Ess-Gewohnheiten und die Karotten

Foto: ©Visions-AD-Fotolia.com

Foto: ©Visions-AD-Fotolia.com

Mit einer Karotte hat alles angefangen. Als junge Mutter las ich in verschiedenen Ratgebern, mein Kind müsse Karotten essen, damit es vitaminreich und gesund aufwachsen kann. Also versuchte ich es: Karotten mit Kartoffeln gekocht + püriert, Karotten mit Apfel frisch + geraspelt, Karotten am Stück, Karotten im Gläschen von Firma X, Y und Firma Z. Karotten versteckt im Nudelsüppchen und so weiter. Das Ergebnis war immer das gleiche. Das Kind spuckte die Karotten wieder aus und musste ohne diese vollwertige, gesunde Nahrungsmöglichkeit groß werden. Auch beim zweiten Kind scheiterte der Karottenversuch kläglich … es machte erst gar nicht den Mund auf, wenn irgendetwas das (nach mütterlicher Ansicht) gesunder Ernährung entsprach, in seine Nähe kam. Karotten wurden vom familiären Speiseplan gestrichen. Im Laufe der Jahre änderten sich dann die Essgewohnheiten der Kinder immer wieder mal. Jetzt, fast zwei Jahrzehnte später, habe ich eine Gemüse- und eine Obstfanatikerin zuhause, die fast tägliche Einkäufe für „Frischfutter“ notwendig machen. Gesunde Ernährung ist bei uns angesagt, die die Ess-Gewohnheiten der Eltern auf eine harte Probe stellt.

Dabei muss ich gestehen, dass Ernährung oder gesunde Ernährung in meiner ersten Lebenshälfte kein Thema war. Trotzdem hatte ich immer einen sehr hohen Anspruch an gutes, leckeres Essen. War ja auch einfach. Mutter kochte ausgesprochen gut und es kam fertig auf den Tisch. Noch dazu war im Fünf-Kinder-Haushalt immer reichlich davon vorhanden. In den Single-Jahren siegte die Bequemlichkeit. Zwar war mir klar, wie das mit dem Kochen funktionierte, aber so ganz ohne Gesellschaft macht’s nun mal wenig Spaß. Dosensuppe, Tiefkühlpizza, Fertiggericht … ist ja einfach. Spiegelei war auch mal drin – Hauptsache schnell und einfach. Dann kam die Rosa-Wölkchen-Zeit und ich konnte plötzlich fantastisch kochen. Liebe geht ja durch den Magen und der Mann musste überzeugt werden – nachhaltig – lebenslänglich. Hat funktioniert, so schlecht kann’s nicht gewesen sein.

Danach kam die (Koch-)Zeit mit den Kindern. Das Karotten-Dilemma war schnell überwunden. Es wurde Zeit das Säuglingsalter und die fade Küche zu überstehen. Gewürze und wunder Po standen im direkten Zusammenhang – das stand auch in den erwähnten Ratgebern, genauso wie Hülsenfrüchte und Darmwinde. Vorsicht war geboten. Ganz langsam und meist heimlich zogen Salz, Pfeffer, Curry, Paprika, Basilikum, Knoblauch, Zwiebeln & Co. wieder in die Küche ein. Zwiebeln besonders heimlich, denn schnell erklärte der Nachwuchs, so etwas nicht zu essen. Also schnitt Muttern die Zwiebeln jahrelang heimlich, immer wenn der Nachwuchs mal nicht in der Küche war. Sprechende Kinder sind eh nicht förderlich für die Kochmotivation der Mütter. Aber gut, die Kinder aßen und der Balanceakt, ihrem Geschmacksdiktat zu entsprechen gelang.

Ich würde meine Küche für die Wachstumsphase meiner Kinder mal „Trennkost-Küche“ nennen. Was die eine nicht aß, aß die andere. Wichtig war, die Nahrungsmittel einzeln und nicht gemischt auf den Tisch zu stellen. Aufläufe, Gratins, Suppen … also Speisen, in denen sich ein außerfahrplanmäßiger Nahrungsbestandteil befinden könnte, waren nicht angesagt. Die Ketchup-Küche war immer gut genug alle satt zu bekommen. Erschwerend kam meine strikte Weigerung hinzu, für jedes Kind einzeln zu kochen. Das war die Domäne der Oma, die nicht nur für die Kinder, auch für den Sohn noch gesondert kochte. Noch schwöre ich, dass ich das niemals machen werde … arme Enkelkinder.

Mit der Zeit wurde es dann doch etwas besser. Erstaunlicherweise wurden die Kinder größer und das bei recht guter Gesundheit. Der Geschmack änderte sich mit der Zeit bei beiden. Die eine entdeckte die Liebe zum Salat, die andere lies immer mehr „schwierigere“ Gerichte auf der familiären Menükarte zu. Zudem wurde das Abendessen bei zunehmend volleren Terminplänen aller Familienmitglieder immer mehr zum kommunikativen Treff- und Austauschpunkt. Gemeinsam Essen um alle erlebten Dinge zu besprechen, zu erzählen und Dinge zu planen bekam einen festen Stellenwert, den alle genießen. Also das Essen selber – nicht das drumrum. Tischdecken und wieder abdecken, Küche sauber machen, Geschirrspüler ein- und ausräumen, sollte doch in fester Elternhand bleiben … meinen die Kinder.

In den letzten Jahren schlich sich eine neue Variante des Küchenlebens bei uns ein. Die eine Tochter, immer schon experimentell begeistert, entdeckte das Backen. Nach etlichen Versuchen ohne Rezept … wozu auch … stellten sich recht leckere Erfolge ein. Heute kann ich genussvoll und recht bequem sagen, das kann sie besser als ich und darf mich dezent aus diesem Bereich zurückziehen. Die andere hat die bewusste Ernährung entdeckt. Salat aß sie immer schon gerne, nun stand Gemüse in allen Varianten auf dem Einkaufszettel – meistens an erster Stelle – Karotten!

Zum Leidwesen der Eltern zieht die eine Tochter die andere mit. Die Diskussion über das Essen wird härter. Vollkornnudeln statt normale Weizennudeln. Wildreis statt Basmati-Reis. Vollkornbrot statt Weizenbrot. Und warum, um Himmels willen, immer Fleisch. Spinatbrätlinge statt Frikadellen. Salat und Gemüse tut’s auch und weil sich die Mutter weigert vollkommen auf Rohkost umzustellen, steht das Kind nun selber in der Küche und schnipselt. Gesund, bewusst, vitaminreich, wenig Kohlenhydrate … die Salatdomäne habe ich auch abgegeben. Ich darf – noch – kochen.

Ich gebe gerne zu, dass ich von den Töchtern lerne und so peu a peu schon einiges in mein Repertoire übernommen habe. Aber ich werde nun mal nicht vollkommen vegetarisch, liebe meine Mayonnaise und gebe hin und wieder meinem Heißhunger auf eine Currywurst gewissenlos nach. Ich habe immer schon Mütter bewundert, die stolz erzählten, dass ihr Nachwuchs alles isst und was sie für schöne Sachen im Bioladen erstanden haben. Habe ich alles nicht erlebt und gemacht. Und nach jeder harten Diskussion mit meinen großen Töchtern, was wir als nächstes essen, freue ich mich schon auf meine heimliche Genugtuung … die Ess-Gewohnheiten meiner potentiellen Enkelkinder. Denen werde ich dann sehr genüsslich erzählen, dass ihre Oma auch keine Karotten mag.

Weiter geht’s … der erste Schultag

Foto: ©-stockWERK-Fotolia.com

Foto: ©-stockWERK-Fotolia.com

Wochenlang freuen wir uns darauf und wenn sie dann da sind, dauert es gefühlt einen Augenaufschlag bis sie wieder vorbei sind – die Sommerferien. Kinder wie Eltern freuen sich darauf durchatmen zu können, keinen Wecker zu stellen, kein Nachmittagshausaufgaben-Programm findet statt, keine Schulbrote werden geschmiert, keine Nörgeleien kommen an die Ohren, keine Elternabende müssen geschafft werden. Einfach nur Pause, ein paar Wochen Erholung und Müßiggang.

Gegen Ende der Ferien dreht sich das Ganze wieder um. Die Kinder freuen sich auf ihre Freunde, die sie sechs Wochen lang nicht gesehen haben und so manch ehrlicher Elternteil freut sich auf die gewohnte Alltagsroutine. Der erste Schultag steht bevor. Die „alten“ Hasen ab der zweiten Klasse packen wieder ihre Ranzen und sehen dem ersten Tag mehr oder weniger gelassen entgegen. Für die Neulinge, die Erstklässler, beginnt es eine Woche später. Für sie wird es aufregend und neu – Kinder und wie Eltern. Eine Schultüte wird gebastelt und gepackt, Erwartungen und Vorfreude bestimmt die Stimmung – ein ganz neuer Lebensabschnitt des Kindes und der Familie beginnt.

Hat das Kind bisher nur spielerisch und in zeitlich sehr lockerem Rahmen gelernt, wird das Lernen nun zum Hauptteil der Vormittage. Auch weite Teile des Nachmittags werden davon bestimmt. Und recht schnell wird deutlich werden, welche Fächer dem Kind liegen oder welche eher Schwächen offenbaren. Ist das eine Kind mathematisch begabt, glänzt das andere durch das Lesen oder Schreiben, manche sind auffällig durch ihre kreative Seite, andere wiederum durch sportliche Aktivitäten. Natürlich gibt es die Überflieger, die alles können, wahrscheinlicher ist aber, dass sich besondere Stärken und auch Schwächen zeigen werden. Was die Erstklässler in den ersten Wochen in jedem Fall erleben ist VIEL. Sie müssen sich an einen neuen Ort gewöhnen, herausfinden welchen Geistes die Lehrkraft ist, müssen sich in der Gemeinschaft der Klassen zurechtfinden und dann auch noch Ergebnisse liefern, die Lehrkraft und Eltern zufrieden stellt. Der neue Schulweg muss sicher und alleine gemeistert werden, die richtige Portion an Schulbrot bemessen und zeitliche Abläufe neu eingeübt werden. Ist das Kind informationsfreudig oder eher der Typ, bei dem nie etwas besonderes in der Schule passiert? Findet es schnell Freunde? Welche Ruhephasen braucht es, um die Fülle der neuen Situation zu bewältigen? Der Kuschelfaktor der Kita entfällt … der erste Schritt zur Selbstständigkeit getan.

Was Kinder ganz besonders in dieser ersten Zeit brauchen, sind starke Partner zuhause. Eltern, die egal was kommt, ihnen den Rücken stärken und das nicht nur in den ersten Wochen, sondern in der gesamten Schulzeit! Eltern, die an den einen Punkten gelassen reagieren, an anderen wiederum konsequent. Kinder brauchen Eltern, die in jedem Fall genau beobachten, wie sich der junge Schüler in die neue Rolle einfindet und was er an Unterstützung braucht. Eltern ohne rosarote Brille, die einen guten Blick und die nötige Gelassenheit haben, ihren Nachwuchs durch diese wichtige Zeit zu begleiten. Insbesondere aber auch Eltern, die loslassen können und dem Kind ermöglichen, selber die Verantwortung für seine Schullaufbahn zu übernehmen. Das müssen sie lernen. Hausaufgaben zuverlässig anfertigen, Informationen weitergeben, Erlerntes wiederholen … es ist primär die Aufgabe des Kindes, diese Job zu erledigen. Eltern sollten nur Unterstützer und gute Beobachter sein.

Ein Patentrezept für eine gute Schulzeit gibt es nicht. So unterschiedlich jedes Individuum ist, so unterschiedlich gestalten sich auch die Schullaufbahnen der Kinder. Empfehlenswert ist es in jedem Fall, immer gut informiert zu sein und die Besonderheiten der Schuljahre zu kennen. So sollte man in Berlin darauf vorbereitet sein, dass die ersten zwei Jahre in sogenannten JÜL-Klassen verbracht werden – Jahrgangsübergreifendes Lernen. Die Noten der fünften und das erste Halbjahr der sechsten Klasse zählen für die Qualifizierung der Oberschule. Die siebte Klasse auf dem Gymnasium ist ein Probejahr. In der achten Klasse schreiben allen Schüler Vera 8 – Vergleichsarbeiten in den Fächern Deutsch, Mathematik und der ersten Fremdsprache. In der neunten Klasse wird der BBR geprüft – Berufsbildungsreife und in der zehnten Klasse müssen die Schülerinnen und Schüler den MSA bestehen – den Mittleren Schulabschluss. Wer dann noch weiter gehen möchte hat die Möglichkeit, je nach Schultyp das Abitur in zwei oder drei Jahren zu machen. Je früher man diese Besonderheiten kennt, desto früher kann man den geeigneten Schultyp für das Kind finden und sich entsprechend vorbereiten. Tage der offenen Tür gibt es an den Schulen in jedem Jahr, nicht nur in dem Jahr bevor das Kind wechseln muss. Lohnenswert ist es in jedem Fall sich die jeweiligen Schulprofile der Schulen anzusehen. Ob eine Betonung auf den Naturwissenschaften, der Musik, einer sportliche Ausrichtung oder in sprachlicher Richtung liegt, ist ein guter Hinweis. Informationsmöglichkeiten gibt es zahlreich, auch im Internet. Sehr gut ist aber auch ein Eindruck von Eltern, die ihr Kind schon auf einer potentiellen Schule haben, auch wenn hier eher das subjektive Empfinden eine Rolle spielt. Informieren kann man sich immer sehr gut über die GEV – die Gesamtelternvertretung und empfehlenswert sind in jedem Fall die regelmäßige Teilnahme an Elternabenden. Auch wenn ihr Kind viel aus der Schule erzählt, auf der Elternebene wird doch anders gesprochen und manche Erzählungen zeigen sich in einem anderen Licht. Die erste Adresse bei Fragen sollte jedoch immer die entsprechende Lehrkraft sein. Ideal ist es, wenn Eltern mit Lehrerinnen und Lehrern Partner im Sinne des Kindes werden.

Das wichtigste ist trotzdem immer der eigene und realistische Blick auf das Kind. Den Satz „Der Lehrer nimmt mich nie dran, obwohl ich mich immer melde!“ kennen wir alle und haben ihn wohlmöglich selber schon unseren Eltern gesagt. Es gibt aber immer zwei Blickwinkel des Ganzen – den des Kindes und den der Lehrkraft. So muss man vorsichtig versuchen herauszufinden, wo das Problem liegt und gut abwägen, was zu tun ist. Liegt eine Schräglage vor, muss man handeln und versuchen wieder Ordnung zu schaffen. Wenn ein Kind sich in der Schule nachhaltig nicht wohl fühlt, ist in jedem Fall Handlungsbedarf. Und auch wenn es manchmal schwer auszuhalten scheint – keine Schullaufbahn wurde je in einem Schuljahr entschieden. Die Kinder werden heute sehr jung eingeschult und haben früh einen Abschluss. Manch einer ist dankbar für ein Jahr mehr Zeit und Entwicklungsspielraum. Ein guter Schulabschluss ist eine Grundlage und ein Einstieg, jedoch nicht zwingend ein Garant einer erfolgreichen beruflichen Laufbahn.

Eine wichtige Sache zum Schluss: Jeder hat Schule erlebt und verbindet damit Erinnerungen. Kinder merken, was für eine Einstellung die eigenen Eltern zu Schule haben. Eine positive Einstellung, Motivation und Spaß an der Schule kann man zuhause unterstützen, immer bedacht dabei, dass die Eltern eher in der zweiten Reihe stehen sollten. Freundliche, ihnen zugewandte Lehrkräfte brauchen Kinder. Lehrkräfte, die individuell erkennen, wo Stärken ausgebaut und Schwächen behoben werden können. Kinder können in jedem Fall mehr, als wir ihnen zutrauen … lassen wir uns von ihnen überraschen und sie ihren eigenen Weg laufen.

Leitartikel der Homepage des Stadtteilzentrum Steglitz e.V.
vom 21. August 2014

Spiel und Spaß und … Hausaufgaben!

SzS_leitartikel_HA-Betreuung

Im Immenweg in Steglitz gibt es ein Haus, in dem sich alles um Kinder und Jugendliche dreht – liebevoll „die Imme“ genannt. Ein eingespieltes Team von Pädagogen bezeichnet die Imme sozusagen als „verlängertes Wohnzimmer“ für die Jugend, in dem aber auch Eltern und Lehrkräfte auf Wunsch Hilfe und Unterstützung bekommen. Ganz wichtig ist es, in der Imme gemeinsam Spaß zu haben, und so bietet man dort ein breit gefächertes Angebot, das genau auf die Interessen von älteren Kindern und Jugendlichen abgestimmt ist. Schon auf der Internetseite www.immenweg.de wird jedoch klar, dass es nicht nur um Spaß geht. „Hausaufgaben“ ist ein eigener Reiter auf der Homepage, der deutlich macht, dass alle Lebensbereiche der Kinder und Jugendlichen in diesem Haus unterstützt werden.

Die Hausaufgabenbetreuung in der Imme gibt es seit 2002, als das Haus unter Trägerschaft des Stadtteilzentrums Steglitz e.V. für die Kinder und Jugendlichen geöffnet wurde. Anfangs besuchten lediglich zwischen zwei und fünf Kinder die Hausaufgabenbetreuung, die damals noch halbtags von einem Mitarbeiter des Jugendamtes geleitet wurde. Von 2005 bis 2008 musste sich die Einrichtung die Räume im Haus mit dem Hort einer benachbarten Grundschule wegen eines Neubaus teilen, wodurch aufgrund der beengten Platzverhältnisse die Durchführung der Hausaufgabenhilfe eher theoretisch möglich war. Dennoch ließen sich in dieser Zeit etwa fünf bis zehn Kinder täglich unterstützen, wenn auch mit einem eher unverbindlichen Charakter. Nachdem der Hort seinen eigenen Neubau beziehen konnte, übernahm Jörg Backes, Projektleiter des Kinder- und Jugendhauses, den Neuaufbau der HA-Betreuung, die mittlerweile seit sieben Jahren mit Erfolg läuft. Das Konzept wurde komplett neu ausgerichtet und fand nach einer rund einjährigen Anlaufzeit zu der Form, in der sie bis heute besteht.

Die Hausaufgabenbetreuung ist offen für alle Kinder ab der 5. Klasse bis zur Oberstufe. In der Praxis sieht es aber so aus, dass überwiegend Grundschüler der 5. und 6. Klasse kommen, die trotz Hortzeitverlängerung nicht mehr in den Hort gehen möchten. Dazu kommen Oberschüler der Unter- und Mittelstufe. Die meisten Kinder sind also zwischen 10 und 15 Jahre alt. Vereinzelt finden sich Viertklässler (als Ausnahme, z.B. bei Geschwisterkindern) ein und Ältere, die vor allem die Recherche-Möglichkeiten und Hilfestellungen nutzen. Angemeldet waren in den letzten Jahren immer zwischen 35 und 50 Schüler und Schülerinnen. Hinzu kommen „Altgediente“, die nicht mehr regelmäßig kommen, sondern nur noch, wenn z.B. ein Referat oder die MSA-Vorbereitung (Mittlerer Schulabschluss) auf dem Plan steht.

Die Kinder kommen nicht gleichzeitig, sondern gestaffelt. In Kernzeiten steht Jörg Backes eine Honorarkraft zur Seite. Um an der Hausaufgabenbetreuung teilnehmen zu können, müssen sich die Kinder verbindlich anmelden. Es gibt ein Aufnahmegespräch mit den Eltern, außerdem ist das Erscheinen dreimal in der Woche Minimum. Die Hausaufgabenbetreuung in der Imme grenzt sich von individueller Nachhilfe ab, gibt aber intensive Hilfestellung mit Üben auch für Klassenarbeiten – und das Ganze gibt’s kostenlos.

Sind Hausaufgaben, die die Kinder zu erledigen haben, überhaupt ein Gewinn für sie und zeitgemäß? Hat das Gelernte nicht nur für die nächste Klassenarbeit, sondern für die Zukunft Relevanz? Jörg Backes denkt durchaus, dass Hausaufgaben – bei einem sinnvollen Umgang – zeitgemäß sind. Er beantwortet die Frage mit einem entschiedenen ‚Ja’.

“Ich weiß, dass es Bestrebungen gibt, die Hausaufgaben als Relikt einer frontal vermittelnden Macht- und Notenpädagogik abzuschaffen, aber ich halte sehr viel von Hausaufgaben – WENN sie richtig eingesetzt werden. Sich stumpfsinnig hinzusetzen und eine Matheaufgabe nach der anderen herunterzuschreiben, ist natürlich nicht mehr zeitgemäß. Aber dass die Schüler sich auch nach dem letzten Klingeln noch hinsetzen und ihre Gehirnzellen mit dem tieferen Verständnis des Stoffes trainieren, ist in meinen Augen absolut sinnvoll.

Der „richtige“ Umgang mit Hausaufgaben beinhaltet dabei natürlich einige Voraussetzungen. Dazu gehört die sinnvolle Verzahnung von Lehrern und Eltern/Hausaufgabenpädagogen. Manche Aufgaben könnten fächerübergreifend thematisch verbunden werden. Bei anderen mag es sinnvoll sein, die Art der Aufgabe an die individuelle Leistungsfähigkeit jedes Schülers anzupassen. Zudem fördert der Dialog zuhause bzw. in der HA-Betreuung auch das Verständnis des Stoffes. Zum Beispiel, wenn Schüler und Eltern gemeinsam an einer kniffligen Frage arbeiten – die Eltern natürlich nur beratend, nicht vorsagend.“ Er denkt aber, dass diese Frage nicht nur in Bezug auf die Hausaufgaben, sondern in Bezug auf den Lehrstoff bzw. die Schulfächer betrachtet werden muss. “Einiges hat Relevanz für die Zukunft (und zwar immer dann, wenn das Kind sich für diese Thematik irgendwie interessiert), anderes wiederum lernt man nur bis zur nächsten Arbeit. Welche Priorität man da auch immer hat: Ein Gewinn ist das Anfertigen der Hausaufgaben immer – allerdings weniger in Bezug auf den Stoff, sondern eher in Bezug auf das Erlernen von Schlüsselqualifikationen (Selbständigkeit, Organisation, Zuverlässigkeit, Bilden von Verknüpfungen). Anders gesagt: Es gibt blöde, stumpfsinnige Hausaufgaben, die einfach nur sinnlos sind, es gibt aber auch die sinnvolle Vertiefung von relevanten Themen und deren Verinnerlichung.“

Danach gefragt, was er abschaffen würde, wenn er “Minister für Bildung” wäre, antwortet Jörg Backes, er würde die Abschaffung der Kulturhoheit der Länder betreiben und das Bildungswesen als Bundesangelegenheit definieren. Der Föderalismus führt in diesem Bereich dazu, dass jedes Bundesland macht, was es will. Er würde keins der heutigen Fächer wirklich abschaffen wollen, sich aber eine lebenspraktischere Orientierung wünschen und allgemein ein größeres Gewicht auf kreative Fächer legen. Nur statt Religion würde er einen neutralen Ethikunterricht einführen, in dem die Religionen natürlich vorkommen, aber eher als Teil der Geschichte.

Jörg Backes nimmt die Betreuung der Hausaufgabenhilfe und seine leitende Rolle darin sehr ernst und wünscht sich besonders, dass Eltern und Pädagogen eng zusammenarbeiten um individuell beurteilen zu können, welche Hilfestellung für das jeweilige Kind erforderlich ist. Aber besonders eines ist ihm bei aller Ernsthaftigkeit des Themas wichtig – der Spaß bei der Sache und das gemeinsame Lachen sollten dabei nie fehlen.

Leitartikel der Homepage des Stadtteilzentrum Steglitz e.V.
vom 14. August 2014

 

Einen herzlichen Dank an Jörg Backes, Projektleiter des Kinder- und Jugendhaus Immenweg, der mich bei diesem Beitrag unterstützt hat.

Plötzlich ist alles ganz anders

annaschmidt-berlin.com_gras

In dem einen Moment genießen wir es alle – endlich ist Sommer und die Sonne scheint. Gut, es ist vielleicht schon wieder ein bisschen zu warm, aber seien wir ehrlich. Besser als mit dicken Mänteln und roter Nase über Glatteis laufen, ist das Wetter gerade allemal. Wir genießen die Parks, die Gärten, die Blumen und die Möglichkeit sämtliche Freiräume zu nutzen, die sich uns bieten. Wir genießen das Leben in vollen Zügen. Dann kommt plötzlich ein Anruf und alles ist anders.

Eine Nachricht, dass die Mutter, Schwiegermutter und Oma im Krankenhaus liegt. Die Familie bricht sofort alles ab, was im Moment vonstattengeht und orientiert sich von jetzt auf gleich neu. Man setzt sich ins Auto, fährt zum Krankenhaus mit der bangen Hoffnung, dass es nicht so schlimm sein wird, wie man … nein, wie man sich eigentlich nicht denken möchte. Die erste Einschätzung vom Arzt wird eröffnet und dann heißt es abwarten, wie es sich entwickelt. Was kommt am nächsten Tag? Was wird sein, wenn alle Ergebnisse der Untersuchungen vorliegen? Wie sieht die Zukunft aus?

Das ist eine Situation, wie sie jeden Tag geschieht, die wir aber eigentlich nicht wahrhaben wollen. Wir sind froh, wenn sie uns selber nicht trifft. Man hört davon immer wieder von Verwandten, von Nachbarn, von Kollegen oder Freunden von Freunden. Plötzliche Krankheitsfälle oder Unfälle, die dem Leben von einer Minute auf die andere eine völlig andere Richtung geben. Wollen wir auch nicht hören. Wir sind ja gesund und es geht uns gut. Was auch immer so bleiben sollte – hoffen wir.

Nach der ersten Prognose des Arztes kommt die Ernüchterung und es beginnen die Gedankenspiele, was wird wenn dies oder jenes passiert. Spekulationen kreisen im Kopf, aber ein richtiges und befriedigendes Ergebnis kann es nicht geben, denn es ist ja nichts mehr sicher und fest. Und – es wird nie mehr, wie es einmal war. Die einzige Sicherheit.

Die Angehörigen müssen nun warten, gezwungenermaßen. Wie gestaltet sich der Krankheitsverlauf? Mit welchen Einschränkungen ist zu rechnen? Ist eine vollständige Gesundung überhaupt möglich? Jeder verarbeitet für sich selber, auf seine Weise. Hat Bilder im Kopf, erinnert sich an Situationen und versucht seiner Angst Herr zu werden. Gut, wenn man sich austauschen kann. Wenn man gemeinsam verarbeitet, die Situation bespricht und notwendige Schritte plant.

Wenn man denn planen kann! Allzu oft stellen Angehörige in genau solch einer Situation fest, dass sie gar nichts planen dürfen. Das sie nicht entscheiden können. Keinerlei Rechte haben einzugreifen und dem Angehörigen nach ihrem Verständnis unterstützen dürfen. Es fehlen die notwendigen Papiere, Unterlagen, Verfügungen und Vollmachten. Man weiß vielleicht genau, was sich der kranke oder verletzte Angehörige gewünscht hat, dennoch gibt es keine Möglichkeit, dies geltend zu machen, wenn zeitige Vorsorge nicht getroffen wurde. Ein gerichtlich bestellter Vormund wird benannt und Angehörige können nur hoffen, dass er die Lage des Patienten einvernehmlich einschätzt und handelt.

Es tut weh, sich vorzustellen was wird, wenn man selber einmal schwer krank oder so verletzt ist, dass man nicht mehr für sich selber entscheiden kann. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass genau dieser Fall eintritt ist enorm hoch. Selbst wenn wir Glück haben, nicht schwer krank werden, keinen Unfall erleben, sondern einfach nur alt werden – irgendwann kommt der Moment indem wir nicht mehr selber entscheiden können. So gilt es vorzusorgen, wenn wir gesund und im Vollbesitz unserer geistigen Kräfte sind. Und dies nicht nur für uns selber, sondern und insbesondere als Entlastung für unsere Angehörigen. Ja, es tut weh, sich diesen schlimmsten Fall der Fälle vorzustellen und entsprechende Papiere vorzubereiten, aber – genau diese Vorbereitung gibt die beruhigende Sicherheit, dass im schlimmsten Fall das getan wird, was wir selber verfügt haben. Das unseren Wünschen Rechnung getragen werden muss und die Menschen, denen wir vertrauen, auch ein Auge darauf haben, dass unsere Verfügungen umgesetzt werden.

Zu nennen sind hierbei die Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung, Betreuungsverfügung, Bankvollmachten und ggf. eine Generalvollmacht. Papiere, die eine vertraute Person in die Lage versetzen, unseren bestimmten Willen durchzusetzen. Zudem ersparen wir der Person unseres Vertrauens viele unangenehme Wege und Erklärungen. Die Rechtslage ist klar. Gibt es keine Papiere, gibt es für Angehörige nichts zu tun, außer die Dinge als Zuschauer zu beobachten und hinzunehmen oder einen unangenehmen und schwierigen Instanzenweg zu durchlaufen.

Besondere Vorsicht ist dabei denen zu raten, die glauben, dies gilt nur für erwachsene Kinder und deren Eltern im Seniorenalter. Ehepartner sind genauso betroffen, wie Paare mit Kindern. Lebensgemeinschaften haben wiederum besondere Regelungen, genauso wie Geschwister untereinander. Es gibt ausnahmslos niemanden, der keiner Vorsorge bedarf, was im Fall der Fälle mit ihm geschehen soll. Oder besser noch, was eben nicht mit uns geschehen soll. Wer denkt schon als junge Mutter oder Vater gerne daran, was passiert, wenn beiden Elternteilen ein Unglück geschieht. Haben Sie festgelegt, wer das Sorgerecht und das Aufenthaltsbestimmungsrecht für die Kinder bekommt? Wollen Sie die Entscheidung treffen und festlegen oder überlassen Sie diese den Ämtern, die keinen Einblick haben, wie die familiäre Konstellation wirklich ist? Wem die Kinder vertrauen oder bei wem Sie denken, dass sie in ihrem Sinne weiter erzogen werden könnten. Wer, wenn nicht Sie selber, kann am besten beurteilen, wie der Fall der Fälle in ihrem Sinne geregelt werden sollte.

Informationen dazu findet man an vielen Stellen. Man kann viel Geld dafür ausgeben oder sich an soziale Verbände wie die Caritas oder in Berlin z.B. an die Bezirksämter wenden, die solide Informationen und Hilfe geben können. Bei den Bezirksämtern wird eine Gebühr von 10 € für die Beglaubigung erhoben.

Im Eingangs beschriebenen Fall der Großmutter wurden alle erforderlichen Verfügungen rechtzeitig getroffen. Und so ungewiss die Situation sein mag, ist es beruhigend, dass die Familie aktiv teilhaben, begleiten und entscheiden kann, wie auch immer der Genesungsverlauf aussehen wird. Die Aufmerksamkeit gilt allein dem Patienten und nicht irgendwelchen Formularen, für die man doch keinen Kopf frei hat.

Das Ding mit der Erziehung

puppenwagen

Jedes Kind stellt mutmaßlich mindestens einmal im Laufe seiner Kindheit fest, dass es einmal alles anders machen wird, wenn es groß ist. Insbesondere, wenn es eigene Kinder haben wird und die Erziehung endlich selbst in die Hand nehmen darf. Eltern sind oft einfach zu streng, zu hartnäckig, zu nervig, zu uncool sowieso. Manchmal auch peinlich und sie wollen eigentlich immer zuviel wissen. Das ist so, das war so und wird immer so sein.

Bis dann der Tag der bitteren Erkenntnis kommt. Man steht da, mitten im Chaos, zwischen Wäschebergen, Unordnung, Hundefutter, Schriftkram, blubbernden Suppentöpfen, streitlustigen Kindern, Bügelbrett. Weiß nicht, wo man anfangen soll und merkt, dass das andere Ende der Erziehungskette doch ganz anders aussieht als in den kühnsten Kinderträumen. Der Blick hat sich verändert, Prioritäten haben sich verschoben, Einblicke haben sich entwickelt. Das Ideal von einst, alles ganz anders – besser zu machen, rückt in weite Ferne.

Sicherlich – es ändern sich Dinge von Generation zu Generation. So wurde am Esstisch der letzten Jahrhundertmitte nicht gesprochen, schon gar nicht von den Kindern. Heute hat sich die, meist einzige, gemeinsame Mahlzeit am Tag zum Kommunikationstreffpunkt der modernen terminverplanten Familie entwickelt. Auch das „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt.“ hat sich von der hungrigen Nachkriegsgeneration bis zur heutigen konsumverwöhnten Gesellschaft ebenso verändert, wie die Einsicht, dass eine Ohrfeige wohl noch niemandem geschadet hat. Gehörte die früher zu den erfolgreichen Erziehungsmethoden dazu, stehen heute doch (glücklicher Weise) Unversehrtheit und Persönlichkeitsrecht aller Kinder im Vordergrund. Erziehung passt sich der Zeit, dem Menschenbild und der Philosophie der jeweiligen Generationen an. Gut so!

Aber da gibt es doch ein paar Kleinigkeiten, die werden sich wohl nie ändern und je nachdem an welchem Ende der Erziehungskette man steht, sehr unterschiedlich empfunden. Denn, was man als Kind noch so gar nicht bedacht hat und nicht absehen kann, sind Faktoren wie Planung, Erschöpfung, Verantwortung, Weitsicht, Umsicht und der Blick auf das gesamte Familiengefüge.

Zum Beispiel „Scheren“. Scheren sind häusliche Gegenstände, die immer weg sind. Es gibt keine Schublade, kein Versteck, keine Ablage, die es schafft, Scheren für immer an sich zu binden. Sind Kinder im Haus, sind Scheren immer verschwunden, nie zur Hand und unauffindbar. Findet man eins der seltenen Exemplare sind sie immer Zweckentfremdet. Die Schneiderschere liegt im Bad, die Papierschere in der Küche, die Bastelschere eventuell im Sandkasten und Nagelscheren – mein Gott, wer verwendet denn Nagelscheren? Vielleicht tauchen sie beim nächsten Elternabend, wenn man am Platz des Filius sitzt, zufällig unter der Bank auf. Also – planen Sie einmal Nachwuchs – gewöhnen Sie sich schon einmal an Messer … obwohl, die richtig scharfen Messer? Gleiches Thema wie bei den Scheren.

Haustiere: Jeder liebende Elternteil weiß heutzutage um die wohltuende Wirkung eines Haustieres auf die psychologische Entwicklung des Nachwuchs. Kinder sollen die Möglichkeit zum Kuscheln haben, vor allen Dingen aber lernen Verantwortung zu tragen. Von Anfang an, denn nur, wer Verantwortung übernehmen lernt, kann später eimal Führungskraft werden. Also – Diskussionen – welches Haustier. Ist dieses Stadium überstanden, kommt die „Ich schwöre“-Phase. Fast ausnahmslos jedes Kind schwört, dass es – kommt das Tier ins Haus – Verantwortung und Pflege bis in die Steinzeit übernimmt. So, als würden die Eltern nicht mal merken, dass da überhaupt etwas Vierbeiniges im Haus ist. Sie dürfen sich sicher sein – die „Ich-schwöre“-Phase wird Ihnen am hartnäckigsten im Gedächtnis haften bleiben. Immer wenn Sie bei Regen mit dem Hund draußen stehen, den Karnickelstall sauber machen oder beim Tierarzt den 147igsten Kratzer von ihrer sonst so lieben Katze eingefangen haben. Ich schwöre – Kinder spielen und kuscheln mit Tieren, Sie machen zuverlässig den „Rest“.

Spülmaschine ausräumen. Uns ist es doch tatsächlich passiert, dass dieses unersätzlichste aller Haushaltsgeräte kaputt gegangen ist. Aus unterschiedlichsten Gründen kam keine Neue ins Haus. Die Eltern gewöhnten sich schnell an dieses durchaus kommunikationskräftige abendliche Geschirrspülen. Es war ok, bis zu dem Punkt als der Nachwuchs auch helfen sollte. Dann kam das gleiche Thema wie bei den Haustieren. Endlose Diskussionen und die „Ich-schwöre“-Phase – der eine räumt immer ein, der andere immer aus. Festzustellen bleibt lediglich die unwahrscheinliche Gemeinsamkeit von Haustieren und Geschirrspülmaschinen. Nachwuchs genießt, Eltern machen den Rest.

Schließlich noch ein ganz heißes Thema: Gerechtigkeit. So empfindet der Nachwuchs zuweilen die ganze Welt als geballte Ungerechtigkeit. Wird ein Wunsch nicht erfüllt oder die Last der kindlichen Arbeitsaufträge ist untragbar, kommt noch eine gemeine Hausaufgabe dazu, kann es immer nur an den Eltern liegen. Eltern und Gerechtigkeit sind Gegensätze wie Eiscreme und Solarium. Das wird besonders im Partyalter deutlich. Die ganze „KollegInnenschar“ darf immer, ohne Murren der (fremden, unbekannten) Eltern, die ganze Nacht Party feiern. Nur der eigene Nachwuchs soll zeitgerecht, oder noch schlimmer abgeholter Weise, zuhause sein. Das geht ja gar nicht. Und Fragen, ob man nicht auch mal jung war oder warum man so uncool ist, poltern auf den erzkonservativen langweiligen Erziehungsneurotiker ein. Und fragen Sie beim Frühstück bitte nicht, ob der gestrige Abend schön war. Der Nachwuchs muss ja erst aufwachen. Ist er wach, ist er schon wieder weg – die KollegInnen warten ja.

Sie bleiben schließlich zuhause sitzen, das Chaos im Haus ist vielleicht bewältigt, haben Gelegenheit und Ruhe einmal drei Gedanken einfach so in den Raum zu hängen. Ein Gedanke davon wird sicherlich sein, dass Sie ja doch viel, vielleicht sehr viel, genauso machen, wie Sie es als Kind abgelehnt haben. Von den Eltern dennoch abgeguckt, geprüft aus neuem Blickwinkel und schließlich für gut befunden haben.

Geschwister – Familienbande

Lästiges Übel oder Gewinn für´s Leben?

Geschwister_24082013_webIch gehöre dazu. Ich bin sogar eine von Fünfen. Das Zweite von fünf Kindern. Ältere Schwester, jüngere Schwester und zwei jüngere Brüder. Nur ein „großer“ Bruder blieb mir verwehrt, sonst kann ich in jeder Hinsicht bei diesem Thema mitreden. Aber einfach ist das nicht unbedingt.

Als wir klein waren, haben wir uns überhaupt keine Gedanken darüber gemacht. Wir waren halt immer viele. Und wo viele sind, werden es auch immer mehr. Freunde waren bei uns immer im Haus, das gehörte dazu, fiel nicht weiter auf und zu irgendwem würde das zusätzliche Kind schon gehören. Ob es Freund oder Freundin von der großen Schwester oder einem Bruder war, das spielte gar keine Rolle. Das haben wir auch alle sehr genossen, war doch immer etwas los. Bei so vielen Kindern hat immer jemand eine Idee, was man anstellen könnte.

Später in der Schule fiel uns dann schon auf, dass die Augen doch manchmal sehr groß wurden, wenn wir erzählen (mussten), dass wir fünf Kinder zuhause waren. Bei den Erwachsenen konnten wir die Blicke nicht deuten. War es das Mitleid mit unseren Eltern, die uns durchbringen mussten oder die Bewunderung, dass sich jemand so etwas noch zumutete. Kamen wir vielleicht sogar aus ärmlichen Verhältnissen? Bei den Jugendlichen war es eigentlich immer Solidarität. Bei uns war immer etwas los, es gab immer etwas zu erzählen, es gab immer etwas zu essen und es gab (fast) immer etwas zu Lachen. Und wir haben etliche Einzelkinder in allen Zeiten erlebt, die sich sehr wohl bei uns fühlten.

Natürlich gab es auch Streit. Bei fünf Kindern ist es vollkommen natürlich, dass der eine zum anderen besser passt oder eine andere Konstellation überhaupt nicht geht. Aber damit lernt man umzugehen und letztendlich auch die Erkenntnis zu schätzen, dass man gerade trotz der hohen Kinderzahl doch einzigartig ist und nicht in einen Topf gehört. Und man lernt mit der Zeit, die Stärken und Schwächen der Geschwister zu nutzen. Ist der eine der kreative Kopf, der andere der stille Philosoph, gibt es immer auch den starken Redner, den logischen Denker oder den tatkräftigen Bauchmenschen. Geschwister ergänzen sich im Idealfall, stärken sich den Rücken und ziehen eine unglaubliche Kraft aus dem Gemeinschaftsgefühl. Streit gehört dazu, um immer wieder die Stärke zu messen und Grenzen abzustecken, um dann wieder den sprachlosen Eltern mit diesem entwaffnenden „War doch gar nicht so schlimm“-Lächeln entgegen zu leuchten!

Und oft genug war uns vollkommen klar, dass wir eine eingeschworene Bande sind – wir fünf gegen den Rest der Welt. Hat einer ein Problem, stehen vier zur Seite – bis heute. Heute sind wir erwachsen, leben alle in verschiedenen Städten, und drei Geschwister sind verheiratet und haben eigene Familien. Dennoch ist das Band geblieben. Die Ehemänner mussten mit der geschwisterlichen Verbundenheit umgehen lernen. Wir pflegen intuitiv einen sehr engen Kontakt, und uns wird gerade im Alter bewusst, wie sehr wir uns gegenseitig brauchen. Sind die Geschwister doch die Menschen, denen ich nichts erklären muss. Sie wissen, in welchem Muster ich denke und wissen nach einem Wort von mir, wie es mir geht. Wir geben uns gegenseitige Geborgenheit, finden immer Verständnis und können mit unzähligen Geschichten und Erinnerungen alles um uns herum vergessen.

Wenn wir von anderen hören, dass Familienbande gebrochen sind, kein Kontakt mehr zu Geschwistern besteht oder nur noch Konflikte das Miteinander bestimmen, macht uns das sehr traurig und sprachlos. Aber es macht uns auch unendlich dankbar – wissen wir doch, was wir an einander haben!