Tattoo – ganz normal oder doch ganz anders?

tattoo

Es wurde sein Wunsch, als er zwölf Jahre alt war, und das Vorbild war tatsächlich ein Anker auf der Schulter eines Marinesoldaten. Aber er wusste von Anfang an, dass es etwas sein musste, das er sein Leben lang mit sich tragen konnte. Tätowierungen passieren nicht einfach so, sie sind meistens ein gut durchdachter und langer Prozess. Wie gesagt – meistens.

Als sein Vater starb, war er 16 Jahre alt und die Idee stand fest – eine Erinnerung an seinen Vater würde er nie schlecht finden. Er suchte sich einen Bar-Code als aussagekräftiges Statement zu seiner Punkzeit aus, die ihn am stärksten geprägt hat und zu der er bis heute stehen kann. Den Sinn des Codes erkennt man erst, wenn man bemerkt, dass die Zahlen nicht willkürlich gewählt, sondern ein Datum, der Todestag des Vaters, sind. Das erzählt er aber nur, wenn er jemanden an sich heran lässt. Heute ist er stolzer Juniorchef in einem sehr gutem Modeladen, wo sich für ihn der Kreis mit dem Barcode wieder schließt.

Was ist das für ein Phänomen, das Menschen dazu bringt, ihren Körper für das ganze Leben zu verändern? Fest steht, hat man ein Tattoo, ist es gar nicht oder wenn, nur mit erheblichen Kostenaufwand und auch dann nur äußerst schwierig zu entfernen. Es ist sicherlich vieles oder von allem ein bisschen – Schmuck, Protest, Abgrenzung, Selbstdarstellung oder auch Zugehörigkeit zu etwas. Entscheidet man sich dafür, bedarf es Mut, denn man weiß, dass die Akzeptanz nicht unumstritten ist. Zwar ist es modern und seit vielen Jahren immer öfter zu sehen, dennoch mit vielen Bereichen des öffentlichen Lebens nicht konform. Den Grundschullehrer, Polizisten in Uniform, den Arzt in weißem Kittel oder den Banker im Anzug wird man kaum mit einer offen getragenen Tätowierung finden. Eine Tätowierung passt nicht zu dem gesellschaftlich angepasstem Bild eines braven Bürgers.

Dabei gibt es Körpermalereien schon seit Jahrtausenden. Mumien mit Tätowierungen an Händen und Füßen zeugen davon und selbst Ötzi, etwa 5000 Jahre alt, hatte welche. Über alle Kontinente finden sich Beispiele für Kulturen, bei denen Tätowierungen als Stammeszeichen, rituelle oder sakrale Zeichen genutzt wurden. Aber nicht immer wurden Tätowierungen zum Guten genutzt und diese negative Besetzung hält sich vielfach in den Köpfen der unbeteiligten Betrachter. Die Nationalsozialisten tätowierten den Insassen der Konzentrationslager die Häftlingsnummern ein und banden sie so lebenslang an ihr Schicksal. Knasttätowierungen drücken die Anzahl der abzusitzenden Jahre oder Rangfolgen aus. Zum Matrosen gehört eine Tätowierung fast schon zum guten Ton. Bei ihm drückt jedes Bild einen anderen Sachverhalt aus. So steht beispielsweise der Anker für die Überquerung des Atlantiks. Der nautische Stern bezieht sich auf den Nordstern, der stets helfen soll den Weg in den sicheren Hafen zu finden. Die Meerjungfrau, die Kanonen, die Harpunen, Spatzen oder Neptun – jedes Bild hat seine feste Bedeutung und verrät Eingeweihten viel über den Besitzer.

In den 1990er Jahren wurden Tattoo´s über die Musik bei uns immer moderner und gerade in den letzten 15 Jahren ist eine starke Verbreitung von Tattooläden festzustellen. Sicherlich auch durch die Zunahme der zweiten Körperkunst, des Piercings. In Berlin und Umland gibt es ca. 475 Läden/Anlaufstellen, in denen man seinem Körperkult nachkommen kann. Aber wie soll man da eine vernünftige und vor allem zukunftssichere Auswahl treffen, sich das richtige und auch gut gemachte Tattoo stechen zu lassen. Ist doch nichts peinlicher, als ein Tattoo zu tragen, dass etwa ein asiatisches Schriftzeichen darstellt, der Künstler aber eben nicht sinologisch gebildet war und den Sinn des Zeichens durch einen vergessenen Bogen völlig verkehrt. Und auch Bilder, die nach kurzer Zeit aussehen, also ob der Tätowierer zuviel Wasserfarbe verwendet hat, gehören zu Peinlichkeiten, wie die bildlich dargestellte große Liebe, die schon vorbei ist, bevor das Tattoo fertig ist. So sollte man sich gut überlegen, ob das gewählt Bild wirklich zum Lebensplan passt und seine Gültigkeit auch noch nach Abzug aller möglichen Lebenssituationen behält.

Joachim Koenigk von Farbenkult e.V., Projekt „Inker´s House“, vertritt eine sehr klare Meinung dazu. Für ihn ist das Stechen der Tattoos eine Dienstleistung und der Wert definiert sich über das gelernte Handwerk. Seit 34 Jahren sieht er sich als Handwerker, der nur bestehen kann, wenn er Qualität garantiert. „Tätowieren hat wenig mit Kunst zu tun,“ sagt er. „Es gibt kein Tattoo ohne Fehler (z.B. Hautbedingt), die Kunst daran ist, diese Abweichungen verstecken zu können.“ Die Grundvoraussetzung für ein gutes Tattoo sieht er in der Auswahl eines geeigneten Motives. Es sollte in keinem Fall eine Laune sein und auch die Motivation ein Tattoo tragen zu wollen, weil der Kumpel auch eins hat, kann er nur belächeln. Sind die Motive zu klein oder sollen die Linien farbig sein, kann es schon nicht mehr richtig werden. Er sticht klassische Tattoos, die auch halten. Zufrieden ist er, wenn es nach drei Jahren noch genauso aussieht, wie frisch gestochen. Beraten, in Richtung „Das solltest du so oder nicht so“, bzw. „Das passt, oder passt nicht zu dir“, tut er den Kunden nicht. Sie können mehrere Male in seinen Laden kommen, seine Motivbücher durchsehen. Motive aus anderen Quellen aussuchen und mitbringen. Entscheiden muss jeder selber, auch die Platzierung. Ihn beschäftigt einzig die Umsetzbarkeit des Motives mit den ihm zur Verfügung stehenden Materialien. Wer zu ihm kommt, muss wissen, was er will.

Ob er oft Motive retten muss, beantwortet er mit einem klaren „Ja!“. Darauf sei er spezialisiert. Weg machen kann man es nicht, man kann Motive aber aufarbeiten oder mit Anderen abdecken. Schlecht gemachte Tätowierungen sind ein Problem, da der Beruf nicht geschützt ist. Jeder kann Künstler sein, einen Laden aufmachen und loslegen. Aber gesetzliche Bestimmungen will er auch nicht, keine Beschränkungen oder Vorschriften. Und da kommt er doch wieder auf die Kunst: „Gibt es Vorschriften für Kunst?“ Nein, gibt es natürlich nicht. Und was rät man nun jemanden, der ein Tattoo haben will? Joachim Koenigk rät, in den Laden reingehen, mit dem Besitzer sprechen und genau zuhören, was besprochen wird. Ein Tattoo ist kein Ding im Vorbeigehen. Es ist eine Idee, ein Gefühl und eine unwiderrufliche Entscheidung – die handwerkliche Umsetzung ist sein Part dabei.

Ist Tattoo eine Sucht? Jeder hat sie schon gesehen, Menschen, die am ganzen Körper mit Tätowierungen bemalt sind. Dazu erzählt er: „Sie haben überall Tattoos und denken irgendwann, jetzt ist es perfekt und fertig. Jahrelang ist dann Ruhe. Eines Morgens wachen sie auf, sehen sich ihre Bilder an, haben ein Gefühl, eine Idee und am Abend haben sie das nächste Tattoo!“.

Sind Menschen mit Tattoos anders? Wohl kaum. Aber vielleicht doch Menschen, die durch ihren Körperschmuck Bindungen schaffen wollen oder eindeutige Positionen beziehen. Wenn man darüber mehr wissen will oder verstehen will, was dahinter steckt, muss man sich wohl auf den Weg machen und Handwerker wie Joachim Koenigk fragen. Dann wird das Handwerk klar und erlaubt den wissenden Blick auf so manches Meisterstück.

Stadtteilzeitung Steglitz-Zehlendorf, Nr. 174 • Februar 2014

Weitere Informationen: http://www.inkers-house.de/ – Foto: Joachim Koenigk

6 Kommentare zu “Tattoo – ganz normal oder doch ganz anders?

  1. […] für mich eine gewisse Faszination davon ausgeht. So habe ich schon einmal einen Bericht über das Anderssein in Bezug auf Tätowierungen geschrieben, der aber nichts mit der Tochter zu tun hatte. Doch es […]

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  2. […] einem Thema zu beschäftigen, das ich für mich persönlich ausgeschlossen habe. Die Neugierde an Andersartigkeit und der Wunsch der Töchter sich ein Tattoo stechen zu lassen, war schon zweimal Anlass für […]

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  3. wederwill sagt:

    Ein sehr schöner Beitrag gegen Vorurteile, so offen und freundlich und verständnisvoll geschrieben. Den Geschmack des anderen akzeptieren, seine Gründe achten, darauf kommt es an.
    Liebe Grüße,
    Marlis

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  4. Habe ich hier mit diesem Blog ein kleines Juwel aus meiner unmittelbaren Nähe entdeckt, das ich sofort in meinem Feedreader auf den Status „abonniert“ gesetzt habe? Als langjährige Lichterfelderin kommt mir vieles bekannt vor. In dem Kindergarten des Stadtteilzentrums Steglitz habe ich mich vor ca. 10 Jahren, als ich arbeitslos wurde, ehrenamtlich um Sprachförderung für Kinder mit Migrationshintergrund oder schlechter Sprachentwicklung gekümmert. – Na dann auf gegenseitiges Lesen!
    Mit Gruß von Clara H.

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