Frieda und die Kiezsterne

Ebay Kleinanzeigen: Wie haben eine Anzeige geschaltet – „Werde ein Kiezstern!“. Der Anzeigentext beginnt mit den Sätzen: „Ehrenamtliche Rückenstärker für Familien in der Nachbarschaft gesucht! Wir wollen unkompliziert, kurzfristig und kurzzeitig helfen. …“. Meine Kollegin Martina sucht Ehrenamtliche, die sich in der Kinder- und Jugendhilfe engagieren möchten. Diese Kleinanzeigen kann man als Nutzer kommentieren bzw. Nachrichten schreiben. So bekamen wir eines Tages die Nachricht einer Dame, die meinte, dass es ja ein nettes Projekt wäre, aber schon so oft anderswo versucht wurde. Es würde wohl kaum erfolgreich werden. Ich bedankte mich bei der Dame für die Nachricht, schrieb ihr aber zurück, dass sie sich in genau diesem Fall irren würde, denn die Kiezsterne sind ein durchaus erfolgreiches Projekt und konnten schon in vielen Familien helfen. Sie meldete sich nicht mehr. Was steckt hinter dem Erfolg der Kiezsterne? Warum funktioniert es hier und woanders nicht?

Ich denke, der Erfolg ist besonders auf das Engagement meiner Kollegin Martina zurückzuführen. Sie wird nicht müde zu erklären, wie die Kiezsterne funktionieren. Sie wirbt dafür über alle möglichen Plattformen und sie betreut die „gewonnenen“ Kiezsterne sehr bewusst. Martina Riester arbeitet für das SRL Projekt. SRL steht für SozialRaumorientierte Leistungen, d.h. Betreuung und Hilfe direkt im Kiez und an bzw. in den Familien. Im SRL-Projekt arbeiten das Jugendamt Steglitz und Träger der freien Jugendhilfe eng zusammen. Das sind Träger wie FAMOS gGmbH, der Mittelhof e.V. und das Stadtteilzentrum Steglitz e.V., die von Natur aus schon fest in den Nachbarschaften verankert sind. Die Familien, die über pädagogische Fachkräfte (ErzieherInnen, Lehrkräfte, …) mit den KollegInnen des SRL-Projektes in Kontakt gebracht werden, dürfen lösungsorientierte Beratung erwarten. Das Ziel ist, die Menschen dahingehend zu begleiten, dass sie eine nachhaltige und selbstständige Lösung ihrer individuellen Situation erreichen können. Soweit die Theorie.

In der Praxis begleitet Martina mittlerweile 16 Kiezsterne, also Menschen, die ehrenamtlich ihre Freizeit und ihre besonderen Fähigkeiten zur Verfügung stellen. Besondere Fähigkeiten hört sich dabei gewichtiger an als es ist: Manchmal reicht es, ein offenes Ohr zu haben; der eine hat ein besonderes Händchen dafür, Papiere zu sortieren und Ordner zu führen; die andere hat einen einfühlsamen „Draht“ zu Kindern; manche finden sich gut bei Behördengängen zurecht. Die Fähigkeiten umfassen alle im eigenen Leben erlernten Begabungen oder Vorlieben, die man anderen zur Verfügung stellen kann. Drei- bis viermal im Jahr organisiert Martina ein Treffen aller Kiezsterne, bei dem sie sich untereinander austauschen können. Dabei werden die Einsätze besprochen und manches, was auf die Seele drückt erzählt. Jeder Einsatz als Kiezstern ist anders und an den Bedürfnissen der Familien orientiert, die unterstützt werden sollen, aber auch an das Maß der Hilfe angepasst, das der betreffende Kiezstern personell wie zeitlich leisten kann. Eine Dame hilft zur Zeit als Kiezstern, indem sie nutzbringende Dinge recherchiert. So hält sie den Kontakt zu den anderen Ehrenamtlichen und überbrückt die Zeit, bis sie sich wieder intensiver mit einem Einsatz beschäftigen kann. Auch bei gesundheitlichen Pausen halten die Kiezsterne zu den Aktiven Kontakt, bis ein Einsatz wieder möglich wird. Im Moment sind die 14 aktiven Kiezsterne in verschiedenen Bereichen eingeteilt: Sieben geben Nachhilfe, zwei sind als Familienoma tätig, drei fungieren als Springer für kurze Einsätze und zwei Kiezsterne stehen für Büro und Behördenangelegenheiten bereit.

Heike Ehrfeld* ist einer der Kiezsterne geworden. Sie ist über das Nachbarschaftsportal nebenan.de auf das Projekt aufmerksam geworden, wo Martina einen Aufruf veröffentlicht hatte. Es wurde eine Familien-Oma gesucht. Frau Ehrfeld traf sich mit Martina, wobei sie sich kennenlernen konnten und besprachen, was Frau Ehrfeld als Kiezstern leisten könnte und was in diesem Fall der Familien-Oma gebraucht wurde. Erst dann lernte Frau Ehrfeld die Familie kennen. Eine alleinstehende afghanische Mutter mit zwei Kindern brauchte Unterstützung. Die junge Frau hat eine schwierige Biografie und schaffte den Spagat zwischen afghanischer und deutscher Kultur nur schwer. Hinzu kam die Überforderung mit Haushalt, Kindern und einer Ausbildung als Erzieherin. Vom Kindsvater konnte sie keine Unterstützung erwarten und die Ursprungsfamilie stand nicht zur Verfügung. Hier gab es mehrere Baustellen. Anfänglich stand der Papierkram im Vordergrund. Hier stellte Frau Ehrfeld aber schnell fest, dass es nicht ihre Domäne war. Dafür wurde ein anderer Kiezstern gefunden. Für Frau Ehrfeld kristallisierte sich der Schwerpunkt immer mehr auf die Betreuung der Tochter und telefonischen Seelsorge der Mutter heraus. Dieser Einsatz als Kiezstern erfordert mindestens zwei Stunden in der Woche.

Die Befähigung von Frau Ehrfeld für diesen Einsatz liegt vornehmlich in der Lebenserfahrung, die sie von Haus aus mitbringt. Sie hat ihr Leben zwischen Stuttgart, Berlin und Sylt verbracht, als Waldorf- und staatliche Lehrerin gearbeitet und schließlich zur Heilpraktikerin umgeschult, als die sie auch heute noch tätig ist. Aber sie bringt auch noch etwas mit, das den Zugang zu dem Kind ihrer Einsatzfamilie erleichtert hat. Frieda steht auf vier Pfoten, ist kuschelig weich und ein absolut ruhiger Hund, der nicht nur Kinderherzen höher schlagen lässt. Heike Ehrfeld hat oft im Leben die Erkenntnis erlangt, dass man nur Erfahrungen macht, wenn man an Grenzen stößt. So ist auch ihr Einsatz in dieser Familie ein sensibler Erfahrungsprozess, bei dem sanft geschaut werden muss, was die Bedürfnisse der Familie sind und was der Kiezstern, Frau Ehrfeld, dazu beitragen kann. Auch hier gilt es, nicht nur kulturelle, Grenzen zu überwinden und die Hilfe in der Selbsthilfe zu unterstützen und stärken.

Martina Riester steht dabei ihren Kiezsternen zur Seite. Berät, wenn kulturelle oder persönliche Schwierigkeiten störend im Weg stehen. Lobt, wenn positive Entwicklungen zu würdigen sind. Bestärkt, wenn Unsicherheiten auftreten. Sucht neue Ehrenamtliche, die eine bereichernde Tätigkeit in frei zur Verfügung stehender Zeit suchen. So wird der Einsatz als Kiezstern nicht nur für die Ehrenamtlichen zum Gewinn. Frieda, der eigentlich 17. Kiezstern, macht dabei jeden Einsatz gelassen mit.

*Name geändert – Foto: Spreehexe

Informationen/Kontakt:
Martina Riester
Mobil: 0157-58 25 65 83
E-Mail: riester[at]srl-projekt.de
www.srl-projekt.de
SRL-Projekt Region Südost Steglitz-Zehlendorf

 


Ein Beitrag aus dem Magazin „Im Mittelpunkt“ 2.2018 mit dem Leitthema „Frei-Zeit“
Das ganze Magazin können Sie als eBook oder interaktives Pdf herunterladen, die gedruckte Version, einschließlich dem Einleger mit allen Veranstaltungen des SzS, finden Sie in unseren Einrichtungen.

7 Kommentare zu “Frieda und die Kiezsterne

  1. Klasse, dieses Projekt! Gutes Gelingen, Wachsen und Blühen!

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  2. Danke für diesen Einblick. Gutes Gelingen, frohes Schaffen. Ob beim Tsunami in Indonesien, dem Heißluftballon-Absturz in NRW oder in den sozialen Lagen: „Schaut auf die Helfer*innen!“

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  3. Gut so! #wirsindmehr – ganz eindeutig!

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  4. Anna-Lena sagt:

    Das tut unendlich gut, so etwas zu lesen. Es gibt sie also noch, die vielen ‚Engel‘ unter uns …

    Gefällt 2 Personen

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