Die Erinnerung bleibt

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Sie sitzt auf ihrem Findling im Garten und ihr Blick geht über den See. Sie schaut in die Ferne. Nicht in die messbare Ferne in Kilometern, sondern in die Ferne ihrer Erinnerungen, die nunmehr übrig bleiben. Gestern hatte sie mich noch gefragt, ob sie den Findling nicht wegräumen sollte. Dann erzählte sie aber, wie gerne sie immer auf dem Stein saß, wenn Schwester Longina, eine befreundete Nonne, zu Besuch kam und sie der Schwester beim Schwimmen im See zuschaute. Schon war sie wieder in den Erinnerungen und ihr Blick nicht mehr greifbar.

Die Oma, die wir kannten, gibt es nicht mehr. Vorangegangen war ein Infarkt, ein Krankenhausaufenthalt und eine Reha. Eine Zeit, in der Bangen, Hoffen und Wunschdenken sich die Klinke in die Hand gaben. Schließlich wurde sie nach Hause entlassen, mit einer vagen Prognose und einer perspektivischen Einschätzung der Ärzte, die den Angehörigen Mut, aber dennoch nichts Greifbares in die Hand gaben. Das Zuhause erkannte sie und der Auftrieb, der sie zu erfassen schien, gab wieder Hoffnung.

Mit den ersten Tagen zuhause kam die Erkenntnis. In den vertrauten Räumen findet sie die Türen nicht, die Anziehsachen liegen immer am falschen Ort, die Zahnbürste war im falschen Raum. Hunger und Durst kennt sie nicht, isst und trinkt nur, wenn sie dazu aufgefordert wird. Von einer Puppe, die immer am gleichen Ort liegt, sagt sie, sie sei gestohlen worden. Wenn man sagt, Nein, sie sitzt auf ihrem Platz. kommt ein kurzes Ach ja! um nach einer halben Stunde wieder zu erzählen, dass die Puppe weg sei. Beim Kaffeetrinken fragt sie alle paar Minuten, wo ich den Kuchen gekauft habe und ich gebe immer wieder die gleiche Antwort. In den Minuten dazwischen ist ihr Blick sehr weit weg … wo, wissen wir nicht.

Zwei Arztbesuche holen uns auf den Boden der Tatsachen. Die Augenärztin erklärt uns das eingeschränkte, irreversible Blickfeld, dass sie noch hat – Orientierung unmöglich – Infarktbedingt. Der Hausarzt erklärt uns den abschließenden Arztbericht der Klinik – selbstständiges Leben unmöglich – Infarktbedingt. Auch Infarktbedingt ist die Demenz, die keine Heilungschancen, eher das Gegenteil erwarten lässt. Wir fahren nach Hause, jeder in seinen Gedanken und beantworten auf der Fahrt wie einstudiert ihre wiederholte Frage, was das denn nun für ein Arzt gewesen sei – immer wieder.

Ohnmacht und ein leerer Tagesablauf sind die Folge. Immer angespannt und auf der Hut, wohin sie nun wieder läuft. Fragen, ob sie nicht trinken möchte, ob sie Hunger hat, wie es ihr geht. Schlafen tut sie schlecht und bei dem schlurfenden Geräusch ihrer Schritte in der Nacht sind alle wieder wach. Argwöhnisches beobachten, ob wir nicht doch wieder einen Funken der alten Oma entdecken, so wie sie früher war. Rundumbetreuung ist notwendig und selbst wenn sie stundenlang am gleichen Platz sitzt, trauen wir uns nicht, sie aus dem Blick zu lassen. Und immer wieder Gespräche zwischen uns, reden und erzählen, abwägen und besprechen, versuchen zu planen und überlegen, wohin es gehen soll. Dazwischen eigene Erinnerungen und die unlösbare Frage nach dem Grund. Und nach der Lösung. Hilflose Versuche ihr Verhalten in den letzten Monaten zu deuten.

Die Entscheidung … tut furchtbar weh und gleicht einem Scheitern. Wir erkennen, dass wir nicht in der Lage sind, diese Rundumbetreuung aufrecht zu erhalten und gleichzeitig unserem Leben, in dem wir an vieles gebunden sind, und unseren Kindern gerecht zu werden. Die Entscheidung ist getroffen, die Oma muss in einem Seniorenheim betreut werden. Dabei haben wir Glück, sofern man in diesem Zusammenhang von Glück reden mag. 200 Meter von unserem Haus ist eine Einrichtung, die auch einen Platz hat und sie sofort aufnehmen kann. Zwei Tage zwischen der Entscheidung und der Abfahrt, die gefüllt sind mit der immer währenden Frage, ob wir das richtige tun. Zwei Tage voll Zweifel und auch voll mit Schuldgefühlen, sie zu verraten. Manchmal, ganz unvermittelt, sagt sie Dinge, die im Zusammenhang passen und zeigen, dass sie durchaus noch Momente in der jetzigen Zeit hat. Momente, in denen wir verzweifeln und wünschten, dass dies alles nicht wahr ist.

Am Morgen vor der Fahrt läuft sie im Bademantel an mir vorbei in den Garten. Wohin sie denn möchte, beantwortet sie damit, dass sie in den See wolle, sich erfrischen. Das hat sie immer getan, jeden Morgen, teils bis in den November, in all den Jahren. Nun das erste Mal seit dem Krankenhaus. Ich sage, dass sie aber nicht hinaus schwimmen solle, platziere mich in angemessenem Abstand, passe auf sie auf und frage mich wieder einmal, ob das alles richtig ist. Warum jetzt? Warum geht sie ausgerechnet an dem Morgen, an dem wir sie wegbringen, an dem sie das letzte Mal hier ist, in den See. Ahnt sie es und verabschiedet sie sich? Später frühstücken wir, packen und als es hinaus ins Auto geht, dreht sie sich noch einmal um und fragt: Und wann bringt ihr mich wieder zurück?“ Ich kann die Tränen noch halten bis das Auto hinter der Kurve verschwunden ist. Zuhause parkt ihr Sohn das Auto an dem Haus in dem sie fast 40 Jahre gewohnt hat. Er läuft mit ihr die 200 Meter in der Straße, die fast 40 Jahre ihr Arbeitsweg war. Sie erkennt das alles nicht mehr und geht mit ihm in das Seniorenheim, dass nun ihr Zuhause werden soll oder besser, werden muss.

Der Sohn spricht mit den Kindern. Er erzählt ihnen, was sie in vielen Telefonaten noch nicht erfahren haben. Sie besuchen gemeinsam die Oma und nun erkennen die Kinder den leeren Blick. Sie sehen, dass die Oma sich verändert hat. Erkennen sie und doch wieder nicht und sind erschüttert. Wir müssen viel reden.

In ihrem Haus, sozusagen in ihrem Leben, kommen wir uns wie Einbrecher vor. Es ist das gleiche Haus, wie wir es immer kannten und doch wieder nicht. Es ist leer … es ist ein Haus ohne Oma. Und doch müssen wir Einbrecher sein und sehen, wie wir alles für sie regeln, was wir beachten müssen, wem wir Bescheid geben müssen. Wir sind zerrissen – zwischen der Vernunft, dass es so sein muss und den Emotionen, dass wir es doch gar nicht wollen.

Zwischen all der Arbeit sitzen wir hin und wieder in ihrem Garten. Nicht auf dem Findling, auf den werden wir uns nicht mehr setzen können. Wir tauschen unsere Erinnerungen und denken über ihr Leben nach. Sie lebte dafür, das Gedenken an ihre Eltern zu erhalten. An den Vater, den Müller und größten Arbeitgeber am Ort. An die Mutter, die alles im Krieg und den schwierigen Zeiten danach aufrecht erhielt. An ihre Bemühungen die Mühle zu erhalten. Wir denken an ihren Weg, dieses Haus am See auszubauen und an die vielen Jahre, in denen sie nicht erreichbar war, weil sie den Garten hegte und von morgens bis abends draußen war. Jeder Gegenstand im Haus erinnert an sie. Ein gelebtes Leben voll Erinnerungen. Um dann am Ende mit einem Koffer in das Seniorenheim umzuziehen. Wir hoffen, dass ihre Erinnerungen sie tragen, die sie mitnehmen kann. Was wir uns wünschen sollen, wissen wir nicht. Aber auch unsere Erinnerungen an die gesunde Oma bleiben … und trösten … ein wenig.

Ein Brief für mich!

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Ob schöne Karten, besondere Briefe, kleine Zettelchen oder geheime Nachrichten, wie hier, in der Tablettendose versteckt … sie sagen immer – ich habe nur an dich gedacht!

Der kleine Schlüssel dreht sich einmal im Schloss und die Klappe vom Briefkasten ist geöffnet. Ich nehme den ganzen Stapel Post heraus, schließe wieder und trage meine „Beute“ ins Haus. Auf dem Tisch sortiere ich. Rechnung, Werbung, Rechnung, Werbung, Werbung, Infopost, Rechnung, Brief, Werbung, … stopp … ein Brief dazwischen. Ich werde neugierig und schaue mir den Brief genauer an. In Handschrift steht meine Adresse darauf und hinten ebenso der Absender. Ein Brief von meiner Freundin, nur für mich oder besser – extra für mich. Ich öffne ihn und lese, bin gerührt und freue mich ganz besonders über diese gelungene Überraschung. 

Ein Brief im Zeitalter der Digitalisierung und dabei stehen auch dieser Freundin und mir sämtliche Kommunikationswege via Internet und Smartphone offen. Wir haben oft Kontakt über sogenannte Messenger, schicken uns Nachrichten oder Bilder, grüßen kurz oder erzählen etwas von den Kindern. Wir wohnen in unmittelbarer Nähe. Und nun dieser Brief. Ich hatte ihr zwei Tage zuvor einen Link geschickt und mich gewundert, dass sie sich dazu nicht äußerte. Die Antwort auf meine Nachricht war ihr so wichtig, dass sie sich die Mühe machte, einen schönen Briefbogen zu nehmen, zu schreiben, ihn in den Umschlag zu stecken und in meinen Briefkasten zu legen. Welch eine Wertschätzung – ich war überwältigt.

Ich gehöre nicht zu der „Früher war alles viel besser“-Fraktion, aber die Gefühle, die sich bei mir um diesen Brief zeigten, machen mich doch etwas nachdenklich. Mein Umgang mit Nachrichten und Briefen war früher anders. Früher habe ich viel geschrieben, nein, ich habe immer viel geschrieben. Doch früher hatte ich kein Smartphone, keinen Computer, keine Technik und keine Autokorrektur, die das Schreiben viel schneller, effektiver, leichter machen. Früher habe ich mir schönes Papier genommen, habe Briefe und Botschaften geschrieben und verschickt. Viele Briefe und lange Briefe. Ich war auf jeden Brief stolz und immer glücklich, wenn ich einen in den Briefkasten stecken konnte. Und wie groß war die Freude, wenn eine Antwort kam – nur für mich.

Dabei spielten Briefe immer eine besondere Rolle. Als ich zum Beispiel meinen Mann kennengelernt habe, wohnte er an der Nordsee und ich im Schwabenland. Damals gab es nur Telefon und Briefe. Telefonieren war teuer, also schrieben wir Briefe, über zwei Jahre lang. Wunderbare, lange Briefe. Er schrieb immer so, wie er sprach und da er immer schon ein Mensch war, der andere zum Lachen bringen kann, waren auch seine geschriebenen Briefe so zum Lachen. Ich fuhr manchmal in der Mittagspause meiner Ausbildung nach Hause um zu sehen, ob ein Brief von ihm da war. War einer da, steckte ich ihn ein und musste schnell wieder zum Unterricht. Dort las ich die Briefe heimlich unter der Bank – warten ging nicht – und musste manchmal so lachen, dass ich manchen Toilettengang vortäuschen musste. Später verloren wir den Kontakt zueinander, das sollte aber nicht auf Dauer so sein. Sieben Jahre später erzählte mir mein Cousin wieder von diesem Mann und ich schrieb wieder einen kleinen Brief, vollkommen belanglos und kurz. Er könne sich ja melden, wenn er Lust hätte … hatte er. Wir schrieben wieder Briefe und telefonierten zwei Monate lang. Als die Telefonrechnung dann um die 1600,- DM betrug, war mein Umzug in den Norden beschlossen. Das war vor 21 Jahren – wir schreiben keine Briefe mehr – aber lachen oft, wenn wir an diesen Briefwechsel denken müssen.

Ganz besondere Briefe und Botschaften waren die kleinen Zettelchen meiner Kinder. Jede Mutter, jeder Vater könnte vor Rührung fast umfallen, wenn sie oder er das erste Mal einen Brief vom Kind bekommt. Kleine, große, bunte und krumme Buchstaben, die Worte formen, Sätze bilden und die Welt der Eltern in ein Meer von Gefühlen eintauchen lassen. So schön, wertvoll und wichtig die Botschaft des Kindes! Später, wenn das mit dem Schreiben bei den Kleinen dann schon besser geht, werden auch ihre Briefe wichtiger. So fand ich einige Botschaften an strategisch wichtigen Stellen. Kinder haben ein punktgenaues Gespür dafür, wo sie Botschaften für Eltern hinterlegen müssen. Dabei waren unter anderen lebenswichtige Appelle, bittere Entschuldigungen, herzergreifende Wünsche oder auch mal ein „Ich kann nicht schlafen!“ (funktionierte immer – Kind schlief). Ganz oft fand ich die schlichten Botschaften „Ich hab dich lieb!“, die mich immer wieder ermahnten, ob ich das meinen Kindern im Gegenzug auch deutlich zeige. Ich habe alle aufgehoben.

Handgeschriebene Briefe sind mehr als Nachrichtenübermittler. Sie sind die direkte Auseinandersetzung mit meinem Gegenüber. Kein Korrekturprogramm hilft mir und ich muss die Worte bewusst und überlegt wählen, die ich verwenden will. Ich muss acht geben, was ich schreibe, wie ich schreibe und was ich nicht nur im Wort, sondern auch im Gefühl transportieren will. Solche Briefe sagen immer aus „Ich habe mir Zeit genommen – nur für dich!“. Handgeschriebene Briefe sind auch nicht so schnell gelöscht, wie eine E-Mail oder verschwinden in dem Meer der Kurznachrichten. Sie sagen immer aus, dass mir eine Sache so wichtig ist, dass ich mir die Zeit dafür nehme. Der Brief liegt beim Empfänger und selbst, wenn er unter einem Stapel Papiere oder einer Schublade verschwindet, taucht er wieder auf und erinnert an eine besondere Begebenheit.

Oftmals habe ich Briefe geschrieben, bei denen für mich von Anfang an klar war, dass ich sie nicht abschicken würde. Diese Briefe haben mir geholfen, mir über eine Begebenheit klar zu werden. Mit etwas ins Reine zu kommen, etwas für mich zu verarbeiten und abzuschließen. Und ich habe immer ein schönes Papier und einen gute Stift gewählt. Die Wahl des Papiers und des Schreibmittels trägt sehr zur Freude und Wertigkeit der Sache bei. An schönem Schreibpapier kann ich kaum vorbeigehen.

Für mich habe ich beschlossen, wieder mehr – handgeschriebene – Briefe zu schreiben und zu verschicken. Ich möchte wieder bewusster entscheiden, welche Nachrichten eine besondere Form wert sind. Es muss ja kein seitenlanger Brief werden, auch eine schöne Karte kann viel ausdrücken. Zu oft nehme ich die mangelnde Zeit als Ausrede, schnell eine E-Mail zu schreiben oder anzurufen. Besondere Menschen, besondere Freunde, besondere Anlässe und besondere Gedanken sind es wert, diese Form der Wertschätzung nicht zu vergessen. Ich selbst finde Besinnung beim Schreiben und bei der Vorstellung, wie mein Brief bei dem anderen ankommt. Auch ist das handgeschriebene Wort bewusster gewählt, als das der E-Mail, dass eh gleich wieder von der Korrektur gelöscht werden kann. Der erste Brief geht an die Freundin, die jetzt im Urlaub ist. Mal sehen, was sie sagt, wenn sie ihren kleinen Briefkastenschlüssel bei der Heimkehr in den Briefkasten steckt. Dort einen Brief findet auf dem steht: „Nur für dich!“

Früher war alles viel besser!

Foto: © S.Kobold - Fotolia.com

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Es gibt Sätze, die sind so nützlich wie ein Kühlschrank in der Antarktis oder wie ein Solarium in der Sahara. Generationen von Kindern und Jugendlichen regen sich über sie auf oder lassen sie mit stoischer Gelassenheit über sich ergehen, um sie dann Jahre später ihrem eigenen  Nachwuchs zu präsentieren. Nämlich immer dann, wenn man nicht weiter weiß oder eben keine Lust hat mit den Jüngeren zu diskutieren.

„So lange du deine Füße unter meinen Tisch stellst …“, „Muss ich dir alles dreimal sagen.“, „Als ich in deinem Alter war … “ sind solche Sätze. Und trotz aller moderner Erziehungsmethoden, denn wir wollen ja heute unserem Nachwuchs auf Augenhöhe begegnen, muss der ehrliche Erziehungsberechtigte zugeben, dass er diese Sätze so oder in ähnlicher Form schon verwendet hat. Immer dann, wenn der Nachwuchs unbequem wird, einem die eigenen Argumente ausgehen oder man einfach zu müde ist den pfiffigen Kleinen schlagfertig zu begegnen.

Ein anderes Beispiel: Ich gehe mit meinem Hund spazieren. Mein Hund hat heute besonders gute Laune und hüpft auf den nächsten Jogger zu, um zu signalisieren, dass er das Spiel versteht. Der Jogger aber nicht und mein schnell gerufenes „Der tut nichts!“ ist bei einem Hund von 40 cm Schulterhöhe weder beruhigend noch hilfreich oder nützlich. Es ist grottenunnötig und hilft weder dem armen Jogger, noch beruhigt es meinen Hund.

Aber es gibt noch so einen Satz. Der ist alters- und situationsunabhängig und für mich der schlimmste Satz, den man in einem Gespräch äußern kann. „Früher war alles viel besser!“ Bei diesem Satz friert in mir alles ein und ich könnte Ausschlag bekommen. Er tötet sämtliche kommunikativen Zellen in mir und lässt mich in einer Schockstarre verharren, aus der ich mich nur schwer lösen kann. „Früher war alles viel besser“ ist nicht nur grottenunnötig, sondern einfach komplett unwahr!

„Früher war alles viel besser!“ ist für mich das deutlichste Zeichen, dass mein Gegenüber vollkommen frustriert ist. Aber nicht nur das. Es signalisiert ebenso, dass er keine Lust hat mit der aktuellen Zeit mitzugehen, die Zeichen und Entwicklungen der Gegenwart versteht oder Lust hat sich damit auseinanderzusetzen. Früher war nichts besser, es war alles nur anders. Früher hatten wir Krieg – das kann keiner für besser halten. Früher hatten wir Leibeigenschaft – wünscht sich nicht wirklich jemand, oder? Früher hatten wir keine Möglichkeit, zu erfahren, was in der Welt los ist – muss recht langweilig gewesen sein. Früher hatten wir medizinische Methoden, bei denen mir schlecht wird, wenn ich daran denke – auch nicht erstrebenswert. Früher kam auf den Tisch, was der Garten zu bieten hatte – keine Bananen, Kiwis, Paprika, Kartoffeln, exotische Gewürze. Endlos, die Liste der Dinge, die früher nicht besser waren.

Besonders heftig wird mein Ausschlag bei diesem Satz, wenn er in Bezug auf die heutige Jugend geäußert wird. „Die Jugendlichen von früher …“, fängt er dann meistens an. Nein, die waren auch nicht viel besser. Die waren genauso, wie die Jugend von heute – frei, neugierig und von einem immensem Drang besessen, sich von den Älteren abzugrenzen. Heute wie damals. Nur kannten die Jugendlichen in der beginnenden Beatleszeit noch keine Handys, hatten keine Möglichkeit sich über das Internet ihre Musik anzuhören oder im Fernsehen Lieblingsfilme dreimal hintereinander anzusehen. Was hätten die Beatles oder ABBA wohl für „Like“-Zahlen oder YouTube-Klicks zustande gebracht.

„Früher war alles viel besser!“ ist für mich der hilflose Versuch, sich Respekt zu verschaffen, weil man ja eine gewisse Altersweisheit oder einen Erfahrungsvorsprung simuliert. In Wirklichkeit zeigt er mir aber die Unlust meines Gegenübers, sich mit der aktuellen Situation auseinanderzusetzen bzw. eine Zukunftsperspektive aufzubauen. Es stellt die vergebliche Mühe dar, sich in eine vergangene Wunschwelt zu flüchten, die bei näherem Hinsehen gar nicht so erstrebenswert wäre. Denn eins bleibt für immer unbestritten …

„Wir können die Zeit nicht zurückdrehen!“ – Ja … noch so ein Satz. Nein, können wir nicht, aber immerhin zeigt er, wenn auch widerwillig, die Bereitschaft meines Gegenübers sich mit dem Hier und Jetzt auseinander zu setzten. Wenn’s denn sein muss.

Früher habe ich mich über diese leeren Sätze einfach nur geärgert und nicht darüber geschrieben und mir Luft gemacht. Das war auch nicht viel besser. Aber auch ich kann die Zeit nicht zurückdrehen und beobachte weiter, wo mir solche leeren Sätze noch so begegnen. Immer mit einem schmunzelnden Auge, denn manchmal, ja manchmal bin ich auch zu faul, mich ihrer nicht zu bedienen. 🙂

Liebe mit 70+

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Mohnblumenfeld in Spanien

Die Liebesgeschichte begann eigentlich mit einer Trennung, wenn auch noch Jahre vergehen mussten, bevor sie begann. Nach 40 Jahren Ehe verstarb der Ehemann und die Frau, die nie alleine gewesen war, war erstmalig alleine für ihr Leben verantwortlich. Witwe mit 58 Jahren. Das erste Kind hatte sie mit 17 Jahren bekommen, eine Kinderhochzeit zur damaligen Zeit. Vier Jahre vor der Volljährigkeit war sie verheiratet und sozusagen vom Kinderzimmer direkt in die Obhut des Ehemanns gegangen. Es war eine gute Ehe mit vielen Höhen und Tiefen. Sie wurde geschlossen aus der Verpflichtung des Kindes wegen, war aber keine Liebesheirat. Am Ende standen Vertrauen, Respekt und Wertschätzung zwischen ihnen, ganz andere Werte und fünf erwachsene Kinder sowie eine gemeinsame Lebensleistung. 

Als junges Mädchen hatte sie in Sachen Liebe ein Schlüsselerlebnis. Die Damenschneider-Werkstatt in der sie lernte, bekam hin und wieder Besuch von einer Kundin. Sie kam immer in Begleitung ihres Partners oder Ehemanns. Während der Anprobe kokettierte die Dame mit ihren üppigen Rundungen, was dem Partner offensichtlich sehr gut gefiel. Er schwärmte immer davon, wie gut sie doch aussehe. So stellte sie sich die Liebe vor, in der man noch im Alter eine Begeisterung füreinander empfindet. Diese beiden waren später die einzigen, die ihr zu der frühen Schwangerschaft gratulierten.

Sie war Witwe – das erste Mal, dass sie selber, ohne Absprache, bestimmen konnte, wie sie ihren Lebensraum gestalten will. Einen neuen Partner wollte sie in keinem Fall. Sie wollte die Freiheit genießen und sich mit Dingen beschäftigen, die ihr selber wichtig waren. Sie wollte unabhängig ihre Tage gestalten, Reisen unternehmen, Freunde besuchen, selber entscheiden, welchen Film sie anschaute und einfach nur für sich sein. Das hatte sie vorher nie gehabt. Auch das fünfte Kind zog irgendwann aus und begann seinen eigenen Weg. Dann schließlich kamen die Tage, an denen sie alleine am Frühstückstisch saß, die Wochenenden, an denen keiner vorbeikam und Stunden, in denen sie mit niemandem sprach.

Sie begann Annoncen zu lesen, Zeit war ja da, und studierte die Partnerschaftsgesuche. Also doch? Nun ja, erst mal lesen bedeutet ja nichts, ganz unverbindlich einfach mal interessieren und schauen, ob nicht doch jemand Interessantes zu finden ist. Natürlich wurde sie fündig, denn eine Anzeige gefiel ihr recht gut. Es stellte sich jedoch schnell heraus, dass es sich dabei um eine Fangannonce einer Partneragentur handelte. Dennoch traf sie sich mit ein paar Herren, doch das Ergebnis war sehr ernüchternd. Der eine Herr suchte Gesellschaft, ein anderer wollte seine Porno-Sammlung vorstellen. Ein dritter wollte mit ihr nach Australien ausreisen, lebte selber aber schon im Seniorenheim. Ein weiterer hatte im Hinterkopf, seine Pflege für die beginnende Demenz zu sichern. Allen gemeinsam war der Wunsch ihre Lebensgeschichte zu erzählen, es gibt doch so viele einsame Menschen, aber ein so richtig interessanter Mann war für sie nicht dabei. Also lies sie es sein, das Leben konnte sie besser alleine gestalten.

Erstmal! Denn irgendwann saß sie wieder alleine beim Sonntagsfrühstück. Lass die Zeitung und landete doch wieder auf der Partnerseite. Dort lass sie eine außergewöhnliche Anzeige: Ein Glückssucher versprach kein Holzbein, keine Glatze und keine feuchten Hände zu haben. Fragte, wer Mut hätte zu schreiben. Den hatte sie, denn hier fand sie einen mit Humor. Um ein Foto bat er, dass er auch zurückschicken würde. Aussehen, Nationalität, Figur wären sekundär. Als Bild musste ein Passbildautomatenfoto reichen und schreiben konnte sie. So war die Antwort bald fertig und machte sich auf den Weg nach Spanien.

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Ihre Offenheit war es, die ihn wiederum antworten lies. Unter 436 Antworten auf seine Anzeige (man stelle sich den armen Briefträger des kleinen spanischen Ortes vor), war ihr Brief aufgefallen, der vielem entsprach, was er selber empfand. Und damit begann ein reger Briefwechsel. Die erwachsenen Kinder merkten natürlich eins nach dem anderen, dass sie sich veränderte. Die Laune war eine andere, das Lachen zog wieder in ihr Leben ein, die Fröhlichkeit wurde Begleiter. Alarmglocken klingelten bei allen Kindern, als sie nach zwei Brief wechselnden Monaten erzählte, dass er sich auf den Weg von 1600 km machen würde um sie kennenzulernen. Die zaghafte Frage, nach der Unterbringung des Mannes, beantwortet sie einfach: Sie hatten kein Hotel gebucht, er könne ihr gleich an der Haustür sagen, ob sie ihm gefiele oder nicht. Er blieb – für 14 Tag. Verließ für eine kurze Reise das Haus um nach weiteren 14 Tagen wieder da zu sein. Dann reiste sie – 1600 km zu ihm nach Spanien.

Das passierte vor fünf Jahren. Bis heute sind sie ein Paar – ein Liebespaar 70+. Die Kinder mussten sich daran gewöhnen, doch er machte es ihnen leicht ihn zu mögen. Dies war eine ganz andere Geschichte als die Geschichte mit ihrem Vater. Er tat nicht so, als hätte er kein Leben vorher gehabt. Seine frühere Ehe war glücklich, aber er sei nicht zum alleine leben geschaffen. Trotzdem war es teilweise schwer für die Kinder sich, ungeachtet des Erwachsenseins, daran gewöhnen zu müssen, dass die Mutter nun einen anderen Fokus hatte und das elterliche Haus nicht mehr das Haus von früher war. Mancher Unmut musste besprochen und behoben werden. Letztendlich aber zählt etwas ganz anderes. Sie ist glücklich, sie ist gesund, sie erlebt an seiner Seite Dinge, die alleine nicht möglich gewesen wären.

Sie sagt dazu, dass diese Liebe im Alter etwas Besonderes und Schönes sei. Beide müssen sich gegenseitig nichts mehr beweisen. Akzeptieren den Partner so, wie er nun mal ist – mit all seinen Ecken und Kanten. Mit 70 kann man niemanden mehr verbiegen und Kompromisse müssen geschlossen werden. Die grauen Haare, die Falten und der Bauch gehört ebenso dazu, wie die kleinen Macken, deren einzige Berechtigung das Alter ist. Aber, sagt sie, man muss sich auch selbst akzeptieren, so wie man ist, und wenn man den Jugendwahn die kalte Schulter zeigt, lässt sich manche Unebenheit durch hübsche Kleidung kaschieren. Und beobachtet sie ältere Paare, in den Straßen oder Kaffees, wenn sie sich unterhalten, dann wirken sie immer lebendig und vermitteln das Gefühl, sich noch etwas zu sagen zu haben.

So wie damals das Paar in der Damenschneider-Werkstatt, faszinierten sie auch immer schon die Gesichter und Hände älterer Menschen aus denen man viel lesen kann. Wenn diese älteren Menschen das Glück haben, jemanden lieben zu können, sie den Geruch des anderen wahrnehmen, den Kopf an den anderen anlehnen können oder beim Aufwachen dessen Hand spüren, gibt es dafür keinen anderen Namen als „Glück“. Diese Liebe und das Leben mit ihr – wird wertvoll durch Lob, Verständnis, Anerkennung und Dankbarkeit. Das jugendliche Schlüsselerlebnis wurde wahr.

Einzig eine Sorge begleitet diese Liebe im hohen Alter: Wie sieht die nächste Trennung aus? Wer bleibt, wer muss als erster gehen!

Plötzlich ist alles ganz anders

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In dem einen Moment genießen wir es alle – endlich ist Sommer und die Sonne scheint. Gut, es ist vielleicht schon wieder ein bisschen zu warm, aber seien wir ehrlich. Besser als mit dicken Mänteln und roter Nase über Glatteis laufen, ist das Wetter gerade allemal. Wir genießen die Parks, die Gärten, die Blumen und die Möglichkeit sämtliche Freiräume zu nutzen, die sich uns bieten. Wir genießen das Leben in vollen Zügen. Dann kommt plötzlich ein Anruf und alles ist anders.

Eine Nachricht, dass die Mutter, Schwiegermutter und Oma im Krankenhaus liegt. Die Familie bricht sofort alles ab, was im Moment vonstattengeht und orientiert sich von jetzt auf gleich neu. Man setzt sich ins Auto, fährt zum Krankenhaus mit der bangen Hoffnung, dass es nicht so schlimm sein wird, wie man … nein, wie man sich eigentlich nicht denken möchte. Die erste Einschätzung vom Arzt wird eröffnet und dann heißt es abwarten, wie es sich entwickelt. Was kommt am nächsten Tag? Was wird sein, wenn alle Ergebnisse der Untersuchungen vorliegen? Wie sieht die Zukunft aus?

Das ist eine Situation, wie sie jeden Tag geschieht, die wir aber eigentlich nicht wahrhaben wollen. Wir sind froh, wenn sie uns selber nicht trifft. Man hört davon immer wieder von Verwandten, von Nachbarn, von Kollegen oder Freunden von Freunden. Plötzliche Krankheitsfälle oder Unfälle, die dem Leben von einer Minute auf die andere eine völlig andere Richtung geben. Wollen wir auch nicht hören. Wir sind ja gesund und es geht uns gut. Was auch immer so bleiben sollte – hoffen wir.

Nach der ersten Prognose des Arztes kommt die Ernüchterung und es beginnen die Gedankenspiele, was wird wenn dies oder jenes passiert. Spekulationen kreisen im Kopf, aber ein richtiges und befriedigendes Ergebnis kann es nicht geben, denn es ist ja nichts mehr sicher und fest. Und – es wird nie mehr, wie es einmal war. Die einzige Sicherheit.

Die Angehörigen müssen nun warten, gezwungenermaßen. Wie gestaltet sich der Krankheitsverlauf? Mit welchen Einschränkungen ist zu rechnen? Ist eine vollständige Gesundung überhaupt möglich? Jeder verarbeitet für sich selber, auf seine Weise. Hat Bilder im Kopf, erinnert sich an Situationen und versucht seiner Angst Herr zu werden. Gut, wenn man sich austauschen kann. Wenn man gemeinsam verarbeitet, die Situation bespricht und notwendige Schritte plant.

Wenn man denn planen kann! Allzu oft stellen Angehörige in genau solch einer Situation fest, dass sie gar nichts planen dürfen. Das sie nicht entscheiden können. Keinerlei Rechte haben einzugreifen und dem Angehörigen nach ihrem Verständnis unterstützen dürfen. Es fehlen die notwendigen Papiere, Unterlagen, Verfügungen und Vollmachten. Man weiß vielleicht genau, was sich der kranke oder verletzte Angehörige gewünscht hat, dennoch gibt es keine Möglichkeit, dies geltend zu machen, wenn zeitige Vorsorge nicht getroffen wurde. Ein gerichtlich bestellter Vormund wird benannt und Angehörige können nur hoffen, dass er die Lage des Patienten einvernehmlich einschätzt und handelt.

Es tut weh, sich vorzustellen was wird, wenn man selber einmal schwer krank oder so verletzt ist, dass man nicht mehr für sich selber entscheiden kann. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass genau dieser Fall eintritt ist enorm hoch. Selbst wenn wir Glück haben, nicht schwer krank werden, keinen Unfall erleben, sondern einfach nur alt werden – irgendwann kommt der Moment indem wir nicht mehr selber entscheiden können. So gilt es vorzusorgen, wenn wir gesund und im Vollbesitz unserer geistigen Kräfte sind. Und dies nicht nur für uns selber, sondern und insbesondere als Entlastung für unsere Angehörigen. Ja, es tut weh, sich diesen schlimmsten Fall der Fälle vorzustellen und entsprechende Papiere vorzubereiten, aber – genau diese Vorbereitung gibt die beruhigende Sicherheit, dass im schlimmsten Fall das getan wird, was wir selber verfügt haben. Das unseren Wünschen Rechnung getragen werden muss und die Menschen, denen wir vertrauen, auch ein Auge darauf haben, dass unsere Verfügungen umgesetzt werden.

Zu nennen sind hierbei die Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung, Betreuungsverfügung, Bankvollmachten und ggf. eine Generalvollmacht. Papiere, die eine vertraute Person in die Lage versetzen, unseren bestimmten Willen durchzusetzen. Zudem ersparen wir der Person unseres Vertrauens viele unangenehme Wege und Erklärungen. Die Rechtslage ist klar. Gibt es keine Papiere, gibt es für Angehörige nichts zu tun, außer die Dinge als Zuschauer zu beobachten und hinzunehmen oder einen unangenehmen und schwierigen Instanzenweg zu durchlaufen.

Besondere Vorsicht ist dabei denen zu raten, die glauben, dies gilt nur für erwachsene Kinder und deren Eltern im Seniorenalter. Ehepartner sind genauso betroffen, wie Paare mit Kindern. Lebensgemeinschaften haben wiederum besondere Regelungen, genauso wie Geschwister untereinander. Es gibt ausnahmslos niemanden, der keiner Vorsorge bedarf, was im Fall der Fälle mit ihm geschehen soll. Oder besser noch, was eben nicht mit uns geschehen soll. Wer denkt schon als junge Mutter oder Vater gerne daran, was passiert, wenn beiden Elternteilen ein Unglück geschieht. Haben Sie festgelegt, wer das Sorgerecht und das Aufenthaltsbestimmungsrecht für die Kinder bekommt? Wollen Sie die Entscheidung treffen und festlegen oder überlassen Sie diese den Ämtern, die keinen Einblick haben, wie die familiäre Konstellation wirklich ist? Wem die Kinder vertrauen oder bei wem Sie denken, dass sie in ihrem Sinne weiter erzogen werden könnten. Wer, wenn nicht Sie selber, kann am besten beurteilen, wie der Fall der Fälle in ihrem Sinne geregelt werden sollte.

Informationen dazu findet man an vielen Stellen. Man kann viel Geld dafür ausgeben oder sich an soziale Verbände wie die Caritas oder in Berlin z.B. an die Bezirksämter wenden, die solide Informationen und Hilfe geben können. Bei den Bezirksämtern wird eine Gebühr von 10 € für die Beglaubigung erhoben.

Im Eingangs beschriebenen Fall der Großmutter wurden alle erforderlichen Verfügungen rechtzeitig getroffen. Und so ungewiss die Situation sein mag, ist es beruhigend, dass die Familie aktiv teilhaben, begleiten und entscheiden kann, wie auch immer der Genesungsverlauf aussehen wird. Die Aufmerksamkeit gilt allein dem Patienten und nicht irgendwelchen Formularen, für die man doch keinen Kopf frei hat.

Von Anfang an … Kinder mit Sportgeist!

Foto: René Blümner

Foto: René Blümner

Knochenbrüche und ausgeschlagene Zähne habe ich erwartet, als meine Tochter mit 5 ½ Jahren zu mir in die Küche kam und erklärte, dass sie von nun an Hockey spielen würde. Das saß! Hatte ich bis dahin die Vorstellung, dass meine Töchter die üblichen „Mädchensportarten“ ausüben würden – Ballett, Tennis, Aerobic, vielleicht Handball oder Volleyball … wurde ich hier von diesem kleinen Bündel recht schnell auf den Boden der Tatsachen geholt.

Ich kannte damals nur Eishockey. Männer in Riesenrüstungen, die selten ein Lächeln zustande brachten, bei dem man keinen Lachkrampf bekam. Das Geräusch von knackenden Knochen und zwischendrin mein kleines Kind. Schreckensbilder vor meinem geistigen Auge und keine Chance – denn das Kind wusste schon immer, was es wollte. Kurze Zeit später zog der erste Hockeyschläger in unser Haus ein. Von nun an sollte das Familienleben von einer Sache bestimmt sein – dem Hockeyfeld.

Es spielt keine Rolle, welche Sportart sich ein Kind aussucht. Wichtig ist, dass es sich eine aussucht. Je nach Neigung eine Mannschaftssportart oder eine Einzelsportart wie Schwimmen, Leichtathletik, Tennis beispielsweise. Der wohl wichtigste Aspekt, warum Kinder Sport machen sollten, ist die körperliche Entwicklung und Fitness. Der Sport als Ausgleich zu oft stundenlangem Sitzen in der Schule. Als Ausgleich zur Ernährung um Übergewichtigkeit auszugleichen oder vorzubeugen. Sport als Förderer der richtigen Haltung und als Vorbeugung um spätere körperliche Fehlstellungen zu vermeiden. Die medizinische Sinnhaftigkeit, dass Kinder wie auch Erwachsene Sport treiben sollten, steht außer Frage. Auch hier zeigt sich der Erfolg meist in dem Satz „Erziehen heißt vorleben!“. Treiben die Eltern Sport, liegt es nahe, dass sich auch der Nachwuchs dafür begeistern lässt.

Neben den körperlichen Vorteilen spielt insbesondere der soziale Aspekt eine wichtige Rolle. Spielt das Kind in einem Team oder einer Mannschaft, lernt es schnell die Bedeutung von Zuverlässigkeit, Kameradschaft, Zusammenhalt kennen. Der viel gerühmte Mannschaftsgeist ist eine große Motivationsquelle, kann begeistern und mitreißen. Zudem werden Durchsetzungs- und Durchhaltevermögen geschult. Das Kind lernt mit Niederlagen zurechtzukommen und dennoch weiter zu machen. Es lernt wie sich konsequentes Training in Erfolg wandeln lässt und idealer Weise erlebt es schöne Siege. Oft stehen Wettbewerbe, Mannschaftsfahrten und Events auf dem Programm. Und nicht zuletzt gründen sich Freundschaften aus einem gemeinsamen Interesse.

Es ist wichtig, dass sich das Kind eine Sportart auswählen kann. Nicht die Eltern sollten beschließen, dass es beispielsweise Fußballspieler wird. Der Papa hat das doch schon so gerne gespielt und sieht den nächsten Franz Beckenbauer im Filius. Nein, das Kind muss Angebote zum Kennenlernen einer Sportart bekommen. Es muss erfahren, ausprobieren dürfen und selber sehen, ob ihm der Sport, die Mitspieler, das Team und der Ort liegt. Dazu gehört natürlich auch, dass Kinder einen Sport ablehnen. Mit Vorwürfen sollte man sich dann zurückhalten. Besser ist es zu ergründen, woran das liegt und das nächste Sportangebot machen.

Hat es schließlich eine Sportart gefunden, die Spaß macht, das Umfeld stimmt und man Trainingstermine einhalten kann, ist das Interesse der Eltern ein nicht zu unterschätzender Faktor. Wenn die Eltern nachfragen, wie es beim Training war, wie die Spiele laufen, ob die notwendige Ausrüstung passt, ist die Motivation weiterzumachen wesentlich höher. Besser ist es natürlich, wenn Eltern mit gehen, zuschauen und sich später über die sportlichen Erfahrungen mit dem Kind austauschen. Vorsicht aber mit ehrgeizigen Plänen. Kaum jemand ist so begabt, dass sich aus Sport eine Profession ergibt und der Lebensunterhalt durch Sport gesichert werden kann. Sport soll in erster Linie Spaß machen und gesundheitlichen Gewinn bringen.

Unsere kleine Hockeyspielerin ist nun erwachsen. Sie spielt immer noch Hockey, hat ihre Schwester von diesem Sport mit begeistert, trainiert kleine HockeyspielerInnen, macht ein soziales Jahr im Hockeyverein und ist DHB-Schiedsrichterin geworden. Ihre FreundInnen sind HockeyspielerInnen und sie plant ein Studium in diesem Bereich. Wir haben unzählige Wochenende auf dem Hockeyfeld verbracht, Nachmittag in Hallen gesessen, Spielpläne studiert und vieles mehr. Der Vater ist ehrenamtlich für den Verein tätig und die Mutter organisiert den logistischen Hintergrund. Der Wille, dass unsere Kinder in einer Sportart Fuß fassen, hat uns als Familie vor allem zwei Dinge gebracht – zwei gesunde Kinder und wunderbare Freundschaften zu anderen Familien.

Ach ja – ein Knochen ist nie gebrochen und die Zähne sitzen auch noch alle am richtigen Platz!

zeit0514

Stadtteilzeitung Steglitz-ZehlendorfNr. 177 • Mai 2014

Das war’s – Leben mit der Bundeswehr

bundeswehr

Es gibt Dinge, die schon bei ihrer Einführung heftig umstritten sind und äußerst kontrovers diskutiert werden. Dazu gehört die Deutsche Bundeswehr. Für die einen ist sie Friedensgarant im eigenen Land, für die anderen ein Verein von Kriegstreibern, der längst abgeschafft sein müsste und schon gar nicht öffentlich auftreten sollte. Was sich bei allen Diskussionen kaum jemand klar macht ist, dass viele Familien mit der Bundeswehr leben. Und dies nicht erst seit dem es eine Verteidigungsministerin gibt, die diese Familien ob ihrem früheren Amt als Familienministerin in den Fokus gestellt hat. Diese Familien hat es seit Gründung der Bundeswehr 1955 immer gegeben, nur standen sie nie in der Öffentlichkeit.

Ich bin nie gefragt worden, ob ich etwas mit der Bundeswehr zu tun haben will. Ich wurde in die Bundeswehr hineingeboren und bin ein Bundeswehrkind. Mein Vater ging nach seinem Abitur in Berlin zur Bundeswehr. Seine Motivation war zum einen die Möglichkeit zu studieren. Durch den nicht lange zurückliegenden Weltkrieg waren die Mittel der Familie knapp und dort bot sich ihm die sonst nicht machbare Möglichkeit des Studiums. Der zweite Grund waren seine Erlebnisse mit dem Weltkrieg, der seine Kindheit bestimmt hatte und er diese nie wieder erleben wollte. Er wollte dazu beitragen den Frieden zu erhalten. So ging er, damals schon verheiratet und junger Vater, nach München und begann seine Laufbahn als Offizier.

Als Kleinkinder war uns der Zusammenhang zwischen dem Vater und seinem Beruf natürlich nicht klar. Eine Auswirkung dessen war, dass wir Kinder alle eine andere Geburtsstadt haben. Auch Jahre im Ausland, die eine sehr prägende Kindheitserinnerung sind, haben wir erlebt. Immer mehr ins Bewusstsein rückte die Zugehörigkeit zu dieser besonderen Gruppe als wir älter wurden und Oberschulen besuchten. Es war für uns Normalität den Vater in Uniform zu sehen. Das Leben mit der Bundeswehr überhaupt war Normalität, kamen doch die meisten Klassenkameraden ebenso aus solchen Familien. Es war normal, dass der eine Freund zuzog und der andere wieder wegziehen musste. Geschichten über Wehrübungen, Starfighter, über Beförderungen, Dienstgrade, Umzüge gehörten ebenso dazu wie ein sonntägliches Essen im Casino.

Und auch die Diskussionen über Bundeswehr waren so normal wie der tägliche Schulbesuch. Gerade im jugendlichen Alter, wenn politisches Denken beginnt und wenn sich Jugendliche von zuhause abgrenzen wollen, beginnen die Gespräche über Sinn und Unsinn des Ganzen. Diese Diskussion hat es immer in unserem Haus gegeben und jede Meinung wurde akzeptiert, solange sie respektvoll und begründet vorgetragen wurde. Meine Brüder sind nicht zur Bundeswehr gegangen, meine Schwestern haben Wehrdienstverweigerer geheiratet und trotzdem haben wir immer an einem Tisch gesessen, diskutiert, gelacht und die Welt verbessert. Ich habe damals, als es noch undenkbar war, mit meinem Vater gestritten, warum Frauen nicht zur Bundeswehr gehen dürfen. Für ihn als alten Offizier eine Unmöglichkeit, für mich eine Ungerechtigkeit. Damals hätte ich’s eventuell sogar gemacht, heute bin ich froh, dass der Kelch an mir vorbeiging. Wir Kinder sind zu den ersten Friedensdemo’s in Bonn gegangen und wir haben Gespräche erlebt, bei denen der Großvater (Heer), der Vater (Luftwaffe) und der Schwiegersohn (Marine) leidenschaftlich über politische Themen diskutierten.

Nach meinem Auszug zuhause ergab sich für mich ein anderer Weg, der die Verbindung zur Bundeswehr aufrecht erhielt. Viele Jahre fuhr ich als Betreuerin bei Jugendfreizeiten des Bundeswehr Sozialwerkes e.V. mit. Sehr viele Jahre später habe ich einen Berufssoldaten geheiratet. Warum ausgerechnet einen Soldaten, habe ich mich sehr oft gefragt. Letztendlich kann man sich die Liebe nicht aussuchen und es ist für mich, denke ich, die Verlässlichkeit und die Sicherheit, die ich sowohl beim Vater wie Ehemann immer gefunden habe. Ich habe gewusst, worauf ich mich mit dieser Ehe einlasse. Habe gewusst, dass Umzüge, Auslandseinsätze, Befremden von anderen und Diskussionen weiterhin zu meinem Leben gehören würden. Ich habe es nie bereut und wir hatten Glück. In unserer Ehe haben wir einen Umzug gemeinsam erlebt. Durch die Tätigkeit meines Mannes im Personalrat wurde es möglich, dass meine Kinder eine Grundschule und eine Oberschule besuchen konnten. Ich habe sechs Schulen bis zum Abitur mitgenommen. Es wurde möglich, dass ich durch die Ortsgebundenheit beruflich Fuß fassen konnte. Schließlich konnten wir uns über die Jahre ein festes soziales Gefüge aufbauen und ein Gefühl von Zuhause an einem Ort erleben. Eine Seltenheit bei der Bundeswehr, die ich in Kindertagen erlebt habe.

Der Abschied von der Bundeswehr war absehbar. Die Marine muss künftig ohne meinen Mann auskommen. Ein paar Wochen lang hat uns unsere Tochter, mit dem Gedanken zur Bundeswehr zu gehen, beschäftigt. Der Wehrberater war glücklicherweise so fähig ihr die Bundeswehr schmackhaft zu machen, dass sie schon während des Gespräches geheilt war. Mein Mann hat seine Sachen gepackt, hat sie abgegeben und damit ist es vorbei. Keine Wehmut, kein Groll, er blickt auf eine gute Dienstzeit zurück – die Pflichtjahre sind voll und nun geht es mit Optimismus und neuen Zielen in die Zukunft.

Was ich mir schon lange abgewöhnt habe sind die Diskussionen über die Bundeswehr. Man wird mit der Zeit müde zu erklären, dass man in einer normalen Familie lebt. Das der Vater nicht schlägt, der Ehemann liebevoll ist, dass man Drill nie erlebt hat und Waffen in diesem Zusammenhang nie gesehen hat. Man wird müde zu schlucken, dass der Vater als Kriegstreiber, der Ehemann als Uniformträger und alle als Gewaltverherrlichend angesehen werden. Man wird müde unfaire Diskussionen zu führen, die nicht zu gewinnen sind und man hört auf zu verteidigen, was man anders erlebt hat und zu schätzen weiß.

Die Bundeswehrfamilien haben sich schon immer in diesem Staat arrangiert. Sie benötigen keine eigenen Kitas, die die Kinder ausgrenzen. Sie benötigen Unterstützung und Akzeptanz in den angrenzenden Bereichen. Unterstützung der Schüler, die vom Norden in den Süden wechseln müssen. Unterstützung der Ehefrauen, deren berufliche Karriere oft wegen der Umzüge nicht möglich ist. Unterstützung bei langen Trennungszeiten. Sie brauchen Freunde und offene Menschen, die diese Familien nicht ständig durch unfaire Argumente in eine Verteidigungshaltung drängen. Denn für sie ist der Beruf des Vaters, des Ehemanns, nun auch der Mutter, meist nur ein Beruf, der zweifelsohne eine besondere Einstellung erfordert.

Mein Vater hat Frieden gewollt und geweint, als er als geborener Berliner die Öffnung der Grenzen erleben durfte. Er hat uns beigebracht für alle Nationen der Welt offen zu sein, den Frieden zu halten, Gespräche zur Lösung von Konflikten zu führen und schließlich, dass jeder Mensch dem anderen gleichwertig ist. Und mein Mann durfte erleben, dass sein Heimatort im Osten wieder ein Teil seines Lebens werden konnte. Beiden gemeinsam ist der unerschütterliche Familiensinn, dem sie aus Überzeugung ihr berufliches Leben gewidmet haben.

Ob man für oder gegen die Bundeswehr ist, muss jeder für sich entscheiden. Für mich ist entscheidend, dass meine Familie in Frieden leben kann. Ob die Bundeswehr einen Sinn hat, mag sich jeder beim Säbelrasseln unseres russischen Nachbarn selber fragen. Wir werden keinen Krieg in der Welt durch die Abschaffung der Bundeswehr verhindern. Keinen Konzern von Waffenlieferungen in Drittländer abhalten. Wir werden keinen Nazi zur Umkehr bewegen, wenn Kasernen geschlossen werden. Was ich mir wünsche ist etwas Verständnis und Fairness gegenüber dem Menschen, der in der Uniform steckt, der sein Tun jeden Tag hinterfragt und die Arbeit erledigt, die Moralisten wohl kaum erledigen möchten. Die größten Kritiker der Bundeswehr sind die, die jeden Tag ihren Dienst leisten. Sie symbolisieren für mich bald 70 Jahre Frieden in diesem Land. Dafür haben sie meinen tiefsten Respekt.

Und damit schließe ich für mich dieses Kapitel … vielleicht bis zur Seniorenfahrt mit dem Bundeswehr Sozialwerk e.V.

Lebensphasen

lebensphasen

 

Jeder durchlebt sie, niemand kann sich davon ausnehmen – im Guten wie im Schlechten. Die Schlechten bleiben uns im Gedächtnis, die Guten werden uns erst bewusst, wenn sie vorbei sind. Lebensphasen begleiten uns bewusst oder unbewusst ständig. Sie sind eine nicht zu verachtende Quelle unserer Erfahrungen. Meiner Familie steht die nächste bevor – diesmal eine absehbare Lebensphase.

Ich bin verheiratet, seit fast 20 Jahren, auch eine Lebensphase. In kurzer Zeit geht mein Gatte in Pension. Nein, er ist noch nicht im üblichen Pensionsalter. In seinem Beruf geht er regulär mit 54 Jahren in den Ruhestand. Ich werde weiter arbeiten, noch 13 Jahre. Die Kinder leben noch im Haus, sind in der Schule oder am Beginn der beruflichen Wegfindung. Also haben wir demnächst eine Schülerin, eine Studentin, eine Berufstätige, einen Pensionär. Wir sind dann so in etwa der Bevölkerungsdurchschnitt in einer Familie.

Und natürlich kommen nun viel Gedanken auf, was diese nächste Phase für uns bedeuten wird. Klar ist, er ist kein Mensch von Langeweile und auch Interessen hat er ausreichend zur Verfügung. Sicherlich wird er es erst einmal genießen, wir werden unsere Späße damit machen und viele Möglichkeiten entdecken, die wir bisher nicht hatten. Klar ist auch – der Alltag wird wieder kommen. Dann muss es sich bewähren. Wir werden uns, wieder einmal, als Partner neu kennenlernen, werden unsere Bereiche neu ordnen, werden neue Rhythmen entwickeln und vieles wird möglich, was uns bisher aus Zeitgründen nicht gegeben war. Wir werden Vorteile gegen Nachteile abwägen und so den höchstmöglichen Gewinn daraus suchen.

Eine absehbare Lebensphase … wir konnten uns lange darauf (gedanklich) vorbereiten. Im Vorfeld darüber nachdenken, was alles sein könnte, auch wenn es dann sicherlich ganz anders wird. Eine Lebensphase, die wir gemeinsam erleben und gestalten werden. Eine Phase, die viele Chancen eröffnet. Wir sehen dem entspannt entgegen.

Die meisten Lebensphasen werden uns immer erst im Nachhinein bewusst. Mir jedenfalls. Bin ich Mitten in einer drin, realisiere ich es nicht als Phase. Dann sind es die momentanen Umstände, die mich beschäftigen, an denen ich arbeiten muss. Die Kindheit ist eine Lebensphase, die wir erst viele Jahre später realisieren und analysieren. Sie ist wohl eine der prägendsten für einen Menschen. Eine meiner Lebensphasen ist die der Mutter. Mutter sein ist natürlich keine Phase, aber die der aktiven, versorgenden Mutter. Auch da werde ich erst im Nachhinein feststellen und analysieren können, ob sie gut war, ob ich meinen „Job“ zufriedenstellend gelöst habe und meinen Kindern das nötige Rüstzeug für ihr Leben gegeben habe.

Viele Lebensphasen stehen im Kontext von Ereignissen oder Personen. Dennoch erleben wir sie meistens alleine und unbewusst. Manche Lebensphasen hinterlassen tiefe Spuren, manche geben die Möglichkeit lange davon zu profitieren. Natürlich ist es uns auch gegeben Lebensphasen bewusst zu beginnen und zu beenden. Wir entschließen uns zu etwas oder hören mit etwas gezielt auf. Letztendlich ist aber jede dieser Lebensphasen ein Gewinn. Die Kunst besteht allein darin herauszufinden, worin die Chance liegt. Welche Erfahrung, Richtungsänderung oder Vermeidungstaktik daraus gewonnen werden kann.

In der Summe meiner Lebensphasen liegt mein Grund, warum ich mit meinem Alter nicht hadere, sondern es genieße. Ich bin heute die Summe dessen was ich erlebt habe, der Lebensphasen, die ich gemeistert habe und das Resultat vieler Richtungsänderungen. Und wenn ich den Rückwärtsblick wieder nach vorne richte, weiß ich, dass es noch viele Phasen geben wird, von denen ich heute noch nicht einmal etwas weiß. Will ich auch gar nicht wissen … nur im Nachhinein staunen.

Hat Frau die Wahl? – Zum Frauentag 2014

Beruf und Familie, Vereinbarkeit

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Hat man immer eine Wahl? Nein, nicht ganz! Wird man geboren gehört man auf die Seite der Männer oder der Frauen. Damit ist entschieden, ob man zum starken oder vermeintlich schwachem Geschlecht gehört und auf welcher Seite der Chancengleichheit man steht. Frauen machen in etwa die Hälfte der Gesamtbevölkerung aus. Gibt man das Wort „Frau“ in Google ein, kann man 74.100.000 Millionen Einträge finden, die versuchen den Begriff Frau in Worte zu fassen. Aber trotz dessen, dass das Frauenwahlrecht schon vor 96 Jahren in Deutschland eingeführt wurde, ist die Gleichstellung und Chancengleichheit der Frauen nicht gewährleistet. Der Frauentag wurde schon 1911 das erste Mal gefeiert. Doch der Staat ist schwerfällig und auch das Denken in den Köpfen der Protagonisten. Ganz besonders die Situationen der Mütter lassen in diesem Land mehr als zu wünschen übrig. Dazu zwei Beispiele:

Die eine Frau ist verheiratet mit einem sehr beschäftigtem Mann, den sie kaum sieht. Die Kinder gehen auf gute Schulen, die gehobene Ansprüche erfüllen. Sie selber arbeitet um nicht den Anschluss im Berufsleben zu verlieren. Sie wohnen in einer Eigentumswohnung. Die Freizeit ist vornehmlich von den Freizeitaktivitäten der Kinder bestimmt. Das Essen kommt aus dem Biosupermarkt und die Haushaltshilfe kommt dreimal in der Woche. Urlaub ist zweimal im Jahr, selbstverständlich im Ausland, vorgesehen – die einzig wirklich gemeinsame Zeit, die die Familie hat.

Die zweite Frau ist alleinstehend und hat nur über den Anwalt Kontakt zum Vater der Kinder. Die Kinder gehen auf die Schule um die Ecke. Sie hat einen 400 € Job gefunden und putzt daneben bei zwei alten Damen. Ihre kleine Wohnung hat kaputte Fenster, lässt sich schwer heizen, aber etwas anderes kann sie sich nicht leisten. Wenn sie zuhause ist, muss sie den Haushalt versorgen, mit den Kindern Hausaufgaben machen und sich um die Schriftkram kümmern. Gegen Monatsende muss sie wieder zur Tafel gehen, auch wenn sie sich schämt. Und an die Ferien mag sie gar nicht denken, weil die Kinder dann alleine sind und viel Blödsinn machen.

Tatsache ist, dass man bei beiden Frauen absehen kann wie die Zukunftsprognose aussieht. Alleinstehend mit Kind ist in Deutschland zur Zeit die sicherste Konstellation von Armut betroffen zu sein. Nicht nur für die Frau sieht es düster aus, auch für die Kinder, die mit höchster Wahrscheinlichkeit aus dieser Prognose nicht heraus kommen werden. „Gelernte Hoffnungslosigkeit macht es schwer, Herausforderungen im weiteren Leben zu meistern.“ heißt es dazu im UNICEF-Bericht zur Lage von Kindern in Deutschland 2013. Unter andern wird dort aufgeführt, dass 2009 schon jede vierte alleinerziehende Mutter die Schule nicht beendet hatte bzw. nur einen Hauptschulabschluss geschafft hat. Wie hoch die Rentenansprüche einer Frau sein werden, die lebenslang in Minijobs oder gar nicht gearbeitet hat, kann man sich ausrechnen.

Die verheiratete Mutter wird aller Wahrscheinlichkeit nach, sofern sie die Ehe bis zum Rentenalter ohne Scheidung übersteht, eine kleine Rente erwirtschaften können. Natürlich nicht die Rente, die große Kreuzfahrten oder ähnliches ermöglichen wird, aber wenn sie klug ist, kümmert sie sich um private Vorsorge und erwirbt ggf. Rentenansprüche durch ihren Mann. Sofern ihre Kinder den Sprung in ein erfolgreiches Berufsleben schaffen, kann sie auch dort hoffen, im Alter ausreichend unterstützt zu werden. Wie gesagt, sie kann nur hoffen, dass der Plan aufgeht und sie nicht in die gleiche Situation wie die Alleinstehende kommt.

Das sind zwei Beispiele von Frauen im Jahr 2014 und das Schlimme daran ist, dass es die Mehrzahl der Frauen betrifft, die bereit sind, in diesem Staat die dringend gewünschten und benötigten Kinder zu bekommen. Der demographische Wandel macht deutlich, was uns in einigen Jahren bevorsteht. Die Baby-Boom-Kinder aus den 1960er Jahren gehen in einigen Jahren in Rente und die Kinder, die die Umlage finanzierte Rente bezahlen sollen fehlen. Düstere Aussichten, wenn man bedenkt, dass wir zu den modernsten und wirtschaftlich stabilsten Ländern der Welt gehören.

Zum Frauentag am 8. März wird jährlich eine der Zeit entsprechende Problematik um das Frauenbild aufgegriffen. Die Frage, ob das im 21. Jahrhundert noch notwendig ist, kann nur mit einem klaren „Ja“ beantwortet werden. In keiner Zeitperiode vorher, wie der seit dem ersten Weltkrieg bis heute, hat sich das Bild der Frau und ihre Akzeptanz in der Gesellschaft so häufig und stark verändert. Wirklich befriedigend sind die Fortschritte seit jeher aber nicht, bedenkt man die wirtschaftliche Unsicherheit in die sich vor allem Mütter in der heutigen Zeit begeben. Die Emanzipation ist überstanden, Frau fühlt sich gleichberechtigt für einen hohen Preis. Frauen dürfen wählen, in die Bundeswehr gehen und ihren Mann stehen, im Arbeitsleben gehören zum akzeptierten Bild, uneheliche Kinder sind nicht mehr mit gesellschaftlichem Ausschluss gleichbedeutend. In die Führungsetagen gehört die Frau aber nicht und ist von gleichberechtigter Bezahlung oft weit entfernt. Und wehe der, die bereit ist Mutter zu werden und damit oft auf den Staat angewiesen ist. Immerhin, dass es an Unterbringungsmöglichkeiten in Kitas und Horten fehlt, wurde erkannt. Dem versucht man entgegenzuwirken. Das Modell der Ganztagsschulen beispielsweise scheitert jedoch noch an der nötigen personellen wie finanziellen Ausstattung. Die Elternzeit kann geteilt werden, also auch Väter den frühkindlichen Dienst übernehmen. Alles Maßnahmen, die gebraucht werden um Müttern zu ermöglichen, ihre Kinder in guten Händen unterzubringen, berufliche Qualifikationen zu erwerben und ganztags zu arbeiten.

“Gender Mainstreaming“, heißt das Zauberwort, nach dem Staat und Organisationen bei allen gesellschaftlichen Vorhaben die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern von vornherein und regelmäßig zu berücksichtigen. Die Privatwirtschaft sagt dazu einfach Chancengleichheit. Das geht in die richtige Richtung, man hat erkannt, dass es keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit gibt. Aha, also doch nicht. Außer einem sprachlichen Wirrwarr um beispielsweise “Freunde und Freundinnen”, „FreundInnen” oder „Freund_Innen” sind errungenen Fortschritte für Frauen jedoch  nicht wirklich erkennbar.

Es bleibt zu hoffen, dass wirklich effektive und nachhaltige Schritte erarbeitet und durchgesetzt werden, die Mütter und damit ihre Kinder absichern.  Zudem Gelder zur Verfügung stehen, die es sozialen Einrichtungen, Schulen und Organisationen möglich machen, dort zu helfen, wo der Staat zu weit weg oder schwerfällig ist. Das bei Hilfsmöglichkeiten viel früher angesetzt wird, so dass Mütter erst gar nicht in die Situation kommen, ein wirtschaftliches Fiasko zu erleben.

Das Denken in den Köpfen der Menschen muss sich ändern, Männern wie Frauen. Nur der Staat muss dafür die Grundlagen bieten und Frauen Bedingungen schaffen, die die Entscheidung Mutter zu werden, nicht von Existenzängsten abhängig werden lässt. Einen Staat, in dem Kinderlachen per Gerichtsurteil erlaubt werden muss, sollten wir uns alle nicht wünschen – geschweige denn einen, in dem es kein Kinderlachen mehr gibt.

Leitartikel der Homepage des Stadtteilzentrum Steglitz e.V.
vom 10. März 2014

Das Ding mit der Erziehung

puppenwagen

Jedes Kind stellt mutmaßlich mindestens einmal im Laufe seiner Kindheit fest, dass es einmal alles anders machen wird, wenn es groß ist. Insbesondere, wenn es eigene Kinder haben wird und die Erziehung endlich selbst in die Hand nehmen darf. Eltern sind oft einfach zu streng, zu hartnäckig, zu nervig, zu uncool sowieso. Manchmal auch peinlich und sie wollen eigentlich immer zuviel wissen. Das ist so, das war so und wird immer so sein.

Bis dann der Tag der bitteren Erkenntnis kommt. Man steht da, mitten im Chaos, zwischen Wäschebergen, Unordnung, Hundefutter, Schriftkram, blubbernden Suppentöpfen, streitlustigen Kindern, Bügelbrett. Weiß nicht, wo man anfangen soll und merkt, dass das andere Ende der Erziehungskette doch ganz anders aussieht als in den kühnsten Kinderträumen. Der Blick hat sich verändert, Prioritäten haben sich verschoben, Einblicke haben sich entwickelt. Das Ideal von einst, alles ganz anders – besser zu machen, rückt in weite Ferne.

Sicherlich – es ändern sich Dinge von Generation zu Generation. So wurde am Esstisch der letzten Jahrhundertmitte nicht gesprochen, schon gar nicht von den Kindern. Heute hat sich die, meist einzige, gemeinsame Mahlzeit am Tag zum Kommunikationstreffpunkt der modernen terminverplanten Familie entwickelt. Auch das „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt.“ hat sich von der hungrigen Nachkriegsgeneration bis zur heutigen konsumverwöhnten Gesellschaft ebenso verändert, wie die Einsicht, dass eine Ohrfeige wohl noch niemandem geschadet hat. Gehörte die früher zu den erfolgreichen Erziehungsmethoden dazu, stehen heute doch (glücklicher Weise) Unversehrtheit und Persönlichkeitsrecht aller Kinder im Vordergrund. Erziehung passt sich der Zeit, dem Menschenbild und der Philosophie der jeweiligen Generationen an. Gut so!

Aber da gibt es doch ein paar Kleinigkeiten, die werden sich wohl nie ändern und je nachdem an welchem Ende der Erziehungskette man steht, sehr unterschiedlich empfunden. Denn, was man als Kind noch so gar nicht bedacht hat und nicht absehen kann, sind Faktoren wie Planung, Erschöpfung, Verantwortung, Weitsicht, Umsicht und der Blick auf das gesamte Familiengefüge.

Zum Beispiel „Scheren“. Scheren sind häusliche Gegenstände, die immer weg sind. Es gibt keine Schublade, kein Versteck, keine Ablage, die es schafft, Scheren für immer an sich zu binden. Sind Kinder im Haus, sind Scheren immer verschwunden, nie zur Hand und unauffindbar. Findet man eins der seltenen Exemplare sind sie immer Zweckentfremdet. Die Schneiderschere liegt im Bad, die Papierschere in der Küche, die Bastelschere eventuell im Sandkasten und Nagelscheren – mein Gott, wer verwendet denn Nagelscheren? Vielleicht tauchen sie beim nächsten Elternabend, wenn man am Platz des Filius sitzt, zufällig unter der Bank auf. Also – planen Sie einmal Nachwuchs – gewöhnen Sie sich schon einmal an Messer … obwohl, die richtig scharfen Messer? Gleiches Thema wie bei den Scheren.

Haustiere: Jeder liebende Elternteil weiß heutzutage um die wohltuende Wirkung eines Haustieres auf die psychologische Entwicklung des Nachwuchs. Kinder sollen die Möglichkeit zum Kuscheln haben, vor allen Dingen aber lernen Verantwortung zu tragen. Von Anfang an, denn nur, wer Verantwortung übernehmen lernt, kann später eimal Führungskraft werden. Also – Diskussionen – welches Haustier. Ist dieses Stadium überstanden, kommt die „Ich schwöre“-Phase. Fast ausnahmslos jedes Kind schwört, dass es – kommt das Tier ins Haus – Verantwortung und Pflege bis in die Steinzeit übernimmt. So, als würden die Eltern nicht mal merken, dass da überhaupt etwas Vierbeiniges im Haus ist. Sie dürfen sich sicher sein – die „Ich-schwöre“-Phase wird Ihnen am hartnäckigsten im Gedächtnis haften bleiben. Immer wenn Sie bei Regen mit dem Hund draußen stehen, den Karnickelstall sauber machen oder beim Tierarzt den 147igsten Kratzer von ihrer sonst so lieben Katze eingefangen haben. Ich schwöre – Kinder spielen und kuscheln mit Tieren, Sie machen zuverlässig den „Rest“.

Spülmaschine ausräumen. Uns ist es doch tatsächlich passiert, dass dieses unersätzlichste aller Haushaltsgeräte kaputt gegangen ist. Aus unterschiedlichsten Gründen kam keine Neue ins Haus. Die Eltern gewöhnten sich schnell an dieses durchaus kommunikationskräftige abendliche Geschirrspülen. Es war ok, bis zu dem Punkt als der Nachwuchs auch helfen sollte. Dann kam das gleiche Thema wie bei den Haustieren. Endlose Diskussionen und die „Ich-schwöre“-Phase – der eine räumt immer ein, der andere immer aus. Festzustellen bleibt lediglich die unwahrscheinliche Gemeinsamkeit von Haustieren und Geschirrspülmaschinen. Nachwuchs genießt, Eltern machen den Rest.

Schließlich noch ein ganz heißes Thema: Gerechtigkeit. So empfindet der Nachwuchs zuweilen die ganze Welt als geballte Ungerechtigkeit. Wird ein Wunsch nicht erfüllt oder die Last der kindlichen Arbeitsaufträge ist untragbar, kommt noch eine gemeine Hausaufgabe dazu, kann es immer nur an den Eltern liegen. Eltern und Gerechtigkeit sind Gegensätze wie Eiscreme und Solarium. Das wird besonders im Partyalter deutlich. Die ganze „KollegInnenschar“ darf immer, ohne Murren der (fremden, unbekannten) Eltern, die ganze Nacht Party feiern. Nur der eigene Nachwuchs soll zeitgerecht, oder noch schlimmer abgeholter Weise, zuhause sein. Das geht ja gar nicht. Und Fragen, ob man nicht auch mal jung war oder warum man so uncool ist, poltern auf den erzkonservativen langweiligen Erziehungsneurotiker ein. Und fragen Sie beim Frühstück bitte nicht, ob der gestrige Abend schön war. Der Nachwuchs muss ja erst aufwachen. Ist er wach, ist er schon wieder weg – die KollegInnen warten ja.

Sie bleiben schließlich zuhause sitzen, das Chaos im Haus ist vielleicht bewältigt, haben Gelegenheit und Ruhe einmal drei Gedanken einfach so in den Raum zu hängen. Ein Gedanke davon wird sicherlich sein, dass Sie ja doch viel, vielleicht sehr viel, genauso machen, wie Sie es als Kind abgelehnt haben. Von den Eltern dennoch abgeguckt, geprüft aus neuem Blickwinkel und schließlich für gut befunden haben.