Der Mann mit den neun Fingern

© Vera Kuttelvaserova - Fotolia.com

© Vera Kuttelvaserova – Fotolia.com

Sie hielt mir ihre Hand mit fünf kleinen Papierkugeln entgegen und sagte: „Sie können sich gar nicht vorstellen, was ihre Tochter angerichtet hat!“ Ich schaute etwas verstört auf die Hand der Erzieherin, die mich abgefangen hatte als ich mein Kind aus der Schule abholen wollte. Dann erklärte sie mir, dass sie extra wunderschönes Origami-Papier besorgt hätte, das ja so teuer sei, und mit den Kindern Origami-Geschenkschachteln falten wollte. Meine Tochter hatte das Papier nicht gefaltet, sondern geknüllt, und wollte es mit anderen Materialien auf einem großen Blatt zu einem Gesamtbild zusammenkleben. Mir dämmerte das schreckliche Drama, dass diese Frau erlebt haben musste. Gut, ich war die Mutter und kannte das Kind. Wusste, zu welchen kreativen Schandtaten es im Stande war.

Hier trafen zwei Welten aufeinander, die nie zu vereinen waren. Auf der einen Seite eine Frau, deren Kreativität darin bestand mit Kindern der ersten Klasse Origami-Schenkschachteln und Fröbelsterne zu falten. Es ist eine feine Sache, wenn die Kleinen ihren Eltern alle die gleiche Schachtel oder den gleichen Stern mit nach Hause bringen. Mal eine blaue, mal eine rote Schachtel, grün vielleicht auch … hier ging’s nur darum zu produzieren und den Stolz der Frau, was sie mit Kindern bewerkstelligt zu unterstreichen. Bei dem Wort Fröbelsterne bekommen viele Erwachsene Schweißausbrüche. Logische Denker bekommen es hin, alle anderen nagen Lebenslang an Selbstzweifeln. Es gibt Kinder, die solche Falttechniken sofort können, oder eben solche, die weder Interesse, noch Geduld oder Spaß an dieser Art Kreativität haben. Dazu gehört mein Kind. Eben die andere Seite. Meine Versuche, der Frau zu erklären, dass das Kind basteln wollte und wirklich sehr kreativ sei, stießen auf absolute Verständnislosigkeit.

Erst durch dieses Kind habe ich mit den Jahren einen völlig neuen Blick auf Kreativität bekommen und deren Bedeutung richtig verstanden. Dabei glaubte ich, als Tochter einer Malerin und selber Grafikerin alles darüber zu wissen. Ich hatte beispielsweise seit meiner Jugend jeden schönen Papierschnipsel aufgehoben und verfügte über eine sehr stattliche Sammlung. Ich war mir zu 100 % sicher, dass die bis an mein Lebensende halten würde. Tat sie nicht. Die Papier-Sammlung hielt exakt so lange, bis mein Kind eine Schere halten konnte und wusste, wie man Kleber benutzt. Erstmalig in meinem Leben musste ich Buntpapier kaufen, damit mein Kind weiter basteln konnte. War ich von Berufswegen gewohnt sehr sauber, akkurat und strukturiert zu arbeiten, lernte ich sehr schnell, dass es das Bastelmonster nicht die Bohne interessierte, was die Mutter ihr versuchte zu erklären. Handwerk? Techniken? Erfahrung? Alles Nonsens – ich lernte, den Mund zu halten und das Kind einfach machen zu lassen. Und schließlich lernte ich, dass die Ergebnisse meiner Tochter viel schöner, kreativer und einfallsreichen als meine waren. Denn ihr Kopf war frei. Sie war neugierig, wollte probieren, hatte keine festen Bilder im Kopf. Sie hatte keine Vorbehalte, eine blaue Sonne zu malen, wenn es zu ihrer Vorstellung passte. Und warum sollte der Mann zehn Finger haben, wenn er nur neun Finger benutzt. Selbst der Hund wurde einmal großformatig mit Lebensmittelfarbe bemalt. Ein Moment in dem die tolerante Mutter zwischen Tobsuchtsanfall und brüllendem Lachen in Sekundenbruchteilen entscheiden muss.

Den eigenen Kindern im privaten Bereich die Möglichkeit offen zu halten Kreativität auszuleben, hängt viel davon ab, ob man selber eine Affinität dazu hat oder sich der Tragweite dieser klar ist. Schwieriger wird es, wenn Kinder in Institutionen gehen, die entweder der eigenen Vorstellung von Kreativität nicht entsprechen können oder einfach keine Kapazität dafür haben. Meine ältere Tochter klagte in der Grundschulzeit über den zu schweren Schulranzen, also war gemeinsames Ausräumen angesagt. Jedes zweite Blatt in der Tasche, so kam es mir vor, bestand aus einem Mandala. Es kam heraus, dass all diese Mandalas von den Kindern im Mathematikunterricht ausgemalt werden mussten, wenn sie zu schnell mit den Aufgaben fertig waren. Dieses Phänomen begegnete uns auch in anderen Unterrichtseinheiten. Nicht ein einziger Mensch hat den Kindern damals die tatsächliche Bedeutung dieser Schaubilder erklärt. Sie dienten lediglich dazu Kinder zu beschäftigen unter dem Deckmantel falsch verstandener Kreativität. In meinen Augen sind Ausmalbilder, Mandalas oder Malen nach Zahlen, ggf. nützlich motorische Fähigkeiten zu üben, die aber jegliches kreative Potential im Keim ersticken. Auch die klasseneinheitlichen Aufgaben, beispielsweise ein Bild alá Hundertwasser zu malen, dienen nicht unbedingt dem eigenen Einfallsreichtum. Kinder versuchen hier bestmöglich Vorgaben zu erfüllen, nicht aber eigene Ideen zu verwirklichen. Und die Eltern suchen beim nächsten Elternabend verzweifelt unter vielen gleichen, ihren kindlich gemalten Hundertwasser. Wohl dem, dessen Kind sein Bild vorne signiert hat.

annaschmidt-berlin.com_neun-finger

Als Picasso einmal eine Ausstellung mit Kinderzeichnungen besucht hatte, sagte er: „Als ich so alt war, konnte ich malen wie Raphael. Aber ich brauchte ein Leben lang um so zu malen wie die Kinder.“ Kinder malen, was sie fühlen. Es interessiert sie nicht ein reales Abbild der Umwelt zu gestalten. Das kommt erst mit dem älter werden und den Urteilen der erwachsenen Welt. Malt es am Anfang nur Wellen und Kreise, bekommen die Kreise mit der Zeit einmal Beine oder Arme und werden schließlich vielleicht ein Mensch. Der Erwachsene, der fragt, warum der Mensch keine Ohren hat, nimmt unterschwellig sofort eine Wertung vor, die dem Kind nicht dient. Bei seinem Menschen, der keine Ohren hatte, waren sie auch nicht wichtig. Das Kind erzählt, was es selber denkt und wahrnimmt, was für seine Geschichte wichtig ist und Bedeutung hat. Es erzählt nicht das, was tatsächlich da ist um ein stimmiges Bild nach den Kriterien der Erwachsenen zu malen. Statt zu fragen, warum dies oder jenes im Bild fehlt, sollte man ein Kind lieber danach fragen, was es mit seinem Bild erzählen möchte. Vielleicht auch, wie seine Geschichte weiter geht. Keinesfalls aber werten und kritisieren. Ein Kind, das ständig kritisiert wird, muss zu dem Schluss kommen, dass es nicht malen kann und lässt es sein. Das andere Kind, das erzählen darf, für seine Ideen und Einfallsreichtum gelobt wird, mit dem Erwachsenen ins Gespräch ob seiner schönen Bilder kommt, malt weiter. Sein Gewinn liegt in der Entwicklung seiner Ideen, im freien Denken, der Weiterentwicklung seiner Geschichten und dem Kontakt mit dem Interessenten.

Um Kreativität und den Einfallsreichtum zu erhalten, bedarf es keiner besonderen Förderung als die Materialien zur Verfügung zu stellen. Es bedeutet kindliches Denken zuzulassen – machen lassen – Farben, Formen, Materialien, Ideen kombinieren, ausprobieren lassen und keine Grenzen zu setzen. Jeder kennt Geschichten vom Dior-Lippenstift an der Wand, von Schlammbildern im Garten, Fingerfarben bemalten Badewannen. Kinder haben Spaß am Tun. Bleibt ihre Kreativität erhalten, kommt irgendwann unweigerlich das Interesse am Handwerk, das der Kunst später durchaus zugrunde gelegt werden kann. Kreative Menschen sind Menschen, die auch in anderen Lebensbereichen, ideenreich neue Wege beschreiten können und wunderbare Lösungen für alt eingefahrene Vorgänge finden können. Sie können quer denken, neu kombinieren, originelle Wege finden.

Deshalb, liebe erwachsene Welt, wenn ihr ein Bild seht und sagt: „Was ist daran Kunst? Das kann ich auch!“ Macht doch – könnt ihr nämlich nicht. Lernt von den Kindern – die können … und wenn ihr Mann plötzlich 13 Finger hat, hat er sehr wahrscheinlich alle Hände voll zu tun.

Tattoo – ganz normal oder doch ganz anders?

tattoo

Es wurde sein Wunsch, als er zwölf Jahre alt war, und das Vorbild war tatsächlich ein Anker auf der Schulter eines Marinesoldaten. Aber er wusste von Anfang an, dass es etwas sein musste, das er sein Leben lang mit sich tragen konnte. Tätowierungen passieren nicht einfach so, sie sind meistens ein gut durchdachter und langer Prozess. Wie gesagt – meistens.

Als sein Vater starb, war er 16 Jahre alt und die Idee stand fest – eine Erinnerung an seinen Vater würde er nie schlecht finden. Er suchte sich einen Bar-Code als aussagekräftiges Statement zu seiner Punkzeit aus, die ihn am stärksten geprägt hat und zu der er bis heute stehen kann. Den Sinn des Codes erkennt man erst, wenn man bemerkt, dass die Zahlen nicht willkürlich gewählt, sondern ein Datum, der Todestag des Vaters, sind. Das erzählt er aber nur, wenn er jemanden an sich heran lässt. Heute ist er stolzer Juniorchef in einem sehr gutem Modeladen, wo sich für ihn der Kreis mit dem Barcode wieder schließt.

Was ist das für ein Phänomen, das Menschen dazu bringt, ihren Körper für das ganze Leben zu verändern? Fest steht, hat man ein Tattoo, ist es gar nicht oder wenn, nur mit erheblichen Kostenaufwand und auch dann nur äußerst schwierig zu entfernen. Es ist sicherlich vieles oder von allem ein bisschen – Schmuck, Protest, Abgrenzung, Selbstdarstellung oder auch Zugehörigkeit zu etwas. Entscheidet man sich dafür, bedarf es Mut, denn man weiß, dass die Akzeptanz nicht unumstritten ist. Zwar ist es modern und seit vielen Jahren immer öfter zu sehen, dennoch mit vielen Bereichen des öffentlichen Lebens nicht konform. Den Grundschullehrer, Polizisten in Uniform, den Arzt in weißem Kittel oder den Banker im Anzug wird man kaum mit einer offen getragenen Tätowierung finden. Eine Tätowierung passt nicht zu dem gesellschaftlich angepasstem Bild eines braven Bürgers.

Dabei gibt es Körpermalereien schon seit Jahrtausenden. Mumien mit Tätowierungen an Händen und Füßen zeugen davon und selbst Ötzi, etwa 5000 Jahre alt, hatte welche. Über alle Kontinente finden sich Beispiele für Kulturen, bei denen Tätowierungen als Stammeszeichen, rituelle oder sakrale Zeichen genutzt wurden. Aber nicht immer wurden Tätowierungen zum Guten genutzt und diese negative Besetzung hält sich vielfach in den Köpfen der unbeteiligten Betrachter. Die Nationalsozialisten tätowierten den Insassen der Konzentrationslager die Häftlingsnummern ein und banden sie so lebenslang an ihr Schicksal. Knasttätowierungen drücken die Anzahl der abzusitzenden Jahre oder Rangfolgen aus. Zum Matrosen gehört eine Tätowierung fast schon zum guten Ton. Bei ihm drückt jedes Bild einen anderen Sachverhalt aus. So steht beispielsweise der Anker für die Überquerung des Atlantiks. Der nautische Stern bezieht sich auf den Nordstern, der stets helfen soll den Weg in den sicheren Hafen zu finden. Die Meerjungfrau, die Kanonen, die Harpunen, Spatzen oder Neptun – jedes Bild hat seine feste Bedeutung und verrät Eingeweihten viel über den Besitzer.

In den 1990er Jahren wurden Tattoo´s über die Musik bei uns immer moderner und gerade in den letzten 15 Jahren ist eine starke Verbreitung von Tattooläden festzustellen. Sicherlich auch durch die Zunahme der zweiten Körperkunst, des Piercings. In Berlin und Umland gibt es ca. 475 Läden/Anlaufstellen, in denen man seinem Körperkult nachkommen kann. Aber wie soll man da eine vernünftige und vor allem zukunftssichere Auswahl treffen, sich das richtige und auch gut gemachte Tattoo stechen zu lassen. Ist doch nichts peinlicher, als ein Tattoo zu tragen, dass etwa ein asiatisches Schriftzeichen darstellt, der Künstler aber eben nicht sinologisch gebildet war und den Sinn des Zeichens durch einen vergessenen Bogen völlig verkehrt. Und auch Bilder, die nach kurzer Zeit aussehen, also ob der Tätowierer zuviel Wasserfarbe verwendet hat, gehören zu Peinlichkeiten, wie die bildlich dargestellte große Liebe, die schon vorbei ist, bevor das Tattoo fertig ist. So sollte man sich gut überlegen, ob das gewählt Bild wirklich zum Lebensplan passt und seine Gültigkeit auch noch nach Abzug aller möglichen Lebenssituationen behält.

Joachim Koenigk von Farbenkult e.V., Projekt „Inker´s House“, vertritt eine sehr klare Meinung dazu. Für ihn ist das Stechen der Tattoos eine Dienstleistung und der Wert definiert sich über das gelernte Handwerk. Seit 34 Jahren sieht er sich als Handwerker, der nur bestehen kann, wenn er Qualität garantiert. „Tätowieren hat wenig mit Kunst zu tun,“ sagt er. „Es gibt kein Tattoo ohne Fehler (z.B. Hautbedingt), die Kunst daran ist, diese Abweichungen verstecken zu können.“ Die Grundvoraussetzung für ein gutes Tattoo sieht er in der Auswahl eines geeigneten Motives. Es sollte in keinem Fall eine Laune sein und auch die Motivation ein Tattoo tragen zu wollen, weil der Kumpel auch eins hat, kann er nur belächeln. Sind die Motive zu klein oder sollen die Linien farbig sein, kann es schon nicht mehr richtig werden. Er sticht klassische Tattoos, die auch halten. Zufrieden ist er, wenn es nach drei Jahren noch genauso aussieht, wie frisch gestochen. Beraten, in Richtung „Das solltest du so oder nicht so“, bzw. „Das passt, oder passt nicht zu dir“, tut er den Kunden nicht. Sie können mehrere Male in seinen Laden kommen, seine Motivbücher durchsehen. Motive aus anderen Quellen aussuchen und mitbringen. Entscheiden muss jeder selber, auch die Platzierung. Ihn beschäftigt einzig die Umsetzbarkeit des Motives mit den ihm zur Verfügung stehenden Materialien. Wer zu ihm kommt, muss wissen, was er will.

Ob er oft Motive retten muss, beantwortet er mit einem klaren „Ja!“. Darauf sei er spezialisiert. Weg machen kann man es nicht, man kann Motive aber aufarbeiten oder mit Anderen abdecken. Schlecht gemachte Tätowierungen sind ein Problem, da der Beruf nicht geschützt ist. Jeder kann Künstler sein, einen Laden aufmachen und loslegen. Aber gesetzliche Bestimmungen will er auch nicht, keine Beschränkungen oder Vorschriften. Und da kommt er doch wieder auf die Kunst: „Gibt es Vorschriften für Kunst?“ Nein, gibt es natürlich nicht. Und was rät man nun jemanden, der ein Tattoo haben will? Joachim Koenigk rät, in den Laden reingehen, mit dem Besitzer sprechen und genau zuhören, was besprochen wird. Ein Tattoo ist kein Ding im Vorbeigehen. Es ist eine Idee, ein Gefühl und eine unwiderrufliche Entscheidung – die handwerkliche Umsetzung ist sein Part dabei.

Ist Tattoo eine Sucht? Jeder hat sie schon gesehen, Menschen, die am ganzen Körper mit Tätowierungen bemalt sind. Dazu erzählt er: „Sie haben überall Tattoos und denken irgendwann, jetzt ist es perfekt und fertig. Jahrelang ist dann Ruhe. Eines Morgens wachen sie auf, sehen sich ihre Bilder an, haben ein Gefühl, eine Idee und am Abend haben sie das nächste Tattoo!“.

Sind Menschen mit Tattoos anders? Wohl kaum. Aber vielleicht doch Menschen, die durch ihren Körperschmuck Bindungen schaffen wollen oder eindeutige Positionen beziehen. Wenn man darüber mehr wissen will oder verstehen will, was dahinter steckt, muss man sich wohl auf den Weg machen und Handwerker wie Joachim Koenigk fragen. Dann wird das Handwerk klar und erlaubt den wissenden Blick auf so manches Meisterstück.

Stadtteilzeitung Steglitz-Zehlendorf, Nr. 174 • Februar 2014

Weitere Informationen: http://www.inkers-house.de/ – Foto: Joachim Koenigk