Reisefreiheit … privilegiert per Geburt

Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich – oder doch nicht? Es sollte ein wohlverdienter Urlaub und eine spannende Reise werden. Martina und Ousman hatten die Reise gebucht und freuten sich sehr auf die Sonne und die Geheimnisse Marokkos. Die Koffer wurden gepackt, es ging zum Flughafen und das Flugzeug startete. Alles wie gewünscht. Nach der Landung war die Reise zu Ende. Ousman wurde die Einreise nach Marokko verweigert.

Das Problem: Martina, in Deutschland geboren, darf per Geburt und mit ihrem Pass in 179 Länder der Erde ohne Visum einreisen. Ousman, in Guinea geboren, darf das nicht. Martina hätte sofort einreisen dürfen, aber ihr Ehemann wurde am Flughafen festgehalten. Was beide nicht wussten und auch der Reiseveranstalter im Vorfeld nicht mitteilte: Als Staatsbürger einiger afrikanischer Länder muss man ein paar Tage vor Einreise nach Marokko eine sogenannte eTA – electronic travel authorization online ausfüllen. Hintergrund ist der Versuch vieler Afrikaner über Marokko nach Europa zu gelangen. Trotz Wohnsitz in Berlin und der deutschen Ehefrau an der Seite, wurde Ousman die Einreise verweigert und auch das Ausfüllen des Formulars vor Ort verwehrt. Ihm wurde der Reisepass abgenommen. Sie bekamen die Auskunft, dass die Flughafenangestellten einen Rückflug buchen würde, nicht ohne den Hinweis, dass Martina ja weiter reisen könne. Dann verschwand der Flughafenpolizist für mehrere Stunden. Warten im Passkontrollbereich. Es gab keine Möglichkeit etwas zu essen oder zu trinken zu bekommen. Immerhin gab es zwischendurch die Information, dass der nächste Rückflug in fünf Tagen gehen würde und beide so lange im Flughafen bleiben müssten.

Martina erreichte den Reiseveranstalter und konnte so einen Rückflug für den kommenden Tag erreichen. Sie suchte den Flughafenpolizisten, der den Reisepass abgenommen hatte und erzählte ihm von dem früheren Rückflug. Daraufhin bekamen sie die Auskunft bald in den Boarding-Bereich gebracht zu werden, was nach weiteren zwei Stunden warten und mehreren Nachfragen auch geschah. Dort konnte man immerhin Essen und Trinken kaufen. Das Gepäck durften sie nicht selber einchecken, da der Bereich für beide verboten war. Nach dem Abflug der letzten Maschine für den Tag wurden Martina und Ousman im Boarding-Bereich über Nacht eingeschlossen.

An Schlaf war nicht zu denken: Alle Sitze des Bereichs hatten Armlehnen. Schlafen ging nur im Sitzen oder auf dem Fußboden liegend. Martina und Ousman entschieden sich für eine Nacht mit Kartenspielen. Am nächsten Morgen wurde Ousman von einem Polizisten zu seinem Sitz im Flugzeug gebracht. Ousmans Pass wurde der Crew übergeben. Nach der Landung in Berlin wurde er wieder von einem Flughafenpolizisten in der Maschine abgeholt und beide mit dem Polizeiauto zu den Gepäckbändern gebracht. Dort bekam Ousman seinen Reisepass zurück. Er war wieder frei – in Deutschland.

Jetzt könnte man sagen, selbst Schuld, wenn man sich nicht genau vorher informiert. Nur, wer kommt auf die Idee, dass ein geborener Afrikaner zwar nur mit Visum nach Europa reisen kann, aber auch ein Visum braucht, um wieder nach Afrika reisen zu können? Wie viele nach Europa reisewillige Afrikaner verhindert Marokko, in dem das Land auch die Einreise per Visum beschränkt? Nun, sie waren wieder in Berlin und hatten freie Urlaubstage. Waren frei, das Beste daraus zu machen, frei sich überall hinzubewegen. Aber wirklich frei? Ihre Freiheit hat einen faden Geschmack bekommen.

Ousman kam vor sieben Jahren mit einem Studentenvisum nach Berlin. Er hatte in Sierra Leone seinen Bachelor als Bauingenieur mit Auszeichnung bestanden. In Berlin hat er das Masterstudienfach Real Estate and Construction Management belegt, die Masterarbeit aus persönlichen Gründen aber nicht geschrieben. Sein Bachelor wurde in Deutschland anerkannt. Martina kennt er seit fünf Jahren und vor zweieinhalb Jahren haben sie geheiratet. Er könnte jederzeit nach Guinea zurückgehen, dort leben und arbeiten, was auch sein ursprünglicher Plan war. Aber dann hat er eben seine Frau kennengelernt. Ousman hat einen Aufenthaltstitel in Deutschland und bekommt dieses Jahr seine dauerhafte Niederlassungserlaubnis. Später kann er die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen. Dann werden beide deutsche Staatsbürger sein und doch ist es nicht das Gleiche.

Bei jeder Reise wird Ousman besonderen Kontrollen unterworfen und skeptisch geprüft. Martina reist einfach. Auch im Alltag muss sich Ousman immer wieder beweisen und subtile Diskriminierungen aushalten. Der Unterschied der weißen oder dunklen Hautfarbe ist beiden immer gegenwärtig. Sie hat das Glück, dass sie in Europa, in Deutschland, geboren ist und per Geburt und Zufall die „richtige“ Hautfarbe hat, Privilegien wie Reisefreiheit in die Wiege gelegt bekam. Kein hier geborener Mensch macht sich vor dem Urlaub Gedanken, ob er irgendwohin reisen darf. Er, in Afrika mit dunkler Hautfarbe geboren, hat ihre Privilegien nicht. Trotz dessen, dass er als freier Mann geboren wurde, einen hohen Bildungsabschluss hat, in Deutschland anerkannten Status hat, eine deutsche Ehefrau hat, arbeitet und Steuern bezahlt.

Nicht nur die Freiheit der beiden hat einen faden Geschmack bekommen. Auch das Wissen, dass unsere Welt immer noch nach Hautfarben und in Kontinente eingeteilt wird. Der Norden mag seinen Reichtum nicht mit dem Süden teilen. Der Westen schließ seine Grenzen, um vom Osten nicht überrannt zu werden. Dunkelhäutige Menschen müssen per se mit dem Stempel der Zweitrangigkeit leben. Hellhäutige haben per Geburt mehr Rechte, die weder verdient noch erarbeitet sind.

Hier wurde nicht nur eine Einreise in ein Land verweigert. Es wurde einem Menschen per Geburt das gleiche Recht, wie einem anderen verwehrt. In einer Zeit, in der die Menschen langsam verstehen und lernen müssten, dass wir global leben und nur im Zusammenspiel aller Kontinente und Länder auf Dauer eine friedliche Welt haben werden. Artikel 3 des Grundgesetzes ‚Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich‘ wartet auf seine gelebte Verwirklichung.

Meine Mama hat gekocht …

Um 3 Uhr mitten in der Nacht bekommt Zorica eine Nachricht über WhatsApp. Eine andere Mutter, fragt, ob sie am Mittag ihren Kochdienst tauschen kann, weil sie kurzfristig einen Termin hat. Zorica fragt kurz, was gekocht werden soll, bekommt die Rückmeldung „Käsespätzle“, und dass alles eingekauft ist. Der Tausch ist abgesprochen und das Mittagessen im KiReLi gesichert. An diesem Tag gibt es keine hungrigen Bäuche im Kinderrestaurant Lichterfelde, das seit 2008 im KiJuNa – Kinder-, Jugend- und Nachbarschaftszentrum im der Scheelestraße angegliedert ist.

Hungrige Bäuche und ein Kinderrestaurant passen sowieso so gar nicht zusammen. Dafür schafft in der Regel Melanie, die Köchin, Abhilfe. Die Mutter von vier Kindern kocht jeden Mittag mit viel Liebe, Einfallsreichtum und vor allen Dingen nährstoffreiche Kost. Die Kinder, die regelmäßig das KiReLi besuchen, lieben Melanie. Ende Februar wurde sie jedoch krank und es zeichnete sich ab, dass es etwas länger brauchen würde, bis sie wieder zur Verfügung steht. Es fügte sich sehr positiv, dass Melanie für drei Monate einen Praktikanten bekam. Andreas wurde von Melanie als Küchenhilfe eingewiesen, bekam einen Einblick, wie man die richtigen Mengen wählt, wusste, wo alles steht und unterstützte sie. Nun stand Andreas allerdings allein in der Küche, außer an zwei Tagen in der Woche an denen ihm auch Marina hilft.

25 Portionen Essen werden jeden Tag im Kinderrestaurant gekocht. Vornehmlich essen die Kinder aus dem Schülerclub hier, aber es kommt immer mal weitere Kinder hinzu. 25 Portionen zu kochen ist für eine Küchenhilfe alleine auf Dauer zuviel. So sprangen immer wieder KollegInnen aus dem pädagogischen Team mit ein und halfen Andreas. Das war allerdings auch keine Lösung, haben die ErzieherInnen doch andere Aufgaben.

Natürlich erzählten die Kinder Zuhause von diesem Engpass und die ersten Eltern boten ihre Hilfe an. Hier überlegte Jonas, der Projektleiter des KiJuNa, nicht lange, musste das Kinderrestaurant doch offen bleiben. Das Team ging auf die Eltern zu, man besprach, wie es funktionieren könnte und schaffte die Voraussetzungen dazu. So kam es, dass ein Team von etwa 8 Müttern und Vätern sich in der Küche mit dem Kochen abwechseln. Dies mit Unterstützung von Andreas. Den Eltern steht die Wahl des Gerichtes frei. Ebenso, ob das KiJuNa-Team einkauft oder sie selber die Zutaten besorgen. Anja, aus dem Team koordiniert die wöchentlichen Einsätze der Eltern. Jonas erzählt, dass die meisten Eltern lieber selber einkaufen und dann gleich das Essen „spendieren“.

Die Kinder sind begeistert von dieser Lösung. Sie bekommen Lieblings-Gerichte aus den arabischen Ländern, Afghanistan, Serbien und vieles andere serviert. Jedes Elternteil kocht wie Zuhause und weiß natürlich, was die eigenen Kinder besonders mögen. Und je nachdem, wer gerade kocht, sitzt immer wieder ein anderes Kind im Kinderrestaurant und sagt stolz: „Heute hat meine Mama oder mein Papa gekocht!“.

Das besondere an dieser Situation ist, dass die Eltern ihr Engagement über viele Wochen aufrechterhalten. Jonas, der selber schon in der Küche stand, sagt er sei gescheitert. Nicht weil er nicht gerne und gut kocht, es sind die Mengen, die tatsächlich eine Herausforderung sind. Für ihn sei diese Situation auch besonders, weil die kochenden Eltern einen Einblick bekommen, was im KiJuNa alles den Kindern angeboten wird. Im Normalfall holen sie ihre Kinder ab und verweilen wenig. Andreas hat sein Praktikum nun beendet. Schade, weil die Kinder auch ihn lieb gewonnen hatten. Er hat in einer besonderen Situation wertvolle Unterstützung geleistet.

Zorica erzählt stellvertretend für die Eltern, dass ihr Engagement in der Küche eine Art Dankeschön ist. Von ihren Kindern ist eins in der Kita im Haus und zwei sind im Schülerclub. Aber bei allem, was die Kinder hier geboten bekommen, hätte auch sie selber immer Ansprache und Hilfe bekommen, wenn sie einen Rat brauchte. Das KiJuNa wäre wie eine Art zweites Wohnzimmer. Das KiReLi muss geöffnet bleiben, auch wenn es schwer zu bewerkstelligen ist bis Melanie wiederkommen kann – bisher wurde es immer geschafft. So bleibt, Melanie gute Besserung und Andreas alles Gute auf weiteren Wegen zu wünschen. Schließlich möchten wir uns bei dem tollen Elternteam sehr herzlich für ihr großes Engagement zu bedanken!


Das KiReLi – Kinderrestaurant Lichterfelde wird ausschließlich über spenden finanziert. Auch hier sind wir für jede Hilfe sehr dankbar! Spenden kann man über die Homepage des Stadtteilzentrum Steglitz e.V.

Lernen – für‘s Leben!

Einmal im Jahr, wenn große Schulranzen auf zwei Beinen an mir vorbeilaufen, stelle ich mir die Frage, warum Familien den ersten Schultag des Kindes als besonderes Ereignis feiern. Der erste Schultag ist ein bedeutender Entwicklungsschritt im Leben des Kindes, das mit diesem Tag kein Kleinkind mehr ist. Verbunden damit ist allerdings eine Umstellung des gesamten Familienlebens allein durch die Bindung an die Schulferien. Es zeigt sich erst mit den Schuljahren, ob es leichte Jahre werden oder eben hart durchlebte Leidensepochen von Sommerferien zu Sommerferien. Manche Kinder fügen sich leicht ins Schulsystem, andere wiederum brauchen Zeit und enorme Unterstützung, um Fuß zu fassen und dem Lernen einen Gewinn abzutrotzen. Lernen ist allerdings viel mehr und hört nicht am Schultor auf. Lernen beginnt im Mutterleib und ich wage zu behaupten, dass es erst in unseren letzten Lebenstagen beendet wird – sofern wir denn wollen.

Was Lernen tatsächlich für eine Bedeutung in unserem Leben hat, habe ich eigentlich erst wahrgenommen, als ich Mutter wurde. Für mich selber (die Pubertät ausgenommen) war Lernen immer eine sehr spannende Sache und ein Gewinn. Erst als Mutter habe ich gemerkt, dass nicht jeder gleich lernt und die Art zu lernen eine sehr individuelle Sache ist. Meine ältere Tochter hat mir relativ früh in ihrem ersten Schuljahr erklärt, dass die Hausaufgaben ihre Sache sind. Die Lehrerin hätte gesagt, was sie nicht selber zuhause begreift, müsse sie in der Schule erfragen. So haben wir es über die Jahre gehalten. Die einzige Ausnahme waren die Latein Vokabeln, die wir bis zur Abiturprüfung abfragen durften. Hätte ich die Erfahrung mit meiner älteren Tochter nicht gehabt, hätten mich bei der zweiten Tochter größte Selbstzweifel geplagt. Bei diesem Kind war alles anders. Allein das Stillsitzen im Unterricht war für sie ein Problem, Heftführung nach Vorstellungen der Lehrkräfte unmöglich und Bücher schleppte sie jahrelang ungenutzt von der Schule nach Hause und zurück. Sie lernte auch – aber anders.

Die Bärenaufgabe für uns Eltern bestand bei der jüngeren Tochter darin zu begreifen, wie sie lernt. Wir mussten bei Lehrkräften immer wieder um Verständnis und Unterstützung bitten und andere Wege finden. Ein großes Glück war  es schließlich, dass sie auf eine Montessori-Gemeinschaftsschule gehen konnte. Dort wurde mehr als auf Regelschulen geschaut, zu welchen Lerntypen die SchülerInnen gehören und bestmöglich darauf eingegangen. Wir konnten auch auf dem zweiten Abiturball tanzen, aber es war ein harter Weg bis dahin. Mit dem zweiten Abitur feierten wir das Ende der Schulzeit in unserem Familienleben. Dennoch teilte ich nicht die Euphorie der Kinder, dass mit dem Lernen nun Schluss sei, stellt die Schulzeit doch einen prägnanten, aber nur einen kleinen Abschnitt in der Lernwelt eines Menschen dar. Nun stand ihnen die Berufsausbildung bevor, dies allerdings mit dem Wissen, wie sie persönlich bestmöglich lernen und begreifen.

Wir lernen, im besten Fall, immer. Das Schulwissen stellt allenfalls die Grundlage und Allgemeinbildung dar. Doch Lernen geht weit darüber hinaus und betrifft alle Lebensbereiche. Ob als Kind oder Erwachsener nutzen wir unsere Sinne, um Dinge zu erfassen, sie zu verstehen, uns zu merken und zu begreifen. Gut, wenn wir uns dabei bewusst machen, welcher unserer Sinne beim Lernen die Oberhand hat. Lernt der eine visuell, über das Auge, lernt ein anderer besser auditiv, durch Zuhören. Manche müssen im wahrsten Sinne des Wortes „be-greifen“, also motorisch aktiv sein, um zu erfassen. Der vierte Lerntyp ist kommunikativ, lernt im Gespräch mit anderen am besten. Es wäre allerdings ein Fehler, sich ausschließlich auf einen Lerntyp zu versteifen, der allenfalls Tendenzen darstellen kann. Kein Mensch stellt einen Sinn ein, um den anderen zu nutzen. Die optimale Ausnutzung aller Sinne unter Beachtung, welcher der prägnanteste ist, verspricht den größten Lernerfolg.

Neben den Lerntypen gibt es viele andere Faktoren, die uns das Lernen erleichtern können. Die Motivation, warum ich etwas lernen möchte oder muss, ist entscheidend. Sehe ich einen persönlichen Nutzen im Erlernten, fällt es mir wesentlich leichter, die Zeit und das Verständnis dafür aufzubringen. Ich persönlich bin das beste Beispiel dafür: Ich wollte das Abitur schaffen, weil es eben so erwartet wurde. Also versuchte ich es mit dem geringsten möglichen Aufwand. Wirkliches Interesse (außer Kunst und Geschichte) hatte ich nicht an der Allgemeinbildung, die mir in der Oberstufe präsentiert wurde. Ich hatte Erfolg damit und schaffte es. Meine Berufsausbildungen wählte ich selber nach Interesse. Hier lernte ich selbstgewählte Inhalte, die die Basis meines Berufslebens darstellen sollten. Zwei Ausbildungen schloss ich mit Bestnoten ab, ganz einfach, weil ich es wollte. Ich bin übrigens ein Mischtyp aus visuellem und motorischem Lernen. Reine Vorträge, bei denen ich zuhören muss, sind für mich eine Qual. Kann ich dabei mitschreiben, wird’s schon leichter. Am besten lerne ich, wenn ich etwas machen und sehen kann, was ich da tue.

Neben Motivation und Interessen ist auch Druck ein Lernfaktor. Lerne ich in in vorgegebenen oder selbstgewählten Abschnitten? Wie ernst nehme ich meine Lernaufgaben? Habe ich entsprechende Unterstützung durch meine Umgebung? Habe ich ein Ziel vor Augen? Nutze ich die richtigen Hilfsmittel entsprechend meines Lerntypes? Brauche ich eine Lehrperson, die mich angeleitet lernen lässt oder bin ich eher ein Autodidakt, der sich selbst Dinge erschließt? Und – bin ich bereit, weiter zu lernen?

Wir lernen fürs Leben und mit dem Leben. Es ist bekannt, dass Embryonen im Mutterleib schon lernen, weil sich die Sinne bilden. Nicht umsonst wird Müttern empfohlen, mit dem ungeborenen Kind zu sprechen, um dieses mit ihrer Stimme vertraut zu machen. Kleinkinder lernen insbesondere durch Bewegung, Berührung und Erfahrung. Erst später kommt das Verständnis für Buchstaben und Zahlen. Die Schulzeit und Berufsausbildung stellen wohl den offensichtlichsten Lebensabschnitt des Lernens dar, aber auch damit ist es bei weitem noch nicht getan. Schlecht beraten ist, wer sich auf Erlerntem ausruht und denkt, damit sei ausgelernt. Die Zellen im Gehirn brauchen Nahrung und wollen gefordert sein.

1987 habe ich meine zweite Berufsausbildung beendet. Ich habe in der Grafik gelernt zu einem Zeitpunkt, als es das Internet noch nicht gab und der erste Computer in unsere Werbeagentur einzog. Begriffe wie Fadenzähler, Typometer, Rapidograf sind nur noch den ganz alten Grafikern ein Begriff. Diese Arbeitsmittel werden heute nicht mehr gebraucht. Ich erlebte, wie die Digitalisierung in meinen Beruf einzog. Schriftsetzer verloren ihre Arbeitsplätze, weil moderne Technik sie ersetzte. Sie alle mussten um- und neulernen, um weiterhin ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Nach meiner Mutterschaft hatte ich Glück und bekam eine Weiterbildung angeboten. Ein Jahr konnte ich die digitale Umstellung meines Berufes an einer Medienakademie erlernen. Das war ein guter Zwischenschritt, aber auch damit war noch nicht ausgelernt. Arbeitsbedingt erschloss ich mir viele Dinge selber und mache heute beruflich etwas anderes, als ich ursprünglich gelernt hatte. Ich nutze jede Möglichkeit der Weiterbildung, von Seminaren und Workshops, und habe immer noch nicht ausgelernt.

Wir lernen immer und mit jedem Lebensabschnitt etwas Neues. Ein Paar, das die Elternschaft antritt, lernt das Leben mit ganz anderen Augen zu betrachten und Wertigkeiten neu zu setzen. Ein Mensch, der sich vom Berufsleben verabschiedet, muss lernen, wie er neue Inhalte findet und sich neu aufstellt. Die Digitalisierung fordert von jedem von uns Lernbereitschaft ab, weil sich dadurch unsere Lebensumstände massiv ändern. Wir müssen Dinge erlernen, von denen wir vor 50 Jahren noch gar nicht wussten, dass es sie einmal geben wird. Weiterbildung, Umschulung, Zusatzstudium, Onlineseminar, berufsbegleitendes Lernen sind moderne Begriffe und entsprechende Schulen und Angebote überall zu finden. Umwelt und Technik fordern von uns neues Denken, neue Berufe und die Bereitschaft, es anzunehmen. Demographischer Wandel und politische Veränderungen fordern uns heraus. Wehe dem, der sich davor verschließt und glaubt an Gewohntem festhalten zu können.

So ist es auch erwiesen, dass uns die Denkleistung bis ins hohe Alter erhalten bleibt. Der Trick dabei ist, diese genauso wie die körperliche Fitness zu trainieren. Geben wir uns dem Alterungsprozess hin und fügen uns ins Unabänderliche, haben wir auch die Konsequenz zu tragen. Spaß am Lernen hingegen belohnt uns mit geistiger Agilität und Freude, immer wieder neue Entdeckungen zu machen. Wir tun uns selber etwas Gutes an, indem wir am Leben im Alter teilhaben und neuen Dingen aufgeschlossen bleiben. Natürlich fällt das Lernen nicht mehr so leicht wie in jugendlichen Zeiten, aber gerade hier den Lerntyp beachtend, kann man großen Gewinn für sich selber erzielen. Nicht umsonst erfreuen sich Angebote für Senioren immer größerer Beliebtheit in einer immer älter werdenden Gesellschaft. Würde der Mehrwert der Wissenswelt der Älteren erkannt und genutzt, ließe sich gesellschaftlich großer Nutzen daraus ziehen.

Ich persönlich lerne gerne und bei jeder Gelegenheit, die sich mir bietet. Besonderen Spaß habe ich, wenn ich von jungen Menschen lernen darf. Beispielsweise nutzte ich lange Zeit das Bildbearbeitungsprogramm Photoshop. Mein Kind saß oft neben mir und erzählte mir ihre Geschichten. Irgendwann hatte sie etwas für die Schule zu erledigen und fragte, ob sie an meinen Computer dürfe. Ich bejahte, wurde aber nach einer Weile etwas skeptisch und schaute nach, was sie dort machte. Sie benutzte dieses Bildbearbeitungsprogramm, ohne dass ich ihr jemals eine Einführungsstunde gegeben hatte. Heute benutzt sie dort Funktionen, die ich teilweise nicht kenne und schon manche Frage konnte sie mir kompetent beantworten. Sie hatte einfach durch zusehen gelernt und mich in ihrem Wissen irgendwann überholt. Auch in anderen technischen Dingen bin ich heute diejenige, die zur Tochter geht, um sich den richtigen Ratschlag zu holen.

Eines Tages werde ich vielleicht so einen laufenden Schulranzen, den mein Enkelkind trägt, zum ersten Schultag begleiten. Vielleicht entlaste ich seine Mutter, indem ich bei den Hausaufgaben unterstütze. Ich werde entspannt beobachten, wie dieses Kind lernen wird, und neugierig sein, wie sich die Lernwelt der Kinder in Zukunft verändern wird. Ich gehöre zu den Generationen, die vollkommen analog das Lernen lernten. Wir nutzten Lexika und Bibliotheken, wenn wir Wissen über die Schulbücher hinaus brauchten. Die Vorzüge der digitalen Welt waren uns noch verschlossen. Ich werde gespannt sein, was ich von diesem Kind lernen kann oder wie es lernt. Aufzuhören mit dem Lernen kann ich mir zum jetzigen Zeitpunkt nicht vorstellen. Das Schöne ist, dass alles was ich heute noch lerne, aus freiem Willen geschieht und für mich eine Bereicherung ist. Solange wir neugierig auf alles um uns herum bleiben, bleiben wir lernbereit und hoffentlich fit bis ins sehr hohe Alter!


Ein Beitrag aus dem Magazin „Im Mittelpunkt“ 1.2019 mit dem Leitthema „Lernen – ein Leben lang“
Das ganze Magazin könnt ihr als eBook oder interaktives Pdf herunterladen, die gedruckte Version, einschließlich dem Einleger mit allen Veranstaltungen des Stadtteilzentrum Steglitz e.V., findet ihr in unseren Einrichtungen.

 

 

 

 

 

Frieda und die Kiezsterne

Ebay Kleinanzeigen: Wie haben eine Anzeige geschaltet – „Werde ein Kiezstern!“. Der Anzeigentext beginnt mit den Sätzen: „Ehrenamtliche Rückenstärker für Familien in der Nachbarschaft gesucht! Wir wollen unkompliziert, kurzfristig und kurzzeitig helfen. …“. Meine Kollegin Martina sucht Ehrenamtliche, die sich in der Kinder- und Jugendhilfe engagieren möchten. Diese Kleinanzeigen kann man als Nutzer kommentieren bzw. Nachrichten schreiben. So bekamen wir eines Tages die Nachricht einer Dame, die meinte, dass es ja ein nettes Projekt wäre, aber schon so oft anderswo versucht wurde. Es würde wohl kaum erfolgreich werden. Ich bedankte mich bei der Dame für die Nachricht, schrieb ihr aber zurück, dass sie sich in genau diesem Fall irren würde, denn die Kiezsterne sind ein durchaus erfolgreiches Projekt und konnten schon in vielen Familien helfen. Sie meldete sich nicht mehr. Was steckt hinter dem Erfolg der Kiezsterne? Warum funktioniert es hier und woanders nicht?

Ich denke, der Erfolg ist besonders auf das Engagement meiner Kollegin Martina zurückzuführen. Sie wird nicht müde zu erklären, wie die Kiezsterne funktionieren. Sie wirbt dafür über alle möglichen Plattformen und sie betreut die „gewonnenen“ Kiezsterne sehr bewusst. Martina Riester arbeitet für das SRL Projekt. SRL steht für SozialRaumorientierte Leistungen, d.h. Betreuung und Hilfe direkt im Kiez und an bzw. in den Familien. Im SRL-Projekt arbeiten das Jugendamt Steglitz und Träger der freien Jugendhilfe eng zusammen. Das sind Träger wie FAMOS gGmbH, der Mittelhof e.V. und das Stadtteilzentrum Steglitz e.V., die von Natur aus schon fest in den Nachbarschaften verankert sind. Die Familien, die über pädagogische Fachkräfte (ErzieherInnen, Lehrkräfte, …) mit den KollegInnen des SRL-Projektes in Kontakt gebracht werden, dürfen lösungsorientierte Beratung erwarten. Das Ziel ist, die Menschen dahingehend zu begleiten, dass sie eine nachhaltige und selbstständige Lösung ihrer individuellen Situation erreichen können. Soweit die Theorie.

In der Praxis begleitet Martina mittlerweile 16 Kiezsterne, also Menschen, die ehrenamtlich ihre Freizeit und ihre besonderen Fähigkeiten zur Verfügung stellen. Besondere Fähigkeiten hört sich dabei gewichtiger an als es ist: Manchmal reicht es, ein offenes Ohr zu haben; der eine hat ein besonderes Händchen dafür, Papiere zu sortieren und Ordner zu führen; die andere hat einen einfühlsamen „Draht“ zu Kindern; manche finden sich gut bei Behördengängen zurecht. Die Fähigkeiten umfassen alle im eigenen Leben erlernten Begabungen oder Vorlieben, die man anderen zur Verfügung stellen kann. Drei- bis viermal im Jahr organisiert Martina ein Treffen aller Kiezsterne, bei dem sie sich untereinander austauschen können. Dabei werden die Einsätze besprochen und manches, was auf die Seele drückt erzählt. Jeder Einsatz als Kiezstern ist anders und an den Bedürfnissen der Familien orientiert, die unterstützt werden sollen, aber auch an das Maß der Hilfe angepasst, das der betreffende Kiezstern personell wie zeitlich leisten kann. Eine Dame hilft zur Zeit als Kiezstern, indem sie nutzbringende Dinge recherchiert. So hält sie den Kontakt zu den anderen Ehrenamtlichen und überbrückt die Zeit, bis sie sich wieder intensiver mit einem Einsatz beschäftigen kann. Auch bei gesundheitlichen Pausen halten die Kiezsterne zu den Aktiven Kontakt, bis ein Einsatz wieder möglich wird. Im Moment sind die 14 aktiven Kiezsterne in verschiedenen Bereichen eingeteilt: Sieben geben Nachhilfe, zwei sind als Familienoma tätig, drei fungieren als Springer für kurze Einsätze und zwei Kiezsterne stehen für Büro und Behördenangelegenheiten bereit.

Heike Ehrfeld* ist einer der Kiezsterne geworden. Sie ist über das Nachbarschaftsportal nebenan.de auf das Projekt aufmerksam geworden, wo Martina einen Aufruf veröffentlicht hatte. Es wurde eine Familien-Oma gesucht. Frau Ehrfeld traf sich mit Martina, wobei sie sich kennenlernen konnten und besprachen, was Frau Ehrfeld als Kiezstern leisten könnte und was in diesem Fall der Familien-Oma gebraucht wurde. Erst dann lernte Frau Ehrfeld die Familie kennen. Eine alleinstehende afghanische Mutter mit zwei Kindern brauchte Unterstützung. Die junge Frau hat eine schwierige Biografie und schaffte den Spagat zwischen afghanischer und deutscher Kultur nur schwer. Hinzu kam die Überforderung mit Haushalt, Kindern und einer Ausbildung als Erzieherin. Vom Kindsvater konnte sie keine Unterstützung erwarten und die Ursprungsfamilie stand nicht zur Verfügung. Hier gab es mehrere Baustellen. Anfänglich stand der Papierkram im Vordergrund. Hier stellte Frau Ehrfeld aber schnell fest, dass es nicht ihre Domäne war. Dafür wurde ein anderer Kiezstern gefunden. Für Frau Ehrfeld kristallisierte sich der Schwerpunkt immer mehr auf die Betreuung der Tochter und telefonischen Seelsorge der Mutter heraus. Dieser Einsatz als Kiezstern erfordert mindestens zwei Stunden in der Woche.

Die Befähigung von Frau Ehrfeld für diesen Einsatz liegt vornehmlich in der Lebenserfahrung, die sie von Haus aus mitbringt. Sie hat ihr Leben zwischen Stuttgart, Berlin und Sylt verbracht, als Waldorf- und staatliche Lehrerin gearbeitet und schließlich zur Heilpraktikerin umgeschult, als die sie auch heute noch tätig ist. Aber sie bringt auch noch etwas mit, das den Zugang zu dem Kind ihrer Einsatzfamilie erleichtert hat. Frieda steht auf vier Pfoten, ist kuschelig weich und ein absolut ruhiger Hund, der nicht nur Kinderherzen höher schlagen lässt. Heike Ehrfeld hat oft im Leben die Erkenntnis erlangt, dass man nur Erfahrungen macht, wenn man an Grenzen stößt. So ist auch ihr Einsatz in dieser Familie ein sensibler Erfahrungsprozess, bei dem sanft geschaut werden muss, was die Bedürfnisse der Familie sind und was der Kiezstern, Frau Ehrfeld, dazu beitragen kann. Auch hier gilt es, nicht nur kulturelle, Grenzen zu überwinden und die Hilfe in der Selbsthilfe zu unterstützen und stärken.

Martina Riester steht dabei ihren Kiezsternen zur Seite. Berät, wenn kulturelle oder persönliche Schwierigkeiten störend im Weg stehen. Lobt, wenn positive Entwicklungen zu würdigen sind. Bestärkt, wenn Unsicherheiten auftreten. Sucht neue Ehrenamtliche, die eine bereichernde Tätigkeit in frei zur Verfügung stehender Zeit suchen. So wird der Einsatz als Kiezstern nicht nur für die Ehrenamtlichen zum Gewinn. Frieda, der eigentlich 17. Kiezstern, macht dabei jeden Einsatz gelassen mit.

*Name geändert – Foto: Spreehexe

Informationen/Kontakt:
Martina Riester
Mobil: 0157-58 25 65 83
E-Mail: riester[at]srl-projekt.de
www.srl-projekt.de
SRL-Projekt Region Südost Steglitz-Zehlendorf

 


Ein Beitrag aus dem Magazin „Im Mittelpunkt“ 2.2018 mit dem Leitthema „Frei-Zeit“
Das ganze Magazin können Sie als eBook oder interaktives Pdf herunterladen, die gedruckte Version, einschließlich dem Einleger mit allen Veranstaltungen des SzS, finden Sie in unseren Einrichtungen.

Bildung ist Recht, kein Privileg!

Ihre Nachricht kam über WhatsApp „Ich hab’ es geschafft! Bestanden!“ Meine Tochter saß in der Schule und die Abiturnoten wurden verkündet. Ein emotional sehr starker Moment für mich … irgendwas zwischen Stolz auf die Tochter und Erleichterung. Es war der Moment, in dem unsere Schulzeit zu Ende ging. Beide Töchter hatten einen guten Schulabschluss und wir somit die Basis für ein erfolgreiches Berufsleben gelegt. Alles Weitere war und ist, natürlich mit unserer Unterstützung, ihre eigene Sache und Entscheidung. Ich bin dankbar, dass wir ihnen diese schulische Basis, wenn auch nicht immer einfach, ermöglichen konnten. Nicht alle Eltern können das.

Trotzdem lässt mich das Thema „Schule“ nicht ganz los. Berlins Schulen sind baufällig und haben keine Lehrer. Über veraltete Lehrpläne denke ich lieber erst gar nicht nach. Von 1240 neu eingestellten Lehrkräften zum neuen Schuljahr 2018/2019 sind 880 Quereinsteiger und Lehrer ohne volle Lehrbefähigung. Es tut mir in der Seele weh, mir vorzustellen, dass Kinder von Menschen unterrichtet werden, die dafür nicht ausgebildet sind. Dennoch beeinflussen diese Menschen die Lebensläufe der Kinder, sowohl in der Notengebung als auch in der Motivation für weiteres Lernen. Das kann, muss aber nicht zwingend gut gehen. Ich denke, die Berliner Bildungsmisere geht auf jahrzehntelange Sparpolitik zurück. Es fehlt an allen Ecken und Ende. Glücklich können die Kinder sein, deren Eltern es möglich ist, sie zeitlich und hinsichtlich der Bildung zu unterstützen. Irgendwie kommen sie dann durch die prüfungsbesetzten Schuljahre hindurch. Irgendwann stellen ihre Eltern dann, ebenso wie wir, fest, dass es geklappt hat. Oder eben auch nicht und dann werden die Zukunftsprognosen der Kinder dürftig.

Ein paar Straßen weiter als wir wohnen liegt die Thermometersiedlung. Spätestens seit der Veröffentlichung des letzten Monitorings Soziale Stadtentwicklung ist klar, dass die Siedlung sozialer Brennpunkt ist. In den Stadtrandnachrichten finde ich folgende Passage in dem Bericht darüber: „… Laut der Studie hat sich die Zahl der Brennpunkte in Berlin in den letzten Jahren kaum verändert. Teilweise sind jetzt jedoch ganz andere Kieze betroffen, als noch vor zwei Jahren. Eines der „Neuankömmlinge“ ist die Thermometersiedlung in Lichterfelde. Die Lage in diesem Stadtteil habe sich merklich verschlechtert. Den Ergebnissen des Monitorings zufolge sieht es hier sogar ganz besonders düster aus: Die Siedlung weist nicht nur einen „sehr niedrigen sozialen Status“, sondern auch eine „negative Dynamik“ auf. Das heißt, das die Kinderarmut und die Zahl der Arbeitslosen, der Langzeitarbeitslosen und derer, die zwar nicht arbeitslos, dennoch auf die Unterstützung vom Staat angewiesen sind, hier jetzt schon sehr hoch ist und den Prognosen zufolge noch weiter ansteigen wird. Noch im Jahr 2015 war die Lage hier etwas weniger dramatisch. Damals wies der Kiez „lediglich“ einen „niedrigen Status“ und eine „stabile Dynamik“ auf. …“ Für mich bedeutet es, dass die Kinder, die in dieser Siedlung wohnen, noch schlechtere schulische Aussichten haben, als sowieso schon in Berlin vorgegeben. Sie sind oft auf sich gestellt, versuchen sich irgendwie durch die Schulzeit zu bugsieren und am Ende frustriert festzustellen, dass das Ergebnis oft nicht einmal für eine Ausbildung reicht. Der soziale Teufelskreis ist leicht zu erkennen und wird oft genug von Generation zu Generation weitergereicht.

Genau mittendrin in dieser Siedlung liegt das KiJuNa – das Kinder-, Jugend- und Nachbarschaftszentrum. Mein junger Kollege Kristoffer ist dort Projektleiter und arbeitet seit fast 10 Jahren mit den Kindern und den Familien in der Umgebung. Er erlebt tagtäglich, was Kinderarmut für Auswirkungen hat. Er erlebt Familien, die sich keinen Urlaub leisten können und froh sind, wenn ihre Kinder in der Jugendeinrichtung ein Mittagessen bekommen. Wenn es Kristoffer an etwas nicht fehlt, sind das neue Ideen und nach dem Monitoring hat er sich ein neues Projekt ausgedacht und setzt es gerade in die Tat um.

Es heißt: ExperiDay! und er selber schreibt dazu: „Ich bin der festen Überzeugung, dass gute Bildung einen gewichtigen Teil dazu beitragen kann, die Chancen der Kinder auf ein Leben ohne Armut zu steigern. Alle Projekte, die wir im Kijuna Lichterfelde Süd anbieten, sind einzig und allein darauf angelegt, Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung aktiv und mit einem positiven Blick auf ihre Talente zu begleiten.“ Sehr viele Projekte haben im KiJuNa mit Musik zu tun … diesmal geht es um Bildung und dafür braucht er Hilfe.

Was ist ExperiDay? Mit dem Projekt soll ein Bildungsangebot für die Kids aus dem sozialen Brennpunkt geschaffen werden. Es soll Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit bieten, Abstraktes und Theoretisches im Rahmen von Experimenten und Planspielen sicht- und greifbar zu machen. Gemeinsam setzen sich Kinder und Jugendliche in altersgemischten Gruppen mit praktischen Bildungselementen auseinander. Angelehnt an schulische Lerninhalte finden wöchentliche Workshops statt, in denen die Teilnehmenden naturwissenschaftliche Experimente durchführen. Die Workshops werden von angehenden und ausgebildeten Wissenschaftlern begleitet. … Der Erhalt und die Förderung der Freude von Kindern und Jugendlichen am Lernen ist das Leitmotiv des Projekts. … Noch mehr dazu zu lesen gibt es unter diesem Link  „ExperiDay! – Bildungsprojekt in einem Berliner Brennpunkt.“

Was mich persönlich immer fasziniert ist die Begeisterung, mit der Kristoffer sich für die Kinder der Siedlung einsetzt und ich finde die Idee fantastisch, Bildung dorthin zu tragen, wo man sie am wenigsten vermutet und dringend braucht. Der Wunsch, diesen Kindern Spaß am Lernen in der Freizeit näher zu bringen und ihnen zu zeigen, wo Naturwissenschaften im Alltag zu finden sind, ist in meinen Augen jede Unterstützung wert.

Nun hat er in seiner Freizeit darüber ein Lied geschrieben und mit den Kindern verfilmt. Spätestens mit diesem Lied hatte er mich überzeugt – ich habe der Spendenbutton gedrückt. Ich hoffe, dass ExperiDay! ein erfolgreiches Projekt wird und nicht nur die Kinder in diesem Song, ihren Eltern irgendwann schreiben können: „Ich hab es geschafft! Bestanden!“

Schaut euch das Lied an, lasst euch begeistern und vielleicht macht der ein oder andere dann auch den Klick auf den Spendenbutton … denn – wie immer – auch ganz kleine Beträge helfen.

„Wir brauchen dich, wir brauchen euch, wir brauchen Hilfe und dann schaffen wir’s vielleicht.“

Jetzt Spenden! Das Spendenformular wird von betterplace.org bereit gestellt.

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Allein und doch nicht Einsam

Es ist Sonntagmorgen. Ich wache mit dem Wissen auf, dass ich den heutigen Tag alleine verbringen werde. Die Kinder leben nicht mehr im Haus und mein Mann hat angekündigt, dass er den ganzen Sonntag mit Hockeyspielen zu tun hat. Nach dem Frühstück macht er sich auf den Weg. Ich genieße die Ruhe und das Gefühl, heute meinem eigenen Rhythmus folgen zu können. Ich weiß, dass ich alleine bin und fühle mich doch nicht einsam. Ein Zeitsprung in die Vergangenheit: Es war Sonntagmorgen. Ich wachte mit dem Wissen auf, dass ich den heutigen Tag allein verbringen würde. Ich lebte allein in meiner ersten eigenen Wohnung und war erst vor kurzer Zeit zuhause ausgezogen. Meine Familie lebte 600 km entfernt. Ich wusste, dass sie gemeinsam frühstücken würden, den Tag gemeinsam gestalten. Ich war allein und fühlte mich einsam. Es ist ein sehr feiner Unterschied, allein zu sein, ohne sich einsam zu fühlen, oder sich allein und einsam zu fühlen.

Alleinsein ist erst einmal eine Tatsache. Ich bin allein in einem Raum, mache allein eine Reise, gehe allein ins Kino. Alleinsein bedeutet vor allem, dass ich selbstbestimmt etwas für mich tue oder erlebe. Niemand nimmt daran teil, solange ich diesen Zustand beibehalten will. Alleinsein ist meist eine bewusste Entscheidung. Sie kann sich natürlich auch ergeben, sofern ich niemanden finde, der etwas gemeinsam mit mir machen möchte. Alleinsein kann ich beenden, sofern ich kommunikativ genug bin und mir für meine Vorhaben Begleitung und Gesellschaft suche.

Einsam sein ist ein inneres Gefühl, das aufkommt, wenn ich mich in meiner Lebenssituation oder einem Umstand verlassen fühle. Es ist eine Empfindung, die mich Kraft kostet und die ich nur beenden kann, wenn ich sie mir bewusst mache, gesund bin und Energie aufbringen kann, etwas zu ändern. Einsamkeit ist unabhängig davon, ob es andere Menschen um mich herum gibt. Ich kann in einer Partnerschaft einsam sein, in einer Gruppe oder einer belebten Stadt. Wer einsam ist, fühlt sich isoliert, unbeachtet, unverstanden, nicht gebraucht. Es fehlt ein Partner, der Bestätigung und Verständnis gibt.

Beide Zustände sind für Menschen, die über geistige Gesundheit verfügen, gut zu handhaben. Hat die Seele oder das Empfinden jedoch eine Schwäche, ist es ohne Hilfe schwer, herauszukommen und kann in ernsten Fällen selbst körperliche Krankheiten nach sich ziehen. Nicht umsonst wurde und wird Isolation in allen Gesellschaften als Bestrafung angewendet. Der Ausschluss aus einer Gemeinschaft war in sehr frühen Zeiten lebensgefährdend. Isolationshaft soll Häftlinge brechen und gefügig machen. Mobbing ist eine Art, Menschen zu isolieren, zu verunsichern und zu brechen.

Jeder Mensch erlebt beide Zustände in verschiedenen Lebensabschnitten. Beispielsweise Kinder, die sich einer Gruppe nicht zugehörig fühlen. Jugendliche, die die Ursprungsfamilie verlassen und ihr Leben selbst in die Hand nehmen müssen. Ehefrauen und Männer, die sich in der Partnerschaft nicht verstanden fühlen. ArbeitnehmerInnen, die aus beruflichen Gründen in eine andere Stadt umziehen müssen. Angestellte, die sich überfordert fühlen, sich aber nicht trauen, darüber zu sprechen. Menschen, gleich welchen Alters, die verlassen werden. Mütter, deren Kinder ihre Obhut verlassen. Ältere Menschen, deren Partner und Freunde das Zeitliche segnen. Niemand ist davor sicher, eine Situation zu erleben, die den sozialen Halt empfindlich stört und das natürliche Gleichgewicht durcheinander bringt.

Es ist unerheblich, ob man auf einem Dorf oder in einer Großstadt wohnt. Wenn der Zugang oder Kontakt zu anderen Menschen nicht gegeben ist, entsteht Einsamkeit. Spürt man sie, ist es wichtig, die Warnsignale zu verstehen und Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Wohl dem, der kontaktfreudig ist. In den Städten sind es die sozialen und nachbarschaftlichen Vereine und Träger, die sich diesem Problem annehmen und es als vornehmlich Aufgabe verstehen, Menschen zusammen zu bringen, Interessen zu bündeln und Hilfe zur Selbsthilfe fördern. Das geschieht durch offene Kinder- und Jugendhäuser, durch Nachbarschaftshäuser, Gruppen, Kurse und Stadtteilfeste. Alle diese nachbarschaftlichen Vereine und Träger verfügen über weit gefächerte Netzwerke, so dass generationsübergreifend Hilfestellungen und Beratungen angeboten werden können. So wie der Mensch ein soziales Wesen ist, greift die soziale Arbeit alle Aspekte auf, die Menschen dazu bringt eigenständig in Kontakt zu treten und Gemeinschaft zu fördern. Soziale Arbeit muss sich immer wieder der Anonymität der Großstädte, dem demographischen Wandel, der Digitalisierung aller Kommunikationskanäle und vielen anderen gesellschaftlichen Aspekten anpassen. So ist soziale Arbeit moderner denn je mit einem verlässlichen Auftrag gegen Isolation und Vereinsamung.

Die andere Seite der Medaille sollte auch betrachtet werden: Manche Menschen suchen geradezu nach Einsamkeit, die ihnen innere Ruhe, Gleichgewicht und Entspannung verspricht. So verstanden stehen sich Einsamkeit und Alleinsein recht nah. Gerade in der Reizüberflutung der heutigen Zeit sind ruhige Momente, Besinnung und Zurückgezogenheit recht selten besetzt. Nicht umsonst haben Esoterik, Meditation und Wellness Hochkonjunktur. Der Mensch sehnt sich nach innerer Ausgeglichenheit. Sofern gesund, kann man Alleinsein sehr genießen. Der eine sucht seine Ruhe im Sport, der andere beim Wandern, wieder andere in kreativen Handlungen. Sinn dessen ist, immer das innere Gleichgewicht zu halten. Dennoch ist es ratsam, sich bewusst zu machen, wie schnell sich das ändern kann um dann, wenn das Gefühl der Einsamkeit auftaucht, Gegenmaßnahmen zu treffen.

Im heutigen Leben gewinnt die Empathie in Bezug auf Vereinsamung immer mehr an Bedeutung. Feste soziale Strukturen, wie die Familie oder der Clans, wie immer Zusammenschlüssen von Menschen heißen, lösen sich scheinbar unaufhaltsam auf. Die Ehe ist kein erforderliches Mittel gesellschaftlicher Anerkennung mehr. So ist es immer wichtig, einen Blick für Menschen um uns herum zu behalten. Ob es der Obdachlose in Wintertagen ist, geflüchtete Menschen in Unterkünften, die alleinerziehende Nachbarin … es kann uns alle treffen. Stark ist der Mensch, dem klar ist, das er tatsächlich ein eigenverantwortliches Individuum ist, das sich einem Kontext anpassen kann, nie aber sich selber dabei aufgibt. Wer es schafft, sich selber auszuhalten, sich – selbst bewusst zu sein – ist der eigentliche Meister seiner Zeit, seiner Gesellschaft und Umgebung.

Irgendwann wird wieder ein Sonntag- morgen kommen. Dann werden mein Mann oder ich allein den Tag verbringen, weil der andere endgültig gegangen ist. Ob wir uns dann einsam fühlen oder bewusst ein bis dahin gemeinsam gelebtes Leben zu schätzen wissen, wird die
Zeit zeigen, sofern wir gesund bleiben. Vielleicht laden wir an genau diesem Sonntagmorgen einfach die Kinder zu uns ein. Wir haben es in der Hand.


Ein Beitrag aus dem Magazin „Im Mittelpunkt“ 1/2018 des Stadtteilzentrums Steglitz e.V. mit dem Leitthema „Alleinsein“
Das ganze Magazin können Sie als eBook oder interaktives Pdf herunterladen. Gedruckt liegt es in den Einrichtungen des Stadtteilzentrums aus.

Vom Geflüchteten zum Helfer für Geflüchtete

Der junge Mann stürmt in mein Büro und füllt innerhalb von Sekunden den ganzen Raum mit seiner Energie. Wir kommen schnell ins Gespräch, in dem wir uns darüber austauschen, was eine positive Ausstrahlung alles bewirken kann. Wir klären ein paar arbeitstechnische Dinge und schon ist er wieder weg. Ich bleibe etwas erstaunt alleine im Büro sitzen, denn ich weiß in Ansätzen, was er in den letzten Jahren hinter sich gebracht hat. Trotzdem hinterlässt mein neuer junge Kollege ein gutes und optimistisches Gefühl bei mir und ich glaube, dass er für seinen Job genau der Richtige ist. Haydarah’s Arbeitsbereich ist die unterstützende Tätigkeit in der Nachbarschaftsarbeit, speziell im Hinblick auf geflüchtete Menschen. Er war selber einer von ihnen und hilft nun bei dem, was ihm selber gelungen ist – der Integration.

Wir treffen uns ein weiteres Mal. Ich möchte es genauer wissen. „Wie ich nach Deutschland gekommen bin? Ganz normal. Wie alle anderen Flüchtlinge mit dem Flugzeug, Bus, Boot, zu Fuß, Zug, etc. … Aber die richtige Herausforderung begann hier in Deutschland, die neue Kultur, Gesellschaft, Sprache, Lebensart … aber mit der Zeit und einiger Mühe wurde alles einfacher.“ sagt er. – Moment. Ich bleibe hartnäckig. So normal kann das nicht gewesen sein bevor das mit der Gesellschaft und Kultur begann. Und dann erzählt er doch von seinem langen Weg hierher. Haydarah ist Syrer und lebte mit seiner Familie in Damaskus. Mit 18 Jahren hätte er zum Militärdienst gemusst und so wurde seine Flucht die einzige Alternative zum Krieg. Die Flucht kostete sehr viel Geld, was zur Folge hatte, dass er sie ohne Begleitung alleine bewältigen musste. Über den Libanon, die Türkei, Griechenland, Makedonien, Serbien, Ungarn und Österreich kam er nach Deutschland, wo er über München nach Berlin kam. Heute sagt er, dass er so eine Flucht nicht noch einmal machen würde. Die meiste Zeit war er auf sich gestellt, erst ab Serbien fand er zwei weitere Männer mit denen er weiterreisen konnte. Die schlimmste Erinnerung hat er an das Boot, dass sie von der Türkei nach Griechenland brachte. Sie mussten stundenlang bewacht darin sitzend aushalten ohne zu wissen, wie es weiter geht.

Ende August 2015 kam er am Ziel an und zum Glück sagten ihm ein paar Leute, wo er die erste Nacht schlafen konnte. Gleich mit dem zweiten Tag begannen seine Erfahrungen mit dem LaGeSo*, das damals wegen der langen Menschenschlangen in aller Munde war. Auch an diesem Tag standen so viele Geflüchtete an, dass er keinen Termin bekommen konnte. Umsonst gewartet und kein Schlafplatz in Sicht. Wieder hatte er Glück und bekam von den Beamten die Adresse vom KiJuNa – Kinder-, Jugend- und Nachbarschaftszentrum im Süden Berlins. Dort kam er mit 14 anderen jungen Männern an, wo sie von Veronika Mampel empfangen wurden. Zwei Nächte konnten sie dort bleiben, dann mussten sie erneut zum LaGeSo. Von den 15 Männern konnten drei in Berlin bleiben und die bekamen Hoteltickets für 50 Tage. So sehr sie auch suchten – kein Hotel nahm sie auf. Sie riefen wieder Veronika Mampel an, die ihnen erlaubte vorerst in einer Einrichtung des Stadtteilzentrum Steglitz e.V. unterzukommen. Auch sie suchte im Folgenden Unterkünfte für die drei jungen Männern, blieb jedoch ebenso erfolglos.

In dieser Zeit standen sie viele Stunden vor dem LaGeSo an. Wenn sie keinen Termin hatten, gingen sie ins KiJuNa um sich die Zeit zu vertreiben. Haydarah erzählt, dass er sich schnell gelangweilt hätte. Im KiJuNa hätte er aber Benni kennengelernt, der dort arbeitete. Mit ihm verstand er sich gut, mit ihm konnte er viel Lachen und fand einen geduldigen Gesprächspartner bei seinen ersten Versuchen sich in Deutsch auszudrücken. Es war ihm von Anfang an klar: Wollte er in diesem Land Fuß fassen, musste er die Sprache so schnell als möglich lernen. Der Kontakt mit Benni brachte ihn zudem auf die Idee Veronika Mampel zu fragen, ob er und seine Mitbewohner nicht ehrenamtlich in KiJuNa helfen könnten. Veronika Mampel leitet die nachbarschaftsübergreifende Arbeit, koordiniert Ehrenamt und Flüchtlingsarbeit des freien sozialen Trägers und hatte so die Möglichkeit eine ehrenamtliche Beschäftigung für die jungen Männer zu finden. Darüber hinaus bekamen die Drei neben der Beschäftigung Kontakt zu Einheimischen und die Möglichkeit ihre Deutschkenntnisse zu erweitern. Parallel besuchten sie Deutschkurse, die im KiJuNa angeboten wurden.

Nach drei/vier Monaten hatte Haydarah es geschafft: Er bekam die Aufenthaltsgenehmigung und damit die Arbeitserlaubnis in Deutschland. Und schließlich gelang V. Mampel, was tatsächlich sehr schwer ist – sie fand eine Wohnung in die Haydarah alleine einziehen konnte. Dieser ganze Prozess war begleitet von Papieren, die ausgefüllt werden mussten. „Vielen Papieren“, sagt Haydarah, und das ist der einzige Punkt in unserem Gespräch, an dem er etwas klagt. Deutschland, deine Formulare. Die Arbeitserlaubnis ermöglichte einen Job als Küchenhilfe und ein Praktikum in einer Unternehmensberatung. Ausbildung war ebenfalls ein gefasster Plan, der sich aber nicht umsetzen ließ. Nach bestandenem B2 Sprachlehrgang hatte er gerade den C1 Lehrgang begonnen, als wieder Veronika Mampel auf ihn zukam und ihm eine Arbeitsstelle im Stadtteilzentrum anbot.

Ich frage ihn, wo er sich selbst in 10 Jahren sieht. Er lacht mich an und sagt, dass es immer anders kommt als man es plant. Das sei eine seiner großen Erfahrungen der letzten Jahre. In Syrien hatte er nach dem Abitur Wirtschaft und Informatik studiert, aber macht heute etwas ganz anderes. Er lässt es auf sich zukommen, würde aber gerne hier in Deutschland bleiben. Als ich ihn frage, woher er seine positive Ausstrahlung hat, antwortet er, dass er das tatsächlich hier erst gelernt hätte. Wenn man drei Monate täglich 12 Stunden warten muss, lernt man Geduld zu haben und gerade in dieser Zeit hätte er sehr viel darüber gelesen, wie man Emotionen und Gefühle in Griff bekommt. Früher sei er viel aggressiver aufgetreten um Stärke zu zeigen. Es hat sich für ihn aber gezeigt, dass er nichts erreicht, wenn er unangenehm oder fordernd auf andere zugeht. Mit einem Lächeln geht es leichter.

Ich habe meinen jungen Kollegen weitere Male im Rahmen der Arbeit getroffen. Dabei hat er immer gelacht und ist auch für jeden Spaß zu haben. Ich gebe mir dabei keine Mühe für ihn verständlich zu sprechen. Er lacht, wenn er etwas falsch ausspricht, lässt aber keine Ruhe, bis er es dann richtig kann. Nicht leicht für jemanden in dessen Muttersprache es kein Ä, Ö oder Ü gibt. Auch manche Buchstaben sind für ihn schwierig, weil sich der Name Benny genauso wie der Laden Penny anhört. Haydarah ist ein sehr gutes Beispiel für jemanden, der flüchten musste und eine gefährliche Reise hinter sich hat, dessen Familie nach wie vor in einem vor Krieg besetzten Land lebt. Der trotzdem hier angekommen ist, sich integriert hat und nun für andere eine große Unterstützung werden kann. Der Zufall hat ihn das Stadtteilzentrum Steglitz e.V. finden lassen, bei dem er nun einen Beitrag zur Integrationsarbeit des Vereins leisten kann. Besser geht Integration kaum.

*LaGeSo – Landesamt für Gesundheit und Soziales

Baumkobolde … mit Spaß zum Nachdenken anregen

„Ich war einmal ein sehr stolzer Baum. Über viele Jahre wuchs ich und konnte den Wechsel der Jahreszeiten genießen. Mit den Bewohnern der Häuser um mich herum wurde ich gemeinsam älter. Später wurde ich krank. Sie merken es nicht, bis ich nicht mehr zu retten war. Es tat weh, als sie die Säge anlegten und ich mich von meinem erhabenen Blick aus der Baumkrone verabschieden musste. Lange stand ich traurig dort als Baumstumpf. Sehr lange und niemand beachtete mich – fast niemand. Harald kannte ich schon als kleinen Jungen. Der war immer draußen und musste die Stadt entdecken. An einem schönen Tag kam er mit zwei Holzscheiben vorbei. Das wurden meine ersten Ohren. Augen bekam ich auch und schon hatte ich mit meinem natürlich gewachsenen Mund wieder ein Gesicht. Von da an änderte sich alles. Die Leute schauten mich wieder an. Sie lächelten und gingen tatsächlich mit guter Laune weiter. Und wenn sie Harald in meiner Nähe treffen, erzählen sie immer spannende Sachen aus der Stadt. Jetzt bin ich wieder ein stolzer Baum-Stumpf … ich war der erste in der großen Stadt, doch meinen Namen bekam ich erst viel später.“ So würde sicherlich der Baumstumpf erzählen, doch diese Geschichte ging noch viel weiter:

Harald Kortmann war lange an dem abgesägten Baumstamm vorbeigegangen. Der gefiel ihm nicht und im Mai 2015 fielen ihm zwei Birkenscheiben in die Hände. Derzeit arbeitete er beim Kamin- und Brennholzhandel Hanne und mit den beiden Birkenscheiben wusste er sofort, wie er seiner Mutter eine Freude machen konnte. So entstand die Idee und der erste Baumstumpf bekam ein Gesicht, aber dabei sollte es nicht bleiben. Zwei/drei Monate rätselten die Steglitzer Bevölkerung, wer der Urheber für die vielen Baumstümpfe ist, die über Nacht ein Gesicht bekamen. Überall schienen sie zu entstehen. Das fragte auch Karla Rabe in der Berliner Woche und hatte damit Glück. Harald meldete sich bei ihr, ein weiterer Bericht über die Baumstümpfe entstand und damit bekamen sie auch ihren Namen. Baumkobolde nannte Karla Rabe die kleinen Kreaturen, die immer zahlreicher Straßen und Parks schmückten. Harald Kortmann war sich anfangs nicht sicher, ob er sich mit seiner Aktion am Rande der Legalität bewegt. Deshalb arbeitete er vorwiegend nachts. Er zerstört jedoch nichts und erregt kein öffentliches Ärgernis. Ganz im Gegenteil, die Akzeptanz und Freude, die er mit seinen Baumkobolden verbreitet, sind schon fast nicht mehr aus unserem Straßenbild wegzudenken.

Die Freude an den Baumkobolden ist auch der Grund, warum er immer noch gerne nachts arbeitet. Mittlerweile wird er von den Leuten erkannt, angesprochen, in nette Gespräche verwickelt und … von der Arbeit abgehalten. Das erklärt er allerdings Augenzwinkernd: Es sei sein „Herzens-Portemonnaie“, was er an Rückmeldungen und Reaktionen sammeln kann. Besonders Kinder bringen ihn mit ihren Reaktionen immer wieder zum Lachen. Wildfremde Menschen sprechen ihn freundschaftlich an und bestätigen ihm, das er ihr Leben bereichert. Eine Dame sagte zu ihm, dass er die Welt verändere und aus einer Glut eine Flamme werden könne.

Was anfangs nur eine Idee war, entwickelte sich schnell zu einer Aufgabe. Harald Kortmann möchte mit seinen Baumkobolden nicht anklagen, er betrauert die vielen Bäume, die zwar gefällt, aber nicht nachgepflanzt werden. Der Grund liegt, wie bei vielen anderen Dingen, im fehlenden Geld und nur auf Spenden der Bürger dürften sich Bezirk und Senat nicht verlassen. Hier fordert er eine etwas verantwortungsvoller Vorgehensweise der Behörden und kennt sich mit Zahlen und Verordnungen bestens aus. Er selber sieht sein Engagement unter nachhaltigen Aspekten: Kinder, die Freude an den Kobolden haben und Erwachsene, mit denen er ins Gespräch kommt, kann er auf die Bedeutung der Baumscheiben aufmerksam machen. Kinder, die früh lernen, wie wichtig eine Baumscheibe für einen gesunden Baum ist, parken später auch nicht darauf. „Früher hatte Berlin den Ruf als grünste Stadt Europas,“ sagt er, „dazu würde er gerne wieder seinen Beitrag leisten und die Problematik in den Köpfen der Menschen bewusst machen!“ Kinder, die mit ihren Eltern über die Baumkobolde sprechen, können früh lernen, wie wichtig gesunde Bäume für unser ökologisches System und unser Klima sind.

Die Baumkobolde verbreiten sich in der ganzen Stadt. Was anfangs auf Steglitz-Zehlendorf beschränkt war, ist längst über die Bezirksgrenzen hinaus gegangen. Tatsächlich bekam Harald auch schon Anfragen aus anderen Städten. Als kleines Nebenprodukt entsteht hin und wieder ein Baumkobold im Miniformat. Hier freut er sich besonders, dass diese Minikobolde, die er verschenkt hat, nach Jamaika, Australien, Frankreich, England oder Brasilien ausreisen durften. Er ist bekannt, es ist seine Idee und er ist – zu recht – stolz darauf. Aber es sind nicht alle, die sein Tun gut heißen. Sicherlich muss er Baumkobolde reparieren, wenn die Ohren abfallen. Zerstört wird nur selten etwas. Doch einen hartnäckigen Kontrahenten hatte er: Zwischen Klinikum Steglitz und Stichkanal findet man kaum einen einzigen Baumkobold. Dabei hatte Harald etwa 30 Kobolde dort entlang bestück, um festzustellen, dass ein anderer sie wieder demontierte. Er montierte erneut, der andere demontierte und noch einmal. Dann ließ er es bleiben und akzeptiert schlicht, dass der andere Unbekannte offensichtlich an dem Weg keine Baumkobolde akzeptiert. Aber einen gibt es doch – ganz versteckt im Dickicht. Doch wo der steht verraten wir natürlich nicht.

Die ganze Geschichte der Baumkobolde fusst auf privatem Engagement. Er verdient nichts damit und nimmt keine finanziellen Spenden an. Das notwendige Holz bekommt er vom früheren Arbeitgeber und Freund Thomas Jung. Die Kosten für die Schrauben trägt er selber. Harald Kortmann hat mit dem Baumkobolden seine Passion gefunden und ist vollkommen offen, was daraus entsteht oder wie es sich entwickelt. Er sei immer schon ein Freiluftmensch gewesen und für seinen Aktionismus bei seinen Freunden bekannt. Die Baumkobolde, sagt er, sein das Beste, was ihm in den vergangenen Jahren passiert sei. Gefreut hat er sich über den Kontakt nach Teltow. Der Nachbarbezirk bekam im Mai 2017 seine ersten sechs Baumkobolde und er wurde zum Baumscheibenfest 2017 eingeladen. Dort wird er Baumzauberer genannt, dessen Schützlinge zum Nachdenken einladen, für das Grün in der Stadt sensibilisieren und einfach alle fröhlich stimmen. Richtig zählen kann sie kaum einer mehr, aber der allererste Baumkobold wäre sicherlich stolz, wenn er wüsste, dass er gut 2000 – 3000 Brüder hat.


Ein Beitrag aus dem Magazin „Im Mittelpunkt“ 4 2017 mit dem Leitthema „Runde Tische und Bürgerbeteiligung“

Das ganze Magazin könnt Ihr als eBook oder interaktives Pdf herunterladen, die gedruckte Version, einschließlich dem Einleger mit allen Veranstaltungen des SzS, gibt es in unseren Einrichtungen.

Es sind die Begegnungen mit Menschen, …

Ich sitze an meinem Computer und betrachte die Fotos, die beim diesjährigen Kunstmarkt der Generationen entstanden sind. Von 529 Fotos habe ich 102 Bilder ausgesucht, die exemplarisch den Tag, die Stimmung und die Menschen zeigen sollen. Die Bilder sind fertig bearbeitet und nun überlege ich, was ich dazu schreiben soll. Es war der vierte Kunstmarkt, den wir veranstalteten und ich frage mich, was mir dieses Mal besonders gut gefallen hat. Ein Zitat von Guy de Maupassant bringt es auf den Punkt: „Es sind die Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen.“ Eben diese Begegnungen mit Menschen sind das Hauptmotiv, das uns als sozialer Träger immer wieder motiviert, diesen Tag zu organisieren. Wir möchten ein Forum zu schaffen, in dem sich Kunstschaffende, deren Interessenten und Besucher, junge und ältere Menschen begegnen und über die Kunst einen Anlass für einen gemeinsamen Tag haben.

Natürlich liegt in Vorfeld etwas Spannung in der Luft, wenn wir den Kunstmarkt organisieren. Auch wenn wir routiniert vorgehen, können wir nicht alles beeinflussen, was einen erfolgreichen Tag ausmacht. Die Wettervorhersage haben wir beispielsweise sehr früh im Blick und verfolgen aufmerksam was uns eventuell bevorsteht. Das sah in diesem Jahr recht gut aus – bedeckt und etwa 23 Grad. Im letzten Jahr waren wir glücklich, dass uns bei der Hitze niemand ohnmächtig wurde. Um 6.04 Uhr am Morgen postete mein Kollege ein Bild in seinen Facebookprofil, das den Schlosspark Lichterfelde zeigt. „Die Stände für den Kunstmarkt stehen“ schrieb er dazu und alle betroffenen KollegInnen konnten schon einmal einen erleichterten Säufer loswerden. Ab dann lief alles wie einstudiert ab. Zwischen 9.00 und 11.00 Uhr bauten wir Bänke, Tische und Stände auf, die KünstlerInnen trafen ein, meldeten sich an, spendierten ihren Kuchen und richteten ihre Stände ein. Schon bei der Begrüßung von bekannten und neuen KünstlerInnen sowie unserer treuen ehrenamtlichen HelferInnen, war die freundliche Stimmung zu spüren. Um 12.00 Uhr stand der 4. Kunstmarkt der Generationen seinem Publikum offen.

Die Schirmherrin des Kunstmarktes, Bezirksbürgermeisterin Kerstin Richter-Kotowski, bedenkt ebenfalls in ihrer Begrüßungsrede, dass dieser Kunstmarkt schon alle Wetterkapriolen erlebt hat. Dazu wedelt sie leicht mit dem Fächer, den wir ihr vorsorglich und aus letztjähriger Erfahrung vor der Rede geschenkt hatten. Sie lobt die stimmungsvolle Atmosphäre des Parks, der wie geschaffen für einen schönen Kunstmarkt ist, lädt zum Verweilen und Kaufen des abwechslungsreichen Angebots der KünstlerInnen ein, nicht ohne allen Ehrenamtlichen zu danken, die mit uns diesen besonderen Tag möglich machen. Ab dann bestimmt das bunte Treiben den Schlosspark und natürlich freuten wir uns als Veranstalter, dass offensichtlich viele Menschen unserer Einladung gefolgt waren.

Der Rundgang an den Ständen hatte für jeden etwas zu bieten. Viele KünstlerInnen sind treue TeilnehmerInnen des Marktes und neue TeilnehmerInnen ergänzten das bunte Angebot. Etwa ein Viertel der Stände bot darstellende Kunst in verschiedensten Variationen an. Aquarell, Acryl, Encaustic, Fotografie, Öl, Illustrationen und anderes war zu finden, was eine lebhafte Bildwelt zeigte. Die anderen Stände waren den KunsthandwerkerInnen vorbehalten, die durch die Vielfalt der Techniken, Werkstoffen und Art staunen ließen. Holz, Glas. Leder, Papier, Scherenschnitt, Pappmaché, Filz, Seide, Stoff, Keramik, Wachs, Recyclekunst, Kork, Perlen, Leder … kaum ein Werkstoff, der nicht vertreten war. Schmuck in allen Formen von Nespressokapseln bis Gold- und Silberschmuck. Bei dem Angebot musste man den Geldbeutel schon besonders gut festhalten. Trotzdem kam immer wieder jemand auf die Terrasse um Freunden zu zeigen, was er oder sie gerade schönes erstanden hatte. Für die KünstlerInnen ist der Verkauf Lob und Geschäft zugleich. Besonders wichtig ist jedoch das Gespräch mit den BesucherInnen der Stände. Was kommt an, was gefällt, wo kann man an sich arbeiten. Und wie bei jedem von uns, wird die Anerkennung zur Motivation weiterzumachen. Das Publikum profitiert nicht nur vom Erwerb schöner Dinge, sondern auch von der Anregung eigener Kreativität. Manche KünstlerInnen bieten die Möglichkeit einen Kurs oder Workshop zu besuchen und Künstlergruppen laden zum Mitmachen ein.

Wer eine Pause vom Marktgeschehen brauchte, fand einen Platz im Garten des Gutshauses Lichterfelde. Tische und Bänke luden zu Kaffee und Kuchen oder einer leckeren Bratwurst ein. Der Kuchen wurde, wie in jedem Jahr, von den KünstlerInnen gespendet, dessen Erlös der Kinder- und Jugendarbeit des Stadtteilzentrums Steglitz e.V. zugedacht war. Besonders in diesem Bereich gilt ein besonderer Dank den ehrenamtlichen HelferInnen, die jedes Jahr ohne eigenen Nutzen ihre Hilfe anbieten. Dieser Helferkreis hat schon etwas sehr Familiäres, weil jeder weiß, wo er anpacken, helfen und unterstützen muss. Respekt den Herren am Grill, die auch nach Stunden mit einem netten Spruch und Lächeln die Bratwurst verkauften, den Damen, die immer für ausreichend Kaffee sorgten, die Sauberkeit der Örtlichkeiten im Blick hielten oder Kunstmarkttaler tauschten.

Wer genug von Kunst und Kuchen hatte, fand auf der Wiese ein schönes Programm. Zuerst zeigte die Kreistanzgruppe aus dem Gutshaus ihre Freude an traditionellen internationalen Kreistänzen und vermittelte Spaß an der Musik und an der Bewegung. Zu anderen Klängen und anderen Rhythmen machten ihnen das die Tanzgruppen aus dem KiJuNa nach. Seit vielen Jahren übt Anija mit den Kindern Choreografien ein, die besondere Beachtung bei solchen Gelegenheiten finden. Wer die Kinder über die Jahre kennt, stellt leicht fest, dass aus ehemals kleinen Mädchen nun junge Damen geworden sind und durch neue kleine Mädchen unterstützt werden. Giovanna hat uns im vergangenen Jahr schon mit ihren orientalischen Tänzen fasziniert, was ihr auch diesmal mit Leichtigkeit gelang. Ihre anmutigen Bewegungen zum Tanz mit oder ohne Reif lassen so manchen träumen und genießen. Beim letzten Programmpunkt „Biodanza mit Martina“, gebe ich offen zu, war ich im Vorfeld etwas skeptisch, weil ich es nicht kannte. Biodanza kann man in etwa mit „Tanz des Lebens“ übersetzen und setzt sich aus Musik, Bewegung und Begegnung zusammen. Martina und Natascha warben beim Publikum mitzumachen und als sich eine kleine Gruppe zusammengefunden hatte, begannen die Kreistänze mit viel Schwung und freien Bewegungen. Faszinierend hierbei war die Zusammensetzung der Tanzenden. Mütter mit sehr kleinen Kindern, eine Frau mit ihrer Mutter, die an den Gehwagen gebunden war, Frauen aus Afghanistan – bunter hätte das Bild nicht sein können. Die Freude an der Bewegung reichte bis in die letzte Ecke des Schlossparks und der Spaß an der Begegnung steckte an.

Es sind die Begegnungen mit Menschen, die diesen 4. Kunstmarkt der Generationen wieder einmal zu einem besonderen Erlebnis gemacht haben. Begegnungen mit KünstlerInnen, die uns sehr wertschätzende Rückmeldungen gaben. Begegnungen mit BesucherInnen, die sich offensichtlich wohl fühlten. Kinder, die überall dazwischen tobten, Erwachsene, die gute Gespräche führten, Freunde und Bekannte, die uns mit einem herzlichen Hallo und Lächeln motivierten. Begegnungen, die uns beschenkten und bestärkten auch im nächsten Jahr wieder einen Kunstmarkt der Generationen zu veranstalten. Und eine schöne Nachricht zum Schluss: Durch Spenden und den Erlös des Kunstmarktes der Generationen wird es möglich, dass sich die Kinder im KiJuNa – Kinder-, Jugend- und Nachbarschaftszentrum, demnächst in einer großen Vogelnestschaukel entspannen können.

Wir freuen uns auf die Begegnung mit Ihnen bei 5. Kunstmarkt der Generationen am 23. Juni 2018.

Der kleine Funke Freude an der Musik

„Reinhard Mey sang: ‚Über den Wolken, da muss die Freiheit wohl grenzenlos sein‘,“ sagt Andreas „aber so weit nach oben muss ich nicht, denn Musik machen ist wie fliegen!“ Das Statement drückt sehr schön das Gefühl aus, dass man zurück bekommt, wenn man mit den Bandmitgliedern von Telte spricht. Telte ist eine Band mit sechs Musikern, die alle insbesondere die Freude an der Musik und des gemeinsamen Musizierens in den Vordergrund stellen. Doch fangen wir früher an.

Am Anfang stand die Idee, eine Band zu gründen, die sich aus MitarbeiterInnen des Stadtteilzentrum Steglitz e.V. zusammensetzt. Kristoffer, der seit  2009 im Verein arbeitete, brachte von Haus aus das nötige Wissen und die Fähigkeiten mit, einer Band den notwendigen Rahmen zu geben. Verschiedene KollegInnen wurden gefragt und schließlich einfach losgelegt. So einfach allerdings nicht, weil alle neuen Bandmitglieder große Lust hatten, zusammen Musik zu machen, das Leistungsvermögen der Mitglieder aber sehr unterschiedlich ausgeprägt war. Kristoffer blickte auf eine lange Banderfahrung zurück, angefangen vom Gitarren- und Klavierunterricht, der Schulband an der Kastanienschule, der ersten eigenen Band „Beatbuztaz“, „Liedermacherkram“, „Das Theater“ und nun „Telte“. Hanfried, kein Mitarbeiter des Stadtteilzentrums, aber von Anfang an ehrenamtliches Vorstandsmitglied, spielte früher in einer Schulband. Thomas beschreibt seine damalige Gitarrenerfahrung eher als Lagerfeuerromantik geprägt. Toni erzählt, sie hätte als Kind einmal in einem Chor gesungen, aber immer geträumt einmal Sängerin zu sein, deren Mut und Begeisterung sie bewunderte. Andreas war zu diesem frühen Zeitpunkt der Bandgeschichte wohl der erste treue Fan. Jan ist das einzige Bandenmitglied, das nicht für den Verein arbeitet. Er ist sozusagen „angeheiratet“, weil seine Frau in einer Kita des Trägers arbeitet. Er bedient das Schlagzeug von Beginn an äußerst wahrnehmbar. So war das Anfangsrepertoire der Band auf maximal drei Akkorde beschränkt, was sich natürlich auf die Songauswahl auswirkte. Gespielt wurde alles, was nicht zu kompliziert war.

Was aber keinem der Bandmitglieder fehlte, war Mut. Sie probten fleißig und vor allem mit viel Hingabe. Schon recht früh trauten sie sich den ersten Auftritt vor Publikum zu. Am Mitarbeitertag im April 2010 spielte Telte das erste Mal vor allen Mitarbeitern des Vereins. Aller Nervosität zum Trotz schafften sie es, die MitarbeiterInnen zu begeistern, was bester Ansporn war, weiterhin dieses gemeinsame Hobby zu pflegen. Das Erlernen der Texte, besonders der englischen, sei ihr anfänglich schwer gefallen, erzählt Toni, bis sie eine für sich passende Methode gefunden hat. Die Musik speichert sie im iPod und übt mit den Textblättern in der Hand. Mit der Zeit ging es immer leichter und sie wurde sicherer, besonders wenn sie die Musik spüren kann und Spaß an den Texten hat. Neben dem Gesang managt sie die Band, wenn es um Termine und Auftritte geht. Am Anfang hat die Band stets vor wenigen, meist persönlich eingeladenen Gästen gespielt. Mittlerweile blickt Telte auf eine ansehnliche Reihe von Auftritten zurück. Ob im Stadion Lichterfelde beim Sommerfest, der Steglitzer Festwoche, auf privaten Geburtstagsfeiern oder geschäftlichen Tagungen und Events, die Anfragen kommen meist aus dem Publikum, das sich von der guten Laune der Band anstecken lässt. Kommt eine Anfrage, schaut Toni sich den Raum an, bespricht, was gewünscht ist und kombiniert alles mit den Terminkalendern der Bandmitglieder und der erforderlichen Ausrüstung. An zwei Auftritte erinnert sie sich lachend: Als die musikalische Unterstützung der Berlin-Christmas-Biketour angefragt wurde, sah sie sich mit der Band in schöner weihnachtlicher Stimmung auf dem großen LKW durch den Bezirk fahren. Tatsächlich spielte die Band auf einem Kartoffelwagen am Sammelpunkt der Motorräder auf dem Steglitzer Damm. Dumm war nur, dass es bitterkalt war und sich die Gitarre schlecht mit Handschuhen spielen lässt. Aber sie hielten trotz Schneegestöber durch. Ein anderes Mal wurden die Band  für eine Tagung gebucht, deren Fachleute den Bandmitglieder recht – sagen wir – nüchtern erschienen. Ernsthafte Bedenken kamen auf, ob man sie mit der Musik fesseln kann. Tatsächlich fing der Auftritt erst um 23 Uhr an. Das Publikum ließ sich aber derart begeistern, dass die Band bis 2.30 Uhr in der Nacht, getragen von der Begeisterung des Publikums, durchspielte. Wie sich ein Auftritt entwickelt, lässt sich nun mal schlecht im Vorfeld planen. Auch ein Unwetter haben sie tapfer ertragen und nass weiter gespielt. So hat jeder Auftritt seine ganz spezielle eigene Note.

Wenn man an die Anfänge der Band zurück denkt, ist es heute kein Vergleich mehr mit Telte aus dem Jahr 2010. Das Repertoire umfasst mittlerweile 60 bis 70 Songs. Darunter finden sich ein paar Lieder aus der Anfangszeit, aber auch viele zum Teil „komplizierte“ und selbst arrangierte Songs. Inzwischen legt die Band Wert darauf, nicht „nur“ zu covern, sondern den Stücken in gewisser Weise eine eigene „Telte-Note“ zu geben. Wenn diese eigenen Arrangements beim Publikum gut ankommen, wird der Ansporn umso größer. Zudem macht sich deutlich bemerkbar, dass die Band mittlerweile richtig gute Instrumente, gute Technik und einen professionell ausgestatteten Proberaum hat. Trotzdem ist es eine Freizeitband. Es geht nur um den Spaß, gemeinsamen zu musizieren. Darum, Lieder nachzuspielen, die gefallen. Es gibt, außer bei den Proben direkt vorm Auftritt, keinen spürbaren Druck. Kristoffer ist bewusst, dass er nicht mit musikalischen Fachbegriffen um sich werfen und voraussetzen kann, verstanden zu werden. Die Vorbereitung neuer Songs ist für ihn immer eine große Herausforderung. Er muss Tonarten anpassen und komplexe Songs simplifizieren, so dass sie immer noch gut klingen, aber einfach zu spielen sind. Die Auswahl der Musikstücke obliegt allen Bandmitgliedern. Sie sitzen regelmäßig zusammen und jeder kann Vorschläge machen. Wenn der Rest der Band einverstanden ist, kommt das Stück auf die Liste und wird probiert, ob es geht. Oft wird ein Song dann wieder rausgeschmissen, weil er die Band über- oder unterfordern oder auch weil er keinen Spaß macht. Bei anderen Stücken ist sofort eine gemeinsame Idee, eine besondere musikalische Energie spürbar und sie verlieben sich in den Song. Für jeden Auftritte wird im Vorfeld eine Setlist zusammengestellt. Dabei entscheidet der Anlass, das erwartete Publikum und der zur Verfügung stehende Zeitrahmen, was auf die Liste kommt und gespielt wird.

Wen man in der Anfangsbesetzung der Band nicht findet ist Andreas. Bei einer offenen Bandprobe von Telte setzte er sich einmal unbewusst auf eine braune „Holzkiste“. Von der Musik inspiriert, trommelte er mit den Händen zum Takt der Musik auf diese Kiste und stellte voller Erstaunen fest, dass sie Töne von sich gab. Die Band bekam das irgendwie mit und hinterher sprach ihn Kristoffer an, ob er sich vorstellen könnte zur nächsten Probe zu kommen? Gesagt, getan – nun wusste er, dass es sich bei der braunen Kiste um ein Cajon handelte. So kam er in die Band und hat Cajon spielen gelernt, was er als eine der besten Entscheidungen seines Lebens bezeichnet. Irgendwann wurde er bei den Bandproben öfter angesprochen, ob er nicht Bass spielen will? Das ignorierte er lange Zeit, da er glaubte, es nicht hinzubekommen. Hanfried erzählte ihm aber, er hätte einen schönen Bass, den er ihm für wenig Geld verkaufen könnte und erneut kniete sich Andreas rein und lernte. Nun, er kann den Bass spielen, was er im Besonderen der Unterstützung und Begleitung von Kristoffer zuschreibt.

Musik machen mit Telte, egal ob Proben oder Auftritte, empfinden alle Bandmitglieder als absoluten Ausgleich zum häufig anstrengenden Job. Hier können sie entspannen und den Alltag ausblenden. Man fühlt, hört, lernt einfach im Spielen und das ohne jeden Druck, rein aus Freude an der Musik. Die Höhepunkte des Musikerlebens sind natürlich die Auftritte. Wichtig ist allen: Sie sind keine Profis, sie machen das, weil sie Lust auf Musik haben und weil es Spaß macht, zusammen zu spielen. Musik machen ist ihr Hobby. Daraus resultiert eine gewisse Leichtigkeit und Freude, die sich, so hoffen sie, aufs Publikum überträgt. Tragend ist dabei die Energie auf der Bühne mit dem kurzen Weg zwischen einem Patzer und dem Lachen. Fehler dürfen sein und ein Neustart eines Liedes ist kein Makel.

Die Bandmitglieder sind Freunde mit einem gemeinsamen Hobby. Was das bedeutet, beschreibt Thomas, der im Alltag Geschäftsführer ohne Lücke im Terminkalender ist. In der Band spielt das überhaupt keine Rolle. Hier ist Kristoffer der Boss. Sie nennen ihn resepkt- und liebevoll ihren „El Capitano“. Er entscheidet, wenn sie musikalisch nicht mehr weiter wissen, er weist auf Fehler hin und lobt, wenn was gut geklappt hat. Er sorgt dafür, dass sie sich fordern, anstrengen und besser werden. Wenn Thomas falsch spielt, gibt es keinen „Geschäftsführer-Bonus“. Dann wird er genauso kritisiert wie jeder andere in der Band. Das ist eine perfekte und notwendige Voraussetzung dafür, dass er sich in der Band wohl fühlt und beim Musik machen entspannen und abschalten kann. Vollkommen raus aus der Chefrolle fallen und einfach nur „Kollege und Freund“ zu sein, ist für ihn das besondere. Nur Freunde waren sie auch, als es die Band nach Polen führte. Jan, dessen Heimatland Polen ist, hatte zweimal eingeladen und so verbrachten sie jeweils ein Wochenende dort. Neben kulinarischen Freuden warteten Jans Freunde, die ebenfalls zum Teil in Bands spielen. So spielten sie gemeinsam Musik, die keine Grenzen kennt und verbrachten unvergessene Zeit zusammen.

Kristoffer ist das einzige Bandmitglied, das über die Freizeitband hinaus seine Musik mit dem Beruf verbindet. Seit der Grundschulzeit schreibt er eigene Texte, die er vertont. Das macht er auf der einen Seite nur für sich selbst durch Songs, die seine Stationen im Leben spiegeln und für seine Familie, aber auch nicht zuletzt für seine Arbeit. Hier hat er im letzten Jahr ein Projekt gestartet, bei dem er zusammen mit Kindern aus dem KiJuNa – Kinder-, Jugend- und Nachbarschaftszentrum, Texte schreibt, dann gemeinsam mit musikalischen Kollegen die Musik dazu komponiert und aufnimmt. Zuletzt werden diese Lieder zusammen mit den Kindern gesungen. Sein Plan ist, noch in diesem Jahr ein komplettes Album dieses Projektes zu präsentieren. So hat er es in der Vergangenheit schon mehrfach verstanden, mit verschiedenen Projekten den Kindern wunderschöne Erfolgserlebnisse zu vermitteln und das KiJuNa zu einer musikalischen Einrichtung zu machen.

Telte ist eine Freizeitband und doch fehlt die Verbindung zum sozialen Träger, aus dem sich die Mitglieder größtenteils zusammensetzen, nicht ganz. Viele Auftritt sind mit einem Spendenziel verbunden, auf das gerne, aber dezent hingewiesen wird. Spielt die Band über die geplante Liederliste hinaus, kann sich das Publikum Lieblingslieder wünschen. Die Spendendose steht nicht weit von der Wunschliste entfernt. Vor allem geht es aber um Spaß, Gemeinsamkeit und den kleinen Funken Freude an der Musik, der immer wieder auf das Publikum überspringen kann!

Lust auf Musik? Informationen und Kontakt Veronika Mampel, Tel 0173 2 34 46 44, E-Mail: v.mampel@sz-s.de.