Die kleinen Dinge – Dankbarkeit

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„1,69 €“ sagt die Bäckereiverkäuferin zu mir und etwas verunsichert gebe ich ihr meinen Geldschein. Sie kassiert ab, gibt mir das Restgeld und will sich dem nächsten Kunden zuwenden. „Das kann aber nicht sein“, bemerke ich und als sie erstaunt schaut, sage ich, dass ich zwei Teile hatte und eins davon über drei Euro kostet. Sie stutzt und dann kommt sichtbar der richtige Gedanke. Sie kassiert nochmal ab und freut sich über eine ehrliche Kundin. Sie war offenkundig dankbar.

Zufrieden packe ich mein Frühstück ein und mache mich auf den Weg ins Büro. Das entspannte Gesicht der Verkäuferin lässt mich auf dem Weg aber doch nachdenklich werden. „Sie war offenkundig dankbar“, „Dankbarkeit“, „dankbar sein“ … können wir die kleinen Dinge sehen, anerkennen und bemerken. Was löst Dankbarkeit bei uns aus? Beim dem der dankbar ist und demjenigen, dem Dankbarkeit gezollt wird.

Ich frage verschiedene Menschen, für was sie Dankbarkeit empfinden. Ein junger Mann erzählt mir, dass er einmal drei Tage kein Geld und nichts zu essen hatte. Heute hat er einen sehr guten Job, aber er vergisst nie, was er erlebt hat und macht sich das jeden Tag bewusst. Eine Frau erzählt mir, dass sie dankbar für ihre Familie ist, ihre Kinder, ihren Enkel und einen Mann, der sie immer unterstützt. Sie fühlt sich sicher in ihrem familiären Gefüge. Und eine junge Kenianerin erzählt mir von ihrem Land. Dass Kinder dort nur zur Schule gehen, wenn Eltern dafür bezahlen können. Die Kinder aber nur mit Schulbildung eine Chance im Leben haben. Sie ist ihren Eltern für immer dankbar, dass sie auf alles verzichtet haben, um allen acht Kindern diese Schulbildung zu ermöglichen.

Die Kenianerin erzählt mir auch, dass in Deutschland immer geklagt wird. Ob der Bus zu spät kommt, das Wetter zu nass oder zu heiß ist, die Straßen zu voll oder die Nachrichten zu schlecht. Sie sagt, dass jeder hier einmal in einem anderen Land leben sollte, um hier wieder schätzen zu können, was wir haben und dafür dankbar sein zu können.

Dankbarkeit, wenn man sie empfinden kann, ist ein positives Gefühl. Wenn wir Dankbarkeit empfinden, wissen wir, dass wir nicht alleine sind. Jemand hat etwas für uns getan oder etwas ist in unserem Sinne „gut gelaufen“. Wenn wir Dankbarkeit bei jemandem auslösen, sind wir ein bisschen stolz und freuen uns über die Dankbarkeit des anderen. Wir wissen, dass wir etwas richtig gemacht haben.

Dankbarkeit auszulösen ist eins der einfachsten Dinge, die man sich vorstellen kann. Manchmal sogar ungewollt. Ich ging einmal einen Flur entlang auf eine Glastür zu. Plötzlich kam mir auf der anderen Seite ein zweimeter Schrank entgegen. Einer der Jugendlichen von denen ich denke, dass ich sie lieber nicht um 22 Uhr auf dem Bürgersteig treffen möchte. Blitzartig schoss mir durch den Kopf, dass ich an ihm vorbei musste und bevor ich überhaupt reagieren konnte, hielt mir dieser riesige junge Mann die Glastür auf und sagte „Bitteschön“! Ich war ihm so dankbar (und schimpfte innerlich furchtbar mit mir wegen meiner Vorurteile. Aber das ist ein anderes Thema).

Dankbarkeit bewusst auszulösen, ist noch einfacher. Dazu bedarf es nur den Blick auf einen Mitmenschen und seine Bedürfnisse. Ein kleines Lob, eine Wertschätzung, ein Lächeln oder eine winzige Handreichung. Kleine Dinge, die nicht einmal eine große Anstrengung erfordern und so schnell Positives auslösen.

Wir können uns der Dankbarkeit auch absichtlich bedienen um das eigene Wohlbefinden zu steigern, unsere Einstellung Dingen gegenüber zu relativieren oder den Lebensweg erfolgreicher zu gestalten. Machen Sie doch einfach einmal eine Liste, in der Sie aufschreiben, was sie schon alles erreicht haben, wofür sie dankbar sind, wer ihnen Gutes getan hat oder wo sie selber unterstützen konnten. Machen sie sich regelmäßig bewusst, wofür sie dankbar sind. Sie werden die wohltuende Wirkung sehr bald bemerken und fröhlicher durch ihr Leben laufen, öfter lachen und offener Menschen gegenüber sein – einfach, weil die anderen merken, dass es ihnen gut geht.

Gerade jetzt in der Weihnachtszeit denkt man ja oft darüber nach, ob es ein gutes oder ein schlechtes Jahr gewesen ist. Denken sie nicht an die schlechten Dinge, denken sie daran, was gut gelaufen ist.

Dazu möchte ich dieses Beispiel erzählen: Am 1. Januar 2013 wurde das „Klamöttchen“ im KiJuNa – Kinder-, Jugend- und Nachbarschaftszentrum in Lichterfelde-Süd vollkommen zerstört. Jugendliche hatten in der Nacht einen Brand verursacht, der das Aus für den kleinen Laden bedeutete, in dem Kinder und Eltern für 50 Cent Kleidung, Spielzeug oder Schulsachen erwerben oder tauschen konnten. Nach dem ersten Schock ging es an die Aufarbeitung. Zum einen am Gebäude, zum anderen an die Verarbeitung des Erlebten. Sehr schnell wurde eine Projektwoche mit den Kindern und Besuchern des Nachbarschaftszentrum organisiert, in der alle ihrer Wut, Angst und Enttäuschung Ausdruck geben konnten. Es wurde gemeinsam verarbeitet und besprochen. Schließlich sind alle noch ein Stück weiter zusammen gerückt. Die Gemeinschaft im Haus wurde gestärkt und das “Klamöttchen” im Frühsommer wieder eröffnet. Letztendlich hat die Gemeinschaft aus dem Erlebten gewonnen und das Kinderlachen im KiJuNa wieder das Sagen! Das Jahr hatte schrecklich angefangen, aber letztendlich können wir allen MitarbeiterInnen der Einrichtung, Helfern, Kindern und Eltern dankbar sein, dass sie bereit waren, sich auf den Weg zu machen, das Gutes aus dieser Geschichte gewinnen zu lassen.

Am 5. Dezember ist Nelson Mandela gestorben. Allen Beileidsbekundungen, die man dazu lesen kann, ist eines gemein: Alle sind dankbar, dass es diesen großen Mann, der sich um die Menschenrechte verdient gemacht hat, gegeben hat. Er hat unser aller Leben verändert und die Welt ein bisschen besser gemacht.

Und letztendlich, bei allem was uns tagtäglich begegnet, allen Missgeschicken und Widrigkeiten zum Trotz, dürfen wir dankbar sein, dass wir immer wieder aufs Neue vor Herausforderungen stehen, bei denen wir es selber in der Hand haben, sie in positiver Weise zu beeinflussen.

Ich bin dankbar, dass ich die Gelegenheit habe, hier meine Gedanken zu äußern. Dankbar, dass dies ein Teil meiner Arbeit ist, die mich mit Spaß erfüllt. Dankbar, dass ich für einen Verein arbeite, der keine Dankbarkeit erwartet, aber sich hin und wieder über ein Lob freut. Und ich bin dankbar, dass ich mein Frühstücksbrötchen mit einem guten Gewissen essen konnte.

Kommen Sie gut durch die heiße Phase der Weihnachtsvorbereitungen – vielleicht sind sie ja dankbar, dass sie hier einmal für drei Minuten Luft holen konnten! 😉

Leitartikel der Homepage des Stadtteilzentrum Steglitz e.V.
vom 9. Dezember 2013

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