Die lieben KollegInnen

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Zweimal in der Woche pflege ich Leitartikel in unsere Homepage ein. Das sind Berichte aus der Arbeit, Fachbeiträge oder auch Geschichten – alles was zu sozialer Arbeit passt. Ich kopiere die Texte ins System ein, bearbeite sie, setze Links hinzu, verknüpfe Videos, stelle Bilder oder ganze Fotogalerien ein. Das wird mit Schlagworten versehen, der Erscheinungstermin festgelegt und fertig ist alles. Beim letzten Beitrag bin ich hängen geblieben, weil er mich sehr beeindruckt hatte. Es ging um ein Video zum Thema „Tod und Trauer„, dass ein Kollege mit einer Schulklasse gedreht hatte. Dazu hatte er einen Text geschrieben, der in seiner persönlichen Art sehr passend war und alles ein stimmiges Bild wurde. Ich musste über diesen Kollegen nachdenken, der es wieder einmal geschafft hatte, etwas in mir zu bewegen. Seinetwegen kamen mir noch viele andere KollegInnen in den Sinn.

Wenn man das Glück hat lange Zeit für den gleichen Arbeitgeber zu arbeiten, hat man ebenso das Glück mit vielen KollegInnen einen langen Weg gemeinsam zu gehen. Manchmal geht einer einen anderen Weg, aber die meisten bleiben und jüngere KollegInnen kommen hinzu. Mit der Zeit verändern sich unsere Aufgabengebiete, neue kommen hinzu, Prioritäten werden verschoben und mit diesen Entwicklungen, die die Arbeit mit Menschen von uns abfordert, entwickeln sich auch die KollegInnen. Dies wird besonders deutlich, wenn junge KollegInnen ihre Positionen einnehmen, sich anfangs scheu einarbeiten und immer mehr an Sicherheit und Selbstbewusstsein gewinnen. Nicht selten konnten wir schon erleben, wie sich diese jungen KollegInnen von ErzieherInnen zu ProjektleiterInnen entwickelten und heute diejenigen sind, die andere von ihren Ideen begeistern. Kaum einer der älteren MitarbeiterInnen tut heute noch das, was in den ersten Jahren gefordert war, sondern hat sich Bereiche erschlossen, die immer wieder ein Umdenken und eine Anpassung an die aktuellen Gegebenheiten einfordert. Viele KollegInnen nutzen das stets offene Angebot zu Fortbildungen, die nicht nur persönlich bereichern, sondern immer ein Gewinn für die jeweilige Einrichtung und somit für den Arbeitgeber, den sozialen Verein, werden.

Den oben genannten Kollegen kenne ich etwa 13 Jahre. In den ersten Jahren hatten wir weniger miteinander zu tun. Aufgefallen ist mir aber schon sehr früh, dass er eine unglaubliche Affinität zu Kinofilmen hat. Ich glaube, er weiß alles darüber – Regisseure, Titel, Erscheinungsjahr, Mitspieler, Oskar-Verleihungen … weiterhin ist er mir durch eine bemerkenswerte Allgemeinbildung aufgefallen und mit der Zeit wurde er mein Lieblingsatheist, da er nach Möglichkeit seine Meinung bezüglich Kirche und Glauben kund tut. Mir hat immer gefallen, das er seine Fähigkeiten und Interessen in Bezug zu seiner Arbeit einsetzt und als Leiter eines Kinder- und Jugendhauses versteht, Kinder und Jugendliche zu Denkprozessen zu ermutigen und Dinge zu hinterfragen. Er leitet seit Jahren eine Hausaufgabenbetreuung, die ein großer Erfolg ist, er spielt mit den Kindern Theater und … hat es schließlich irgendwann geschafft dem Arbeitgeber eine Kamera für den Gebrauch in seiner Einrichtung zu entlocken. Seither begeistert er nicht nur die Kinder, mit denen er schon viele Video-Projekte durchgeführt hat, sondern auch alle Kolleginnen und viele andere Erwachsen, die diese Filme sehen dürfen. In diese Profession, die er mittlerweile für den ganzen Verein nutzt, ist viel private Zeit eingeflossen – ein geniales Beispiel dafür, wie fruchtbar privates Interesse oder Hobby für pädagogisch fundierte Arbeit genutzt werden kann.

Es gibt kaum einen künstlerischen Bereich, der nicht mit einer Kollegin oder Kollegen besetzt werden könnte. Die Kreativitäts- und Kunsttherapeutin leitet eine Kreativität-AG, die Theaterpädagogin stellt ihre Begabung und Profession in Projekten zur Verfügung, der Musiker begeistert Kinder- und Jugendlichen, indem er ihnen vermittelt, was sie mit seiner Hilfe auf die Beine stellen können. Ein Kollege fesselte auf einem Kunstmarkt mit ein paar Trommeln und ein paar Kindern sein Publikum – eine Vorstellung, von der wir heute noch begeistert erzählen. Einer hat über die Jahre Musicals mit Kindern und Jugendlichen auf die Beine gestellt. Immer wieder entstehen Lieder, die zu den jeweiligen Projekten passend, die Kinder mit einem Gefühl von Stolz und „Ich-kann-was!“ wachsen lassen. Ein anderer fesselt mit Gaffitis die Jugendlichen seiner Schule an der er als Projektleiter der Ergänzenden Förderung und Betreuung (Hort) tätig ist. Gaffiti ist dabei das Medium, dass den Kontakt zur Jugend erleichtert und oft Mittler seiner Botschaften wird. Alle diese Kolleginnen nutzen mit Spaß und Talent ihre Fähigkeiten im Sinne der pädagogischen Arbeit – und es macht Spaß zu beobachten, was über die Jahre daraus entstanden ist und wie sich die KollegInnen mit jedem erfolgreichen Projekt weiter entwickeln.

Es dauert natürlich nicht lange, bis man weiß, wer was kann und auf diese Weise sind schon viele übergreifende Projekte entstanden. Dazu kommt eine gewachsene Vertrautheit, weil man das Vermögen und die Arbeitsweise des anderen kennt. Natürlich sitzen auch wir nicht auf einem rosa Wölkchen – wo viele Menschen zusammen arbeiten, müssen auch mal die Funken fliegen. Die Kunst dabei ist, die Funken aufzufangen und daraus ein weisendes Licht zu machen. Dieses Licht muss nicht aus einem besonderen Talent entstehen, auch die Alltäglichkeiten, die die KollegInnen erleben, sind erzählenswert. Manchmal pflege ich Beiträge in die Homepage ein, in denen KollegInnen von den Essgepflogenheiten ihrer Einrichtungen erzählen, manchmal Berichte über schlimme Wörter, über das Miteinander-Reden oder einfach auch wie man jemandem helfen kann, der einen schlechten Tagesbeginn hatte.

Nun könnte man natürlich sagen, dass alle diese Menschen ihren Job tun und man diesen Einsatz von ihnen erwarten kann. Ich denke aber, dass man ruhig einmal erzählen sollte, wie gut so viele unterschiedliche Menschen, Talente und Fähigkeiten im Sinn einer Sache zusammenarbeiten können, sich über ein normales Maß einbringen und viel Energie dafür aufwenden. In vielen Arbeitsbereichen grenzt unsere Tätigkeit in ehrenamtliche Bereiche, in denen immer KollegInnen zu finden sind. Und dazu gehören nicht nur die KollegInnen mit den besonderen Talenten, auch die stillen MitarbeiterInnen, auf die immer Verlass ist, die Verwaltungsangestellte, die immer für den richtigen Überblick sorgt, die Küchenkraft, die Teller und Gläser sauber hält, der Hausmeister, der alles heile macht.

Ich freue mich immer wieder, dass ich an der Stelle sitze, die die besonderen Berichte, die meine KollegInnen erzählen, der Öffentlichkeit vorstellen darf. Am liebsten würde ich über jeden einzelnen eine Geschichte erzählen … denn nicht selten höre ich von ihnen, dass ihnen ihre Arbeit sehr viel Spaß macht – und das finde ich großartig, weil es mich selber sehr motiviert. „Wir gehen davon aus, dass wir die Welt verändern können!“ heißt der erste Satz des Leitbildes des Vereins – mit diese KollegInnen setzen wir ihn jeden Tag um.

Inklusion – Wunsch oder Wirklichkeit?

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Inklusion unterscheidet sich von Exklusion, Separation und Integration dadurch, dass Menschen mit Behinderung nicht von einem bestehendes System ausgeschlossen werden, getrennt werden oder sich anpassen müssen, sondern dass sich das System für ihre speziellen Bedürfnisse öffnet.

Wohl wenige Themen werden zurzeit so skeptisch betrachtet wie die „Inklusion“. Ist sie in der Fachwelt in aller Munde, stößt sie bei unbeteiligten Bürgern eher auf Unwissenheit und Besorgnis. „Habe ich noch nie gehört.“ oder „In meiner Klasse sind 10 LHS-Kinder, zwei ADHS-Kinder und jetzt soll ich auch noch Kinder mit Handicap nehmen.“ sind zwei Aussagen, die das Unverständnis wiedergeben. Dies zeigt, dass „Inklusion“ erst gelungen und gelebte Wirklichkeit werden kann, wenn alle es verstanden haben und keiner mehr darüber spricht. Auf diesen Weg hat sich Berlin gemacht.

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Der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung geschuldet und 2009 bei uns in Kraft getreten, soll Inklusion in Deutschland umgesetzt werden. Sie bedeutet nichts anderes, als dass Menschen mit Behinderungen, gleich welcher Art, in allen Lebensbereichen gleiche Möglichkeiten und Rechte haben, wie Menschen ohne Behinderungen. Dies insbesondere auch im Bildungsbereich, was eine besondere Herausforderung und ein Umdenken aller am Prozess Beteiligten erfordert. Inklusion ist eine generative Aufgabe, also ein gesellschaftlicher Auftrag, dessen Umsetzung in Gang gesetzt ist.

Anders als bei der Integration, bei der Gruppen in die Gemeinschaft eingeschlossen werden, sollen bei der Inklusion Gruppen in der Gemeinschaft aufgehen. Das bedeutet, dass diese Gruppen ganz automatisch ihren Sonderstatus verlieren, weil sie ohne Einschränkung Teil der Gemeinschaft nach ihren Mitteln und Möglichkeiten geworden sind.

Integration an Schulen, also der gemeinsame Unterricht von Kindern mit und ohne Handicap, ist in Berlin mit dem sonderpädagogischen Förderbedarf seit 1978 und im Schulgesetz seit 1989 verankert. Seit 2005 wird der gemeinsamen Erziehung sogar ausdrücklich der Vorrang eingeräumt. Das bedeutet nichts anderes, als das diese Entwicklung nun forciert und umgesetzt werden muss.

Macht man sich den Ist-Zustand der heutigen Schullandschaft klar, wird schnell deutlich, welcher enorme Aufwand bewerkstelligt werden muss, um Inklusion möglich zu machen. Schulgebäude müssen umgebaut werden. Lehrkräfte müssen Fortbildungen und Hilfen an die Hand bekommen und sich von Einzelkämpfern zu Teamarbeiter entwickeln. Personalschlüssel neu berechnet, Feststellungsverfahren müssen neu aufgestellt, Netzwerke gebildet werden und vieles anderes mehr. Insbesondere aber muss das Denken und die Bereitschaft zur Inklusion sich geändert und alle Beteiligte, Lehrerkräfte, Sozialpädagogen, Eltern, eingebunden werden. Der Gedanken gelungener Inklusion soll sich von der Schule, dem Lernort der Kinder, weiter in die Gesellschaft tragen und so zur Selbstverständlichkeit werden.

Das Besondere an der Inklusion, sagt Marion Thiel-Blankenburg, sei die Vielfalt und Heterogenität der Gesellschaft, das Anderssein wird zur Normalität. Allen Menschen wird der Zugang zur Bildungsgerechtigkeit geöffnet und macht barrierefreies Leben möglich. Inklusion setzt in allen Handlungsfeldern des Lebens Prozesse in Bewegung, die bisher nicht möglich waren. Dies sei ein sehr demokratischer Vorgang auf der Basis der Menschenrechte. Diesem Prozess widmet sie sich mit langjähriger Berufserfahrung als Direktorin der Paul-Braune-Schule, ein Förderzentrum mit sonderpädagogischem Schwerpunkt. Die Schule wird, der Inklusion geschuldet, sukzessive aufgelöst. Kein leichter und kommunikationsträchtiger Weg für MitarbeiterInnen der Schule, SchülerInnen und Eltern. Stattdessen wurde das BUZ – Bildungs- und Unterstützungszentrum für inklusive Pädagogik und Erziehung in Steglitz-Zehlendorf gegründet, dessen Koordinatoren Frau Thiel-Blankenburg ist. Sechs Schulen im Bezirk nehmen zurzeit an einem Modellprojekt „Inklusive Schule“ teil und nutzen die Unterstützung des neuen Zentrums. Wichtig in dem Prozess sei, dass man alle Beteiligten an einen Tisch bekommt. So müssen sich Lehrkräfte, Sozialpädagogen, freie soziale Träger, Behörden und viele andere zusammenschließen und Konzepte, Hilfepläne und Fördermaßnahmen erarbeiten, die inklusive Pädagogik möglich machen.

Ein besonderes Augenmerk der inklusive Pädagogik ist die Prävention, sagt Marion Thiel-Blankenburg. Bisher übliche Feststellungsverfahren weichen einer ganzheitlichen Betrachtung der Kinder. Inklusion setzt viel früher ein und hilft nicht erst, wie bisher, wenn schon ein Mangel deutlich geworden ist. Auch dadurch wird klar, dass Inklusion nicht erst in der Schule einsetzen kann. Träger von Kindertagesstätten, von Familien- und Nachbarschaftszentren und von Freizeitstätten müssen ebenso in den Prozess eingebunden werden, wie die beteiligten Kinder und Eltern der Einrichtungen. Das Netzwerk „Inklusive Erziehung und Bildung in Steglitz-Zehlendorf“ erarbeitet Konzepte, wie beispielsweise auch Jugendliche eingebunden werden und den Prozess aktiv mitgestalten können. Besondere Wertschätzung wird darauf gelegt, dass in der Umstellung niemand alleine gelassen wird, was beispielsweise bedeutet, Eltern mit Kindern mit Handicap gut zu betreuen, Lehrkräfte zu schulen und zu unterstützen, Netzwerkmöglichkeiten zu nutzen.

Letztendlich hat eine Bewegung begonnen, die nicht mehr aufzuhalten und längst überfällig ist, gibt es doch keinen plausiblen Grund, Menschen an gesellschaftlichen Prozessen nicht teilhaben zu lassen. Das dies einen erheblichen Kostenaufwand bedeutet, Denkmuster aufgebrochen und Strukturen dafür geschaffen werden müssen, ist jedem Beteiligtem klar. Vorerst gilt es vor allem, breite Öffentlichkeitsarbeit zu leisten und die Bereitschaft bei allen Mitgliedern der Gesellschaft zu öffnen, wirklich alle Menschen als Teil der Gemeinschaft anzuerkennen.

Stadtteilzeitung Steglitz-ZehlendorfNr. 173 • Dezember 2013/Januar 2014