Schenk’ mir doch ein bisschen Zeit …

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Sie wischte die beiden letzten Tische noch ab, stellte die Stühle wieder gerade ran und warf den Lappen auf die Ablage. Ihr Blick ging noch einmal durch den großen Raum – nur nichts vergessen. Dann schob sie den Wagen in die Abstellkammer, zog den Kittel aus, den Mantel an und machte sich auf den Heimweg. Unten auf der Straße kamen ihr dann all die Gedanken und Sorgen wieder in den Sinn, die sie so erfolgreich für ein paar Stunden verdrängt hatte. Weihnachten kündigte sich an.

Fine war eine Kämpferin, war sie schon immer, aber im Moment ging ihr ein bisschen die Luft aus. Die ersten paar Jahre mit den Kindern waren sehr schwer für sie. Sobald es aber ging und die Kinder im Kindergarten bleiben konnten, hatte sie sich wieder Arbeit gesucht und sich tapfer durchgeschlagen. Zu dem einem Job nahm sie auch noch einen zweiten an und so schaffte sie es, sich und die Kinder recht gut über die Runden zu bringen. Wenn nicht so Sachen wie Klassenfahrt, eine Brille, neue Schuhe oder eben Weihnachten dazwischen kam. Dann wurde es schwierig. Vor ein paar Tagen hatten ihr dann Tom und Lena ihre Wunschzettel gegeben. Die lagen in ihrer Tasche und Fine traute sich nicht die Wunschzettel zu lesen.

Sie hatte Angst. Angst, dass dort Wünsche standen, die sie nicht erfüllen konnte. Angst vor der Enttäuschung der Kinder und vor dem Gefühl versagt zu haben. So ging sie nach Hause, wo ja auch noch ein bisschen Arbeit auf sie wartete. Zuhause im Hausflur traf sie wieder mit Frau Müller zusammen. Als wenn die alte Dame immer darauf warten würde, dass sie nach Hause kommt. Frau Müller hatte eine Ader dafür ihr auch dieses Gefühl von Versagen zu geben. Ständig fragte sie, ob sie etwas helfen könne oder ihr mal die Kinder abnehmen soll. Aber das wollte sie nicht, sie wollte alles alleine schaffen.

Tom und Lena kamen ihr schon an der Tür entgegen und nach der freudigen Begrüßung machten sie gemeinsam Abendessen. Das war die einzige Zeit am Tag, wo sie ein paar Dinge erzählen und besprechen konnten. Tom erzählte von seinem Nachmittag mit seinem Freund und Lena hatte sich mit einem Mädchen in der Schule gestritten. Fine hörte mit halben Ohr zu und war in Gedanken schon bei der Hausarbeit. Bis Lena fragte, ob der Weihnachtsmann wohl schon ihre Wunschzettel gelesen hätte. Fine stand sofort auf und meinte nur „Ganz bestimmt!”

So ging es viele Tage weiter. Fine arbeitete, ging nach Hause, ging wieder zur Arbeit. Immer gehetzt und bemüht alles richtig zu machen. Doch die Wunschzettel las sie nicht. Kleinigkeiten hatte sie besorgt, für jedes Kind drei verschiedene Sachen, aber eben Kleinigkeiten. Das schlechte Gewissen war groß, aber die Angst vor den Wünschen größer. Am Sonntagnachmittag vor Weihnachten klingelte Frau Müller. In den Händen hielt sie ein Tablett mit einer großen Kugel drauf. „Ich habe einen Teig geknetet und jetzt tun mir meine Hände so weh, dass ich fragen wollte, ob ich mir die Kinder zum Plätzchen ausstechen leihen könnte.“ Fine guckte sie mit großen Augen an. Das war doch nur ein Vorwand, dachte sie, aber da standen schon Tom und Lena an ihrer Seite und wie sollte sie da nein sagen. „Ok, wenn es wirklich hilft, natürlich gerne.“ und schon waren die Kinder verschwunden – Frau Müller mit einem fröhlichen Lächeln auch.

Fine schloss nachdenklich die Haustür. Das war jetzt ein günstiger Moment für die Wunschzettel. Zuvor wollte sie jedoch die Wäsche aufhängen, den Küchenschrank endlich mal aussortieren, die Schuhe putzen, die Betten frischen beziehen, das Bad putzen, zwei Überweisungen ausfüllen … oh, was war sie doch für ein Feigling. Abends war alles fertig und geputzt, die Kinder wieder zuhause und das Gewissen immer noch schlecht. Als sie schlafen ging, schaute sie noch einmal ins Kinderzimmer. Blickte verliebt auf die schlafenden Kinder und nahm sich ganz fest vor am nächsten Tag zu lesen.

Und plötzlich war Weihnachten da. Fine musste nur bis mittags arbeiten, das Büro in dem sie putzte war zu. Sie ließ die Kinder schlafen, es waren ja eh Ferien und machte sich auf den Weg. Sie hätte sich so gerne gefreut, auf heute Abend, auf ein paar freie Tag, auf ein bisschen gemeinsame Zeit mit den Kindern. Hätte sie doch nur rechtzeitig die Wunschzettel gelesen. Nun war es zu spät. Immerhin hatte sie etwas Leckeres zu essen besorgt und auch ein kleines Bäumchen hatte sie heimlich auf dem Balkon versteckt. Die kleinen Geschenke waren in schönes Papier gehüllt und sicherlich würde Frau Müller ein paar der gebackenen Plätzchen rüber bringen. So hatte sie ja einen Grund zu klingeln.

Als sie zuhause vor der Wohnungstür stand, klebte ein großes buntes Plakat an der Tür. „Weihnachtszone – drei Tage nicht stören!“ stand darauf. Jetzt musste Fine ja doch lachen. Viele bunte Kugeln, Tannenzweige, Nikoläuse und Engel hatten die Kinder darauf gemalt. Und ganz unten in der Ecke stand in ganz kleiner Schrift „Außer Frau Müller!“ Hm, dachte Fine, die Kinder scheinen Frau Müller ja in ihr Herz geschlossen zu haben. Sie schloss die Haustür auf und schon im Flur sah sie die Veränderung. Ging weiter und sah die Kinder fröhlich im Wohnzimmer stehen, wo sie ganz fleißig unglaublich viele Papiersterne aufhängten. Überall, in der ganzen Wohnung hingen Sterne, in allen Farben und Formen. Tom und Lena schauten Fine ernst an. „Gefällt es dir?“ fragte Lena zaghaft. „Es ist wunderschön,“ sagte Fine und das Lächeln der Kinder machte sie ganz glücklich.

Sie machte sich einen Kaffee und schaute den Kindern zu, bis sie ihr Werk vollendet hatten. Dann schmückten sie gemeinsam das Bäumchen. Fine deckte den Tisch und dekorierte ein bisschen und ging dann in die Küche um das Essen vorzubereiten. Danach hatte sie keine Ausrede mehr um die Bescherung hinauszuzögern. Sie schickte die Kinder ins Kinderzimmer, legte die kleinen Geschenke unter den Baum und zündete die Kerzen an. Genau in dem Moment klingelte es. „Nicht jetzt – nicht jetzt, Frau Müller!“ schimpfte sie vor sich her. Aber nicht öffnen ging ja auch nicht. Frau Müller stand mit einem strahlenden Lächeln vor der Tür. Natürlich mit einem Tablett in der Hand auf dem ein großer Plätzchenteller stand, in der einen Ecke noch eine Flasche Wein und zwei kleine Geschenkpakete. Dazwischen steckte ein Briefumschlag. „Also, ich wollte das hier abgeben. Nicht das Tablett,“ sagte Frau Müller. „den blauen Umschlag, den müssen sie lesen.“ Was Fine in dem Moment dachte, beschreiben wir hier lieber nicht, aber sie nahm den Umschlag und las: „Liebe Frau Müller, wir möchten nicht, dass sie alleine Weihnachten feiern müssen und weil sie immer Zeit für uns haben, möchten wir sie gerne zu uns am Nachmittag einladen. Zusammen macht das viel mehr Spaß. Also bitte kommen – Tom und Lena!”

Jetzt holte Fine ganz tief Luft, drehte sich um und bevor sie etwas sagen konnte, hingen schon die Kinder an ihr und sagten „Bitte, bitte, Mama!“ Sie musste in Sekundenbruchteilen entscheiden, ob sie jetzt wütend wird und den Nachmittag verdirbt oder den Wunsch der Kinder erfüllt. Der Blick in drei Paare Augen genügte. „Na, dann kommen sie mal rein, Frau Müller. Aber ich weiß nicht, ob das Essen dann reicht.“ „Na, dann trinken wir halt einen Schluck Wein mehr. Ich hab’ auch noch Nachschub zuhause,“ meinte Frau Müller nur und schob sich mit Tablett an Fine vorbei.

Sie gingen gemeinsam ins Wohnzimmer, wo leise die Weihnachtsmusik spielte. Ein paar Lieder sangen sie mit, die Kinder sagten zwei wunderschöne Gedichte auf und dann wünschten sie sich frohe Weihnachten. Danach machten die Kinder ihre Geschenke auf und zu Fines Überraschung waren beide vergnügt und freuten sich sehr. Das Essen reichte natürlich für alle und Frau Müller stellte sich als wahrer Scherzbold heraus, so hatten sie schon lange nicht mehr gelacht. Als die Kinder im Bett waren, unterhielt sich Fine noch lange mit Frau Müller. Sie erzählte einmal ihren ganzen Kummer von der Seele. Das tat ihr richtig gut und sie konnte später auch das Angebot von Frau Müller annehmen, sich ein bisschen mehr mit den Kindern zu beschäftigen. Als sie Frau Müller verabschiedete, dachte sie, dass die alte Dame doch sehr nett ist.

Es war ein sehr schöner Abend gewesen und als Ruhe einkehrte, kamen Fine wieder die Wunschzettel in den Sinn. Nun traute sie sich, ging zur Tasche, nahm beide Umschläge heraus und öffnete sie. Als sie fertig gelesen hatte, standen ihr die Tränen in den Augen. Sie ging wieder zur Kinderzimmertür und schaute auf die schlafenden Kinder. In beiden Wunschzetteln stand nur ein einziger Wunsch: „Lieber Weihnachtsmann, schenke doch der Mama ein bisschen Zeit!”

Es gibt so viele …

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Ruhe kehrt im Land nun ein,
wir sehen all’ den Kerzenschein.

Garten, Balkon und Fenster geschmückt,
mit einem Heer von Lämpchen bestückt.

Wunschzettel werden vielleicht erfüllt.
Geschenke in glitzerndes Papier gehüllt.

Die Kinder lernen ihr Gedicht
und fleißig ist der Weihnachtswicht.

Der Speiseplan liest sich gar köstlich,
dass ist für manche Gans nicht tröstlich.

Und ist der Tannenbaum geschmückt,
greifbar der Abend in die Nähe rückt.

Doch will dies Fest eine Botschaft haben,
nicht nur die reich gefüllten Gaben.

Es ist das Fest der Nächstenliebe,
tragen soll es gesunde, fruchtbare Triebe.

Es gibt so viele, die gar nichts haben,
in ihrem Alltag wirklich darben.

Es gibt so viele, die sind allein,
und sitzen ganz still im leeren Heim.

Es gibt so viele, die sind krank,
die zollen kleiner Geste großen Dank.

Es gibt so viele, die sind zerrüttet,
manch böser Gedanke in ihnen wütet.

Es gibt so viele, die fremd bei uns sind,
über Anerkennung freuen sich wie ein Kind.

Und es gibt viele, die nicht sind wie wir,
sagt einfach zu ihnen „Willkommen hier!“

Dabei ist überhaupt gar nicht wichtig,
ob die Weihnachtsgeschichte ist erfunden oder richtig.

Auf dass ihre Botschaft verstanden werde,
wir sind alle Kinder dieser Erde.

So überlege ein jeder für sich selber,
wo sind seine unbestellten Felder?

Wo kann ich helfen, was kann ich tun,
der Menschheit verhelfen zu ihrem Ruhm?

Das ist des Festes eigentlicher Sinn.
Das Ziel zu dem wir alle woll’n hin.

Es gibt so viele, die könnten was tun,
lasst eure Taten niemals ruhen!

Ich bin kein großer Dichter – es hat einfach Spaß gemacht, einmal diese Form zu wählen.

Heute ist Weihnachten. Bei uns ist alles vorbereitet und wir freuen uns insbesondere darauf, dass wir gemeinsame schöne Stunden verbringen werden. Auch beide Töchter äußersten sich ähnlich: „Hauptsache, wir sind zusammen und machen es uns gemütlich.“ – aus dem Mund meiner Kinder ein großes Geschenk für mich!

Ich wünsche jedem, der dies hier liest, ein wunderschönes Fest – jedem nach seinem Geschmack und Wünschen. Ich persönlich wünsche mir, dass der Weihnachtsgedanke viele gesunde, fruchtbare Triebe trägt und viele Menschen erreicht – weit über das Weihnachtsfest hinaus.

Allen Freunden, Lesern, … allen die zufällig hier vorbeigekommen sind

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Unter der Mütze versteckt!

Foto: © Claudia Paulussen - Fotolia.com

Foto: © Claudia Paulussen – Fotolia.com

An einem Winterabend ging ich mit meinem Mann eine Straße in Berlin-Neukölln entlang. Ein Puppentheater war unser Ziel. Es war dunkel, kalt und Schneeregen fiel. Wir kamen an vielen kleinen Läden vorbei, die trotz des Wetters ihre Waren zur Straße hin präsentierten, geschützt unter Regendächern. Dazwischen immer wieder kleine Cafés, in denen meist Männer saßen, sich unterhielten und Kaffee tranken. Nach einer Weile sagte ich scherzhaft zu meinem Mann, ich wäre froh, dass ich eine Mütze auf dem Kopf tragen würde und man meine blonden Haare nicht sehen konnte. Es kam mir vor, als wenn wir in einer Stadt in einem südlichen Land wären. In diesem Viertel leben wohl vornehmlich Bürger aus anderen Nationen. Dieses Gefühl ist es, denke ich, das jemand in ähnlicher, viel bedrückender, Weise hat, der in dieses Land kommt, fremd ist und sich vollkommen neu orientieren muss.

Seit zwei/drei Wochen habe ich ein ganz anderes Gefühl – ein ziemlich schlechtes. Ich werde es nicht mehr los und habe hin und her überlegt, ob ich es beschreiben soll oder es lieber sein lasse, meinen Senf dazu zu geben. Ich habe übelst viele Beiträge über die Demonstrationen in Dresden gelesen. Was dort vor sich geht, wollte ich begreifen. Deren Thesen habe ich mir angeschaut und auch darauf geachtet, Artikel zu lesen, die aus unterschiedlichsten politischen Richtungen kommen. Es hat alles nichts genutzt. Mein Gefühl wird immer schlechter und es geht mir nicht gut damit. Heute habe ich einen Film gesehen in dem diese Demonstranten zu Wort kommen und ihre Beweggründe beschreiben auf die Straße zu gehen. Im Moment bin ich nur fassungslos.

Jeder, der sich einigermaßen in der speziell deutschen Geschichte auskennt, weiß, dass ein ähnliches Muster gar nicht all zulange her ist – und es hat in einer unmenschlichen Katastrophe geendet. Ein Stellvertreter für den allgemeinen Bürgerfrust ist gefunden. Die Masse wird von wenigen mobilisiert und instrumentalisiert ohne zu merken, was eigentlich vor sich geht. Sie wird gelenkt in dem Glauben für etwas auf die Straßen zu gehen, das sie in Wirklichkeit mit jedem Schritt zerstört. Die Zyklen der Geschichte drehen sich weiter, aber ich hätte nie geglaubt, dass sie so unglaublich kurz sind. Und dass es so unglaublich leicht ist, so viele Menschen für dumm zu verkaufen – oder sie einfach dumm.

Geradezu als Frechheit empfinde ich es, die Behauptung dieser Wenigen zu hören, sie seien das Volk. 15.000 Demonstranten behaupten das Volk zu sein. 15.000 von 80 Millionen Menschen, die hier leben. Selbst wenn man die stillen Sympathisanten noch mit einrechnen könnte, wären sie noch lange nicht das Volk. Das Volk sind hier lebende Menschen, mit oder ohne Migrationshintergrund. Das Volk sind alle Schlesier und Ostpreußen, die nach dem letzten Weltkrieg das gleiche wie heutige Flüchtlinge erlebt haben, die sich hier integrierten und einen bedeutenden Anteil an diesem Staatswesen haben. Das Volk sind Hugenotten, Holländer und Russen, die unter dem Vielvölkerstaat Preußen das Glück hatten Zuflucht zu finden. Zuflucht – hier – das sind unsere Vorfahren. Das Volk sind alle südländischen Arbeiter, die wir in den 60er Jahren brauchten um dieses Land wieder aufzubauen und alle Türken, Araber, Afrikaner und viele andere … alle die tagtäglich ihren Anteil am Gemeinwesen hier leben und dieses Land multikulturell und weltoffen machen. Weltoffen – zumindest versuchen sie es.

Sie wollen Deutschland vor der Islamisierung schützen. Eine Gefahr, die nicht existent ist. Wie kann ich mein Land vor einer Religion schützen wollen, wenn ich die eigene Christliche nicht einmal begriffen habe. Oder noch schlimmer – eine Frau sagte ins Mikrofon: „Ich bin ja nicht religiös, will Weihnachten aber auch nicht in der Moschee verbringen!“ – Gute Frau, warum feierst du überhaupt Weihnachten, wenn du nicht religiös bist und was interessiert dich dann der Islam? Wenn ich so eine Behauptung in ein Mikrofon gesprochen hätte, könnte ich mir nur noch ein Erdloch suchen und hoffen, dass mich nie wieder jemand findet.

Wer bei diesen Demonstrationen mitläuft, hat ganz andere Probleme als die mit dem Islam. Und was immer das auch für Probleme sind, lassen sie sich in einem Schmelztiegel von Gleichgesinnten leichter ertragen. Diese Probleme sind existent und in unseren derzeitigen sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen sicherlich zu finden. Das berechtigt aber noch lange niemanden, dafür fremde Menschen verantwortlich zu machen, nur weil sie einen anderen Ursprung haben. Manche, die etwas ändern könnten, denken nur bis zur nächsten Wahl und gehen vorsichtig auf Kuschelkurs mit diesen Demonstranten – nur nicht zu viele Wähler vergraulen … Viele, die etwas ändern könnten, halten aus Bequemlichkeit den Mund.

Ich bin keine Expertin in der Soziologie und Politik dieses Landes. Mein Gefühl ist im Aufruhr und falsche Gefühle gibt es nicht. Ich bin enttäuscht, weil ich in den letzten Jahren glaubte, dieses Land öffnet sich weiter den fremden Nationen. Jetzt zeigt sich, dass der Rassismus selbstbewusster geworden ist, sich traut auf die Straße zu gehen, Gesicht zu zeigen … und die Unverschämtheit besitzt im Namen des Volkes zu sprechen. Parolen aus anderen Zusammenhängen klaut, Menschen diskriminiert, massenhafte Volksverblödung betreibt. Es macht mir Angst, dass sich diese Bewegung unter dem Deckmäntelchen des braven Bürgers versteckt, dem ich tagtäglich überall begegnen könnte. Welch eine grausige Vorstellung.

Und eine große Sorge macht sich in mir breit. Im nächsten Jahr wird mein Neffe geboren. Wir freuen uns alle ungemein auf dieses Kind. Er wird in Deutschland geboren, wird unsere Sprache sprechen, wird einen deutschen Namen haben, ist mit mir in direkter Linie blutsverwandt … und er wird höchstwahrscheinlich eine dunkle Hautfarbe haben. Seine Mutter ist Kenianerin. In was für eine Zeit wird er hineingeboren, in der Fremdenfeindlichkeit wieder auf die Straße geht. Was muss er einmal erleben, wie muss er sich als Deutscher behaupten, welche Gegenden von Deutschland sollte er meiden, welche Vorbehalte muss er ertragen. Er wird sich keine Mütze auf den Kopf setzen können, aber ich werde für meinen Anteil eingestehen, damit er mit einem guten Gefühl durch alle unsere Straßen laufen kann.

Die letzte Mohnstolle …

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Ich sah aus dem Augenwinkel, dass eine E-Mail von der Mutter ankam, worüber ich mich immer freue. Als ich sie las, war ich gar nicht mehr so freudig. Ich wusste nicht, wie ich sie einschätzen sollte. Es war die Ankündigung an meine Geschwister und mich, dass unsere Weihnachtspäckchen unterwegs seien. Das bedeutet in der Regel, bald gibt’s Mohnstollen, den sie jedes Jahr für uns backt – so lecker! Also eigentlich etwas, was Freude bei mir auslösen sollte. Aber in der Mail stand auch der Satz: „Genießt den Kuchen, denn ab jetzt könnt Ihr nur noch das Rezept von mir bekommen.“ Schon schlugen die Gefühle Purzelbaum – richtig auf’s Päckchen freuen wollte ich mich nicht mehr. Natürlich antwortet ich fröhlich, dass sie mir sicherheitshalber das Rezept schicken solle, falls ich sie im nächsten Jahr nicht mehr überreden könne, wieder eine Stolle zu backen.

Was mich so „unfreudig“ gestimmt hatte war die Tatsache, dass sich meine Mutter bester Gesundheit erfreut. Sie ist aber auch ein sehr klar denkender Mensch, der Tatsachen anspricht und ehrlich damit umgeht. Also auch, dass sie älter wird und manche Dinge ihr nicht mehr von der Hand gehen wie früher. So auch das Backen der Stollen für fünf „Kinder“ zu Weihnachten. Unterschwellig war aber auch eine andere Botschaft damit verbunden, die sich für mich durch dieses ganze Jahr zieht. Ich muss bereit sein mich von Menschen zu verabschieden. Akzeptieren, dass Menschen sich auf die letzte Lebensphase vorbereiten. Damit verbunden auch annehmen, dass dieses Thema für mich persönlich näher kommt. Ein sehr unbequemes Thema, wenn man eigentlich Mitten im Leben steht.

Im Juni haben wir die Schwiegermutter auf andere Weise verloren. Sie ist in die Demenz gefallen, das hatte ich in diesem Beitrag schon einmal beschrieben. Die ersten Wochen und Monate waren sehr schwer und wir mussten lernen damit umzugehen. Demenz muss man erleben, sonst kann man sich schwer vorstellen, wie sich die betroffenen Menschen verändern. Dabei haben wir es noch relativ gut getroffen, da sie zweihundert Meter weiter im Seniorenheim sehr gut untergebracht ist. Es fällt uns dennoch immer schwer sie zu besuchen. Ein Teil in uns möchte, dass es wieder so wie früher wird und der andere Teil beobachtet sehr realistisch, dass sich diese einst starke Frau immer weiter von uns entfernt. Sie wird kleiner, transparenter, leiser, zärtlicher, dankbarer … weniger!

Ich habe ihr eine kleine Nikolaustüte gepackt. Ein Schokoladen-Nikolaus, ein Schoko-Glückskäfer (den sie uns immer schenkte) und dann noch jeweils eine Klappdose mit Bonbons und eine mit kandiertem Ingwer. Ich war gespannt und diesmal fiel es mir nicht so schwer sie zu besuchen, hoffte ich doch, dass sie diese Dinge erkennt und sich freut. Normale Tüten zu öffnen und schließen geht mit ihren Fingern nicht mehr. Ich zeigte ihr, wie sie die erste Dose auf bekommt. Auf die Frage, ob sie weiß, was es ist, meinte sie: „Na diese Bonbons, diese Ca… , diese mit Lakritz.“ und ich sagte „Ja, Cachou-Bonbons!“ Sie nahm ganz schnell die zweite Dose in die Hand, die sie selber öffnete. „Ach, Ingwer!“ und schon war der erste in ihrem Mund. Ihr Lächeln war mehr als 1000 Goldstücke wert. Nach einem schönen Spaziergang mit ihr, ging ich einigermaßen zufrieden nach Hause. Nur einigermaßen zufrieden, weil sie mir im Gespräch wieder gesagt hatte, dass sie manchmal nicht mehr aufwachen möchte. Das tut weh. Zufrieden, weil ich gesehen habe, dass sie sich über Kleinigkeiten freut und ich aktiv etwas tun kann. Cachou-Bonbons und Ingwer, die sie immer liebte, sind offensichtlich noch in ihrer Erinnerung wach. Wer weiß, wie lange noch.

Abschied hat immer etwas Schweres in sich, ob plötzlich oder langsam, spielt keine große Rolle dabei. Man kann etwas nicht wieder zurückholen, es ist endgültig und die Angst, was diese Veränderung mit sich bringt und die verbundene Ungewissheit doch groß. Ein Kollege hat kürzlich seine Mutter verloren. Sie war friedlich eingeschlafen, was sicherlich tröstlich war, aber damit ist für ihn die ganze Elterngeneration weggebrochen. Er hat am Tag der Beerdigung einen sehr schönen, ergreifenden Nachruf an seine Eltern veröffentlicht. Ich habe ihn sehr bewundert dafür, weil er offen über seine Trauer sprach, dennoch seine Dankbarkeit zu Ausdruck brachte und seine Verbundenheit und Liebe zeigen konnte. So hat er seinen Söhnen vermittelt, was er selber an Erziehung erfahren hat, was er an Erziehung den Söhnen weitergeben wollte und die Söhne dies in ihre Kinder weitergeben können. Trotz aller Trauer hat er einen Weg aufgezeigt, wie seine Eltern weiterleben in der Erinnerung und der Erziehung der Kinder in dieser Familie.

Es geht immer weiter – anders halt, aber es geht! Manchmal schwer, manchmal leichter … mir ist bewusst, dass ich die Veränderungen nicht aufhalten kann. Will ich auch nicht, genauso wenig wie ständig daran denken. Oder durch so eine Mail mit einer Mohnstolle daran erinnert werden. Lieber konzentriere ich mich auf das Jetzt. Überlege, wie ich die Zeit, die ich z.B. mit der Schwiegermutter noch habe, nutzen kann. Wie ich mich auf Veränderungen vorbereiten und wappnen kann. Genauso wie ich bereit sein muss, mich von Menschen zu verabschieden, muss ich bereit sein, Menschen in meinem Leben zu begrüßen. Was steht mir noch mit meinen Kindern bevor? Ich bin so dankbar, dass ich sie um mich habe, sind sie doch ein entscheidender Motor für mein Leben. Ich freue mich auf neues Leben, denn sicherlich werde ich in vielen Jahren auch einmal Oma sein. Erst einmal werde ich Tante – im nächsten Mai bekomme ich eine Nichte oder einen Neffen. Mein jüngster Bruder wird das erste Mal Vater und die Familie wächst weiter. Ein absoluter Grund für Optimismus – so eine große Freude für uns alle.

In diesem Jahr genieße ich die letzte, von der Mutter gebackene, Mohnstolle, denn das Päckchen ist angekommen. Im nächsten Jahr … backe ich sicherheitshalber schon mal selber … oder schaffe es doch noch, sie wieder zu überreden! 🙂 Denn es gibt einfach Gerichte und Gebackenes, die bei aller Mühe nicht so schmecken wollen, wie es zuhause einmal war!

 

 

 

Heinrich saß auf der Bank …

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… und grübelte über alles mögliche nach. Eigentlich grübelte er gar nicht – er muffelte vor sich hin. Gleich von morgens an war die schlechte Laune sein Begleiter, was sich im Laufe des Tages auch nicht ändern sollte. Nach der Arbeit holte er sich auf dem Nachhauseweg einen Kaffee und setzte sich auf die Bank. Vielleicht kam ja so ein Hauch guter Laune vorbei.

Vor ihm liefen die Leute emsig beschäftigt von einem Geschäft in das andere. Nach jedem Geschäft mit mehr Tüten bepackt. Männer, die eher wie Lastenheber wirkten. Frauen, denen die Angst ins Gesicht geschrieben stand, nicht alles zu bekommen. Kinder, die lieber woanders wären, als hier aufzupassen, dass sie nicht überrannt werden. Viele Leute, alle mit sich selbst beschäftigt. Keiner, der einen Blick dafür hatte, dass überall schöne Weihnachtsdeko hing. Und Heinrich konnte nicht mitmachen … das ärgerte ihn am meisten.

Er hatte sich seinen Weihnachtswunsch schon erfüllt. Heinrich wollte einen riesengroßen Fernseher haben. Den hat er sich seit sieben Monaten zusammen gespart. Jetzt mit dem letzten Gehalt hatte er das Geld zusammen und nach dem Kauf soviel übrig, dass er noch so gerade über den Monat kam. Mehr aber auch nicht. Hätte er doch einen Monat gewartet. Das war der Grund für seinen Ärger. Jetzt hatte er das Riesending zuhause stehen, aber nix mehr übrig für die Fahrkarte zu Muttern oder für irgendwelche anderen Annehmlichkeiten, die man sich zu Weihnachten gönnt. Frohes Fest aber auch.

Aus dem Augenwinkel heraus beobachtete er einen Stadtstreicher, der immer näher in seine Richtung kam. „Bitte nicht hierher, nicht hier auf die Bank,“ dachte Heinrich. Er wollte doch alleine sein. Alleine mit seinem lauwarmen Kaffee. Aber denkste. Natürlich kam der Mann immer näher und fragte mit einem freundlichen Lächeln, ob hier noch frei sei. War’s ja wohl offensichtlich und Heinrich hatte zwar schlechte Laune, aber unhöflich war er nicht. „Ich bin Kalle!“ sagte der Stadtstreicher. „Heinrich“ stellte er sich vor und dachte nur, dass er sich bloß nicht unterhalten wollte. „Schlechte Laune, wie?“ fragte Kalle. Heinrichs Stirnfalte zog sich verdächtig zusammen: „Wie willste das denn wissen?“ „Na, ich hab den Blick, weißte. Den bekommt man hier unter den Leuten! Das lernt man. Das muss man lernen,“ sagte Kalle und freute sich über seine Erkenntnis. Heinrich fühlte sich ertappt.

Kalle breitete sich auf der Bank aus. Der hatte ja eine ganze Menge Gepäck. Tüte hierher, Tasche da rüber, Tüte auf die andere Tüte und so dauerte es eine Weile, bis Kalle alles so hingepackt hatte, dass er gemütlich sitzen konnte. „Muss alles seine Ordnung haben, weißte!“ sagte er mit einem Zwinkern zu Heinrich. „Und jetzt erzähl mal, Junge.“ … Heinrich drehte ganz langsam den Kopf zu Kalle … wie, um Himmels willen, kam der alte Mann darauf, dass er ihm jetzt was erzählen wollte. Als er Kalle frontal ins Gesicht schaute, sagt der nur: „Dir ist doch ne Laus über die Leber gelaufen … lass sie raus, dann wird’s leichter!“ und strahlte den Jüngeren entwaffnend an. Heinrich schüttelte langsam den Kopf, aber innerlich musste er grinsen. Der Alte war schon irgendwie locker drauf. Ein großer Seufzer kam von ganz alleine aus ihm heraus und ohne, dass er es eigentlich wollte, erzählte Heinrich von seinem Groll.

„So, ein Fernseher also. Ein riesengroßer Fernseher. Junge, hol uns mal einen warmen Kaffee und dann unterhalten wir uns mal über Fernseher.“ Kalle saß auf der Bank, in seine Taschen und Tüten eingepackt, wie der Großvater, der gleich eine spannende Geschichte erzählen wollte. Heinrich brachte nur ein leises „Ok!“ heraus und kurze Zeit später hatten beide das wärmende Getränk in der Hand. Jetzt war Heinrich gespannt, was Kalle für Weisheiten über Fernseher von sich geben würde. Langsam machte ihm die Geschichte Spaß.

„Also, dein Fernseher. Da hast du dir ja was Tolles geleistet. Und was hast du jetzt davon? Alles was der kann, hast du hier draußen auch. Und trotzdem bist du hier frei. Kannst hingehen, wohin du willst und dir immer wieder neue `Programme´ aussuchen … ohne dass es irgendwas kostet.“ behauptete Kalle und machte eine gönnerhafte Bewegung mit der Hand. „Hä, wieso das denn?“ fragte Heinrich, „Wo hab ich hier Sport, Spielfilm, Politik, Unterhaltung, Musik … ?“ Kalle fing schon wieder an sein entwaffnendes Lächeln aufzusetzen. „Na, überleg doch mal. Um Sport zu gucken, gehe ich nachmittags auf den Bolzplatz. Wenn die Jungs mit der Schule fertig sind, wollen die sich bewegen. Da gibt’s die spannendsten Spiele. Ein bisschen dramatischer wird’s dann vor dem Gericht. Da kannste manchmal sogar Tränen sehen. Oder du suchst dir einen guten Platz vor einem Kaffee in dem sich Paare treffen … da spürst du die Herzchen förmlich in der Luft. Politik gucke ich vor der Polizeiwache oder vorm Rathaus. Mit ein bisschen Fantasie kann ich mir die interessantesten Geschichten zusammenreimen, von denen ich in der Zeitung gelesen habe. Unterhaltung hab ich überall – dafür brauche ich nicht so eine Kiste, die mich festnagelt. Fehlt noch Musik. Also dafür muss man eigentlich nur wissen, wo die Musikschule ist oder das Blasorchester jede Woche übt.“ „Und wo guckst du Kochsendungen?“ warf Heinrich ein. „Oh, die hab ich über die ganze Stadt verteilt. Glaub mir, wenn man frei ist, so wie ich, dann weiß man schon, wo die besten Köche sind. Das sind die mit Herz. Die, die etwas übrig haben.“ Heinrich guckte verlegen in seinen Kaffeebecher. Da war ja schon was dran, was der da von sich gab.

„Nicht schlecht, Kalle!“ gab er nach einer Weile zu. „darüber muss ich mir mal Gedanken machen. Unter Leute gehen, willste mir bestimmt damit sagen. Mich mit einfachen Sachen begnügen. Im Kleinen suchen, womit ich zufrieden sein kann.“ Kalle hielt ihm als Antwort nur seinen leeren Kaffeebecher hin. „Für noch’n Kaffee, gibt’s noch ein paar Lebensweisheiten.“ Jetzt musste Heinrich lachen. „Nee, Kalle, jetzt schalten wir mal das Programm um. Ich hab Hunger und für ne Doppelte Portion Currywurst und Pommes reicht mein Geld allmal noch.“ Kurze Zeit später war die Bank leer. Etwas weiter liefen zwei Männer mit vielen Taschen und Tüten, die rege diskutierten und anfingen die Welt zu verbessern. Der Hauch guter Laune war ja doch an der Bank vorbeigekommen.