Randbegegnung

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Johannes Mirus und Sascha Foerster (links und rechts) – Bonn.digital – und Hendrik Epe in der Mitte

Ich gebe es gerne zu: Ich gehöre zu den Facebook-Nutzern, die nicht alle „Freunde“ in ihrer Freundesliste persönlich kennen. Es sind einige dabei, die ich im Kontext meiner Arbeit, des Bloggens oder durch andere Aktivitäten virtuell kennen und schätzen gelernt habe. Hin und wieder ergibt sich die Gelegenheit einmal einen solchen Kontakt persönlich kennenzulernen, was bisher immer ein Gewinn war. Solch eine Gelegenheit bot sich, als Sabine Depew über ihr Facebookprofil zum Barcamp „Sozial wird digital“ in Bonn eingeladen hatte. Bei den Wörtern „Sozial“ und „digital“ bekomme ich immer spitze Ohren und dies damit in Verbindung gesetzt, einen Facebookkontakt persönlich kennenzulernen, konnte nur bedeuten, dass ich mich anmelden wollte. Kurze Rücksprache mit dem Chef gehalten und Anna Schmidt war angemeldet. Etwas später zeigte sich, dass ich sogar zwei, bisher digitale, Kontakte persönlich kennenlernen würde. Auch Hendrik Epe hatte sich angemeldet, den ich bisher insbesondere über seinen Blog Ideenquadrat kannte. Sabine kannte ich über ihre Blogs Reisekladde und Zeitzuteilen.

Auf dem Weg zum Barcamp, und das gebe ich auch gerne zu, war ich unsicher, ob ich dort überhaupt am richtigen Platz sein würde. Zwar arbeite ich für einen sozialen Träger, habe aber keine Ausbildung, die irgend etwas soziales an sich hat. Meine Aufgabe ist es über die soziale Arbeit der KollegInnen zu berichten und dies gedruckt und digital der Welt mitzuteilen. Natürlich konnte ich über die Jahre einen guten Überblick darüber gewinnen, in welchem Ausmaß die Digitalisierung bei unserer Arbeit eine Rolle spielt. Also setzte ich mutig meinen Weg fort, kam an und fühlte mich ziemlich schnell willkommen. Die virtuellen Freunde stellten sich auch in echt als sehr sympathisch heraus und so konnte das Barcamp mit guter Laune beginnen.

Ein Barcamp ist kurz erklärt eine Zusammenkunft interessierter Menschen unter einem Leitthema. Außer dem Leitthema sind kommende Inhalte offen. Jeder, der über einen Aspekt dieses Leitthema sprechen möchte, stellt seinen Vorschlag vor. Die Vorschläge werden auf einer Tafel gesammelt auf Räume und Stunden verteilt. So kann sich jeder Teilnehmer heraussuchen, welches Unterthema ihn interessiert und er besuchen möchte. Die Wahl der Themen, was viele sicherlich bestätigen werden, war ob der Vielfältigkeit schwer, doch musste sie getroffen werden. Dennoch bestand die Möglichkeit auch während eines Gespräches oder Vortrags die Räume zu wechseln. So stellte sich jeder Teilnehmer seinen eigenen inhaltlichen „Fahrplan“ zusammen. Eine weitere Besonderheit gegenüber gewohnten Seminaren oder Workshops ist, dass man schon während des Barcamps die Welt teilhaben lässt, also über die sozialen Medien weitgehend live mitteilt, was man gerade erlebt, bespricht oder hört … so wurde über den Hashtag #sozialcamp fleißig gepostet oder getwittert. … Und es wurde später sehr viel darüber geschrieben – kurz gesagt, es war ein großer Erfolg und Gewinn für alle Teilnehmer … ein paar Links findet ihr am Ende.

Am Abend des ersten Tages waren alle zum Essen verabredet. Vorher wurde zu einer Führung durch das Bonner Regierungsviertel eingeladen. Da ich das aus den vielen Jahren, die ich dort gewohnt hatte kannte, ging ich nicht mit. Ich ging etwas früher in das Lokal. Dort saßen schon zwei Teilnehmer mit denen ich ins Gespräch kam. Bei dem einen zeigte sich recht bald, was er beruflich machte und so fragte ich den zweiten nach einer Weile, aus welchem Grund er an dem Barcamp teilnehmen würde. Er sagte kurz, er sei Autist. Ich denke, wenn man mich gefilmt hätte, hätte man gesehen, wie es in meinem Kopf arbeitet. Ich fragte unbeholfen nach und er klärte mich auf: Sein Name ist Aleksander Knauerhase und er sei Botschafter in eigener Sache. Er reist in ganz Deutschland herum und hält Vorträge über Autismus aus Sicht eines Autisten. Nun muss man wissen, dass ich noch nie einen Kontakt mit einem Autisten direkt hatte und mein Wissen darüber mehr als dürftig zu bezeichnen war. Was ich aber in der Folge erlebte, war ein Mann, der mir jegliche Scheu nahm zu fragen, was Autismus ist.

annaschmidt-berlin-com_barcamp-bonn-2Bei Aleksander wurde der Autismus sehr spät diagnostiziert, womit klar war, dass er einen schwierigen Weg gegangen sein musste. Er erzählte von der Mutter, die ihn dennoch immer so sein ließ, wie er war und so unterstützte wie er es brauchte. Natürlich war er der Mitschüler am äußeren Rand und immer anders als die anderen. So zerfiel mit jedem Wort mein Bild eines Autisten, der völlig in sich gekehrt die Welt aus seinem Leben ausschloss. Ich lernte die verschiedenen Arten des Autismus kennen. Erkannte, dass meine Tochter schon lange von einem Mädchen mit dem Asperger Syndrom in ihrer Klasse erzählte und nahm wissbegierig jedes Wort von Aleksander auf. Bewunderung empfand ich besonders für seine Darstellung, wie klar er sein Leben strukturiert und genau gelernt hatte, was er sich zumuten will, kann und darf. Ein besonderer Mann unter vielen Unwissenden, mit der besonderen selbstgestellten Aufgabe, diese Unwissenden in angenehmer Weise aufzuklären. Wir saßen auch später im Hotel noch ein wenig zusammen, denn er wurde nicht müde mir zu antworten. Stand aber später abrupt auf und forderte seine nun verdiente Ruhe. Mein Kopf kam an diesem Abend noch lange nicht zur Ruhe.

Am zweiten Tag beeindruckte mich besonders ein Vortrag „Die Psychologie des Bösen – Wie aus gewöhnlichen Menschen Täter werden“ von Reiner Knudsen. Auch darüber werde ich noch so manches Mal nachdenken müssen. Schaut euch die Präsentation an … es lohnt sich, denn wir sollten nie aufhören uns selber zu hinterfragen. Auch Aleksander bot an mit einer Gruppe über Autismus zu sprechen und natürlich war ich wieder unter den Zuhörern. Letztlich freute ich mich auf einen Beitrag – diese Beiträge werden Sessions genannt –  den Annette Schwindt über eine Video-Live-Schaltung anbot. Annette Schwindt kannte ich sehr lange über ihren Blog und über ihre Arbeit via Facebook. Sie war für mich immer die Expertin, die sich in Social Media Dingen auskennt und ich mochte schon immer ihre klare Art Dinge zu erklären. Das Thema der Videoschaltung hieß „Wie ich digital helfen wollte und niemand es verstand!“ … im Kern ging es darum, dass sie ihr Wissen sozialen Trägern zur Verfügung stellen wollte, es aber von niemandem angenommen wurde. Das konnte ich nun gar nicht verstehen, denn was konnte einem besseres passieren als solch kompetente Hilfe zu bekommen. Auch in dieser Session saß ich neben Aleksander und ich bemerkte die Vertrautheit zwischen Aleksander und Annette. Mir fiel wieder ein, dass ich auch von Annette gelesen hatte, dass sie mit dem Asperger Syndrom lebt.  Mein Plan, Annette zu schreiben, war gefasst.

Ich bin von diesem Barcamp sehr bereichert nach Hause geflogen. Hatte viel erlebt, wirklich interessante Menschen kennengelernt und viele Anregungen für meine Arbeit mitgenommen. Ganz besonders denke ich aber seither über Aleksander nach. Ich finde es bewundernswert, mit welcher Selbstverständlichkeit er für seine Sache arbeitet. Unwissende, wie mich aufklärt und für Verständnis beziehungsweise Verstehen in reinster Form wirbt. Nur wenn wir die Regeln verstehen, nach denen Menschen mit Autismus leben, können wir uns öffnen und auf ihre Bedürfnisse eingehen. Ich habe von einer stark sehbehinderten Freundin gelernt, warum sie immer auf eine Vorstellungsrunde bestanden hat – sie konnte nicht sehen, wollte aber hören wer da ist. Ich weiß aus eigener Erfahrung als Hörgeräte-Trägerin, wie wichtig es für mich ist, die Gesichter der Menschen zu sehen, die in meiner Nähe sprechen. Es sind manchmal Kleinigkeiten, die das Miteinander der Menschen erleichtern. Ein wenig zuhören, ein wenig Beobachten, ein wenig Verständnis und Entgegenkommen. Ich bin Aleksander dankbar, dass ich lernen durfte und überlege viel, was das Gehörte für mich bedeutet, wo ich umdenken, neu lernen, überdenken muss.

Die Randbegegnung war alles andere als das: Sie gehört zu den wichtigsten Begegnungen, die ich in diesem Jahr erleben durfte. Annette und ich haben E-Mails und ein paar Nachrichten ausgetauscht und freue mich, dass sich auch hier eine Tür geöffnet hat. Heute ist mir klar, warum sie so klar und logisch erklären kann … sie kann es gar nicht anders. Andersherum muss ich lernen deutlich und auf den Punkt genau Annette mitteilen, was ich ausdrücken möchte. Eine große Aufgabe für mich. Wollt ihr etwas über Autismus erfahren, dann lest in Aleksanders Blog Quergedachtes … es lohnt sich und bereichert! So zeigt sich, dass neben den realen auch virtuelle Kontakte ein wertvoller Fundus im Leben sind. Die Mischung macht’s – aber letztendlich steht hinter allen ein Mensch!

Über das Barcamp – was andere TeilnehmerInnen geschrieben haben (die Liste ist nicht vollständig, sondern nur ein Eindruck):

http://www.annetteschwindt.de/2016/12/05/digitale-hilfe-anbieten/

https://bonn.camp/sozialcamp/

http://www.praktische-sozialwissenschaft.de/2016/12/17/digitalitaet-in-der-sozialen-arbeit-es-bewegt-sich-was/

http://www.sozial-pr.net/erstes-barcamp-soziale-arbeit/?utm_content=bufferc7b3c&utm_medium=social&utm_source=twitter.com&utm_campaign=buffer

https://www.care-camp.de/war-ja-doch-viel-digitales/#more-1219

2 Kommentare zu “Randbegegnung

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