Ein Euro

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Berlin ist riesengroß. Wenn man sich in dieser großen Stadt bewegen will, kommt man selbst als Autofahrer nicht drumrum, ab und zu mit der U-Bahn zu fahren. Auf den Bahnsteigen ist es meistens recht voll, wenn man nicht gerade spät fährt. Fährt die U-Bahn ein, achtet jeder auf sich selber, damit er einen guten Sitzplatz bekommt oder bequem an einer Wand stehen kann. Es beginnt die monotone Fahrt – man hängt seinen Gedanken nach, hört Musik, liest oder unterhält sich mit einem Partner. Im nächsten U-Bahnhof gehen die Türen auf, Leute steigen ein und aus, die Türen schließen sich und weiter geht es – dem Ziel entgegen.

Es ist „fast“ immer gleich. Manchmal gehen die Türen auf, Leute steigen ein und schon bevor die Tür wieder geschlossen ist, erhebt ein Mensch die Stimme. Wir sehen erschreckt hoch, versuchen zu erfassen, wer dort so mutig ist und kaum haben wir es erkannt, sehen wir auch schon wieder weg, nur um bloß nicht in Sichtkontakt des Sprechers zu kommen. Der Mensch, der dort steht, erzählt von seinen Lebensumständen, in Kurzform, und bittet um eine kleine Spende – um ein paar Cent, um das was wir übrig haben – nur eine Kleinigkeit. Betretenes Schweigen im Wagen. Die Fahrgäste versuchen unbeteiligt und verschämt zur Seite zu sehen, beobachten verstohlen, ob der Nebensitzer in seinen Geldbeutel schaut, versuchen unauffällig mitzubekommen auf welcher Höhe des Wagens der Spendensucher ist. Atmen auf, wenn er vorbeigegangen ist.

Auch der Spendensucher ist verschämt, geht meistens sehr rasch durch den Wagen. Bemüht sich schnell zu erfassen, ob sich ihm eine Hand mit ein paar Cent entgegenstreckt und versucht bis zum nächsten Bahnhof am anderen Ende des Wagens zu sein. So, dass er nicht warten muss. Nicht in die neugierigen Gesichter der Fahrgäste schauen muss, die wortlos fragen „Was hast du angestellt, dass du so tief unten gelandet bist!“ Manchmal kommen zwei Menschen in den Waggon, die zum Beispiel etwas Musik machen, manchmal haben sie eine Zeitung in der Hand … immer ist deutlich, dass sie nichts haben, Hilfe in Form von ein paar Cent erhoffen.

Wir steigen irgendwann wieder aus dieser U-Bahn aus, erledigen unser Vorhaben und machen uns auf den Weg ins sichere Zuhause. Vergessen den Vorfall in der U-Bahn recht schnell – bis zur nächsten Fahrt.

Wie oft sich diese Szene so oder ähnlich jeden Tag in Berlin wiederholt, weiß ich nicht. Ich erlebe sie fast jedes Mal, wenn ich U-Bahn fahre. So oft, dass ich meistens, nicht immer, schon etwas Kleingeld in der Hosentasche behalte. Und selbst, wenn ich Kleingeld in der Hosentasche habe, entscheide ich jedes Mal wieder neu. Ob ich den Mut habe, gegen die Blicke der anderen ein paar Cent zu geben, ob mir der Spendensucher sympathisch ist oder doch zu suspekt. Jedes mal kämpfe ich innerlich mit Überwindung oder Mitleid und jedes mal fühle ich mich schlecht. Jedes Mal ist es unangenehm, weil es uns deutlich macht, dass es Menschen gibt, die viel weniger haben, als wir. Menschen, denen ein paar Cent genügen um eine Mahlzeit möglich zu machen. Menschen, die ihren eigenen Stolz überwinden und sich vor anderen erniedrigen müssen um zu betteln. Menschen, die uns den Spiegel der Realität vor Augen halten. Hier mitten unter uns in dieser großen reichen Stadt.

„Die sollen doch arbeiten gehen!“  – „Ich unterstütze doch nicht den Alkoholkonsum von anderen!“ – „Dafür gibt`s Suppenküchen!“ – „Wenn ich jedem etwas geben würde, wäre ich schnell pleite!“ sind vorschnelle und bequeme Urteile, die nicht dem Verstand, nur der Gleichgültigkeit und Berührungsangst entspringen können. Kein Mensch erniedrigt sich freiwillig, keiner lebt ohne Grund auf der Straße, keiner ist vor psychischer Krankheit geschützt, die solch ein Leben verursachen kann. Niemand kann wirklich sicher sein, dass soziale Strukturen halten und vor einem Leben auf der Straße schützen. Armut ist real, hier in dieser riesengroßen Stadt und allgegenwärtig.

Im letzten Jahr haben wir im Oktober eine Zeitungsausgabe der  Stadtteilzeitung mit dem Leitthema „Armut“ zusammengestellt. Es war eine sehr gelungene Ausgabe mit wirklich lesenswerten Beiträgen zum Thema. Ein Beitrag hat es mir damals besonders angetan, weil sein Anliegen so klar, einleuchtend und einfach war. Und ich stoße jetzt immer wieder darauf, wenn ich einmal im Monat die Kontoauszüge prüfe. Bei der letzten U-Bahnfahrt habe ich deshalb beschlossen noch einmal auf diese wirklich gute Sache aufmerksam zu machen: Es geht um einen Euro – einmal im Monat. Einen Euro, der jeden Monat per Dauerauftrag vom Konto abgezogen wird. Einen Euro, der mir nicht weh tut und den ich kaum merke. Einen Euro, der sich wenig anhört, aber in der Summe der Dinge wirklich sehr helfen kann.

Thomas Gutsche hatte die Idee, ehrenamtlich etwas für die Gesellschaft zu tun. Während eigener Krankheit fasste er den Entschluss etwas für Menschen zu tun, die bei Krankheit nicht ohne weiteres Hilfe finden. In den Sinn kam ihm die Jenny De la Torre-Stiftung. Eine Stiftung, bei der Menschen niedrig schwellige ärztliche Hilfe finden ohne bürokratische Hürden überwinden zu müssen. Ziel der Stiftung ist aber nicht nur die ärztliche Versorgung der Obdachlosen, sondern eine dauerhafte Hilfe, die letztlich den Menschen hilft von der Straße wegzukommen. Die Idee von Thomas Gutsche der Stiftung zu helfen heißt „1000 mal 1 Euro“. Der Verein hat zum Ziel, mindestens 1000 Einzahler zu finden, die (wenigstens) einen Euro im Monat spenden. Das Geld wird an die Jenny De la Torre – Stiftung überwiesen, die es gemäß ihrer Stiftungsziele für Obdachlosenhilfe in Berlin einsetzt. Dieser Umweg über den Verein ist notwendig, damit die Stiftung nicht mit der Verwaltung vieler Kleinspenden belastet wird. Anders als einer Stiftung ist es dem Verein möglich, mit der Bitte um Verzicht auf eine Spendenquittung Geld zu sammeln. Die gesammelten Beträge werden ohne Abzug überwiesen, die Unkosten des Vereins werden von den Mitgliedern aus eigener Tasche getragen. Auf der Internetseite finden sich viele weitere Hinweise, wie man helfen kann und auch die Vertretung durch die Spendenplattform betterplace.org wird deutlich.

Es ist wenigstens ein Euro, der in der Summe der Spender etwas bewirken kann, beim einzelnen kaum ins Gewicht fällt. Natürlich entbindet es nicht von der Verantwortung auch bei anderen Möglichkeiten zu prüfen, wo man Menschen in Not und in unmittelbarer Nähe helfen kann. Ein Euro ist aber ein Anfang … ein ziemlich guter und mit wenig Zeitaufwand einmalig einzurichten. Thomas Gutsche kann man vielleicht auch in der Berliner U-Bahn treffen, genauso wie die anderen spendenwilligen Helfer. Sie bleiben unauffällig, … die Menschen, die unsere Hilfe brauchen nicht.

 

Natürlich möchte ich euch die Konto-Nummer des Vereins nicht vorenthalten und würde mich freuen, wenn ich den ein oder anderen überzeugen könnte einen kleinen Dauerauftrag einzurichten! Herzlichen Dank und Grüße 🙂

Kontoinhaber: 1000 mal 1 Euro e.V.
Zweck: Jenny De la Torre-Stiftung
Bank: GLS-Bank

BIC   GENODEM1GLS
IBAN DE44 4306 0967 1141 4807 00

12 Kommentare zu “Ein Euro

  1. Corinna sagt:

    Ich gebe Bettelnden etwas, wenn sie zum Beispiel Musik machen – egal wie es klingt. Und aus Berlin bin ich noch jedes Mal mit einem Strassenfeger oder der Motz zurückgekommen. Ich finde, wer für sein Geld arbeitet, der verdient es sich auch.

    Die Bettler“mafia“, wie sie Petra nennte, kenne ich gut. Sie lungern hier vor Supermärkten herum, sind relativ gut angezogen (sogar mit Anzug), sehen gesund aus und sind generell im arbeitsfähigen Alter. Denen gebe ich nichts.

    Jeder muss selbst abwägen, wie viel Geld er an wen abgeben kann/ möchte. Wer es sich leisten kann, der sollte dauerhaft spenden. Die 1-Euro-Idee ist auf jeden Fall super. Kinderpatenschaften kann ich auch empfehlen.

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    • Liebe Corinna,
      Kinderpatenschaften habe ich auch schon oft überlegt. Mir ist es im allgemeinen aber lieber, dass ich in meinem Umfeld etwas tue, ob durch Sachspenden, Ehrenamt oder auf Geldspenden. Ach, es gebe so viele Möglichkeiten und da muss jeder selbst sehen, was er sinnvoll und nützlich findet. Mit dem eigenen Gewissen muss ja auch jeder selber klar kommen.

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      • Corinna sagt:

        Das mit dem Umfeld sehe ich generell auch so, weil man ggf. sieht, was man bewirkt und wie sich die Leute freuen. Aber tatsächlich geht’s uns in Europa ziemlich gut und es gibt viele (auch staatliche) Hilfsangebote, während die Hilfen in Ländern z.B. der dritten Welt doch eher spärlich sind und man auf Privatpersonen angewiesen ist.

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  2. Follygirl sagt:

    Ich gebe eigentlich gerne, aber es hat sich hier eine BettlerMafia breit gemacht.. die werden aus dem Ausland herangekarrt und hocken in den FußgängerZonen. DAS finde ich sehr unangenehm. Ich habe gerade aktuell zwei Bilder in der Photoworld die solche Gestalten zeigen. Mich verwundern nur die guten Schuhe und Sachen.. na gut, diesen Leuten gebe ich nichts.
    Ansonsten finde ich es ein Schande für unser System, daß es Menschen gibt die betteln müssen.
    LG, Petra

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  3. So einfühlsam geschrieben über ein Thema, was mir immer und immer wieder Kopfzerbrechen macht, dass es in diesem reichen Land arme und obdachlose Menschen geben muss.
    Die Idee, für ärztliche Hilfe (es gibt ja wohl am Bahnhof Zoo eine Ärztin, die sich da große „Verdienste“ um die Behandlung Obdachloser erworben hat) einen Dauerauftrag einzurichten, finde ich so gut, dass ich ganz spontan mein Postgirokonto aufgerufen habe. Die Summe interessiert hier nicht, sondern nur der Gedanke zählt.

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    • Liebe Clara, schon allein dafür hat sich der Beitrag gelohnt … ich freue mich schon darüber, wenn die Idee weitergetragen wird. Vielen lieben Dank!

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      • Das war ja noch ein Hickhack – drei Anläufe brauchte ich, da nie eine mobile TAN gesendet wurde. Dann habe ich angerufen und den Auftrag per Direkttelefonat eingerichtet. Geht aber leider erst ab 15.9. – die Post ist eben auch nicht die schnellste.
        Aber ich wollte noch schreiben im Gegensatz zu den beiden anderen – ich gucke schon manchmal weg, aber nur aus Scham darüber, dass ich nicht jedem etwas geben kann, weil das meine Rente nicht zulässt.

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  4. Ulli sagt:

    Das war damals so, als noch ich in der Stadt und lebte und ist heute auch noch so, ich habe auch nie weggeschaut, egal, ob ich gegeben habe oder nicht, es ist allein meine Entscheidung wem und warum und warum nicht. Aber ich erinnere mich gut an das Gefühl, dass sich in der U-Bahn ausbreitete: betretendes Schweigen, wie ein Nebl senkt er sich auf alle die stzen und stehen und ihren Zielen entgegenfahren.

    Die Kontonummer habe ich notiert, ein Euro tut nun wirklich nicht weh!

    herzliche Grüsse
    Ulli

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  5. Elvira sagt:

    Auch ich entscheide jedes Mal aufs Neue, aber nie, wirklich nie, schaue ich weg, weder in ein Buch noch in die Zeitung. Wenn ich schon einem anderen Bittsteller etwas gegeben habe, dann gebe ich entweder ein weiteres Mal oder entschuldige mein Nichtgeben dementsprechend. Den Menschen, die aus welchen Gründen auch immer durch die U-Bahn gehen und um den Kauf einer Zeitung oder eine Spende bitten, sollten wir wenigstens ihre Würde lassen, in dem wir sie ansehen. Auch wenn wir Nein sagen.

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    • Da gebe ich dir 100%ig recht! Würde ist keine Frage des Habens … aber die Urteile, die ich im Text beschrieben habe, habe ich mit eigenen Ohren gehört und so was finde ich besonders furchtbar!

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      • Elvira sagt:

        Ich fahre recht oft mit den Öffentlichen und beobachte regelmäßig auch diese Begebenheiten. Und dann frage ich mich, warum einige der Fahrgäste so reagieren und denke mir, dass sie vielleicht Angst haben. Angst davor, dass es ihnen vielleicht auch so ergehen könnte. Nur können sie diese Angst nicht artikulieren, sie wehren sie ab. Na, ja, vielleicht ist das jetzt doch zu sehr populärpsychologisch gedeutet, manche Menschen sind vielleicht einfach nur dumm oder ihnen fehlt Empathie. Die Obdachlosen, die ihre Zeitungen, ihre Gedichte, ihre Lieder anbieten, haben meinen Respekt. Ich hätte nicht ihren Mut und wüsste nicht, wie ich all diese Verletzungen wegstecken würde. Danke für Deinen Artikel!

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