Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Foto: © AllebaziB - Fotolia.com

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Hand auf’s Herz: Insgeheim hat jeder von uns befürchtet, dass etwas passieren könnte, hat die Nachrichten beobachtet, ob etwas verkündet wird und war am Morgen erleichtert, dass wir nichts von Bomben, Schüssen oder Opfern lesen mussten. Aber die Erleichterung währte nicht lange, denn es ist doch etwas passiert. Etwas, was sich vordergründig vielleicht nicht so grausam anhört, aber ebenso schlimm ist, wie der befürchtete Fall. Die Silvesternacht hat etwas verändert, etwas ins rollen gebracht, deren Auswirkungen das ganze Land diskutiert. Ich lese seither die Nachrichten mit äußerster Skepsis, schaue immer genau aus welchem Topf sie kommen und kann das Kopfschütteln nicht vermeiden. Weil ich genauso wenig, wie die meisten von uns darüber weiß, wollte ich mich dazu nicht äußern.

Jetzt werde ich es doch tun, weil es um Grundsätzliches geht: Auf der Startseite meines Blogs werbe ich für „Vielfalt“ und „Unterschiedlichkeit“ und gehe später in den Kommentaren auf die „Gemeinsamkeiten, die uns zusammenhalten“ ein. Ein neuer Kommentar meint nun, dass sich gerade jetzt ein völlig neues Bild der „Unterschiede“ und „Gemeinsamkeiten“ ergibt und beides zur Zeit wie eine große Schere auseinander klappt. Muss ich nun wegen einer einzigen Nacht und deren Auswirkungen, der Art und Weise wie darüber diskutiert wird, mein Weltbild hinterfragen? Dazu sage ich ein klares „Nein!“

Seit dieser Nacht haben wir es mit drei großen Themen zu tun: Sexuelle Übergriffe, Rassismus und Flüchtlingsdebatte. Alles drei Themen, die für sich alleine schon eine Nation in Atem halten können. Alles drei Themen, die man sauber getrennt behandeln muss.

Wir leben in einem Staat, der einem Grundgesetz verpflichtet ist. Artikel eins bis drei sagen alles aus, was dazu grundlegend ist. An dieses Gesetz haben sich alle zu halten, die in diesem Staat leben und dieses Gesetz für sich selber in Anspruch nehmen. Besonders: „Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.“ und „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ – mehr braucht man nicht, um zu wissen, dass alles was dem zuwider läuft eine Straftat ist. Und auch für die Straftat gilt, dass es gleichgültig ist, welchen Geschlechts, Abstammung, Rasse, Sprache, Heimat, Herkunft, Glaube oder Anschauung der Täter ist. Ein sexueller Übergriff ist eine Straftat. Unser Strafrecht geht von einer individuellen Verantwortlichkeit aus, d.h. es gibt keine Kollektivschuld und somit keine Kollektivstrafe. Jede Straftat muss individuell nachgewiesen werden sowie es keine Vorverurteilungen gibt. Soweit die Theorie!

Und doch gibt es sie massenhaft hier und in der ganzen Welt – sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen. In Indien, beim IS, Boko Haram sind aktuelle Beispiele. Aber es gibt sie genauso tagtäglich in deutschen Wohnungen, auf deutschen Straßen, von deutschen Bürgern. Es gab und gibt sie als gezieltes Mittel in Kriegen. Und nur, weil andere Kulturen ein vermeintlich anderes Frauenbild haben, sind sie dort nicht schlimmer als hier. Wie lange ist es denn her, dass bei uns die Prügelstrafe verboten wurde? Wie lange, dass Frauen wählen durften und als gleichberechtigt galten? So weit sind wir noch lange nicht entfernt von dem ach so fortschrittlichen Frauenbild mit dem wir uns gerne brüsken. Und dürfen nicht die Arroganz besitzen zu behaupten, dass im Gesetz verankerte Grundsätze tatsächlich in den Köpfen der Menschen hier angenommen sind.

Was in dieser Nacht passiert ist, ist niederträchtig und für die Betroffenen furchtbar. Ein Phänomen, das in anderen Staaten bekannt ist. Es ist Aufgabe der Politik geeignete Mittel dagegen zu finden – damit es nicht wieder passiert und damit unmissverständlich klar wird, wie man hier im Rahmen der Gesetze mit solchen Straftaten umgeht.

Schneller als man lesen konnte, entsprang aus dieser Nacht erneut die Debatte um den Umgang mit den Flüchtlingszahlen. Weil ein paar wenige eine Straftat verübten, wurden gleich tausende von Hilfe suchenden Menschen unter Generalverdacht gestellt. Wer bitte ist so naiv zu glauben, dass alle Flüchtlinge nette Menschen sind? Natürlich sind auch solche dabei, die wir lieber nicht hier hätten. Das heißt aber noch lange nicht, dass diese Menschen ein Frauenbild zu uns tragen, das wir nicht wollen. Das heißt noch lange nicht, dass diese Menschen alle Straftäter sind und/oder unsere Kultur unterwandern. Es sind Menschen die Hilfe und Ruhe suchen. Die geordnete Verhältnisse und Sicherheit möchten. Die ihren Kindern eine menschenwürdige Zukunft ermöglichen möchten. Flüchtlinge sind Menschen, die sich in unsere Kultur eingliedern werden, sie mit ihren Elementen ergänzen und bereichern und so für unsere ganze Gesellschaft ein Gewinn sein werden. Auch hier ist es Aufgabe der Politik endlich ein funktionierendes System zu schaffen, diese Menschen aufzunehmen, ihre Anträge zu bearbeiten und Entscheidungen zu treffen, wie weiter mit ihnen verfahren wird. Und auch hier sind wir dem Grundgesetz verpflichtet, dass uns einen ganz klaren Auftrag dafür gibt.

Schneller als man lesen konnte, waren die Rechten wieder auf dem Plan und nutzen ihre Chance wieder einmal in abstoßender Art und Weise, einen Vorfall für ihre Zwecke zu missbrauchen. Sollen wir die nun auch unter Generalverdacht und Kollektivschuld stellen. Alle, die Flüchtlingsunterkünfte anzünden, den Namen „Volk“ missbrauchen und sich nicht einen Deut um den individuellen Menschen und sein Schicksal scheren. Und mit den Rechten meine ich nicht nur die, die sich jetzt wieder stark in der Gruppe fühlen, sondern auch diejenigen, die schnell auf den Wagen springen, plötzlich härtere Strafen fordern und ein Thema für sich missbrauchen, dass sie vor Jahren noch als unwichtig empfanden. Denen möchte ich nur sagen: Lest doch bitte das Grundgesetz. Da steht alles drin und wenn es euch nicht passt, sucht euch ein Land in dem es besser ist.

Mehr den je bin ich von meinem Weltbild überzeugt: Davon, dass sich Menschen ergänzen, völlig gleichgültig aus welchem Hintergrund sie kommen. Um die Unterschiedlichkeiten zu erkennen und daraus fruchtbare Gemeinsamkeiten zu erarbeiten, braucht man jedoch eine faire und sachliche Debatte über die Ereignisse, die passiert sind. Braucht man Aufklärung über tatsächliche Sachverhalte und Schlussfolgerungen im Rahmen unserer Gesetze. Mein Weltbild habe ich in diesem/unseren Kulturkreis entwickelt und lebe es aus. Es muss nicht das richtige sein und hat auf der anderen Seite der Welt sicherlich keine Gültigkeit. Aber ich lebe hier, trete hier für Vielfalt ein und liebe sie. Ich sehe die Chancen, die sich aus Vielfalt, Unterschiedlichkeit und Gemeinsamkeit für uns in der Zukunft entwickeln können. Sehe, dass sich Gesellschaft verändert und nicht stehen bleibt. Bleibe optimistisch, trotz dessen ich viele Dinge mit Sorge betrachte. Und glaube an die viele guten Menschen, die die Regeln unserer Gemeinschaft achten und mit den Erfordernissen und Entwicklungen, die auf uns zukommen im Rahmen unserer Gesetze fortbilden.

Immer wieder Zweifel und Entscheidungen

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Es ist früh morgens um 6.00 Uhr. Auf dem Mühlstein, der zum Tisch umgebaut ist, steht meine erste Tasse Kaffee. Von hier aus habe ich einen wunderbaren Blick über den See. Es ist herrlich an diesem Platz so früh morgens, wenn die Natur aufwacht und sich die Sonne langsam über die Bäume schiebt. Wende ich den Blick etwas, sehe ich das Haus. Ihr Haus, in dem sie so lange gelebt hat. Nach dem Frühstück beginnt die Arbeit. Wir lösen ihren Haushalt auf, machen die Räume leer, sortieren, ordnen, entsorgen … sie kommt nie wieder zurück.

Das Haus gehört der Schwiegermutter. Vor einem Jahr hatte sie einen Infarkt, wurde infolge dessen dement und nach kurzer Zeit stand fest, dass sie an diesem schönen Ort nicht mehr alleine leben konnte. Sie zog in ein Seniorenheim, ganz bei uns in der Nähe, wo wir uns um sie kümmern können. Sie hat sich daran gewöhnt und es geht ihr den Umständen entsprechend gut. An diesen Ort erinnert sie sich nicht mehr. Das ganze Jahr blieb das Haus fast unberührt. Zu groß war die Überwindung etwas zu verändern und Tatsachen zu schaffen. Wir kamen her, um nach dem Rechten zu sehen, den Rasen zu mähen und Dinge zu erledigen, die eben gemacht werden müssen. Es war nicht mehr so wie früher. Die Oma war nicht da, richtig wohlfühlen konnten wir uns nicht mehr und die Zeit nicht zurück drehen. Mit den Kindern trafen wir die Entscheidung, dass wir hier nie leben würden. Über das ganze Jahr hatten wir immer ein ungutes Gefühl, das Haus mit allem Inventar alleine stehen zu lassen. Es liegt wunderschön – am Ortsausgang, Waldanfang, genau an der Grenze des Naturschutzes, ruhig, alleine, unbeobachtet.

Also los: Kein wehmütiges Bedauern … ich habe Urlaub – beste Gelegenheit am Stück zu arbeiten. Ein Container wurde gebracht und neben das Haus gestellt. Beim Frühstück unterhalten wir uns wer wo anfängt. Einen richtigen Plan haben wir nur grob und wir ahnen nur, was vor uns liegt. Ein gesammeltes Leben auf 200 qm Wohnfläche untergebracht. Dazu muss man wissen, dass diese Frau alles aufgehoben hat. Nicht nur von sich selber, auch was sie von den Eltern erben konnte und sich über ein ganzes Leben lang angesammelt hat. Regale und Schränke waren voll, jeder mögliche Platz genutzt, jeder Winkel voll gestellt, Keller und Dachboden ausgelastet. Die Räume durchgehend geschmückt mit allerlei Figuren, Bildern, Schalen, Krügen, Erinnerungen, Mitbringsel.

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Die wichtigsten Unterlagen hatten wir schon vorher durchgesehen und gesichert, was für sie persönlich wichtig war. Nun kamen Ordner auf uns zu, in denen Vorgänge ab den 70er Jahren zum Vorschein kamen, ein Stapel Urkunden aus den 1870er Jahren, Fahrscheine und Visa aus DDR-Zeiten, Briefe über Jahrzehnte verteilt. Aber nicht nur Briefe, den entsprechenden Briefumschlag sicherheitshalber dazu. Kalender, gesammelt seit den 80er Jahren oder unbeschriebene Postkarten, die für Jahrzehnte reichen würden. Bücherregale mit allerlei Schätzen, die im Antiquariat nichts mehr zählen. Schon stoße ich an meine Grenze. Gut, Meyers Konversationslexikon, komplett mit Sonderbänden … in „Google-ist-mein-Freund“-Zeiten nicht mehr ganz zeitgemäß. Größere Probleme machen mir die vielen kleinen Büchlein mit Goldschnitt und schön gestalteten Titeln. Kinderbücher oder zum Beispiel „Der Kriegs-Struwelpeter!“ aus der vorletzten Jahrhundertwende … ich kann es nicht weg tun und schon sind die Stapel „Aufheben!“ und „Wegschmeißen!“ geboren. Vier Kartons bleiben übrig und werden sich in die ohnehin schon vollen heimischen Bücherregale einordnen.

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Die Stapel „Aufheben!“ und „Wegschmeißen!“ bleiben durchgehendes Thema und stellen uns permanent vor Entscheidungen und Zweifel. Manchmal fällt es schwer, manchmal leicht, trotzdem müssen wir immer wieder abwägen, ob ein Gegenstand zu den eigenen Sachen passt oder solange aufgehoben wird, bis ein passender neuer Besitzer gefunden ist. Schließlich ist es ja auch ein Platzproblem, denn unser Haus ist kleiner, als das welches wir leer räumen. Mit Geschirr können wir die Polterabende von gut drei Hochzeiten bestens bespaßen. Mit Bettwäsche ein Hotel bestücken, Handtücher brauchen wir für Jahre keine neuen. Fünf Kartons mit ordentlich eingepackten Gläsern holen wir vom Dachboden. Gleich beim Ersten wird klar, dass wir sie alle durchsehen müssen. Eingewickelt finden wir eine vollständige Zuckerdose, den Jahrgang des Zuckers kann ich nicht beziffern, aber der hübsche kleine Silberlöffel mit Familienwappen zwingt mich doch, alle Gläser zu sichten. Acht besondere Trinkgefäße bleiben übrig. Ich bringe es nicht fertig schön geschliffenes Glas dem Container zu übergeben.

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Auf dem Dachboden finden wir das komplette Spielzeug unserer Kinder, welches wir schon längst in anderen Haushalten glaubten. Immer wieder gibt es spannende Überraschungen. Ein Koffer birgt die komplette Hebammen-Ausstattung, die die gelernte Hebamme in den 60er Jahren für die Arbeit brauchte. Ein Stethoskop aus Holz, Spritzen aus Metall, ein alter Pulsmesser … nix für den Container. Der alte Nähkorb ist immer etwas Feines für den Liebhaber und auch hier finden sich erwartungsgemäß ein paar hübsche Kleinigkeiten. Ich kann alte schöne Dinge nicht einfach wegschmeißen – immer wieder müssen wir abwägen, was bleibt und was kommt weg. Fragt mein Mann mich, ob das wirklich sein muss, bin ich kurze Zeit später diejenige, die ihn fragt, ob das sein muss. Jeder hat an Gegenstände andere Erinnerungen und Verbindungen. Schwer manchmal.

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Leichter ist es bei den Möbeln, die in den eigenen Haushalt wechseln. Leichter? Ein alter Schrank soll mit. So groß, dass er nicht durch das Treppenhaus passt. Zwei Freunde helfen mit. Die Männer beschließen, ihn durch das Fenster über eine Leiter nach draußen rutschen zu lassen. Ich stehe auf der anderen Straßenseite und zwinge den Verkehr langsam zu fahren. Das erste Stück geht relativ gut. Beim Zweiten sieht man beim Zuschauen, dass es schief gehen muss. Es rutscht, ist kaum zu halten für den einen (meinen) Mann auf der Leiter. Vor meinem Auge spielt sich ein Unglück ab, als plötzlich zwei Autos halten, Männer aussteigen, spontan anpacken und nun sechs Männer den Giganten auf die Straße heben. Sie tragen es um die Ecke, steigen ein und sind wieder weg … alles gut. Unkonventionelle Hilfe made in Mecklenburg.annaschmidt-berlin.com_haushaltsaufloesung_10 Zum Glück können wir nun darüber lachen. Zum Lachen bringt uns auch eine andere Situation. Zwei liebe Kollegen kommen an dem Tag mit einem gemieteten Transporter, der alles nach Berlin bringt. Wir stellen die Möbel in die Einfahrt um später schneller einladen zu können. Auch einen Löwensessel. Innerhalb kurzer Zeit führen wir mehrere nette Gespräche, ob wir die Möbel nicht hergeben möchten. Ich platziere den Gatten auf dem Stuhl für eine kleine Pause und bitte ihn den Sessel doch außer Straßensichtweite zu stellen. Der Transporter war schnell gepackt und nach einer leckeren Kartoffelsuppe alle Männer wieder auf dem Weg nach Berlin. Der zweite Container war schnell gefüllt. Das Haus wurde leer, die Räume klar und nach einer Woche war geschafft ein Ferienhaus einzurichten. Kein ungutes Gefühl mehr die persönlichen Dinge alleine zu lassen. Nun können wir gelassen hier entspannen oder abwarten, welche Bestimmung das Haus bekommt. Zum Schluss wagten wir noch den Blick in den kleinen Gewölbekeller. Auch hier durften wir staunen, was Aufhebenswert ist. Marmeladengläser bräuchten wir jedenfalls für Jahre nicht mehr und der ein oder andere Steinguttopf wird nun unseren Garten schmücken.

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Zwischen der Arbeit wandern die Gedanken immer wieder zu der alten Frau, die sich an all dies hier nicht mehr erinnert. An den Dingen, die sie aufgehoben hat, wie sie sich eingerichtet hat, erkennen wir viel aus ihrer Gedankenwelt. Durch manches gibt sie uns einen Blick in die Vergangenheit, wie dem alten Familienstammbaum, den wir unscheinbar in einer Rolle fanden. Auf vielen Fotos erkennen wir Verwandte, aber manche Menschen erkennen wir nicht. Briefe und Karten zeigen, was die Mutter für den Sohn tat. Eine umfangreiche Sammlung an Kühen und Kuscheltieren in jeglicher Form zeigt, was sie liebte. Alles erzählt von ihr und ihrem Leben, dass nun nur noch in ihrer Erinnerung existiert – oder eben auch nicht.

Wir denken über den Sinn und Unsinn nach, Dinge aufzuheben und an alte Zeiten festzuhalten. Denken darüber nach, was wir selber alles aufheben und uns nicht trennen können. Wir überlegen, wann wir anfangen auszumisten, um unseren Kindern kein volles Haus zu hinterlassen. Grübeln, wann der richtige Zeitpunkt kommt sich von den Gegenständen, die unser Leben belegen, zu trennen. Wer sagt uns, was wert und wertlos ist, um es der Nachwelt zu erhalten? Welches Foto schmeiße ich weg, welches behalte ich? Hat ein persönlicher Gegenstand, der mich an einen verstorbenen lieben Menschen erinnert, für meine Kinder den gleichen Stellenwert? Wohl kaum.

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Auch am Abend sitze ich gerne am alten Mühlstein mit dem Blick auf den See. Hier fällt es leicht meinen Gedanken nachzugehen. Die Zweifel, das Richtige zu tun, sind nicht weniger geworden. Entscheidungen, die nicht mehr zu ändern sind, fallen nicht leichter. Zuhause wartet viel Arbeit auf uns. Nun müssen wir das Gedenken an die Großmutter für unsere Kinder und uns im eigenen Haus integrieren. Wo es passt, wo es schön aussieht, dort wo es uns ein Lächeln entlockt – in Erinnerung an eine bemerkenswerte alte Frau.

Tattoo – wenn die Kinder Entscheidungen treffen

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Große Aufregung im Haus … aus Versehen hat der Vater mitbekommen, dass die Töchter planen ihren Körper in absehbarer Zeit mit einem Bild zu bereichern. Die Mutter war schon eingeweiht, hatte aber noch keine Zeit den Vater schonend vorzubereiten. Einzelne Gespräche beruhigen die Gemüter wieder, aber es wird deutlich, dass eine völlig neue Phase der Eltern-Kind-Beziehung eingetreten ist. Die Töchter werden erwachsen, treffen eigene Entscheidungen und wollen sich ein Tattoo stechen lassen, ob es den Eltern gefällt oder nicht.

In mir drinnen kämpfen ganz viele verschiedene Gefühle mit- und gegeneinander. Zwischen Faszination und Ablehnung ist alles durcheinander gewürfelt. Tattoos finde ich faszinierend – wo sie passen. Es gibt Menschen, die wie für Tattoos gemacht zu sein scheinen. Deren ganzes Auftreten, deren Haltung und Outfit genau zu dem passen, was sie sich auf ihre Haut haben stechen lassen. Menschen mit Tattoos wollen auffallen, sich abgrenzen oder auch deutlich ausgrenzen. Jeder, der ein Tattoo hat, gibt eine Botschaft an andere weiter. Und, wenn das Handwerk gut ausgeführt ist, finden sich wahre Kunstwerke auf der Haut. Manche Tattoos finde ich abstoßend, teilweise bedauernswert oder lächerlich. Tattoos, die aus einer Laune heraus entstanden sind, einer momentanen Mode folgen oder einfach schlecht ausgeführt sind … der arme Träger.

Für mich selber kam so ein Gedanke noch nie in Frage. Ich habe noch nie einen Reiz dabei gespürt, mich selber mit einem Bild für immer zu verbinden. Tattoos haben etwas Anrüchiges, Mutiges für mich und mit einer Mischung aus Respekt, Skepsis und Verständnislosigkeit betrachte ich manchmal Menschen, deren ganzer Körper für immer mit ihren Phantasien in Form von Bildern verbunden ist. Für einen Zeitungsbeitrag habe ich schon einmal ein Interview mit dem Inhaber eines Tattoo-Ladens geführt. Dabei habe ich persönlich viel gelernt und es hat eher meine Zuneigung dazu gefördert, konnte ich doch besser das Handwerk und die Kunst dahinter verstehen. Ich kann es bestens an anderen Menschen akzeptieren, teils auch bewundern, aber meins ist es eben nicht.

Und nun tragen sich beide Töchter mit dem Gedanken, sich für immer mit einem besonderen Bild zu verbinden. Bei den eigenen Kindern ist das noch einmal ein ganz anderer Schuh. Zum einen habe ich Bilder von meinen süßen Kleinkindern vor Augen, die sie nie mehr sein werden und die ich immer beschützt habe. Zum anderen, passiert jetzt etwas in ihren Köpfen, vor dem ich sie nicht mehr beschützen kann und deren Auswirkungen sie ganz alleine tragen werden. Natürlich kann ich jetzt alle Argumente ins Feld führen, die dagegen sprechen, aber ich fürchte, je vehementer mein Widerstand sein wird, umso mehr werden sie es wollen. Also versuche ich es mit Vernunft, dass sie sich Bilder aussuchen sollen, die sie auch noch im Alter gut finden können. Bilder, mit denen sie eine Begebenheit, einen Menschen, ein Gefühl verbinden können. Bilder, die keine zeitliche Begrenzung haben und für sie persönlich etwas ganz besonderes bedeuten. Und den Plural von „Bildern“ führe ich hier nur an, weil es zwei Töchter sind – also ein Bild pro Tochter reicht – denke ich … hoffe ich. Die Wahl der Körperstelle sollte ebenso gut durchdacht sein. Gerade bei jungen Menschen, die noch nicht wissen, welche Berufswahl einmal die richtige sein wird. Es gibt Berufe, in denen das nicht gern gesehen ist oder auch gar nicht akzeptiert wird. Und trotz dessen, dass Tattoos Jahrhunderte alt sind, sind sie doch immer etwas anrüchig belegt und gesellschaftlich nicht konform. Also sollte es eine Körperstelle sein, die auch einmal gut verdeckt werden kann und bei der die Giraffe nicht nach ein paar Jahren vielleicht wie ein Walross wirkt. Enorm wichtig ist in meinen Augen der Ausführende der Bilder. Sie müssen eine gute Wahl des Studios treffen, sich gut erkundigen, beraten lassen und letztlich vertrauen können, wenn es dann an die Ausführung geht. Danach werden sie nie mehr dieselben sein – äußerlich.

Bei diesem Vorhaben sind wir Eltern nur noch Zuschauer. Sie müssen entscheiden, wir müssen akzeptieren. Das der Moment kommen würde, in dem sie Entscheidungen gegen unseren Rat treffen, wussten wir. Letztlich haben wir sie dazu erzogen eigene Entscheidungen zu treffen. Wir haben gemeinsam diskutiert, haben hin und her überlegt. Schließlich habe ich gebeten, dass ich dabei sein darf. Bei der Beratung und auch später, wenn es dann umgesetzt werden wird. Ich kann besser damit umgehen, wenn ich sie begleiten darf. Sie waren alleine in dem Studio, dass sie sich ausgesucht haben. Dort bekamen sie gesagt, dass man frühestens drei Monate vor dem 18. Geburtstag berät. Das hat mir schon einmal gefallen. Soweit ist es bei der Jüngeren noch nicht. Weil sie es gemeinsam machen möchten, wartet auch die Ältere ab. So sind ein paar Monate gewonnen, in denen sie ihre Entscheidung bedenken können, vielleicht das Motiv modifizieren und sich wirklich über die lebenslange Tragweite klar werden können.

Ich habe ein Buch gekauft – ein Buch mit 1000 Tattoos. Fotos von Naturvölkern, aus dem letzten Jahrhundert, Sammlungen von Herzen oder anderen Motiven. Enthalten ist ein relativ kurzer Text über die Geschichte der Tattoos – kurz genug, dass die Chance besteht, dass sie ihn lesen werden. Die Motive, die sie sich selber ausgesucht haben gefallen mir. Den Bezug und die Begründung, die sie mir erzählt haben, kann ich nachvollziehen. Und ein bisschen bewundere ich ihren Mut, das machen zu wollen. Aber trotzdem … ich würde mir viel lieber darüber Gedanken machen wollen, ob ich sie impfen lasse oder nicht, zum Schwimm- oder Gymnastk-Verein schicke, ihnen Gemüsesuppe oder Spaghetti koche. *seufz*

Ich habe ein sehr schönes Zitat dazu gefunden: „Wenn man Kinder hat, die in der Pubertät oder über diese hinaus sind, dann sollte man sich nicht in Ihr persönliches Leben einmischen, ohne eingeladen worden zu sein. –  Jesper Juul“ Sie suchen das Gespräch und den Austausch mit uns … auch was die Tattoos betrifft … ein gutes Bauchgefühl sagt mir, dass dies so in Ordnung ist und ich hoffe, dass es noch lange so bleibt. Denn mit oder ohne Tattoos, es sind ja doch immer meine – wunderbaren – Kinder.