Frieda und die Kiezsterne

Ebay Kleinanzeigen: Wie haben eine Anzeige geschaltet – „Werde ein Kiezstern!“. Der Anzeigentext beginnt mit den Sätzen: „Ehrenamtliche Rückenstärker für Familien in der Nachbarschaft gesucht! Wir wollen unkompliziert, kurzfristig und kurzzeitig helfen. …“. Meine Kollegin Martina sucht Ehrenamtliche, die sich in der Kinder- und Jugendhilfe engagieren möchten. Diese Kleinanzeigen kann man als Nutzer kommentieren bzw. Nachrichten schreiben. So bekamen wir eines Tages die Nachricht einer Dame, die meinte, dass es ja ein nettes Projekt wäre, aber schon so oft anderswo versucht wurde. Es würde wohl kaum erfolgreich werden. Ich bedankte mich bei der Dame für die Nachricht, schrieb ihr aber zurück, dass sie sich in genau diesem Fall irren würde, denn die Kiezsterne sind ein durchaus erfolgreiches Projekt und konnten schon in vielen Familien helfen. Sie meldete sich nicht mehr. Was steckt hinter dem Erfolg der Kiezsterne? Warum funktioniert es hier und woanders nicht?

Ich denke, der Erfolg ist besonders auf das Engagement meiner Kollegin Martina zurückzuführen. Sie wird nicht müde zu erklären, wie die Kiezsterne funktionieren. Sie wirbt dafür über alle möglichen Plattformen und sie betreut die „gewonnenen“ Kiezsterne sehr bewusst. Martina Riester arbeitet für das SRL Projekt. SRL steht für SozialRaumorientierte Leistungen, d.h. Betreuung und Hilfe direkt im Kiez und an bzw. in den Familien. Im SRL-Projekt arbeiten das Jugendamt Steglitz und Träger der freien Jugendhilfe eng zusammen. Das sind Träger wie FAMOS gGmbH, der Mittelhof e.V. und das Stadtteilzentrum Steglitz e.V., die von Natur aus schon fest in den Nachbarschaften verankert sind. Die Familien, die über pädagogische Fachkräfte (ErzieherInnen, Lehrkräfte, …) mit den KollegInnen des SRL-Projektes in Kontakt gebracht werden, dürfen lösungsorientierte Beratung erwarten. Das Ziel ist, die Menschen dahingehend zu begleiten, dass sie eine nachhaltige und selbstständige Lösung ihrer individuellen Situation erreichen können. Soweit die Theorie.

In der Praxis begleitet Martina mittlerweile 16 Kiezsterne, also Menschen, die ehrenamtlich ihre Freizeit und ihre besonderen Fähigkeiten zur Verfügung stellen. Besondere Fähigkeiten hört sich dabei gewichtiger an als es ist: Manchmal reicht es, ein offenes Ohr zu haben; der eine hat ein besonderes Händchen dafür, Papiere zu sortieren und Ordner zu führen; die andere hat einen einfühlsamen „Draht“ zu Kindern; manche finden sich gut bei Behördengängen zurecht. Die Fähigkeiten umfassen alle im eigenen Leben erlernten Begabungen oder Vorlieben, die man anderen zur Verfügung stellen kann. Drei- bis viermal im Jahr organisiert Martina ein Treffen aller Kiezsterne, bei dem sie sich untereinander austauschen können. Dabei werden die Einsätze besprochen und manches, was auf die Seele drückt erzählt. Jeder Einsatz als Kiezstern ist anders und an den Bedürfnissen der Familien orientiert, die unterstützt werden sollen, aber auch an das Maß der Hilfe angepasst, das der betreffende Kiezstern personell wie zeitlich leisten kann. Eine Dame hilft zur Zeit als Kiezstern, indem sie nutzbringende Dinge recherchiert. So hält sie den Kontakt zu den anderen Ehrenamtlichen und überbrückt die Zeit, bis sie sich wieder intensiver mit einem Einsatz beschäftigen kann. Auch bei gesundheitlichen Pausen halten die Kiezsterne zu den Aktiven Kontakt, bis ein Einsatz wieder möglich wird. Im Moment sind die 14 aktiven Kiezsterne in verschiedenen Bereichen eingeteilt: Sieben geben Nachhilfe, zwei sind als Familienoma tätig, drei fungieren als Springer für kurze Einsätze und zwei Kiezsterne stehen für Büro und Behördenangelegenheiten bereit.

Heike Ehrfeld* ist einer der Kiezsterne geworden. Sie ist über das Nachbarschaftsportal nebenan.de auf das Projekt aufmerksam geworden, wo Martina einen Aufruf veröffentlicht hatte. Es wurde eine Familien-Oma gesucht. Frau Ehrfeld traf sich mit Martina, wobei sie sich kennenlernen konnten und besprachen, was Frau Ehrfeld als Kiezstern leisten könnte und was in diesem Fall der Familien-Oma gebraucht wurde. Erst dann lernte Frau Ehrfeld die Familie kennen. Eine alleinstehende afghanische Mutter mit zwei Kindern brauchte Unterstützung. Die junge Frau hat eine schwierige Biografie und schaffte den Spagat zwischen afghanischer und deutscher Kultur nur schwer. Hinzu kam die Überforderung mit Haushalt, Kindern und einer Ausbildung als Erzieherin. Vom Kindsvater konnte sie keine Unterstützung erwarten und die Ursprungsfamilie stand nicht zur Verfügung. Hier gab es mehrere Baustellen. Anfänglich stand der Papierkram im Vordergrund. Hier stellte Frau Ehrfeld aber schnell fest, dass es nicht ihre Domäne war. Dafür wurde ein anderer Kiezstern gefunden. Für Frau Ehrfeld kristallisierte sich der Schwerpunkt immer mehr auf die Betreuung der Tochter und telefonischen Seelsorge der Mutter heraus. Dieser Einsatz als Kiezstern erfordert mindestens zwei Stunden in der Woche.

Die Befähigung von Frau Ehrfeld für diesen Einsatz liegt vornehmlich in der Lebenserfahrung, die sie von Haus aus mitbringt. Sie hat ihr Leben zwischen Stuttgart, Berlin und Sylt verbracht, als Waldorf- und staatliche Lehrerin gearbeitet und schließlich zur Heilpraktikerin umgeschult, als die sie auch heute noch tätig ist. Aber sie bringt auch noch etwas mit, das den Zugang zu dem Kind ihrer Einsatzfamilie erleichtert hat. Frieda steht auf vier Pfoten, ist kuschelig weich und ein absolut ruhiger Hund, der nicht nur Kinderherzen höher schlagen lässt. Heike Ehrfeld hat oft im Leben die Erkenntnis erlangt, dass man nur Erfahrungen macht, wenn man an Grenzen stößt. So ist auch ihr Einsatz in dieser Familie ein sensibler Erfahrungsprozess, bei dem sanft geschaut werden muss, was die Bedürfnisse der Familie sind und was der Kiezstern, Frau Ehrfeld, dazu beitragen kann. Auch hier gilt es, nicht nur kulturelle, Grenzen zu überwinden und die Hilfe in der Selbsthilfe zu unterstützen und stärken.

Martina Riester steht dabei ihren Kiezsternen zur Seite. Berät, wenn kulturelle oder persönliche Schwierigkeiten störend im Weg stehen. Lobt, wenn positive Entwicklungen zu würdigen sind. Bestärkt, wenn Unsicherheiten auftreten. Sucht neue Ehrenamtliche, die eine bereichernde Tätigkeit in frei zur Verfügung stehender Zeit suchen. So wird der Einsatz als Kiezstern nicht nur für die Ehrenamtlichen zum Gewinn. Frieda, der eigentlich 17. Kiezstern, macht dabei jeden Einsatz gelassen mit.

*Name geändert – Foto: Spreehexe

Informationen/Kontakt:
Martina Riester
Mobil: 0157-58 25 65 83
E-Mail: riester[at]srl-projekt.de
www.srl-projekt.de
SRL-Projekt Region Südost Steglitz-Zehlendorf

 


Ein Beitrag aus dem Magazin „Im Mittelpunkt“ 2.2018 mit dem Leitthema „Frei-Zeit“
Das ganze Magazin können Sie als eBook oder interaktives Pdf herunterladen, die gedruckte Version, einschließlich dem Einleger mit allen Veranstaltungen des SzS, finden Sie in unseren Einrichtungen.

Bildung ist Recht, kein Privileg!

Ihre Nachricht kam über WhatsApp „Ich hab’ es geschafft! Bestanden!“ Meine Tochter saß in der Schule und die Abiturnoten wurden verkündet. Ein emotional sehr starker Moment für mich … irgendwas zwischen Stolz auf die Tochter und Erleichterung. Es war der Moment, in dem unsere Schulzeit zu Ende ging. Beide Töchter hatten einen guten Schulabschluss und wir somit die Basis für ein erfolgreiches Berufsleben gelegt. Alles Weitere war und ist, natürlich mit unserer Unterstützung, ihre eigene Sache und Entscheidung. Ich bin dankbar, dass wir ihnen diese schulische Basis, wenn auch nicht immer einfach, ermöglichen konnten. Nicht alle Eltern können das.

Trotzdem lässt mich das Thema „Schule“ nicht ganz los. Berlins Schulen sind baufällig und haben keine Lehrer. Über veraltete Lehrpläne denke ich lieber erst gar nicht nach. Von 1240 neu eingestellten Lehrkräften zum neuen Schuljahr 2018/2019 sind 880 Quereinsteiger und Lehrer ohne volle Lehrbefähigung. Es tut mir in der Seele weh, mir vorzustellen, dass Kinder von Menschen unterrichtet werden, die dafür nicht ausgebildet sind. Dennoch beeinflussen diese Menschen die Lebensläufe der Kinder, sowohl in der Notengebung als auch in der Motivation für weiteres Lernen. Das kann, muss aber nicht zwingend gut gehen. Ich denke, die Berliner Bildungsmisere geht auf jahrzehntelange Sparpolitik zurück. Es fehlt an allen Ecken und Ende. Glücklich können die Kinder sein, deren Eltern es möglich ist, sie zeitlich und hinsichtlich der Bildung zu unterstützen. Irgendwie kommen sie dann durch die prüfungsbesetzten Schuljahre hindurch. Irgendwann stellen ihre Eltern dann, ebenso wie wir, fest, dass es geklappt hat. Oder eben auch nicht und dann werden die Zukunftsprognosen der Kinder dürftig.

Ein paar Straßen weiter als wir wohnen liegt die Thermometersiedlung. Spätestens seit der Veröffentlichung des letzten Monitorings Soziale Stadtentwicklung ist klar, dass die Siedlung sozialer Brennpunkt ist. In den Stadtrandnachrichten finde ich folgende Passage in dem Bericht darüber: „… Laut der Studie hat sich die Zahl der Brennpunkte in Berlin in den letzten Jahren kaum verändert. Teilweise sind jetzt jedoch ganz andere Kieze betroffen, als noch vor zwei Jahren. Eines der „Neuankömmlinge“ ist die Thermometersiedlung in Lichterfelde. Die Lage in diesem Stadtteil habe sich merklich verschlechtert. Den Ergebnissen des Monitorings zufolge sieht es hier sogar ganz besonders düster aus: Die Siedlung weist nicht nur einen „sehr niedrigen sozialen Status“, sondern auch eine „negative Dynamik“ auf. Das heißt, das die Kinderarmut und die Zahl der Arbeitslosen, der Langzeitarbeitslosen und derer, die zwar nicht arbeitslos, dennoch auf die Unterstützung vom Staat angewiesen sind, hier jetzt schon sehr hoch ist und den Prognosen zufolge noch weiter ansteigen wird. Noch im Jahr 2015 war die Lage hier etwas weniger dramatisch. Damals wies der Kiez „lediglich“ einen „niedrigen Status“ und eine „stabile Dynamik“ auf. …“ Für mich bedeutet es, dass die Kinder, die in dieser Siedlung wohnen, noch schlechtere schulische Aussichten haben, als sowieso schon in Berlin vorgegeben. Sie sind oft auf sich gestellt, versuchen sich irgendwie durch die Schulzeit zu bugsieren und am Ende frustriert festzustellen, dass das Ergebnis oft nicht einmal für eine Ausbildung reicht. Der soziale Teufelskreis ist leicht zu erkennen und wird oft genug von Generation zu Generation weitergereicht.

Genau mittendrin in dieser Siedlung liegt das KiJuNa – das Kinder-, Jugend- und Nachbarschaftszentrum. Mein junger Kollege Kristoffer ist dort Projektleiter und arbeitet seit fast 10 Jahren mit den Kindern und den Familien in der Umgebung. Er erlebt tagtäglich, was Kinderarmut für Auswirkungen hat. Er erlebt Familien, die sich keinen Urlaub leisten können und froh sind, wenn ihre Kinder in der Jugendeinrichtung ein Mittagessen bekommen. Wenn es Kristoffer an etwas nicht fehlt, sind das neue Ideen und nach dem Monitoring hat er sich ein neues Projekt ausgedacht und setzt es gerade in die Tat um.

Es heißt: ExperiDay! und er selber schreibt dazu: „Ich bin der festen Überzeugung, dass gute Bildung einen gewichtigen Teil dazu beitragen kann, die Chancen der Kinder auf ein Leben ohne Armut zu steigern. Alle Projekte, die wir im Kijuna Lichterfelde Süd anbieten, sind einzig und allein darauf angelegt, Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung aktiv und mit einem positiven Blick auf ihre Talente zu begleiten.“ Sehr viele Projekte haben im KiJuNa mit Musik zu tun … diesmal geht es um Bildung und dafür braucht er Hilfe.

Was ist ExperiDay? Mit dem Projekt soll ein Bildungsangebot für die Kids aus dem sozialen Brennpunkt geschaffen werden. Es soll Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit bieten, Abstraktes und Theoretisches im Rahmen von Experimenten und Planspielen sicht- und greifbar zu machen. Gemeinsam setzen sich Kinder und Jugendliche in altersgemischten Gruppen mit praktischen Bildungselementen auseinander. Angelehnt an schulische Lerninhalte finden wöchentliche Workshops statt, in denen die Teilnehmenden naturwissenschaftliche Experimente durchführen. Die Workshops werden von angehenden und ausgebildeten Wissenschaftlern begleitet. … Der Erhalt und die Förderung der Freude von Kindern und Jugendlichen am Lernen ist das Leitmotiv des Projekts. … Noch mehr dazu zu lesen gibt es unter diesem Link  „ExperiDay! – Bildungsprojekt in einem Berliner Brennpunkt.“

Was mich persönlich immer fasziniert ist die Begeisterung, mit der Kristoffer sich für die Kinder der Siedlung einsetzt und ich finde die Idee fantastisch, Bildung dorthin zu tragen, wo man sie am wenigsten vermutet und dringend braucht. Der Wunsch, diesen Kindern Spaß am Lernen in der Freizeit näher zu bringen und ihnen zu zeigen, wo Naturwissenschaften im Alltag zu finden sind, ist in meinen Augen jede Unterstützung wert.

Nun hat er in seiner Freizeit darüber ein Lied geschrieben und mit den Kindern verfilmt. Spätestens mit diesem Lied hatte er mich überzeugt – ich habe der Spendenbutton gedrückt. Ich hoffe, dass ExperiDay! ein erfolgreiches Projekt wird und nicht nur die Kinder in diesem Song, ihren Eltern irgendwann schreiben können: „Ich hab es geschafft! Bestanden!“

Schaut euch das Lied an, lasst euch begeistern und vielleicht macht der ein oder andere dann auch den Klick auf den Spendenbutton … denn – wie immer – auch ganz kleine Beträge helfen.

„Wir brauchen dich, wir brauchen euch, wir brauchen Hilfe und dann schaffen wir’s vielleicht.“

Jetzt Spenden! Das Spendenformular wird von betterplace.org bereit gestellt.

#ExperiDay, #nextNewton, #nextCurie, #nextEinstein, #nextDarwin, #jugendarbeit, #jugendinberlin, #naturwissenschaften, #thermo, #spendenfürdiegutesache, #chancengerechtigkeit, #steglitzzehlendorf, #jugendarbeit, #thermometersiedlung #szsteglitz #bildung #schule #berlin

 

 

#wirsindmehr

Mensch sein. © Joseph Dahlhaus-Erichsen

Ich gebe es gerne zu: Ich war müde und es ging mir nicht sehr gut, als meine Tochter mich ansprach. Wir hatten alle über einen Messenger einen Link bekommen, in dem wir dazu aufgefordert wurden, einen offenen Brief an alle Rechten, Nazis, Identitären und „besorgte Bürger“ online zu unterschreiben. Meine Tochter fragte: „Ganz ehrlich: Was ändern wir mit der Unterzeichnung eines offenen Briefes, den sowieso keiner von denen liest?“ Ich hatte keine Lust mich mit meiner Tochter, die sehr vehement und mit festem Standpunkt diskutiert, jetzt auf einen Diskurs einzulassen und sagte nur knapp: „Ich gebe dir recht. Ich sehe es genauso.“ Dennoch lies mich ihre Frage nicht los und ich überlege … ja, was ändern wir damit?

Die Nachrichten der letzten Tage kennt jeder. Je nachdem, welche Nachrichtenquellen wir nutzen, liest jeder das, was er gerne lesen möchte und sich in seiner Meinung bestätigt fühlt. Ich gehöre zu denjenigen, die mit äußerster Besorgnis auf die rechtsgerichteten Entwicklungen blicken, die in unserem Land passieren. Ein weiterer Artikel von faktenfinder.tagesschau.de „Das Trauerspiel von Chemnitz“ verstärkt meine Besorgnis. Er handelt von den gezielt gestreuten Falschnachrichten im Netz, die alle gemeinsam nur ein Ziel haben – Hass, Angst und Unzufriedenheit zu streuen. Die übliche Taktik aller Rechten und der Partei, die keine Alternative ist. Die Bilder von Chemnitz in Gedanken, ist es unglaublich, dass der tragische Tod eines jungen Mannes dazu genutzt wird, allen rechten Bewegungen eine Plattform zu geben, ihre Ideale laut und mit Hitlergruß zu brüllen. Gewählte Vertreter der Partei, die keine Alternative ist, nutzen diesen Tod genauso wie der rechte Mob auf der Straße. Dabei geht es nicht um Trauer, sondern lediglich um die Möglichkeit rechtes Gedankengut in die Öffentlichkeit zu bringen. Man mag eigentlich nur noch weinen ob solcher Dreistigkeit. Die Bilder aus Chemnitz erschrecken und auch wenn man weiß, dass die wenigsten, die dort ihre blanken Ärsche oder den Hitlergruß gezeigt haben, tatsächlich Chemnitzer sind, kommt langsam das Grausen auf. Pegida, Pro Chemnitz und diese Partei schließen sich zusammen und marschieren gemeinsam. Unverständnis dem gegenüber, der immer noch glaubt, dass die alternativlose Partei im Bundestag nicht Rechte und Nazis begrüßt. Die anständigen Chemnitzer haben mein Mitgefühl.

Ein Haftbefehl wird in den Netzwerken geteilt. Unter anderem von einem Politiker, der später sagt, es wäre ihm nicht bewusst gewesen, dass dies eine Straftat sei. Hätte er ihn auch verbreitet, wenn der Täter ein Deutscher gewesen wäre? Wohl kaum, wenn man seinen politischen Hintergrund betrachtet. Noch dazu hat er eine Ausbildung beim Bundesgrenzschutz gemacht und für die Bundespolizei gearbeitet. Ein Lämmchen ist er wohl kaum. Auch der Urheber des Foto’s des Haftbefehls arbeitet bei der Justiz. Jetzt nicht mehr. Ein LKA Beamter wird bei einer Pediga Demo gefilmt und fällt nach seinen Protesten gegen ein ZDF Team auf. Und dann ist da noch ein Innenminister, der Worte wie Asyltourismus nutzt, die Abschiebung von 69 Asylanten feiert und mit weiteren fraglichen Stellungnahmen seine Wähler am rechten Rand halten will. Er schweigt zu lange zu den Ereignissen und später erst kommt die halbherzige Aussage, es sei ja schon alles dazu gesagt. Er hält es nicht für Notwendig, die alternativlose Partei durch den Verfassungsschutz beobachten zu lassen, deren Bundesvorsitzender die Vorgänge in Chemitz gerade nach seiner Auffassung legitimiert hat. Es stellt sich tatsächlich die Frage, in wieweit Politik und Behörden von rechts versifft sind und ob manche Beamte und Politiker, die dem Staat, unserer Verfassung und Demokratie dienen sollten, überhaupt noch ihren Auftrag erfüllen. Eine gewagte These – ich weiß. Nur – wenn es den Anscheint hat, dass rechte Parolen in der breiten Bevölkerung gesellschaftsfähig werden – wieso sollte das bei Beamten und Politikern, die auch nur Menschen sind, Halt machen? Wem kann man trauen?

Angst, dass die rechte Bewegung nicht zu stoppen ist. Bedenken, ob unsere Demokratie die rechten Tendenzen aufhalten kann. Furcht, dass Freunde und Familienmitglieder, die nicht dem deutschen Idealbild der Rechten gerecht werdend, Repressalien fürchten müssen. Trauer, dass mein Bild eines multinationalen weltoffenen Deutschlands einen üblen Sprung hat. Wut über die Dummheit der Mitläufer. Fassungslosigkeit, dass die Medien den Fremdenhass noch Öl ins Feuer gießen. Unverständnis, dass Politik nicht die tatsächlichen Probleme des Landes aufgreift … vieles kämpft in mir.

„Laut werden“ – „Klar Stellung beziehen“ – „Aktiv werden“ sind die Gedanken, die sich mir in den letzten Tagen immer mehr aufdrängen. Ich denke, jeder von uns, der diese Entwicklungen nicht will, muss sich besonders jetzt fragen, was er selber tun kann um zu zeigen, was dieses Land ausmacht. Dass eben nicht die Rechten die Oberhand haben. Dass wir uns nur multinational und weltoffen behaupten können. Dass Fremde willkommen sind. Und auch diesbezüglich reicht ein Blick in die Medien um sich klar zu machen, dass wir eben nicht allein sind und durchaus etwas tun können. Es gibt viele Beispiele, die Hoffnung machen. Ein Beispiel springt mir in Facebook ins Auge. Ein Smiley mit erhobenen Daumen lächelt mich an. Drumrum steht „ICH STEH DAZU – FREMDENHASS – NEIN DANKE“. Es ist die Facebookgruppe „Mensch sein.“ Ich schaue es mir genauer an und bekomme mit, dass der Urheber der Buttons, Joseph Dahlhaus-Erichsen, diese Buttons tatsächlich für jede gewünschte Stadt in Deutschland erstellt. Ich schreibe ihn an und habe den Button innerhalb kürzester Zeit auf meinem Rechner. Jetzt kann ich ihn verteilen, wo immer es geht … ich kann was tun!

Großartig ist das angekündigte Konzert am Montag in Chemnitz: Live auf dem großen Parkplatz an der Johanniskirche in Chemnitz ab 17.00 Uhr: Die Toten Hosen, Feine Sahne Fischfilet, K.I.Z., KRAFTKLUB, Marteria & CASPER, Nura030 (SXTN), TRETTMANN, DJ Ron & DJ Shusta, haben sich zusammen geschlossen und spielen um die Menschen zu feiern, die Hetze und Hass nicht unwidersprochen hinnehmen wollen. Der Hashtag #wirsindmehr unter dem das Konzert läuft verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Selbst der Bundespräsident Steinmeier teilt dieses Konzert in seinem offiziellen Facebook-Account.

Unter meinen Facebook-Kontakten bekomme ich mit, wie ein Freund, den ich tatsächlich aus dem echten Leben kenne, mit anderen zu einer Großdemo aufruft. Das Bündnis #unteilbar ruft zur Demo „Solidarität statt Ausgrenzung“ auf: Sie wollen am 13. Oktober 2018 in Berlin ein starkes Zeichen für eine freie, offene und solidarische Gesellschaft setzen. Die Liste der unterzeichnenden Organisationen und Einzelpersonen ist in kürzester Zeit sehr lang!

Unter ein Bild, dass einen Nazi mit Hitlergruß zeigt, schreibe ich in Facebook: „Zum Kotzen! Anders geht’s nicht auszudrücken.“ Ein Bekannter antwortet mir: „Kotzen nützt nichts. Wir, die zivile Gesellschaft, wir die Bürger müssen uns wehren. Es reicht nicht, mit dem Finger auf die Politik zu zeigen. Wir müssen klare, sichtbare Position beziehen.“ – Das sehe ich genauso und denke, dass viele Menschen zur Zeit überlegen, was sie tun können um den rechten Mob, einschließlich seiner Organe, in die Schranken zu weisen.

Ob ein Button, den man verteilt, ein Konzert, dass man besucht, eine Demo, die man mitmacht – oder eben auch ein offener Brief den man unterschreibt. Ich denke, man kann tatsächlich viel machen, um klare Haltung und ein deutliches Nein zu Hass und Ausgrenzung zu zeigen. Den offenen Brief habe ich nun doch unterzeichnet. Nach einigem überlegen, habe ich die Auffassung, dass vielleicht nicht die Rechten ihn lesen (sicherlich doch viele heimlich), aber man zeigt Solidarität mit einem guten Statement und gibt anderen das Gefühl nicht allein zu sein. Jeder kann etwas tun. Auch die, die kaum Zeit haben. Auch die, die sich offen nicht trauen. Und hoffentlich endlich auch die, denen es bisher gleichgültig war!

Allein und doch nicht Einsam

Es ist Sonntagmorgen. Ich wache mit dem Wissen auf, dass ich den heutigen Tag alleine verbringen werde. Die Kinder leben nicht mehr im Haus und mein Mann hat angekündigt, dass er den ganzen Sonntag mit Hockeyspielen zu tun hat. Nach dem Frühstück macht er sich auf den Weg. Ich genieße die Ruhe und das Gefühl, heute meinem eigenen Rhythmus folgen zu können. Ich weiß, dass ich alleine bin und fühle mich doch nicht einsam. Ein Zeitsprung in die Vergangenheit: Es war Sonntagmorgen. Ich wachte mit dem Wissen auf, dass ich den heutigen Tag allein verbringen würde. Ich lebte allein in meiner ersten eigenen Wohnung und war erst vor kurzer Zeit zuhause ausgezogen. Meine Familie lebte 600 km entfernt. Ich wusste, dass sie gemeinsam frühstücken würden, den Tag gemeinsam gestalten. Ich war allein und fühlte mich einsam. Es ist ein sehr feiner Unterschied, allein zu sein, ohne sich einsam zu fühlen, oder sich allein und einsam zu fühlen.

Alleinsein ist erst einmal eine Tatsache. Ich bin allein in einem Raum, mache allein eine Reise, gehe allein ins Kino. Alleinsein bedeutet vor allem, dass ich selbstbestimmt etwas für mich tue oder erlebe. Niemand nimmt daran teil, solange ich diesen Zustand beibehalten will. Alleinsein ist meist eine bewusste Entscheidung. Sie kann sich natürlich auch ergeben, sofern ich niemanden finde, der etwas gemeinsam mit mir machen möchte. Alleinsein kann ich beenden, sofern ich kommunikativ genug bin und mir für meine Vorhaben Begleitung und Gesellschaft suche.

Einsam sein ist ein inneres Gefühl, das aufkommt, wenn ich mich in meiner Lebenssituation oder einem Umstand verlassen fühle. Es ist eine Empfindung, die mich Kraft kostet und die ich nur beenden kann, wenn ich sie mir bewusst mache, gesund bin und Energie aufbringen kann, etwas zu ändern. Einsamkeit ist unabhängig davon, ob es andere Menschen um mich herum gibt. Ich kann in einer Partnerschaft einsam sein, in einer Gruppe oder einer belebten Stadt. Wer einsam ist, fühlt sich isoliert, unbeachtet, unverstanden, nicht gebraucht. Es fehlt ein Partner, der Bestätigung und Verständnis gibt.

Beide Zustände sind für Menschen, die über geistige Gesundheit verfügen, gut zu handhaben. Hat die Seele oder das Empfinden jedoch eine Schwäche, ist es ohne Hilfe schwer, herauszukommen und kann in ernsten Fällen selbst körperliche Krankheiten nach sich ziehen. Nicht umsonst wurde und wird Isolation in allen Gesellschaften als Bestrafung angewendet. Der Ausschluss aus einer Gemeinschaft war in sehr frühen Zeiten lebensgefährdend. Isolationshaft soll Häftlinge brechen und gefügig machen. Mobbing ist eine Art, Menschen zu isolieren, zu verunsichern und zu brechen.

Jeder Mensch erlebt beide Zustände in verschiedenen Lebensabschnitten. Beispielsweise Kinder, die sich einer Gruppe nicht zugehörig fühlen. Jugendliche, die die Ursprungsfamilie verlassen und ihr Leben selbst in die Hand nehmen müssen. Ehefrauen und Männer, die sich in der Partnerschaft nicht verstanden fühlen. ArbeitnehmerInnen, die aus beruflichen Gründen in eine andere Stadt umziehen müssen. Angestellte, die sich überfordert fühlen, sich aber nicht trauen, darüber zu sprechen. Menschen, gleich welchen Alters, die verlassen werden. Mütter, deren Kinder ihre Obhut verlassen. Ältere Menschen, deren Partner und Freunde das Zeitliche segnen. Niemand ist davor sicher, eine Situation zu erleben, die den sozialen Halt empfindlich stört und das natürliche Gleichgewicht durcheinander bringt.

Es ist unerheblich, ob man auf einem Dorf oder in einer Großstadt wohnt. Wenn der Zugang oder Kontakt zu anderen Menschen nicht gegeben ist, entsteht Einsamkeit. Spürt man sie, ist es wichtig, die Warnsignale zu verstehen und Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Wohl dem, der kontaktfreudig ist. In den Städten sind es die sozialen und nachbarschaftlichen Vereine und Träger, die sich diesem Problem annehmen und es als vornehmlich Aufgabe verstehen, Menschen zusammen zu bringen, Interessen zu bündeln und Hilfe zur Selbsthilfe fördern. Das geschieht durch offene Kinder- und Jugendhäuser, durch Nachbarschaftshäuser, Gruppen, Kurse und Stadtteilfeste. Alle diese nachbarschaftlichen Vereine und Träger verfügen über weit gefächerte Netzwerke, so dass generationsübergreifend Hilfestellungen und Beratungen angeboten werden können. So wie der Mensch ein soziales Wesen ist, greift die soziale Arbeit alle Aspekte auf, die Menschen dazu bringt eigenständig in Kontakt zu treten und Gemeinschaft zu fördern. Soziale Arbeit muss sich immer wieder der Anonymität der Großstädte, dem demographischen Wandel, der Digitalisierung aller Kommunikationskanäle und vielen anderen gesellschaftlichen Aspekten anpassen. So ist soziale Arbeit moderner denn je mit einem verlässlichen Auftrag gegen Isolation und Vereinsamung.

Die andere Seite der Medaille sollte auch betrachtet werden: Manche Menschen suchen geradezu nach Einsamkeit, die ihnen innere Ruhe, Gleichgewicht und Entspannung verspricht. So verstanden stehen sich Einsamkeit und Alleinsein recht nah. Gerade in der Reizüberflutung der heutigen Zeit sind ruhige Momente, Besinnung und Zurückgezogenheit recht selten besetzt. Nicht umsonst haben Esoterik, Meditation und Wellness Hochkonjunktur. Der Mensch sehnt sich nach innerer Ausgeglichenheit. Sofern gesund, kann man Alleinsein sehr genießen. Der eine sucht seine Ruhe im Sport, der andere beim Wandern, wieder andere in kreativen Handlungen. Sinn dessen ist, immer das innere Gleichgewicht zu halten. Dennoch ist es ratsam, sich bewusst zu machen, wie schnell sich das ändern kann um dann, wenn das Gefühl der Einsamkeit auftaucht, Gegenmaßnahmen zu treffen.

Im heutigen Leben gewinnt die Empathie in Bezug auf Vereinsamung immer mehr an Bedeutung. Feste soziale Strukturen, wie die Familie oder der Clans, wie immer Zusammenschlüssen von Menschen heißen, lösen sich scheinbar unaufhaltsam auf. Die Ehe ist kein erforderliches Mittel gesellschaftlicher Anerkennung mehr. So ist es immer wichtig, einen Blick für Menschen um uns herum zu behalten. Ob es der Obdachlose in Wintertagen ist, geflüchtete Menschen in Unterkünften, die alleinerziehende Nachbarin … es kann uns alle treffen. Stark ist der Mensch, dem klar ist, das er tatsächlich ein eigenverantwortliches Individuum ist, das sich einem Kontext anpassen kann, nie aber sich selber dabei aufgibt. Wer es schafft, sich selber auszuhalten, sich – selbst bewusst zu sein – ist der eigentliche Meister seiner Zeit, seiner Gesellschaft und Umgebung.

Irgendwann wird wieder ein Sonntag- morgen kommen. Dann werden mein Mann oder ich allein den Tag verbringen, weil der andere endgültig gegangen ist. Ob wir uns dann einsam fühlen oder bewusst ein bis dahin gemeinsam gelebtes Leben zu schätzen wissen, wird die
Zeit zeigen, sofern wir gesund bleiben. Vielleicht laden wir an genau diesem Sonntagmorgen einfach die Kinder zu uns ein. Wir haben es in der Hand.


Ein Beitrag aus dem Magazin „Im Mittelpunkt“ 1/2018 des Stadtteilzentrums Steglitz e.V. mit dem Leitthema „Alleinsein“
Das ganze Magazin können Sie als eBook oder interaktives Pdf herunterladen. Gedruckt liegt es in den Einrichtungen des Stadtteilzentrums aus.

Vom Geflüchteten zum Helfer für Geflüchtete

Der junge Mann stürmt in mein Büro und füllt innerhalb von Sekunden den ganzen Raum mit seiner Energie. Wir kommen schnell ins Gespräch, in dem wir uns darüber austauschen, was eine positive Ausstrahlung alles bewirken kann. Wir klären ein paar arbeitstechnische Dinge und schon ist er wieder weg. Ich bleibe etwas erstaunt alleine im Büro sitzen, denn ich weiß in Ansätzen, was er in den letzten Jahren hinter sich gebracht hat. Trotzdem hinterlässt mein neuer junge Kollege ein gutes und optimistisches Gefühl bei mir und ich glaube, dass er für seinen Job genau der Richtige ist. Haydarah’s Arbeitsbereich ist die unterstützende Tätigkeit in der Nachbarschaftsarbeit, speziell im Hinblick auf geflüchtete Menschen. Er war selber einer von ihnen und hilft nun bei dem, was ihm selber gelungen ist – der Integration.

Wir treffen uns ein weiteres Mal. Ich möchte es genauer wissen. „Wie ich nach Deutschland gekommen bin? Ganz normal. Wie alle anderen Flüchtlinge mit dem Flugzeug, Bus, Boot, zu Fuß, Zug, etc. … Aber die richtige Herausforderung begann hier in Deutschland, die neue Kultur, Gesellschaft, Sprache, Lebensart … aber mit der Zeit und einiger Mühe wurde alles einfacher.“ sagt er. – Moment. Ich bleibe hartnäckig. So normal kann das nicht gewesen sein bevor das mit der Gesellschaft und Kultur begann. Und dann erzählt er doch von seinem langen Weg hierher. Haydarah ist Syrer und lebte mit seiner Familie in Damaskus. Mit 18 Jahren hätte er zum Militärdienst gemusst und so wurde seine Flucht die einzige Alternative zum Krieg. Die Flucht kostete sehr viel Geld, was zur Folge hatte, dass er sie ohne Begleitung alleine bewältigen musste. Über den Libanon, die Türkei, Griechenland, Makedonien, Serbien, Ungarn und Österreich kam er nach Deutschland, wo er über München nach Berlin kam. Heute sagt er, dass er so eine Flucht nicht noch einmal machen würde. Die meiste Zeit war er auf sich gestellt, erst ab Serbien fand er zwei weitere Männer mit denen er weiterreisen konnte. Die schlimmste Erinnerung hat er an das Boot, dass sie von der Türkei nach Griechenland brachte. Sie mussten stundenlang bewacht darin sitzend aushalten ohne zu wissen, wie es weiter geht.

Ende August 2015 kam er am Ziel an und zum Glück sagten ihm ein paar Leute, wo er die erste Nacht schlafen konnte. Gleich mit dem zweiten Tag begannen seine Erfahrungen mit dem LaGeSo*, das damals wegen der langen Menschenschlangen in aller Munde war. Auch an diesem Tag standen so viele Geflüchtete an, dass er keinen Termin bekommen konnte. Umsonst gewartet und kein Schlafplatz in Sicht. Wieder hatte er Glück und bekam von den Beamten die Adresse vom KiJuNa – Kinder-, Jugend- und Nachbarschaftszentrum im Süden Berlins. Dort kam er mit 14 anderen jungen Männern an, wo sie von Veronika Mampel empfangen wurden. Zwei Nächte konnten sie dort bleiben, dann mussten sie erneut zum LaGeSo. Von den 15 Männern konnten drei in Berlin bleiben und die bekamen Hoteltickets für 50 Tage. So sehr sie auch suchten – kein Hotel nahm sie auf. Sie riefen wieder Veronika Mampel an, die ihnen erlaubte vorerst in einer Einrichtung des Stadtteilzentrum Steglitz e.V. unterzukommen. Auch sie suchte im Folgenden Unterkünfte für die drei jungen Männern, blieb jedoch ebenso erfolglos.

In dieser Zeit standen sie viele Stunden vor dem LaGeSo an. Wenn sie keinen Termin hatten, gingen sie ins KiJuNa um sich die Zeit zu vertreiben. Haydarah erzählt, dass er sich schnell gelangweilt hätte. Im KiJuNa hätte er aber Benni kennengelernt, der dort arbeitete. Mit ihm verstand er sich gut, mit ihm konnte er viel Lachen und fand einen geduldigen Gesprächspartner bei seinen ersten Versuchen sich in Deutsch auszudrücken. Es war ihm von Anfang an klar: Wollte er in diesem Land Fuß fassen, musste er die Sprache so schnell als möglich lernen. Der Kontakt mit Benni brachte ihn zudem auf die Idee Veronika Mampel zu fragen, ob er und seine Mitbewohner nicht ehrenamtlich in KiJuNa helfen könnten. Veronika Mampel leitet die nachbarschaftsübergreifende Arbeit, koordiniert Ehrenamt und Flüchtlingsarbeit des freien sozialen Trägers und hatte so die Möglichkeit eine ehrenamtliche Beschäftigung für die jungen Männer zu finden. Darüber hinaus bekamen die Drei neben der Beschäftigung Kontakt zu Einheimischen und die Möglichkeit ihre Deutschkenntnisse zu erweitern. Parallel besuchten sie Deutschkurse, die im KiJuNa angeboten wurden.

Nach drei/vier Monaten hatte Haydarah es geschafft: Er bekam die Aufenthaltsgenehmigung und damit die Arbeitserlaubnis in Deutschland. Und schließlich gelang V. Mampel, was tatsächlich sehr schwer ist – sie fand eine Wohnung in die Haydarah alleine einziehen konnte. Dieser ganze Prozess war begleitet von Papieren, die ausgefüllt werden mussten. „Vielen Papieren“, sagt Haydarah, und das ist der einzige Punkt in unserem Gespräch, an dem er etwas klagt. Deutschland, deine Formulare. Die Arbeitserlaubnis ermöglichte einen Job als Küchenhilfe und ein Praktikum in einer Unternehmensberatung. Ausbildung war ebenfalls ein gefasster Plan, der sich aber nicht umsetzen ließ. Nach bestandenem B2 Sprachlehrgang hatte er gerade den C1 Lehrgang begonnen, als wieder Veronika Mampel auf ihn zukam und ihm eine Arbeitsstelle im Stadtteilzentrum anbot.

Ich frage ihn, wo er sich selbst in 10 Jahren sieht. Er lacht mich an und sagt, dass es immer anders kommt als man es plant. Das sei eine seiner großen Erfahrungen der letzten Jahre. In Syrien hatte er nach dem Abitur Wirtschaft und Informatik studiert, aber macht heute etwas ganz anderes. Er lässt es auf sich zukommen, würde aber gerne hier in Deutschland bleiben. Als ich ihn frage, woher er seine positive Ausstrahlung hat, antwortet er, dass er das tatsächlich hier erst gelernt hätte. Wenn man drei Monate täglich 12 Stunden warten muss, lernt man Geduld zu haben und gerade in dieser Zeit hätte er sehr viel darüber gelesen, wie man Emotionen und Gefühle in Griff bekommt. Früher sei er viel aggressiver aufgetreten um Stärke zu zeigen. Es hat sich für ihn aber gezeigt, dass er nichts erreicht, wenn er unangenehm oder fordernd auf andere zugeht. Mit einem Lächeln geht es leichter.

Ich habe meinen jungen Kollegen weitere Male im Rahmen der Arbeit getroffen. Dabei hat er immer gelacht und ist auch für jeden Spaß zu haben. Ich gebe mir dabei keine Mühe für ihn verständlich zu sprechen. Er lacht, wenn er etwas falsch ausspricht, lässt aber keine Ruhe, bis er es dann richtig kann. Nicht leicht für jemanden in dessen Muttersprache es kein Ä, Ö oder Ü gibt. Auch manche Buchstaben sind für ihn schwierig, weil sich der Name Benny genauso wie der Laden Penny anhört. Haydarah ist ein sehr gutes Beispiel für jemanden, der flüchten musste und eine gefährliche Reise hinter sich hat, dessen Familie nach wie vor in einem vor Krieg besetzten Land lebt. Der trotzdem hier angekommen ist, sich integriert hat und nun für andere eine große Unterstützung werden kann. Der Zufall hat ihn das Stadtteilzentrum Steglitz e.V. finden lassen, bei dem er nun einen Beitrag zur Integrationsarbeit des Vereins leisten kann. Besser geht Integration kaum.

*LaGeSo – Landesamt für Gesundheit und Soziales

Respekt

Die liebsten Themen über die mein Vater mit uns Kindern sprach und diskutierte, waren moralische Werte, die das gemeinschaftliche Leben von Menschen bestimmen. Dazu gehörten Werte wie Toleranz, Weltoffenheit oder auch Respekt. Ich muss zugeben, dass uns diese Gespräche sehr prägten, auch wenn wir uns oft und gerne mit anderen Dingen beschäftigt hätten, als mit dem Vater verbal die Welt zu verändern, beziehungsweise uns seine Sicht der Dinge predigen zu lassen. Nur gerade die Sache mit dem Respekt geht mir in diesen Tagen nicht mehr aus dem Kopf, nachdem ich ein Video zur Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus im Bundestag gesehen hatte.

Respekt hatte für uns zwei Aspekte: Auf der einen Seite war mein Vater eine respekteinflößende Persönlichkeit. War er in einem Raum, richtete sich auch die Stimmung im Raum nach ihm. Sprach er ein Machtwort, war es schwer sich dem zu widersetzen. Das mussten wir tatsächlich lernen. Andererseits brachte er uns bei, dass unser Respekt tatsächlich nur Menschen gelten sollte, die sich diesen Respekt durch ihre Haltung, ihre Ansichten oder Taten auch verdient haben. Damit ist nicht die Hochachtung gegenüber anderen Menschen gemeint, die man grundsätzlich haben sollte. Er vertrat die Ansicht, dass ein Arzt, Lehrer, Politiker oder andere Honoratioren nicht per se Respekt zu erwarten hätten, sondern sie sich diesen immer wieder verdienen müssen. Genauso wie sich jedes Mitglied einer Gemeinschaft Respekt verdienen muss. Er verlangte allerdings nie etwas von anderen, was er nicht selber zu geben bereit war. Verdiente sich also seinen Respekt nach seinem eigenen Anspruch, was für uns Kinder nicht immer einfach war.

Seine Ansicht über Respekt hatte ich sehr schnell begriffen und verinnerlicht, da ich es logisch fand. Natürlich legte ich dem meine eigenen Maßstäbe zugrunde. Auch ist mir immer schon schwer gefallen, nicht zu sagen was ich denke. Das hat mir in meiner Schulzeit einige Schwierigkeiten mit den Lehrern eingebracht, die ich oft nicht sehr respektabel fand. Nur das Prädikat Lehrer, und das hatte ich ja zuhause gelernt, taugte nicht automatisch dazu meinen Respekt zu bekommen. Zur Diplomatin taugte ich in meiner Oberschulzeit genauso wenig, wodurch ich es mit so manchem Lehrer nicht sehr einfach hatte. Aber es gab sie trotzdem, die Lehrer vor denen ich großen Respekt hatte und die habe ich bis heute in guter Erinnerung. Die anderen natürlich auch.

Die Sache mit der Diplomatie und dem Respekt rückte sich für mich in den anfänglichen Berufsjahren in etwas machbare Bahnen. Ich lernte auch mit Menschen auszukommen, die in keiner Weise meinen Respekt besaßen, ohne dass sie es gleich merkten mussten. Es galt schon seit den Bauernkriegen „Die Gedanken sind frei, wer will sie erraten.“ Ich lernte außerdem zu erkennen, wen ich aufgrund seiner Persönlichkeit, seinen Ansichten oder seinem Tun respektierte. Ich denke, jeder von uns kennt Menschen, die er zutiefst bewundert und respektiert. Es waren viele, die ich auf meinem Weg in guter Erinnerung habe, wobei völlig bedeutungslos ist, wo derjenige in der gesellschaftlichen Rangordnung steht.

Was mir immer schon schwer fiel, fällt mir heute noch schwerer: Ich schaffe es nicht einen amerikanischen Präsidenten zu respektieren, nur weil er der mächtigste Mann der Welt sein soll. Ich konnte den vorherigen respektieren, der deutlich seine Achtung vor allen Menschen zeigte und dessen Worte oft meine Bewunderung weckten. Genauso wenig schaffe ich es vor deutschen Politikern Respekt zu haben, nur weil sie in unserem Bundestag sitzen. Ich zolle vielen Respekt, weil das Amt, das sie ausfüllen, nicht eins der leichtesten ist, auch wenn sie es sich selber ausgesucht haben. Ich habe Respekt vor einigen Kommunalpolitikern, die in meinem Umfeld Dinge zum positivem verändern.

Neu ist für mich, dass ich Abscheu vor Politikern empfinde. Es ist egal, welcher politischen Partei man den Vorrang gibt. Mit der aktuellen politischen Situation ist wohl kaum einer wirklich zufrieden. Dennoch gibt es Themen im Bundestag, die von allen politischen Parteien getragen werden sollten und einen einstimmigen Konsens erwarten lassen. Gerade bei diesen Themen, die die Grundwerte unserer demokratischen Ordnung betreffen, sollten sich alle Politiker vorbildlich verhalten und der menschlichen sowie geschichtlichen Verantwortung, die wir tragen, Rechnung zollen. Ich sah die Reden des Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble und der Holocaust-Überlebenden Anita Lasker-Wallfisch im Bundestag, die dazu aufgerufen hat, die Verbrechen des Nationalsozialismus nicht zu vergessen. Und ich sah, wie sich die Politiker der Partei, die keine Alternative ist, dazu verhielten. Verzogene Gesichter, gequältes Klatschen, zögerliches Aufstehen und verweigerter Respekt gegenüber dem Bundestagspräsidenten und einer Frau, die eins der schlimmsten Verbrechen an Menschen überlebte. Gewählte Volksvertreter, die sich im höchsten Gremium der Bundesrepublik, derart daneben benehmen, dass man wirklich nur noch fassungslos zuschauen kann. Mögen diese alternativlosen Politiker in ihrem Programm stehen haben, was sie wollen. Ein derartiges Verhalten ist ganz einfach ekelhaft und verabscheuungswürdig. Das sind Politiker, die nicht für, sondern gegen die Menschen arbeiten. Politiker, die Dummheit dazu nutzen um politische Stellungen einzunehmen und Macht auszuüben. Es dauert lange, bis ich so etwas sage, aber das sind Politiker, gegenüber denen ich schlicht Verachtung empfinde – gewählte Volksvertreter oder nicht.

Ich habe Respekt vor jedem, der einen Menschen aus fremden Ländern bei sich aufnimmt. Vor jedem, der alles aufgegeben hat um sich selbst und seine Familie zu retten. Vor jedem, der ehrenamtlich viel Zeit für geflüchtete Menschen opfert und dadurch bereichert wird. Ich habe Respekt vor jedem, der über Religionsgrenzen und Nationalitäten hinweg Freundschaften pflegt. Vor jedem, der sich für Obdachlose einsetzt oder sozial benachteiligten Menschen eine Freude macht. Ich habe Respekt vor einem Menschen, der auf der Straße lebend, überlebt. Respekt vor so vielen Menschen, die alle auf ihre Weise Wege durch ihre Lebensräume finden.

Respekt hat noch eine andere Bedeutung. Es ist die Angst. Angst, dass wir zu lange still bleiben. Das wir die Zeichen der Zeit nicht erkennen und einer Wiederholung der Geschichte entgegen gehen. Wir leben in einer Zeit, in der die letzten Beteiligten des letzten Krieges von uns gehen. Die Wunden der Zeit sind bis heute nicht ausreichend aufgearbeitet. Die Jüngeren haben keine Verbindung mehr dazu. Ich habe Angst, dass wir vergessen, wiederholen, bereuen. Unsere Vorfahren hatten schon einmal Respekt vor einem kleinen Gefreiten, der Politiker wurde. Mein Vater hatte es erlebt und es hat seine Ansicht von Respekt geprägt. Suchen wir diejenigen, die unseren echten Respekt verdienen und verdienen diesen uns selber, in dem wir uns dem entgegen stellen!

ZDF heute – Gedenkstunde im Bundestag – Lasker-Wallfisch: „Leugnen darf nicht sein“

Das Erste – Kontraste – AfD-Fraktion während der Gedenkstunde

Die Sache mit dem Frosch…….

Genau so sehe ich das auch … auch wenn es hier im Moment etwas ruhig ist, gehen die Gedanken weiter … sind wir wie Frösche?

mampels welt

noafdIhr kennt die Geschichte sicher: Wenn man einen Frosch in einen Topf mit kochendem Wasser packt, wird er sofort rausspringen – ein lebensrettender Instinkt. Schlauer Frosch. Packst du den Frosch in einen Topf mit kaltem Wasser – idealerweise seine Lieblingstemperatur – und erhöhst unmerklich alle paar Minuten die Temperatur, dann bleibt er sitzen. Er bleibt sogar sitzen, wenn das Wasser anfängt zu kochen – und  er wird im brodelnden Wasser sterben. Dummer Frosch. Er hätte doch rechtzeitig rausspringen können……

So wie es dem Frosch geht, so scheint es in unserer Gesellschaft auch mit der allmählichen Nazifizierung durch die AfD und andere rechte Rattenfänger zu funktionieren.

Ursprünglichen Post anzeigen 261 weitere Wörter