Von Antworten und Fragen … und Papier!

Opened book with flying letters

 

Erst fand ich die Antworten – nicht meine  – seine – Zolaskis Antworten. So gut und spannend geschrieben … Chapeau! Darunter seine Fragen, jetzt meine Antworten! Und so geht’s weiter. Nach meinen Antworten, meine Fragen und was ich gerne, oft, begeistert, neugierig, interessiert lesen. Lust auf Antworten?

1. Frage – Wie kamst du zum Schreiben?

Dafür gab’s mehrere Gründe:

a. Die Liebe zum Papier – die lag wohl in den Genen. In der Familie hat jeder so ein künstlerisches Gen erwischt, vom Urgroßvater, Großvater, über die Mutter zu den fünf Kinder – mein Gen hieß „Papier“. Die Geschwister hatten „Stoff“, „Farbe/Bücher“, „Malerei“ und „Gold“ erwischt. Ich – Papier, Farbe, Schnipsel, Stifte, Schere … egal – Hauptsache etwas damit machen. Ein alter Otto-Katalog (gab’s vor Urzeiten noch) und eine Schere in der Hand, saß das Kind (ich) stundenlang unter dem Tisch und war in seiner Welt versunken. Hatte Zeit für Träume.

b. Die Erwachsenen – die beschlossen hatten, dass ich in die Schule gehen sollte. Ich lernte lesen und schreiben – eine neue Verwendung für Papier. Zu den Schnipseln kam Schrift hinzu – Botschaften, Nachrichten, Briefe, Tagebücher, Bücher. Eine Oma schrieb noch in Sütterlinschrift. Also lernte ich Sütterlin, damit die Oma meine Nachrichten auf Papier lesen konnte. Das waren so ziemlich meine ersten Briefe … ich schrieb immer viele, lange Briefe … auf schönem Papier.

c. Ein richtig doofer Deutschlehrer – der sich in der Oberstufe vor dem ganzen Kurs über meinen Rechtschreibfehler lustig machte. Megadoofes Papier – das Klausurpapier! Aber nichts ärgert mich mehr, als wenn jemand glaubt, dass ich etwas nicht kann … ich lernte weiter – viel Schreiben, wieder auf meinem schönen Papier. Der Beweis steht!

d. Eine kleine Zeitung – nach einer grafischen Ausbildung, vielen Werbeagenturen, Broschüren, Briefpapier, Prospekten, Karten uva. – konnte ich eine kleine Zeitung machen – musste schreiben, lesen, Manuskripte bearbeiten, ein Gefühl für Texte bekommen, viel computern – auf Zeitungspapier.

e. Mein Chef – der schafft es immer wieder mich neugierig zu machen … der bloggt. Ich musste wissen, was das ist, wie das geht. Und er sagte dann das „Mach doch einfach …!“ Da bin ich – selbst ohne Papier.

2. Frage – Gibt es für dich Vorbilder?

Viele …
– Menschen, bei denen ich merke, dass sie echte Wertschätzung anderen Menschen entgegenbringen, egal welchen Stand sie haben.
– Menschen, die Motivieren können.
– Menschen, die zuhören können, andere in ihren Stärken erkennen und fördern können.
– Menschen, die Macht oder Positionen haben, sie aber nicht zeigen müssen.
– Menschen, die echte Inhalte haben.
– Menschen, die ich mit einem guten Gefühl verlasse.
… keine Sorgen, solche Menschen gibt’s – viele!

3. Frage – Wie entstehen deine Texte?

Tja, wie? Ein Gedanke, ein Gespräch, eine Situation, ein Bauchgefühl … oft noch eine Runde mit dem Hund und dann runter geschrieben, ein paarmal lesen, ändern, korrigieren, durchdenken … mich wohlfühlen damit – dann steht’s.

4. Frage – Was bringt dich aus dem Konzept?

Ich mich selber, wenn ich zu viel auf einmal will.

5. Frage – Wen sollten andere noch kennenlernen?

Jeder sollte Menschen mit anderer Hautfarbe, anderer Nation, anderem Glauben, anderer Ansicht kennen- und schätzen lernen. Nur so lernt man Respekt, Anerkennung, Rücksichtnahme, Toleranz … der Anfang vom Weltfrieden – besser als jede Antikriegsdemonstration!

6. Frage – Warum ist schreiben wichtig?

Schreiben gehört zur Kommunikation, zum Austausch, zur Diskussion – ohne dem gibt es keinen Fortschritt. Und manchmal liegen die Wahrheiten einfach in den ganz alten Texten. Schreiben verbindet und bewahrt Gedanken für die Ewigkeit. Schreiben ist Kultur.

7. Frage – Welcher Satz umschreibt dich?

Haijaijai … pfff … schwer!
„Sie schaffte es in neugieriger, offener und trotzdem nachdenklicher Art, ihren Tag mit positiven Dingen füllend, Menschen bejahend immer wieder eine bemerkenswerte Geschichte zu finden.“

8. Frage – Welches Buch empfiehlst du für die Jackentasche?

„Die Kraft des Positiven Denkens“ – muss man nicht unbedingt lesen, nur den Titel verinnerlichen – funktioniert!

9. Frage – Du lädst zum Essen, Trinken, Philosophieren
was steht als Motto / Einladungsnotat auf der versendeten Karte?

„Kommt essen und redet!“ … Essen, Reden, Unterhaltung – gehört alles an/auf einen Tisch.

10. Frage – Füller oder Diktiergerät oder Bleistift / Warum?

Tastatur … geht schneller. Kuli auch – aber nur der jeweilige Lieblingskulli – schlecht für die Handschrift … hat der Opa gesagt. Füller und Bleistift für die besonderen Gelegenheiten, Papiere, Anlässe. Diktiergerät geht gar nicht – ich rede doch schon den ganzen Tag.

11. Frage – Vervollständige diesen Satz! Literatur ist …

Literatur ist … Leben … ist Faszination!

 

Faszination finde ich hier:

LandLebenBlog
– http://landlebenblog.org/
Sardines Welt
– http://sawio.wordpress.com/
Von Punkten und Rosinen
– http://withhonesty.wordpress.com/
Ralf Hauser – Coaching Blog
– http://ralfhauser.wordpress.com/
Sani Hachidori
– http://sanihachidori.wordpress.com/2014/03/31/testtag-3-lichtenauer-testwochen/
Frau neudecker
– http://frauneudeckerlerntendlichkochen.com/2014/03/31/die-uberraschung-des-tages/
Mampel’s Welt
– http://mampel.wordpress.com/2014/03/31/kartoffel-werden/
Tomsgedankenblog
– http://tomsgedankenblog.wordpress.com/
Aufgefrischt
– http://aufgefrischt.wordpress.com/2014/04/02/bevor-ich-den-stecker-aus-dem-router-ziehe/
Frau Anni
– http://frauanni.de/
Die Spaziergängerin
– http://www.diespaziergaengerin.com/


An euch oder wer mag die Fragen:

1. Frage – Was machst du mit Papier?
2. Frage – Was muss stimmen, damit du schreiben kannst?
3. Frage – Welche Bilder hast du im Kopf?
4. Frage – Was für eine Oma/Opa wirst du einmal werden?
5. Frage – Freiheit ist … ?
6. Frage – Dummheit bedeutet für mich … ?
7. Frage – Mit welchen berühmten Menschen möchtest du einen Tag verbringen und warum?
8. Frage – Worüber kannst du dich so richtig aufregen?
9. Frage – Was ist dein Anteil, die Welt in bisschen besser zu machen?
10. Frage – Was bleibt übrig, wenn man in 200 Jahren an dich denkt?
11. Frage – Was ist ein perfekter Tag für dich?

Einladung – leider nicht auf Papier:
11 x Antworten, den Ursprung verlinken, 11 Lieblingsblogs vorstellen, 11 Fragen stellen … los geht’s!

Viel Spaß! 🙂

Lebensphasen

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Jeder durchlebt sie, niemand kann sich davon ausnehmen – im Guten wie im Schlechten. Die Schlechten bleiben uns im Gedächtnis, die Guten werden uns erst bewusst, wenn sie vorbei sind. Lebensphasen begleiten uns bewusst oder unbewusst ständig. Sie sind eine nicht zu verachtende Quelle unserer Erfahrungen. Meiner Familie steht die nächste bevor – diesmal eine absehbare Lebensphase.

Ich bin verheiratet, seit fast 20 Jahren, auch eine Lebensphase. In kurzer Zeit geht mein Gatte in Pension. Nein, er ist noch nicht im üblichen Pensionsalter. In seinem Beruf geht er regulär mit 54 Jahren in den Ruhestand. Ich werde weiter arbeiten, noch 13 Jahre. Die Kinder leben noch im Haus, sind in der Schule oder am Beginn der beruflichen Wegfindung. Also haben wir demnächst eine Schülerin, eine Studentin, eine Berufstätige, einen Pensionär. Wir sind dann so in etwa der Bevölkerungsdurchschnitt in einer Familie.

Und natürlich kommen nun viel Gedanken auf, was diese nächste Phase für uns bedeuten wird. Klar ist, er ist kein Mensch von Langeweile und auch Interessen hat er ausreichend zur Verfügung. Sicherlich wird er es erst einmal genießen, wir werden unsere Späße damit machen und viele Möglichkeiten entdecken, die wir bisher nicht hatten. Klar ist auch – der Alltag wird wieder kommen. Dann muss es sich bewähren. Wir werden uns, wieder einmal, als Partner neu kennenlernen, werden unsere Bereiche neu ordnen, werden neue Rhythmen entwickeln und vieles wird möglich, was uns bisher aus Zeitgründen nicht gegeben war. Wir werden Vorteile gegen Nachteile abwägen und so den höchstmöglichen Gewinn daraus suchen.

Eine absehbare Lebensphase … wir konnten uns lange darauf (gedanklich) vorbereiten. Im Vorfeld darüber nachdenken, was alles sein könnte, auch wenn es dann sicherlich ganz anders wird. Eine Lebensphase, die wir gemeinsam erleben und gestalten werden. Eine Phase, die viele Chancen eröffnet. Wir sehen dem entspannt entgegen.

Die meisten Lebensphasen werden uns immer erst im Nachhinein bewusst. Mir jedenfalls. Bin ich Mitten in einer drin, realisiere ich es nicht als Phase. Dann sind es die momentanen Umstände, die mich beschäftigen, an denen ich arbeiten muss. Die Kindheit ist eine Lebensphase, die wir erst viele Jahre später realisieren und analysieren. Sie ist wohl eine der prägendsten für einen Menschen. Eine meiner Lebensphasen ist die der Mutter. Mutter sein ist natürlich keine Phase, aber die der aktiven, versorgenden Mutter. Auch da werde ich erst im Nachhinein feststellen und analysieren können, ob sie gut war, ob ich meinen „Job“ zufriedenstellend gelöst habe und meinen Kindern das nötige Rüstzeug für ihr Leben gegeben habe.

Viele Lebensphasen stehen im Kontext von Ereignissen oder Personen. Dennoch erleben wir sie meistens alleine und unbewusst. Manche Lebensphasen hinterlassen tiefe Spuren, manche geben die Möglichkeit lange davon zu profitieren. Natürlich ist es uns auch gegeben Lebensphasen bewusst zu beginnen und zu beenden. Wir entschließen uns zu etwas oder hören mit etwas gezielt auf. Letztendlich ist aber jede dieser Lebensphasen ein Gewinn. Die Kunst besteht allein darin herauszufinden, worin die Chance liegt. Welche Erfahrung, Richtungsänderung oder Vermeidungstaktik daraus gewonnen werden kann.

In der Summe meiner Lebensphasen liegt mein Grund, warum ich mit meinem Alter nicht hadere, sondern es genieße. Ich bin heute die Summe dessen was ich erlebt habe, der Lebensphasen, die ich gemeistert habe und das Resultat vieler Richtungsänderungen. Und wenn ich den Rückwärtsblick wieder nach vorne richte, weiß ich, dass es noch viele Phasen geben wird, von denen ich heute noch nicht einmal etwas weiß. Will ich auch gar nicht wissen … nur im Nachhinein staunen.

Wenn das Kind nicht zur Schule passt!

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Wer ein Kind aufzieht, steht irgendwann unweigerlich vor diesem einen Tag, dem „Erster Schultag“. Bis dahin konnte sich das Kind meist frei und ungebeugt in der Familie und im Kindergarten bewegen und entwickeln. Nun macht es die Bekanntschaft mit einer Institution, der Schule, die seine künftige Entwicklung vehement beeinflussen wird. Dieser erste Schultag wird gefeiert, vom Kind, das jetzt zu den Großen gehört, und den Eltern, die aus irgendeinem Grund stolz darauf sind. Danach gibt es zwei Möglichkeiten: Die erste ist eine meist problemlose, undramatische Schullaufbahn und ein dem Apparat angepasstes Kind. Die zweite Möglichkeit ein jahrelanges Kämpfen um Motivation, Lernerfolg, Anerkennung und einen am Ende hoffentlich noch weltoffenen jungen Menschen. Im ersten Fall kann man sich glücklich schätzen. Im zweiten Fall kommt der Moment, in dem man sich fragt, warum man eigentlich diesen ersten Schultag gefeiert hat. Hätte man doch damals schon gewusst …

Wir durften beide Fälle kennenlernen. Fall eins ist mit dem Abitur abgeschlossen. Fall zwei ist voll im Gange, beschäftigt uns tagtäglich und das seit dem 23. August 2003, dem Tag der Einschulung unserer jüngeren Tochter. Damals gab es noch die Vorklassen, eine wunderbare Möglichkeit die Kinder vor Beginn der eigentlichen Schulzeit mit dem Schulalltag bekannt zu machen. Auch unsere Tochter durfte ein schönes harmonisches Jahr dort erleben. Im darauf folgenden Jahr kam sie in die erste Klasse und wir begrüßten, dass die neue Lehrerin im Ruf stand gut durchgreifen zu können und die Klassen im Griff zu haben. Wir haben eins der Kinder, die immer neugierig, immer unterwegs und immer abzulenken sind.

Was dann kam hätten wir nicht für möglich gehalten. Unsere Tochter hörte auf zu Lachen und zu Singen. Wir fürchteten jeden Tag den Schulschluss und die damit verbundene Nachrichten der von ihr erlebten Katastrophen. Sie wurde krank und die einzige Lösung konnte nur in der Umschulung liegen, denn einem halben Jahr Drill, Abwertung und Gleichmacherei war sie nicht gewachsen. In der neuen Schule wurde es etwas besser, zumindest waren alle freundlich und wir konnten aufatmen – glaubten wir. In der Folge erlebte ihre Klasse einen permanenten Klassenlehrer-Wechsel. Dies hatte zur Folge, dass die Kinder der Klassengemeinschaft sich selber sozialisierten. Unsere Tochter gehörte nicht dazu, hat sie doch immer ihre Meinung vertreten, gerne mit Jungen gespielt und sich für Dinge interessiert, die nicht konform waren. Wir führten unzählige LehrerInnengespräche mit immer wieder neuen LehrerInnen. Uns wurde zum einen vermittelten, dass es das Kind nicht weit bringen würde und sie zum anderen sowieso viel besser wüssten, wie die Psyche und das Verhalten unseres Kindes zu deuten sei. Das Ergebnis eines Vorfalls in der sechsten Klasse war ein Krankenaufenthalt, bei dem ausschließlich psychische Ursachen festgestellt werden konnten. Infolge dessen begann eine 5 1/2jährige Gesprächstherapie. Die Tochter war kaum mehr zu bewegen in die Schule zu gehen, geschweige denn ihr irgendwelche positiven Aspekte des Ganzen erklärlich zu machen. Die bevorstehende Wahl der Oberschule machte uns große Sorgen.

In der Zeit erzählte mir meine Nachbarin über den Gartenzaun, dass in der Nähe eine ganz neue Schulform für die Oberschule beginnen sollte. Da sie meine Tochter gut kannte, meinte sie, ich solle da aufpassen. Das tat ich und nach mehreren Tagen der offenen Tür an anderen Schulen, besuchten wir den ersten Werkstattabend in der sich gründenden Montessori Oberschule. Was uns dort begegnete, lies uns zweifeln: LehrerInnen, die überzeugend und offen wirkten, eine Schulleiterin, die uns aus der Seele sprach und SchülerInnen, die offensichtlich Spaß an der Veranstaltung hatten. Auf dem Heimweg entschied sich das Kind dort hinzugehen. Es hatte ihr gefallen. Nun begannen zuhause die Diskussionen, da wir keine Erfahrung mit Montessori-Pädagogik hatten und – sollte sie aufgenommen werden – klar war, dass der Hauptschulzweig der Schule herauswachsen müsste, was viel Umbruch und Neuerungen mit sich ziehen musste. Aber dennoch, da war etwas, was auch uns überzeugt hatte. Zum Beispiel die Aussage, dass die Schule ohne die Mitarbeit der Eltern, die Kinder überhaupt nicht unterrichten könne. Und auch das Gefühl, welche Wertschätzung den Kindern entgegengebracht wird, hatte uns überzeugt. Wir meldeten sie an, blieben aus der vorherigen Erfahrung aber skeptisch.

Wir wurden zum Einschulungsgespräch eingeladen. Für mich die reinste Tortur, da ich so gerne vom schulischen Leid meiner Tochter erzählt hätte. Die Schulleiterin unterhielt sich jedoch ausschließlich mit meiner Tochter. Ich durfte am Ende noch die faktischen Informationen geben und das war´s. Sie wurde angenommen. Die nächste Hürde kam auf uns zu, denn mit der Aufnahme der Tochter waren wir Eltern verpflichtet an einem Elternseminar über mehrere Wochen teilzunehmen. Ob wir bei diesem Seminar viel Neues lernten, kann ich gar nicht einmal sagen. Uns wurde in jedem Fall ein ganz neuer Blick auf viele Dinge in der Pädagogik geöffnet. Wir erlebten viele Wochen, in denen wir auf den nächsten Termin schon neugierig und insgesamt traurig waren, als es vorbei war. Wir hatten verstanden, wie die Schule ihren Auftrag versteht und umsetzt. Damals haben wir gesagt: „Wenn nur 70 % von dem wahr ist, was uns hier versprochen wurde, ist das die beste Schule, die wir für unser Kind finden können.“

Mit dem Schulbeginn an der neuen Schule stellte sich für uns auch sehr schnell ein neues Familienleben ein. War bis dahin üblich, dass wir die ersten Stunden nach der Schule erst einmal das Kind beruhigen und auffangen mussten, kam nun ein gut gelauntes und fröhliches Kind nach Hause. Ein Kind, das plötzlich erzählte, was es in den Pausen mit anderen gemeinsam erlebt hatte. Ein Kind, das am Nachmittag etwas für die Schule vorbereiten wollte. Ein Kind, von dem uns die LehrerInnen berichteten, was es für eine Bereicherung für die Gemeinschaft wäre. Ein Kind, das völlig normal war und Freunde hatte.

Ebenso anders war, dass wir Eltern hier willkommen waren. Waren wir an den anderen Schulen, die Unbequemen, die immer zu viel wissen wollten und in Frage stellten, war hier unsere Unterstützung willkommen. Hatte ich vorher geschworen, nie wieder Elternvertreter werden zu wollen, wurde ich hier neugierig und wollte den Aufbau der Schule mit gestalten. Hier bekamen wir als erstes die Kontaktdaten der LehrerInnen mit der direkten Aufforderung, bei jeglichen Unstimmigkeiten oder Fragen den Kontakt zu suchen. Was mich nachhaltig an dieser Schule fasziniert, ist die Tatsache, dass hier nicht so getan wird, als ob alles rund läuft. Auch an dieser Schule gibt es Probleme im Miteinander, aber diese Probleme werden besprochen, manchmal hart diskutiert und meist eine Lösung gefunden. Kinder werden nicht fallen gelassen, sondern nach Möglichkeiten gesucht, sie aufzufangen und nach ihrem Vermögen voran zu bringen. Probleme in den Klassen werden im Klassenrat besprochen. In der GEV werden Kompromisse geschlossen und so wird jedem der möchte die Möglichkeit gegeben aktiv am Schulgeschehen teilzuhaben.

Schwierig war für uns am Anfang, dass der direkte schulische Erfolg nicht messbar und mit anderen Schulen vergleichbar ist. Das bedeutet, dass wir als Eltern einen großen Vertrauensvorschub geben mussten. Da uns aber immer wieder versprochen wurde, dass die Kinder nach ihrem individuellem Stand gefördert werden und nicht über einen Kamm geschoren werden können, mussten wir uns dem fügen. Das taten wir allerdings gerne, denn viel wichtiger als jeglicher schulischer Erfolg, war für uns, dass unsere Tochter wieder über ein hohes Maß an Motivation verfügte und Spaß am Lernen gewonnen hatte – das war schon die halbe Miete!

Vor ein paar Wochen wurden wir zum Zeugnisgespräch für das erste Halbjahr der 10. Klasse eingeladen. Meine Tochter lass ihr Notenzeugnis und gab es mir hochzufrieden. Als ich es las, erlebte ich einen der bewegendsten Momente. Dort stand die Prognose, dass sie mit dem nötigen Lerneifer und Willen, die gymnasiale Oberstufe erreichen könne. Nach all den Jahren und zahllosen LehrerInnengesprächen stand dort zum ersten Mal, dass sie es kann – aus eigener Kraft, wenn man ihr den notwendigen Rahmen dafür gibt. Und wie ich gehofft hatte, hat meine Tochter für sich verstanden, dass sie es selber in der Hand hat ihr Ziel, dass sie nie aufgegeben hatte, zu erreichen.

Wir wissen nicht, was in ein paar Wochen sein wird. Wir wissen aber in jedem Fall, dass unser Kind einen erfolgreichen Weg vor sich hat. Wie er aussehen wird, wird sich zeigen. In unseren Augen wird an dieser Schule großartige Arbeit geleistet. Wer sich davon überzeugen möchte, sollte unsere Tochter kennenlernen. Eine selbstbewusste junge Frau, die sich immer selbst treu geblieben ist, immer noch offen ihre Meinung vertritt, immer noch  neugierig, unterwegs und leicht abzulenken ist. Ein weltoffener junger Mensch werden konnte – trotz Institution Schule.

Wir werden wieder feiern – ihren Schulabschluss. Egal, welcher das sein wird … glücklich darüber, dass wir es doch geschafft haben, diesem Kind Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein und eine positive Lebenseinstellung zu erhalten!

Hinter den Fenstern

Fenster

Im Dunkeln laufe ich gerne durch die Straßen. Besonders gerne, wenn es ruhig ist und noch lieber, wenn das Wetter schon ahnen lässt, dass es Frühling wird. Ich schaue mir gerne die beleuchteten Fenster an und stelle mir vor, was für Menschen dahinter wohnen könnten.

Es gibt so unterschiedliche Fenster. Manche sind hell erleuchtet, mit sittsamen Vorhängen geschmückt, große Leuchter hängen an der Decke. Dort stelle ich mir meistens ein Ehepaar in bestem Alter und geregelten Verhältnissen vor. Eher nichts besonderes, nichts Aufregendes. Manche Fenster sind so mit Blumen vollgestellt, dass dort bestimmt Menschen wohnen, die einen kleinen Schrebergarten haben. Oder ältere Menschen, die etwas brauchen um sich zu kümmern. Andere Fenster wieder lassen einen Blick auf viele Bücherwände zu. Dort wohnen sicherlich sehr kluge Leute. Hin und wieder entdecke ich Fenster, die irgendeinen Hochbau im Raum vermuten lassen. Dort stelle ich mir Familien vor, die nicht so viel Platz und mehrere Kinder haben. Manche Fenster haben das ganze Jahr über Lichterketten im Rahmen. Manche verraten den Fußball-Fanclub und einige verstecken sich hinter Wintergärten.

Es gibt aber auch oft Fenster, die kalt aussehen. Die Beleuchtung ist abweisend und nichts lässt darauf schließen, wer sich dahinter verbergen könnte. Manche haben gar keine Vorhänge oder halb herunter gelassene Jalousien, nichts deutet auf irgendetwas Individuelles hin. Bei solchen Fenstern habe ich keine Vorstellung, wer sich dahinter verbergen könnte. Aber ich denke oft, dass es wohl keine glücklichen Menschen sind, einsame oder auch kranke. So sehr manche Fenster träumen lassen, so sehr weisen andere Fenster den Betrachter ab.

Ich finde, die Fenster kann man mit den Menschen in dieser Stadt vergleichen. Es gibt so unglaublich viele. Und so unterschiedliche – Fenster und Menschen. Mehrere Millionen Menschen. Eine Zahl, die mir oft Angst macht. Die mir deutlich macht, dass ich nur einer von unglaublich vielen bin. Wenn ich die Zahl höre, frage ich mich oft, mit welchem Recht ich mich für einzigartig halte. Warum ich denke, mich gibt´s nur einmal. Warum ich erwarte von anderen gesehen und wahrgenommen zu werden. Warum ich meinen Lebensraum fordere und schütze. Ich überlege dann oft, wie andere mein „Fenster“ wahrnehmen, dass ich nach außen zu zeigen bereit bin.

Die Fenster gehören zur Fassade ebenso wie beim Menschen die Augen. Ich kann sie nach außen schmücken oder eben auch nicht. Wenn ich aber hinein schauen lasse, bestimme ich selber. Das hängt immer von außen ab – wie schön ist es außen, damit ich wie weit das Fenster oder den Blick hinein öffnen kann. Gilt auch für beide – Fenster wie Menschen.

Manch einer mag mich jetzt für neugierig halten, weil ich Fenster im Dunkeln anschaue. Nein, bin ich nicht. Ich interessiere mich für das, was um mich herum passiert, wer neben mir steht, wem ich begegne, wie er aussieht, was für einen Blick er mir gestattet. Denn so unterschiedlich wie die Fenster sind auch die Menschen hier, trotz der vielen Millionen. Ich wünschte, dass es ganz viele „Fenstergucker“ bei uns gibt. Menschen, die sich für die anderen Menschen interessieren. Versuchen in sie hinein zu blicken, versuchen sie zu verstehen.

Menschen sollten immer versuchen „Fenster“ zu öffnen.

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Der egoistische, eigensüchtige Optimist

Vor ein paar Tagen fragte Thomas Mampel, Geschäftsführer des Stadtteilzentrum Steglitz e.V., in seinem Blog mampel´s welt: “Wofür steht Ihr? In was für einer Welt wollt Ihr leben –  und was tut ihr dafür? Woran sollen sich die Nachfolgenden erinnern, wenn sie von Euch reden?”. – Ein tolles Thema und rief zu einer Blog-Parade auf. Was ich inhaltlich dazu betragen wollte, war mir recht schnell klar. Nach zwei Tagen intensiven Grübelns beklagte ich mich aber bei ihm, dass ich keinen Anfang finden könne. Da erzählte er mir von einem Trick, den er von Jeannette Hagen bekam – nämlich, dass man mit einem Wort beginnen müsse, das ein anderer einem gibt. Ich bekam das Wort „Baum“ von ihm … ich fand den Einstieg und dies mein Beitrag zur Blog-Parade geworden:

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Das Buch des Großvaters, voll mit seinen persönlichen Notizen und Anmerkungen.

„Die Kraft des Gedankens
ist unsichtbar wie der Same,
aus dem ein riesiger Baum erwächst;
sie ist aber der Ursprung
für die sichtbaren Veränderungen
im Leben der Menschen.“

Leo Tolstoi

Stellen Sie sich ein kleines Dachgeschosszimmer vor, so groß, dass man nur im Eingang gerade stehen kann. Vollgestellt mit einem Schlafsofa, einem Schreibtisch, Regalen, buddistischen Figuren und vor allem vielen Büchern. In dem Zimmer sitzt ein junges Mädchen mit ihrem Großvater, der mit Vorliebe von seiner Liebe zu Büchern erzählt. Von den Geschichten und Weisheiten, die er aus den Büchern erfährt und seinem Bestreben sie in sein Leben zu integrieren. 

Das war mein Großvater. Ein gelernter Schriftsetzer, Weltkriegsteilnehmer, Kommunist, Buddist, sicherheitshalber aber auch Christ. Der zeitweise in der Werbung arbeitete und in späteren Jahren Bibliothekar und Ehrengelehrter der buddistischen Gesellschaft in Berlin wurde. Das erzähle ich so genau, damit verständlich wird, warum ich nichts lieber tat, als diesem facettenreichen altem Mann zuzuhören – stundenlang. Wenn er gewusst hätte, wie genau ich zugehört hatte, wäre er sicherlich sehr stolz gewesen, wo immer er heute auch sein mag.

Er war es, der mir von zwei Büchern erzählte, die ich las und die mich mein Leben lang beeinflussen sollten. Das erste Buch war „Die Kraft des positiven Denkens“ von Norman Vincent Peale. Es erschien 1949 das erste Mal und war seinerzeit ein Bestseller. Der Inhalt des Buches zeigte sich mir so logisch und klar, dass es mich nie wieder loslassen sollte, auch wenn ich es viele Jahre nicht wahrnahm, teilweise sogar belächelte und Witze darüber machte. Das zweite Buch, „Gespräche mit Seth“ 1963 begonnen, sind philosophische Texte, die ein Wesen Jane Roberts, der Autorin, als Medium diktiert, die wiederum von ihrem Mann aufgezeichnet wurden. Seth ist eine Energiepersönlichkeit, die zu allen Aspekten des Lebens Stellung nimmt. Neben diesen Büchern erzählte mir mein Großvater zudem viel über autogenes Training und Selbstsuggestion. Letzteres probierte ich aus, aber lies es auch bald wieder bleiben, weil ich schnell merkte, wie gut es funktioniert, womit es für mich langweilig wurde.

Den genauen Inhalt beider Bücher kann ich heute nicht mehr wiedergeben. Durch Seth wurde mir aber deutlich, das es eine übergeordnete Energie geben muss, in welcher Form auch immer. Die Physik lehrt uns, dass Energie nie verloren geht, sondern immer in andere Energieformen übergeht. Mit welcher Impertinenz sollte der Mensch also glauben, dass er die einzig denkende Energieform im Universum ist. Wenn ich aber eine denkende Energieform bin, kann ich beeinflussen, welche Form von denkender Energie ich bereit bin abzugeben. Und damit komme ich zu der Kraft des positiven Denkens. Mittels der Selbstsuggestion kann ich mich im Positiven wie im Negativen konditionieren und damit beeinflussen, wie mich meine Umgebung wahrnehmen soll.

Menschen haben ihr Denken selbst in der Hand. Sicherlich ist jeder Mensch durch seine Erziehung, Geschichte, der Summe seiner Erfahrungen und seiner Zielsetzung bzw. Ziellosigkeit geprägt. Die Richtung, in die seine Gedanken gehen und damit unwillkühlich sein späteres Handeln, bestimmt aber jeder selbst und kann es auch jederzeit ändern. Will ich etwas ändern, muss ich mir den Grund dafür deutlich machen, mir den Ist-Zustand klar machen und ein Wunschbild definieren.

Mein Wunschbild ist das eines Menschen, der sein Gegenüber in positiver Weise begegnen, beeinflussen, beeindrucken kann. Der Wertschätzung und positive Motivation vermitteln und weitergeben kann und Menschen hin und wieder ein Lächeln entlockt. Das ist, wie gesagt, mein Wunschbild und auch ich bin eben nur Mensch. Von Faktoren wie Schlaf, Sättigung, Laune, Lust, Interesse, Ausgeglichenheit, Gesundheit, Nachrichten und vielem anderen beeinflusst und abhängig. Den Menschen, der immer nur fröhlich und überschwänglich durch die Welt läuft, gibt es nicht. Jeder muss sich mit der Realität, schlimmen Nachrichten, Veränderungen, Problemen … auseinandersetzen. Die Frage ist eben nur, wie lange ich bei negativen Faktoren hängen bleibe, bis ich wieder zu meinem erklärten positiven Weg finde und versuche aus Vorangegangenem das Beste zu machen und darin eine Chance zu finden.

Nimmt man die Fülle der Katastrophen, Verbrechen, finanziellen Nöte und Krankheiten, die uns in den täglichen Medien begegnen zusammen, ist es eigentlich ein Wunder, dass es noch Menschen gibt, die unbeschwert sind und lachen können. So kann positives Denken und Optimismus eigentlich nur ein  Selbstbehauptungstrieb, also eine absolut egoistische und eigensüchtige Haltung sein. Der Mensch will überleben und das so gut als möglich. Dabei gesund an Körper und Geist bleiben. Es gibt genügend Studien, die bewiesen haben, dass Optimisten gesünder sind, länger Leben und bessere Erfolge erreichen.

Zu diesem Optimismus kommt für mich hinzu, dass ich ein übelst neugieriger Mensch bin. Nein, was in Tagebüchern oder fremden Briefen steht, interessiert mich nicht. Ich bin neugierig auf Menschen und Kommunikation. Ich erfahre gerne Spannendes, Lebensgeschichten, höre gerne die Sätze, die zwischen gesprochenen Worten stehen, beobachte gerne Haltungen, Mimik und Gesten. Es ist so unglaublich bereichernd sich mit Menschen zu beschäftigen, gerade und besonders, wenn diese andere Meinungen, nationale Hintergrunde oder andere Unterschiede zu mir haben. Und es ist so unglaublich schön, mit Menschen zu lachen, über sich selber lachen und ein bisschen Spaß in die Welt bringen. Diese Neugierde treibt mich an, immer den nächsten Tag erleben zu wollen, den nächsten Menschen kennenzulernen und es wieder einmal zu schaffen, jemanden zum Lachen zu bringen.

Ich bleibe bei der festen Überzeugung, dass der Mensch grundsätzlich gut ist und die Kraft besitzt, durch bewusstes Denken, diese Güte zu nutzen und nach seinen Möglichkeiten, die Welt ein bisschen besser zu machen. Nicht Heute und nicht Morgen, aber immer ein bisschen mehr.

Ich werde die beiden Bücher vom Großvater noch einmal lesen und mit dem Bild eines Baumes schließen:

„Auch wenn ich wüsste, dass die Welt morgen zugrunde ginge, würde ich noch heute einen Apfelbaum pflanzen.“

Franzi von Assisi

Was hat ein Gänseblümchen mit Moral zu tun?

©sommersprossen-Fotolia.com

Ein schöner warmer Frühlingsnachmittag, hell liegt der Raum in angenehmen Schatten und auf dem Tisch ein Glas mit Gänseblümchen. Der Vater beugt sich über seine Zeitung, liest Nachrichten aus aller Welt. Die Tochter spielt im Hintergrund und es ist ruhig im Haus. Alles ist geputzt und vorbereitet. Die Kissen auf dem Sofa haben den richtigen Kniff, die Bilder hängen gerade und die Gardinen liegen luftig in den Schlaufen. Ein feiner Windhauch weht durchs Fenster.

Der Vater blickt auf die Uhr. Ruft dem Kind zu, dass es Zeit wird. Das Kind freut sich jubelnd – es geht los, die Mutter vom Bahnhof abholen. Es rennt zum Vater, reicht zum Glas auf den Tisch und ergreift mit Schwung den Gänseblümchenstrauß. „Los geht´s!“, freut sich das Kind und rennt zur Tür. Doch welch ein Dilemma – ein Gänseblümchen blieb zurück im Glas. Der Vater steht auf, nimmt das Glas, geht ans Fenster und schüttet das nutzlos gewordene Wasser hinaus. Mit Gänseblümchen.

Und nun?

Das Gänseblümchen hat ein bisschen Glück. Es ist genau in die Gießkanne vor dem Fenster gefallen und schwamm in endlosen grünen Raum. Hört noch die Autotüre zuschlagen, den Motor und knirschende Reifen. Ruhe. Fast. Die Vögel kann es wieder hören, erinnert sich der Tage auf der Wiese zwischen Grashalmen und Gänsblümchenfreunden. Dort war es auch grün und luftig, manchmal etwas nass, doch meistens schön und gesellig – so wie das Gänsblümchen halt mögen. Jetzt roch es komisch, das Wasser etwas muffelig, die Luft so künstlich. Nur oben war ein großes Loch. Dort war es blau und schön – die weite Welt wohl – unerreichbar. Langeweile. Das Wasser bewegt sich nicht. Nach langer Zeit kam das Auto wieder, aber keiner kam die kleine Blume reinzuholen. Dunkel, es wurde Nacht.

Am nächsten Tag begann ein Sturm in der Kanne, die eine große Hand gegriffen hat und schwankend weiter trug. Das Wasser klatschte gegen die grünen Wände, wirbelte die kleine Blume mit, die kurz darauf versank und mit einem Sog von Wasser durch ein Rohr gezogen wieder in die Freiheit geschleudert wird. Das Gänseblümchen klatscht auf Erde, schwamm ein paar Runden auf einem Wassersee im Blumentopf. Wagt einen Blick nach oben, sieht aber nur trockenes Geäst. Das Wasser sink, das Blümchen sieht sein Ende. Doch dann der zweite Schwall von frischem Wasser, so dass es auf den Unterteller gespült wird und zwischen trockenen Blättern hängen bleibt. Nun gut, denkt sich das Blümchen. Immerhin wieder an der guten Luft, aber auch hier ist nichts mit der Geselligkeit. Die trockenen Blätter sprechen nicht, werden immer weicher und versinken. Wieder Langeweile. Immerhin nach einiger Zeit schiebt sich ein Sonnenstrahl um die Ecke, wandert weiter und wird schwächer. Wieder Nacht. Das Gänseblümchen wagt den Blick zum Haus, das dunkel steht, die Fenster fest verschlossen. Wagt den Blickt auf die schöne Wiese, die still und dunkel nicht mehr seine ist. Wie geht´s nur weiter, denkt das Gänseblümchen traurig. Wenn die Blume im Topf genug getrunken hat, dann liegt es auf dem Trockenen. Es grübelt und bemerkt nicht, dass Wind aufkommt. Viel Wind. Und Regen, immer mehr.

Wieder ein Sturm, diesmal in der Natur, mit sehr viel Regen und viel Wind. Der Unterteller füllt sich mit Wasser, schwappt über und reißt das Gänseblümchen mit sich fort. Das Wasser fließt im Strom schnurstracks auf einen Gully zu und schwups – versunken ist die Blume. Wie sich ein Gänseblümchen im Abwasserkanal fühlt, kann man sich ja vorstellen. Sehr trübe sind die Gedanken, während es sich versucht im Wasser zu behaupten. Es stellt sich vor, wie stolz es war zu den Auserwählten des Straußes zu gehören. Wie schön es wäre, jetzt im Glas der Mutter auszuruhen. Doch nix ist – Wasser, überall Wasser. So geht das eine Weile. Die Zeit nicht messbar, bis sich etwas tut … es wird heller, immer heller. Und noch mal – schwups – wie ausgespuckt, landet die Blume mit einem Schwall Wasser im Bach.

Es treibt im Bach daher und freut sich seines Lebens, denn jetzt, wie schön, scheint Sonne und die Luft ist gut. Es treibt, das Ufer kommt immer näher und – bleibt hängen. Ein dicker Stein versperrt die Weiterfahrt. Das Gänseblümchen blickt sich um. Nicht schlecht hier, denkt es sich und erschrickt. Zwei große Füße stehen dort im Wasser. Es schaut nach oben und ist sofort verliebt. Ein wunderschönes junges Mädchen sitzt dort und grübelt offensichtlich nach. Was sie wohl denkt, fragt sich die kleine Blume. Die Antwort kommt sofort: „Hallo, du kleine Blume, woher kommst du denn? Ich sitz´ hier und muss überlegen, wohin mein Weg jetzt geht.“ Sie nimmt das Gänseblümchen in die Hand und dreht es einmal um. Es überlegt und überlegt und fast dann den Entschluss. „Ich werde gehen – ja, das muss so sein. Und du sollt mich begleiten und die Erinnerung sein.“ Das junge Mädchen nimmt sein Buch, schlägt Seiten auf, klappt es zu und – platt ist unsere Blume!

Und die Moral?

Versetzt euch in die Blume. Der eine sieht nur das Ganze, den Gänseblümchenstrauß. Das Große ist schnell hinüber, vergessen und dann aus. Das kleine Gänseblümchen aber, nach einem sehr bewegtem Weg, fand Frieden und bleibt lang erhalten, auch wenn es keiner sieht.

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Das Ding mit der Erziehung

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Jedes Kind stellt mutmaßlich mindestens einmal im Laufe seiner Kindheit fest, dass es einmal alles anders machen wird, wenn es groß ist. Insbesondere, wenn es eigene Kinder haben wird und die Erziehung endlich selbst in die Hand nehmen darf. Eltern sind oft einfach zu streng, zu hartnäckig, zu nervig, zu uncool sowieso. Manchmal auch peinlich und sie wollen eigentlich immer zuviel wissen. Das ist so, das war so und wird immer so sein.

Bis dann der Tag der bitteren Erkenntnis kommt. Man steht da, mitten im Chaos, zwischen Wäschebergen, Unordnung, Hundefutter, Schriftkram, blubbernden Suppentöpfen, streitlustigen Kindern, Bügelbrett. Weiß nicht, wo man anfangen soll und merkt, dass das andere Ende der Erziehungskette doch ganz anders aussieht als in den kühnsten Kinderträumen. Der Blick hat sich verändert, Prioritäten haben sich verschoben, Einblicke haben sich entwickelt. Das Ideal von einst, alles ganz anders – besser zu machen, rückt in weite Ferne.

Sicherlich – es ändern sich Dinge von Generation zu Generation. So wurde am Esstisch der letzten Jahrhundertmitte nicht gesprochen, schon gar nicht von den Kindern. Heute hat sich die, meist einzige, gemeinsame Mahlzeit am Tag zum Kommunikationstreffpunkt der modernen terminverplanten Familie entwickelt. Auch das „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt.“ hat sich von der hungrigen Nachkriegsgeneration bis zur heutigen konsumverwöhnten Gesellschaft ebenso verändert, wie die Einsicht, dass eine Ohrfeige wohl noch niemandem geschadet hat. Gehörte die früher zu den erfolgreichen Erziehungsmethoden dazu, stehen heute doch (glücklicher Weise) Unversehrtheit und Persönlichkeitsrecht aller Kinder im Vordergrund. Erziehung passt sich der Zeit, dem Menschenbild und der Philosophie der jeweiligen Generationen an. Gut so!

Aber da gibt es doch ein paar Kleinigkeiten, die werden sich wohl nie ändern und je nachdem an welchem Ende der Erziehungskette man steht, sehr unterschiedlich empfunden. Denn, was man als Kind noch so gar nicht bedacht hat und nicht absehen kann, sind Faktoren wie Planung, Erschöpfung, Verantwortung, Weitsicht, Umsicht und der Blick auf das gesamte Familiengefüge.

Zum Beispiel „Scheren“. Scheren sind häusliche Gegenstände, die immer weg sind. Es gibt keine Schublade, kein Versteck, keine Ablage, die es schafft, Scheren für immer an sich zu binden. Sind Kinder im Haus, sind Scheren immer verschwunden, nie zur Hand und unauffindbar. Findet man eins der seltenen Exemplare sind sie immer Zweckentfremdet. Die Schneiderschere liegt im Bad, die Papierschere in der Küche, die Bastelschere eventuell im Sandkasten und Nagelscheren – mein Gott, wer verwendet denn Nagelscheren? Vielleicht tauchen sie beim nächsten Elternabend, wenn man am Platz des Filius sitzt, zufällig unter der Bank auf. Also – planen Sie einmal Nachwuchs – gewöhnen Sie sich schon einmal an Messer … obwohl, die richtig scharfen Messer? Gleiches Thema wie bei den Scheren.

Haustiere: Jeder liebende Elternteil weiß heutzutage um die wohltuende Wirkung eines Haustieres auf die psychologische Entwicklung des Nachwuchs. Kinder sollen die Möglichkeit zum Kuscheln haben, vor allen Dingen aber lernen Verantwortung zu tragen. Von Anfang an, denn nur, wer Verantwortung übernehmen lernt, kann später eimal Führungskraft werden. Also – Diskussionen – welches Haustier. Ist dieses Stadium überstanden, kommt die „Ich schwöre“-Phase. Fast ausnahmslos jedes Kind schwört, dass es – kommt das Tier ins Haus – Verantwortung und Pflege bis in die Steinzeit übernimmt. So, als würden die Eltern nicht mal merken, dass da überhaupt etwas Vierbeiniges im Haus ist. Sie dürfen sich sicher sein – die „Ich-schwöre“-Phase wird Ihnen am hartnäckigsten im Gedächtnis haften bleiben. Immer wenn Sie bei Regen mit dem Hund draußen stehen, den Karnickelstall sauber machen oder beim Tierarzt den 147igsten Kratzer von ihrer sonst so lieben Katze eingefangen haben. Ich schwöre – Kinder spielen und kuscheln mit Tieren, Sie machen zuverlässig den „Rest“.

Spülmaschine ausräumen. Uns ist es doch tatsächlich passiert, dass dieses unersätzlichste aller Haushaltsgeräte kaputt gegangen ist. Aus unterschiedlichsten Gründen kam keine Neue ins Haus. Die Eltern gewöhnten sich schnell an dieses durchaus kommunikationskräftige abendliche Geschirrspülen. Es war ok, bis zu dem Punkt als der Nachwuchs auch helfen sollte. Dann kam das gleiche Thema wie bei den Haustieren. Endlose Diskussionen und die „Ich-schwöre“-Phase – der eine räumt immer ein, der andere immer aus. Festzustellen bleibt lediglich die unwahrscheinliche Gemeinsamkeit von Haustieren und Geschirrspülmaschinen. Nachwuchs genießt, Eltern machen den Rest.

Schließlich noch ein ganz heißes Thema: Gerechtigkeit. So empfindet der Nachwuchs zuweilen die ganze Welt als geballte Ungerechtigkeit. Wird ein Wunsch nicht erfüllt oder die Last der kindlichen Arbeitsaufträge ist untragbar, kommt noch eine gemeine Hausaufgabe dazu, kann es immer nur an den Eltern liegen. Eltern und Gerechtigkeit sind Gegensätze wie Eiscreme und Solarium. Das wird besonders im Partyalter deutlich. Die ganze „KollegInnenschar“ darf immer, ohne Murren der (fremden, unbekannten) Eltern, die ganze Nacht Party feiern. Nur der eigene Nachwuchs soll zeitgerecht, oder noch schlimmer abgeholter Weise, zuhause sein. Das geht ja gar nicht. Und Fragen, ob man nicht auch mal jung war oder warum man so uncool ist, poltern auf den erzkonservativen langweiligen Erziehungsneurotiker ein. Und fragen Sie beim Frühstück bitte nicht, ob der gestrige Abend schön war. Der Nachwuchs muss ja erst aufwachen. Ist er wach, ist er schon wieder weg – die KollegInnen warten ja.

Sie bleiben schließlich zuhause sitzen, das Chaos im Haus ist vielleicht bewältigt, haben Gelegenheit und Ruhe einmal drei Gedanken einfach so in den Raum zu hängen. Ein Gedanke davon wird sicherlich sein, dass Sie ja doch viel, vielleicht sehr viel, genauso machen, wie Sie es als Kind abgelehnt haben. Von den Eltern dennoch abgeguckt, geprüft aus neuem Blickwinkel und schließlich für gut befunden haben.

Wo man das kleine Glück findet

kleeblattKondenswasser rollt tropfenweise an den beschlagenen Fenstern runter. Draußen ist es dunkel, die Schneewehen klatschen an die Scheiben und außer dem Brummen des Motors ist weiter nichts zu hören. Seit 17 Minuten fährt der alte Bus die Landstraße entlang. Der Busfahrer konzentriert sich, schweift aber in Gedanken immer wieder zu dem gestrigen Gespräch mit der Ehefrau ab. Die Fahrgäste schauen mit mehr oder weniger leerem Blick vor sich hin und hoffen, dass die Fahrt schnell überstanden ist. Das ist nicht gerade so ein kuscheliger Abend in der Vorweihnachtszeit, wie man ihn sich wünschen würde.

Die Fahrgäste sitzen alle im vorderen Bereich des alten Busses, so als ob sie nicht alleine sein wollten. Dabei könnten sie unterschiedlicher in der Zusammensetzung gar nicht sein. Der alte Mann schaut immer wieder sorgenvoll auf seine Plastiktüte, ob der Inhalt noch heile ist. Die Dame mittleren Alters hofft, dass es wenigstens heute etwas im Fernsehen gibt, was sie interessiert. Der junge Mann, Kopfhörer im Ohr – nun, ob er etwas denkt, wissen wir nicht, aber nach seinem Wippen zu urteilen mag er seine Musik. Die Mutter überlegt, wie sie das alles alleine schaffen soll und das Kind, an ihrer Schulter gelehnt, träumt, dass der Vater doch Urlaub bekommt. Der Manager sieht knurrig und schlecht gelaunt aus und wirkt, als ob er einfach im falschen Bus sitzt. Und das Mädchen hätten wir fast vergessen, ist sie doch so unscheinbar wie ein kleines Mauerblümchen vor einer grauen Wand. 22 Minuten – der alte Bus kämpft sich weiter durch das lausige Winterwetter.

Die Scheibenwischer leisten Schwerstarbeit und versuchen immer wieder freie Sicht zu schaffen. Der Busfahrer überlegt, ob er es ihr hätte sagen sollen. Der Motor brummt monoton und die Reifen versuchen die Spur zu halten. Der Manager überlegt, ob er nicht einfach hätte absagen sollen. Dann ein Rumpeln, es quietscht, der Busfahrer versteift sich, bremst, lenkt gegen, bremst – der alte Bus rutsch und steht. 24 Minuten – die Fahrt ist unterbrochen.

Jetzt reden sie alle durcheinander. Aufgeregt und sorgenvoll. „Alle heile?“ fragt der Busfahrer und schaut besorgt in die Runde. „Ja, nichts passiert, aber wie geht es weiter?“, fragen die Fahrgäste und reden weiter, wieder alle durcheinander und hektisch. Der Busfahrer setzt sich wieder auf seinen Sitz, lässt den Motor an und versucht zu starten, aber die Hinterräder drehen durch und lassen die Weiterfahrt nicht zu. Er stellt das Warnblinklicht ein, nimmt das Funkgerät und sagt der Zentrale Bescheid, dass der alte Bus steht und Hilfe braucht. Das dauert eine Weile, bekommt er zur Antwort, mehr als beeilen könne man sich nicht. Die Fahrgäste überlegen sich Lösungen, die alle nicht greifen und letztendlich ist klar, dass alle warten müssen. 29 Minuten und es ist leise im Bus. Nur die Schneewehen, die an die Scheiben klatschen sind zu hören.

„Jetzt denkt er bestimmt, dass ich nicht komme“, sagt der alte Mann und muss schwer schlucken. „Wer denkt, dass sie nicht kommen?“, fragt die Mutter in die Stille hinein. Nach einer ganzen Weile sagt der alte Mann: „Ich habe ihn alleine gelassen. Vor ganz vielen Jahren. Wollte nach dem großen Glück suchen und bin viel gereist. Das Glück habe ich nicht gefunden und meinen Sohn nachher auch nicht mehr.“ Es vergehen ein paar Momente bis er ergänzt: „Er hat mich wiedergefunden und mich eingeladen. Ich solle ihn erst einmal besuchen und dann entscheiden, ob wir Weihnachten zusammen feiern.“ „Er wartet bestimmt.“ sagt die Mutter, die ihr Kind unwillkürlich enger an sich zieht. Und wieder kommt die Stille zurück in den alten Bus.

Die Dame mittleren Alters kramt in ihrer riesigen Tasche und zieht eine große runde Dose hervor. Umständlich öffnet sie den Deckel und sofort verteilt sich der leckere Keksduft im alten Bus. Sie reicht ihre Keksdose in die Runde und sagt: „Ich wäre froh, wenn jemand auf mich warten würde. Ich backe immer so gerne und viele Kekse, aber habe keinen mit dem ich sie teilen kann. Dann nehme ich sie mit ins Büro, aber dort laufen sie alle daran vorbei.“ Und schon strahlen ihre Augen, weil alle Fahrgäste in die Dose greifen und für die kleine Abwechslung dankbar sind. Der Busfahrer kommt zu den Fahrgästen, setzt sich dazwischen, greift in die Dose und meint eher zu sich selbst: „Die kann sie auch so gut backen. Es wäre wohl besser, ich hätte es gesagt.“ „Was gesagt?“, fragt der mürrische Manager, jetzt muss er hier schon seine Zeit vergeuden und auch noch solche Geschichten anhören. „Wir haben uns gestritten“, antwortet der Busfahrer. „Meine Frau hat Kontoauszüge geholt und gesehen, dass ich Geld geholt hatte. Ich wollte ihr nicht sagen für was. Jetzt denkt sie, ich habe Geheimnisse vor ihr. Es war schlimm. Dabei habe ich einen Tanzkurs gemacht, was sie sich schon so lange gewünscht hatte und Karten für den Silvesterball geholt. Wenn ich es gesagt hätte, wäre der Streit vermeidbar gewesen, aber die Überraschung dahin.“ Das unscheinbare Mädchen lächelt versonnen vor sich hin und meint: „Das ist aber sehr romantisch, was sie gemacht haben. Wenn sie es ihr erzählen wird sie wieder gut mit ihnen sein.“

45 Minuten und alle warten und schweigen eine Weile bis die Mutter erzählt: „Mein Mann und ich waren sogar in einem Tanzclub und sind schon recht gut gewesen. Dann war seine Arbeit weg und wir mussten es aufgeben. Später kam noch die Oma ins Haus, weil sie alt ist. Sie ist lieb und wir verstehen uns, aber die Pflege ist anstrengen. Ich würde manchmal  lieber mit den Kindern spielen, aber dazu fehlt jetzt die Zeit, weil mein Mann wieder Arbeit hat, leider weit weg. Jetzt weiß ich nicht mehr, was besser ist, ein Mann zuhause ohne Arbeit oder ein Mann weit weg mit Arbeit.“ „In jedem Fall ein Mann zuhause“, sagt der alte Mann, „das habe ich alles falsch gemacht. Wenigstens ab und zu muss man zuhause sein.“ „Zuhause“, brummelt der Manager „denke ich auch. Ich bin immer unterwegs, von einem Geschäft zum anderen, aber richtig glücklich macht mich das auch nicht.“ „Aber Glück ist doch so wichtig“, sagt das Mädchen, „nur wo findet man das?“  „Tja, wo findet man das?“, fragt die Dame. 50 Minuten … langsam wird´s kühler im Bus.

„Ob ich einen Keks für den Vater aufheben kann?“ fragt das Kind, den Blick scheu auf den Boden gerichtet. Die Mutter hebt abwehrend die Hände „Aber nein, …“ „Doch, doch“, sagt die Dame, mittleren Alters. „Aber schöner wär´s doch, wenn du sie ihm selbst backen würdest. Das Kind schaut mit erstaunten Augen die Dame an, die gleich weiter meint: „Und noch schöner wäre es, wenn du mit der Mutter backen würdest. Ich komme zu euch und lese der Oma vor, dann hat die Mutter Zeit fürs Backen und dich.” Das Kind strahlt und die Mutter fragt leise „Das würden sie machen?“ Die Dame nickt mit dem Kopf. Ein Lächeln geht in die Runde, es wird kühler und doch ist es wärmer im alten Bus. 60 Minuten, es ist ruhig im Bus.

Das Mädchen zieht die Hand aus der Tasche und zeigt einen Zettel nach oben. „Ich bräuchte nur einen kleinen Moment etwas Glück“, schaut hoch und erschrickt, dass alle Augen auf sie gerichtet sind. „Vor drei Tagen schrieb ich den Zettel mit `Freunde´ oder `Nicht Freunde´ und gab ihn meinem Gegenüber. Der drehte sich um, kritzelte und gab ihn mir sofort zurück. Jetzt habe ich Angst, dass die Antwort weh tun könnte.“ Ruhe, keine Antwort, Stille im Bus. „Kenne ich“, sagt der Manager, „man fordert das Glück heraus und hat Angst vor der eigenen Courage. Aber immer, wenn ich den Mut hatte, etwas Unbequemes zu tun, hatte ich auch das Glück“. Das Funkgerät knarzt, der Fahrer springt auf, sprich Worte und sagt in die Runde „Jetzt haben wir Glück – sie müssen bald hier sein.“ 73 Minuten im alten Bus und Hoffnung kommt auf.

Der Schnee klatscht fest an die Scheiben, doch es sieht schön aus, als das Licht auf den alten Bus zukommt. Jetzt kommt Hilfe und die Heimfahrt wird möglich. Der alte Bus ruckelt an, der Fahrer lenkt gegen und schafft es in die Spur. Es geht weiter. Stille im Bus und jeder mit seinen Gedanken allein. „Trau dich“, sagt der Manager, gar nicht mehr knurrig und lächelt das Mädchen an. Er selbst hat beschlossen, er sagt ab. Ruft lieber den Freund an, ob er ein Bier mit ihm trinken mag.

Erste Lichter in der Ferne, bald ist es geschafft. Alle schauen nach vorne und Erleichterung macht sich breit. Das Mädchen hat heimlich den Zettel geöffnet. Sie lächelt und freut sich und dankt in Gedanken dem knurrigen Manager. Der Halt kommt in Sicht und es warten Leute dort. Dem alten Mann läuft eine Träne übers Gesicht. „Was weinst du?“ fragt der junge Mann, Kopfhörer im Ohr. „Was ist los?“ „Er steht dort“, sagt der alte Mann, „das ist der Sohn.“ „Wie wunderbar“, sagt die Dame und alle freuen sich mit. Der junge Mann, Kopfhörer im Ohr, der schon lang keine Musik sondern Geschichten gehört hat, meint: „Ich weiß jetzt, wo wir das kleine Glück finden – nur in uns selbst!“

In der 97igsten Minute fährt der alte Bus in den Halt ein und das Glück war dabei.

Die kleinen Dinge – Dankbarkeit

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„1,69 €“ sagt die Bäckereiverkäuferin zu mir und etwas verunsichert gebe ich ihr meinen Geldschein. Sie kassiert ab, gibt mir das Restgeld und will sich dem nächsten Kunden zuwenden. „Das kann aber nicht sein“, bemerke ich und als sie erstaunt schaut, sage ich, dass ich zwei Teile hatte und eins davon über drei Euro kostet. Sie stutzt und dann kommt sichtbar der richtige Gedanke. Sie kassiert nochmal ab und freut sich über eine ehrliche Kundin. Sie war offenkundig dankbar.

Zufrieden packe ich mein Frühstück ein und mache mich auf den Weg ins Büro. Das entspannte Gesicht der Verkäuferin lässt mich auf dem Weg aber doch nachdenklich werden. „Sie war offenkundig dankbar“, „Dankbarkeit“, „dankbar sein“ … können wir die kleinen Dinge sehen, anerkennen und bemerken. Was löst Dankbarkeit bei uns aus? Beim dem der dankbar ist und demjenigen, dem Dankbarkeit gezollt wird.

Ich frage verschiedene Menschen, für was sie Dankbarkeit empfinden. Ein junger Mann erzählt mir, dass er einmal drei Tage kein Geld und nichts zu essen hatte. Heute hat er einen sehr guten Job, aber er vergisst nie, was er erlebt hat und macht sich das jeden Tag bewusst. Eine Frau erzählt mir, dass sie dankbar für ihre Familie ist, ihre Kinder, ihren Enkel und einen Mann, der sie immer unterstützt. Sie fühlt sich sicher in ihrem familiären Gefüge. Und eine junge Kenianerin erzählt mir von ihrem Land. Dass Kinder dort nur zur Schule gehen, wenn Eltern dafür bezahlen können. Die Kinder aber nur mit Schulbildung eine Chance im Leben haben. Sie ist ihren Eltern für immer dankbar, dass sie auf alles verzichtet haben, um allen acht Kindern diese Schulbildung zu ermöglichen.

Die Kenianerin erzählt mir auch, dass in Deutschland immer geklagt wird. Ob der Bus zu spät kommt, das Wetter zu nass oder zu heiß ist, die Straßen zu voll oder die Nachrichten zu schlecht. Sie sagt, dass jeder hier einmal in einem anderen Land leben sollte, um hier wieder schätzen zu können, was wir haben und dafür dankbar sein zu können.

Dankbarkeit, wenn man sie empfinden kann, ist ein positives Gefühl. Wenn wir Dankbarkeit empfinden, wissen wir, dass wir nicht alleine sind. Jemand hat etwas für uns getan oder etwas ist in unserem Sinne „gut gelaufen“. Wenn wir Dankbarkeit bei jemandem auslösen, sind wir ein bisschen stolz und freuen uns über die Dankbarkeit des anderen. Wir wissen, dass wir etwas richtig gemacht haben.

Dankbarkeit auszulösen ist eins der einfachsten Dinge, die man sich vorstellen kann. Manchmal sogar ungewollt. Ich ging einmal einen Flur entlang auf eine Glastür zu. Plötzlich kam mir auf der anderen Seite ein zweimeter Schrank entgegen. Einer der Jugendlichen von denen ich denke, dass ich sie lieber nicht um 22 Uhr auf dem Bürgersteig treffen möchte. Blitzartig schoss mir durch den Kopf, dass ich an ihm vorbei musste und bevor ich überhaupt reagieren konnte, hielt mir dieser riesige junge Mann die Glastür auf und sagte „Bitteschön“! Ich war ihm so dankbar (und schimpfte innerlich furchtbar mit mir wegen meiner Vorurteile. Aber das ist ein anderes Thema).

Dankbarkeit bewusst auszulösen, ist noch einfacher. Dazu bedarf es nur den Blick auf einen Mitmenschen und seine Bedürfnisse. Ein kleines Lob, eine Wertschätzung, ein Lächeln oder eine winzige Handreichung. Kleine Dinge, die nicht einmal eine große Anstrengung erfordern und so schnell Positives auslösen.

Wir können uns der Dankbarkeit auch absichtlich bedienen um das eigene Wohlbefinden zu steigern, unsere Einstellung Dingen gegenüber zu relativieren oder den Lebensweg erfolgreicher zu gestalten. Machen Sie doch einfach einmal eine Liste, in der Sie aufschreiben, was sie schon alles erreicht haben, wofür sie dankbar sind, wer ihnen Gutes getan hat oder wo sie selber unterstützen konnten. Machen sie sich regelmäßig bewusst, wofür sie dankbar sind. Sie werden die wohltuende Wirkung sehr bald bemerken und fröhlicher durch ihr Leben laufen, öfter lachen und offener Menschen gegenüber sein – einfach, weil die anderen merken, dass es ihnen gut geht.

Gerade jetzt in der Weihnachtszeit denkt man ja oft darüber nach, ob es ein gutes oder ein schlechtes Jahr gewesen ist. Denken sie nicht an die schlechten Dinge, denken sie daran, was gut gelaufen ist.

Dazu möchte ich dieses Beispiel erzählen: Am 1. Januar 2013 wurde das „Klamöttchen“ im KiJuNa – Kinder-, Jugend- und Nachbarschaftszentrum in Lichterfelde-Süd vollkommen zerstört. Jugendliche hatten in der Nacht einen Brand verursacht, der das Aus für den kleinen Laden bedeutete, in dem Kinder und Eltern für 50 Cent Kleidung, Spielzeug oder Schulsachen erwerben oder tauschen konnten. Nach dem ersten Schock ging es an die Aufarbeitung. Zum einen am Gebäude, zum anderen an die Verarbeitung des Erlebten. Sehr schnell wurde eine Projektwoche mit den Kindern und Besuchern des Nachbarschaftszentrum organisiert, in der alle ihrer Wut, Angst und Enttäuschung Ausdruck geben konnten. Es wurde gemeinsam verarbeitet und besprochen. Schließlich sind alle noch ein Stück weiter zusammen gerückt. Die Gemeinschaft im Haus wurde gestärkt und das “Klamöttchen” im Frühsommer wieder eröffnet. Letztendlich hat die Gemeinschaft aus dem Erlebten gewonnen und das Kinderlachen im KiJuNa wieder das Sagen! Das Jahr hatte schrecklich angefangen, aber letztendlich können wir allen MitarbeiterInnen der Einrichtung, Helfern, Kindern und Eltern dankbar sein, dass sie bereit waren, sich auf den Weg zu machen, das Gutes aus dieser Geschichte gewinnen zu lassen.

Am 5. Dezember ist Nelson Mandela gestorben. Allen Beileidsbekundungen, die man dazu lesen kann, ist eines gemein: Alle sind dankbar, dass es diesen großen Mann, der sich um die Menschenrechte verdient gemacht hat, gegeben hat. Er hat unser aller Leben verändert und die Welt ein bisschen besser gemacht.

Und letztendlich, bei allem was uns tagtäglich begegnet, allen Missgeschicken und Widrigkeiten zum Trotz, dürfen wir dankbar sein, dass wir immer wieder aufs Neue vor Herausforderungen stehen, bei denen wir es selber in der Hand haben, sie in positiver Weise zu beeinflussen.

Ich bin dankbar, dass ich die Gelegenheit habe, hier meine Gedanken zu äußern. Dankbar, dass dies ein Teil meiner Arbeit ist, die mich mit Spaß erfüllt. Dankbar, dass ich für einen Verein arbeite, der keine Dankbarkeit erwartet, aber sich hin und wieder über ein Lob freut. Und ich bin dankbar, dass ich mein Frühstücksbrötchen mit einem guten Gewissen essen konnte.

Kommen Sie gut durch die heiße Phase der Weihnachtsvorbereitungen – vielleicht sind sie ja dankbar, dass sie hier einmal für drei Minuten Luft holen konnten! 😉

Leitartikel der Homepage des Stadtteilzentrum Steglitz e.V.
vom 9. Dezember 2013

Geschwister – Familienbande

Lästiges Übel oder Gewinn für´s Leben?

Geschwister_24082013_webIch gehöre dazu. Ich bin sogar eine von Fünfen. Das Zweite von fünf Kindern. Ältere Schwester, jüngere Schwester und zwei jüngere Brüder. Nur ein „großer“ Bruder blieb mir verwehrt, sonst kann ich in jeder Hinsicht bei diesem Thema mitreden. Aber einfach ist das nicht unbedingt.

Als wir klein waren, haben wir uns überhaupt keine Gedanken darüber gemacht. Wir waren halt immer viele. Und wo viele sind, werden es auch immer mehr. Freunde waren bei uns immer im Haus, das gehörte dazu, fiel nicht weiter auf und zu irgendwem würde das zusätzliche Kind schon gehören. Ob es Freund oder Freundin von der großen Schwester oder einem Bruder war, das spielte gar keine Rolle. Das haben wir auch alle sehr genossen, war doch immer etwas los. Bei so vielen Kindern hat immer jemand eine Idee, was man anstellen könnte.

Später in der Schule fiel uns dann schon auf, dass die Augen doch manchmal sehr groß wurden, wenn wir erzählen (mussten), dass wir fünf Kinder zuhause waren. Bei den Erwachsenen konnten wir die Blicke nicht deuten. War es das Mitleid mit unseren Eltern, die uns durchbringen mussten oder die Bewunderung, dass sich jemand so etwas noch zumutete. Kamen wir vielleicht sogar aus ärmlichen Verhältnissen? Bei den Jugendlichen war es eigentlich immer Solidarität. Bei uns war immer etwas los, es gab immer etwas zu erzählen, es gab immer etwas zu essen und es gab (fast) immer etwas zu Lachen. Und wir haben etliche Einzelkinder in allen Zeiten erlebt, die sich sehr wohl bei uns fühlten.

Natürlich gab es auch Streit. Bei fünf Kindern ist es vollkommen natürlich, dass der eine zum anderen besser passt oder eine andere Konstellation überhaupt nicht geht. Aber damit lernt man umzugehen und letztendlich auch die Erkenntnis zu schätzen, dass man gerade trotz der hohen Kinderzahl doch einzigartig ist und nicht in einen Topf gehört. Und man lernt mit der Zeit, die Stärken und Schwächen der Geschwister zu nutzen. Ist der eine der kreative Kopf, der andere der stille Philosoph, gibt es immer auch den starken Redner, den logischen Denker oder den tatkräftigen Bauchmenschen. Geschwister ergänzen sich im Idealfall, stärken sich den Rücken und ziehen eine unglaubliche Kraft aus dem Gemeinschaftsgefühl. Streit gehört dazu, um immer wieder die Stärke zu messen und Grenzen abzustecken, um dann wieder den sprachlosen Eltern mit diesem entwaffnenden „War doch gar nicht so schlimm“-Lächeln entgegen zu leuchten!

Und oft genug war uns vollkommen klar, dass wir eine eingeschworene Bande sind – wir fünf gegen den Rest der Welt. Hat einer ein Problem, stehen vier zur Seite – bis heute. Heute sind wir erwachsen, leben alle in verschiedenen Städten, und drei Geschwister sind verheiratet und haben eigene Familien. Dennoch ist das Band geblieben. Die Ehemänner mussten mit der geschwisterlichen Verbundenheit umgehen lernen. Wir pflegen intuitiv einen sehr engen Kontakt, und uns wird gerade im Alter bewusst, wie sehr wir uns gegenseitig brauchen. Sind die Geschwister doch die Menschen, denen ich nichts erklären muss. Sie wissen, in welchem Muster ich denke und wissen nach einem Wort von mir, wie es mir geht. Wir geben uns gegenseitige Geborgenheit, finden immer Verständnis und können mit unzähligen Geschichten und Erinnerungen alles um uns herum vergessen.

Wenn wir von anderen hören, dass Familienbande gebrochen sind, kein Kontakt mehr zu Geschwistern besteht oder nur noch Konflikte das Miteinander bestimmen, macht uns das sehr traurig und sprachlos. Aber es macht uns auch unendlich dankbar – wissen wir doch, was wir an einander haben!