Was hat ein Gänseblümchen mit Moral zu tun?

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Ein schöner warmer Frühlingsnachmittag, hell liegt der Raum in angenehmen Schatten und auf dem Tisch ein Glas mit Gänseblümchen. Der Vater beugt sich über seine Zeitung, liest Nachrichten aus aller Welt. Die Tochter spielt im Hintergrund und es ist ruhig im Haus. Alles ist geputzt und vorbereitet. Die Kissen auf dem Sofa haben den richtigen Kniff, die Bilder hängen gerade und die Gardinen liegen luftig in den Schlaufen. Ein feiner Windhauch weht durchs Fenster.

Der Vater blickt auf die Uhr. Ruft dem Kind zu, dass es Zeit wird. Das Kind freut sich jubelnd – es geht los, die Mutter vom Bahnhof abholen. Es rennt zum Vater, reicht zum Glas auf den Tisch und ergreift mit Schwung den Gänseblümchenstrauß. „Los geht´s!“, freut sich das Kind und rennt zur Tür. Doch welch ein Dilemma – ein Gänseblümchen blieb zurück im Glas. Der Vater steht auf, nimmt das Glas, geht ans Fenster und schüttet das nutzlos gewordene Wasser hinaus. Mit Gänseblümchen.

Und nun?

Das Gänseblümchen hat ein bisschen Glück. Es ist genau in die Gießkanne vor dem Fenster gefallen und schwamm in endlosen grünen Raum. Hört noch die Autotüre zuschlagen, den Motor und knirschende Reifen. Ruhe. Fast. Die Vögel kann es wieder hören, erinnert sich der Tage auf der Wiese zwischen Grashalmen und Gänsblümchenfreunden. Dort war es auch grün und luftig, manchmal etwas nass, doch meistens schön und gesellig – so wie das Gänsblümchen halt mögen. Jetzt roch es komisch, das Wasser etwas muffelig, die Luft so künstlich. Nur oben war ein großes Loch. Dort war es blau und schön – die weite Welt wohl – unerreichbar. Langeweile. Das Wasser bewegt sich nicht. Nach langer Zeit kam das Auto wieder, aber keiner kam die kleine Blume reinzuholen. Dunkel, es wurde Nacht.

Am nächsten Tag begann ein Sturm in der Kanne, die eine große Hand gegriffen hat und schwankend weiter trug. Das Wasser klatschte gegen die grünen Wände, wirbelte die kleine Blume mit, die kurz darauf versank und mit einem Sog von Wasser durch ein Rohr gezogen wieder in die Freiheit geschleudert wird. Das Gänseblümchen klatscht auf Erde, schwamm ein paar Runden auf einem Wassersee im Blumentopf. Wagt einen Blick nach oben, sieht aber nur trockenes Geäst. Das Wasser sink, das Blümchen sieht sein Ende. Doch dann der zweite Schwall von frischem Wasser, so dass es auf den Unterteller gespült wird und zwischen trockenen Blättern hängen bleibt. Nun gut, denkt sich das Blümchen. Immerhin wieder an der guten Luft, aber auch hier ist nichts mit der Geselligkeit. Die trockenen Blätter sprechen nicht, werden immer weicher und versinken. Wieder Langeweile. Immerhin nach einiger Zeit schiebt sich ein Sonnenstrahl um die Ecke, wandert weiter und wird schwächer. Wieder Nacht. Das Gänseblümchen wagt den Blick zum Haus, das dunkel steht, die Fenster fest verschlossen. Wagt den Blickt auf die schöne Wiese, die still und dunkel nicht mehr seine ist. Wie geht´s nur weiter, denkt das Gänseblümchen traurig. Wenn die Blume im Topf genug getrunken hat, dann liegt es auf dem Trockenen. Es grübelt und bemerkt nicht, dass Wind aufkommt. Viel Wind. Und Regen, immer mehr.

Wieder ein Sturm, diesmal in der Natur, mit sehr viel Regen und viel Wind. Der Unterteller füllt sich mit Wasser, schwappt über und reißt das Gänseblümchen mit sich fort. Das Wasser fließt im Strom schnurstracks auf einen Gully zu und schwups – versunken ist die Blume. Wie sich ein Gänseblümchen im Abwasserkanal fühlt, kann man sich ja vorstellen. Sehr trübe sind die Gedanken, während es sich versucht im Wasser zu behaupten. Es stellt sich vor, wie stolz es war zu den Auserwählten des Straußes zu gehören. Wie schön es wäre, jetzt im Glas der Mutter auszuruhen. Doch nix ist – Wasser, überall Wasser. So geht das eine Weile. Die Zeit nicht messbar, bis sich etwas tut … es wird heller, immer heller. Und noch mal – schwups – wie ausgespuckt, landet die Blume mit einem Schwall Wasser im Bach.

Es treibt im Bach daher und freut sich seines Lebens, denn jetzt, wie schön, scheint Sonne und die Luft ist gut. Es treibt, das Ufer kommt immer näher und – bleibt hängen. Ein dicker Stein versperrt die Weiterfahrt. Das Gänseblümchen blickt sich um. Nicht schlecht hier, denkt es sich und erschrickt. Zwei große Füße stehen dort im Wasser. Es schaut nach oben und ist sofort verliebt. Ein wunderschönes junges Mädchen sitzt dort und grübelt offensichtlich nach. Was sie wohl denkt, fragt sich die kleine Blume. Die Antwort kommt sofort: „Hallo, du kleine Blume, woher kommst du denn? Ich sitz´ hier und muss überlegen, wohin mein Weg jetzt geht.“ Sie nimmt das Gänseblümchen in die Hand und dreht es einmal um. Es überlegt und überlegt und fast dann den Entschluss. „Ich werde gehen – ja, das muss so sein. Und du sollt mich begleiten und die Erinnerung sein.“ Das junge Mädchen nimmt sein Buch, schlägt Seiten auf, klappt es zu und – platt ist unsere Blume!

Und die Moral?

Versetzt euch in die Blume. Der eine sieht nur das Ganze, den Gänseblümchenstrauß. Das Große ist schnell hinüber, vergessen und dann aus. Das kleine Gänseblümchen aber, nach einem sehr bewegtem Weg, fand Frieden und bleibt lang erhalten, auch wenn es keiner sieht.

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Die Farben des Lebens …

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Ein junges Mädchen versucht seine Freundinnen dazu zu bewegen, etwas gemeinsam zu unternehmen. Die sehen jedoch alle auf ihre Smartphones und sind vollkommen unempfänglich für gemeinsame Beschäftigungen. Letztendlich gelingt es dem Mädchen dann doch die Mädchen zu begeistern, sie haben Spaß und die Welt wird wieder vollkommen farbig. Der kleine Film ist im Kinder- und Jugendhaus Immenweg, des freien Trägers Stadtteilzentrum Steglitz e.V., entstanden. Für einen Wettbewerb gedacht, durfte er nur 99 Sekunden lang sein, in denen es bestens gelungen ist das Thema aufzugreifen und zu lösen. Hier ist die etwas längere Version gezeigt.

Der Film hat mich von Anfang an begeistert und angesprochen. Er ist sehr ästhetisch und zeigt in schönen Bildern die düstere wie schöne Stimmung. Ich war richtig froh und musste lächeln, als ich ihn das erste Mal sah. Zudem zeigt er für mich verschiedene Facetten auf, über die sich das Nachdenken in meinen Augen sehr lohnt.

Der Blick auf Kinder- und Jugendarbeit
Ich denke, dies ist für mich als Außenstehende, ein großartiges Beispiel für gelungene Kinder- und Jugendarbeit. Kinder werden über das Medium „Film“ für eine Sache begeistert und animiert dabei mitzumachen. Es wird ein sehr aktuelles Thema bearbeitet und kann besprochen werden. Durch das Element „Wettbewerb“ wird unter anderem der Ehrgeiz geweckt und schließlich das Gefühl „Stolz“ bei Kindern wie auch Betreuern hinterlassen. Etwas Gemeinsames ist geschaffen, das so schön ist, dass man es in aller Welt zeigen kann. Ich könnte mir vorstellen, dass es sehr leicht ist, diese Kinder noch einmal für eine ähnliche Aktion zu begeistern. Hier wurde mit Spaß Handlung und Inhalt vermittelt. Ich finde es klasse, KollegInnen zu haben, die so etwas können und mir einen kleinen Blick in ihre Arbeit erlauben.

Der Blick auf die Jugend
Es ist für Kinder heute sicherlich schwierig in der Welt der neuen Medien zurecht zu kommen. Vor allen Dingen das richtige Maß zu finden und die technischen Möglichkeiten richtig zu nutzen. Sie müssen in meinen Augen frühstmöglich lernen sinnvoll und mit nötiger Vorsicht die Medien zu handhaben. Dabei muss ihnen auch beigebracht werden, was sinnvoll und was maßvoll ist. Wegzudenken sind Dinge wie Computer, Internet, soziale Netzwerke und Smartphones nicht mehr aus ihrer Welt. Aber bei dem pauschalen Urteil, dass alle Jugendlichen heutzutage nur noch am Smartphone hängen, habe ich arge Bedenken. Jugendliche heutzutage sind genauso wenig schlimm wie Jugendliche vor 20 oder 50 Jahren. Nur wachsen Jugendliche heute anders auf als wir es taten. Sie kommunizieren anders, sie spielen anders und sie wachsen in eine veränderte Welt.

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Der Blick aus der Sicht der Erwachsenen
Und wenn wir ehrlich sind: Ich habe mich selbst schon einmal erwischt, dass ich im Fahrstuhl stand und sich nichts bewegte, weil ich geschwind meine Nachrichten auf dem Handy „checken“ wollte. Ich hatte schlicht den Knopf nicht gedrückt. Oder dass ich meine Tochter über WhatsApp zum Essen gerufen habe, aus Faulheit in den Dachboden hochzugehen.

Ich denke, es ist die Aufgabe der Erwachsenen die Kinder in ihrer Welt zu begleiten. Wir sind diejenigen, die ihnen Inhalte und Richtungen zeigen müssen. Wir können sie mit „ihrem“ Internet oder „ihren“ Smartphones alleine lassen. Oder, wir können sie bestmöglich damit begleiten und sie unterstützen.

Ich verstehe Eltern, die große Angst vor diesen Dingen haben, wenn sie selber wenig darüber wissen. Aber in dem Fall gibt es ausreichende Möglichkeiten, sich zu informieren und zu schulen. Auch muss ich als Erwachsener dafür sorgen, dass meine Kinder Interessen und Hobbys ausbilden und sie darin bestärken. Ich muss ihnen zeigen, dass es beides gibt – die reale Welt  und die Netzwelt. Wenn mein Kind nie sieht, dass ich ein Buch lese, wird es kaum von selber lesen. Und bei allen Kita-Englischkursen, Frühförderungen, Musikschulen und frühsten Talentschmieden, verstehe ich bis heute nicht, dass man nicht schon in der Grundschule Internet-Kenntnisse ausbildet, die Kinder spätestens beim ersten Referat – noch auf der Grundschule – brauchen. Ganz zu schweigen, wenn sie einmal in den Beruf gehen und wir Erwachsenen uns schon langsam auf die Rente vorbereiten.

Was ich an dem Film aber besonders gut finde ist, dass er Gespräche über diese Problematik anregt und Diskussionen entfachen kann. Denn nur im Dialog kommen sich Generationen näher und können zwischen Vorstellungen der einen und Wünschen der anderen vermitteln.

Meine Meinung!

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„Es gehört daher zu den grundlegenden Erziehungsaufgaben der Eltern, ihren Kindern den richtigen Umgang mit den Medien zu vermitteln. Diese Medienkompetenz müssen Kinder genauso erlernen wie Lesen und Schreiben. Daher sollten Eltern sich mit Medien auskennen und auch mit ihnen umgehen können. – See more at: http://www.polizei-beratung.de/themen-und-tipps/medienkompetenz.html#sthash.e5zbZ1eM.dpuf

Nützliche Links zur Information für Kinder-, Jugendliche und Eltern:
http://www.mimikama.at/
http://www.klicksafe.de/
http://www.schau-hin.info/
http://www.internet-abc.de/eltern/home.php

Einen herzlichen Dank an Jörg Backes, Projektleiter des Kinder- und Jugendhaus Immenweg, der mich bei diesem Beitrag unterstützt hat.

Inklusion – Wunsch oder Wirklichkeit?

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Inklusion unterscheidet sich von Exklusion, Separation und Integration dadurch, dass Menschen mit Behinderung nicht von einem bestehendes System ausgeschlossen werden, getrennt werden oder sich anpassen müssen, sondern dass sich das System für ihre speziellen Bedürfnisse öffnet.

Wohl wenige Themen werden zurzeit so skeptisch betrachtet wie die „Inklusion“. Ist sie in der Fachwelt in aller Munde, stößt sie bei unbeteiligten Bürgern eher auf Unwissenheit und Besorgnis. „Habe ich noch nie gehört.“ oder „In meiner Klasse sind 10 LHS-Kinder, zwei ADHS-Kinder und jetzt soll ich auch noch Kinder mit Handicap nehmen.“ sind zwei Aussagen, die das Unverständnis wiedergeben. Dies zeigt, dass „Inklusion“ erst gelungen und gelebte Wirklichkeit werden kann, wenn alle es verstanden haben und keiner mehr darüber spricht. Auf diesen Weg hat sich Berlin gemacht.

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Der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung geschuldet und 2009 bei uns in Kraft getreten, soll Inklusion in Deutschland umgesetzt werden. Sie bedeutet nichts anderes, als dass Menschen mit Behinderungen, gleich welcher Art, in allen Lebensbereichen gleiche Möglichkeiten und Rechte haben, wie Menschen ohne Behinderungen. Dies insbesondere auch im Bildungsbereich, was eine besondere Herausforderung und ein Umdenken aller am Prozess Beteiligten erfordert. Inklusion ist eine generative Aufgabe, also ein gesellschaftlicher Auftrag, dessen Umsetzung in Gang gesetzt ist.

Anders als bei der Integration, bei der Gruppen in die Gemeinschaft eingeschlossen werden, sollen bei der Inklusion Gruppen in der Gemeinschaft aufgehen. Das bedeutet, dass diese Gruppen ganz automatisch ihren Sonderstatus verlieren, weil sie ohne Einschränkung Teil der Gemeinschaft nach ihren Mitteln und Möglichkeiten geworden sind.

Integration an Schulen, also der gemeinsame Unterricht von Kindern mit und ohne Handicap, ist in Berlin mit dem sonderpädagogischen Förderbedarf seit 1978 und im Schulgesetz seit 1989 verankert. Seit 2005 wird der gemeinsamen Erziehung sogar ausdrücklich der Vorrang eingeräumt. Das bedeutet nichts anderes, als das diese Entwicklung nun forciert und umgesetzt werden muss.

Macht man sich den Ist-Zustand der heutigen Schullandschaft klar, wird schnell deutlich, welcher enorme Aufwand bewerkstelligt werden muss, um Inklusion möglich zu machen. Schulgebäude müssen umgebaut werden. Lehrkräfte müssen Fortbildungen und Hilfen an die Hand bekommen und sich von Einzelkämpfern zu Teamarbeiter entwickeln. Personalschlüssel neu berechnet, Feststellungsverfahren müssen neu aufgestellt, Netzwerke gebildet werden und vieles anderes mehr. Insbesondere aber muss das Denken und die Bereitschaft zur Inklusion sich geändert und alle Beteiligte, Lehrerkräfte, Sozialpädagogen, Eltern, eingebunden werden. Der Gedanken gelungener Inklusion soll sich von der Schule, dem Lernort der Kinder, weiter in die Gesellschaft tragen und so zur Selbstverständlichkeit werden.

Das Besondere an der Inklusion, sagt Marion Thiel-Blankenburg, sei die Vielfalt und Heterogenität der Gesellschaft, das Anderssein wird zur Normalität. Allen Menschen wird der Zugang zur Bildungsgerechtigkeit geöffnet und macht barrierefreies Leben möglich. Inklusion setzt in allen Handlungsfeldern des Lebens Prozesse in Bewegung, die bisher nicht möglich waren. Dies sei ein sehr demokratischer Vorgang auf der Basis der Menschenrechte. Diesem Prozess widmet sie sich mit langjähriger Berufserfahrung als Direktorin der Paul-Braune-Schule, ein Förderzentrum mit sonderpädagogischem Schwerpunkt. Die Schule wird, der Inklusion geschuldet, sukzessive aufgelöst. Kein leichter und kommunikationsträchtiger Weg für MitarbeiterInnen der Schule, SchülerInnen und Eltern. Stattdessen wurde das BUZ – Bildungs- und Unterstützungszentrum für inklusive Pädagogik und Erziehung in Steglitz-Zehlendorf gegründet, dessen Koordinatoren Frau Thiel-Blankenburg ist. Sechs Schulen im Bezirk nehmen zurzeit an einem Modellprojekt „Inklusive Schule“ teil und nutzen die Unterstützung des neuen Zentrums. Wichtig in dem Prozess sei, dass man alle Beteiligten an einen Tisch bekommt. So müssen sich Lehrkräfte, Sozialpädagogen, freie soziale Träger, Behörden und viele andere zusammenschließen und Konzepte, Hilfepläne und Fördermaßnahmen erarbeiten, die inklusive Pädagogik möglich machen.

Ein besonderes Augenmerk der inklusive Pädagogik ist die Prävention, sagt Marion Thiel-Blankenburg. Bisher übliche Feststellungsverfahren weichen einer ganzheitlichen Betrachtung der Kinder. Inklusion setzt viel früher ein und hilft nicht erst, wie bisher, wenn schon ein Mangel deutlich geworden ist. Auch dadurch wird klar, dass Inklusion nicht erst in der Schule einsetzen kann. Träger von Kindertagesstätten, von Familien- und Nachbarschaftszentren und von Freizeitstätten müssen ebenso in den Prozess eingebunden werden, wie die beteiligten Kinder und Eltern der Einrichtungen. Das Netzwerk „Inklusive Erziehung und Bildung in Steglitz-Zehlendorf“ erarbeitet Konzepte, wie beispielsweise auch Jugendliche eingebunden werden und den Prozess aktiv mitgestalten können. Besondere Wertschätzung wird darauf gelegt, dass in der Umstellung niemand alleine gelassen wird, was beispielsweise bedeutet, Eltern mit Kindern mit Handicap gut zu betreuen, Lehrkräfte zu schulen und zu unterstützen, Netzwerkmöglichkeiten zu nutzen.

Letztendlich hat eine Bewegung begonnen, die nicht mehr aufzuhalten und längst überfällig ist, gibt es doch keinen plausiblen Grund, Menschen an gesellschaftlichen Prozessen nicht teilhaben zu lassen. Das dies einen erheblichen Kostenaufwand bedeutet, Denkmuster aufgebrochen und Strukturen dafür geschaffen werden müssen, ist jedem Beteiligtem klar. Vorerst gilt es vor allem, breite Öffentlichkeitsarbeit zu leisten und die Bereitschaft bei allen Mitgliedern der Gesellschaft zu öffnen, wirklich alle Menschen als Teil der Gemeinschaft anzuerkennen.

Stadtteilzeitung Steglitz-ZehlendorfNr. 173 • Dezember 2013/Januar 2014

Bilder einer Ausstellung

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Schwarzlicht-Aufführung mit den Kindern der Peter-Frankenfeld-Schule

Aufgeregtes Gemurmel geht durch den Vorraum der Mehrzweckhalle der Peter-Frankenfeld-Schule. Mehrere Grundschulklassen haben sich versammelt, um eine ganz besondere Aufführung anzusehen. Sie werden in die Mehrzweckhalle hereingelassen und der abgedunkelte Raum lässt schon vermuten, dass eine Schwarzlicht-Aufführung auf dem Programm steht.

„Bilder einer Ausstellung“ – Erinnerungen an Viktor Hartmann, eine Komposition von Modest Mussorgski aus dem Jahr 1874, ist das Thema der nächsten Stunde. Die einzelnen Sätze der Komposition beschreiben Gemälde und Zeichnungen des verstorbenen Freundes Mussorgskis. Das ganz Besondere an dieser Aufführung ist, dass die Darsteller ausschließlich Schüler der Peter-Frankenfeld-Schule sind, Schülerinnen und Schülern mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen, das heißt bewegungs-, sozial-emotional beeinträchtigte und schwerstmehrfachbehinderte Kinder mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung.

Bis es zu dieser Aufführung kommen konnte, bedurfte es einer langen Vorbereitungszeit. Es ist das fünfte geförderte Projekt der Schule, das mit Mitteln aus dem Projektfond Kulturelle Bildung 2013 vom Kulturamt Steglitz-Zehlendorf durchgeführt werden konnte. Zur Bewilligung musste ein ausführlicher Antrag geschrieben werden, welcher den sonderpädagogischen Schwerpunkt mit den Lernbereichen Kunst, Musik, Tanz, Rollstuhltanz, Basale Förderung, Sachkunde, Darstellendes Spiel beschreibt. So konnten Pädagogen und Schülerinnen und Schüler nach Bewilligung in der 10 monatigen Projektzeit fächer- und klassenübergreifend auf das Ziel, die gemeinsame Vorstellung, hinarbeiten.

Der Gnom, das Ballett der Küchlein in ihren Eierschalen und die Hütte der Hexe Baba Jaga sind drei von 10 Szenen, die für das Projekt ausgewählt wurden. Die Schülerinnen und Schüler konnten daran je nach Leistungsvermögen in den unterschiedlichsten Bereichen ihr Können proben und schließlich beweisen. Im Vordergrund natürlich in musikalischer Richtung. Wahrnehmen und Hören, Erkennen von Instrumenten und die motorische Umsetzung von Klangfolgen stand hier im Fokus. Künstlerisch war das Malen und Gestalten des Bühnenbildes, der Bilder und der Kostüme gefordert. Aber auch die Förderung der sozialen Aspekte und des Miteinanders unter der Schülerschaft brachten hinsichtlich des Wir-Gefühls, der Steigerung des Selbstbewusstseins und Selbstvertrauens durch vielfältige Ausdrucksmöglichkeiten individuelle Lernerfolge den Kindern näher.

Der Zuschauer, eben die Grundschulkinder und einige Erwachsene, werden in die Schwarzlichtwelt entführt. Die Darsteller sind aufgeregt, die Stimmung gespannt, es wird dunkel, Mussorgskis Musik ertönt und Kinder mit neonfarbenen Kostümen fangen an, sich zu bewegen. Jede Szene wird mit einem kleinen Text von einem Kind vorgestellt. Den Anfang macht die Promenade der schwerstmehrfachbehinderten Kinder in ihren Rollstühlen, die an den neonfarbenen Bildern vorbei flanieren. Die Szenen des Gnoms, der Küken und der Hexe sind vornehmlich von viel Bewegung bestimmt, eingerahmt von den Promenaden, die Ruhe in das aufregende Stück einfl ießen lassen. Der Zuschauer hat keine andere Möglichkeit als zu staunen, macht man sich vor allem die enorme Leistung bewusst, Kinder so unterschiedlicher Leistungsvermögen in einem Musikstück zu einer erfolgreichen Aufführung zusammen zu führen. Christine Lamousé, Lehrerin an der Peter-Frankenfeld-Schule, und Ingrid Heilmann, Kunstpädagogin, sowie Kolleginnen und Kollegen, die bei der Gestaltung und dem guten Gelingen dieses Projektes tatkräftig mitgeholfen haben, haben dieses Erlebnis möglich gemacht.

Beide laden zur nächsten Schwarzlicht-Aufführung „Mussorgsky – Bilder einer Ausstellung“ am Mittwoch, den 15. Januar und 19. Februar 2014 um 10.30 Uhr in die Mehrzweckhalle der Peter-Frankenfeld-Schule, Wedellstr. 26, 12247 Berlin, ein. Zwecks besserer Planung wird um Voranmeldung gebeten: Telefon 030 772 06 560 oder info@peter-frankenfeld-schule.de. Einen Wunsch hat Christine Lamousé dabei besonders. Sie würde sich wünschen, dass neben Kindern auch Erwachsene und Senioren zu den Vorstellungen kommen. Wer einen Eindruck gewinnen möchte, welch ein Potential in diesen besonderen Kindern steckt, sollte sich die Gelegenheit, zu staunen und diese außergewöhnliche Vorstellung anzusehen, nicht entgehen lassen!

Stadtteilzeitung Steglitz-ZehlendorfNr. 173 • Dezember 2013/Januar 2014

Tattoo – ganz normal oder doch ganz anders?

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Es wurde sein Wunsch, als er zwölf Jahre alt war, und das Vorbild war tatsächlich ein Anker auf der Schulter eines Marinesoldaten. Aber er wusste von Anfang an, dass es etwas sein musste, das er sein Leben lang mit sich tragen konnte. Tätowierungen passieren nicht einfach so, sie sind meistens ein gut durchdachter und langer Prozess. Wie gesagt – meistens.

Als sein Vater starb, war er 16 Jahre alt und die Idee stand fest – eine Erinnerung an seinen Vater würde er nie schlecht finden. Er suchte sich einen Bar-Code als aussagekräftiges Statement zu seiner Punkzeit aus, die ihn am stärksten geprägt hat und zu der er bis heute stehen kann. Den Sinn des Codes erkennt man erst, wenn man bemerkt, dass die Zahlen nicht willkürlich gewählt, sondern ein Datum, der Todestag des Vaters, sind. Das erzählt er aber nur, wenn er jemanden an sich heran lässt. Heute ist er stolzer Juniorchef in einem sehr gutem Modeladen, wo sich für ihn der Kreis mit dem Barcode wieder schließt.

Was ist das für ein Phänomen, das Menschen dazu bringt, ihren Körper für das ganze Leben zu verändern? Fest steht, hat man ein Tattoo, ist es gar nicht oder wenn, nur mit erheblichen Kostenaufwand und auch dann nur äußerst schwierig zu entfernen. Es ist sicherlich vieles oder von allem ein bisschen – Schmuck, Protest, Abgrenzung, Selbstdarstellung oder auch Zugehörigkeit zu etwas. Entscheidet man sich dafür, bedarf es Mut, denn man weiß, dass die Akzeptanz nicht unumstritten ist. Zwar ist es modern und seit vielen Jahren immer öfter zu sehen, dennoch mit vielen Bereichen des öffentlichen Lebens nicht konform. Den Grundschullehrer, Polizisten in Uniform, den Arzt in weißem Kittel oder den Banker im Anzug wird man kaum mit einer offen getragenen Tätowierung finden. Eine Tätowierung passt nicht zu dem gesellschaftlich angepasstem Bild eines braven Bürgers.

Dabei gibt es Körpermalereien schon seit Jahrtausenden. Mumien mit Tätowierungen an Händen und Füßen zeugen davon und selbst Ötzi, etwa 5000 Jahre alt, hatte welche. Über alle Kontinente finden sich Beispiele für Kulturen, bei denen Tätowierungen als Stammeszeichen, rituelle oder sakrale Zeichen genutzt wurden. Aber nicht immer wurden Tätowierungen zum Guten genutzt und diese negative Besetzung hält sich vielfach in den Köpfen der unbeteiligten Betrachter. Die Nationalsozialisten tätowierten den Insassen der Konzentrationslager die Häftlingsnummern ein und banden sie so lebenslang an ihr Schicksal. Knasttätowierungen drücken die Anzahl der abzusitzenden Jahre oder Rangfolgen aus. Zum Matrosen gehört eine Tätowierung fast schon zum guten Ton. Bei ihm drückt jedes Bild einen anderen Sachverhalt aus. So steht beispielsweise der Anker für die Überquerung des Atlantiks. Der nautische Stern bezieht sich auf den Nordstern, der stets helfen soll den Weg in den sicheren Hafen zu finden. Die Meerjungfrau, die Kanonen, die Harpunen, Spatzen oder Neptun – jedes Bild hat seine feste Bedeutung und verrät Eingeweihten viel über den Besitzer.

In den 1990er Jahren wurden Tattoo´s über die Musik bei uns immer moderner und gerade in den letzten 15 Jahren ist eine starke Verbreitung von Tattooläden festzustellen. Sicherlich auch durch die Zunahme der zweiten Körperkunst, des Piercings. In Berlin und Umland gibt es ca. 475 Läden/Anlaufstellen, in denen man seinem Körperkult nachkommen kann. Aber wie soll man da eine vernünftige und vor allem zukunftssichere Auswahl treffen, sich das richtige und auch gut gemachte Tattoo stechen zu lassen. Ist doch nichts peinlicher, als ein Tattoo zu tragen, dass etwa ein asiatisches Schriftzeichen darstellt, der Künstler aber eben nicht sinologisch gebildet war und den Sinn des Zeichens durch einen vergessenen Bogen völlig verkehrt. Und auch Bilder, die nach kurzer Zeit aussehen, also ob der Tätowierer zuviel Wasserfarbe verwendet hat, gehören zu Peinlichkeiten, wie die bildlich dargestellte große Liebe, die schon vorbei ist, bevor das Tattoo fertig ist. So sollte man sich gut überlegen, ob das gewählt Bild wirklich zum Lebensplan passt und seine Gültigkeit auch noch nach Abzug aller möglichen Lebenssituationen behält.

Joachim Koenigk von Farbenkult e.V., Projekt „Inker´s House“, vertritt eine sehr klare Meinung dazu. Für ihn ist das Stechen der Tattoos eine Dienstleistung und der Wert definiert sich über das gelernte Handwerk. Seit 34 Jahren sieht er sich als Handwerker, der nur bestehen kann, wenn er Qualität garantiert. „Tätowieren hat wenig mit Kunst zu tun,“ sagt er. „Es gibt kein Tattoo ohne Fehler (z.B. Hautbedingt), die Kunst daran ist, diese Abweichungen verstecken zu können.“ Die Grundvoraussetzung für ein gutes Tattoo sieht er in der Auswahl eines geeigneten Motives. Es sollte in keinem Fall eine Laune sein und auch die Motivation ein Tattoo tragen zu wollen, weil der Kumpel auch eins hat, kann er nur belächeln. Sind die Motive zu klein oder sollen die Linien farbig sein, kann es schon nicht mehr richtig werden. Er sticht klassische Tattoos, die auch halten. Zufrieden ist er, wenn es nach drei Jahren noch genauso aussieht, wie frisch gestochen. Beraten, in Richtung „Das solltest du so oder nicht so“, bzw. „Das passt, oder passt nicht zu dir“, tut er den Kunden nicht. Sie können mehrere Male in seinen Laden kommen, seine Motivbücher durchsehen. Motive aus anderen Quellen aussuchen und mitbringen. Entscheiden muss jeder selber, auch die Platzierung. Ihn beschäftigt einzig die Umsetzbarkeit des Motives mit den ihm zur Verfügung stehenden Materialien. Wer zu ihm kommt, muss wissen, was er will.

Ob er oft Motive retten muss, beantwortet er mit einem klaren „Ja!“. Darauf sei er spezialisiert. Weg machen kann man es nicht, man kann Motive aber aufarbeiten oder mit Anderen abdecken. Schlecht gemachte Tätowierungen sind ein Problem, da der Beruf nicht geschützt ist. Jeder kann Künstler sein, einen Laden aufmachen und loslegen. Aber gesetzliche Bestimmungen will er auch nicht, keine Beschränkungen oder Vorschriften. Und da kommt er doch wieder auf die Kunst: „Gibt es Vorschriften für Kunst?“ Nein, gibt es natürlich nicht. Und was rät man nun jemanden, der ein Tattoo haben will? Joachim Koenigk rät, in den Laden reingehen, mit dem Besitzer sprechen und genau zuhören, was besprochen wird. Ein Tattoo ist kein Ding im Vorbeigehen. Es ist eine Idee, ein Gefühl und eine unwiderrufliche Entscheidung – die handwerkliche Umsetzung ist sein Part dabei.

Ist Tattoo eine Sucht? Jeder hat sie schon gesehen, Menschen, die am ganzen Körper mit Tätowierungen bemalt sind. Dazu erzählt er: „Sie haben überall Tattoos und denken irgendwann, jetzt ist es perfekt und fertig. Jahrelang ist dann Ruhe. Eines Morgens wachen sie auf, sehen sich ihre Bilder an, haben ein Gefühl, eine Idee und am Abend haben sie das nächste Tattoo!“.

Sind Menschen mit Tattoos anders? Wohl kaum. Aber vielleicht doch Menschen, die durch ihren Körperschmuck Bindungen schaffen wollen oder eindeutige Positionen beziehen. Wenn man darüber mehr wissen will oder verstehen will, was dahinter steckt, muss man sich wohl auf den Weg machen und Handwerker wie Joachim Koenigk fragen. Dann wird das Handwerk klar und erlaubt den wissenden Blick auf so manches Meisterstück.

Stadtteilzeitung Steglitz-Zehlendorf, Nr. 174 • Februar 2014

Weitere Informationen: http://www.inkers-house.de/ – Foto: Joachim Koenigk

Toleranz und Anerkennung – Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

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Stellen Sie sich vor, Sie kommen in einen Raum und wissen sofort, dass Sie anders sind als alle anderen in diesem Raum. Jetzt haben Sie zwei Möglichkeiten: Sie können zum einen versuchen, sich zu verstecken und so unauffällig wie möglich zu verhalten oder Sie können zum anderen Stärke und Selbstbewusstsein zeigen. Consolata Chepkoech Kipchoge ist immer anders als alle anderen. Das weiß sie und hat sich für Stärke und Selbstbewusstsein entschieden.

Consolata Chepkoech Kipchoges Hautfarbe ist fast schwarz. Sie ist in Kenia geboren, das älteste von acht Kindern und ihre Eltern stammen aus der Volksgruppe der Maasai, der wohl bekanntesten ethnischen Gruppe Afrikas. Dort ist sie in der Gemeinschaft der großen Familie aufgewachsen und hat ihre Kindheit auf dem Land verbracht, zwischen Dörfern, Weiden und Tierhaltung. Sie sagt, dass man in Kenia nur eine Chance mit einer guten Schulbildung hat. Das bedeutete für die Kinder, dass sie in Internate gehen mussten und nur in den Ferien nach Hause kommen konnten. In der Schule begann es dann mit dem „Anderssein“. Sie war größer als alle anderen und fiel deshalb immer auf. Mussten die Kinder in einer Reihe stehen, hat sie versucht sich kleiner zu machen. Wurde eine Frage gestellt, wurde sie oft zur Antwort aufgefordert. Das hat sie gehasst und hätte sich oft gewünscht, kleiner zu sein. So hat sie gelernt, dass sie gut sein musste, hat immer sehr gut aufgepasst um die richtige Antwort zu wissen. War immer sauber und passend angezogen, um eben nicht aufzufallen. Und hat sich immer auf die Ferien gefreut. Nicht wie andere Kinder, weil man frei hat. Sie hat sich gefreut in ihr Dorf zu kommen, wo sie einfach Conny sein konnte, die nicht mehr auffiel und wie alle anderen war.

Mehrere ihrer Verwandten sind in andere Länder der Erde gezogen und haben sich dort Existenzen aufgebaut. So entstand auch ihr Wunsch, nach erfolgreicher Berufsausbildung in ein anderes Land zu gehen. Nach kaufmännischer und pharmazeutischer Ausbildung kam sie im Sommer 2009 nach Deutschland. Hier bekam das Anderssein eine ganz andere Dimension für sie. Nun war sie nicht anders, weil sie sehr groß ist, jetzt war sie auch noch anders, weil sie schwarz ist. Sie war anders, weil sie genau diese Sprache nicht sprach und war anders, weil sie diese Kultur und Mentalität nicht kannte.

Der Abstand der Menschen, die ihr begegneten, war ihr sehr deutlich. Skepsis und Scheu wurden zu unbeliebten Begleitern in ihrem Leben. Das konnte sie nur durchbrechen, indem sie schnell die deutsche Sprache lernte. In der Sprachschule kamen alle Mitschüler aus anderen Nationen, aus Kolumbien, Australien und Dänemark beispielsweise. Aber, die waren weiß und fielen ob der Hautfarbe nicht ganz so sehr auf wie sie selber. Was sie dort aber bald merkte, war dass das Sprachvermögen offensichtlich keinen Zusammenhang mit der Hautfarbe hat. Lernte sie schnell, aus dem Willen heraus dazuzugehören, taten sich viele ihrer Mitschüler schwer.

Mit der Sprache konnte sie dann unangenehme Situationen vermeiden. Stand sie anfänglich im Supermarkt und suchte bestimmte Dinge, wurde ihr oft die Antwort versagt oder die Menschen drehten sich einfach weg, weil sie sie nicht verstanden oder verstehen wollten. Nun konnte sie fragen, Dinge benennen, was schon verbindlicher war und auf Antwort hoffen ließ.

Die Bedeutung der Sprache machte ihr die Dame beim Arbeitsamt deutlich. Da ihre Abschlüsse nicht anerkannt wurden, musste eine andere Wahl getroffen werden. „Wenn Sie die Sprache schnell lernen wollen, gehen Sie in den Verkauf!“ bekam sie als Auskunft und das tat sie dann auch. Von der Inventurhilfe über die Modeverkäuferin, hat sie sich in drei Jahren zu Assistentin der Geschäftsleitung in einem Store einer namhaften Modemarke hoch gearbeitet. Heute spricht sie fließend Deutsch und kann es schreiben. Aber sie kann sich auch noch in Englisch, Französisch, Swahili und verwandten Sprachen unterhalten.

Beim Anderssein hat das jedoch nicht geholfen. Die Hautfarbe bleibt schwarz, aber die Sprache macht es ein bisschen leichter. Sie merkt oft, wenn die Menschen in den Laden kommen, dass sie nicht von ihr beraten werden möchten. Unsicherheit oder Ablehnung, dass weiß sie nicht. Wenn die KollegInnen bedienen und eine besondere Situation gelöst werden muss, kommen sie dann doch wieder auf sie zu, ist sie doch die Juniorchefin mit dem entsprechenden Know-how. Aber auch das musste sie sich erkämpfen. Den Respekt unter den KollegInnen musste sie sich erarbeiten, immer ein bisschen besser sein und sich unter der ständigen Beobachtung bewähren. Sie muss ständig beweisen, dass Intelligenz nichts mit Hautfarbe zu tun hat und Dummheit nicht in schwarz oder weiß geteilt ist. Qualität muss ihr ständiger Begleiter sein um keine Angriffsfläche für Respektlosigkeit und Ignoranz zu bieten.

Conny_Bjoern

Der gemeinsame Blick in die Zukunft lässt keinen Zweifel darüber offen, dass Toleranz und Anerkennung ein ständiges Thema sein wird.

Sie hat immer mit dem Anderssein zu tun. Im Bus würde sie sich wünschen, dass einmal jemand Platz macht, nur weil sie eine Frau ist. Die Leute schauen weg. Im Restaurant wird sie anders angesprochen, als ob farbige Menschen andere Nahrung als Weiße brauchen. Beim Einkauf muss sie klar machen, wann sie an der Reihe ist. Etwas besser, etwas respektvoller werden diese Situationen nur, wenn die Menschen merken, dass sie fließend deutsch spricht und alles versteht.

Sie hat sich daran gewöhnt, anders zu sein, sich ständig beweisen zu müssen. Hat sich daran gewöhnt um Respekt und Anerkennung zu kämpfen. Sie muss eine starke Frau sein und zieht ihre Stärke aus dem Bewusstsein, was sie alles kann, sich erarbeitet hat und daraus selber Toleranz üben kann. Kommt ihr doch jemand ganz dumm daher, gilt der alte Spruch: „Die Gedanken sind frei!“, denn die kann man kaum erahnen, schon gar nicht bei einer schwarzen Frau. Dabei ist es doch nur ihre Hautfarbe, die nichts mit Intelligenz, Gefühlen, Wahrnehmung und Lebenseinstellung zu tun hat.

Aber – sie hat in diesem Land auch die anderen gefunden. Die Menschen, die neugierig sind, die sich trauen zu fragen was sie denkt, wie sie fühlt. Diejenigen, die fragen, wie es ihr geht. Die mehr über ihr Land, ihre Kultur und die Menschen dort wissen wollen. Und selbst die Liebe ist ihr in diesem Land über den Weg gelaufen. Ein Mann, der die Zukunft mit ihr teilen will, dem sie nichts erklären muss und bei dem sie einfach Conny sein kann. Der eine Familie hat, die seine Liebe zu ihr rückhaltlos unterstützt. Eines Tages wird sie mit ihm nach Hause fahren. Dann wird er derjenige sein, der immer anders ist. Das wünscht sie sich für viele Menschen – dass sie merken, was es bedeutet, anders zu sein. Das diejenigen, die anders sind, jedem dankbar sind, der einen kleinen Schritt auf sie zugeht.

Stadtteilzeitung Steglitz-Zehlendorf, Nr. 174 • Februar 2014

Das Ding mit der Erziehung

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Jedes Kind stellt mutmaßlich mindestens einmal im Laufe seiner Kindheit fest, dass es einmal alles anders machen wird, wenn es groß ist. Insbesondere, wenn es eigene Kinder haben wird und die Erziehung endlich selbst in die Hand nehmen darf. Eltern sind oft einfach zu streng, zu hartnäckig, zu nervig, zu uncool sowieso. Manchmal auch peinlich und sie wollen eigentlich immer zuviel wissen. Das ist so, das war so und wird immer so sein.

Bis dann der Tag der bitteren Erkenntnis kommt. Man steht da, mitten im Chaos, zwischen Wäschebergen, Unordnung, Hundefutter, Schriftkram, blubbernden Suppentöpfen, streitlustigen Kindern, Bügelbrett. Weiß nicht, wo man anfangen soll und merkt, dass das andere Ende der Erziehungskette doch ganz anders aussieht als in den kühnsten Kinderträumen. Der Blick hat sich verändert, Prioritäten haben sich verschoben, Einblicke haben sich entwickelt. Das Ideal von einst, alles ganz anders – besser zu machen, rückt in weite Ferne.

Sicherlich – es ändern sich Dinge von Generation zu Generation. So wurde am Esstisch der letzten Jahrhundertmitte nicht gesprochen, schon gar nicht von den Kindern. Heute hat sich die, meist einzige, gemeinsame Mahlzeit am Tag zum Kommunikationstreffpunkt der modernen terminverplanten Familie entwickelt. Auch das „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt.“ hat sich von der hungrigen Nachkriegsgeneration bis zur heutigen konsumverwöhnten Gesellschaft ebenso verändert, wie die Einsicht, dass eine Ohrfeige wohl noch niemandem geschadet hat. Gehörte die früher zu den erfolgreichen Erziehungsmethoden dazu, stehen heute doch (glücklicher Weise) Unversehrtheit und Persönlichkeitsrecht aller Kinder im Vordergrund. Erziehung passt sich der Zeit, dem Menschenbild und der Philosophie der jeweiligen Generationen an. Gut so!

Aber da gibt es doch ein paar Kleinigkeiten, die werden sich wohl nie ändern und je nachdem an welchem Ende der Erziehungskette man steht, sehr unterschiedlich empfunden. Denn, was man als Kind noch so gar nicht bedacht hat und nicht absehen kann, sind Faktoren wie Planung, Erschöpfung, Verantwortung, Weitsicht, Umsicht und der Blick auf das gesamte Familiengefüge.

Zum Beispiel „Scheren“. Scheren sind häusliche Gegenstände, die immer weg sind. Es gibt keine Schublade, kein Versteck, keine Ablage, die es schafft, Scheren für immer an sich zu binden. Sind Kinder im Haus, sind Scheren immer verschwunden, nie zur Hand und unauffindbar. Findet man eins der seltenen Exemplare sind sie immer Zweckentfremdet. Die Schneiderschere liegt im Bad, die Papierschere in der Küche, die Bastelschere eventuell im Sandkasten und Nagelscheren – mein Gott, wer verwendet denn Nagelscheren? Vielleicht tauchen sie beim nächsten Elternabend, wenn man am Platz des Filius sitzt, zufällig unter der Bank auf. Also – planen Sie einmal Nachwuchs – gewöhnen Sie sich schon einmal an Messer … obwohl, die richtig scharfen Messer? Gleiches Thema wie bei den Scheren.

Haustiere: Jeder liebende Elternteil weiß heutzutage um die wohltuende Wirkung eines Haustieres auf die psychologische Entwicklung des Nachwuchs. Kinder sollen die Möglichkeit zum Kuscheln haben, vor allen Dingen aber lernen Verantwortung zu tragen. Von Anfang an, denn nur, wer Verantwortung übernehmen lernt, kann später eimal Führungskraft werden. Also – Diskussionen – welches Haustier. Ist dieses Stadium überstanden, kommt die „Ich schwöre“-Phase. Fast ausnahmslos jedes Kind schwört, dass es – kommt das Tier ins Haus – Verantwortung und Pflege bis in die Steinzeit übernimmt. So, als würden die Eltern nicht mal merken, dass da überhaupt etwas Vierbeiniges im Haus ist. Sie dürfen sich sicher sein – die „Ich-schwöre“-Phase wird Ihnen am hartnäckigsten im Gedächtnis haften bleiben. Immer wenn Sie bei Regen mit dem Hund draußen stehen, den Karnickelstall sauber machen oder beim Tierarzt den 147igsten Kratzer von ihrer sonst so lieben Katze eingefangen haben. Ich schwöre – Kinder spielen und kuscheln mit Tieren, Sie machen zuverlässig den „Rest“.

Spülmaschine ausräumen. Uns ist es doch tatsächlich passiert, dass dieses unersätzlichste aller Haushaltsgeräte kaputt gegangen ist. Aus unterschiedlichsten Gründen kam keine Neue ins Haus. Die Eltern gewöhnten sich schnell an dieses durchaus kommunikationskräftige abendliche Geschirrspülen. Es war ok, bis zu dem Punkt als der Nachwuchs auch helfen sollte. Dann kam das gleiche Thema wie bei den Haustieren. Endlose Diskussionen und die „Ich-schwöre“-Phase – der eine räumt immer ein, der andere immer aus. Festzustellen bleibt lediglich die unwahrscheinliche Gemeinsamkeit von Haustieren und Geschirrspülmaschinen. Nachwuchs genießt, Eltern machen den Rest.

Schließlich noch ein ganz heißes Thema: Gerechtigkeit. So empfindet der Nachwuchs zuweilen die ganze Welt als geballte Ungerechtigkeit. Wird ein Wunsch nicht erfüllt oder die Last der kindlichen Arbeitsaufträge ist untragbar, kommt noch eine gemeine Hausaufgabe dazu, kann es immer nur an den Eltern liegen. Eltern und Gerechtigkeit sind Gegensätze wie Eiscreme und Solarium. Das wird besonders im Partyalter deutlich. Die ganze „KollegInnenschar“ darf immer, ohne Murren der (fremden, unbekannten) Eltern, die ganze Nacht Party feiern. Nur der eigene Nachwuchs soll zeitgerecht, oder noch schlimmer abgeholter Weise, zuhause sein. Das geht ja gar nicht. Und Fragen, ob man nicht auch mal jung war oder warum man so uncool ist, poltern auf den erzkonservativen langweiligen Erziehungsneurotiker ein. Und fragen Sie beim Frühstück bitte nicht, ob der gestrige Abend schön war. Der Nachwuchs muss ja erst aufwachen. Ist er wach, ist er schon wieder weg – die KollegInnen warten ja.

Sie bleiben schließlich zuhause sitzen, das Chaos im Haus ist vielleicht bewältigt, haben Gelegenheit und Ruhe einmal drei Gedanken einfach so in den Raum zu hängen. Ein Gedanke davon wird sicherlich sein, dass Sie ja doch viel, vielleicht sehr viel, genauso machen, wie Sie es als Kind abgelehnt haben. Von den Eltern dennoch abgeguckt, geprüft aus neuem Blickwinkel und schließlich für gut befunden haben.

Vom Nachbarschaftsboten zur Stadtteilzeitung

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Beim Apotheker neben der Umschau, in der Stadtbücherei in der Leseecke oder im Bezirksamt im Warteraum findet man sie. Kann sie vor Ort durchsehen oder einfach einstecken und zuhause lesen. Zwölf Seiten berichten aus dem Bezirk, in jeder Ausgabe zu einem Schwerpunktthema, das immer einen sozialen Bezug hat und in dem der Mensch im Mittelpunkt steht. Die Rede ist von der Stadtteilzeitung Steglitz-Zehlendorf, einer kleinen Bezirkszeitung, die unscheinbar überall ausliegt, zum gewohnten Bild dazugehört und für viele Menschen zur monatlichen Informationsvielfalt beiträgt.

Die Gründe für eine eigene Zeitung
Das Stadtteilzentrum Steglitz e.V., Verein für soziale Arbeit, leistet sich beinahe seit seiner Gründung vor 18 Jahren diese eigene Zeitung. Die ersten Ausgaben 1996 hießen noch „Nachbarschaftsbote”, denn auch der Verein hieß damals “Nachbarschaftsverein Lankwitz”. 2001 wurde aus dem Nachbarschaftsverein Lankwitz das Stadtteilzentrum Steglitz e.V., da die räumliche Ausdehnung des Vereins immer weitere Einrichtungen im Bezirk einschloss. So wurde auch aus dem Nachbarschaftsboten die Stadtteilzeitung. Der Grundgedanke eine eigene Zeitung im Bezirk zu etablieren war von Anfang an, den Menschen von sozialer Arbeit zu erzählen, soziale Themen aufzugreifen, die nicht in die normale Boulevard-Presse passen, Menschen soziale Angebote vorzustellen und von kleinen Projekten zu erzählen, die sonst keinen Platz in einer Zeitung finden. Aber auch, zu erzählen, wie normal das Leben sein kann, dass zum Beispiel Arbeitslosigkeit, Einsamkeit, Geldnot, Altersschwierigkeiten, Erziehungsprobleme und andere Unwegsamkeiten des Lebens viele Menschen betreffen und durchaus in der Gesellschaft besprochen werden müssen.

Die technische Seite
Von der Idee eine Zeitung zu machen bis hin zum fertigen Druckprodukt ist es dennoch ein langer Weg, der viele Arbeitsschritte umfasst. Von der technischen Seite her begann die Zeitung mit einem kleinen Kopierer, heute obliegt der Druck einer großen Berliner Zeitungsdruckerei. 10.000 Exemplare laufen über eine große Rollenoffsetmaschine, sind am Ende verpackt und bereit verteilt zu werden. Wo früher die Schreibmaschine das technische Hilfsmittel war, steht heute ein Computer mit einem Grafikprogramm zur Verfügung. Bilder, die früher fotografiert wurden, mussten eingescannt werden bevor sie zur Verwendung genutzt werden konnten. Heute fotografiert man geschwind mit dem Smartphone und hat Bilder in Sekundenschnelle am Bildschirm zur Verfügung. War am Anfang nur eine schwarz/weiss Ausgabe möglich, sind heute vierfarbige Abbildungen und bunte Logos zu finden. Ein Hoch auf den technischen Fortschritt, der die qualitative und inhaltliche Arbeit an einer Zeitung jedoch nicht einfacher macht.

Die Menschen im Hintergrund
Die ersten Ausgaben entstanden am Mitarbeitertisch, aber es war recht schnell deutlich, dass die gewollte Vielseitigkeit der Zeitung nicht alleine bewerkstelligt werden konnte. So hat es schon sehr früh die ehrenamtlichen Redakteure gegeben, ohne die es die Stadtteilzeitung in dieser Form nicht gäbe. Menschen aus den verschiedensten Bereichen kamen zusammen um mitzuhelfen, zu recherchieren, schreiben und zu berichten. Das ist bis heute so geblieben. Heute können wir uns auf einen festen Stamm an Redakteuren stützen. Jede Redakteurin, jeder Redakteur bringt sich aus unterschiedlichsten Motiven, mit seiner individuellen Lebensgeschichte und Begabungen ein. Schreibt der eine lieber humorige Beiträge, liegt die Begabung des anderen eher in rational recherchierten Beiträgen, der dritte verfügt aus dem früheren Berufsleben über viel Erfahrung in beispielsweise kultureller oder architektonischer Hinsicht, der nächste arbeitet aktiv im sozialen Bereichen. Die Vielfalt der Redakteure, die viel Zeit für ihre Beiträge aufwenden, spiegelt sich in der Unterschiedlichkeit der Beiträge wieder. Die meisten Redakteurinnen und Redakteure begleiten uns schon seit vielen Jahren. Hin und wieder haben wir das Glück, dass einer sich dazu findet, aber wir haben es auch schon erlebt, dass wir eine Redakteurin durch einen Todesfall verloren haben, was eine deutliche Lücke hinterlassen hat. Die Redaktion ist offen für jeden, der Lust hat, sich mit dem Bezirk, den Menschen und den Themen darum auseinander zu setzen.

Alleine geht´s nicht
Nicht vergessen darf man dabei, dass über die Jahre eine fruchtbare Zusammenarbeit mit den Kooperationspartnern des Stadtteilzentrums und zu verschiedenen Stellen aus der Verwaltung entstanden ist. Auch zu anderen bezirklichen Medien pflegen wir den freundschaftlichen Kontakt. Freien Initiativen, Einrichtungen und Projekten stehen wir ebenso offen gegenüber, wie jedem Bürger, der ein berechtigtes und für den Bezirk interessantes Anliegen hat. Und letztendlich nutzen wir natürlich die Stadtteilzeitung um auf unsere Arbeit in den Einrichtungen von der Kita bis zum Seniorenzentrum aufmerksam zu machen, auf Veranstaltungen hinzuweisen und um auf die Fachkompetenz unserer Mitarbeiter zu den jeweiligen Leitthemen zurückzugreifen.

Themenwahl
Die Arbeit mit Leitthemen zur Zeitung haben wir vor einigen Jahren eingeführt. Einmal jährlich wird ein „Themenfahrplan“ in Absprache mit den ProjektleiterInnen des Stadtteilzentrums und den RedakteurInnen erstellt. Gemeinsam mit den Redaktionsschluss-Terminen wird dieser Plan am Ende des Kalenderjahres zur Verfügung gestellt. Unsere Berichterstattung steht in keiner Konkurrenz zu den Tagesmedien oder gar zum Internet. Beiträge sind von langer Hand vorbereitet, wir suchen Fachleute zu entsprechenden Themen und beleuchten sie aus den verschiedensten Blickwinkeln. Spannend und vielseitig ist die Arbeit an so einer kleinen Zeitung. So gab es schon unzählige Geschichten von Menschen, die uns echte Bewunderung und manches Staunen abverlangt haben.

Aus dem kleinen Nachbarschaftsboten ist eine kleine stattliche Zeitung geworden. Über 100 Ausgaben werden Sie im Archiv finden und die Entwicklung der letzten Jahre wird weiter gehen. So überlegen wir immer wieder, wie wir die Ausgaben den Bedürfnissen und den Wünschen der Leser anpassen können, aber auch wie wir die zeitlichen technischen Möglichkeiten nutzen können. Nur eins wird sich an der Stadtteilzeitung Steglitz-Zehlendorf nie ändern – bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt!

Anna Schmidt
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Stadtteilzentrum Steglitz e.V.
http://www.stadtteilzentrum-steglitz.de

Wo man das kleine Glück findet

kleeblattKondenswasser rollt tropfenweise an den beschlagenen Fenstern runter. Draußen ist es dunkel, die Schneewehen klatschen an die Scheiben und außer dem Brummen des Motors ist weiter nichts zu hören. Seit 17 Minuten fährt der alte Bus die Landstraße entlang. Der Busfahrer konzentriert sich, schweift aber in Gedanken immer wieder zu dem gestrigen Gespräch mit der Ehefrau ab. Die Fahrgäste schauen mit mehr oder weniger leerem Blick vor sich hin und hoffen, dass die Fahrt schnell überstanden ist. Das ist nicht gerade so ein kuscheliger Abend in der Vorweihnachtszeit, wie man ihn sich wünschen würde.

Die Fahrgäste sitzen alle im vorderen Bereich des alten Busses, so als ob sie nicht alleine sein wollten. Dabei könnten sie unterschiedlicher in der Zusammensetzung gar nicht sein. Der alte Mann schaut immer wieder sorgenvoll auf seine Plastiktüte, ob der Inhalt noch heile ist. Die Dame mittleren Alters hofft, dass es wenigstens heute etwas im Fernsehen gibt, was sie interessiert. Der junge Mann, Kopfhörer im Ohr – nun, ob er etwas denkt, wissen wir nicht, aber nach seinem Wippen zu urteilen mag er seine Musik. Die Mutter überlegt, wie sie das alles alleine schaffen soll und das Kind, an ihrer Schulter gelehnt, träumt, dass der Vater doch Urlaub bekommt. Der Manager sieht knurrig und schlecht gelaunt aus und wirkt, als ob er einfach im falschen Bus sitzt. Und das Mädchen hätten wir fast vergessen, ist sie doch so unscheinbar wie ein kleines Mauerblümchen vor einer grauen Wand. 22 Minuten – der alte Bus kämpft sich weiter durch das lausige Winterwetter.

Die Scheibenwischer leisten Schwerstarbeit und versuchen immer wieder freie Sicht zu schaffen. Der Busfahrer überlegt, ob er es ihr hätte sagen sollen. Der Motor brummt monoton und die Reifen versuchen die Spur zu halten. Der Manager überlegt, ob er nicht einfach hätte absagen sollen. Dann ein Rumpeln, es quietscht, der Busfahrer versteift sich, bremst, lenkt gegen, bremst – der alte Bus rutsch und steht. 24 Minuten – die Fahrt ist unterbrochen.

Jetzt reden sie alle durcheinander. Aufgeregt und sorgenvoll. „Alle heile?“ fragt der Busfahrer und schaut besorgt in die Runde. „Ja, nichts passiert, aber wie geht es weiter?“, fragen die Fahrgäste und reden weiter, wieder alle durcheinander und hektisch. Der Busfahrer setzt sich wieder auf seinen Sitz, lässt den Motor an und versucht zu starten, aber die Hinterräder drehen durch und lassen die Weiterfahrt nicht zu. Er stellt das Warnblinklicht ein, nimmt das Funkgerät und sagt der Zentrale Bescheid, dass der alte Bus steht und Hilfe braucht. Das dauert eine Weile, bekommt er zur Antwort, mehr als beeilen könne man sich nicht. Die Fahrgäste überlegen sich Lösungen, die alle nicht greifen und letztendlich ist klar, dass alle warten müssen. 29 Minuten und es ist leise im Bus. Nur die Schneewehen, die an die Scheiben klatschen sind zu hören.

„Jetzt denkt er bestimmt, dass ich nicht komme“, sagt der alte Mann und muss schwer schlucken. „Wer denkt, dass sie nicht kommen?“, fragt die Mutter in die Stille hinein. Nach einer ganzen Weile sagt der alte Mann: „Ich habe ihn alleine gelassen. Vor ganz vielen Jahren. Wollte nach dem großen Glück suchen und bin viel gereist. Das Glück habe ich nicht gefunden und meinen Sohn nachher auch nicht mehr.“ Es vergehen ein paar Momente bis er ergänzt: „Er hat mich wiedergefunden und mich eingeladen. Ich solle ihn erst einmal besuchen und dann entscheiden, ob wir Weihnachten zusammen feiern.“ „Er wartet bestimmt.“ sagt die Mutter, die ihr Kind unwillkürlich enger an sich zieht. Und wieder kommt die Stille zurück in den alten Bus.

Die Dame mittleren Alters kramt in ihrer riesigen Tasche und zieht eine große runde Dose hervor. Umständlich öffnet sie den Deckel und sofort verteilt sich der leckere Keksduft im alten Bus. Sie reicht ihre Keksdose in die Runde und sagt: „Ich wäre froh, wenn jemand auf mich warten würde. Ich backe immer so gerne und viele Kekse, aber habe keinen mit dem ich sie teilen kann. Dann nehme ich sie mit ins Büro, aber dort laufen sie alle daran vorbei.“ Und schon strahlen ihre Augen, weil alle Fahrgäste in die Dose greifen und für die kleine Abwechslung dankbar sind. Der Busfahrer kommt zu den Fahrgästen, setzt sich dazwischen, greift in die Dose und meint eher zu sich selbst: „Die kann sie auch so gut backen. Es wäre wohl besser, ich hätte es gesagt.“ „Was gesagt?“, fragt der mürrische Manager, jetzt muss er hier schon seine Zeit vergeuden und auch noch solche Geschichten anhören. „Wir haben uns gestritten“, antwortet der Busfahrer. „Meine Frau hat Kontoauszüge geholt und gesehen, dass ich Geld geholt hatte. Ich wollte ihr nicht sagen für was. Jetzt denkt sie, ich habe Geheimnisse vor ihr. Es war schlimm. Dabei habe ich einen Tanzkurs gemacht, was sie sich schon so lange gewünscht hatte und Karten für den Silvesterball geholt. Wenn ich es gesagt hätte, wäre der Streit vermeidbar gewesen, aber die Überraschung dahin.“ Das unscheinbare Mädchen lächelt versonnen vor sich hin und meint: „Das ist aber sehr romantisch, was sie gemacht haben. Wenn sie es ihr erzählen wird sie wieder gut mit ihnen sein.“

45 Minuten und alle warten und schweigen eine Weile bis die Mutter erzählt: „Mein Mann und ich waren sogar in einem Tanzclub und sind schon recht gut gewesen. Dann war seine Arbeit weg und wir mussten es aufgeben. Später kam noch die Oma ins Haus, weil sie alt ist. Sie ist lieb und wir verstehen uns, aber die Pflege ist anstrengen. Ich würde manchmal  lieber mit den Kindern spielen, aber dazu fehlt jetzt die Zeit, weil mein Mann wieder Arbeit hat, leider weit weg. Jetzt weiß ich nicht mehr, was besser ist, ein Mann zuhause ohne Arbeit oder ein Mann weit weg mit Arbeit.“ „In jedem Fall ein Mann zuhause“, sagt der alte Mann, „das habe ich alles falsch gemacht. Wenigstens ab und zu muss man zuhause sein.“ „Zuhause“, brummelt der Manager „denke ich auch. Ich bin immer unterwegs, von einem Geschäft zum anderen, aber richtig glücklich macht mich das auch nicht.“ „Aber Glück ist doch so wichtig“, sagt das Mädchen, „nur wo findet man das?“  „Tja, wo findet man das?“, fragt die Dame. 50 Minuten … langsam wird´s kühler im Bus.

„Ob ich einen Keks für den Vater aufheben kann?“ fragt das Kind, den Blick scheu auf den Boden gerichtet. Die Mutter hebt abwehrend die Hände „Aber nein, …“ „Doch, doch“, sagt die Dame, mittleren Alters. „Aber schöner wär´s doch, wenn du sie ihm selbst backen würdest. Das Kind schaut mit erstaunten Augen die Dame an, die gleich weiter meint: „Und noch schöner wäre es, wenn du mit der Mutter backen würdest. Ich komme zu euch und lese der Oma vor, dann hat die Mutter Zeit fürs Backen und dich.” Das Kind strahlt und die Mutter fragt leise „Das würden sie machen?“ Die Dame nickt mit dem Kopf. Ein Lächeln geht in die Runde, es wird kühler und doch ist es wärmer im alten Bus. 60 Minuten, es ist ruhig im Bus.

Das Mädchen zieht die Hand aus der Tasche und zeigt einen Zettel nach oben. „Ich bräuchte nur einen kleinen Moment etwas Glück“, schaut hoch und erschrickt, dass alle Augen auf sie gerichtet sind. „Vor drei Tagen schrieb ich den Zettel mit `Freunde´ oder `Nicht Freunde´ und gab ihn meinem Gegenüber. Der drehte sich um, kritzelte und gab ihn mir sofort zurück. Jetzt habe ich Angst, dass die Antwort weh tun könnte.“ Ruhe, keine Antwort, Stille im Bus. „Kenne ich“, sagt der Manager, „man fordert das Glück heraus und hat Angst vor der eigenen Courage. Aber immer, wenn ich den Mut hatte, etwas Unbequemes zu tun, hatte ich auch das Glück“. Das Funkgerät knarzt, der Fahrer springt auf, sprich Worte und sagt in die Runde „Jetzt haben wir Glück – sie müssen bald hier sein.“ 73 Minuten im alten Bus und Hoffnung kommt auf.

Der Schnee klatscht fest an die Scheiben, doch es sieht schön aus, als das Licht auf den alten Bus zukommt. Jetzt kommt Hilfe und die Heimfahrt wird möglich. Der alte Bus ruckelt an, der Fahrer lenkt gegen und schafft es in die Spur. Es geht weiter. Stille im Bus und jeder mit seinen Gedanken allein. „Trau dich“, sagt der Manager, gar nicht mehr knurrig und lächelt das Mädchen an. Er selbst hat beschlossen, er sagt ab. Ruft lieber den Freund an, ob er ein Bier mit ihm trinken mag.

Erste Lichter in der Ferne, bald ist es geschafft. Alle schauen nach vorne und Erleichterung macht sich breit. Das Mädchen hat heimlich den Zettel geöffnet. Sie lächelt und freut sich und dankt in Gedanken dem knurrigen Manager. Der Halt kommt in Sicht und es warten Leute dort. Dem alten Mann läuft eine Träne übers Gesicht. „Was weinst du?“ fragt der junge Mann, Kopfhörer im Ohr. „Was ist los?“ „Er steht dort“, sagt der alte Mann, „das ist der Sohn.“ „Wie wunderbar“, sagt die Dame und alle freuen sich mit. Der junge Mann, Kopfhörer im Ohr, der schon lang keine Musik sondern Geschichten gehört hat, meint: „Ich weiß jetzt, wo wir das kleine Glück finden – nur in uns selbst!“

In der 97igsten Minute fährt der alte Bus in den Halt ein und das Glück war dabei.

Die kleinen Dinge – Dankbarkeit

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„1,69 €“ sagt die Bäckereiverkäuferin zu mir und etwas verunsichert gebe ich ihr meinen Geldschein. Sie kassiert ab, gibt mir das Restgeld und will sich dem nächsten Kunden zuwenden. „Das kann aber nicht sein“, bemerke ich und als sie erstaunt schaut, sage ich, dass ich zwei Teile hatte und eins davon über drei Euro kostet. Sie stutzt und dann kommt sichtbar der richtige Gedanke. Sie kassiert nochmal ab und freut sich über eine ehrliche Kundin. Sie war offenkundig dankbar.

Zufrieden packe ich mein Frühstück ein und mache mich auf den Weg ins Büro. Das entspannte Gesicht der Verkäuferin lässt mich auf dem Weg aber doch nachdenklich werden. „Sie war offenkundig dankbar“, „Dankbarkeit“, „dankbar sein“ … können wir die kleinen Dinge sehen, anerkennen und bemerken. Was löst Dankbarkeit bei uns aus? Beim dem der dankbar ist und demjenigen, dem Dankbarkeit gezollt wird.

Ich frage verschiedene Menschen, für was sie Dankbarkeit empfinden. Ein junger Mann erzählt mir, dass er einmal drei Tage kein Geld und nichts zu essen hatte. Heute hat er einen sehr guten Job, aber er vergisst nie, was er erlebt hat und macht sich das jeden Tag bewusst. Eine Frau erzählt mir, dass sie dankbar für ihre Familie ist, ihre Kinder, ihren Enkel und einen Mann, der sie immer unterstützt. Sie fühlt sich sicher in ihrem familiären Gefüge. Und eine junge Kenianerin erzählt mir von ihrem Land. Dass Kinder dort nur zur Schule gehen, wenn Eltern dafür bezahlen können. Die Kinder aber nur mit Schulbildung eine Chance im Leben haben. Sie ist ihren Eltern für immer dankbar, dass sie auf alles verzichtet haben, um allen acht Kindern diese Schulbildung zu ermöglichen.

Die Kenianerin erzählt mir auch, dass in Deutschland immer geklagt wird. Ob der Bus zu spät kommt, das Wetter zu nass oder zu heiß ist, die Straßen zu voll oder die Nachrichten zu schlecht. Sie sagt, dass jeder hier einmal in einem anderen Land leben sollte, um hier wieder schätzen zu können, was wir haben und dafür dankbar sein zu können.

Dankbarkeit, wenn man sie empfinden kann, ist ein positives Gefühl. Wenn wir Dankbarkeit empfinden, wissen wir, dass wir nicht alleine sind. Jemand hat etwas für uns getan oder etwas ist in unserem Sinne „gut gelaufen“. Wenn wir Dankbarkeit bei jemandem auslösen, sind wir ein bisschen stolz und freuen uns über die Dankbarkeit des anderen. Wir wissen, dass wir etwas richtig gemacht haben.

Dankbarkeit auszulösen ist eins der einfachsten Dinge, die man sich vorstellen kann. Manchmal sogar ungewollt. Ich ging einmal einen Flur entlang auf eine Glastür zu. Plötzlich kam mir auf der anderen Seite ein zweimeter Schrank entgegen. Einer der Jugendlichen von denen ich denke, dass ich sie lieber nicht um 22 Uhr auf dem Bürgersteig treffen möchte. Blitzartig schoss mir durch den Kopf, dass ich an ihm vorbei musste und bevor ich überhaupt reagieren konnte, hielt mir dieser riesige junge Mann die Glastür auf und sagte „Bitteschön“! Ich war ihm so dankbar (und schimpfte innerlich furchtbar mit mir wegen meiner Vorurteile. Aber das ist ein anderes Thema).

Dankbarkeit bewusst auszulösen, ist noch einfacher. Dazu bedarf es nur den Blick auf einen Mitmenschen und seine Bedürfnisse. Ein kleines Lob, eine Wertschätzung, ein Lächeln oder eine winzige Handreichung. Kleine Dinge, die nicht einmal eine große Anstrengung erfordern und so schnell Positives auslösen.

Wir können uns der Dankbarkeit auch absichtlich bedienen um das eigene Wohlbefinden zu steigern, unsere Einstellung Dingen gegenüber zu relativieren oder den Lebensweg erfolgreicher zu gestalten. Machen Sie doch einfach einmal eine Liste, in der Sie aufschreiben, was sie schon alles erreicht haben, wofür sie dankbar sind, wer ihnen Gutes getan hat oder wo sie selber unterstützen konnten. Machen sie sich regelmäßig bewusst, wofür sie dankbar sind. Sie werden die wohltuende Wirkung sehr bald bemerken und fröhlicher durch ihr Leben laufen, öfter lachen und offener Menschen gegenüber sein – einfach, weil die anderen merken, dass es ihnen gut geht.

Gerade jetzt in der Weihnachtszeit denkt man ja oft darüber nach, ob es ein gutes oder ein schlechtes Jahr gewesen ist. Denken sie nicht an die schlechten Dinge, denken sie daran, was gut gelaufen ist.

Dazu möchte ich dieses Beispiel erzählen: Am 1. Januar 2013 wurde das „Klamöttchen“ im KiJuNa – Kinder-, Jugend- und Nachbarschaftszentrum in Lichterfelde-Süd vollkommen zerstört. Jugendliche hatten in der Nacht einen Brand verursacht, der das Aus für den kleinen Laden bedeutete, in dem Kinder und Eltern für 50 Cent Kleidung, Spielzeug oder Schulsachen erwerben oder tauschen konnten. Nach dem ersten Schock ging es an die Aufarbeitung. Zum einen am Gebäude, zum anderen an die Verarbeitung des Erlebten. Sehr schnell wurde eine Projektwoche mit den Kindern und Besuchern des Nachbarschaftszentrum organisiert, in der alle ihrer Wut, Angst und Enttäuschung Ausdruck geben konnten. Es wurde gemeinsam verarbeitet und besprochen. Schließlich sind alle noch ein Stück weiter zusammen gerückt. Die Gemeinschaft im Haus wurde gestärkt und das “Klamöttchen” im Frühsommer wieder eröffnet. Letztendlich hat die Gemeinschaft aus dem Erlebten gewonnen und das Kinderlachen im KiJuNa wieder das Sagen! Das Jahr hatte schrecklich angefangen, aber letztendlich können wir allen MitarbeiterInnen der Einrichtung, Helfern, Kindern und Eltern dankbar sein, dass sie bereit waren, sich auf den Weg zu machen, das Gutes aus dieser Geschichte gewinnen zu lassen.

Am 5. Dezember ist Nelson Mandela gestorben. Allen Beileidsbekundungen, die man dazu lesen kann, ist eines gemein: Alle sind dankbar, dass es diesen großen Mann, der sich um die Menschenrechte verdient gemacht hat, gegeben hat. Er hat unser aller Leben verändert und die Welt ein bisschen besser gemacht.

Und letztendlich, bei allem was uns tagtäglich begegnet, allen Missgeschicken und Widrigkeiten zum Trotz, dürfen wir dankbar sein, dass wir immer wieder aufs Neue vor Herausforderungen stehen, bei denen wir es selber in der Hand haben, sie in positiver Weise zu beeinflussen.

Ich bin dankbar, dass ich die Gelegenheit habe, hier meine Gedanken zu äußern. Dankbar, dass dies ein Teil meiner Arbeit ist, die mich mit Spaß erfüllt. Dankbar, dass ich für einen Verein arbeite, der keine Dankbarkeit erwartet, aber sich hin und wieder über ein Lob freut. Und ich bin dankbar, dass ich mein Frühstücksbrötchen mit einem guten Gewissen essen konnte.

Kommen Sie gut durch die heiße Phase der Weihnachtsvorbereitungen – vielleicht sind sie ja dankbar, dass sie hier einmal für drei Minuten Luft holen konnten! 😉

Leitartikel der Homepage des Stadtteilzentrum Steglitz e.V.
vom 9. Dezember 2013