79.344 Schritte durch Prag

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Kurz vor der Abfahrt hatte ich mir überlegt, dass jetzt so eine moderne Fitnessuhr genau richtig wäre. Die hatte ich aber nicht und schaute deshalb im App-Store des Handys nach. Dort wurde schnell fündig und konnte unsere Reise mit einem Schrittzähler antreten. Herr Schmidt und ich hatten die Koffer gepackt. Eine viertägige Reise nach Prag stand uns bevor und wir freuten uns sehr wieder einmal neue Eindrücke und Erlebnisse vor uns zu haben. Von der goldenen Stadt hatte ich sehr oft gehört, dass sie eine Reise wert sei – nun war es soweit. Die Tochter brachte uns zum Bahnhof, das Gleis war schnell gefunden und es konnte gemütlich mit dem Zug losgehen. Viereinhalb Stunden später standen wir in Prag am Bahnhof. Ich kann versichern, dass diese Stadt über alle bekannten öffentlichen Verkehrsmittel verfügt. Ich habe sie gesehen! Aber – Herr Schmidt zieht die tatsächlich und körperlich erlebten Wege vor und wir begannen mit dem kurzen Fußweg zum Hotel … der Schrittzähler konnte seinen Dienst aufnehmen:

Prag ist beeindruckend! In jedem Winkel der Stadt kann man sich leicht in den Anfang des vorherigen Jahrhunderts oder früher versetzen. In jeder Straße reihen sich die alten Fassaden aneinander. Dies beschränkt sich nicht, wie bei uns üblich, auf einen alten Stadtkern. Die alten Stadthäuser sind überall. Und überall mehr oder wenig gut erhalten. Viele Häuser sind modernisiert, aber ebenso viele dem Verfall übergeben oder warten auf einen geneigten Geldgeber. Oft sieht man mehrere modernisierte Häuser und ganz unscheinbar dazwischen ein Haus, das abgeriegelt und unbewohnt ist. Ein Haus, dass offensichtlich von guten alten Tagen träumt und auf neue gute Tage hofft. Viele dieser maroden Häuser sind so schön, dass der Anblick Bedauern hervorruft. Bedauern ist aber fehl am Platz, weil man drei Schritte weiter schon wieder ein neues wunderschönes Haus entdeckt und das in einer Fülle, die tatsächlich sprachlos macht. Die Details der Häuser, die sich in Fenster, Bemalungen, Stuckarbeiten, Figuren, Säulen und vielem anderen zeigen und sie unterscheiden, sind so abwechslungsreich, dass man gar nicht satt wird, zu entdecken, zu schauen und zu staunen.

Wer nun im Geschichtsunterricht gut aufgepasst hat weiß, dass Prag die Stadt des Zweiten Prager Fenstersturzes ist, dem der Beginn des 30-jährigen Krieges zugeschrieben wird. Entsprechend ist klar, welch eine geschichtsträchtige Stadt hier liegt. Auch das zeigt sich in jeder Ecke. Mein Schrittzähler hatte eine ganze Menge zu tun und ich bin mir sicher, dass wir bei weitem nicht alles gesehen haben. Die Karlsburg, das Strahov-Kloster, der alte Königspalast, die Karlsbrücke, das Altstädter Rathaus mit der schönen astronomischen Uhr, die zahlreichen Synagogen, die vielen Kirchen, der Wenzelplatz mit Nationalmuseum und viel andere mehr … vier Tage sind definitiv zu kurz um alles zu sehen. Zu kurz leider auch, um in die Tiefe zu gehen und sich alle anbietenden Ausstellungen und Galerien anzusehen. Im Strahov-Kloster befindet sich beispielsweise das Nationalmuseum für Literatur, das ich gerne angesehen hätte. Wir mussten uns aber immer wieder entscheiden und in diesem Fall sprach die lange Schlange vor dem Eingang, die müden Füße und ein leichtes Brummen im Magen dagegen, hineinzugehen. Es gibt so unglaublich viel anzusehen, dass es sich tatsächlich empfiehlt, sich vorher ein wenig zu informieren, was und in welcher Intensität man es sich ansehen will. Wer, wie wir, einen Eindruck der Stadt haben möchte, braucht nur einen Schrittzähler und einen Verkehrsmittel-resistenten Partner!

Eine meiner Vorlieben ist es mir Kirchen anzusehen, sobald ich in einer fremden Stadt bin. Das haben wir auch hier getan, denn um eine Kirche oder eine Synagoge zu finden braucht man nie lange zu laufen. Etwas befremdlich fanden wir hier, dass man tatsächlich für jede Kirche ein Ticket benötigt und am Sonntag viele Kirchen geschlossen waren. Vormittags wegen Gottesdiensten, was der Christ natürlich akzeptiert, aber auch am Nachmittag wegen Konzerten. Nichtsdestotrotz konnten wir der Vorliebe voll Rechnung tragen und wunderschöne Altäre, Kirchenfenster, Skulpturen und Kirchenschmuck bewundern. Schade fand ich hingegen, dass ich in keiner Kirche eine Kerze anzünden konnte. Ich bin gläubig und das Anzünden der Opferkerze ist eine mich tröstende Gewohnheit geworden. Nun, in Prag gedenkt, wünscht, bittet, hofft man offensichtlich auf andere Weise. Vielleicht weiß ein Leser, warum es dort so ist. Am beeindruckendsten war bei diesem Besuch für mich die Stimmung in der spanischen Synagoge. Am nettesten im kirchlichen Zusammenhang unter anderem die Wasserspeier am Sankt-Veits-Dom.

Mehr dem Schrittzähler und dem müden Fußen gezollt haben wir am Sankt-Veits-Dom viel Spaß gehabt. Wir setzten uns auf eine Bank um eine kleine Pause zu machen. Dabei wurde uns in wenigen Minuten bewusst, wie viele Menschen sich hier in allen möglichen Positionen fotografieren, fotografieren lassen und was sie sich dafür einfallen lassen. Von Profikamera, Handys, Tablets (viele Asiaten laufen tatsächlich mit Tablets herum), war technisch alles dabei und, was ich noch nie so bewusst erlebt habe, sehr viele Leute fotografieren mit Selfie-Verlängerern. Gefragt wurden wir zudem, ob wir einmal ein Foto machen könnten. Überhaupt kann man immer und überall in der Stadt Menschen fotografieren, weil zum einen jeder zweite einen Fotoapparat in der Hand hält und es so viel zu fotografieren gibt, dass kaum einer auf die Idee kommt, selber das Objekt des Bildes zu sein.

Das Wahrzeichen der Stadt, die Karlsbrücke, möchte ich hier explizit erwähnen. Nicht nur, weil sie zu den ältesten Steinbrücken Europas zählt, sondern weil diese Fußgängerbrücke über die schöne Moldau mit ihren 30 Figuren eine besondere Stimmung vermittelt. Hier tobt im wahrsten Sinne des Wortes das Leben. Wir hatten die ganzen Tage bedecktes, trockenes Wetter. Bei Sonnenschein dürfte die Brücke weit belebter sein, als wir es erlebt haben. Von den Figuren gleicht keine der anderen, wobei der Brückenbesucher Kopien sieht, die Originale stehen im Nationalmuseum. Natürlich ist die Brücke Ziel der Touristen wie unsereins, aber auch die Einheimischen nutzen sie offensichtlich intensiv. Dies zeigt sich, wenn man ein bisschen an der Figur der heiligen Johannes von Nepomuk stehen bleibt. Sie ist die älteste der Figuren auf der Brücke. Der Heilige soll an dieser Stelle in den Fluss gestürzt worden sein. Das Relief am Sockel der Figur wird von den Menschen berührt. Hier sieht man, wer sie für ein Erinnerungsfoto berührt oder eben die Einheimischen, die auf die Gelegenheit wartend, die Figur für ein kurzes stilles Gebet berühren. Alle paar Meter stehen Souvenirhändler, die kleines Kunsthandwerk anbieten, alle paar Meter bietet ein Zeichner persönliche Karikaturen an und alle paar Meter steht ein kaum beachteter Bittsteller. Die Brücke verbindet die Altstadt mit der Kleinseite, aber ganz gleich wo man sich in angrenzenden Höhen aufhält, die Brücke mit ihren alten Türmen ist wie ein Mittelpunkt fast von überall zu sehen.

Wer gerne und deftig ist sollte nach Prag fahren. Als wir durch die Stadt gelaufen sind haben wir festgestellt, dass es kaum ein Lokal gibt, in das wir nicht hineingehen würden. Alle Restaurants, Lokalitäten und Cafés sehen einladend aus und versprechen reichliche Genüsse. Wem das noch nicht ausreicht, der kann an zahlreichen Buden in der ganzen Stadt typische Gerichte bekommen, die appetitanregend in großen Pfannen oder Schinken auf großen Grills angeboten werden. Wir sind in ein kleines Lokal zweimal hineingegangen, weil es einerseits wunderbar geschmeckt hat und auch die Atmosphäre und Freundlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ. Die Sprache zu verstehen, war äußerst schwierig für mich. Selbst wenn ich Worte zu lesen versuchte, hatte ich eher den Eindruck meine Zunge verknotet sich gleich. Aber mit dem alten „Mit Händen und Füßen“-Prinzip, ein wenig Englisch und Deutsch kommt man überall durch und bekommt entsprechend Gehör. Die Menschen sind durchweg sehr freundlich ihren Touristen gegenüber eingestellt. Wen wundert’s? 😃 Neben den Buden mit leckerem Esse findet man ebenso zahlreich die Buden mit landestypischen Souvenirs – wer es mag, sehr bunt, verschnörkelt und reich verziert.

Uns hat es alles in allem sehr gut gefallen. Das Hotel war schlicht, sauber, gut zu erreichen und der Service bestens. Einziger Nachteil, wir wohnten im sechsten Stock. Bis zum fünften ging der Fahrstuhl, dann kam die Treppe, was nach so einem langen Tag und gefühlt 1 Million Schritte, schwer zu bewältigen war! Der kleine Laden neben dem Hotel versorgte uns bestens mit Getränken, wobei ich verschiedenste Sorten Mineralwasser ausprobierte, bevor ich eins mit Kohlensäure fand. 😃 Bedauerlich war, dass uns auch hier das Elend mancher Menschen begegnete. Natürlich ist es nicht verwunderlich in so einer großen Stadt, aber es schmerzt ja doch, ganz gleich wo man sich aufhält. Und auch die Nachrichten aus Belgien trübten am letzten Tag die Stimmung massiv. Trotzdem überwiegt das Gute und Schöne an dieser Reise, die uns lange in Erinnerung bleiben wird und zum zweiten Besuch einlädt. In guter deutscher Manier sind wir zur Heimreise sehr zeitig im Bahnhof gewesen um das richtige Gleis zu finden. Wir mussten etwas warten und wunderten uns über die Trauben von Menschen, die sich vor den großen Anzeigetafeln sammelten. Plötzlich lösten sie sich auf und waren weg. Minuten später sammelte sich eine neue Traube. Als wir dann unser Gleis suchten war uns klar, was das bedeutete. Anders als bei uns gibt es keine Pläne auf denen die Gleise der Abfahrten stehen. Man muss vor den Tafeln geduldig warten, bis kurz vor Abfahrt das Gleis angegeben wird. Leuchtet es schließlich auf, ist Eile geboten, dies besonders in einem Bahnhof, den man nicht so gut kennt. Nun, wir haben den richtigen Zug erwischt, die richtigen Plätze gefunden und freuten uns auf Zuhause. Die Kinder hatten schon signalisiert, dass der Kühlschrank leer ist … schön, wenn man trotz Eigenständigkeit der Kinder zuhause erwartet wird. 😉 Als wir zuhause waren zeigte der Schrittzähler für die vier Tage zusammengerechnet 79.344 Schritte oder 51,6 Kilometer an. Jeder einzelne Schritt war es wert!

Transportprobleme

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Als Kind habe ich es mir immer gewünscht: Einmal das Bein brechen, einen schönen Gips drumherum bekommen und mich in der Folgezeit von der ganzen Familie bedienen und verwöhnen lassen. Mein kleiner Bruder hat mir oft genug vorgemacht, wie das geht. Aber – meine Knochen sind alle heile geblieben – zum Glück – bis heute und ich bin ja auch kein Kind mehr. Der Meniskus dafür nicht, der hatte einen Riss, der am Ende so zwickte, dass ich dann doch mal zum Arzt gegangen bin. 

Der Doktor fragte, ob ich irgendwann mal einen Unfall gehabt hätte. Außer, dass mein Hund vor Jahren mal im vollen Galopp bei Dunkelheit in mich hereinrannte, musste ich das verneinen. Der Doktor meinte aber, ich sei schon mal wegen des Knies bei ihm gewesen – 2011. Konnte ich mich nicht mehr dran erinnern – Gedächtnislücke … hab ich wohl verdrängt. Nun gut, jetzt gab’s kein Zurück mehr. Die Operation war beschlossene Sache, die Voruntersuchungen gemacht, der Termin festgelegt. Am OP-Termin ging alles so schnell – der Gatte brachte mich hin und drinnen schaffte ich es nicht mal ins Wartezimmer – dass ich auch keine Zeit mehr hatte, ein Opfer zu finden, das ich mit meiner Angstneurose voll quatschen konnte. Da mussten im Vorfeld nur ein paar KollegInnen leiden.

Das nächste woran ich mich erinnern kann, ist ein lautes „Frau Schmidt! Die OP ist vorbei!“ Wer das gesagt hat, weiß ich nicht. Aber der Zustand in dem ich war, den weiß ich – göttlich! Ich kam mir vor, als wenn ich in Watte gepackt auf Wolkenfeldern schweben würde! Herrlich – Zustand bitte halten … ich werde freiwillig Narkose-Junkie! Hielt aber nicht … schade! Mir wurde mein eingepacktes Bein bewusst und ich probierte, ob sich der große Zeh bewegen lässt. Klappte – alles ok! Ab und zu kam dann ein netter Pfleger vorbei, gab mir etwas zu trinken und fragte, wie es geht. Ich musste wach werden und warten. … Langeweile … Warten ist nicht mein Ding … weiter lange warten … ich erinnerte mich, dass neben dem Bett ein Stuhl mit meiner Jacke steht … warten … Da drin war mein Handy 🙂 und mit ein paar Verrenkungen – der Pfleger kam zum Glück gerade nicht vorbei – hatte ich das Handy in der Hand! Der Tag muss noch erfunden werden, an dem Frau Schmidt nicht an ihr Handy kommt. Schnell alles checken und in Facebook ein kleines „Wieder wach! Alles gut!“ posten.

Dann kam der Krankentransport. Drei nette Sanitäter und ein monströser Stuhl auf Rädern. Schon im Fahrstuhl wurde aus den Gesprächen klar, dass die beiden jüngeren Berufsanfänger sein mussten. Sie rollten mich über den Bürgersteig zu dem Sanitätswagen. Eine dicke hohe Bordsteinkante und drei Meter zum Wagen mussten sie überwinden. Als der eine Ältere den beiden Jüngeren erklärte, wie sie den Stuhl drehen und fassen mussten, kam dann doch Panik in mir auf. Innerlich erklärte ich ihnen übelste Probleme, falls sie mich fallen lassen sollten. Haben sie aber nicht – ich saß wohlbehalten im Wagen und war recht schnell Zuhause. Die drei waren ganz schön nett – prima Truppe.

Bei der Ankunft Zuhause war das einzige Problem, den freudig wedelndem Hund begreiflich zu machen, dass er im Weg steht. Dies aber nur bis er die Gehstützen (im folgenden manchmal Krücken genannt) wahr nahm. Frauchen wackelig mit zwei Stöcken war ihm dann doch suspekt. Er legt sich zwar in meine Nähe, aber beobachtet immer genau, wo die bedrohlichen Teile gerade sind. Frauchen sind die Krücken auch suspekt, aber man lernt ja besonders, wenn man zu Wegen gezwungen ist. Allein die Vorstellung das erste mal mit den Dingern die Treppe hochzukommen, hat mir rote Ohren eingebracht. Mittlerweile bin ich Profi, wenn ich auch zugeben muss, dass beim ersten Weg die Treppe runter eher die Po-Backen als die Krücken gefordert waren. Nach 1 ½ Tagen hätte ich sie am liebsten die Kellertreppe auf nimmer wiedersehen herunter geschmissen. Erstmalig in meinem Leben dachte ich ernsthaft über Gewichtsreduzierung nach. Mittlerweile hatte ich so einen Muskelkater in den Armen, dass ich nicht mal Lust hatte vor dem Einschlafen ein Buch zu heben. Die Einschlaf-Lektüre viel aus – krückenbedingt. In Erinnerung kam mir meine Freundin Heike, die kürzlich eine Knieverletzung hatte und wochenlang auf den Gehhilfen laufen musste. Das Problem war, dass ihre Wohnung im vierten Stockwerk liegt. Jedes Mal wenn ich ihr einen kleinen Einkauf brachte, war ich ohne Knieverletzung schon ab Stockwerk 2 ½ komplett bedient. Meine Bewunderung für die tapfere Freundin steigt ins unermessliche und signalisiert mir eher dankbar für nur ein Stockwerk zu sein.

Nun, frau fügt sich ihrem Schicksal (das ist schön theatralisch ausgedrückt 😉 ) und passt sich den Gegebenheiten an. Nur zwei Kleinigkeiten bereiteten mir etwas Sorge. Ich muss mir zum einen Thrombose-Spritzen selber setzen. Auch ein Transportproblem – wie bekomme ich die Flüssigkeit in mich hinein? Glücklicherweise hatte ich noch nie ein Problem mit Spritzen und dachte auch nicht weiter darüber nach. Bequem hingesetzt ermahnte ich mich, den Bauch entspannt zu lassen, dann würde ich es gut hinbekommen. Bekam ich nicht. Mir viel ein, dass die Arztgehilfin etwas von desinfizieren gesagt hatte. Also bin ich wieder los gehumpelt – mit Krücken – und habe entsprechende Utensilien geholt. Jetzt aber … oder auch nicht. Bauchdecke entspannen, desinfizieren und los … wenn ich noch rauskriege, wie die kleine Spritze aufgeht, könnte es etwas werden … Zum Glück saß ich in meinem Bürostuhl, schaute auf dem Bildschirm und dachte „Google weiß alles!“. Suchwort „Thrombose Spritzen“ bringt nix, „Thrombose Spritzen setzen“ auch nix. OK, ich setze den Namen des Präparates ein. Das klappt sofort – aber ich muss ewig scrollen, denn es handelt sich um einen Beipackzettel. Irgendwo muss doch stehen, wie das Teil aufgeht und nicht nur, was mir alles passieren kann … und da steht es, ganz am Ende mit Bild: „Halten Sie die Spritze an den Seiten fest. Ziehen Sie die Nadelschutzkappe gerade ab, ohne sie zu drehen oder zu biegen.“ Prima – dafür hätte ich Google nicht gebraucht, also fester ziehen und als ob die kleine Spritze mich auf den Arm nehmen will, geht sie jetzt auf. Der Rest ist kein Problem und tut nicht mal weh … nur – Bauchdecke entspannt lassen! 😉

Die zweite Kleinigkeit waren Überlegungen, wie ich kleine Dinge, insbesondere Nahrungsmittel von A (Küche) nach B (Wohnzimmer) transportiere. Die OP war am Donnerstag und rechtzeitig ab Freitagnachmittag waren alle Familienmitglieder abgemeldet. Ein Kind komplett weg und die anderen beiden, Kind und Mann, hockeytechnisch unterwegs. Den Morgen-Kaffee bekam ich noch geliefert, den Nachmittags-Kaffee musste ich mir selber machen und – transportieren. Kaffee machen klappte mit viel Hüpfen und grazilen Streckübungen. Und der Transport – auch …  es ist doch erstaunlich, was der Mensch zustande bringt, wenn er muss! Auf Krücken laufen und in einer Hand eine große Kaffeetasse halten klappt: Einen Schritt rechts, stabilisieren, einen ruhigen, ausgeglichenen Schritt mit Tasse links und wieder von vorne … so ein Kaffee schmeckt besonders gut. Das größte Transportproblem bin letztendlich ich selber und ich war schier begeistert als ich am zweiten Tag schon den Fuß aufsetzen konnte. Entlastung für die Arme ist gegeben und ich trage seit Tagen eine Jacke mit riesigen Taschen an den Seiten. Da passt richtig viel rein, ganze Mineralwasserflaschen, eine Menge Nervennahrung und vieles mehr!

Mein Fazit: Ich bin froh, dass sich nicht alle Kindheitsträume erfüllen! Eine kleine OP und alles Folgende ist auszuhalten und ok. Das Krückenlaufen aber schlicht und einfach doof. Ich passe weiter gut auf meine Knochen auf und hoffe, dass der Rollator noch in weiter Ferne liegt. Respekt allen, die das eine Weile hinnehmen müssen und tapfer tragen. Eine schöne Erfahrung ist es zu bemerken, wie erfindungsreich man sein kann, wenn etwas nicht geht oder man zu etwas gezwungen ist. Der Perspektivwechsel bringt doch einige Erkenntnisse. Zum Beispiel hat die Bedeutung einer Badewanne einen neuen Stellenwert bekommen. Da ich nur dusche, hielt ich sie bisher für vollkommen überflüssig. Jetzt weiß ich um ihre Bedeutung beim Zähneputzen, wenn man mal nicht gut auf den Beinen steht und sie als Sitzmöbel umfunktionieren kann. Mal sehen, was ich noch für wichtige Erkenntnisse in den nächsten Tagen gewinne. Das Ding mit der Geduld wird noch etwas schwer, aber da hilft ja der Kopf – der zum Glück noch in Ordnung ist – meistens jedenfalls! 😉

Mein digitaler Begleiter

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Es war ein wunderschöner Nachmittag bei einer Freundin und ich lief gut gelaunt nach Hause. Nach guten Gesprächen und vielen Neuigkeiten, schaute ich schnell auf mein Handy … könnte ja sein, dass mich jemand zwischenzeitlich vermisst hat oder weltbewegende Mails oder Nachrichten gekommen sind. Als ich wieder aufschaute, winkte mir in 50 Metern Entfernung eine andere Freundin zu. Wir liefen zueinander, begrüßten uns herzlich und einer ihrer ersten Sätze lautete: „Ich war mir unsicher, ob du das bist. Aber bei der Körperhaltung, dachte ich, ist sie es bestimmt.“ sprach’s, lachte und wir tauschten wieder Neuigkeiten und Spannendes – was halt so los war. Als ich weiterlief, kam mir ihr erster Satz wieder ins Gedächtnis. Hm, soweit ist es jetzt also: Man erkennt mich von weitem an meiner Körperhaltung. Wie ich laufend auf mein Handy schaue in dem Bemühen nichts aus der digitalen Welt zu verpassen.

Dabei bin ich vollkommen undigital aufgewachsen. Mein Lieblingsspielzeug war Schere und Papier, Puppen, Bälle, Bücher … Wir haben uns miteinander oder mit Dingen beschäftigt, die wenn überhaupt, vielleicht klingeln konnten. Mehr nicht. Ich kann mich erinnern, dass meine kleine Schwester und ich „Vater, Mutter, Kind“ mit Buntstiften an der Fensterbank gespielt haben. Und wir hatten unendlich viele Papier-Anziehpuppen. Meine Mutter musste sie uns immer vormalen und dann konnten wir ihnen Kleider zeichnen, ausschneiden und mit den Papierlaschen anziehen. Wenn sie kaputt gespielt waren, haben wir die Mutter wieder gelöchert, uns eine neue Modepuppe zu malen. Klappte lange, bis sie auf den Trichter kam, dass wir in der Lage waren sie uns selber zu malen. Dabei waren ihre immer schöner. Wir haben zweckentfremdet, was wir in die Finger bekommen konnten. Kartons wurden Puppenstuben, Stoffreste zu Teppichen, Steine und Stöcke Möbelstücke. Mein persönliches Highlight war immer, wenn der neue Otto-Katalog kam und ich den alten haben durfte. Stundenlanges ausschneiden … ich habe ganze fiktive Familien und Hausstände ausgeschnitten und mit den Bildern gespielt. Gefehlt hat uns dabei nichts – wir kannten ja nichts anderes.

Den ersten Fernseher im Wohnzimmer habe ich sehr spät bewusst erlebt. „Dick und Doof“, „Bonanza“, „Bezaubernde Jeanny“, „Speedy Gozales“ … waren meine Kinderhelden. Und viel mehr Technik gab’s in meiner Kindheit eigentlich nicht. In jugendlichen Jahren kam ein Kassettenrekorder hinzu. Was war das für eine Herausforderung sich Lieder aus dem Radio übergangslos auf einer Kassette zu sichern. Begeistert war ich immer, wenn ein Wecker, Radio oder ähnliches kaputt war. Schraubenzieher aus dem Keller holen, Innenleben erforschen und die Einzelteile weiterverwerten.

Die nächste größere technische Herausforderung stellte sich mir in der ersten Ausbildung in Form einer Reproduktionskamera. Diese raumfüllenden Geräte waren früher Teil der Produktionskette zur Erstellung von Druckerzeugnissen. Heute dürften sie alle museumsreif sein. Etwa in dieser Zeit erlebte ich den ersten Computer. Mein Onkel, bei dem ich die zweite Ausbildung absolvierte, schaffte sich den ersten kleinen Macintosh etwa 1985 an und … er ließ mich das Teil erforschen. Ich liebte beide – den Onkel, der mich das Gerät erforschen und probieren ließ und dieses kleine technische Wunder. Von da an hatte ich immer die Möglichkeit, irgendwo Hand an einen Computer zu legen. 1993 war dann ein rundum revolutionäres Jahr. Nicht nur, dass ich mit der Liebe meines Lebens zusammen zog, die Liebe meines Lebens kaufte uns auch noch den ersten eigenen Heimcomputer. Wieder liebte ich beide … den Mann sowieso und den Computer … bis heute!

Das erste Handy kam mit dem ersten Kind ins Haus, also mit dem Kind im Bauch – für den Notfall. Nein, nicht dieses monströse Teil mit Antenne. Unser erstes Handy passte schon in eine etwas größere Hosentasche, die dann zugegeben etwas ausgebeult aussah. Der Gatte kam mit den Karton nach Hause, streckte mir diesen entgegen und sagte „Mach’ mal!“ Ich glaube im Nachhinein, das war der Moment in dem ich fortan die elektronischen und digitalen Dinge im Haushalt übernahm. In den ersten Handy-Jahren habe ich dieses Teil wohl nur mit mir herumgetragen, weil man das eben so machte – für den Notfall. Damit telefonieren war eh zu teuer, besonders für einen Menschen, der in der Pubertät noch ein Telefonschloss an der Drehscheibe erlebt hat, bzw. damit aufgewachsen ist, immer zwei Telefongroschen für die Telefonzelle in der Hosentasche zu haben – für den Notfall.

Mit den Kindern, eher aber wohl, weil es an der Zeit war, nahm die technisch, digitale Entwicklung seither eine nicht mehr fassbare Geschwindigkeit auf, die auch vor uns keinen Halt machte. Mein Beruf hat sich seit Mitte 80er Jahren komplett verändert und kommt ohne digitale Technik nicht mehr aus. Und auch im privaten werden immer mehr Dinge am Computer geregelt, was früher undenkbar gewesen wäre. Aus dem eigenen Interesse heraus, haben wir auch unsere Kinder sehr früh an dieser Entwicklung teilhaben lassen. Bewusst, kontrolliert und gesteuert. Heute passiert es durchaus, dass ich die Installation des Routers, des neuen Druckers oder anderes meine Tochter machen lasse. Und – wir haben trotz bald überstandener Pubertät, keine Telefonschlösser gebraucht. Geht ja auch schlecht bei Handys. Wir bezahlen die Handy-Verträge für die Smartphones, haben den Kindern früh den kontrollierten Zugang zu verschiedenen Netzwerken erlaubt und wissen, dass sie sich heute sicher in diesen Medien bewegen. Natürlich haben wir Lehrgeld bezahlt, sowohl in der Kommunikation als auch bei unbedachten Klicks z.B. auf Spiele. Aber dieses Lehrgeld ist tausendmal mehr wert, als wirkliche Schwierigkeiten aus Unwissenheit. Und auch wenn es sich im Zusammenhang komisch anhört – wir haben über diese Dinge sehr viel geredet.

Mittlerweile bin ich ständig umgeben von einem Computer, einem Tab oder meinem Handy. Ich habe Spaß daran diese Dinge zu nutzen und damit zu arbeiten, beruflich wie privat. Ich kommuniziere gerne, vielfältig und neugierig. Bin gespannt, wenn ich wieder einmal etwas ganz neues ausprobieren kann. Staune, wenn eine Entwicklung, die ich gerade verstanden habe, schon wieder überholt worden ist. Freue mich über kleine Apps, die für mich sinnvoll, eine Bereicherung darstellen. Und bewundere die Kinder und Jugendlichen, die viel schneller als ich diese Dinge begreifen und nutzen.

Ich finde meine techniklose Kindheit klasse, aber hüte mich davor, sie meinen Kindern oder ggf. Enkeln zu wünschen. Es ist unrealistisch und vergangene Zeiten holen wir nicht zurück. Sie lesen trotzdem, können sich mit Brettspielen beschäftigen und verfügen über einen sehr großen Wortschatz (ohne Abkürzungen). Die technikbeladene Zeit, die ich jetzt erlebe, finde ich genauso klasse und freue mich, dass ich sie mit Spaß erleben darf. Ich lese täglich in einem echten Buch, kann mich stundenlang techniklos bewegen und beschäftigen – wenn ich will. Ins Seniorenheim werde ich einmal nur unter der Bedingung einziehen, dass flächendeckend WLan vorhanden ist – falls es dann nicht schon was Neues gibt. Mit meinem digitalen Begleiter, der mir lückenlosen Kontakt zu Außenwelt ermöglicht.

Meine Tochter kommt zu mir an den Computer und fragt, was ich mache. Ich erzähle ihr, dass ich darüber schreibe, dass ich schon an der Handy-Körperhaltung von weitem zu erkennen bin, und dass mir das zu denken gibt. Die sagt nur: „Und dabei heißt es immer – die Jugend von heute!“ schaut auf ihr Handy und lächelt … ich nehme an eine SMS vom Freund … das gabt’s bei uns auch nicht.