Das Gute-Laune-Regenalbum

Das kennt sicherlich jeder … man möchte das Haus verlassen, aber der Himmel verspricht nicht gerade das beste Wetter. Also nehmen wir einen Schirm mit, sicher ist sicher. Und als hätte man es geahnt, trägt man den lästigen Schirm den ganzen Tag mit sich herum ohne ihn einmal benutzen zu müssen. Umgekehrt klappt´s garantiert nicht! Kein Schirm bedeutet fast sicher Regen und klatschnasse Klamotten.

Tja, aber raus müssen wir dann doch und so habe ich mir vor einiger Zeit bei einem unvermeidlichen Spaziergang mit meinem Hund einmal überlegt, dass so ein Regenspaziergang durchaus auch viele Vorteile hat. Seitdem ich das Regenalbum habe, muss ich meistens grinsen, wenn ich wieder durch die dicken Regenwolken laufe und überlege mir neue Vorteile. … Und wer weiß – wenn ich jetzt mitten im Sommer ein Regenalbum mit Vorteilen des Ganzen hier vorstelle, vielleicht ergibt sich ja der gleiche Effekt, wie mit dem umsonst mitgenommenem Regenschirm! 🙂

Vorteil Nr 1: Berlin bietet ausreichend Wasserwege und Bademöglichkeiten! 

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Vorteil 2: Alle Wege sind frei – Spaziergänger, Kamikaze-Radfahrer und Hundebesitzer stören sich nicht gegenseitig!

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Vorteil 3: Der Kanal führt ausreichend Wasser – kein Boot muss befürchten auf Grund zu laufen!

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Vorteil 4: Man besinnt sich einmal wieder darauf, welch eine beschützende Wirkung ein schöner dicker Baum als Regenschutz haben kann!

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Vorteil 5: Mein Hund findet überall saftiges frisches grünes Gras! 

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Vorteil 6: Eddi (der Hund) hat die ganze Wiese für sich alleine! Keine Sonnenanbeter in Sicht, die ihn zur Rücksichtnahme zwingen!

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Vorteil 7: Man kann entdecken, dass die Natur durchaus literarische Ausflüge zu bieten hat!

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P.S.: Ich schwöre, dass ich die oberste Inschrift nicht verursacht habe! (Der Gatte heißt Hannes)

Vorteil 8: Auch philosophische Abhandlungen lassen sich finden! 

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Vorteil 9: Natürliche Wasserquellen entstehen! 

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Vorteil 10: In Wirklichkeit bin ich nicht allein – es gibt tatsächlich Menschen, die sich bei dem Wetter unter einen Baum setzen und ausruhen!

(Die Dame sitzt tatsächlich jeden Tag unter diesem Baum)

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Vorteil 11: Wie im Menschenreich kann man entdecken, dass auch die Natur Netzwerke schafft!

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Vorteil 12: Niemand macht mir den Platz auf dem Bänkle streitig!

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Vorteil 13: Während ich auf´s nächste Regenloch warte, kann ich mir überlegen, welche Geschichte dieser Baum erzählen könnte!

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Vorteil 14: Ich entdecke, dass es Lebewesen gibt, die bei diesem Wetter besonders gut gedeihen!

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Vorteil 15: Endlich ist mal Zeit nach einem saftigen vierblättrigen Kleeblatt zu suchen!

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Vorteil 16: Müll wandert gewaschen in die Mülltonne!

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Vorteil 17: Man lernt Farben, die von Grau abweichen, wieder besonders zu schätzen!

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Vorteil 18: Es findet sich überall ein Spiegel – keine Ausreden mehr, dass die Frisur nicht sitzt!

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Vielleicht gibt´s ja noch mehr Ideen, die man hier ergänzen kann … mir reicht es schon, damit ich – zwar nicht begeistert – aber doch gelassener durch die Pfützen laufe. Und seien wir ehrlich … mit guten Gummistiefeln in tiefe Pfützen zu treten, macht auch Erwachsenen noch richtig viel Spaß!

Sonnige Grüße! 🙂

Früher war alles viel besser!

Foto: © S.Kobold - Fotolia.com

Foto: © S.Kobold – Fotolia.com

Es gibt Sätze, die sind so nützlich wie ein Kühlschrank in der Antarktis oder wie ein Solarium in der Sahara. Generationen von Kindern und Jugendlichen regen sich über sie auf oder lassen sie mit stoischer Gelassenheit über sich ergehen, um sie dann Jahre später ihrem eigenen  Nachwuchs zu präsentieren. Nämlich immer dann, wenn man nicht weiter weiß oder eben keine Lust hat mit den Jüngeren zu diskutieren.

„So lange du deine Füße unter meinen Tisch stellst …“, „Muss ich dir alles dreimal sagen.“, „Als ich in deinem Alter war … “ sind solche Sätze. Und trotz aller moderner Erziehungsmethoden, denn wir wollen ja heute unserem Nachwuchs auf Augenhöhe begegnen, muss der ehrliche Erziehungsberechtigte zugeben, dass er diese Sätze so oder in ähnlicher Form schon verwendet hat. Immer dann, wenn der Nachwuchs unbequem wird, einem die eigenen Argumente ausgehen oder man einfach zu müde ist den pfiffigen Kleinen schlagfertig zu begegnen.

Ein anderes Beispiel: Ich gehe mit meinem Hund spazieren. Mein Hund hat heute besonders gute Laune und hüpft auf den nächsten Jogger zu, um zu signalisieren, dass er das Spiel versteht. Der Jogger aber nicht und mein schnell gerufenes „Der tut nichts!“ ist bei einem Hund von 40 cm Schulterhöhe weder beruhigend noch hilfreich oder nützlich. Es ist grottenunnötig und hilft weder dem armen Jogger, noch beruhigt es meinen Hund.

Aber es gibt noch so einen Satz. Der ist alters- und situationsunabhängig und für mich der schlimmste Satz, den man in einem Gespräch äußern kann. „Früher war alles viel besser!“ Bei diesem Satz friert in mir alles ein und ich könnte Ausschlag bekommen. Er tötet sämtliche kommunikativen Zellen in mir und lässt mich in einer Schockstarre verharren, aus der ich mich nur schwer lösen kann. „Früher war alles viel besser“ ist nicht nur grottenunnötig, sondern einfach komplett unwahr!

„Früher war alles viel besser!“ ist für mich das deutlichste Zeichen, dass mein Gegenüber vollkommen frustriert ist. Aber nicht nur das. Es signalisiert ebenso, dass er keine Lust hat mit der aktuellen Zeit mitzugehen, die Zeichen und Entwicklungen der Gegenwart versteht oder Lust hat sich damit auseinanderzusetzen. Früher war nichts besser, es war alles nur anders. Früher hatten wir Krieg – das kann keiner für besser halten. Früher hatten wir Leibeigenschaft – wünscht sich nicht wirklich jemand, oder? Früher hatten wir keine Möglichkeit, zu erfahren, was in der Welt los ist – muss recht langweilig gewesen sein. Früher hatten wir medizinische Methoden, bei denen mir schlecht wird, wenn ich daran denke – auch nicht erstrebenswert. Früher kam auf den Tisch, was der Garten zu bieten hatte – keine Bananen, Kiwis, Paprika, Kartoffeln, exotische Gewürze. Endlos, die Liste der Dinge, die früher nicht besser waren.

Besonders heftig wird mein Ausschlag bei diesem Satz, wenn er in Bezug auf die heutige Jugend geäußert wird. „Die Jugendlichen von früher …“, fängt er dann meistens an. Nein, die waren auch nicht viel besser. Die waren genauso, wie die Jugend von heute – frei, neugierig und von einem immensem Drang besessen, sich von den Älteren abzugrenzen. Heute wie damals. Nur kannten die Jugendlichen in der beginnenden Beatleszeit noch keine Handys, hatten keine Möglichkeit sich über das Internet ihre Musik anzuhören oder im Fernsehen Lieblingsfilme dreimal hintereinander anzusehen. Was hätten die Beatles oder ABBA wohl für „Like“-Zahlen oder YouTube-Klicks zustande gebracht.

„Früher war alles viel besser!“ ist für mich der hilflose Versuch, sich Respekt zu verschaffen, weil man ja eine gewisse Altersweisheit oder einen Erfahrungsvorsprung simuliert. In Wirklichkeit zeigt er mir aber die Unlust meines Gegenübers, sich mit der aktuellen Situation auseinanderzusetzen bzw. eine Zukunftsperspektive aufzubauen. Es stellt die vergebliche Mühe dar, sich in eine vergangene Wunschwelt zu flüchten, die bei näherem Hinsehen gar nicht so erstrebenswert wäre. Denn eins bleibt für immer unbestritten …

„Wir können die Zeit nicht zurückdrehen!“ – Ja … noch so ein Satz. Nein, können wir nicht, aber immerhin zeigt er, wenn auch widerwillig, die Bereitschaft meines Gegenübers sich mit dem Hier und Jetzt auseinander zu setzten. Wenn’s denn sein muss.

Früher habe ich mich über diese leeren Sätze einfach nur geärgert und nicht darüber geschrieben und mir Luft gemacht. Das war auch nicht viel besser. Aber auch ich kann die Zeit nicht zurückdrehen und beobachte weiter, wo mir solche leeren Sätze noch so begegnen. Immer mit einem schmunzelnden Auge, denn manchmal, ja manchmal bin ich auch zu faul, mich ihrer nicht zu bedienen. 🙂

Liebe mit 70+

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Mohnblumenfeld in Spanien

Die Liebesgeschichte begann eigentlich mit einer Trennung, wenn auch noch Jahre vergehen mussten, bevor sie begann. Nach 40 Jahren Ehe verstarb der Ehemann und die Frau, die nie alleine gewesen war, war erstmalig alleine für ihr Leben verantwortlich. Witwe mit 58 Jahren. Das erste Kind hatte sie mit 17 Jahren bekommen, eine Kinderhochzeit zur damaligen Zeit. Vier Jahre vor der Volljährigkeit war sie verheiratet und sozusagen vom Kinderzimmer direkt in die Obhut des Ehemanns gegangen. Es war eine gute Ehe mit vielen Höhen und Tiefen. Sie wurde geschlossen aus der Verpflichtung des Kindes wegen, war aber keine Liebesheirat. Am Ende standen Vertrauen, Respekt und Wertschätzung zwischen ihnen, ganz andere Werte und fünf erwachsene Kinder sowie eine gemeinsame Lebensleistung. 

Als junges Mädchen hatte sie in Sachen Liebe ein Schlüsselerlebnis. Die Damenschneider-Werkstatt in der sie lernte, bekam hin und wieder Besuch von einer Kundin. Sie kam immer in Begleitung ihres Partners oder Ehemanns. Während der Anprobe kokettierte die Dame mit ihren üppigen Rundungen, was dem Partner offensichtlich sehr gut gefiel. Er schwärmte immer davon, wie gut sie doch aussehe. So stellte sie sich die Liebe vor, in der man noch im Alter eine Begeisterung füreinander empfindet. Diese beiden waren später die einzigen, die ihr zu der frühen Schwangerschaft gratulierten.

Sie war Witwe – das erste Mal, dass sie selber, ohne Absprache, bestimmen konnte, wie sie ihren Lebensraum gestalten will. Einen neuen Partner wollte sie in keinem Fall. Sie wollte die Freiheit genießen und sich mit Dingen beschäftigen, die ihr selber wichtig waren. Sie wollte unabhängig ihre Tage gestalten, Reisen unternehmen, Freunde besuchen, selber entscheiden, welchen Film sie anschaute und einfach nur für sich sein. Das hatte sie vorher nie gehabt. Auch das fünfte Kind zog irgendwann aus und begann seinen eigenen Weg. Dann schließlich kamen die Tage, an denen sie alleine am Frühstückstisch saß, die Wochenenden, an denen keiner vorbeikam und Stunden, in denen sie mit niemandem sprach.

Sie begann Annoncen zu lesen, Zeit war ja da, und studierte die Partnerschaftsgesuche. Also doch? Nun ja, erst mal lesen bedeutet ja nichts, ganz unverbindlich einfach mal interessieren und schauen, ob nicht doch jemand Interessantes zu finden ist. Natürlich wurde sie fündig, denn eine Anzeige gefiel ihr recht gut. Es stellte sich jedoch schnell heraus, dass es sich dabei um eine Fangannonce einer Partneragentur handelte. Dennoch traf sie sich mit ein paar Herren, doch das Ergebnis war sehr ernüchternd. Der eine Herr suchte Gesellschaft, ein anderer wollte seine Porno-Sammlung vorstellen. Ein dritter wollte mit ihr nach Australien ausreisen, lebte selber aber schon im Seniorenheim. Ein weiterer hatte im Hinterkopf, seine Pflege für die beginnende Demenz zu sichern. Allen gemeinsam war der Wunsch ihre Lebensgeschichte zu erzählen, es gibt doch so viele einsame Menschen, aber ein so richtig interessanter Mann war für sie nicht dabei. Also lies sie es sein, das Leben konnte sie besser alleine gestalten.

Erstmal! Denn irgendwann saß sie wieder alleine beim Sonntagsfrühstück. Lass die Zeitung und landete doch wieder auf der Partnerseite. Dort lass sie eine außergewöhnliche Anzeige: Ein Glückssucher versprach kein Holzbein, keine Glatze und keine feuchten Hände zu haben. Fragte, wer Mut hätte zu schreiben. Den hatte sie, denn hier fand sie einen mit Humor. Um ein Foto bat er, dass er auch zurückschicken würde. Aussehen, Nationalität, Figur wären sekundär. Als Bild musste ein Passbildautomatenfoto reichen und schreiben konnte sie. So war die Antwort bald fertig und machte sich auf den Weg nach Spanien.

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Ihre Offenheit war es, die ihn wiederum antworten lies. Unter 436 Antworten auf seine Anzeige (man stelle sich den armen Briefträger des kleinen spanischen Ortes vor), war ihr Brief aufgefallen, der vielem entsprach, was er selber empfand. Und damit begann ein reger Briefwechsel. Die erwachsenen Kinder merkten natürlich eins nach dem anderen, dass sie sich veränderte. Die Laune war eine andere, das Lachen zog wieder in ihr Leben ein, die Fröhlichkeit wurde Begleiter. Alarmglocken klingelten bei allen Kindern, als sie nach zwei Brief wechselnden Monaten erzählte, dass er sich auf den Weg von 1600 km machen würde um sie kennenzulernen. Die zaghafte Frage, nach der Unterbringung des Mannes, beantwortet sie einfach: Sie hatten kein Hotel gebucht, er könne ihr gleich an der Haustür sagen, ob sie ihm gefiele oder nicht. Er blieb – für 14 Tag. Verließ für eine kurze Reise das Haus um nach weiteren 14 Tagen wieder da zu sein. Dann reiste sie – 1600 km zu ihm nach Spanien.

Das passierte vor fünf Jahren. Bis heute sind sie ein Paar – ein Liebespaar 70+. Die Kinder mussten sich daran gewöhnen, doch er machte es ihnen leicht ihn zu mögen. Dies war eine ganz andere Geschichte als die Geschichte mit ihrem Vater. Er tat nicht so, als hätte er kein Leben vorher gehabt. Seine frühere Ehe war glücklich, aber er sei nicht zum alleine leben geschaffen. Trotzdem war es teilweise schwer für die Kinder sich, ungeachtet des Erwachsenseins, daran gewöhnen zu müssen, dass die Mutter nun einen anderen Fokus hatte und das elterliche Haus nicht mehr das Haus von früher war. Mancher Unmut musste besprochen und behoben werden. Letztendlich aber zählt etwas ganz anderes. Sie ist glücklich, sie ist gesund, sie erlebt an seiner Seite Dinge, die alleine nicht möglich gewesen wären.

Sie sagt dazu, dass diese Liebe im Alter etwas Besonderes und Schönes sei. Beide müssen sich gegenseitig nichts mehr beweisen. Akzeptieren den Partner so, wie er nun mal ist – mit all seinen Ecken und Kanten. Mit 70 kann man niemanden mehr verbiegen und Kompromisse müssen geschlossen werden. Die grauen Haare, die Falten und der Bauch gehört ebenso dazu, wie die kleinen Macken, deren einzige Berechtigung das Alter ist. Aber, sagt sie, man muss sich auch selbst akzeptieren, so wie man ist, und wenn man den Jugendwahn die kalte Schulter zeigt, lässt sich manche Unebenheit durch hübsche Kleidung kaschieren. Und beobachtet sie ältere Paare, in den Straßen oder Kaffees, wenn sie sich unterhalten, dann wirken sie immer lebendig und vermitteln das Gefühl, sich noch etwas zu sagen zu haben.

So wie damals das Paar in der Damenschneider-Werkstatt, faszinierten sie auch immer schon die Gesichter und Hände älterer Menschen aus denen man viel lesen kann. Wenn diese älteren Menschen das Glück haben, jemanden lieben zu können, sie den Geruch des anderen wahrnehmen, den Kopf an den anderen anlehnen können oder beim Aufwachen dessen Hand spüren, gibt es dafür keinen anderen Namen als „Glück“. Diese Liebe und das Leben mit ihr – wird wertvoll durch Lob, Verständnis, Anerkennung und Dankbarkeit. Das jugendliche Schlüsselerlebnis wurde wahr.

Einzig eine Sorge begleitet diese Liebe im hohen Alter: Wie sieht die nächste Trennung aus? Wer bleibt, wer muss als erster gehen!

Plötzlich ist alles ganz anders

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In dem einen Moment genießen wir es alle – endlich ist Sommer und die Sonne scheint. Gut, es ist vielleicht schon wieder ein bisschen zu warm, aber seien wir ehrlich. Besser als mit dicken Mänteln und roter Nase über Glatteis laufen, ist das Wetter gerade allemal. Wir genießen die Parks, die Gärten, die Blumen und die Möglichkeit sämtliche Freiräume zu nutzen, die sich uns bieten. Wir genießen das Leben in vollen Zügen. Dann kommt plötzlich ein Anruf und alles ist anders.

Eine Nachricht, dass die Mutter, Schwiegermutter und Oma im Krankenhaus liegt. Die Familie bricht sofort alles ab, was im Moment vonstattengeht und orientiert sich von jetzt auf gleich neu. Man setzt sich ins Auto, fährt zum Krankenhaus mit der bangen Hoffnung, dass es nicht so schlimm sein wird, wie man … nein, wie man sich eigentlich nicht denken möchte. Die erste Einschätzung vom Arzt wird eröffnet und dann heißt es abwarten, wie es sich entwickelt. Was kommt am nächsten Tag? Was wird sein, wenn alle Ergebnisse der Untersuchungen vorliegen? Wie sieht die Zukunft aus?

Das ist eine Situation, wie sie jeden Tag geschieht, die wir aber eigentlich nicht wahrhaben wollen. Wir sind froh, wenn sie uns selber nicht trifft. Man hört davon immer wieder von Verwandten, von Nachbarn, von Kollegen oder Freunden von Freunden. Plötzliche Krankheitsfälle oder Unfälle, die dem Leben von einer Minute auf die andere eine völlig andere Richtung geben. Wollen wir auch nicht hören. Wir sind ja gesund und es geht uns gut. Was auch immer so bleiben sollte – hoffen wir.

Nach der ersten Prognose des Arztes kommt die Ernüchterung und es beginnen die Gedankenspiele, was wird wenn dies oder jenes passiert. Spekulationen kreisen im Kopf, aber ein richtiges und befriedigendes Ergebnis kann es nicht geben, denn es ist ja nichts mehr sicher und fest. Und – es wird nie mehr, wie es einmal war. Die einzige Sicherheit.

Die Angehörigen müssen nun warten, gezwungenermaßen. Wie gestaltet sich der Krankheitsverlauf? Mit welchen Einschränkungen ist zu rechnen? Ist eine vollständige Gesundung überhaupt möglich? Jeder verarbeitet für sich selber, auf seine Weise. Hat Bilder im Kopf, erinnert sich an Situationen und versucht seiner Angst Herr zu werden. Gut, wenn man sich austauschen kann. Wenn man gemeinsam verarbeitet, die Situation bespricht und notwendige Schritte plant.

Wenn man denn planen kann! Allzu oft stellen Angehörige in genau solch einer Situation fest, dass sie gar nichts planen dürfen. Das sie nicht entscheiden können. Keinerlei Rechte haben einzugreifen und dem Angehörigen nach ihrem Verständnis unterstützen dürfen. Es fehlen die notwendigen Papiere, Unterlagen, Verfügungen und Vollmachten. Man weiß vielleicht genau, was sich der kranke oder verletzte Angehörige gewünscht hat, dennoch gibt es keine Möglichkeit, dies geltend zu machen, wenn zeitige Vorsorge nicht getroffen wurde. Ein gerichtlich bestellter Vormund wird benannt und Angehörige können nur hoffen, dass er die Lage des Patienten einvernehmlich einschätzt und handelt.

Es tut weh, sich vorzustellen was wird, wenn man selber einmal schwer krank oder so verletzt ist, dass man nicht mehr für sich selber entscheiden kann. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass genau dieser Fall eintritt ist enorm hoch. Selbst wenn wir Glück haben, nicht schwer krank werden, keinen Unfall erleben, sondern einfach nur alt werden – irgendwann kommt der Moment indem wir nicht mehr selber entscheiden können. So gilt es vorzusorgen, wenn wir gesund und im Vollbesitz unserer geistigen Kräfte sind. Und dies nicht nur für uns selber, sondern und insbesondere als Entlastung für unsere Angehörigen. Ja, es tut weh, sich diesen schlimmsten Fall der Fälle vorzustellen und entsprechende Papiere vorzubereiten, aber – genau diese Vorbereitung gibt die beruhigende Sicherheit, dass im schlimmsten Fall das getan wird, was wir selber verfügt haben. Das unseren Wünschen Rechnung getragen werden muss und die Menschen, denen wir vertrauen, auch ein Auge darauf haben, dass unsere Verfügungen umgesetzt werden.

Zu nennen sind hierbei die Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung, Betreuungsverfügung, Bankvollmachten und ggf. eine Generalvollmacht. Papiere, die eine vertraute Person in die Lage versetzen, unseren bestimmten Willen durchzusetzen. Zudem ersparen wir der Person unseres Vertrauens viele unangenehme Wege und Erklärungen. Die Rechtslage ist klar. Gibt es keine Papiere, gibt es für Angehörige nichts zu tun, außer die Dinge als Zuschauer zu beobachten und hinzunehmen oder einen unangenehmen und schwierigen Instanzenweg zu durchlaufen.

Besondere Vorsicht ist dabei denen zu raten, die glauben, dies gilt nur für erwachsene Kinder und deren Eltern im Seniorenalter. Ehepartner sind genauso betroffen, wie Paare mit Kindern. Lebensgemeinschaften haben wiederum besondere Regelungen, genauso wie Geschwister untereinander. Es gibt ausnahmslos niemanden, der keiner Vorsorge bedarf, was im Fall der Fälle mit ihm geschehen soll. Oder besser noch, was eben nicht mit uns geschehen soll. Wer denkt schon als junge Mutter oder Vater gerne daran, was passiert, wenn beiden Elternteilen ein Unglück geschieht. Haben Sie festgelegt, wer das Sorgerecht und das Aufenthaltsbestimmungsrecht für die Kinder bekommt? Wollen Sie die Entscheidung treffen und festlegen oder überlassen Sie diese den Ämtern, die keinen Einblick haben, wie die familiäre Konstellation wirklich ist? Wem die Kinder vertrauen oder bei wem Sie denken, dass sie in ihrem Sinne weiter erzogen werden könnten. Wer, wenn nicht Sie selber, kann am besten beurteilen, wie der Fall der Fälle in ihrem Sinne geregelt werden sollte.

Informationen dazu findet man an vielen Stellen. Man kann viel Geld dafür ausgeben oder sich an soziale Verbände wie die Caritas oder in Berlin z.B. an die Bezirksämter wenden, die solide Informationen und Hilfe geben können. Bei den Bezirksämtern wird eine Gebühr von 10 € für die Beglaubigung erhoben.

Im Eingangs beschriebenen Fall der Großmutter wurden alle erforderlichen Verfügungen rechtzeitig getroffen. Und so ungewiss die Situation sein mag, ist es beruhigend, dass die Familie aktiv teilhaben, begleiten und entscheiden kann, wie auch immer der Genesungsverlauf aussehen wird. Die Aufmerksamkeit gilt allein dem Patienten und nicht irgendwelchen Formularen, für die man doch keinen Kopf frei hat.

Das Gespräch zwischen Jung und Alt

Foto: Günther Kloppert

Foto: Günther Kloppert

An einem See steht eine Bank, drumherum liegen grüne Wiesen und ein Wäldchen in der Nähe. Dahinter ein Tennisplatz, von dem immer wieder die gleichen Geräusche zu hören sind – plog, plog, … plog. Etwas weiter entfernt spaziert ein Pärchen mit einem Hund, dem sie Stöcke zuwerfen und auf dem See schwimmt eine junge Entenfamilie. Es ist später Nachmittag und die Luft noch mild.

Auf der Bank sitzt ein alter Mann. Er denkt über eine Begebenheit nach, die er gerade erlebt hat und die ihm sehr nahe geht. Was um ihn herum passiert bekommt er eigentlich nicht mit. So vergeht eine Weile bis ein zweiter Mann, ein jüngerer, kommt und sich neben ihn auf die Bank setzt. Natürlich mit einem kleinen Abstand, nur nicht zu nah. Sie sprechen nicht, bemerken einander kaum und grübeln. Von weitem ist eine Radfahrerin zu sehen und das Pärchen mit dem Hund verschwindet aus dem Blickfeld. Sonst passiert nichts außer dem Geräusch vom Tennisplatz.

„Warum haben sie das gesagt?“, fragt der junge Mann mit einem Mal laut, grübelt und sagt nichts weiter. – Der Ältere stutzt und überlegt: Tja, warum haben sie das gesagt. Es soll ein Fest geben, aber sie wollen ihn nicht mehr dabei haben. Er sei zu alt und es wäre zu anstrengend für ihn. Wann ist man zu alt um nicht mehr dabei sein zu können? Wann ist man zu alt um nicht mal zu den Gesprächen etwas beizutragen zu können? – Der junge Mann denkt über seine Situation nach, die er erlebt hatte und die auch seine Gedankenwelt durcheinander brachte. Er bekam zu hören, er sei zu jung. Die anderen wollten eine Aktion planen, aber er könne noch nicht mithelfen. Er hätte noch keine Erfahrung mit so etwas und könne nicht mitreden. – Beide können nicht verstehen, dass sie bei etwas nicht dabei sein sollen, weil sie entweder zu jung oder zu alt sind.

„Wieso tun sie das nur“, fragt nun der alte Mann laut. Und der Junge überlegt, dass das eigentlich seine Frage ist und sagt: „Das frag´ ich mich auch gerade.“ – Wieso tun sie so etwas einfach und merken nicht, wie es ihn verletzt. Er wollte doch zeigen, dass er sich vorbereitet hat und durchaus etwas zu sagen hätte. Dass er neue Ideen entworfen hatte, die das Ganze bereichert hätten. Der Alte nimmt kaum wahr, was der andere gesagt hatte, kämpft mit sich und den Gefühlen, weil auch er nicht versteht, wie man einem anderen so weh tun kann. Er könnte noch so viele Geschichten und Erinnerungen erzählen, die sie doch gar nicht kennen.

„Warum sind sie so?“, sagt jetzt der Junge, der die anderen doch eigentlich sehr mochte. Sie als Vorbilder sah, sich bewähren wollte, sein wollte wie sie. Hatte er sich doch getäuscht und sie für mehr gehalten als sie eigentlich sind? – „Ja, warum sind sie so geworden“, sagt der Alte, und glaubt, dass sie früher nicht so waren. Kommt es ihm so vor, weil er alt ist oder waren sie immer schon so? Beide kommen sich mit einem Mal so alleine und ausgeschlossen vor.

„Was soll ich denn nun tun“, überlegt dann der alte Mann laut. Der Junge schaut ihn kurz von der Seite an und sagt: „Gute Frage, alter Mann.“ Und wieder verharren beide in ihren Gedanken. Man hört nichts als die eintönigen Geräusche vom Tennisplatz … das Spiel müsste bald zu Ende sei. Zwei junge Frauen laufen vorbei, grüßen kurz „Guten Abend!“ und laufen schwatzend weiter. Eine zweite Entenfamilie schwimmt über den See. Die Sonne senkt sich langsam hinter den Bäumen ab.

„Und wo liegt jetzt die Lösung, verdammt“, schimpft der Junge. Er will einfach nicht glauben, dass dies das Ende seiner Pläne sein soll. Er hatte so gute Einfälle, so einen Elan und so eine Lust sich dafür stark zu machen. „Verdammt“, sagt der Alte, „da hast du recht … wo ist die Lösung? Das kann doch nicht alles gewesen sein.“ – Er kann nicht mehr springen, nicht mehr rennen, keine Bäume rauf klettern. Aber er kann denken und reden und zuhören und lachen. Beide überlegen was zu tun ist. Der eine, wie er als junger Mann einen Beitrag unter den älteren Erfahrenen leisten kann und der andere, wie er als alter Mann, die Welt der Jüngeren bereichern kann.

„Wer sollte mich denn aufhalten?“, meinte der Alte und seine Augen fangen an zu glänzen. Wieder schaut der Junge ihn von der Seite an, nickt anerkennend und meint: „Wer sollte mich aufhalten? Das ist wohl die richtige Frage.“ Wer sollte sich meinen guten Ideen in den Weg stellen. Ich mach´ weiter, überlege es mir gut und finde einen Weg. Und auch der Alte nickt, mehr für sich selber, doch ein Lächeln erscheint nun in seinem Gesicht. „Es gibt andere“, sagt er, „andere, die durchaus noch hören wollen, was ich zu sagen habe.“

Es ist leise, kein Geräusch kommt mehr vom Tennisplatz, dunkel und kühl wird es nun auch. Die Enten haben sich ins Schilf zurückgezogen. Spaziergänger sind nicht mehr zu sehen. Beide Männer stehen gleichzeitig auf, als ob sie sich abgesprochen hätten. Sie schauen sich kurz an und laufen wortlos in die gleiche Richtung. Als der Weg sich gabelt, schlägt der Junge den anderen Weg ein. Der Alte schaut ihm nach, der Junge dreht sich noch einmal um, schaut auch ihn an und sagt: „Danke – danke für das Gespräch!“ Der alte Mann nickt, lächelt und läuft zufrieden nach Haus.

Sie wissen beide nicht, was der andere erlebt hat. Und es ist auch nicht wichtig. Wichtig ist, sich hin und wieder einmal Gedanken zu machen, wie man mit Menschen umgeht, die nicht dem eigenen Alter entsprechen. Mit den Jüngeren oder mit den Älteren. Wenn wir uns die Zeit nehmen und ihnen genauer zuhören, würden wir sicherlich manches besser verstehen und feststellen, dass die Befindlichkeiten gar nicht so weit auseinander liegen.

Was hat ein Autohändler mit Kunst zu tun?

Gaetano Foti - Foto: www.koenigs-fotografie.de

Gaetano Foti – Foto: http://www.koenigs-fotografie.de

Ein kleiner Junge sitzt an einem Tisch und malt ein Bild von einer Wüste. Helle Farben, Sand und eine Sonne. Die Sonne aber hat keine Sonnenstrahlen, die wie sonst meist als Striche gezeichnet werden. Ihre Strahlen haben die Form von Zungen. Auf die Frage des Vaters, warum die Strahlen denn wie Zungen aussehen, antwortet das Kind mit Selbstverständlichkeit, dass das doch in der Wüste sei – die Sonne schwitze doch. Das sei einer der Momente gewesen, sagt Gaetano Foti, als er durch den Sohn den Sinn von Kunst verstanden hat. Kunst müsse man fühlen können.

Das Kinderbild ist eine Facette der Verbindung zur Kunst von Gaetano Foti. Er übernimmt die Schirmherrschaft über den „Kunstmarkt der Generationen“, den das Stadtteilzentrum Steglitz e.V. erstmalig am 14. Juni 2014 im Schlosspark Lichterfelde veranstaltet. Der gemeinnützige Verein bietet Besuchern einen Tag voller Kunst, Kreativität und spannenden Begegnungen und den Künstlern die Möglichkeit ihre Kunst dem Publikum zu zeigen. Gaetano Foti steht dabei für Tradition, Familie, Bezirksverbundenheit und einem feinen Sinn für die Ästhetik. So hätte die Wahl des Schirmherren nicht besser fallen können.

1961 heiratete der italienische Vater die deutsche Mutter in Berlin. Sie zogen einen Monat nach Mauerbau wegen der unsicheren politischen Lage nach Italien. Dort wurde die Schwester geboren, 1963 ging es wieder nach Berlin, wo ein Jahr später Gaetano Foti geboren wurde. So besteht von Beginn an die Verbindung und Verbundenheit mit dem Bezirk. An die Schulzeit hat  er nicht die besten Erinnerungen, dafür mehr an das BWL-Studium und die KFZ-Ausbildung, die doch mehr seine Interessen fesseln konnten. So konnte er 1996 den vom Vater 1964 gegründeten Betrieb übernehmen und fortan erfolgreich führen. Bekannt ist Gaetano Foti unter vielem anderen durch den jahrelangen Vorsitz der MIT – der Mittelstandsvereinigung Steglitz-Zehlendorf, bei der er nun den Ehrenvorsitz bekleidet. Und auch privat ist er mit Ehefrau und drei Kindern fest verankert – der Bezirk kennt ihn, er kennt diesen Bezirk. Dennoch bezeichnet er sich nicht nur als Steglitz-Zehlendorfer. Seine Mutter hat die Kinder, die Familie, vor allem als Europäer und mehrsprachig erzogen. Die familiäre Tradition sowie die Verbindung zu anderen Nationen gleicht einer europäischen Geschichte. Das zeigt sich nicht zuletzt darin, dass Gaetano Foti wie selbstverständlich bei der Gründung des Willkommens-Bündnisses Steglitz-Zehlendorf am 7. Mai zugegen war.

Mit Italien verbindet er im Besonderen Licht, Gerüche und Geschmack. Geschmack auch im ästhetischen Sinne. Italien mit der Toscana, Sizilien und Umbrien sind für ihn die Wiege der Antike, des Mittelalters und der Renaissance. Kunst und Architektur sieht er als Resultat gesellschaftlicher Veränderungen, die sich in religiöser, soziologischer und philosophischer Richtung hervortun. Kunst müsse man spüren, das richtige persönliche Bauchgefühl dafür entwickeln. So sieht er Kunst nicht nur als Bestandteil der Museen. Kunst sei ebenso eine Frage des Lebens und Leben lassens, des Alltags und nicht zuletzt auch ein Geschäft. Wirkt Kunst nicht störend, ist sie authentisch und nicht langweilig – kommt sie im rechten Maße an und wird Bestandteil der Kultur und der Gesellschaft.

Betonung legt Gaetano Foti darauf, dass Kunst genauso wie ein gutes Essen schmecken müsse, dass sie spürbar wird, so wie die Zeichnung seines Sohnes. Unwichtig sei dabei, ob ein Künstler bekannt ist oder nicht. Wenn Kunst bewegt und aus dem Menschen, seinem Anliegen, aus seiner Motivation spürbar wird, dann sei sie am richtigen Platz angekommen.

Am 14. Juni wird er den „Kunstmarkt der Generationen“ gemeinsam mit der MIT unterstützen. Künstler werden ihre Ateliers öffnen und ihre Werke der Öffentlichkeit vorstellen. Familien und Besucher werden bewundern, staunen und Fragen stellen. Wir werden Aktionen erleben, Austausch fördern, Generationen mischen und einen besonderen Tag erleben. Gaetano Foti wird – wie immer – in der Mitte sein.

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Stadtteilzeitung Steglitz-Zehlendorf, Nr. 178 • Juni 2014

Update – Toleranz und Anerkennung

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Man möchte bewegen, wenn man sich einem Thema annimmt und darüber schreibt. Die Richtung der Bewegung kann man allerdings kaum beeinflussen. Ich möchte bewegen, Aufmerksamkeit schaffen. Den Beitrag „Toleranz und Anerkennung – Zwischen Wunsch und Wirklichkeit“ hatte ich für die Februar-Ausgabe der Stadtteilzeitung geschrieben. Das Leitthema der Zeitung hieß „Anderssein“. Als ich der Freundin meines Bruders damals erzählte, dass mein geplanter Beitrag nichts werden würde, schlug sie vor über sie selber zu schreiben. Darüber, was sie mit ihrer schwarzen Hautfarbe in den ersten Jahren hier in Deutschland erlebt hatte. Sie wollte anderen in gleicher Situation Mut machen. Der Artikel war das Resultat unseres Gesprächs und er ist bis heute einer meiner liebsten Beiträge in meinem Blog. Ich bekam durch das Gespräch mit ihr einen ganz anderen Blick auf die Situation der Menschen, die versuchen sich in Deutschland eine Existenz aufzubauen.

Einige Zeit nach erscheinen der Zeitung hatte sie Urlaub, den sie in einer anderen Stadt verbrachte. Als sie wieder zurück zur Arbeit kam, sprach keiner der KollegInnen mehr mit ihr. Der Umgang mit ihr wurde gemieden und erst nach einer Woche bekam sie ein Gespräch mit der Filialleitung zugesprochen. Dabei kam heraus, dass während ihres Urlaubs eine Kollegin diesen Artikel in der Zeitung gefunden hatte und der Filialleitung zu lesen gab. Nun durfte sie sich rechtfertigen, wie sie auf die Idee käme, so einen Artikel in eine Zeitung zu setzten. Als ich das hörte, war ich sehr erschüttert und auch völlig verwirrt. Nicht zuletzt, weil ich auch das Gefühl bekam an ihren Unannehmlichkeiten Schuld zu sein.

Letztendlich führten diese Unannehmlichkeiten dazu, dass sie in der anderen Stadt eine neue Arbeitsstelle gesucht und gefunden hat, mit meinem Bruder nun zusammen wohnt und sie sich ein gemeinsames Leben aufbauen werden. Das war zweifelsohne eh geplant, durch diese Vorgänge aber beschleunigt. Ich wünsche beiden alles erdenkliche Glück für ihr gemeinsames Leben!

Was mich nachhaltig an dieser Geschichte beschäftigt ist der Gedanke, wie notwendig das Werben um Toleranz und Anerkennung hier unter uns, in diesem Land und in unserem Umfeld ist. Und auch, wie aktuell dieses Thema ist. Wir sind eine multinationale Gesellschaft, die ihre Stärken eben aus der Mischung aller Menschen zieht. Wir können als attraktives Land nur bestehen, wenn wir Andersartigkeit zulassen und unsere Köpf dafür öffnen. Es gibt für mich keinen einzigen Grund, warum ein Mensch bei uns wegen eines ethnischen Merkmals eine andere Behandlung erfahren sollte als alle anderen oder über sein Erleben schweigen sollte.

Ich gebe gerne zu, dass auch ich oft Scheu spüre, wenn ich Menschen begegne, die aus fremden Ländern kommen, die ich nicht einschätzen kann, die eine mir unbekannte Religion haben oder zu denen ich aus sprachlichen Gründen nicht gehören kann. Ich gebe zu, dass ich mit einem komischen Bauchgefühl kämpfte, als in unmittelbarer Wohnnähe ein Wohnheim für Aussiedler eröffnet wurde. Es war so nah. Aber ich weiß, dass mein Gefühl aus Unkenntnis entsteht und Unkenntnis kann man nur entgehen, indem man darauf zugeht. Man muss Fragen stellen und versuchen zu verstehen, was diese anderen Menschen antreibt und beschäftigt. Damit habe ich noch nie schlechte Erfahrungen gemacht. Ganz im Gegenteil, viele wunderbare Freunde gewonnen und sehr viel für mich gelernt. Das Wohnheim habe ich mir angesehen, sprachliche Hürden kann man überwinden, Religionen und Länder kennenlernen.

Der Beitrag „Toleranz und Anerkennung“ klagt nicht an. Darum geht es nicht. Er zeigt ein Beispiel eines Menschen, der hier eine Existenz aufgebaut hat und sich als bewährtes Mitglied und als Bereicherung für unsere Gesellschaft entwickelt hat. Er zeigt ein Beispiel, wie sich jemand erfolgreich bei uns integriert und hier Freunde, Familie und ein erfülltes Leben findet. Der Hürden überwindet und Stärke zeigt.

Traurig ist die menschliche Seite, die sich zeigte, als der Beitrag erschien. Das sich Menschen nicht vorstellen können, mit welchen Hürden man kämpft, wenn man bei uns anders ist. Das diese „andersartigen“ Menschen nur toleriert werden solange sie „funktionieren“. Wenn sie aber auf sich aufmerksam machen, Menschlichkeit zeigen, uns den Spiegel der Intoleranz vor Augen halten, dann werden sie auf ein Minimum der Akzeptanz reduziert. Und es zeigte sich auch, das der Inhalt und Sinn des Beitrags in keiner Weise von diesen Menschen verstanden werden wollte. Es tut ja auch weh, wenn man den „Guten“ zeigt, dass sie gar nicht so gut sind.

Das war eine Bewegung, die so nicht gewollt war, aber doch zeigt, dass diesbezüglich viel zu tun ist. Ich habe lange überlegt, diese Geschichte hinter dem Artikel einfach so stehen zu lassen. Es ist mir jedoch ein Bedürfnis, für Offenheit anderen gegenüber, bei mir selber und bei anderen – jetzt und künftig – zu werben.

Hallo Nachbar …

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Als ich vor etwa 20 Jahren nach Berlin zog, sagte ein Bekannter zu mir, dass der „normale“ Berliner seinen Nachbarn nicht kennt. Was er damals mit „normal“ meinte, habe ich bis heute nicht herausgefunden. Zu dem Statement, dass der Berliner seinen Nachbarn nicht kennt, kann ich aus heutiger Sicht nur sagen: „Weit gefehlt!“.

3.419.623 Einwohner hatte Berlin im November 2013. Die alle zu kennen, wäre natürlich etwas anstrengend. So gehen wir lieber in die Bezirke direkt, den Stadtteil und den unmittelbaren Kiez. Dies ist eins der Dinge, die Berlin so faszinierend macht. Jeder Kiez hat seinen eigenen Flair, eine eigene Atmosphäre, ein bestimmtes Publikum und natürlich auch Schwächen. Steigt man in die U-Bahn und steigt am anderen Ende der Stadt wieder aus, begegnet man einem völlig anderem Stadtbild. Das sind die Äußerlichkeiten. Spannend wird der Blick auf die Bewohner.

Berlin ist multikulturell und gerade darin liegt der besondere Reiz, auch wenn es immer noch Menschen gibt, die das nicht realisiert haben. Diese Stadt lebt von der Unterschiedlichkeit, den Nationalitäten, der Andersartigkeit der Menschen. Am besten erkennt man dies, wenn man an warmen Sommertagen in die unzähligen Parks und an die vielen Plätze geht, an denen sich die Menschen begegnen. Lässt man sich darauf ein, erntet man einen ungeheuren Gewinn in jeglicher Hinsicht.

Diese Vielfalt und diese ungeheure Menge an Menschen braucht besondere Obhut, unabhängig von den Erfordernissen die behördliche Stellen zu meistern haben. Es ist eben keine „Menge Mensch“ – es sind 3.419.623 Individuen. Dem haben sich viele Verbände und eine wirklich enorme Zahl an freien Trägern, wie zum Beispiel die Stadtteilzentren angenommen. Besondere Größen in der Landschaft der Verbände sind in Berlin „Der Paritätische Berlin“, der „Verband für sozial-kulturelle Arbeit“ und „Das Berliner Bündnis für Familien“, denen sich freie Träger anschließen und so den sozialen Auftrag koordinieren, fördern und politisches Gewicht geben. Ein Blick in das Spektrum der Mitglieder dieser Verbände ist imponierend, da so klar wird, wie facettenreich diese Arbeit ist. Kinder- und Jugendeinrichtungen, Nachbarschaftshäuser, Selbsthilfekontaktstellen sind nur einige Beispiele, was hier den Menschen, den Nachbarn, geboten wird. Allen gemeinsam ist eins – die Menschen zusammenzubringen, Austausch zu fördern, Alleinstehende und Familien zu unterstützen und eben dem Nachbarn ein Gesicht zu geben.

Menschen zusammenzubringen – wie geht das besser als mit einem Fest? Am 24. Mai wurde in Berlin viel gefeiert, denn zwei große Events wurden koordiniert. Das 1999 in Frankreich ins Leben gerufene „Fest der Nachbarn“ wurde schon 2012 in 32 Ländern gefeiert. In diesem Jahr waren erneut zwölf Berliner Bezirke beteiligt und die Unterschiedlichkeit der Angebotspalette hatte alles zu bieten, was Spaß, Gemeinsamkeit und Austausch fördert. Nahtlos ging das Fest in die „4. Lange Nacht der Familien“ über. Bis Mitternacht konnten Familien am 150 Angeboten in ganz Berlin teilnehmen. Ein Blick auf die Internetseiten verrät, was man alles erleben konnte und lässt die Vorfreude auf die Aktionen im kommenden Jahr wachsen.

Ein Beispiel für das Fest war der „Mitternachtströdel im Gutshaus Lichterfelde“. Das Gutshaus Lichterfelde steht seit 1999 unter Trägerschaft des Stadtteilzentrums Steglitz e.V. Die Kita im Haus und das Nachbarschaftscafé machen das Gutshaus zu einem Treffpunkt für Familien und Nachbarn im unmittelbaren Umfeld. Bei dem Mitternachtströdel durfte jeder mitmachen, der seinen eigenen Tisch mitbrachte und einen Kuchen für die Allgemeinheit spendete. Im diesem Jahr war die Sonne dem Fest gewogen, so dass schon der Aufbau mit viel Vorfreude und gegenseitiger Hilfe vonstattengehen konnte. Besucher, die vom Spaziergang aus dem Park oder direkt zum Fest kamen, konnten gemütlich beim Trödel stöbern, Kuchen oder eine Grillwurst essen. Es wurde gehandelt, man konnte sich austauschen, diskutieren, erzählen, kennenlernen, gemeinsam lachen und überall den lustigen Spielen der Kinder zuschauen. Das ist gelebte Nachbarschaft, die mit einem Lagerfeuer in der Mitte ihr Ende fand. Diejenigen, die sich beim Bäcker, beim Einkauf oder im Nachbarschaftscafé in den nächsten Tagen wieder begegnen, werden sich garantiert ein Lächeln schenken. Gemeinsame Feste schaffen Verbundenheit, Nähe und Vertrauen.

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Auch im privaten kenne ich meine Nachbarschaft sehr gut. Gegenseitige Akzeptanz und Hilfe ist an der Tagesordnung, ein freundliches Grüßen, ein nettes Gespräch immer gegeben. Die nachbarschaftliche Arbeit, die von den freien Trägern geleistet wird, habe ich überhaupt erst in Berlin kennengelernt. Lässt man sich darauf ein, wird diese große Stadt doch sehr menschlich und bekommt ein freundliches Gesicht.

Leitartikel der Homepage des Stadtteilzentrum Steglitz e.V.
vom 29. Mai 2014

Rabenmütter … gibt es nicht

©-Kati-Molin-Fotolia.com

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Mit etwa 20 Jahren saß ich bei meiner Mutter in der Küche. In den Nachrichten berichteten sie von einem Fall, in dem einem Kind Gewalt angetan worden war. Sehr entrüstet äußerte ich, dass ich nicht verstehen könne, wie eine Mutter ihrem Kind so etwas antun kann. Meine Mutter kochte seelenruhig weiter und meinte nur: „Doch, ich kann es mir vorstellen. Es gibt Situationen in denen man einfach nicht mehr anders kann.“ Nun saß ich dort und wusste nicht, worüber ich mich mehr aufregen sollte. Über den geschilderten Fall aus den Nachrichten oder über meine eigene Mutter, die so eine Ungeheuerlichkeit geäußert hatte. 

Meine Mutter hatte etwas ausgesprochen, was für mich als ihr Kind nicht sein durfte. Ich fühlte mich persönlich verletzt und angegriffen. Ich wollte an dem Bild einer Idealmutter festhalten. Einer Mutter, die alles, aber auch alles für ihr Kind gibt und sich selber dafür in den Hintergrund stellt. Ich wollte an eine heile Welt glauben, in der Kinder sicher leben und Mütter aufopfernd und mit großer Fürsorge ihre Kinder großziehen.

Aber es gibt sie immer wieder, die Nachrichten von Kindern, die Furchtbares erleben müssen. Das Entsetzen darüber schlägt meistens in sprachlose Fassungslosigkeit um. Ist von Wut und Hilflosigkeit begleitet. Anders als bei Fällen, die Kindesmissbrauch zum Thema haben, hört und liest man kaum vorschnelle Urteile, die diesen Müttern jegliche Rechte und körperliche Unversehrtheit absprechen. Solche Fälle darf es in unseren Köpfen einfach nicht geben. Wir fühlen uns alle als Kind einer Mutter. Eine Mutter, die ihrem Kind nicht gerecht werden will oder kann, ist etwas was, das nach unserer Vorstellung gegen die Natur und gegen unser Wunschdenken geht.

Ich wurde selber Mutter, viele Jahre später. Machte eigene Erfahrungen als Mutter und musste mir eingestehen, dass es dieses Bild der Idealmutter nicht gibt. Ich erfuhr meine Grenzen, stellte fest, dass das „Mutter sein“ nicht vor Krankheit, Sorgen oder aufgebrauchten Kraftreserven schützt. Das Bild von Mutter und Kind, welches wir in den Medien, meist mit Weichzeichner, vermittelt und vorgespielt bekommen, ist nicht real. Doch niemand erzählt, wie es wirklich ist, wenn man Kinder hat. Die Gesellschaft möchte funktionierende Mütter, welche die eigene Belange auf Jahre hinten anstellen. Mütter, die für ihre Kinder die anderen Facetten ihrer Persönlichkeit ausblenden und diese erst nach Volljährigkeit der Kinder wie aus einem Dornröschenschlaf wieder erwachen lassen. Nur gibt es diese Mütter nicht, auch wenn es niemand hören möchte.

Man kann es nicht lernen – Mutter zu sein. Man kann sich in Kursen bestmöglich vorbereiten, meistens nur auf die Geburt. Man kann Fachbücher zu Rate ziehen, was man oft erst tut, wenn ein Problem auftaucht. Man kann um Rat bitten und bekommt erfahrungsgeprägte unterschiedliche Meinungen. Mutter wird man und ist es dann für immer. Und ist man erst Mutter geworden, stellt man fest, dass sich die eigene Geschichte, die eigene Erziehung, Erfahrungen, Gelerntes mit dem Alltag vermischen. Besonders am Anfang möchte man alles richtig machen und steht im Umfeld, mehr vor sich selbst, vor einem immensen Erwartungsdruck. Alles soll funktionieren, man möchte sich stolz zeigen, Anerkennung bekommen und alles richtig machen. So lange, bis irgendeine Komponente aus dem Gleichgewicht fällt.

Beginnend mit der Geburt … wer erzählt denn, dass es Wochenbett-Depressionen gibt? Dass das Stillen meist nicht auf Anhieb klappt. Dass Schmerzen noch eine Weile Begleiter sind? Dass nicht alle Babys wie Porzellanpuppen aussehen und Kinder am liebsten schreien, wenn Frau selber vor Müdigkeit kaum denken kann. Wer erzählt, dass es oft Situationen gibt, in denen man sich überfordert fühlt, nicht mehr weiter weiß, man vor Hilflosigkeit wütend wird? Wer gibt zu, dass es Momente gibt, in denen wir unser Kind in dem Arm halten, versuchen zu trösten, während das Kind in uns selber weint? Wer sagt, dass das alles normal und erlaubt ist? Wer berichtet von dem Quatsch, den sich Mütter bei Spielplatz-Gesprächen selber antun, in dem sie wetteifern, welches Kind sich schneller entwickelt? Von dem Wettrennen, welches Kind begabter ist und vor dem Schuleintritt schon lesen kann? Von den Endlos-Diskussionen unter Eltern verschiedener Ansichten? Von der Peinlichkeit, eine Therapie für das Kind suchen zu müssen? Von Schulproblemen, Pubertätsproblemen, dem ersten Liebeskummer, von Abgrenzung des eigenen Kindes zur Mutter. Das erzählt vorher keiner so genau und wir würden es sehr wahrscheinlich nicht hören wollen. Wir würden gerne so lange als möglich glauben, dass ausgerechnet wir die ideale Mutter sein können. Was passiert, wenn das Leben unseres Kindes unsere eigene Vergangenheit wieder zum Leben erweckt? Die Barrieren sind da, besonders wenn eigene Geschichte, schlechte Erfahrungen, elterliche Prägung sich mischt mit dem täglichen Erleben. Wenn Sorgen auftreten, partnerschaftliche Spannungen, Existenz-Ängste, Verlust-Ängste, das normale Leben auf harte Belastungsproben stellt.

In einem Gespräch mit einer älteren Frau sagte ich einmal, dass es meinen Kindern nur gut gehen könne, wenn es mir selber gut geht. Als Antwort bekam ich von ihr zu hören, dass eine Mutter sich gefälligst zusammen zu reißen und ausschließlich für die Kinder da zu seinen habe. Eine Ansicht, die mir als junger Mutter genauso erschreckend erschien, wie damals die Aussage meiner Mutter. Meine Perspektive hatte sich geändert. Ich hatte erfahren, was es bedeutet Mutter zu sein. Jede Mutter lernt schnell die Mauern kennen, die blockieren und den Alltag, die Harmonie zum Kind empfindlich belasten können.

Jede Mutter handelt aus ihrer eigenen Geschichte heraus. So hat meine Mutter fünf Kinder und die Endpunkte der Belastbarkeit in alle Richtungen erfahren. Die ältere Frau hatte ein Kind ohne Vater groß gezogen, in einer Zeit in der ein uneheliches Kind noch als Bastard galt. Beide sprachen aus ihrem persönlichen Erleben. Ich muss nicht ihrer Meinung sein, kann ihre Beweggründe aber verstehen und nachvollziehen. So haben auch Schuldzuweisungen oder Vorwürfe Müttern gegenüber nicht den geringsten Nutzen, denn jede kann nur so handeln, wie ihre momentane Verfassung und die Umstände es erlauben. Bevor man ein Urteil über eine Mutter äußert, sollte man sehr genau hinschauen, warum etwas so ist.

Es muss einer Mutter gesellschaftlich erlaubt sein, zu sagen „Ich kann nicht mehr!“. Es darf keinem Versagen gleichkommen, sich Hilfe zu holen. Hilfe gibt es, bei Ämtern, bei freien Trägern, Initiativen und im medizinischen Bereich. Nur um Hilfe annehmen zu können, muss ich mir bewusst machen, dass ich ein Problem habe und dieses Problem seine Berechtigung hat. Ich darf nicht dem Gefühl unterliegen, dadurch versagt zu haben. Die anderen, das Umfeld, sollten genau hinschauen. Fragen, wenn sich Unstimmigkeiten abzeichnen, Hilfe anbieten, Verständnis zeigen, hinschauen und nicht weggucken. Mütter zu unterstützen, ihnen eine solide soziale Basis zu ermöglichen, sie finanziell gut aufzustellen und ihre Leistung zu würdigen und anzuerkennen, ist der primärste Kinderschutz, den eine Gesellschaft leisten kann.

Die erste Frage, die sich eine Mutter stellen sollte ist: „Was kann ich für mich tun, damit es meinem Kind gut geht!“. Und noch ein kleiner Ausflug ins Tierreich – wussten Sie, dass sich Rabenmütter noch fürsorglich um ihren Nachwuchs kümmern, selbst wenn die Jungvögel aus dem Nest gefallen sind?

„Zur Erziehung eines Kindes braucht man ein ganzes Dorf.“ besagt ein afrikanisches Sprichwort – nicht Mütter alleine, wir alle stehen in der Verantwortung Kindern gute Mütter zu geben!

Leitartikel der Homepage des Stadtteilzentrum Steglitz e.V.
vom 19. Mai 2014

Von Anfang an … Kinder mit Sportgeist!

Foto: René Blümner

Foto: René Blümner

Knochenbrüche und ausgeschlagene Zähne habe ich erwartet, als meine Tochter mit 5 ½ Jahren zu mir in die Küche kam und erklärte, dass sie von nun an Hockey spielen würde. Das saß! Hatte ich bis dahin die Vorstellung, dass meine Töchter die üblichen „Mädchensportarten“ ausüben würden – Ballett, Tennis, Aerobic, vielleicht Handball oder Volleyball … wurde ich hier von diesem kleinen Bündel recht schnell auf den Boden der Tatsachen geholt.

Ich kannte damals nur Eishockey. Männer in Riesenrüstungen, die selten ein Lächeln zustande brachten, bei dem man keinen Lachkrampf bekam. Das Geräusch von knackenden Knochen und zwischendrin mein kleines Kind. Schreckensbilder vor meinem geistigen Auge und keine Chance – denn das Kind wusste schon immer, was es wollte. Kurze Zeit später zog der erste Hockeyschläger in unser Haus ein. Von nun an sollte das Familienleben von einer Sache bestimmt sein – dem Hockeyfeld.

Es spielt keine Rolle, welche Sportart sich ein Kind aussucht. Wichtig ist, dass es sich eine aussucht. Je nach Neigung eine Mannschaftssportart oder eine Einzelsportart wie Schwimmen, Leichtathletik, Tennis beispielsweise. Der wohl wichtigste Aspekt, warum Kinder Sport machen sollten, ist die körperliche Entwicklung und Fitness. Der Sport als Ausgleich zu oft stundenlangem Sitzen in der Schule. Als Ausgleich zur Ernährung um Übergewichtigkeit auszugleichen oder vorzubeugen. Sport als Förderer der richtigen Haltung und als Vorbeugung um spätere körperliche Fehlstellungen zu vermeiden. Die medizinische Sinnhaftigkeit, dass Kinder wie auch Erwachsene Sport treiben sollten, steht außer Frage. Auch hier zeigt sich der Erfolg meist in dem Satz „Erziehen heißt vorleben!“. Treiben die Eltern Sport, liegt es nahe, dass sich auch der Nachwuchs dafür begeistern lässt.

Neben den körperlichen Vorteilen spielt insbesondere der soziale Aspekt eine wichtige Rolle. Spielt das Kind in einem Team oder einer Mannschaft, lernt es schnell die Bedeutung von Zuverlässigkeit, Kameradschaft, Zusammenhalt kennen. Der viel gerühmte Mannschaftsgeist ist eine große Motivationsquelle, kann begeistern und mitreißen. Zudem werden Durchsetzungs- und Durchhaltevermögen geschult. Das Kind lernt mit Niederlagen zurechtzukommen und dennoch weiter zu machen. Es lernt wie sich konsequentes Training in Erfolg wandeln lässt und idealer Weise erlebt es schöne Siege. Oft stehen Wettbewerbe, Mannschaftsfahrten und Events auf dem Programm. Und nicht zuletzt gründen sich Freundschaften aus einem gemeinsamen Interesse.

Es ist wichtig, dass sich das Kind eine Sportart auswählen kann. Nicht die Eltern sollten beschließen, dass es beispielsweise Fußballspieler wird. Der Papa hat das doch schon so gerne gespielt und sieht den nächsten Franz Beckenbauer im Filius. Nein, das Kind muss Angebote zum Kennenlernen einer Sportart bekommen. Es muss erfahren, ausprobieren dürfen und selber sehen, ob ihm der Sport, die Mitspieler, das Team und der Ort liegt. Dazu gehört natürlich auch, dass Kinder einen Sport ablehnen. Mit Vorwürfen sollte man sich dann zurückhalten. Besser ist es zu ergründen, woran das liegt und das nächste Sportangebot machen.

Hat es schließlich eine Sportart gefunden, die Spaß macht, das Umfeld stimmt und man Trainingstermine einhalten kann, ist das Interesse der Eltern ein nicht zu unterschätzender Faktor. Wenn die Eltern nachfragen, wie es beim Training war, wie die Spiele laufen, ob die notwendige Ausrüstung passt, ist die Motivation weiterzumachen wesentlich höher. Besser ist es natürlich, wenn Eltern mit gehen, zuschauen und sich später über die sportlichen Erfahrungen mit dem Kind austauschen. Vorsicht aber mit ehrgeizigen Plänen. Kaum jemand ist so begabt, dass sich aus Sport eine Profession ergibt und der Lebensunterhalt durch Sport gesichert werden kann. Sport soll in erster Linie Spaß machen und gesundheitlichen Gewinn bringen.

Unsere kleine Hockeyspielerin ist nun erwachsen. Sie spielt immer noch Hockey, hat ihre Schwester von diesem Sport mit begeistert, trainiert kleine HockeyspielerInnen, macht ein soziales Jahr im Hockeyverein und ist DHB-Schiedsrichterin geworden. Ihre FreundInnen sind HockeyspielerInnen und sie plant ein Studium in diesem Bereich. Wir haben unzählige Wochenende auf dem Hockeyfeld verbracht, Nachmittag in Hallen gesessen, Spielpläne studiert und vieles mehr. Der Vater ist ehrenamtlich für den Verein tätig und die Mutter organisiert den logistischen Hintergrund. Der Wille, dass unsere Kinder in einer Sportart Fuß fassen, hat uns als Familie vor allem zwei Dinge gebracht – zwei gesunde Kinder und wunderbare Freundschaften zu anderen Familien.

Ach ja – ein Knochen ist nie gebrochen und die Zähne sitzen auch noch alle am richtigen Platz!

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Stadtteilzeitung Steglitz-ZehlendorfNr. 177 • Mai 2014