Ess-Gewohnheiten und die Karotten

Foto: ©Visions-AD-Fotolia.com

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Mit einer Karotte hat alles angefangen. Als junge Mutter las ich in verschiedenen Ratgebern, mein Kind müsse Karotten essen, damit es vitaminreich und gesund aufwachsen kann. Also versuchte ich es: Karotten mit Kartoffeln gekocht + püriert, Karotten mit Apfel frisch + geraspelt, Karotten am Stück, Karotten im Gläschen von Firma X, Y und Firma Z. Karotten versteckt im Nudelsüppchen und so weiter. Das Ergebnis war immer das gleiche. Das Kind spuckte die Karotten wieder aus und musste ohne diese vollwertige, gesunde Nahrungsmöglichkeit groß werden. Auch beim zweiten Kind scheiterte der Karottenversuch kläglich … es machte erst gar nicht den Mund auf, wenn irgendetwas das (nach mütterlicher Ansicht) gesunder Ernährung entsprach, in seine Nähe kam. Karotten wurden vom familiären Speiseplan gestrichen. Im Laufe der Jahre änderten sich dann die Essgewohnheiten der Kinder immer wieder mal. Jetzt, fast zwei Jahrzehnte später, habe ich eine Gemüse- und eine Obstfanatikerin zuhause, die fast tägliche Einkäufe für „Frischfutter“ notwendig machen. Gesunde Ernährung ist bei uns angesagt, die die Ess-Gewohnheiten der Eltern auf eine harte Probe stellt.

Dabei muss ich gestehen, dass Ernährung oder gesunde Ernährung in meiner ersten Lebenshälfte kein Thema war. Trotzdem hatte ich immer einen sehr hohen Anspruch an gutes, leckeres Essen. War ja auch einfach. Mutter kochte ausgesprochen gut und es kam fertig auf den Tisch. Noch dazu war im Fünf-Kinder-Haushalt immer reichlich davon vorhanden. In den Single-Jahren siegte die Bequemlichkeit. Zwar war mir klar, wie das mit dem Kochen funktionierte, aber so ganz ohne Gesellschaft macht’s nun mal wenig Spaß. Dosensuppe, Tiefkühlpizza, Fertiggericht … ist ja einfach. Spiegelei war auch mal drin – Hauptsache schnell und einfach. Dann kam die Rosa-Wölkchen-Zeit und ich konnte plötzlich fantastisch kochen. Liebe geht ja durch den Magen und der Mann musste überzeugt werden – nachhaltig – lebenslänglich. Hat funktioniert, so schlecht kann’s nicht gewesen sein.

Danach kam die (Koch-)Zeit mit den Kindern. Das Karotten-Dilemma war schnell überwunden. Es wurde Zeit das Säuglingsalter und die fade Küche zu überstehen. Gewürze und wunder Po standen im direkten Zusammenhang – das stand auch in den erwähnten Ratgebern, genauso wie Hülsenfrüchte und Darmwinde. Vorsicht war geboten. Ganz langsam und meist heimlich zogen Salz, Pfeffer, Curry, Paprika, Basilikum, Knoblauch, Zwiebeln & Co. wieder in die Küche ein. Zwiebeln besonders heimlich, denn schnell erklärte der Nachwuchs, so etwas nicht zu essen. Also schnitt Muttern die Zwiebeln jahrelang heimlich, immer wenn der Nachwuchs mal nicht in der Küche war. Sprechende Kinder sind eh nicht förderlich für die Kochmotivation der Mütter. Aber gut, die Kinder aßen und der Balanceakt, ihrem Geschmacksdiktat zu entsprechen gelang.

Ich würde meine Küche für die Wachstumsphase meiner Kinder mal „Trennkost-Küche“ nennen. Was die eine nicht aß, aß die andere. Wichtig war, die Nahrungsmittel einzeln und nicht gemischt auf den Tisch zu stellen. Aufläufe, Gratins, Suppen … also Speisen, in denen sich ein außerfahrplanmäßiger Nahrungsbestandteil befinden könnte, waren nicht angesagt. Die Ketchup-Küche war immer gut genug alle satt zu bekommen. Erschwerend kam meine strikte Weigerung hinzu, für jedes Kind einzeln zu kochen. Das war die Domäne der Oma, die nicht nur für die Kinder, auch für den Sohn noch gesondert kochte. Noch schwöre ich, dass ich das niemals machen werde … arme Enkelkinder.

Mit der Zeit wurde es dann doch etwas besser. Erstaunlicherweise wurden die Kinder größer und das bei recht guter Gesundheit. Der Geschmack änderte sich mit der Zeit bei beiden. Die eine entdeckte die Liebe zum Salat, die andere lies immer mehr „schwierigere“ Gerichte auf der familiären Menükarte zu. Zudem wurde das Abendessen bei zunehmend volleren Terminplänen aller Familienmitglieder immer mehr zum kommunikativen Treff- und Austauschpunkt. Gemeinsam Essen um alle erlebten Dinge zu besprechen, zu erzählen und Dinge zu planen bekam einen festen Stellenwert, den alle genießen. Also das Essen selber – nicht das drumrum. Tischdecken und wieder abdecken, Küche sauber machen, Geschirrspüler ein- und ausräumen, sollte doch in fester Elternhand bleiben … meinen die Kinder.

In den letzten Jahren schlich sich eine neue Variante des Küchenlebens bei uns ein. Die eine Tochter, immer schon experimentell begeistert, entdeckte das Backen. Nach etlichen Versuchen ohne Rezept … wozu auch … stellten sich recht leckere Erfolge ein. Heute kann ich genussvoll und recht bequem sagen, das kann sie besser als ich und darf mich dezent aus diesem Bereich zurückziehen. Die andere hat die bewusste Ernährung entdeckt. Salat aß sie immer schon gerne, nun stand Gemüse in allen Varianten auf dem Einkaufszettel – meistens an erster Stelle – Karotten!

Zum Leidwesen der Eltern zieht die eine Tochter die andere mit. Die Diskussion über das Essen wird härter. Vollkornnudeln statt normale Weizennudeln. Wildreis statt Basmati-Reis. Vollkornbrot statt Weizenbrot. Und warum, um Himmels willen, immer Fleisch. Spinatbrätlinge statt Frikadellen. Salat und Gemüse tut’s auch und weil sich die Mutter weigert vollkommen auf Rohkost umzustellen, steht das Kind nun selber in der Küche und schnipselt. Gesund, bewusst, vitaminreich, wenig Kohlenhydrate … die Salatdomäne habe ich auch abgegeben. Ich darf – noch – kochen.

Ich gebe gerne zu, dass ich von den Töchtern lerne und so peu a peu schon einiges in mein Repertoire übernommen habe. Aber ich werde nun mal nicht vollkommen vegetarisch, liebe meine Mayonnaise und gebe hin und wieder meinem Heißhunger auf eine Currywurst gewissenlos nach. Ich habe immer schon Mütter bewundert, die stolz erzählten, dass ihr Nachwuchs alles isst und was sie für schöne Sachen im Bioladen erstanden haben. Habe ich alles nicht erlebt und gemacht. Und nach jeder harten Diskussion mit meinen großen Töchtern, was wir als nächstes essen, freue ich mich schon auf meine heimliche Genugtuung … die Ess-Gewohnheiten meiner potentiellen Enkelkinder. Denen werde ich dann sehr genüsslich erzählen, dass ihre Oma auch keine Karotten mag.

8 Kommentare zu “Ess-Gewohnheiten und die Karotten

  1. kormoranflug sagt:

    Das Essen unterliegt einem ständigen Wandel…, Hauptsache, frisch, regional und möglichst ohne Schadstoffe.

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  2. Ein Vergnügen, das zu lesen. 🙂
    Wie bekannt mir das vorkommt!
    Ich hatte vor vielen Jahren mal ein Schlüsselerlebnis zum Thema „kochen für Kinder“. (Damals hatte ich erst zwei)
    Eine Nachbarin mit drei Söhnen fragte mich, was ich eigentlich immer mit den Resten vom Essen machen würde. Ich sagte „Na, am nächsten Tag essen“, das war für mich ganz selbstverständlich. Ihre Söhne und ihr Mann würden nichts Aufgewärmtes essen, antwortete sie mir. Und dann erzählte sie, dass sie außerdem noch jeweils mittags und abends koche und zwar immer zwei verschiedene Menüs, weil nicht alle die gleichen Dinge gern hätten.
    Ich bin fast aus den Latschen gekippt. Bei uns gab es schon immer nur einmal täglich warm und dann für alle das gleiche. Wenn einer was nicht mag, lässt er es halt weg. Und probieren muss man, zumindest ein Häppchen.
    Heute sind meine Kinder teilweise ja schon erwachsen und essen so ziemlich alles. Das schätze ich sehr. So machen einem auch Reste keine Probleme 😉
    LG
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  3. vivilacht sagt:

    Bei uns hat sich die Kocherei auch umstellen muessen. Eines der Enkelkinder darf seit kurzer Zeit nichts mehr mit Gluten essen. Also bekommt dieser das selbe, wie die anderen, aber immer Gluten frei, das muss auch immer ganz extra gekocht werden. Bisher haben alle mehr oder weniger gegessen, was auf den Tisch kam. Einer mag nur Gurken, der andere Paprika, dadurch ist wenigstens immer auch Gemuese frisch aufgeschnitten am Tisch udn Salat. Mein Sohn ist ein Karotten Fan, aber nur von rohen.
    Die Essgewohnheiten meiner Kinder hatten sich auch im Laufe der Jahre immer wieder geaendert, ich denke, das ist voellig normal.
    Dein Artikel hat mich sehr zum laecheln gebracht, er ist so nett geschrieben.

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    • Danke Vivi, freut mich, wenn ein Lächeln zustande kam! 🙂 Wenn ich vor etwas Respekt habe, dann vor Müttern, die für Kinder kochen müssen, die aus irgend einem Grund bestimmte Dinge weglassen müssen. Ich denke, man gewöhnt sich daran, aber es ist doch ein erheblicher Mehraufwand. Und ich finde es auch völlig ok, wenn Kinder bestimmte Vorlieben haben und manche Dinge einfach nicht mögen … wie jeder Erwachsene auch. Bei uns zuhause galt immer, dass wir wenigstens einmal probieren sollten. Eine Einstellung, die ich sehr sinnvoll finde.

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      • vivilacht sagt:

        das ohne Gluten ist erst seit einem Monat, und die Umstellung ist nicht leicht, aber es geht alles mit gutem Willen. Ich habe so ziemlich alles doppelt daheim, damit er auch das selbe bekommt, angefangen von Salzbrezen bis zum richtigen Essen. Wir bitten auch die Kinder immer zu probieren, aber teils sind die so wie ich war, ich wollte sehr sehr selten als Kind etwas neues probieren. Und jetzt machen es teilweise meine Enkel so

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  4. Elvira sagt:

    Wenn Deine Töchter in Berlin leben, dann wäre des Vegan-Vegetarische Sommerfest auf dem Alex doch was für sie – und nicht nur für sie 🙂

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    • Das hört sich sehr spannend an – nicht nur für die Töchter. Ich habe gleich mal gegoogelt. Leider was es gerade am letzten Wochenende und wir nicht in Berlin. Merke ich mir aber für das kommende Jahr! Danke für diesen Hinweis. gefällt mir sehr! 🙂

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