Tattoo – wenn die Kinder Entscheidungen treffen

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Große Aufregung im Haus … aus Versehen hat der Vater mitbekommen, dass die Töchter planen ihren Körper in absehbarer Zeit mit einem Bild zu bereichern. Die Mutter war schon eingeweiht, hatte aber noch keine Zeit den Vater schonend vorzubereiten. Einzelne Gespräche beruhigen die Gemüter wieder, aber es wird deutlich, dass eine völlig neue Phase der Eltern-Kind-Beziehung eingetreten ist. Die Töchter werden erwachsen, treffen eigene Entscheidungen und wollen sich ein Tattoo stechen lassen, ob es den Eltern gefällt oder nicht.

In mir drinnen kämpfen ganz viele verschiedene Gefühle mit- und gegeneinander. Zwischen Faszination und Ablehnung ist alles durcheinander gewürfelt. Tattoos finde ich faszinierend – wo sie passen. Es gibt Menschen, die wie für Tattoos gemacht zu sein scheinen. Deren ganzes Auftreten, deren Haltung und Outfit genau zu dem passen, was sie sich auf ihre Haut haben stechen lassen. Menschen mit Tattoos wollen auffallen, sich abgrenzen oder auch deutlich ausgrenzen. Jeder, der ein Tattoo hat, gibt eine Botschaft an andere weiter. Und, wenn das Handwerk gut ausgeführt ist, finden sich wahre Kunstwerke auf der Haut. Manche Tattoos finde ich abstoßend, teilweise bedauernswert oder lächerlich. Tattoos, die aus einer Laune heraus entstanden sind, einer momentanen Mode folgen oder einfach schlecht ausgeführt sind … der arme Träger.

Für mich selber kam so ein Gedanke noch nie in Frage. Ich habe noch nie einen Reiz dabei gespürt, mich selber mit einem Bild für immer zu verbinden. Tattoos haben etwas Anrüchiges, Mutiges für mich und mit einer Mischung aus Respekt, Skepsis und Verständnislosigkeit betrachte ich manchmal Menschen, deren ganzer Körper für immer mit ihren Phantasien in Form von Bildern verbunden ist. Für einen Zeitungsbeitrag habe ich schon einmal ein Interview mit dem Inhaber eines Tattoo-Ladens geführt. Dabei habe ich persönlich viel gelernt und es hat eher meine Zuneigung dazu gefördert, konnte ich doch besser das Handwerk und die Kunst dahinter verstehen. Ich kann es bestens an anderen Menschen akzeptieren, teils auch bewundern, aber meins ist es eben nicht.

Und nun tragen sich beide Töchter mit dem Gedanken, sich für immer mit einem besonderen Bild zu verbinden. Bei den eigenen Kindern ist das noch einmal ein ganz anderer Schuh. Zum einen habe ich Bilder von meinen süßen Kleinkindern vor Augen, die sie nie mehr sein werden und die ich immer beschützt habe. Zum anderen, passiert jetzt etwas in ihren Köpfen, vor dem ich sie nicht mehr beschützen kann und deren Auswirkungen sie ganz alleine tragen werden. Natürlich kann ich jetzt alle Argumente ins Feld führen, die dagegen sprechen, aber ich fürchte, je vehementer mein Widerstand sein wird, umso mehr werden sie es wollen. Also versuche ich es mit Vernunft, dass sie sich Bilder aussuchen sollen, die sie auch noch im Alter gut finden können. Bilder, mit denen sie eine Begebenheit, einen Menschen, ein Gefühl verbinden können. Bilder, die keine zeitliche Begrenzung haben und für sie persönlich etwas ganz besonderes bedeuten. Und den Plural von „Bildern“ führe ich hier nur an, weil es zwei Töchter sind – also ein Bild pro Tochter reicht – denke ich … hoffe ich. Die Wahl der Körperstelle sollte ebenso gut durchdacht sein. Gerade bei jungen Menschen, die noch nicht wissen, welche Berufswahl einmal die richtige sein wird. Es gibt Berufe, in denen das nicht gern gesehen ist oder auch gar nicht akzeptiert wird. Und trotz dessen, dass Tattoos Jahrhunderte alt sind, sind sie doch immer etwas anrüchig belegt und gesellschaftlich nicht konform. Also sollte es eine Körperstelle sein, die auch einmal gut verdeckt werden kann und bei der die Giraffe nicht nach ein paar Jahren vielleicht wie ein Walross wirkt. Enorm wichtig ist in meinen Augen der Ausführende der Bilder. Sie müssen eine gute Wahl des Studios treffen, sich gut erkundigen, beraten lassen und letztlich vertrauen können, wenn es dann an die Ausführung geht. Danach werden sie nie mehr dieselben sein – äußerlich.

Bei diesem Vorhaben sind wir Eltern nur noch Zuschauer. Sie müssen entscheiden, wir müssen akzeptieren. Das der Moment kommen würde, in dem sie Entscheidungen gegen unseren Rat treffen, wussten wir. Letztlich haben wir sie dazu erzogen eigene Entscheidungen zu treffen. Wir haben gemeinsam diskutiert, haben hin und her überlegt. Schließlich habe ich gebeten, dass ich dabei sein darf. Bei der Beratung und auch später, wenn es dann umgesetzt werden wird. Ich kann besser damit umgehen, wenn ich sie begleiten darf. Sie waren alleine in dem Studio, dass sie sich ausgesucht haben. Dort bekamen sie gesagt, dass man frühestens drei Monate vor dem 18. Geburtstag berät. Das hat mir schon einmal gefallen. Soweit ist es bei der Jüngeren noch nicht. Weil sie es gemeinsam machen möchten, wartet auch die Ältere ab. So sind ein paar Monate gewonnen, in denen sie ihre Entscheidung bedenken können, vielleicht das Motiv modifizieren und sich wirklich über die lebenslange Tragweite klar werden können.

Ich habe ein Buch gekauft – ein Buch mit 1000 Tattoos. Fotos von Naturvölkern, aus dem letzten Jahrhundert, Sammlungen von Herzen oder anderen Motiven. Enthalten ist ein relativ kurzer Text über die Geschichte der Tattoos – kurz genug, dass die Chance besteht, dass sie ihn lesen werden. Die Motive, die sie sich selber ausgesucht haben gefallen mir. Den Bezug und die Begründung, die sie mir erzählt haben, kann ich nachvollziehen. Und ein bisschen bewundere ich ihren Mut, das machen zu wollen. Aber trotzdem … ich würde mir viel lieber darüber Gedanken machen wollen, ob ich sie impfen lasse oder nicht, zum Schwimm- oder Gymnastk-Verein schicke, ihnen Gemüsesuppe oder Spaghetti koche. *seufz*

Ich habe ein sehr schönes Zitat dazu gefunden: „Wenn man Kinder hat, die in der Pubertät oder über diese hinaus sind, dann sollte man sich nicht in Ihr persönliches Leben einmischen, ohne eingeladen worden zu sein. –  Jesper Juul“ Sie suchen das Gespräch und den Austausch mit uns … auch was die Tattoos betrifft … ein gutes Bauchgefühl sagt mir, dass dies so in Ordnung ist und ich hoffe, dass es noch lange so bleibt. Denn mit oder ohne Tattoos, es sind ja doch immer meine – wunderbaren – Kinder.