 
Sie fliegen vorbei
wie nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wissen,
kein Jäger erschießen
mit Pulver und Blei.
Die Gedanken sind frei!

Dieses alte Volkslied, das etwa 1790 entstand, symbolisiert den Gedanken von Freiheit. Die Freiheit der Menschen, der Gedanken, der Meinungen. Menschen wollen frei sein und seit Jahrhunderten versuchen wir diese Freiheit gegen Machtverhältnisse, Religionen und Wirtschaftsverhältnisse zu erkämpfen. Freiheit ist immer dort in Gefahr, wo wenige Menschen über viele Menschen Macht bekommen wollen und einseitig ihre Meinung radikalisieren. Diese Freiheit muss wieder einen schrecklichen Angriff aushalten. Die Fassungslosigkeit lähmt, erschüttert und macht sprachlos …

Unser Respekt, unsere Hochachtung und unsere Anteilnahme gilt den Redakteuren von Charlie Hebdo. Sie wussten, was sie tun und welcher Gefahr sie ausgesetzt sind. Trotzdem haben sie sich nicht abschrecken lassen, ihrer Überzeugung mit jeder Ausgabe der Zeitung Ausdruck zu geben. Aber nicht einseitig, sondern in alle Richtungen. Mutige Männer und Frauen, die für freie Meinungsäußerung mit Satire gekämpft haben und damit allen Menschen symbolisch geholfen haben. Unter Tränen erklärt ein überlebender Redakteur, dass die nächste Ausgabe der Zeitung pünktlich erscheinen wird. Wie unglaublich wertvoll ist diese Überzeugung, wenn ein Mensch unter dieser Belastung solch eine Aussage trifft?

Meinungsfreiheit – ein Privileg, das längst nicht in allen Ländern der Welt gilt, wohl eher den wenigsten. Und wenn wir ehrlich sind, auch bei uns ist diese Meinungsfreiheit nicht 100 %ig gegeben. Kann sie ja auch nicht, weil sie schon im Kleinsten beginnt und nur funktioniert, wenn sich alle an Spielregeln halten. Ein Mensch, eine Meinung. Zwei Menschen, zwei Meinungen und schon fangen die Spielregeln an. Ist meine Meinung fundiert und berechtigt? Aus welchen Erfahrungen entspringt sie. Kann ich sie rational vertreten und gut argumentieren. Verletzt meine Meinung keine andere Person, schränkt sie niemanden ein, unterwirft sie niemanden, kann sie gegenüber anderen Meinungen Stand halten? Kann ich andere Meinungen bestehen lassen? Lasse ich mich auf andere Meinungen ein?

Eine Meinung kommt nie aus dem Nichts. Sie ist die Summe der Dinge, die wir erlebt haben, des Umfeldes in dem wir uns bewegen, der Vorlieben, die wir haben. Meinungen entstehen aus vielen Faktoren und dürfen gesagt werden – wenn sie respektvoll und friedlich vertreten werden. Aber freie Meinungsäußerung ist auch ein kostbares Gut mit dem wir verantwortungsvoll umgehen müssen. Und das gilt für alle – den einzelnen Menschen, die Presse und Vertreter im öffentlichen Raum. Die Verantwortung tragen diejenigen, die einen Blog schreiben und mit Worten öffentlich jonglieren. Menschen, die Bücher schreiben. Meinungen werden beeinflusst und gelenkt. Dürfen radikal, aber nicht erzwungen sein. Sie wollen bewegen und ändern. Ist eine Meinung, eine Ansicht stark genug, kann sie Kritik vertragen und hält dann auch Satire aus. Hält aus, dass sie hinterfragt und geprüft wird – egal von welcher Seite. Ist sie stark genug, setzt sie sich in Gedanken anderer fest und wird Bestand haben, sich entwickeln, bewegen.

Entscheidend in diesem Punkt ist auch das Menschenbild, das wir haben. Kann ich die Meinung eines Kindes neben meiner erwachsenen Meinung bestehen lassen? Kann ein Geselle eine Lehrlingsmeinung akzeptieren? Ein Lehrer, die eines Schülers oder der Chef die des Mitarbeiters? Kann ein Atheist die eines religiösen Menschen akzeptieren? Und schaffen sie es in einem friedlichen Austausch ihre Meinungen auf den Prüfstand zu stellen. Eine Meinung zu haben und zu vertreten ist ein Grundrecht der Menschlichkeit und darf niemanden verwehrt werden. Tun wir das, verwehren wir auch jeglichem Fortschritt die Möglichkeit der Entwicklung.

Meinungen können sehr weh tun und natürlich verletzen. Sie können unbequem sein. Wenn ich andere Meinungen zulasse, die nicht meiner entsprechen, mache ich mein eigenes Haus schwächer. Je nachdem, wie ich damit umgehe, kann ich daraus einen Fortschritt erzielen, den ich steuern kann oder ich unterdrücke es und werde dadurch immer brüchiger. Dennoch hat jegliche Entwicklung in der Geschichte der Menschen damit zu tun, dass Menschen andere Meinungen hatten und dafür Kriege geführt haben.

Meinungen zuzulassen und Gedanken laut äußern zu dürfen, sollte eine Errungenschaft einer zivilen Gesellschaft in der heutigen Zeit sein. Es kann und darf nicht sein, dass dies durch Waffen oder Angst einiger weniger zerstört wird. Es ist in Ordnung, wenn Menschen an Religionen glauben, wenn sie es für sich brauchen. Es ist in Ordnung, wenn Menschen nicht glauben, weil sie darin keinen Sinn sehen. Es muss erlaubt sein, dass beide Seiten darüber humorvoll streiten, wenn auch immer ein Kern Kritik dahinter steht. Aber es ist nicht in Ordnung, wenn das ein oder andere mit Waffen zerstört wird. Genauso wenig, wie es sein darf, dass eine fremde Auffassung als Grund für Terror missbraucht wird.

Sophie Scholl hat das Lied „Die Gedanken sind frei“ ihrem inhaftierten Vater vor den Gefängnismauern vorgespielt. Es war schon immer ein Lied für Freiheit, für freie Meinungen, gegen Terror … Ausdruck dafür, dass freie Gedanken nie verhindert werden können und sich letztlich durchsetzen … wir sollten es wieder öfter singen und dabei Zeichenstifte anspitzen.

Ich denke, was ich will 
und was mich beglücket, 
doch alles in der Still‘, 
und wie es sich schicket. 
Mein Wunsch und Begehren 
kann niemand verwehren, 
es bleibet dabei: 
Die Gedanken sind frei! 

Und sperrt man mich ein 
im finsteren Kerker, 
ich spotte der Pein 
und menschlicher Werke; 
denn meine Gedanken 
zerreißen die Schranken 
und Mauern entzwei: 
Die Gedanken sind frei! 

Drum will ich auf immer 
den Sorgen entsagen, 
und will mich auch nimmer 
mit Grillen mehr plagen. 
Man kann ja im Herzen 
stets lachen und scherzen 
und denken dabei: 
Die Gedanken sind frei!

Wenn Elsa sprechen könnte …

Elsa, die Schaufensterpuppe

Sie steht immer in der gleichen Ecke. Viele Jahre schon. Von dort aus kann sie alles sehen und beobachten. Aber sie spricht nie ein Wort, gibt nie eine Antwort und hält sich mit unbequemen Kommentaren zurück. Sie kann fantastisch zuhören. Irgendwann einmal habe ich ihr mein Hochzeitskleid angezogen. Es steht ihr sehr gut. Dazu bekam sie einen Hut, einen Schal und mit der Zeit fand sich auch eine kleine Handtasche an. Ach ja, eine schöne Kette bekam sie auch noch. So sieht sie aus wie eine feine Dame. Ich habe sie Elsa genannt.

Elsa kam aus Köln. Außer dem weiß ich nichts über ihre Vorgeschichte. Ich denke aber, sie muss unwahrscheinlich viel gesehen haben. Tagsüber genauso wie nachts. Sie konnte die Menschen beobachten. Wie sie vorbeigingen. Wie die Menschen sie selber angesehen haben. Ob sie lachten, sie bewunderten oder gleichgültig ausgesehen haben. Oder einfach vorbeischauten und zu sehr mit sich selber beschäftigt waren. Eigentlich müsste sie ziemlich gut darin sein, Menschen einzuschätzen. Zu erkennen, was ihre Kleidung, ihr Gesichtsausdruck oder ihre Haltung verrät. Aber sie kann es mir nicht erzählen. Elsa spricht ja nicht.

Ich hingegen kann ihr alles erzählen. Sie wird es ja niemandem verraten. Ich kann mit ihr reden, wenn ich Sorgen habe, ihr erzählen was mich bewegt, was mich ärgert und was mich nervt. Schöner sind natürlich die Gelegenheiten, wenn ich ihr erzählen kann, worüber ich mich gefreut habe, wenn ich mich für jemanden gefreut habe. Etwas besonderes oder schönes erlebt habe oder wenn ich einfach nur glücklich bin. Sie weiß immer Bescheid, wenn ich krank bin. Das ist ja zum Glück nicht oft. Aber davon könnte sie sicherlich ein Lied singen, wie ich dann leide und unleidlich bin. Krank sein ist ja schließlich auch doof.

Elsa kann aus dem Fenster schauen und so sieht sie immer was draußen los ist. Sie sieht die Vögel auf den Bäumen des Nachbarn. Und kann erkennen, wenn sich die Katze anschleicht. Aber warnen kann sie die Vögel nicht. Die Jahreszeiten bekommt sie immer mit. Den dicksten Winter und beginnenden Frühling. Den blühenden Sommer und den schönen Herbst. Ich glaube, sie würde den Herbst sehr mögen, hat er doch die gleichen Farben wie ihr Kleid. Sie mag es sicherlich, wenn das Fenster offen steht. Dann kann sie die ganzen Geräusche aus der Nachbarschaft hören. Wenn die Kinder spielen, der Hund bellt, ein Rasen gemäht wird, wenn jemand im Sommer grillt oder wenn wir bis spät auf der Terrasse sitzen.

Was ich lese weiß sie auch. Ich sitze beim Lesen ihr gegenüber. So kann sie die Buchtitel erkennen. Aber ob sie weiß, wie gut oder schlecht die Bücher sind, kann ich nicht sagen. Vielleicht erkennt sie an meiner Mimik, ob es mir gefällt oder nicht. Oder sie denkt sich ihren Teil, wenn ich kein Ende finden kann beim Lesen.

Elsa ist so was wie eine ideale Freundin. Sie widerspricht nicht, redet mir nicht dazwischen, steht nicht in Konkurrenz zu mir und ist immer da. Ich kann mir immer einreden, dass sie mir in allem Recht gibt. Mich bestätigt und mich nie enttäuschen würde. Aber – sie spricht ja nicht.

Glücklicherweise habe ich Freunde, die sprechen, mich unterbrechen, widersprechen und auch sagen, dass ich unrecht habe. Freunde, die meine Sichtweisen korrigieren und mich in meinem Tuen fördern. Mit denen ich mich weiter entwickeln kann. Die ich in den Arm nehmen kann, die mit mir lachen, mit denen ich etwas erlebe und die mich durch die Zeit begleiten.

Durch die Zeit begleiten – genauso wie Elsa. Aber – Elsa hat noch einen zweiten Fehler außer dem Sprechen. Elsa ist kalt, lebt nicht … Elsa ist eine Schaufensterpuppe. Würden wir tatsächlich so jemanden um uns herum wollen? Der kritiklos alles gut findet, was wir tun? Jemanden, dem wir nicht das kleinste Geheimnis in uns verbergen könnten? Der alles mit uns teilt und nie widerspricht? Stellt euch vor … wenn Elsa sprechen könnte! Was würde sie wohl sagen?