Acryl, Aquarell oder doch lieber Pastell?

Es fängt in aller Ruhe an. Die Kursleiterin richtet die Tische für die nächsten 2 ½ Stunden ein. Kleine Staffeleien, Farben, Becher mit verschiedensten Pinseln, eine Gliederpuppe, Malmittel, Wassertöpfe und anderes, finden Platz auf dem Tisch. Die Tischdecke, fast als wäre sie ein eigenes Bild, zeugt von sehr vielen Bildern, die hier schon entstanden sein müssen. Die ersten Kursteilnehmerinnen finden sich ein, begrüßen sich und bereiten ihre Plätze vor. Sie suchen sich die notwendigen Utensilien, stellen eigene Arbeitsmittel dazu und beginnen mit ihren Werken. Seit 12 Jahren, jeden Mittwochvormittag, verwandelt sich der Kieztreff in eine Malwerkstatt.

Das Wort „Werkstatt“ drückt im besten Sinne aus, was hier passiert: Es bietet sich Raum zum gemeinsamen Arbeiten, Experimentieren, Probieren, Lernen, Austauschen, Besprechen – im Fokus die Kunst, die sehr individuell auf jede Teilnehmerin abgestimmt ist. Das zeigt sich am deutlichsten, wenn wir den Teilnehmerinnen über die Schulter schauen. Bei der ersten fällt eine große Plastikflasche mit feinem Sand auf. Ich frage, was der zwischen den Farben zu suchen hat und erfahre, dass Sand mit Farbe gemischt, die Oberflächenstruktur beeinflusst sowie die Farbe verdichtet. Sand sei allerdings nicht die einzige Möglichkeit, es wurde hier schon mit Kaffeesatz oder Sägespänen und anderem experimentiert. Die Künstlerin mischt sich verschiedene Farbtöne auf ihre Palette, den Sand dazu, und taucht in die Farbflächen ihres Bildes ein, mischt, ergänzt, verdichtet, Fläche um Fläche. Die nächste Teilnehmerin hat gleich vier Malgründe vorbereitet und malt parallel an allen. Entstehen soll ein Jahreszeiten Pentaptychon. Kein leichtes Unterfangen, da Farben natürlich auch einer Temperatur unterliegen und Nuancen entscheidend sein können. „Die Farben haben immer ihr eigenes Leben,“ sagt sie dazu. „Erst entsteht eine Vision eines Bildes, die zur Idee wird und schließlich einer ganz eigenen Entwicklung unterliegt.“ Die vierte Kursteilnehmerin experimentiert auf unbekanntem Gebiet. Sie hat sich erstmalig einer Collage gewidmet. Ein Bild einer Frau aus einer Zeitung hat sie fasziniert und man merkt, wie es in ihr arbeitet, wenn ihr Pinsel seinen Weg über die Leinwand sucht. 

 

 

 

 

„In der Schule haben sie mir immer gesagt, dass ich nicht malen könne,“ erzählt die nächste Künstlerin und zeigt stolz ihr Blumenbild. Ihre Mutter und der Ehemann konnten sehr gut malen und es hätte sie immer selber gereizt. Als sie den Aushang der Malwerkstatt sah, hätte sie es einfach versucht. Sie hält stolz das gerahmte Bild in den Händen, überlegt, ob die Rahmenfarbe passt und straft das frühere schulische Urteil ab. Der Aushang der Malwerkstatt hat auch die nächste Teilnehmerin in den Kieztreff gelockt. Sie hätte noch nie gemalt, erzählt sie. Jetzt ist sie so begeistert, dass sie jeden Tag an ihren Werken arbeitet. Schaut man sich die Bilder an, mag man kaum glauben, dass sie vor kaum zwei Monaten angefangen hat Bekanntschaft mit Pinseln und Farben zu machen.

In der Unterschiedlichkeit der Teilnehmerinnen und deren Technikvielfalt offenbart sich die Intension der Malwerkstatt, die Ursula Langer-Weisenborn vor so vielen Jahren ins Leben gerufen hat. Sie gründete eine offene Malgruppe für kreative und experimentierfreudige Erwachsene. Hier ist alles erlaubt, was im Spielraum der Ideenvielfalt und Kreativität der TeilnehmerInnen liegt. Ursula Langer-Weisenborn macht keine Vorgaben wie und an was gearbeitet werden soll. Kommen neue TeilnehmerInnen hinzu, hinterfragt sie behutsam, wo das Interesse liegt, welche Technik geeignet sein könne, wie man eine Idee verwirklichen kann. Arbeiten die TeilnehmerInnen an ihren Werken, wird gemeinsam betrachtet, miteinander Erfahrungen ausgetauscht und so der kreative Diskurs gefördert. Farben, Materialien und Techniken können sich ein künstlerisches Wechselspiel erlauben, dass sich in den unterschiedlichsten Bildern offenbart und jedem nach Vermögen einen Erfolg bescheinigt. Ob Acryl-, Aquarell- oder Temperafarben verwendet werden, mit Pastell- oder Kohlestiften gezeichnet wird, Leinwand oder Papier als Malgrund verwendet wird, spielt keine Rolle. Das gemeinsame Arbeiten gibt Impulse, fördert Ideen und Ausdrucksvermögen. So wird es unwesentlich, ob jemand „gut malen“ kann oder gerade erst seine Kreativität entdeckt. Es gilt das geeignete Ausdrucksmittel und den persönlichen Weg ins kreative Arbeiten zu finden.

Die professionelle Anleitung durch Ursula Langer-Weisenborn gibt dabei den sicheren Rahmen. Die Leiterin der Malwerkstatt berät und gibt Anregungen, aber bestimmt keine Vorgaben für das Arbeiten. Die Diplom-Pädagogin weiß aus eigenen Erfahrungen und ihrem Studium in Berlin, London und Rom, dass Kunst Bewegungsfreiheit braucht und immer im aktuellen gesellschaftlichen Kontext zu sehen ist. Deshalb gibt es in der Malwerkstatt auch keine Anwesenheitspflicht. Die Zusammensetzung der KursteilnehmerInnen wechselt von Woche zu Woche. Die Aufwandsentschädigung wird nur für die tatsächlich in Anspruch genommenen Termine bezahlt. Neben der Malwerkstatt bietet Langer-Weisenborn die „Malwerkstatt für Mütter“ an, die sich in der Freude am kreativen Arbeiten entspannen können und Ausdrucksmöglichkeiten finden, für Dinge die sich sonst schwer in Worte fassen lassen. Ihr eigenes künstlerisches Arbeiten stellt Langer-Weisenborn in der Malwerkstatt in den Hintergrund. In der Malwerkstatt sind ihre pädagogischen sowie handwerklichen Erfahrungen ausschlaggebend. Nicht das fertige Bild, sondern eher der schaffensreiche Prozess zum Bild steht im Vordergrund. Eigene Bilder zeigt sie auch im diesem Jahr beim 4. Kunstmarkt der Generationen, die sie unter das Thema „Rosen“ gestellt hat. Auch die Malwerkstatt kann auch auf Gemeinschaftsausstellungen im Kieztreff, im Gutshaus Lichterfelde oder Nachbarschaftsheim Schöneberg und anderem zurückblicken.

Ich frage eine Teilnehmerin, ob Konkurrenz ein Thema in der Werkstatt sei: „Nein, eher manchmal so ein kleiner Neid,“ antwortet sie mit einem Augenzwinkern. Nach meinem Besuch überlege ich, wie mein Bild aussehen könnte, welchen Pinsel, welche Farben, welche Technik ich wählen würde. Acryl, Aquarell oder doch lieber Pastell? Das offene Konzept, die Stimmung und Ruhe laden zum Mitmachen ein.

Malwerkstatt – offene Malgruppe für Erwachsene
Mittwochs, 9.30 – 11.30 Uhr im Kieztreff, Celsiusstraße 60, 12207 Berlin.
Gebühr 10 € pro Termin, Grundmaterial wird gestellt.
Neueinstieg ist jederzeit möglich.

Malwerkstatt – offene, kreative Gruppe für Mütter
Montags, 9.30 – 11.30 Uhr im Kieztreff, Celsiusstraße 60, 12207 Berlin.
Gefördert durch das SRL-Projekt Steglitz-Zehlendorf.
Das Material wird gestellt.

Leitung: U. Langer-Weisenborn, Diplompädagogin, freischaffende Malerin
Informationen und Anmeldung: 030 77 32 84 77


4. Kunstmarkt der Generationen

24. Juni 2017, 12.00 – 18.00 Uhr,
Schlosspark Lichterfelde am Hindenburgdamm 28, 12203 Berlin

Informationen und Kontakt:
Manuela Kolinski,
Projektleiterin Gutshaus Lichterfelde,
Telefon 030 84 41 10 40, E-Mail: kolinski@stadtteilzentrum-steglitz.de

Von Generation zu Generation

Im Wohnzimmer meiner Oma stand eine Antonius-Figur, zu der sie eine besondere Beziehung hatte. Immer wenn etwas verloren gegangen war, sprach sie mit ihm und bat um Hilfe. Ganz besonders erinnere ich mich an eine Situation, die ich als kleines Kind miterlebte, in der die Oma ihre Lieblingsmütze verlor, mit dem Antonius sprach und sie tatsächlich wiederfand. Der heilige Antonius von Padua ist der Schutzpatron der verlorenen Dinge. Heute steht die Figur in meinem Wohnzimmer und auch als ich meine Goldkette verloren hatte, sprach ich – gedanklich – mit dem Patron und fand sie wieder. Die guten Erfahrungen, die die Großmutter gemacht hatte, gab sie an die Enkeltochter weiter, die – wiederum – gute Erfahrungen damit macht.

Alles Humbug? Eine andere Situation: Mein Mann und ich räumen ein Zimmer um. An der Seite steht ein großer Spiegel, der kurz im Weg steht und – es musste so kommen – umfällt. Nur die Randverzierungen aus Spiegelglas brechen, der Mann schimpft böse: „Klasse! Sieben Jahre Pech!“ und ich schimpfe richtig böse zurück „So ein Quatsch. Das wird geklebt und fertig.“ Habt ihr schon mal jemanden erlebt, der wegen eines zerbrochenen Spiegels sieben Jahre Pech hatte? Ich aus meiner Erfahrung nicht. Der mitlesende Atheist schüttelt den Kopf, sind für ihn doch beide Situationen Beispiele puren Aberglaubens. Mein Verstand gibt ihm recht, aber das Bauchgefühl und das Erleben mit der Figur und zerbrochenen Spiegeln wird mich immer wieder daran glauben lassen, dass der Antonius hilft, der Spiegel aber eben ein Spiegel ist.

Es sind Erfahrungen, die uns glauben, handeln oder zögern lassen. Erfahrungsschätze, die wir lebenslang sammeln, mit steigenden Lebensjahren größer werden lassen und, sofern wir Glück und willige Zuhörer haben, eines Tages an die jüngere Generationen weitergeben können. Ganz so einfach ist es allerdings nicht, da gemachte Erfahrungen sehr persönlicher Natur sind und sich nie eins zu eins auf einen anderen übertragen lassen. Für ganz kleine Kinder ist es elementar, bei ihrer Entdeckungstour durch die Welt eigene Erfahrungen machen zu können, die ihre weiteren Handlungen und den Werdegang beeinflussen. Kinder müssen „erfahren“, um zu lernen und umzusetzen. Sie müssen beispielsweise ein Gespür für Gefahren entwickeln und so einen Erfahrungsschatz sammeln, der sie im weiteren Fortkommen schützt. Kinder, die von allem abgehalten werden, vor allem behütet aufwachsen und keine Selbstständigkeit entwickeln können, gehen einer großen Gefahr entgegen, in späteren Situationen hilflos zu sein, weil der Erfahrungsschatz fehlt, Dinge richtig einzuschätzen.

Der Jugendliche, so können Eltern nur hoffen, hat genügend Erfahrungen gesammelt, um die Zeit seiner Rebellion gut zu überstehen. In diesem Alter will der Zögling besonders eins: eigene Erfahrungen machen und ganz und gar nicht hören, was die „vernünftige“ Erwachsenenwelt dazu zu sagen hat. Zu dieser Zeit gehört Abgrenzung, Risikobereitschaft, auch Rückzug von Konventionen, um alles bisher gelerntes in Frage stellen zu können und sich selbst zu „erfahren“. In jungen erwachsenen Jahren öffnet man sich wieder dem Rat bzw. der Erfahrung Älterer. Mit Beginn der Elternschaft kommen wir erstmalig in die Situation eigene Erfahrungen an Jüngere weiterzugeben, aber auch die Erfahrung Älterer dringend zu brauchen. Wenn auch die Geheimnisse der Kindererziehung in unzähligen Büchern nachzulesen sind, ist es doch zuweilen hilfreich, aus den Erfahrungsschätzen der Eltern zu schöpfen.

Wir machen immer und überall Erfahrungen. In jedem Alter, mit jedem Tag, jeder Situation, mit jeder Begegnung und jedem Lebensbereich. Erfahrungen sind die Summe des im Leben Gelernten und eben diese Erfahrungen machen unsere Persönlichkeit aus, die sich mit jeder neuen Erfahrung weiterentwickelt. Erfahrungen sind wertfrei und unbegrenzt, können jahrelang brach liegen und im richtigen Moment wieder abgerufen werden. Erfahrungen gibt es nie genug.

Erfahrungsschätze zu bergen oder zu verwerfen, ist immer eine sehr persönliche Entscheidung. Ob wir die Schätze anderer nutzen oder schlicht ignorieren, hängt in der Regel davon ab, ob wir bereit sind, offen durch die Welt zu laufen, oder lieber in unseren kleinen Kreisen zu bleiben. Bereit für Neues sind und Respekt gegenüber dem Spender anderer Erfahrungen empfinden. Trauen wir den Erfahrungen anderer? Sind wir bereit, uns auf Unbekanntes entgegen unserer Erfahrung einzulassen? Sind wir in der Lage, unsere Erfahrungen mit den Erfahrungen anderer zu kombinieren, um neue Lösungswege zu finden? Passen unsere Erfahrungen in jeden Kulturraum, in dem wir uns bewegen? Sind wir bereit, unsere Erfahrungen zu verwerfen und Veränderungen zuzulassen?

Die Zeitepoche, in der wir leben und das jeweilige Alter sind entscheidende Faktoren, die unsere Erfahrungen beeinflussen. Der gesellschaftliche Kontext ändert sich mit ethnischem und technischem Fortschritt. Jedes Alter hat andere Anforderungen und Bedürfnisse. Es besteht ein immer währender Zwiespalt zwischen den Erfahrungen älterer Generationen und Ideen der Jüngeren, die neue Erfahrungen machen möchten. Ein gutes Beispiel dafür ist Erziehung: Noch in den 1950er Jahren autoritär und hierarchisch verstanden, wurde die Prügelstrafe erst 1979 per Gesetzt an deutschen Schulen verboten. In den 70er Jahren galt die antiautoritäre Erziehung als Nonplusultra. Daraus erkannte man, dass völlige Strukturlosigkeit in Hilflosigkeit der Erzogenen mündet, was heute teils mit Frühförderung und Karriereplanung ab Geburt beantwortet wird. Die Erzogenen verwerfen persönliche Erfahrungen durch neue Ideen, die wiederum in der nächsten Generation verworfen werden. Auch die Überbehütung, die Kindern heute oft widerfährt, wird neue Modelle erfahren, mit denen unsere Enkel konfrontiert werden dürften. Gerade in der Erziehung spielt eigenes „Erfahren“ und die Kontroverse dazu eine sehr entscheidende Rolle. Wer dachte nicht einmal für sich: „Wenn ich groß bin, mache ich einmal alles ganz anders!“

Der politische Wandel, den wir zur Zeit erleben, und der Umgang mit Geflüchteten sind ebenso hochaktuelle Themen, bei denen Erfahrungen aus früheren Zeiten und deren Einbindung in jetziges Zeitgeschehen auseinander klafft. Die Zeitzeugen des letzten Krieges und deren Erfahrungen werden weniger und oft fehlt der Blick für die guten Erfahrungen und Bereicherung, die die Integration fremder Nationen in die deutsche Gesellschaft mit sich gebracht hat. Zahlreiche Beispiele belegen, wo Erfahrungen, im gesellschaftlichen Zusammenhang oder persönlich, nicht genutzt oder schlicht ausgeblendet werden.

Erfahrungen machen kann hilfreich oder schmerzhaft sein. Erfahrungen anderer annehmen, kann bereichern oder in die Irre führen. Fatal, wer hört: „Das habe ich dir doch gleich gesagt!“ als Vorwurf fremdes Wissen nicht genutzt zu haben. Erfahrungen haben ist jedoch nie umsonst und sie bilden das Fundament, auf dem wir jeder neuen Situation und jedem Menschen begegnen. Die Begegnungen mit Menschen sind die frühsten Erfahrungen die wir machen und die uns prägend durch’s Leben tragen. Werden wir von Kindheit an mit Respekt und als Persönlichkeit wahrgenommen, beobachten wir bei unseren Eltern einen wertschätzenden Umgang mit fremden Menschen, sind Freundlichkeit, Höflichkeit und Optimismus Begleiter auf unseren Wegen, dürfen wir davon ausgehen, dass uns das auch selber widerfährt. Erfahrungen, die wir machen dürfen, die wir „erleben“, geben wir bewusst und unbewusst weiter – im positivem wie negativem Sinne.

Ich bin als junge Frau oft ratsuchend zu meinem Vater gegangen, habe ihm mein Anliegen geschildert und gefragt, was ich machen soll. Er hat immer geantwortet, dass ich diese Möglichkeit oder jene Möglichkeit hätte, dabei dies oder das abwägen sollte. Die Entscheidung müsse ich selber treffen, aber wie die auch sei, würde er mir zur Seite stehen. So habe ich früh gelernt zu entscheiden, durfte früh Erfahrungen machen und mir doch eines geschützten Rahmens sicher sein. Er gab keinen Rat, denn jeder Rat ist von persönlichen Erfahrungen der Ratenden beeinflusst. Fragt man 10 Mütter um Rat, bekommt man 10 Antworten, die eigentlich weniger Rat als eher persönliche Erfahrungen sind. So bleibt als einziger Rat mit Erfahrungen, dem eigenen Bauchgefühl und Erleben zu folgen.

Ob Antonius von Padua tatsächlich verlorene Dinge zurück bringt, weiß ich nicht. Er gibt mir ein gutes Gefühl oder unterschwellig die Zeit über den richtigen Fundort der verlorenen Dinge nachzudenken. Einen Spiegel werde ich, obwohl ich es als Aberglauben abtue, nicht bewusst zerstören. Ich werde jetzt, nachher und in Zukunft weitere Erfahrungen machen. Menschen zuhören, wenn sie von ihren Erfahrungen erzählen. Immer wieder abwägen, ob sie zu meinem Erleben passen. Ich werde meine Kinder dabei begleiten ihre Erfahrungen zu machen. Ich werde, vielleicht einmal, meinen Enkeln von meinen Erfahrungen im Leben erzählen. Nur die letzte Erfahrung am Ende des Lebens – die werde ich mit niemandem mehr teilen können.


Ein Beitrag aus dem Magazin „Im Mittelpunkt“ März/April 2017 mit dem Leitthema „Erfahrungsschätze“
Das ganze Magazin kann als eBook oder interaktives Pdf heruntergeladen werden, die gedruckte Version, einschließlich dem Einleger mit allen Veranstaltungen des Stadtteilzentrums Steglitz e.V., findet amn in den Einrichtungen des Stadtteilzentrums.

Eins bis Fünf plus Zwei macht Sieben

annaschmidt-berlin-com_1bis5plus2macht7Beim morgendlichen Hundespaziergang begegne ich einer Frau mit einem Welpen und ich komme mit ihr ins Gespräch. Wir kennen uns seit Jahren und unterhalten uns über die Kinder, denn unsere Ältesten waren in einer Grundschulklasse. Insgesamt hat die Frau sieben Kinder und als sie zum Ende kommt, habe ich das Gefühl, kaum etwas über meine Zwei erzählen zu können. Nun, ich kann doch mitreden, denn ich selber bin eins von fünf Kindern. Auf dem Rückweg denke ich über diesen Beitrag nach, der ebenfalls von einer Familie mit fünf Kindern handeln soll. In meiner unmittelbaren Nachbarschaft wohnen noch einmal drei Familien mit vier bzw. fünf Kindern. So selten scheint es also gar nicht zu sein, dass sich Eltern entschließen, dem gängigen Bild der Familie mit einem oder zwei Kindern zu widersprechen.

Ich mache mich schlau und finde verschiedene Zahlen. Im Schnitt sind es etwa 12 % der Familien, die in Deutschland als kinderreich, also mit drei und mehr Kindern, gelten. Dabei wird das Wort „kinderreich“ gerne vermieden, weil reich an Kindern oft mit wirtschaftlich schmalen Verhältnissen verbunden wird. Dies, weil man in den Köpfen davon aus geht, dass wenigstens ein Elternteil aufgrund der Kinderzahl nicht erwerbstätig sein kann. Der überzeugten Einzelkind-Mutter und anderen gelingt es kaum, die Vorstellung mit drei und mehr Kindern zu leben, nicht mit Stress, Chaos und viel Hausarbeit zu verbinden.

Stress erlebt sie nur durch die Lautstärke, wenn alle Kinder zuhause sind, sagt meine Interview-Mutter und fügt tröstlich dazu, dass das ja nur besser werden kann, je älter die Kinder werden. Die Ruhe am Vormittag täuscht. Sie sitzt mit mir entspannt bei einer Tasse Tee und erzählt aus dem Familienleben. Auf dem Schoß sitzt der jüngste Sohn. Entsprechend seines Sprachvermögens mit 9 Monaten beteiligt er sich lebhaft an der Unterhaltung. Ansonsten hat sie keinen Stress, denn es kommt ja sowieso so, wie es kommt und das muss man nehmen, wie es ist. Starke Worte, wenn man weiß, dass ab dem frühen Nachmittag Kind Nummer 2, 3, 4 und 5 nach Hause kommen. Dann ist es mit der Ruhe vorbei.

Die Alleinstellung der Familie kommt ihr lediglich ins Bewusstsein, wenn sie von anderen darauf angesprochen wird. Im normalen Alltag erlebt sie die Vielzahl der Familienmitglieder als Selbstverständlichkeit. Trotzdem nimmt sie wahr, dass die Menschen aufhorchen, wenn sie von fünf Kindern erzählt. Ob geplant oder nicht, der Vater ist eins von vier Kindern, die ebenfalls alle vier Kinder haben. Sie selber hatte früher die Vorstellung, einmal ein oder zwei Kinder zu bekommen. Die Reaktionen auf Schwangerschaften haben sich mit steigender Kinderzahl verändert. Von anfänglicher Begeisterung und Glückwünschen bis hin zu unpassenden Fragen, ob es nicht schon genug Kinder seien oder es ein Unfall ist, hat sie alles erlebt. Das Unverständnis mancher Leute, die Irritation und das Befremden, dass man gerne und bewusst mit vielen Kinder leben möchte, wird größer.   

Vom frühen Nachmittag bis frühen Abend ist Kinderzeit in der Familie. Bis halb Acht fordern die Jüngeren Aufmerksamkeit, danach ist noch Raum für die Älteren, bis diese schlafen gehen. Der Vater steht mitten drin, unternimmt und spielt viel mit seinem Nachwuchs, redet und beschäftigt sich mit ihnen. Jedes Kind hat seine eigenen Nischen, über die es sich seine besondere Aufmerksamkeit holt. Sieht der Außenstehende fünf Kinder, lebt die Familie sehr bewusst mit den individuellen Eigenheiten jedes einzelnen und geht, wo möglich, darauf ein. Der Mutter ist durchaus bewusst, dass sie nur begrenzt erziehen kann. Eher versteht sie sich als Begleitung nach den persönlichen Stärken und Schwächen ihrer Kinder. Dennoch geben die Eltern den formenden Rahmen. Gemeinsame Mahlzeiten sind für große Familien ein Muss und so legt besonders der Vater Wert darauf, dass beispielsweise alle am Tisch sitzen und Essmanieren gewahrt bleiben. Rituale und Regeln dienen nicht allein dazu, das Familienleben zu ordnen und organisieren, sie sind auch zugleich ein probates Mittel, das Gemeinschaftsgefühl der Kinder untereinander zu stärken. Die Kinder wachsen einerseits mit der stets schützenden Gemeinschaft auf, in der Begriffe wie Rücksicht, Teilen, für die anderen mitdenken genauso bedeutend sind, wie die Selbstverständlichkeit, früh zu lernen, eigene Wege zu gehen und Eigenverantwortung zu übernehmen – immer die Familie im Rücken.

Die Mutter ist weit entfernt davon, die gängigen Vorstellungen einer Hausfrau mit fünf Kindern zu erfüllen. Ohne ihre Arbeit hätte sie keine fünf Kinder bekommen, sagt sie. Beim dritten Kind war sie ein Jahr lang zuhause und konnte kaum den Arbeitsbeginn erwarten. Einen Krankheitstag wegen krankem Kind hat sie noch nie einreichen müssen. War einmal ein Kind krank, war es immer möglich, den Dienst zu tauschen oder zu verschieben. Gute Organisation und ein starkes Netzwerk ist ohne Zweifel bei so einer großen Familie erforderlich, was aber mit der Zeit wächst. So lebt im gleichen Haus eine Familie mit drei Kindern. Ergeben sich Überschneidungen bei Terminen, ist es mittels Babyphone immer möglich, kleine Lücken zu überbrücken. Zusammengerechnet (einschließlich Arbeitszeit) verbucht die Mutter zwei Tage in der Woche ohne Kinderbetreuung für sich. Genug Zeit, um zu entspannen und eigenen Interessen, wie Sport und Treffen mit Freunden, nachzugehen.

Natürlich gehen manche Dinge nicht so leicht, wie in kleineren Familien. Wollen die Kinder Angebote nutzen und Vereinssport machen, müssen sie Angebote in unmittelbarer Umgebung suchen. Sie kann keinen Fahrdienst einrichten und so müssen manche Dinge warten bis die Kinder selber das öffentliche Verkehrsnetz nutzen können. Elternabende versucht sie zu besuchen. Dabei ist es ihr wichtig, der Lehrkraft oder Erzieherin ihre Wertschätzung durch ihr Interesse auszudrücken. Die Kinder suchen sich ihre Lücken, in denen sie ganz speziell für sich Zeit mit den Eltern finden. Alles andere wird halt gemeinsam gemacht.

Wo bleibt das Paar? An dieser Stelle lacht sie: Zeit für ihren Mann und sich ist hart erkämpfte Zeit. Zum Glück sei der Vater sehr kommunikativ und unterhaltsam, weshalb sie immer das Gefühl der Verbundenheit hat. Er würde durchaus einmal ein paar Tage wegfahren, die Kinderbetreuung organisieren und abschalten. Aber da gesteht sie ein, noch nicht soweit zu sein … der 9 Monate alte Sohn auf dem Schoß macht es deutlich.

Kinderreiche Familien empfinden sich selber als selbstverständlich und tatsächlich auch reich. Reich im Sinne der Gemeinschaft, nie alleine sein zu müssen und kennen selten das Gefühl der Langeweile. Die Eltern wachsen in diese Rolle in natürlicher Weise hinein, müssen ein hohes Maß an Flexibilität und Offenheit einbringen. Wo fünf Kinder zuhause sind, kommen oft Freunde dazu … macht ja auch nichts – es kommt ja sowieso so, wie es kommen muss.


szs_mittelpunkt_februar-2017Ein Beitrag aus dem Magazin „Im Mittelpunkt“ Januar/Februar 2017 mit dem Leitthema „Eltern“
Das ganze Magazin kann als eBook oder interaktives Pdf heruntergeladen werden. Die gedruckte Version, einschließlich dem Einleger mit allen Veranstaltungen, bekommt man in den Einrichtungen des Stadtteilzentrum Steglitz e.V.

Ohne Eltern geht es nicht

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Vier Mal im Jahr wird es wuselig, bunt und laut – jedes Mal, wenn im Hort an der Giesensdorfer Grundschule ein Jahresevent stattfindet. Jedes Event steht unter einem anderen Motto: „Was ich einmal werden will“, „Kostümparty“, „Giesensdorfer Weltfest“, „Auf den Spuren von Daniel Düsentrieb“ oder „Casino Royal“ steht auf den Einladungen. An diesen Tagen, an denen das Event stattfindet, steht der Hort den Kindern mit ihren Eltern offen. An den anderen Tagen stehen die Eltern als unverzichtbare Unterstützung im Hintergrund, denn – ohne Eltern geht es nicht.

Der Hort an der Giesensdorfer Grundschule betreut zur Zeit 152 Kinder. Für diese Betreuung steht ein Team von 14 ErzieherInnen bereit. Sie begleiten die Kinder über den ganzen Tag von der Frühbetreuung über die Unterrichtsbegleitung bis zum Nachmittag in der ergänzenden Förderung und Betreuung. Die Eltern der Kinder sind an diesem Tagesablauf nicht unmittelbar beteiligt und geben doch den wichtigen Rahmen für diese Betreuung. Sie sind die eigentlichen Experten ihrer Kinder und so ist eine enge Zusammenarbeit zwischen den ErzieherInnen und Eltern unbedingt erforderlich, um für jedes Kind individuell die richtige Förderung und Unterstützung leisten zu können. Die oberste Direktive dabei ist, dass die Kinder gut eingebettet in ihrem Schulalltag hineinfinden und die Eltern gelassen ihren beruflichen und privaten Verpflichtungen nachkommen können.

Die Beteiligung der Eltern an der ergänzenden Förderung und Betreuung beginnt lange vor dem ersten Schultag. Ein Tag, der für das Kind und seine Eltern meist eine besondere Bedeutung hat. Hier trennen sich die Wege der Familie nach dem Kindergarten besonders deutlich. Das Kind verlässt die spielerische Förderung des Kindergartens und beginnt die zukunftsweisende Schullaufbahn. Umso wichtiger ist es, dass der Beginn gelingt. Für dieses Gelingen ist es unabdingbar, das Vertrauen der Eltern und Kinder zu gewinnen. Ein Stichwort, um dieses Vertrauen zu schaffen, ist die Eingewöhnung: Drei Wochen vor dem ersten Schultag sind die neuen Erstklässler eingeladen, die Ferienbetreuung zu besuchen. Auch dort sind die Eltern sehr willkommen! Sie sind gerne zu einer Tasse Kaffee eingeladen, können erste Gespräche führen und beobachten, wie ihr Kind sich in die EFöB einfindet. Ebenfalls kann beobachtet werden, wie erste Kontakte geknüpft werden und Freundschaften entstehen. Das alles ohne dem strengen Stundenplan des Schulalltags. Kommt nach der Zeit der Eingewöhnung der erste Schultag, können Eltern und Kinder entspannt den Schulbeginn erleben, da das Umfeld bekannt ist und die Familien andere Kinder sowie die ErzieherInnen der EFöB schon kennen.

In den ersten Schulwochen holen Eltern ihr Kind oft noch sehr gespannt ab. Fragen wie „Wie macht es sich?“, „Hat es Mittag gegessen?“, „Hat es mit anderen gespielt?“ und viele andere, wollen beantwortet werden. Dazu stehen die ErzieherInnen immer gerne für einen kurzen Austausch zur Verfügung. Besteht ein intensiverer Gesprächsbedarf, wird ein Termin vereinbart. Die EFöB an der Giesensdorfer Schule legt viel Wert darauf, dass die Eltern jederzeit gut informiert sind und der EFöB Alltag transparent ist. Umgekehrt ist der Austausch mit den Eltern auch für die ErzieherInnen sehr wichtig. Sie begleiten die Kinder über den ganzen Tag, beobachten es im Unterricht und haben so eine ganz andere Nähe als die Lehrkräfte der Schule. Auch geben sie keine Noten, bewerten nicht und fordern keine Hausaufgaben. Fällt ein Kind auf, weil es beispielsweise traurig, aggressiv oder müde wirkt, gilt es, die Ursache unter anderem im Gespräch mit den Eltern zu finden. Wenn man sowohl das schulische wie auch das häusliche Umfeld des Kindes verstehen kann, lässt sich oft leichter eine Lösung finden. Wichtig ist bei allen Gesprächen die Diskretion und das Feingefühl der ErzieherInnen, deren Bärenaufgabe es ist, den Eltern das Loslassen leicht zu machen.

Eltern müssen dennoch verstehen, dass sie Begleiter sind, das Kind vertrauensvoll den ErzieherInnen überlassen können und dem Kind die Zeit in der EFöB zugestehen. Finden am Nachmittag AGs oder zum Beispiel ein Geburtstagsnachmittag statt, ist es störend, wenn Kinder zu früh abgeholt werden. Viele Eltern setzen sich daher dazu, beobachten das Ende des Spiels und räumen ihren Kindern die benötigte Zeit ein. Bei den Hausaufgaben weichen die Wünsche der Kinder oft von denen der Eltern ab. Will das Kind, nach dem es den ganzen Vormittag im Unterricht gesessen hat, nach dem Mittagessen nur noch spielen, möchten Eltern meist ein Kind abholen, dass fertig mit den Hausaufgaben eine unbelastete Nachmittagsgestaltung zulässt. Hier versucht die Kollegin der Hausaufgabenbetreuung beide Interessen in Einklang zu bringen und belohnt die Kinder mit Konzentrationskaugummis oder kleinen Spielen.

Aktive Hilfe bekommen die ErzieherInnen in der EFöB an der Giesensdorfer Schule von den Eltern, wenn die Spendenbereitschaft gefragt ist. Nicht selten hört man von den sehr abwechslungsreichen Buffet bei besonderen Veranstaltungen. Auch wenn Papier knapp wird, Stifte oder besonderes Bastelmaterial gefragt ist, sind die Giesensdorfer Eltern immer mit im Boot. Besonders schön ist es jedoch, wenn man bei den Jahresevents die Eltern mit ihren Kindern beobachten kann, wie sie gemeinsam spielen, staunen, lachen und Freude haben … denn – ohne Eltern geht es nicht!


szs_mittelpunkt_februar-2017Ein Beitrag aus dem Magazin „Im Mittelpunkt“ Januar/Februar 2017 mit dem Leitthema „Eltern“
Das ganze Magazin kann als eBook oder interaktives Pdf heruntergeladen werden. Die gedruckte Version, einschließlich dem Einleger mit allen Veranstaltungen, bekommt man in den Einrichtungen des Stadtteilzentrum Steglitz e.V.

Kunstvoll erziehen!

katrin_munke

Es ist ein Moment der Selbsterkenntnis: Der dreijährige Sohn sitzt auf dem Teppich des Wohnzimmers und spielt mit seinen Modellautos den Straßenverkehr nach. Völlig in sich und sein Spiel versunken, schimpft das Kind mit einem Mal: „Dieser verdammte Viot, keine Augen im Kopf!“ und lässt einen Wagen in den anderen krachen. Der Vater sitzt im Wohnzimmersessel, beobachtet die Szene und zweifelt, ob er lächeln oder schimpfen soll, weil das Kind ein Schimpfwort benutzt. Ihm ist klar, dass das Kind den Vater im realen Straßenverkehr kopiert und erkennt sich selber im Verhalten des Kindes. Es ist der Moment in dem er versteht, wie Erziehung funktioniert.

„Erziehen heißt vorleben … alles andere ist höchstens Dressur“ – besagt ein Zitat von Oswald Bumke. Jede Mutter und jeder Vater erlebt irgendwann diesen Moment, in dem sie oder er sich selber im Verhalten, der Gestik, in der Wortwahl oder dem Tonfall des Kindes wieder erkennt. Die eigentliche Kunst ist nun, diesen Moment der Selbsterkenntnis bewusst für die Erziehung zu nutzen. Es bedeutet nichts anderes, als sich eigenes Verhalten klar zu machen, das man oft vom Nachwuchs gespiegelt bekommt. Kinder ahmen das Verhalten Erwachsener nach und beobachten ihre Umgebung mehr, als es Erwachsenen bewusst ist. Deutlich wird es ganz besonders in den kleinen menschlichen Fauxpas, die uns allen zu eigen sind. So nutzt es kaum, das Kind zum Lesen zu animieren, wenn man selbst nie ein Buch zur Hand nimmt oder dem Kind die Freude am Vorlesen zeigt. Es nutzt kaum, einem Kind Freundlichkeit abzuverlangen, sofern man sie selbst nicht lebt. Auch die Art und Weise, Streitgespräche zu führen, der Umgang mit anderen Menschen bis hin zur inneren Ruhe und Ausgeglichenheit hat Auswirkung auf den Wunsch des Kindes es den Erwachsen, den Eltern und meist Vorbildern gleich zu tun. „Es gibt keine andere vernünftige Erziehung, als Vorbild zu sein, wenn es nicht anders geht, ein abschreckendes.“ wusste auch Albert Einstein. So bleibt ganz einfach festzustellen, dass Kinder ein Spiegelbild der Eltern sind.

Erziehung ist die Kunst, sich selbst und seiner Wirkung bewusst zu sein. Das auch Erziehung durch Kunst möglich ist, macht das Beispiel der Künstlerin Katrin Munke deutlich. Bei ihr wurde das Interesse am künstlerisches Arbeiten und der Musik sehr früh geweckt und bleibt Bestandteil in Ausbildung und Beruf. Ob grafische Arbeiten, Mixed Media oder textile Kunstwerke – ihre Arbeiten bestechen durch ihr Farbigkeit und Detailtreue. Der Betrachter kann sich die Werke erschließen, immer wieder neue Bildelemente entdecken und über die Stimmigkeit von Bild-, Objekt-
und Farbelementen staunen. In drei Ausstellungen hat Katrin Munde ihre Werke im Gutshaus Lichterfelde den Besuchern vorgestellt und auch beim Kunstmarkt der Generationen, der in diesem Jahr zum vierten Mal stattfindet, ist sie treuer Gast. Nicht nur die Werke zeichnen sich in ihrer Besonderheit aus, auch der Erlös aus dem Verkauf lässt so manchen aufhorchen. So spendet Katrin Munke den Erlös zu 100 % an Hilfsorganisationen – meist der UNO Flüchtlingshilfe. Ihr persönlicher Gewinn an der künstlerischen Arbeit liegt im Prozess, der Entspannung und letztlich auch dem Austausch mit ihrem Publikum. Ihr Ehemann Martin Munke, ebenfalls Lehrer, hat sich autodidaktisch das Arbeiten mit Leder angeeignet und gilt heute unter Liebhabern als Geheimtipp. Er fertigt Helme, Armstulpen, Gürtel und Rüstungen, die nicht nur durch das edle Material sondern auch durch die kunstvollen Verzierungen Bewunderung auslösen. Ein Blick genügt, um zu wissen, welch ein Zeitaufwand in diesem, gar nicht mehr üblichem, Handwerk liegt.

Zur Familie gehören zwei Kinder, die von Anfang an ihre Eltern bei der Beschäftigung mit künstlerischen Arbeiten beobachten konnten. Natürlich ist es keine unbedingte Folge, dass Kinder durch dieses Vorleben ebenso die Liebe zum Kunsthandwerk entdecken. In diesem Fall war das aber so. Insbesondere in den Ferien lieben die Kinder die von den Eltern vorgegebene Atmosphäre. Es wird gemeinschaftlich gearbeitet und gewerkelt. Der Sohn zeigt eine Neigung zu grafischen Arbeiten und beherrscht den Umgang mit Finelinern. Malte A3 Blätter mit Theaterszenen voll, die die Mutter zum Vortrag hochhalten durfte. Die Tochter zeigt eine Neigung zu Handarbeiten und verfügt schon über eine stattliche Stoffsammlung. Auch das Mangazeichnen ist eins ihrer Steckenpferde. So steht die Familie über die Kunst im Austausch, ergänzt sich durch die jeweiligen Vorlieben und Richtungen des künstlerischen Arbeitens.

Den Kindern wird weit mehr mitgegeben als handwerkliche Fähigkeiten. Sie lernen durch Vorbild einen Prozess konzentriert und in Ruhe zu Ende zu bringen. Lernen sich selbst zu beschäftigen, bekommen Einblick in die Herstellung von Gegenständen und wissen um die Wirkung von Materialien. Sie lernen die Schaffensprozesse anderer zu respektieren. Lernen den Stellenwert der Kreativität zu schätzen, die letztlich Auswirkungen auf alle Lebensbereiche hat. Sie lernen Wertschätzung gegenüber Fähigkeiten anderer. Erfahren über Lob Anerkennung oder Förderung in einem weniger gefälligem Urteil zu erkennen. Zudem wird ihnen durch die Mutter vermittelt, dass sich neben dem Eigennutzen durch Kunst anderen helfen lässt.

Natürlich ist diese Familie ein sehr deutliches Beispiel dafür, dass das Vorleben im eigenen Tun unmittelbare Auswirkungen auf die Erziehung der Kinder hat. Nicht jedem ist es gegeben künstlerisch zu Arbeiten. Doch auch durch Sport, Literatur, durch besondere Wissensgebiete, besonderer Wertschätzung gegenüber Ernährung, Interessen in speziellen Bereichen, Reisen oder schlicht durch die Beschäftigung mit dem Kind, können Eltern eigenes Interesse und Erleben mit Erziehung verbinden. Und sei es durch die Kunst, sich immer wieder ehrlich und kritisch der Selbsterkenntnis zu stellen.   

Künstlerkontakt:
Katrin Munke, Telefon 030 29 36 86 63, E-Mail: katrin_munke[at]web.de


4. Kunstmarkt der Generationen

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24. Juni 2017, 12.00 – 18.00 Uhr,
Schlosspark Lichterfelde am Hindenburgdamm 28, 12203 Berlin

Info/Kontakt: Manuela Kolinski
E-Mail kolinski[at]stadtteilzentrum-steglitz.de
Telefon 030 84 41 10 41


szs_mittelpunkt_februar-2017Ein Beitrag aus dem Magazin „Im Mittelpunkt“ Januar/Februar 2017 mit dem Leitthema „Eltern“
Das ganze Magazin kann als eBook oder interaktives Pdf heruntergeladen werden. Die gedruckte Version, einschließlich dem Einleger mit allen Veranstaltungen, bekommt man in den Einrichtungen des Stadtteilzentrum Steglitz e.V.

Integration ist ein fortwährender Prozess

Zum 31. Januar 2017 soll die Kiriat-Bialik-Sporthalle freigezogen werden. Die letzten der ehemals 200 BewohnerInnen können in sehr wohnliche neue Unterkünfte umziehen.

Zum 31. Januar 2017 soll die Kiriat-Bialik-Sporthalle freigezogen werden. Die letzten der ehemals 200 BewohnerInnen können in sehr wohnliche neue Unterkünfte umziehen.

Es ist ruhiger geworden in den Nachrichten, was die Einreise von Geflüchteten betrifft. In diesem Winter mussten keine neuen Turnhallen beschlagnahmt werden, es kamen keine Nachrichten von Menschen, die in der Kälte vor Ämtern warten mussten und es kamen keine Spendenaufrufe, um Geflüchtete zu versorgen. Problem gelöst? Bei weitem nicht. Die Menschen, die in den Wintern 2014 und 2015 zu uns gekommen sind, sind immer noch da und noch immer haben nicht alle die Hallen verlassen. Auch kommen noch viele Menschen, wenn auch nicht in so hohen Zahlen. Trotzdem ist viel geschafft, doch lange nicht genug. Der Teil von ihnen, deren Aufnahmeverfahren weitgehend abgeschlossen sind, kann sich glücklich schätzen, aber auch sie haben erst eine Teilstrecke geschafft. Die nächste Etappe heißt Integration. Das bedeutet ankommen in einem Land in dem alles anders ist als sie es gewohnt sind. Das bedeutet von vorne anfangen und ein Leben aufbauen. Ganz alleine müssen sie das – sofern sie wollen – allerdings nicht tun: Seit Oktober 2016 gibt es das Integrationsbüro Steglitz.

Der Deutschkurs im KiJuNa – Kinder-, Jugend- und Nachbarschaftszentrum

Der Deutschkurs im KiJuNa – Kinder-, Jugend- und Nachbarschaftszentrum

Im März 2016 wurde dem Berliner Senat der Masterplan für Integration und Sicherheit auf Vorlage der Senatorin für Arbeit, Integration und Frauen, Dilek Kolat, vorgestellt. Dieser Masterplan sieht insbesondere acht Schritte für einen erfolgreichen Pfad zur Integration vor: Ankunft, Registrierung und Leistungsgewährung der Geflüchteten, Gesundheitsversorgung, Unterbringung und Wohnraum, Sprach- und Bildungsangebote, Integration in den Arbeitsmarkt, Sicherheit, Integrative und offene Stadtgesellschaft, Aktive Teilhabe der Geflüchteten am gesellschaftlichen und kulturellen Leben. Zur Verwirklichung dieser Schritte wurden aus dem Masterplan Gelder bereitgestellt, die die Einrichtung der Büros für Integration in den Bezirken möglich machten. Das Stadtteilzentrum Steglitz e.V. kam so in die Lage das Integrationsbüro Steglitz im Oktober 2016 zu eröffnen. Zwei neue Kolleginnen, Sabine Schwingeler und Martina Sawaneh, wurden dafür eingestellt und können sich seither unter der Leitung von Veronika Mampel, der Integration neuer Nachbarn widmen.

In der Evangelischen Gemeinde bot sich die Möglichkeit für eingesessene und neue Nachbarn gemeinsam über Flucht und Zukunft sprechen

In der Evangelischen Gemeinde bot sich die Möglichkeit für eingesessene und neue Nachbarn gemeinsam über Flucht und Zukunft sprechen

Veronika Mampel konnte diese Arbeit in gewohnter Routine übernehmen. Hier zahlt sich die Anbindung an den sozialen Träger aus, der seit vielen Jahren im Bezirk sesshaft ist und über ein großes Netzwerk von Kooperationspartnern und Beratungsstellen verfügt. Die Arbeitsbereiche der nachbarschafts- und generationsübergreifenden Arbeit, die Koordination der ehrenamtlichen Arbeit sowie alle Angelegenheiten im Bereich der Flüchtlingsarbeit betreut sie von Anbeginn und sie weiß, was zu tun ist. So bestimmt sie auch für die Arbeit des Integrationsbüros drei vornehmliche Bereiche – Wohnen, Bildung und Arbeit – die für eine gelungene Integration von Menschen mit Migrationshintersgrund wichtig sind. Unter diese drei Bereiche fallen fast alle Dinge, die für Familien oder Einzelpersonen elementar sind, wenn sie bei uns ein neues Leben beginnen wollen oder auch, wenn sie schon länger hier leben, aber an bestimmten Hürden nicht weiter kommen. Darüberhinaus werden auch Kultur- und Freizeitangebote vermittelt sowie Veranstaltungen organisiert. Braucht ein Kind beispielsweise Ausgleich im Freizeitsport, wird ein geeigneter Verein gesucht oder gemeinsame Nachmittage mit gemeinsamen Kochen, Essen, Tanz und Musik laden zu Entspannung und Austausch ein. Integration gelingt jedoch nur, wenn alle Beteiligten eingebunden sind. So steht das Büro auch allen Einheimischen offen, die Angebote in ehrenamtlicher Hinsicht machen möchten oder einfach nur Fragen zum Thema haben. So integriert sich diese Arbeit in die Arbeit des Trägers und seiner Einrichtungen, die Menschen aller Altersgruppen einschließen.

Zum gemeinschaftlichen Kochen müssen sich die Frauen künftig extra verabreden. Das Gemeinschaftsleben in der Halle geht dem Ende entgegen.

Zum gemeinschaftlichen Kochen müssen sich die Frauen künftig extra verabreden. Das Gemeinschaftsleben in der Halle geht dem Ende entgegen.

„Wir müssen den Menschen, die zu uns kommen, das Gefühl geben, dass sie bei uns Respekt und Zeit für ihre Person und Anliegen finden,“ sagt Veronika Mampel. „trotzdem verstehen wir uns lediglich als Begleitung und Stärkung. Die Selbstachtung der Hilfesuchenden muss in jedem Fall gewahrt bleiben und es dauert auch seine Zeit bis das Vertrauen aufgebaut ist.“ Sie fügt hinzu, dass umgekehrt auch die Hilfesuchenden sich einbringen und gewisse Regeln befolgen müssen. Dazu gehört es, Termine einzuhalten, gemeinsam getroffene Absprachen zu halten und, wo erforderlich, benötigte Papiere tatsächlich zu beschaffen. Das Integrationsbüro engagiert sich, wo Kenntnisse in deutschen Systemen erforderlich sind, enthebt die Hilfesuchenden jedoch nicht ihres Eigenanteils zum Ziel des Begehrens. Dazu gehört auch Perspektiven aufzuzeigen sowie Zusammenhänge deutlich zu machen. Sprachvermögen, eigene Bildung und die der Kinder, Arbeit und Wohnung … alle Bereiche spielen unmittelbar ineinander und müssen zusammenhängend bearbeitet werden. Geduld wird in allen Bereichen, besonders im Antragswesen, sowohl von den zu integrierenden Menschen wie auch von den Mitarbeitenden des Integrationsbüros, gefordert.

Routine ist ein Begriff, der nicht mit der Arbeit des Integrationsbüros zu vereinen ist. Diese Feststellung haben Sabine Schwingeler und Martina Sawaneh nach vier Monaten Arbeit im Büro gemacht. Natürlich gebe es ein Grundmuster, was die Menschen brauchen und suchen, dennoch ist jeder Fall anders, fordert andere Vorgehensweisen und stützt sich auf andere Grundbedingungen. Auch sie bekräftigen, dass Vertrauen eine sehr wichtige Voraussetzung für gelungene Arbeit ist, da die ersten Erfahrungen mit Ämtern und Büros bei diesen Menschen nicht unbedingt positiv besetzt sind. Erschwerend kommt hinzu, dass Menschen aus anderen Ländern und Kulturen ein völlig anderes Verständnis für Bürokratie mitbringen. Selbst der alteingesessene Bürger bei uns klagt über die teils schwerfällige deutsche Bürokratie, wie geht es da erst einem Menschen, der Bürokratie wie unsere überhaupt nicht kennt. Wird bei uns von Geburt an alles belegt und mit Zeugnissen besiegelt, zählt in anderen Ländern eher die Erzählung und Tat. Will ein Mann beispielsweise Bäcker werden, fängt er bei einem Bäcker, der ihn braucht, an zu arbeiten und wird Bäcker. Bei uns ist niemand Bäcker, der nicht einen Gesellenbrief vorweisen und somit eine Ausbildung nachweisen kann. Wie bringe ich nun einen Bäcker aus einem fremden Land hier in Lohn und Brot? Jedenfalls kaum als Bäcker. Trotz der Hürden konnte schon eine Arbeitsstelle, eine Ausbildung, drei Maßnahmen mit Übernahmegarantie und zwei Wohnungen vermittelt werden. Viele andere Vermittlungen sind in Arbeit. Die persönliche Freude der Menschen über diese Erfolge sind immer wieder Antrieb und Motor.

Auch das Spielzimmer, der eigentliche Geräteraum der Sporthalle, wird in Kürze seiner ursprünglichen Funktion zurückgegeben.

Auch das Spielzimmer, der eigentliche Geräteraum der Sporthalle, wird in Kürze seiner ursprünglichen Funktion zurückgegeben.

Der unterschiedliche kulturelle Hintergrund spielt für die Arbeit des Integrationsbüros zudem eine wichtige Rolle. Sabine Schwingeler und Martina Sawaneh müssen ihrer Klientel deutlich machen, dass es ohne Bürokratie nicht geht und gleichzeitig die Funktions- und Wirkungsweise verständlich machen. Unerlässlich ist dabei der persönliche Kontakt. Natürlich gibt es einen schönen Flyer, der gut erklärt, was jeder im Integrationsbüro zu erwarten hat. Kontakt entsteht jedoch meist durch Empfehlungen. Viele Hilfesuchenden kamen über die Jobbörse für Geflüchtete, die im letzten November im Rathaus Zehlendorf im Rahmen des Interkulturellen Dialogs stattfand. Dort konnten sich die Mitarbeiterinnen bekannt machen und dem Büro ein Gesicht geben. Die Menschen, denen geholfen werden konnte, empfehlen das Büro nun weiter und so stellen sich immer mehr Menschen vor. Hin und wieder kommen auch Menschen aus anderen Bezirken, denen sie nicht weiter helfen können und sie an andere Stellen in ihren Bezirken verweisen müssen. Eine berlinweite Übersicht über Integrationsbüros gibt es derzeit noch nicht.

Beide Frauen geben zu bedenken, dass an Integration bei uns sehr hohe Erwartungen geknüpft sind. Man kann Menschen, die schon einen langen Weg hinter sich gebracht haben, nicht von Heute auf Morgen eine Kulturkappe überstülpen und erwarten, dass alles auf Anhieb klappt. Integration ist der Prozess den Alltag in einem fremden Land zu bewältigen. Dieser Prozess fängt bei der Sprache an und mündet in die aktive Teilhabe an unserem gesellschaftlichen Leben. Integration ist keine Einbahnstraße, die nur von den Geflüchteten und Menschen mit Migrationshintergrund bewältigt werden kann. Diese Menschen müssen auf eine Gesellschaft treffen, die sich öffnet und sie willkommen heißt … hier gibt es keine Etappenziele … Integration ist ein fortwährender Prozess.

Veronika Mampel fügt insbesondere einen wichtigen Wunsch an: Als besondere Schwierigkeit hat sich die Wohnungssuche für die Menschen ergeben, die hier unbedingt Fuss fassen möchten. Dabei werden Wohnungen für alleinstehende Erwachsene und für teils große Familien gesucht. Manchmal hilft auch ein Zimmer, dass untervermietet werden kann. Das Integrationsbüro ist jedem dankbar, der hier einen entscheidenden Tipp geben kann oder selber geeigneten Wohnraum anbieten kann. Denn dann kann Integration tatsächlich mit neuen und alten Nachbarn stattfinden und so uns alle bereichern!

 

Veronika Mampel
Leitung des Integrationsbüros
E-Mail: integrationsbuero@sz-s.de

Nachbarschafts- + generationsübergreifende
Arbeit, Koordination Flüchtlingsarbeit + Ehrenamt
E-Mail v.mampel@sz-s.de, Telefon 0173 2 34 46 44
Termine nach Vereinbarung

Kontakt & Terminvereinbarung:

Sabine Schwingeler, Telefon 0172 7 93 36 10
Martina Sawaneh, Telefon 0172 7 93 36 70

Öffnungszeiten
Montag, Mittwoch, Freitag, 10.00 – 16.00 Uhr
Dienstag + Donnerstag, 10.00 – 18.00 Uhr

Integrationsbüro Steglitz
Lankwitzer Straße 13 – 17, Haus G, Tor 3,
12209 Berlin

Perspektivwechsel

game-characters-pixabay

Jeder, ausnahmslos jeder, hat es früher gedacht: „Wenn ich groß bin, erziehe ich meine Kinder einmal ganz anders!“ Der Grund lag meistens darin, dass man sich von Mutter oder Vater ungerecht behandelt fühlte, etwas nicht durfte oder nicht bekam. Nur kam man aus seinem „kleinem“ Dilemma nicht heraus. Musste sich fügen und fand ganze die Welt ungerecht. Viele Jahre später – man ist inzwischen erwachsen geworden und hat eventuell eigene Kinder – stellt man an gewissen Punkten fest, dass die Eltern mit ihrer Erziehung gar nicht so verkehrt gelegen haben. Man erkennt den Sinn mancher Regeln, Grundsätze, Verbote und Gebote und gesteht sich leise ein, das ein oder andere nun doch, genau so, wie die Eltern zu handhaben. In manchen Punkten zumindest, denn auch Erziehung muss sich wandeln und den zeitlichen Gegebenheiten anpassen.

Fühlt sich ein kleiner Mensch in Kindertagen, im Idealfall, von seinen Eltern beschützt und begleitet, will sich der etwas größere Mensch in der Jugend gerade von eben diesen, oft mit Protest, abgrenzen. Die Eltern verlieren ihre Vorbildfunktion und das eigene Profil will gefunden werden. Hat er die Abgrenzung geschafft, genießt er ein paar Jahre erwachsene Freiheit um eines Tages festzustellen, dass er nun selber die Seite wechseln muss und in die Rolle des Erziehenden rutscht. Vorbereitet ist kaum einer wirklich, da Elternwerden weder zur Allgemein- noch zur Schulbildung gehört. In der Euphorie des Elternwerdens, wird oft vergessen, wie der Alltag mit Kind wirklich aussieht, welche Kraftreserven hin und wieder gefordert werden und man auf Jahre hinaus oft auf manche Freiheiten verzichten muss. Dabei wäre eine etwas nüchterne Betrachtungsweise hilfreich. Junge Eltern sollten früh wissen, nicht perfekt sein zu müssen und Hilfe beanspruchen eher ein Zeichen von Stärke ist. Die Idealfamilie, immer entspannte Eltern, einen problemlosen Alltag mit Kind gibt es nicht.

Ratgeber für Eltern gibt es zahlreich. In Buchform oder Internetseiten zu allen Themen die Eltern bewegen. Nur wird dort oft erst gesucht, wenn ein Problem schon gegeben ist. Ratgeber in Form von Älteren, die die Erziehung hinter sich gelassen haben, oft eine Rückschau der eigenen Erlebnisse geben und weniger den objektiven Blick auf das Problem legen. Soziale Einrichtungen, Ämter und Selbsthilfegruppen bieten Hilfe, was voraussetzt, sich ein Problem vor Fremden einzugestehen. Es ist nicht leicht, in der Realität der Elternwelt anzukommen und festzustellen, dass die Bilderbuch-Familie nur in den wettbewerbsfähigen Müttergesprächen auf dem Spielplatz oder auf der Mattscheibe besteht.

Der beste Ratgeber von allen ist und bleibt das eigene Bauchgefühl und der ehrliche Umgang mit sich selber. Was dem Kind nicht möglich ist, kann der Erwachsene bewusst für seine Erziehung nutzen. Das Kind kann nicht in die Zukunft blicken oder sich die Gedankenwelt der Eltern vorstellen. Der Erwachsene hingegen ist in der Lage zurückzublicken und die Aussage „Wenn ich groß bin, erziehe ich meine Kinder einmal ganz anders!“ für sich umzukehren. Was wollten wir damals anders machen? Was hat uns an den Eltern gestört und was hätten wir uns gewünscht. Der Trick ist, sich auf die Augenhöhe des Kindes zu begeben, die Perspektive zu wechseln und versuchen zu verstehen, wie unsere Vorgaben auf das Kind wirken. Wir können die Perspektive wechseln – das Kind nicht.

Am Beispiel erklärt: Die Kinder kommen nach Hause, schmeißen die Jacken auf die Haken und die Schuhe verlassen die Füße dort, wo sie gerade sind. Die Mutter kommt nach Hause, vollzieht einen Balanceakt, bis sie erst einmal an den Kleiderhaken ankommt, um dann ihre Schuhe akkurat in das leere Schuhregal zu stellen. Dicke Luft ist im Haus. Die Mutter ärgert das Chaos, die Kinder verziehen das Gesicht – wäre doch noch Platz für weitere Schuhpaare in dem Flur gewesen. Viele Jahre später trägt eins der Schuhchaos-Kinder das Enkelkind nachts im Dunkel die Treppe herunter. Auf der vorletzten Stufe stolpert es über ein Paar Schuhe. Im Bemühen, das Enkelkind zu schützen, zieht es sich eine schmerzende Zerrung zu – und die Erkenntnis, dass es der Mutter damals nicht um das Chaos, sondern um dem sicheren Weg durch den Flur ging. Natürlich ist die Erkenntnis kein Heilmittel gegen Schuhchaos, aber doch die Möglichkeit, dem Kind zu erklären, warum man Ordnung im Flur möchte und kein Schuh mitten im Gehweg stehen sollte.

Noch ein Beispiel: Der Vater arbeitet, zuhause und im Büro – immer. Das Kind möchte ihm erzählen, was es erlebt hat, was es für Sorgen hat und seine Meinung hören. Der Vater sagt: „Jetzt nicht!“ Das ist es immer, was das Kind hört und das „Jetzt nicht!“ prägt sich dem Kind ein. Es weiß nichts von dem Bemühen des Vaters gute Arbeit zu machen um die Existenzgrundlage der Familie zu sichern. Es weiß nichts vom Zeitdruck, dem der Vater unterliegt oder von den Hindernissen, die der Vater bewältigen muss. Hier wäre es besser, der Vater würde sich die Zeit nehmen, dem Kind zu erklären, was es mit dem Arbeiten auf sich hat und feste Gesprächszeiten mit dem Kind aushandeln. Der Vater kann sich in die Bedürfnisse des Kindes hineindenken. Das Kind in die des Vaters nicht.

Diesen Perspektivwechsel können wir für alle Bereichen, die uns Eltern wichtig sind, durchdenken. Kinder verstehen nicht erst, wenn sie erwachsen werden. Sie verstehen durchaus, kindgerecht erklärt, sehr früh, was die Eltern bewegt. Wie verhält es sich mit Anstand und Höflichkeit, Gehorsam und Gefahr, Lob und Tadel, Pflichten und Privilegien? Was hat uns an unseren Eltern gestört? Was machen wir bewusst anders und in wie vielen Bereichen geben wir ihnen – aus der heutigen Perspektive – recht? Voraussetzung ist immer, das wir bereit sind unser Familienmodel nicht als hierarchisches Gebilde, sondern als Lebensgemeinschaft mit gleichberechtigten Partnern zu sehen. Bereit sind die ehrliche Mitsprache von Kindern zuzulassen und eine Position von oben vermeiden. Regeln, Grundsätze, Verbote und Gebote lassen sich mit Kindern aushandeln.

Nicht zu vergessen ist, dass die heutige Rolle der Eltern einem Wandel unterlegen ist. Waren Eltern in früheren Zeiten meist das bestimmende Vorbild, oder eben das Gegenteil dessen, spielen heute viele andere Erziehungsfaktoren eine entscheidende Rolle. Der Einfluss der technischen Möglichkeiten und Medien beeinflusst nicht nur die Berufswelt, auch das Privatleben ist in allen Bereichen betroffen. Kinder und Jugendliche unterliegen viel früher fremden Einflüssen, die sowohl meinungsbildend als auch erzieherisch wirken. Umso erforderlicher ist es, mit den eigenen Kindern und Jugendlichen immer im Gespräch zu bleiben. Nur im Gespräch erfahren wir, was den Nachwuchs bewegt und beschäftigt. Erziehen ist heute weit mehr als gebieten und verbieten und der Erfolg hängt unter anderem von der Ehrlichkeit uns selbst gegenüber ab. Das entgegenkommende Gespräch und echte Interesse an seiner Erlebniswelt ermöglicht es uns, den Faden zu Kind und Jugend nicht zu verlieren.

Klar ist: Auch wenn wir uns auf Augenhöhe der Kinder bewegen, die Perspektive wechseln und unsere Kinder als Partner sehen, sind wir, die Erwachsen, diejenigen, die die Geschicke vorgeben. Wir bestimmen das Maß in dem wir uns auf unsere Kinder einlassen, die Zeit, die wir ihnen heute widmen und die Intensität, die unser Verhältnis bestimmt. Den Satz „Wenn ich groß bin, erziehe ich meine Kinder einmal ganz anders!“ denken unsere Kinder trotzdem wie wir damals. Denn ebenso ist klar – auch wir sind „nur“ Mensch und mit Fehlern behaftet – aber auch das können wir unseren Kindern erklären.

 

Das Thema „Eltern“ steht im Mittelpunkt des nächsten Magazins des Stadtteilzentrums. Dort sind Beiträge aus dem Bereich des Schulsozialarbeit, Beiträge über junge oder kunstvolle Eltern sowie Beiträge aus der Arbeit mit unbegleiteten Flüchtlingen zu finden.

Randbegegnung

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Johannes Mirus und Sascha Foerster (links und rechts) – Bonn.digital – und Hendrik Epe in der Mitte

Ich gebe es gerne zu: Ich gehöre zu den Facebook-Nutzern, die nicht alle „Freunde“ in ihrer Freundesliste persönlich kennen. Es sind einige dabei, die ich im Kontext meiner Arbeit, des Bloggens oder durch andere Aktivitäten virtuell kennen und schätzen gelernt habe. Hin und wieder ergibt sich die Gelegenheit einmal einen solchen Kontakt persönlich kennenzulernen, was bisher immer ein Gewinn war. Solch eine Gelegenheit bot sich, als Sabine Depew über ihr Facebookprofil zum Barcamp „Sozial wird digital“ in Bonn eingeladen hatte. Bei den Wörtern „Sozial“ und „digital“ bekomme ich immer spitze Ohren und dies damit in Verbindung gesetzt, einen Facebookkontakt persönlich kennenzulernen, konnte nur bedeuten, dass ich mich anmelden wollte. Kurze Rücksprache mit dem Chef gehalten und Anna Schmidt war angemeldet. Etwas später zeigte sich, dass ich sogar zwei, bisher digitale, Kontakte persönlich kennenlernen würde. Auch Hendrik Epe hatte sich angemeldet, den ich bisher insbesondere über seinen Blog Ideenquadrat kannte. Sabine kannte ich über ihre Blogs Reisekladde und Zeitzuteilen.

Auf dem Weg zum Barcamp, und das gebe ich auch gerne zu, war ich unsicher, ob ich dort überhaupt am richtigen Platz sein würde. Zwar arbeite ich für einen sozialen Träger, habe aber keine Ausbildung, die irgend etwas soziales an sich hat. Meine Aufgabe ist es über die soziale Arbeit der KollegInnen zu berichten und dies gedruckt und digital der Welt mitzuteilen. Natürlich konnte ich über die Jahre einen guten Überblick darüber gewinnen, in welchem Ausmaß die Digitalisierung bei unserer Arbeit eine Rolle spielt. Also setzte ich mutig meinen Weg fort, kam an und fühlte mich ziemlich schnell willkommen. Die virtuellen Freunde stellten sich auch in echt als sehr sympathisch heraus und so konnte das Barcamp mit guter Laune beginnen.

Ein Barcamp ist kurz erklärt eine Zusammenkunft interessierter Menschen unter einem Leitthema. Außer dem Leitthema sind kommende Inhalte offen. Jeder, der über einen Aspekt dieses Leitthema sprechen möchte, stellt seinen Vorschlag vor. Die Vorschläge werden auf einer Tafel gesammelt auf Räume und Stunden verteilt. So kann sich jeder Teilnehmer heraussuchen, welches Unterthema ihn interessiert und er besuchen möchte. Die Wahl der Themen, was viele sicherlich bestätigen werden, war ob der Vielfältigkeit schwer, doch musste sie getroffen werden. Dennoch bestand die Möglichkeit auch während eines Gespräches oder Vortrags die Räume zu wechseln. So stellte sich jeder Teilnehmer seinen eigenen inhaltlichen „Fahrplan“ zusammen. Eine weitere Besonderheit gegenüber gewohnten Seminaren oder Workshops ist, dass man schon während des Barcamps die Welt teilhaben lässt, also über die sozialen Medien weitgehend live mitteilt, was man gerade erlebt, bespricht oder hört … so wurde über den Hashtag #sozialcamp fleißig gepostet oder getwittert. … Und es wurde später sehr viel darüber geschrieben – kurz gesagt, es war ein großer Erfolg und Gewinn für alle Teilnehmer … ein paar Links findet ihr am Ende.

Am Abend des ersten Tages waren alle zum Essen verabredet. Vorher wurde zu einer Führung durch das Bonner Regierungsviertel eingeladen. Da ich das aus den vielen Jahren, die ich dort gewohnt hatte kannte, ging ich nicht mit. Ich ging etwas früher in das Lokal. Dort saßen schon zwei Teilnehmer mit denen ich ins Gespräch kam. Bei dem einen zeigte sich recht bald, was er beruflich machte und so fragte ich den zweiten nach einer Weile, aus welchem Grund er an dem Barcamp teilnehmen würde. Er sagte kurz, er sei Autist. Ich denke, wenn man mich gefilmt hätte, hätte man gesehen, wie es in meinem Kopf arbeitet. Ich fragte unbeholfen nach und er klärte mich auf: Sein Name ist Aleksander Knauerhase und er sei Botschafter in eigener Sache. Er reist in ganz Deutschland herum und hält Vorträge über Autismus aus Sicht eines Autisten. Nun muss man wissen, dass ich noch nie einen Kontakt mit einem Autisten direkt hatte und mein Wissen darüber mehr als dürftig zu bezeichnen war. Was ich aber in der Folge erlebte, war ein Mann, der mir jegliche Scheu nahm zu fragen, was Autismus ist.

annaschmidt-berlin-com_barcamp-bonn-2Bei Aleksander wurde der Autismus sehr spät diagnostiziert, womit klar war, dass er einen schwierigen Weg gegangen sein musste. Er erzählte von der Mutter, die ihn dennoch immer so sein ließ, wie er war und so unterstützte wie er es brauchte. Natürlich war er der Mitschüler am äußeren Rand und immer anders als die anderen. So zerfiel mit jedem Wort mein Bild eines Autisten, der völlig in sich gekehrt die Welt aus seinem Leben ausschloss. Ich lernte die verschiedenen Arten des Autismus kennen. Erkannte, dass meine Tochter schon lange von einem Mädchen mit dem Asperger Syndrom in ihrer Klasse erzählte und nahm wissbegierig jedes Wort von Aleksander auf. Bewunderung empfand ich besonders für seine Darstellung, wie klar er sein Leben strukturiert und genau gelernt hatte, was er sich zumuten will, kann und darf. Ein besonderer Mann unter vielen Unwissenden, mit der besonderen selbstgestellten Aufgabe, diese Unwissenden in angenehmer Weise aufzuklären. Wir saßen auch später im Hotel noch ein wenig zusammen, denn er wurde nicht müde mir zu antworten. Stand aber später abrupt auf und forderte seine nun verdiente Ruhe. Mein Kopf kam an diesem Abend noch lange nicht zur Ruhe.

Am zweiten Tag beeindruckte mich besonders ein Vortrag „Die Psychologie des Bösen – Wie aus gewöhnlichen Menschen Täter werden“ von Reiner Knudsen. Auch darüber werde ich noch so manches Mal nachdenken müssen. Schaut euch die Präsentation an … es lohnt sich, denn wir sollten nie aufhören uns selber zu hinterfragen. Auch Aleksander bot an mit einer Gruppe über Autismus zu sprechen und natürlich war ich wieder unter den Zuhörern. Letztlich freute ich mich auf einen Beitrag – diese Beiträge werden Sessions genannt –  den Annette Schwindt über eine Video-Live-Schaltung anbot. Annette Schwindt kannte ich sehr lange über ihren Blog und über ihre Arbeit via Facebook. Sie war für mich immer die Expertin, die sich in Social Media Dingen auskennt und ich mochte schon immer ihre klare Art Dinge zu erklären. Das Thema der Videoschaltung hieß „Wie ich digital helfen wollte und niemand es verstand!“ … im Kern ging es darum, dass sie ihr Wissen sozialen Trägern zur Verfügung stellen wollte, es aber von niemandem angenommen wurde. Das konnte ich nun gar nicht verstehen, denn was konnte einem besseres passieren als solch kompetente Hilfe zu bekommen. Auch in dieser Session saß ich neben Aleksander und ich bemerkte die Vertrautheit zwischen Aleksander und Annette. Mir fiel wieder ein, dass ich auch von Annette gelesen hatte, dass sie mit dem Asperger Syndrom lebt.  Mein Plan, Annette zu schreiben, war gefasst.

Ich bin von diesem Barcamp sehr bereichert nach Hause geflogen. Hatte viel erlebt, wirklich interessante Menschen kennengelernt und viele Anregungen für meine Arbeit mitgenommen. Ganz besonders denke ich aber seither über Aleksander nach. Ich finde es bewundernswert, mit welcher Selbstverständlichkeit er für seine Sache arbeitet. Unwissende, wie mich aufklärt und für Verständnis beziehungsweise Verstehen in reinster Form wirbt. Nur wenn wir die Regeln verstehen, nach denen Menschen mit Autismus leben, können wir uns öffnen und auf ihre Bedürfnisse eingehen. Ich habe von einer stark sehbehinderten Freundin gelernt, warum sie immer auf eine Vorstellungsrunde bestanden hat – sie konnte nicht sehen, wollte aber hören wer da ist. Ich weiß aus eigener Erfahrung als Hörgeräte-Trägerin, wie wichtig es für mich ist, die Gesichter der Menschen zu sehen, die in meiner Nähe sprechen. Es sind manchmal Kleinigkeiten, die das Miteinander der Menschen erleichtern. Ein wenig zuhören, ein wenig Beobachten, ein wenig Verständnis und Entgegenkommen. Ich bin Aleksander dankbar, dass ich lernen durfte und überlege viel, was das Gehörte für mich bedeutet, wo ich umdenken, neu lernen, überdenken muss.

Die Randbegegnung war alles andere als das: Sie gehört zu den wichtigsten Begegnungen, die ich in diesem Jahr erleben durfte. Annette und ich haben E-Mails und ein paar Nachrichten ausgetauscht und freue mich, dass sich auch hier eine Tür geöffnet hat. Heute ist mir klar, warum sie so klar und logisch erklären kann … sie kann es gar nicht anders. Andersherum muss ich lernen deutlich und auf den Punkt genau Annette mitteilen, was ich ausdrücken möchte. Eine große Aufgabe für mich. Wollt ihr etwas über Autismus erfahren, dann lest in Aleksanders Blog Quergedachtes … es lohnt sich und bereichert! So zeigt sich, dass neben den realen auch virtuelle Kontakte ein wertvoller Fundus im Leben sind. Die Mischung macht’s – aber letztendlich steht hinter allen ein Mensch!

Über das Barcamp – was andere TeilnehmerInnen geschrieben haben (die Liste ist nicht vollständig, sondern nur ein Eindruck):

http://www.annetteschwindt.de/2016/12/05/digitale-hilfe-anbieten/

https://bonn.camp/sozialcamp/

http://www.praktische-sozialwissenschaft.de/2016/12/17/digitalitaet-in-der-sozialen-arbeit-es-bewegt-sich-was/

http://www.sozial-pr.net/erstes-barcamp-soziale-arbeit/?utm_content=bufferc7b3c&utm_medium=social&utm_source=twitter.com&utm_campaign=buffer

https://www.care-camp.de/war-ja-doch-viel-digitales/#more-1219

Langeweile zum Guten nutzen

Ilka Biermann im Gespräch mit dem Geschäftsführer des Sozialverband VdK Berlin-Brandenburg, Klaus Sprenger

Ilka Biermann im Gespräch mit dem Geschäftsführer des Sozialverband VdK Berlin-Brandenburg, Klaus Sprenger

Als ich sie fragte, ob ihr je langweilig sei, antwortet sie „Ja!“ … ich stockte und staunte. Mit dieser Antwort hatte ich nicht gerechnet. Es war nicht meine erste Frage und wer Ilka Biermann eine Weile zuhört, ist der festen Überzeugung, dass dieser Frau nie langweilig sein kann. Sie löst mein Erstaunen auf: Langeweile haben, bedeutet Zeit haben und das sei für sie positiv besetzt. Hat sie Zeit, kann sie in kreative Prozesse einsteigen und damit etwas bewegen. Ihre Aufklärung überzeugt sofort und ich nehme mir vor, über diese unerwartete Erkenntnis zu reflektieren. Es ist nicht die einzige Antwort, über die ich staune. Schon ihr früherer Arbeitskollege Reiner Hoffmann bescheinigte ihr, der Zeit immer ein Stück voraus zu sein.

Ilka Biermann ist in Steglitz-Zehlendorf ganz besonders durch ihre Arbeit im Jugendamt Steglitz-Zehlendorf bekannt. 21 Jahre lang leitete sie das Jugendamt und ging im November 2012 in Pension. 21 Jahre, in denen sie dieses Amt durch Fusionierung der Bezirke und zahlreiche Neuerungen der Schulsozialarbeit, Sozialraumorientierung sowie Jugendhilfe führte. Wer sie als aktive Amtsleiterin kannte, dem war klar, dass es auch nach der Pensionierung keinen Stillstand mit ihr geben würde. Die Seniorenvertretung hatte unter anderem das Glück, auch künftig mit ihrem Engagement rechnen zu dürfen. Dort setzte sie sich bis zu diesem Jahr insbesondere in den generationsübergreifenden Bereichen ein, für die gerade sie ob ihrer früheren Tätigkeit prädestiniert war.

Aus einer aktiven Familie kommend wurde ehrenamtliches Engagement für Ilka Biermann Bestandteil ihres gesellschaftlichen Lebens. Die Mutter war im kirchlichen Frauenbund aktiv, der Vater Karnevalist, wodurch Gemeinschaft und Solidarität wichtige Bestandteile der Erziehung waren. Sozialistisch schon durch den Großvater geprägt, setze sie alle vorgelebten Ideale um – auf ihre Weise. Neben der  AG 60+ oder der AG QueerSozis sind auch die Organisation politischer Tagesfahrten ihrem Engagement zuzurechnen, das damit noch lange nicht erschöpft ist. Sie sagt von sich selber, dass sie immer offen ist, neue Ideen aufzunehmen, zu entwickeln und sich von vielem begeistern lässt. Fesselt sie eine Idee, muss sie eher Obacht geben, nicht zu sehr vorzupreschen.

So findet man sie im Verwaltungsrat der BARMER GEK. Dieses oberste Beschlussgremium der Krankenkasse setzt sich ausschließlich aus ehrenamtlichen Versicherten zusammen. In ihrem dort hinterlegten Porträt finden wir den Biermann prägenden Satz: „Man kann immer etwas für andere tun – auch im Ruhestand!“ Sie ist externe Beraterin einer integrierten Gesamtschule und unterstützt als Partnerin ein Mehrgenerationenhaus und eine Freizeiteinrichtung. Überall dort, wo Generationen zusammenkommen oder Kinder- und Jugendarbeit zum Tragen kommt, kann man ihr Engagement erwarten. Die studierte Psychologin kombiniert geschickt Profession, Berufserfahrung und eigenes Interesse, um mitgestalten zu können und die Qualität der Versorgung Hilfebedürftiger zu verändern.

Es wundert nicht weiter, dass auch der VdK auf das Engagement von Ilka Biermann zählen darf. Der Verbandsname „VdK“ war ursprünglich eine Abkürzung: Gegründet wurde der Sozialverband VdK Deutschland im Jahr 1950 unter dem Namen „Verband der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen und Sozialrentner Deutschlands e. V.“. In den vergangenen 60 Jahren hat der Verband sich vom ehemaligen Kriegsopferverband zum großen, modernen Sozialverband entwickelt. Heute heißt der Verband offiziell Sozialverband VdK Deutschland
e. V. Innerhalb dieses Verbandes ist Ilka Biermann gleich auf mehreren Ebenen aktiv. Den Kreisverband Steglitz-Zehlendorf unterstützt sie als Beisitzerin für die Öffentlichkeitsarbeit und den Landesverband Berlin-Brandenburg u.a. als stellvertretende Vorsitzende. Innerhalb des Verbandes arbeitet sie noch als Gesellschafterin für tandem BQG und die Ki.D.T. Kinder- und Jugendambulanz, beides Tochtergesellschaften des VdK.

Spätestens jetzt stellt sich sicherlich der ein oder andere die Frage, wann sie das alles trotz Ruhestand eigentlich macht. Ilka Biermann lacht dazu und sagt, dass alles mit der Zeit gewachsen ist. Zum VdK kam sie auf die Bitte eines Freundes und in der Art ergab sich einfach Vieles auf ihrem Weg. Sie möchte bewegen, gesellschaftlich verändern und vielleicht auch manchem in ihrem Engagement Vorbild sein. Zeigen, dass jeder auf seine Weise etwas für die Gesellschaft tun kann. Hier frage ich mich insgeheim erneut, wann Ilka Biermann Zeit hat um Langeweile zu haben. Bevor ich mir diese Frage beantworten kann, erzählt sie mir weiter, wie gerne sie in Konzerte, ins Theater oder Kabarett geht, gemeinschaftliches Kochen und Essen liebt, aber auch gerne einmal alleine ist. Ilka Biermann fasziniert und langweilig wird es mit ihr auf keinem Fall!

szs_mittelpunkt_september-2016_titelEin Beitrag aus dem Magazin „Im Mittelpunkt“ September/Oktober 2016 mit dem Leitthema „Bürgerschaftliches Engagement“
Das ganze Magazin als eBook oder interaktives Pdf kann man hier herunterladen.

Die Welt verbessern …

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… im Rahmen bestehender Regeln.

Im gesellschaftlichen Zusammenleben gibt es Situationen, bei denen zuweilen staatliche Möglichkeiten zu lange dauern und ehrenamtliches Engagement notwendig wird. Dies konnte in den letzten Jahren insbesondere in der Flüchtlingsarbeit beobachtet werden. Kritiker des Ehrenamtes sind dann schnell dabei zu bemängeln, dass dadurch dem Staat Aufgaben zu Lasten der Bürger abgenommen werden, für die er ohnehin schon Steuern bezahlt. Dabei wird gerne vergessen, dass speziell ein Ehrenamt unter vielen anderen Vorteilen eine menschliche Qualität besitzt, die eine staatliche Institution gar nicht leisten kann. Steglitz-Zehlendorf ist ein Bezirk, der diese menschliche Qualität des Ehrenamts erkannt hat, sie besonders fördert und eine Ansprechpartnerin benannt hat, die sich eigens um ehrenamtliche Aufgaben und Entwicklungen im Bezirk kümmert. Nina Scholz ist Koordinatorin für ehrenamtliches und bürgerschaftlichen Engagement und sich der Vielfältigkeit ihrer Aufgabe bewusst.

Die diplomierte Verwaltungswirtin hat einen abwechslungsreichen Weg durch die Ämter bis zu der heutigen Stelle durchlaufen. Von der Studentin und Beamtinnenanwärterin zum Sozialamt, in dem sie Einblick in alle Bereiche der Hilfeleistungen bekommen konnte. Später kam sie über den Stellenpool des Bezirksamtes zur Wirtschaftsförderung. Hier war die Existenzgründungsberatung und die Betreuung von Standortgemeinschaften des Handels die Hauptaufgabe. Wurde beispielsweise das Seydlitzstraßenfest geplant, gehörte es zu ihren Aufgaben seitens des Bezirks die nötige Straßensperrung zu beantragen. Im Rahmen von Neuorientierung konnte Nina Scholz im Dezember 2013 eine Stelle im Büro des Bezirksbürgermeisters besetzen, die es in dieser Form vorher noch nicht gab und auch Teilbereiche aus der Wirtschaftsförderung blieben ihr am neuen Platz erhalten. Diesen neuen Arbeitsplatz konnte sie mit viel Kreativität füllen. Die Bandbreite der Aufgaben wurde ihr besonders klar, als sie für den sehr gut strukturierten Internetauftritt sorgte. Dieser Internetauftritt gibt einen guten Überblick über ihren Fachbereich, beantwortet viele Fragen und besticht durch vielfältige Informationen.

Insbesondere ein Detail fällt mit den Kontaktdaten auf der ersten Seite des Internets auf: Nina Scholz ist jederzeit ansprechbar. Als Vertreterin des Bezirksbürgermeisters in der Freiwilligenagentur des Bezirks, in der das Bezirksamt, der Mittelhof, das Deutsche Rote Kreuz und das Diakonische Werk Steglitz und Teltow-Zehlendorf e.V. zusammengeschlossen sind. „Tun Sie was für sich und andere!“ ist das Motto der Agentur, die in der Düppelstraße als Vermittlungsagentur für Menschen fungiert, die sich freiwillig engagieren wollen. Zweimal im Monat können Interessierte hier mit Nina Scholz ins Gespräch gehen, ihre Vorstellungen mit dem passenden Angeboten abgleichen oder erfahren, wo man das passende Ehrenamt finden kann, auf die eigenen Interessen und Fertigkeiten abgestimmt. In den Sprechstunden kann man neue Ideen entwickeln und in der Bandbreite der sozialen oder kulturellen Bereiche das richtige finden. Haupt- und ehrenamtliche MitarbeiterInnen der beteiligten Träger kümmern sich nicht nur um die Beratung der Freiwilligen. Auch Einrichtungen, die mit Freiwilligen arbeiten, um die erforderlichen Rahmenbedingungen korrekt zu gestalten, werden unterstützt. Denn auch hier hat man längst erkannt, dass das Ehrenamt und der Mensch dahinter gut betreut sein muss, damit es letztlich ein Gewinn für Gesellschaft und Bezirk werden kann.

Die Erreichbarkeit und eine gute Vernetzung im Bezirk sind wichtige Aspekte der Arbeit von Nina Scholz. Nur wenn sie selber gut informiert ist, kann sie diese Informationen auch gezielt weitergeben. Alle Belange um die Flüchtlingsarbeit werden immer wieder abgefragt. Hier sind die häufig stellten Fragen, wo man sich engagieren, spenden oder minderjährigen Flüchtlingen helfen kann. Wohin wende ich mich, wenn ich Wohnraum anbieten möchte. Unterkünfte für Geflüchtete gibt es zahlreich im Bezirk und es versteht sich von selbst, dass nicht jeder, der helfen möchte direkt in die Einrichtungen gehen kann. Nina Scholz kennt die Ansprechpartner, die die Bedarfe und Belange der jeweiligen Einrichtung kennen und gezielt abschätzen können, ob und welches Ehrenamt unterstützend sein kann. So kann vermieden werden, dass gut gemeinte Hilfeangebote ins Leere laufen und letztlich niemandem nutzen bzw. die Motivation des Hilfswilligen trüben.

Wenn auch zeitaktuell, ist die Flüchtlingshilfe nur ein Punkt in der Bandbreite der Betätigungsmöglichkeiten für Freiwillige. Nachbarschaft, Kinder, Familie, Natur, Umwelt, Sport, Kultur, Bildung … nahezu kein gesellschaftlicher Bereich lässt die Möglichkeit des ehrenamtlichen Engagements aus. Was sich im Sport und im Schulbereich oft durch Elternarbeit ergibt, muss in anderen Bereichen behutsam aufgebaut und gefördert werden. Beispielsweise Seniorenheime freuen sich immer über Unterstützung bei der Beschäftigung ihrer Schutzbefohlenen. Vorlesen, Karten spielen oder kleinere Spaziergänge sind zeitaufwendig und können vom Personal nicht geleistet werden. Die Dankbarkeit der Senioren ist für den Ehrenamtlichen ein schöner Lohn, aber auch hier muss erst einmal Vertrauen aufgebaut und gefestigt werden. Dem Baum und Baumpaten nutzt nicht das einmalige Gießen und eine wirkliche Partnerschaft wird es nur, wenn die Vorgaben der Pflegevorschriften des Grünflächenamtes gehalten werden. So kann der Ehrenamtliche unterstützend einen Bereich abdecken, der vom Amt nicht geleistet werden kann. Ist das Ehrenamt im Katastrophenschutz, im Sanitätsdienst oder der Feuerwehr schon lange gesellschaftlich verinnerlicht, sind viele andere Bereiche noch unbekannt oder neu zu erdenken. Gemeinsam ist allen ein großer Bedarf an Menschen, die persönliche Zeit der Gemeinschaft zur Verfügung stellen und auf diese Weise Zusammenleben aufwerten.

ninascholzWie wertvoll dem Bezirk dieses Engagement ist, zeigt sich in einer weiteren Aufgabe von Nina Scholz. In Absprache mit dem Bezirksbürgermeister ist sie für die Vergabe von F.E.I.N. Mitteln verantwortlich. F.E.I.N. bedeutet Förderung von ehrenamtlichen Engagement in Nachbarschaften. Gefördert werden Maßnahmen, die die öffentliche Infrastruktur verbessern und aufwerten. Für das Gemeinwesen wichtige Einrichtungen sollen im Sinne der sozialen Städteentwicklung verbessert werden. Dazu zählen Schulen einschließlich Horte, Kindertagesstätten, Begegnungsstätten und Nachbarschaftsheime, Seniorenfreizeiteinrichtungen, sonstige soziale Einrichtungen, Sportanlagen, Grünanlagen, öffentliche oder öffentlich zugängliche Straßen und Plätze. Will eine Bürgerinitiative beispielsweise einen öffentlichen Platz pflegen und Beete bepflanzen, kann sie formlos einen Antrag auf Unterstützung stellen. Zu benennen ist, was geplant ist und wie hoch in etwa der zu erwartende Kostenaufwand wird. Mit etwas Glück werden die Mittel bewilligt und durch die Pflanz- und Pflegeaktion keine privaten Geldbeutel strapaziert. Das Engagement wird unterstützt und das öffentliche Leben aufgewertet. Speziell bei der Förderung lohnt sich der Blick in die Internetseite, die gut erläutert, wie es geht. Bleiben dann noch Fragen offen – Frau Scholz ist, wie berichtet, gut erreichbar.

Die persönliche Unterstützung und Beratung der Ehrenamtlichen, die Vernetzung ehrenamtlichen und bürgerschaftlichen Engagement im Bezirk, Förderung durch Sachmittel, die Pflege von Partnerschaften und nicht zuletzt auch die öffentliche Anerkennung ehrenamtlichen Engagements, sind Aufgaben die Nina Scholz mit Überzeugung ausfüllt. Sie möchte die Welt ein bisschen besser machen … im Rahmen der Regeln, die eine Gemeinschaft und ein Bezirk vorgeben muss. Aber, sagt Nina Scholz, wer die Regeln kennt, kann sie auch bestens anwenden!

Koordinatorin für ehrenamtliches und bürgerschaftliches Engagement: Nina Scholz

Telefon: (030) 90 299 – 5943 (Sprechzeiten nach telefonischer Vereinbarung)
Kirchstr. 1/3, 14163 Berlin, Raum A 143
http://www.berlin.de/ba-steglitz-zehlendorf/ueber-den-bezirk/ehrenamt/

Freiwilligenagentur Steglitz-Zehlendorf
Infocenter DRK,
Düppelstraße 36, 12163 Berlin
Telefon: 030 –79 01 13-0
freiwilligenagentur@berlin-suedwest.de
Öffnungszeiten: mittwochs,12.00 – 14.00 Uhr + donnerstags, 16.00 – 18.00 Uhr.

szs_mittelpunkt_september-2016_titelEin Beitrag aus dem Magazin „Im Mittelpunkt“ September/Oktober 2016 mit dem Leitthema „Bürgerschaftliches Engagement“

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