Ein Tag an dem Kunst verbindet

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Hochsommer in Berlin – dennoch war der beobachtende Blick auf die Wetterlage ratsam. Der Kunstmarkt der Generationen stand bevor und genau wie im letzten Jahr lang auch für diesen Tag eine Gewitterwarnung vor. Die Auswertung verschiedenster Wetter-Apps und Wetterberichte ließen auf ein Gewitter am frühen Abend hoffen. Optimistisch wurden alle Vorbereitungen abgeschlossen, die Helfer wussten wann sie wo eingesetzt wurden und der Marktstand-Aufsteller begann am 25. Juni morgens früh mit seiner Arbeit. 90 Kunstschaffende und ihre Kunstwerke wurden beim Kunstmarkt der Generationen erwartet, der nun schon im dritten Jahr stattfand. Pünktlich um 12.00 Uhr war alles fertig, der Markt begann mit strahlendem Sonnenschein und den ersten Besucherinnen und Besuchern.

„Es gibt Veranstaltungen, die so erfolgreich verlaufen, dass sie sich für eine Wiederholung geradezu anbieten. Der „Kunstmarkt der Generationen“ zählt dazu.“ begann Cerstin Richter-Kotowski ihre Begrüßungsrede. Die Bezirksstadträtin für Bildung, Kultur, Sport und Bürgerdienste fungierte schon im zweiten Jahr als Schirmherrin des Kunstmarktes und führte weiter aus, dass Kunst dabei hilft Menschen generationsübergreifend zusammen zu bringen. „Kunst kann im Alltag helfen, ganz nebenbei, wenn die Betrachtung von Kunstwerken etwas Positives bewirkt oder uns zum Nachdenken bringt. Kunst wirkt kommunikativ oder auch kontemplativ.“ Von der positiven Wirkung der Kunst überzeugte sie sich mit Thomas Mampel, Geschäftsführer des Stadtteilzentrums Steglitz e.V., gemeinsam auf ihrem Rundgang über den Kunstmarkt an allen Ständen und Kunstschaffenden vorbei.

KMdG_A_allg15KMdG_A_allg19Es ist immer ein Erlebnis den sonst eher ruhigen Schlosspark mit allen Marktständen zu erleben, von denen jeder für sich einzigartig ist. Die Atmosphäre des Schlossparks scheint wie geschaffen die bunte Vielfalt zu präsentieren. Vorwiegend bildende Künstlerinnen und Künstler zeigen ihr Schaffen aus verschiedensten Perspektiven, Stilen und Materialien. Keiner lässt sich mit dem anderen vergleichen und für jeden Geschmack scheint das richtige dabei zu sein. Kunsthandwerkerinnen und Handwerker bringen Abwechslung zwischen die Bilder mit Lederarbeiten, Papierarbeiten, Kerzen-, Stoff- oder Recyclingkunst. Schmuck findet sich ebenso wie Keramik für den Garten und mit ein bisschen Glück erlebt man die Autorin bei einer Leseprobe am nächsten Stand. An jedem Stand findet man ein nettes Gespräch mit den Kunstschaffenden, die sich dankbar auf interessierte Besucher einlassen und geduldig Fragen zu Technik oder Motiv beantworten. Ist eine Lücke zwischen den Besuchen findet man die Künstlerinnen und Künstler untereinander im Gespräch vertieft. Die Gelegenheiten zu fachlichem Gesprächen sind doch eher selten. Es ist ein Tag des Austausches und der Gemeinsamkeit im Sinne der Kunst, die für uns greifbar ist.

Zwei etwas andere Stände waren auch in diesem Jahr wieder dabei. Wie in den letzten beiden Jahren ließ es sich das KiJuNa – Kinder-, Jungend- und Nachbarschaftszentrum in der Scheelestraße nicht nehmen, zu zeigen welches kreative Potential die Kinder im Haus entfalten können. Tina Wagner stellte mit den Mädchen aus ihrer Kreativ-AG die Arbeiten aus dem Haus vor und verdeutlichten den Spaß, den die Kinder beim gemeinsamen Arbeiten haben. Die Lichterfelder Strolche, die Kita aus dem gleichen Haus, präsentierte an dem zweiten Stand die erste und eigen hergestellte CD, das Hörspiel „Die drei Räuber“ nach Toni Ungerer von und für Kinder. Mit der CD nahmen sie auch an dem kleinen Wettbewerb teil, den der Verein für diesen Tag unter den Einrichtungen des Stadtteilzentrums ausgelobt hatte. Sie konnten sich mit kreativen Ideen beteiligen und im Fall des Gewinns mit den Einnahmen des Kunstmarktes rechnen. Als zweites Projekt beteiligte sich die Kita Schlosskobolde, die im Gutshaus ansässig ist. Traudl Berberich erzählte den Besuchern von ihrem Projekt, dass sie mit den Kindern durchgeführt hatte und dessen Ergebnisse für jeden sichtbar aufgestellt waren. Aus Holzscheiten hatten die Kinder Figuren gebaut, die in Form, Farbe und Aussehen der Fantasie alle Ehre machten. Nicht wenige bedauerten, dass diese besonderen Kunstwerke nicht zu kaufen waren, sondern wieder in die kleinen Hände ihrer Urheber zurück gingen. Ein sehr schönes Beispiel, dass Fantasie und Kreativität keine Altersfrage kennt.

KMdG_A_tanz17Der dritte Wettbewerbsteilnehmer ist ein alter Bekannter auf Festen, die das Stadtteilzentrum Steglitz e.V. in seiner nachbarschaftlichen Arbeit ausrichtet. Anja und ihre Tanzgruppen hatten sich lange auf diesen Tag vorbereitet und boten ein kleines Potpourri aus Musicals an, deren Melodien in jedem Ohr nachklingen. Zu den Liedern von Grease, Mamma Mia, dem Dschungelbuch und Tanz der Vampire tanzten die Mädchen und rissen ihr Publikum mit, dass den verdienten Applaus sehr deutlich hören ließ. Es war eine sehr überzeugende Vorstellung, die den erhofften Gewinn bescherte. Aber was wäre eine soziale Einrichtung, wenn nicht auch an die anderen gedacht würde. So beschlossen die Gewinner, wegen der Unterschiedlichkeit der Beiträge zum Wettbewerb, den Gewinn zu teilen, was natürlich alle sehr freute!

KMdG_A_tanz5Nicht unerwähnt bleiben darf die kleine Überraschung, die Giovanna Saccullo den Besuchern bot: Zu orientalischen Klängen tanzte sie über die Wiese im Schlosspark, balancierte mit einem Hula Hoop-Reifen und verzauberte das Publikum. Das war eine sehr schöne Vorstellung, die so machen in die Märchen von 1000 und eine Nacht versetzte. Nach dem Wettbewerb und dem Tanz zerstreute sich das Publikum wieder im Park und fand Abwechslung an den Kunstständen oder gönnte sich eine Erfrischung. Man darf nicht vergessen, dass das Barometer eine große Herausforderung an diesem Tag war. Es war heiß und so manchem Künstler muss Respekt gezollt werden, dessen Stand in der prallen Sonne stand. Die Besucher suchten Schatten, gönnten sich die leckeren Cocktails, Grillwürstchen oder einen, von den Kunstschaffenden gespendeten Kuchen.

KMdG_A_allg88 KMdG_A_grillZum Schluss gilt es für uns noch „Danke!“ zu sagen. Alle Aktivitäten um das Gutshaus Lichterfelde herum, wurden an diesem Tag von ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern geleistet. Ob das die Herren am Grill, die Damen im Café, am Cocktail-Stand oder die Damen an der Kunstmarktaler-Kasse waren, die fleißigen Hände, die für Ordnung sorgten und sich um Gäste kümmerten … sie alle trugen wieder einmal dazu bei, dass dieser Tag im Sinne der Gemeinsamkeit ein Erlebnis wurde. Dies trotz der großen Hitze und oft über den geplanten Einsatz hinaus. Es ist ein Tag für alle, ein Tag an dem Kunst verbindet, Gemeinschaft bildet und Gemeinsamkeit vermittelt. So überlassen wir wieder Frau Richter-Kotowski das Schlusswort aus ihrer Rede: „Dem Stadtteilzentrum Steglitz danke ich für seine vielfältigen Projekte in diesem Bezirk und heute ganz besonders für die Durchführung des Kunstmarktes der Generationen. Sie leisten wirklich großartiges in der Nachbarschaftsarbeit!“ und versprechen – Wir machen weiter und laden herzlich zum 4. Kunstmarkt der Generationen am 24. Juni 2017 ein.

P.S.: Beim 4. Kunstmarkt der Generationen 2017 soll die Nachwuchsförderung im Fokus stehen. So rufen wir insbesondere Grund- und Oberschulen, Kunstschulen, Kunstprojekte mit Kinder- und Jugendlichen auf, sich an diesem generationsübergreifenden Markt zu beteiligen. Junge Talente sollen – gleich welche Kunstgattung – die Gelegenheit bekommen sich einem interessierten Publikum vorzustellen. Wir freuen uns auf Ihre Nachricht – Frau Manuela Kolinski, Telefon 030 84 41 10 40, E-Mail: kolinski@stadtteilzentrum-steglitz.de

Viele weitere Bilder sind hier zu finden! 🙂

79.344 Schritte durch Prag

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Kurz vor der Abfahrt hatte ich mir überlegt, dass jetzt so eine moderne Fitnessuhr genau richtig wäre. Die hatte ich aber nicht und schaute deshalb im App-Store des Handys nach. Dort wurde schnell fündig und konnte unsere Reise mit einem Schrittzähler antreten. Herr Schmidt und ich hatten die Koffer gepackt. Eine viertägige Reise nach Prag stand uns bevor und wir freuten uns sehr wieder einmal neue Eindrücke und Erlebnisse vor uns zu haben. Von der goldenen Stadt hatte ich sehr oft gehört, dass sie eine Reise wert sei – nun war es soweit. Die Tochter brachte uns zum Bahnhof, das Gleis war schnell gefunden und es konnte gemütlich mit dem Zug losgehen. Viereinhalb Stunden später standen wir in Prag am Bahnhof. Ich kann versichern, dass diese Stadt über alle bekannten öffentlichen Verkehrsmittel verfügt. Ich habe sie gesehen! Aber – Herr Schmidt zieht die tatsächlich und körperlich erlebten Wege vor und wir begannen mit dem kurzen Fußweg zum Hotel … der Schrittzähler konnte seinen Dienst aufnehmen:

Prag ist beeindruckend! In jedem Winkel der Stadt kann man sich leicht in den Anfang des vorherigen Jahrhunderts oder früher versetzen. In jeder Straße reihen sich die alten Fassaden aneinander. Dies beschränkt sich nicht, wie bei uns üblich, auf einen alten Stadtkern. Die alten Stadthäuser sind überall. Und überall mehr oder wenig gut erhalten. Viele Häuser sind modernisiert, aber ebenso viele dem Verfall übergeben oder warten auf einen geneigten Geldgeber. Oft sieht man mehrere modernisierte Häuser und ganz unscheinbar dazwischen ein Haus, das abgeriegelt und unbewohnt ist. Ein Haus, dass offensichtlich von guten alten Tagen träumt und auf neue gute Tage hofft. Viele dieser maroden Häuser sind so schön, dass der Anblick Bedauern hervorruft. Bedauern ist aber fehl am Platz, weil man drei Schritte weiter schon wieder ein neues wunderschönes Haus entdeckt und das in einer Fülle, die tatsächlich sprachlos macht. Die Details der Häuser, die sich in Fenster, Bemalungen, Stuckarbeiten, Figuren, Säulen und vielem anderen zeigen und sie unterscheiden, sind so abwechslungsreich, dass man gar nicht satt wird, zu entdecken, zu schauen und zu staunen.

Wer nun im Geschichtsunterricht gut aufgepasst hat weiß, dass Prag die Stadt des Zweiten Prager Fenstersturzes ist, dem der Beginn des 30-jährigen Krieges zugeschrieben wird. Entsprechend ist klar, welch eine geschichtsträchtige Stadt hier liegt. Auch das zeigt sich in jeder Ecke. Mein Schrittzähler hatte eine ganze Menge zu tun und ich bin mir sicher, dass wir bei weitem nicht alles gesehen haben. Die Karlsburg, das Strahov-Kloster, der alte Königspalast, die Karlsbrücke, das Altstädter Rathaus mit der schönen astronomischen Uhr, die zahlreichen Synagogen, die vielen Kirchen, der Wenzelplatz mit Nationalmuseum und viel andere mehr … vier Tage sind definitiv zu kurz um alles zu sehen. Zu kurz leider auch, um in die Tiefe zu gehen und sich alle anbietenden Ausstellungen und Galerien anzusehen. Im Strahov-Kloster befindet sich beispielsweise das Nationalmuseum für Literatur, das ich gerne angesehen hätte. Wir mussten uns aber immer wieder entscheiden und in diesem Fall sprach die lange Schlange vor dem Eingang, die müden Füße und ein leichtes Brummen im Magen dagegen, hineinzugehen. Es gibt so unglaublich viel anzusehen, dass es sich tatsächlich empfiehlt, sich vorher ein wenig zu informieren, was und in welcher Intensität man es sich ansehen will. Wer, wie wir, einen Eindruck der Stadt haben möchte, braucht nur einen Schrittzähler und einen Verkehrsmittel-resistenten Partner!

Eine meiner Vorlieben ist es mir Kirchen anzusehen, sobald ich in einer fremden Stadt bin. Das haben wir auch hier getan, denn um eine Kirche oder eine Synagoge zu finden braucht man nie lange zu laufen. Etwas befremdlich fanden wir hier, dass man tatsächlich für jede Kirche ein Ticket benötigt und am Sonntag viele Kirchen geschlossen waren. Vormittags wegen Gottesdiensten, was der Christ natürlich akzeptiert, aber auch am Nachmittag wegen Konzerten. Nichtsdestotrotz konnten wir der Vorliebe voll Rechnung tragen und wunderschöne Altäre, Kirchenfenster, Skulpturen und Kirchenschmuck bewundern. Schade fand ich hingegen, dass ich in keiner Kirche eine Kerze anzünden konnte. Ich bin gläubig und das Anzünden der Opferkerze ist eine mich tröstende Gewohnheit geworden. Nun, in Prag gedenkt, wünscht, bittet, hofft man offensichtlich auf andere Weise. Vielleicht weiß ein Leser, warum es dort so ist. Am beeindruckendsten war bei diesem Besuch für mich die Stimmung in der spanischen Synagoge. Am nettesten im kirchlichen Zusammenhang unter anderem die Wasserspeier am Sankt-Veits-Dom.

Mehr dem Schrittzähler und dem müden Fußen gezollt haben wir am Sankt-Veits-Dom viel Spaß gehabt. Wir setzten uns auf eine Bank um eine kleine Pause zu machen. Dabei wurde uns in wenigen Minuten bewusst, wie viele Menschen sich hier in allen möglichen Positionen fotografieren, fotografieren lassen und was sie sich dafür einfallen lassen. Von Profikamera, Handys, Tablets (viele Asiaten laufen tatsächlich mit Tablets herum), war technisch alles dabei und, was ich noch nie so bewusst erlebt habe, sehr viele Leute fotografieren mit Selfie-Verlängerern. Gefragt wurden wir zudem, ob wir einmal ein Foto machen könnten. Überhaupt kann man immer und überall in der Stadt Menschen fotografieren, weil zum einen jeder zweite einen Fotoapparat in der Hand hält und es so viel zu fotografieren gibt, dass kaum einer auf die Idee kommt, selber das Objekt des Bildes zu sein.

Das Wahrzeichen der Stadt, die Karlsbrücke, möchte ich hier explizit erwähnen. Nicht nur, weil sie zu den ältesten Steinbrücken Europas zählt, sondern weil diese Fußgängerbrücke über die schöne Moldau mit ihren 30 Figuren eine besondere Stimmung vermittelt. Hier tobt im wahrsten Sinne des Wortes das Leben. Wir hatten die ganzen Tage bedecktes, trockenes Wetter. Bei Sonnenschein dürfte die Brücke weit belebter sein, als wir es erlebt haben. Von den Figuren gleicht keine der anderen, wobei der Brückenbesucher Kopien sieht, die Originale stehen im Nationalmuseum. Natürlich ist die Brücke Ziel der Touristen wie unsereins, aber auch die Einheimischen nutzen sie offensichtlich intensiv. Dies zeigt sich, wenn man ein bisschen an der Figur der heiligen Johannes von Nepomuk stehen bleibt. Sie ist die älteste der Figuren auf der Brücke. Der Heilige soll an dieser Stelle in den Fluss gestürzt worden sein. Das Relief am Sockel der Figur wird von den Menschen berührt. Hier sieht man, wer sie für ein Erinnerungsfoto berührt oder eben die Einheimischen, die auf die Gelegenheit wartend, die Figur für ein kurzes stilles Gebet berühren. Alle paar Meter stehen Souvenirhändler, die kleines Kunsthandwerk anbieten, alle paar Meter bietet ein Zeichner persönliche Karikaturen an und alle paar Meter steht ein kaum beachteter Bittsteller. Die Brücke verbindet die Altstadt mit der Kleinseite, aber ganz gleich wo man sich in angrenzenden Höhen aufhält, die Brücke mit ihren alten Türmen ist wie ein Mittelpunkt fast von überall zu sehen.

Wer gerne und deftig ist sollte nach Prag fahren. Als wir durch die Stadt gelaufen sind haben wir festgestellt, dass es kaum ein Lokal gibt, in das wir nicht hineingehen würden. Alle Restaurants, Lokalitäten und Cafés sehen einladend aus und versprechen reichliche Genüsse. Wem das noch nicht ausreicht, der kann an zahlreichen Buden in der ganzen Stadt typische Gerichte bekommen, die appetitanregend in großen Pfannen oder Schinken auf großen Grills angeboten werden. Wir sind in ein kleines Lokal zweimal hineingegangen, weil es einerseits wunderbar geschmeckt hat und auch die Atmosphäre und Freundlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ. Die Sprache zu verstehen, war äußerst schwierig für mich. Selbst wenn ich Worte zu lesen versuchte, hatte ich eher den Eindruck meine Zunge verknotet sich gleich. Aber mit dem alten „Mit Händen und Füßen“-Prinzip, ein wenig Englisch und Deutsch kommt man überall durch und bekommt entsprechend Gehör. Die Menschen sind durchweg sehr freundlich ihren Touristen gegenüber eingestellt. Wen wundert’s? 😃 Neben den Buden mit leckerem Esse findet man ebenso zahlreich die Buden mit landestypischen Souvenirs – wer es mag, sehr bunt, verschnörkelt und reich verziert.

Uns hat es alles in allem sehr gut gefallen. Das Hotel war schlicht, sauber, gut zu erreichen und der Service bestens. Einziger Nachteil, wir wohnten im sechsten Stock. Bis zum fünften ging der Fahrstuhl, dann kam die Treppe, was nach so einem langen Tag und gefühlt 1 Million Schritte, schwer zu bewältigen war! Der kleine Laden neben dem Hotel versorgte uns bestens mit Getränken, wobei ich verschiedenste Sorten Mineralwasser ausprobierte, bevor ich eins mit Kohlensäure fand. 😃 Bedauerlich war, dass uns auch hier das Elend mancher Menschen begegnete. Natürlich ist es nicht verwunderlich in so einer großen Stadt, aber es schmerzt ja doch, ganz gleich wo man sich aufhält. Und auch die Nachrichten aus Belgien trübten am letzten Tag die Stimmung massiv. Trotzdem überwiegt das Gute und Schöne an dieser Reise, die uns lange in Erinnerung bleiben wird und zum zweiten Besuch einlädt. In guter deutscher Manier sind wir zur Heimreise sehr zeitig im Bahnhof gewesen um das richtige Gleis zu finden. Wir mussten etwas warten und wunderten uns über die Trauben von Menschen, die sich vor den großen Anzeigetafeln sammelten. Plötzlich lösten sie sich auf und waren weg. Minuten später sammelte sich eine neue Traube. Als wir dann unser Gleis suchten war uns klar, was das bedeutete. Anders als bei uns gibt es keine Pläne auf denen die Gleise der Abfahrten stehen. Man muss vor den Tafeln geduldig warten, bis kurz vor Abfahrt das Gleis angegeben wird. Leuchtet es schließlich auf, ist Eile geboten, dies besonders in einem Bahnhof, den man nicht so gut kennt. Nun, wir haben den richtigen Zug erwischt, die richtigen Plätze gefunden und freuten uns auf Zuhause. Die Kinder hatten schon signalisiert, dass der Kühlschrank leer ist … schön, wenn man trotz Eigenständigkeit der Kinder zuhause erwartet wird. 😉 Als wir zuhause waren zeigte der Schrittzähler für die vier Tage zusammengerechnet 79.344 Schritte oder 51,6 Kilometer an. Jeder einzelne Schritt war es wert!

Immer wieder Zweifel und Entscheidungen

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Es ist früh morgens um 6.00 Uhr. Auf dem Mühlstein, der zum Tisch umgebaut ist, steht meine erste Tasse Kaffee. Von hier aus habe ich einen wunderbaren Blick über den See. Es ist herrlich an diesem Platz so früh morgens, wenn die Natur aufwacht und sich die Sonne langsam über die Bäume schiebt. Wende ich den Blick etwas, sehe ich das Haus. Ihr Haus, in dem sie so lange gelebt hat. Nach dem Frühstück beginnt die Arbeit. Wir lösen ihren Haushalt auf, machen die Räume leer, sortieren, ordnen, entsorgen … sie kommt nie wieder zurück.

Das Haus gehört der Schwiegermutter. Vor einem Jahr hatte sie einen Infarkt, wurde infolge dessen dement und nach kurzer Zeit stand fest, dass sie an diesem schönen Ort nicht mehr alleine leben konnte. Sie zog in ein Seniorenheim, ganz bei uns in der Nähe, wo wir uns um sie kümmern können. Sie hat sich daran gewöhnt und es geht ihr den Umständen entsprechend gut. An diesen Ort erinnert sie sich nicht mehr. Das ganze Jahr blieb das Haus fast unberührt. Zu groß war die Überwindung etwas zu verändern und Tatsachen zu schaffen. Wir kamen her, um nach dem Rechten zu sehen, den Rasen zu mähen und Dinge zu erledigen, die eben gemacht werden müssen. Es war nicht mehr so wie früher. Die Oma war nicht da, richtig wohlfühlen konnten wir uns nicht mehr und die Zeit nicht zurück drehen. Mit den Kindern trafen wir die Entscheidung, dass wir hier nie leben würden. Über das ganze Jahr hatten wir immer ein ungutes Gefühl, das Haus mit allem Inventar alleine stehen zu lassen. Es liegt wunderschön – am Ortsausgang, Waldanfang, genau an der Grenze des Naturschutzes, ruhig, alleine, unbeobachtet.

Also los: Kein wehmütiges Bedauern … ich habe Urlaub – beste Gelegenheit am Stück zu arbeiten. Ein Container wurde gebracht und neben das Haus gestellt. Beim Frühstück unterhalten wir uns wer wo anfängt. Einen richtigen Plan haben wir nur grob und wir ahnen nur, was vor uns liegt. Ein gesammeltes Leben auf 200 qm Wohnfläche untergebracht. Dazu muss man wissen, dass diese Frau alles aufgehoben hat. Nicht nur von sich selber, auch was sie von den Eltern erben konnte und sich über ein ganzes Leben lang angesammelt hat. Regale und Schränke waren voll, jeder mögliche Platz genutzt, jeder Winkel voll gestellt, Keller und Dachboden ausgelastet. Die Räume durchgehend geschmückt mit allerlei Figuren, Bildern, Schalen, Krügen, Erinnerungen, Mitbringsel.

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Die wichtigsten Unterlagen hatten wir schon vorher durchgesehen und gesichert, was für sie persönlich wichtig war. Nun kamen Ordner auf uns zu, in denen Vorgänge ab den 70er Jahren zum Vorschein kamen, ein Stapel Urkunden aus den 1870er Jahren, Fahrscheine und Visa aus DDR-Zeiten, Briefe über Jahrzehnte verteilt. Aber nicht nur Briefe, den entsprechenden Briefumschlag sicherheitshalber dazu. Kalender, gesammelt seit den 80er Jahren oder unbeschriebene Postkarten, die für Jahrzehnte reichen würden. Bücherregale mit allerlei Schätzen, die im Antiquariat nichts mehr zählen. Schon stoße ich an meine Grenze. Gut, Meyers Konversationslexikon, komplett mit Sonderbänden … in „Google-ist-mein-Freund“-Zeiten nicht mehr ganz zeitgemäß. Größere Probleme machen mir die vielen kleinen Büchlein mit Goldschnitt und schön gestalteten Titeln. Kinderbücher oder zum Beispiel „Der Kriegs-Struwelpeter!“ aus der vorletzten Jahrhundertwende … ich kann es nicht weg tun und schon sind die Stapel „Aufheben!“ und „Wegschmeißen!“ geboren. Vier Kartons bleiben übrig und werden sich in die ohnehin schon vollen heimischen Bücherregale einordnen.

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Die Stapel „Aufheben!“ und „Wegschmeißen!“ bleiben durchgehendes Thema und stellen uns permanent vor Entscheidungen und Zweifel. Manchmal fällt es schwer, manchmal leicht, trotzdem müssen wir immer wieder abwägen, ob ein Gegenstand zu den eigenen Sachen passt oder solange aufgehoben wird, bis ein passender neuer Besitzer gefunden ist. Schließlich ist es ja auch ein Platzproblem, denn unser Haus ist kleiner, als das welches wir leer räumen. Mit Geschirr können wir die Polterabende von gut drei Hochzeiten bestens bespaßen. Mit Bettwäsche ein Hotel bestücken, Handtücher brauchen wir für Jahre keine neuen. Fünf Kartons mit ordentlich eingepackten Gläsern holen wir vom Dachboden. Gleich beim Ersten wird klar, dass wir sie alle durchsehen müssen. Eingewickelt finden wir eine vollständige Zuckerdose, den Jahrgang des Zuckers kann ich nicht beziffern, aber der hübsche kleine Silberlöffel mit Familienwappen zwingt mich doch, alle Gläser zu sichten. Acht besondere Trinkgefäße bleiben übrig. Ich bringe es nicht fertig schön geschliffenes Glas dem Container zu übergeben.

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Auf dem Dachboden finden wir das komplette Spielzeug unserer Kinder, welches wir schon längst in anderen Haushalten glaubten. Immer wieder gibt es spannende Überraschungen. Ein Koffer birgt die komplette Hebammen-Ausstattung, die die gelernte Hebamme in den 60er Jahren für die Arbeit brauchte. Ein Stethoskop aus Holz, Spritzen aus Metall, ein alter Pulsmesser … nix für den Container. Der alte Nähkorb ist immer etwas Feines für den Liebhaber und auch hier finden sich erwartungsgemäß ein paar hübsche Kleinigkeiten. Ich kann alte schöne Dinge nicht einfach wegschmeißen – immer wieder müssen wir abwägen, was bleibt und was kommt weg. Fragt mein Mann mich, ob das wirklich sein muss, bin ich kurze Zeit später diejenige, die ihn fragt, ob das sein muss. Jeder hat an Gegenstände andere Erinnerungen und Verbindungen. Schwer manchmal.

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Leichter ist es bei den Möbeln, die in den eigenen Haushalt wechseln. Leichter? Ein alter Schrank soll mit. So groß, dass er nicht durch das Treppenhaus passt. Zwei Freunde helfen mit. Die Männer beschließen, ihn durch das Fenster über eine Leiter nach draußen rutschen zu lassen. Ich stehe auf der anderen Straßenseite und zwinge den Verkehr langsam zu fahren. Das erste Stück geht relativ gut. Beim Zweiten sieht man beim Zuschauen, dass es schief gehen muss. Es rutscht, ist kaum zu halten für den einen (meinen) Mann auf der Leiter. Vor meinem Auge spielt sich ein Unglück ab, als plötzlich zwei Autos halten, Männer aussteigen, spontan anpacken und nun sechs Männer den Giganten auf die Straße heben. Sie tragen es um die Ecke, steigen ein und sind wieder weg … alles gut. Unkonventionelle Hilfe made in Mecklenburg.annaschmidt-berlin.com_haushaltsaufloesung_10 Zum Glück können wir nun darüber lachen. Zum Lachen bringt uns auch eine andere Situation. Zwei liebe Kollegen kommen an dem Tag mit einem gemieteten Transporter, der alles nach Berlin bringt. Wir stellen die Möbel in die Einfahrt um später schneller einladen zu können. Auch einen Löwensessel. Innerhalb kurzer Zeit führen wir mehrere nette Gespräche, ob wir die Möbel nicht hergeben möchten. Ich platziere den Gatten auf dem Stuhl für eine kleine Pause und bitte ihn den Sessel doch außer Straßensichtweite zu stellen. Der Transporter war schnell gepackt und nach einer leckeren Kartoffelsuppe alle Männer wieder auf dem Weg nach Berlin. Der zweite Container war schnell gefüllt. Das Haus wurde leer, die Räume klar und nach einer Woche war geschafft ein Ferienhaus einzurichten. Kein ungutes Gefühl mehr die persönlichen Dinge alleine zu lassen. Nun können wir gelassen hier entspannen oder abwarten, welche Bestimmung das Haus bekommt. Zum Schluss wagten wir noch den Blick in den kleinen Gewölbekeller. Auch hier durften wir staunen, was Aufhebenswert ist. Marmeladengläser bräuchten wir jedenfalls für Jahre nicht mehr und der ein oder andere Steinguttopf wird nun unseren Garten schmücken.

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Zwischen der Arbeit wandern die Gedanken immer wieder zu der alten Frau, die sich an all dies hier nicht mehr erinnert. An den Dingen, die sie aufgehoben hat, wie sie sich eingerichtet hat, erkennen wir viel aus ihrer Gedankenwelt. Durch manches gibt sie uns einen Blick in die Vergangenheit, wie dem alten Familienstammbaum, den wir unscheinbar in einer Rolle fanden. Auf vielen Fotos erkennen wir Verwandte, aber manche Menschen erkennen wir nicht. Briefe und Karten zeigen, was die Mutter für den Sohn tat. Eine umfangreiche Sammlung an Kühen und Kuscheltieren in jeglicher Form zeigt, was sie liebte. Alles erzählt von ihr und ihrem Leben, dass nun nur noch in ihrer Erinnerung existiert – oder eben auch nicht.

Wir denken über den Sinn und Unsinn nach, Dinge aufzuheben und an alte Zeiten festzuhalten. Denken darüber nach, was wir selber alles aufheben und uns nicht trennen können. Wir überlegen, wann wir anfangen auszumisten, um unseren Kindern kein volles Haus zu hinterlassen. Grübeln, wann der richtige Zeitpunkt kommt sich von den Gegenständen, die unser Leben belegen, zu trennen. Wer sagt uns, was wert und wertlos ist, um es der Nachwelt zu erhalten? Welches Foto schmeiße ich weg, welches behalte ich? Hat ein persönlicher Gegenstand, der mich an einen verstorbenen lieben Menschen erinnert, für meine Kinder den gleichen Stellenwert? Wohl kaum.

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Auch am Abend sitze ich gerne am alten Mühlstein mit dem Blick auf den See. Hier fällt es leicht meinen Gedanken nachzugehen. Die Zweifel, das Richtige zu tun, sind nicht weniger geworden. Entscheidungen, die nicht mehr zu ändern sind, fallen nicht leichter. Zuhause wartet viel Arbeit auf uns. Nun müssen wir das Gedenken an die Großmutter für unsere Kinder und uns im eigenen Haus integrieren. Wo es passt, wo es schön aussieht, dort wo es uns ein Lächeln entlockt – in Erinnerung an eine bemerkenswerte alte Frau.