Was machen die mit uns? IrREGELeitet …

Um es gleich vorwegzusagen: Regeln sind Regeln und sollten befolgt werden. Wenn sie Sinn machen. Machen sie nach unserer Auffassung keinen Sinn, darf man sie infrage stellen und diskutieren, aber bis zur potenziellen Änderung gelten sie. Sinnvoll ist zurzeit die AHA-Regel – Abstand – Hygiene – Alltagsmaske. Abstand schützt, Hygiene schützt jederzeit. Einzig der Punkt Alltagsmaske kann infrage gestellt werden. Hier kommt es auf die Art der Maske an, der Ort, wo sie aufgesetzt werden soll und wie sie getragen wird. Aber, auch sie kann schützen, und wenn sie nur den Menschen ein sicheres Gefühl gibt. Mit Ausnahme der Corona-Leugner und Verschwörungstheoretiker könnten sich bis hierhin alle einig sein, dass diese Maßnahmen gegen die Verbreitung des Virus helfen. Alles, was darüber hinaus geht, beobachte ich immer skeptischer und merke, dass ich anfange, es zu bezweifeln.

Bisher sah ich alles ein und halte mich weitgehend, wenn auch manchmal knurrend an die Regeln. Ich mag die Masken nicht. Sie geben mir das Gefühl, nicht richtig atmen zu können. Oft beschlägt die Brillen, weil ich den korrekten Sitz der Maske nicht hinbekomme. Häufig reiße ich mir das Hörgerät aus dem Ohr, weil das Gummi der Maske sich verheddert. Trotzdem wird sie immer selbstverständlicher, im Bus und beim Einkaufen, und gibt mir den guten Eindruck, etwas Richtiges zu tun. Die Berliner Verordnung, dass Masken auch in den Büros getragen werden müssen, habe ich von Anfang an abgelehnt. Wer, wenn nicht der Arbeitgeber selber hat das höchste Interesse daran, dass seine Belegschaft gesund und arbeitsfähig bleibt. Die getroffenen Vorgaben im Büro meines Arbeitgebers fand ich sinnvoll und umsetzbar. Hier denke ich, muss jede Bürogemeinschaft nach eigenem Ermessen und räumlichen Gegebenheiten entscheiden, was angebracht ist. In den Büros sollte das Hausrecht und nicht die Politik den Ton angeben.

Mein Lieblingsthema zum Aufregen sind die Beherbergungs-Verbote. Wir hatten uns das beste Bundesland dafür ausgesucht. Mecklenburg-Vorpommern. Den geplanten Urlaub vom Mai 2020 verschoben wir in den Oktober. Den haben wir jetzt, Verordnung sei dank – storniert. Nein, es ist nicht möglich, dass ein gesundes Ehepaar aus Berlin-Lichterfelde 10 Tage in eine Ferienwohnung an der Ostsee geht, um dort ein bisschen Luft am Meer zu holen. Wir müssten (Anreise Montag) einen maximal 48 Stunden alten negativen Test vorweisen und dürften dennoch 5 der 10 Tage Urlaub in Quarantäne sitzen, sofern ein zweiter Test negativ ausfällt. Oder ohne Test 14 Tage freiwillig in Quarantäne gehen und 10 Tage Urlaub auf diese Weise verlängern. Dann hätten wir das Meer nicht gesehen, aber den Urlaub in Mecklenburg verbracht. Hört sich komisch an? Ist es auch. Eine Bekannte wohnt fünf Kilometer weiter in Brandenburg und macht Urlaub in Mecklenburg. Und schon können wir in den Nachrichtenportalen lesen, dass Schwerin gemerkt hat, dass der Tourismus (und seine Einnahmen) wegbrechen. Man möchte auflockern und ein Gericht wird in der nächsten Woche die Rechtmäßigkeit der Maßnahme prüfen. Nutzt uns nichts mehr. Brandenburger, Berufspendler, Familienangehörige, Mediziner, Polizisten, Politiker … dürfen nach Mecklenburg … die haben sicherlich weniger Corona.

Urlaub im Ausland ist möglich, sofern man den Dschungel der unterschiedlichen Gebote und Verbote versteht. Reisen im eigenen Land wird zur Lachnummer, denn jedes Bundesland hat eigene Vorstellungen und Regeln. Immer vorausgesetzt, dass Berufspendler etc. reisen und sich bewegen dürfen. Eine bundeseinheitliche Regelung wurde nicht möglich. Es drängt sich schwer der Verdacht auf, dass es schon eine Weile nicht mehr um die Sache selbst geht. Eher darum, dass die Politik zeigen kann, wer hier der starke Mann oder Frau ist. Ministerpräsidenten demonstrieren Härte und Macht gegen den Bund und rücken nicht von dem Beherbergungs-Verbot ab, um dann von den Gerichten ausgehebelt zu werden. Genauso beispielsweise die Sperrstunde in Berlin. 11 Gastronomen hatten geklagt und recht bekommen. In Hamburg wird die Sperrstunde dafür aktuell eingeführt. Kein Mensch behält den Überblick und jedes Bundesland macht, wie es möchte. Nur – Gebote und Verbote gehören in unserer Demokratie in die Parlamente und nicht in die Chefsessel der Minister und Ministerpräsidenten. Und jetzt sage keiner, dass dafür die Zeit gefehlt hätte.

Ich frage mich immer öfter, ob hier nicht mit der Angst der Menschen Wahlkampf 2021 getrieben wird. Der Bund, sieben Landtage und das Berliner Abgeordnetenhaus bringen ihre Kandidaten in Stellung. Wer will da nicht als der starke Mann oder Frau aus der Krise herausgehen? Im Moment begegnen uns Aktionismus und Zahlenattacken. Jeden Tag gibt es neue Regeln, jeden Morgen neue Zahlen, jeden Abend noch höhere Zahlen. Dazwischen Berichte von Virologen, die alle die Apokalypse versprechen und dafür, dass sie ihre Arbeit tun, mit Bundesverdienstkreuz und Medienpreisen belohnt werden. Ärzte, die direkt mit den betroffenen Patienten arbeiten, bekommen kaum Gehör. Kritiker bekommen gerne die Ecke der Ungläubigen zugewiesen. Besonnenheit hat seit Monaten in den Medien und der Politik keinen Stellenwert mehr. …  Und dann lese ich, dass die Große Koalition jetzt im Oktober 2020 schon eine Eingabe in den Bundestag vorbereitet. Dem Gesundheitsminister sollen die Sonderrechte zum Schutz der Bevölkerung über den 31. März 2021 hinaus verlängert werden. Wie war das mit der parlamentarischen Demokratie? Macht Hoffnung … stimmt mich sehr positiv!

Wen wir in diesem ganzen Spiel vergessen, ist der Mensch. Ich möchte nicht an die Zahlen denken, die wir in ein paar Jahren zur Coronakrise veröffentlichen werden. Um wie viel Prozent die Zahl der Kinderschutzfälle gestiegen ist, die Zahl der Insolvenzen, die Zahl der psychischen Erkrankungen älterer und junger Menschen, Jugendliche, die keine Lehrstellen antreten konnten, Studenten, die ein/zwei Jahre verloren haben, Menschen, die starben, weil Operationen und Untersuchungen nicht rechtzeitig stattfanden, Familien, die Trennungen erlebten, weil sie das Existenzminimum nicht erreichen konnten, Menschen, die Verluste jeglicher Art alleine verkraften mussten, weil sie alleine gelassen wurden und vieles mehr.

Wir müssen anders denken lernen. Es müssen nicht neue Verordnungen her, die unser Leben einschränken und verhindern. Wir brauchen Konzepte, wie wir mit dem Virus unser Leben unter geänderten Bedingungen aufrecht erhalten können. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Er braucht Kontakt, Gespräche, Mimik und Berührungen und – andere Menschen. Hat er das nicht, verkümmert er. Mehr als je zuvor muss die Politik begreifen, dass soziale Träger und Einrichtungen diejenigen sind, die im Moment immer mehr gefordert werden und politisch unterstützt werden müssen. Genauso alle, die in künstlerischen Berufen arbeiten und dringend gebraucht werden, um den Menschen ein bisschen Freude zu bringen. Zu Beginn des Lockdowns gab es viele Solidargemeinschaften und gute, positive Ideen, die Zeit mit der Pandemie gemeinschaftlich zu bewältigen. Ich bin weit davon entfernt, den Virus klein zu reden, aber sehr dafür, dass besonders EINE neue Regel heißen muss, dass nicht die Politiker + Virologen, die Zahlen, die Ge- und Verbote, im Fokus stehen, sondern einzig und alleine der Mensch und seine Möglichkeit gut und sinnvoll das Leben mit dem Virus weiter zu gestalten. Gebt den Menschen stimmige Regeln, Perspektiven und die Lebensfreude zurück.

Holen wir sie vom Sockel?

Was in Amerika begann, zieht Kreise durch die ganze Welt. Aktivisten holen Denkmäler von den Sockel, denen eine, nach heutigem Denken, unrühmliche Geschichtsschreibung anhängt. Der bekannteste Fall ist sicherlich in Bristol passiert: Demonstranten gegen Rassismus holten die Statue von Edward Colston, eines Sklavenhändlers aus dem 17. Jahrhundert vom Sockel. Nachdem einige Demonstranten etwa 8 Minuten auf ihm knieten, landete er im Wasser. Ein klares Statement gegen Rassismus, das im Innenministerium keine Gegenliebe, beim Bürgermeister der Stadt aber Verständnis fand. Aber die Debatte ist losgetreten. Auch bei uns.

Losgetreten wurde sie durch den Afroamerikaner George Floyd, der durch einen Polizisten zu Tode kam. Seither wird auch bei uns der Rassismus, der anders als in den USA, überall vertreten ist, diskutiert. Unter dem Hashtag #wasihrnichtseht in Instagram kann man beispielsweise in vielen Posts nachlesen, wie und wo sich Alltagsrassismus zeigt. Es gibt wohl kaum einen, der sich davon freisprechen kann. Aber nicht nur der Rassismus ist in den Fokus geraten. Auch Straßen, Plätze oder Denkmäler sind im Blickfeld, deren Namen in der deutschen Geschichte eine Rolle spielten. Einige davon sind nach heutiger Denkweise und Wissenstand fragwürdig.

Uns hat diese Diskussion erfasst, als meine Mutter von der Petition „Umbenennung der U-Bahn Station Onkel-Toms-Hütte und der Onkel-Tom-Straße“ las. Moses Pölking, ein Basketballspieler, hat die Petition ins Leben gerufen. Er ist der Ansicht, dass der Name „Onkel-Toms-Hütte“ dem Buch der Autorin Harriet Beecher Stowe entnommen ist. Sie beschreibt in ihrem Roman das Schicksal der Schwarzafrikaner in den 40er-Jahren des 19. Jahrhunderts. Pölking ist der Ansicht, dass die Titelfigur sich erniedrigt, um seinem Peiniger nicht aufzufallen. Zudem sei „Onkel Tom“ ein Begriff, der in der farbigen Community jemandem beschreibt, der sich vornehmlich gegen die eigene Hautfarbe den „Weißen“ andient. Er empfindet den Namen Onkel-Tom-Straße ebenso beleidigend, wie Mohrenstraße. Auch die Mohrenstraße hat in Berlin eine U-Bahn-Station, die nach Willen der BVG nun Glinkastraße heißen soll.

In der Facebook-Gruppe Steglitz-Zehlendorf wird ein Beitrag aus dem Tagesspiegel zum Thema geteilt. Als ich das letzte Mal schaute, gab es 621 Kommentare darunter. Natürlich habe ich nicht alle gelesen, aber es wird ähnlich kontrovers diskutiert, wie in meiner Familie. Wie führt man nun diese Debatte richtig und zielführend? Darüber gibt es sehr unterschiedliche Ansichten. Fest steht: Sie ist notwendig, zeitgemäß und richtig. Doch wie erreicht man tatsächlich alle Menschen, sowohl die, die eine Änderung herbei wünschen, als auch jene, denen es relativ egal ist.

Nicht nur der Nationalsozialismus ist in unserer deutschen Geschichte ein schreckliches Kapitel. Auch die deutschen Versuche, in der Kolonialzeit eine Rolle zu spielen, hat viel Leid verursacht und so gibt es unzählige weitere Beispiele, die uns nicht mit Ruhm bedecken. Würden wir nun, nach heutiger Denkweise versuchen, alle negativen geschichtlichen Ereignisse aus dem öffentlichen Straßenbild und Bewusstsein zu löschen, hätten wir nicht nur viel zu tun, sondern keine Geschichte mehr. Auch bei den Philosophen wird es eng. So bezeichnete Emanuel Kant die Juden als ‚Vampyre der Gesellschaft‘ und fordert ‚die ‚Euthanasie des Judentums‘. Und auch der Gründer der evangelischen Religion, Martin Luther, dürfte mit seinen ‚Judenschriften‘ nicht gut wegkommen. Müssen wir nun die philosophischen Grundlagen oder selbst die evangelische Kirche aus unseren Köpfen löschen?

Die Geschichte, aus der sich unsere heutige Gesellschaft entwickelt hat, kann nicht verleugnet werden. Sie ist nun mal passiert. Aber sie kann weitergeschrieben werden, sich weiter entwickeln und verändern, wenn man tatsächlich Ehrlichkeit und Mut dazu aufbringt. Dazu gehört es unbedingt, die Diskussion in die Bevölkerung zu bringen. Die Aktivisten, die die Statuen von den Sockeln holen, sind mutige Menschen, die sich beherzt für eine gute Sache einsetzen. Doch die Wahl der Mittel schreckt den Normalbürger ab. Die Statue im Wasser steht kurz in den Schlagzeilen und regt die Gemüter auf. Tatsächlich eine nachhaltige Sinnesänderung schafft sie nicht.

Ein guter Akt wäre beispielsweise dem Schulfach Geschichte wieder eine tragende Rolle zu geben. Zu sehr wurde es als Nebenfach degradiert und aus der Allgemeinbildung gedrängt. Wie sollen Kinder und Jugendliche heutige politische und zwischenmenschliche Vorgänge der Weltgeschichte verstehen, wenn ihnen der Hintergrund unbekannt ist. Wie kann ich heutige Handlungen nachvollziehen, wenn mir das Wissen fehlt, wie sie entstanden sind. Heutige Handlungen kann man nur aus dem Kontext der Vergangenheit verstehen und sie sinnvoll weiterentwickeln.

Auch die Wahl der Quellen gehört dazu. Kritikpunkt bei der Petition zu „Onkel-Toms-Hütte“ ist beispielsweise, dass die Autorin der Buches erklärte Gegnerin der Rassismus war und auf die Missstände aufmerksam machen wollte. Sie hat mit dem Buch eine veränderte Denkweise angeregt. Es kommt dazu, dass diese Petition deutschlandweit geführt wird. Also ein Bruchteil der Unterzeichner tatsächlich den Ort kennen. Nicht zuletzt gibt es eine andere Quelle der Namensgebung. Die Bezirksgeschichtsschreiber schrieben 1885 dazu: „Die Siedlung Onkel Toms Hütte oder Waldsiedlung Zehlendorf, oft auch als Onkel-Tom-Siedlung oder Papageiensiedlung bezeichnet, liegt im Berliner Ortsteil Zehlendorf am Rande des Grunewaldes. Namensgebend war das 1885 eröffnete benachbarte Ausflugslokal, dessen Besitzer Thomas seine Gaststätte in Anlehnung an Harriet Beecher Stowes Roman Onkel Toms Hütte benannt hatte.“ Der Lokalbesitzer verehrte die Autorin, aber war nun das Buch oder der Thomas namensgebend?

Auch die Mohrenstraße, Mohrengasse, Mohrenapotheke muss sich einen genaueren Blick gefallen lassen. War tatsächlich ein „Mohr“ im heutigen Sinne gemeint oder nicht doch der heilige Mauritius, der seiner Geschichte wegen durchaus auf einem Podest stehen könnte? Es ist also immer fraglich, wie man eine Umbenennung oder eine entfernte Statue begründet, wenn man tatsächlich alle Quellen erwägt. Nur darf man nicht unsere heutigen Werte und Überzeugungen einfach überstülpen. Wichtig ist die tatsächliche Auseinandersetzung, die den Fortschritt für heutige Werte und Überzeugungen bringt. Die Statue im Museum nutzt nur den wenigen, die eine Affinität zu Museumsbesuchen haben. Die Statue auf der Straße mit einer Informationstafel kann mehr Menschen erreichen.

Unsere Geschichte ist nicht wirklich vorbei und wir sind ein Produkt daraus. Heutiges Denken muss sensibilisiert werden und sich weiter entwickeln. Das kann aber nur geschehen, wenn man den Hintergrund und die Gründe dafür versteht. Reiner Aktionismus ist dabei ein schlechter Berater.

In Bristol wurde es doch zu einer guten Entwicklung geführt: Die gestützte Statue wird im Museum mit dem Plakat der Aktionisten „Black lives matter“ ausgestellt. Was letztlich auf den leeren Sockel kommt, wird demokratisch entschieden. Und genau das bedeutet, dass eine weitere Auseinandersetzung damit stattfindet, die viele Menschen erreicht. Die Debatte wird dort seit Jahren geführt. Bei uns fängt sie hoffentlich richtig an.

Kita und Corona: Aus der Sicht der Kita Kiezhopser

Seit Mitte Juni dürfen alle Kinder in Berlin wieder ihre, in den letzten 13 Wochen sicherlich schmerzlich vermisste, Kita besuchen. Es kehrt also wieder eine Art Normalität in den Kita-Alltag ein. Zwar noch hier und da mit Maske und Abstand, aber dennoch Normalität. Doch wie war es in den letzten Wochen? Wie haben die Menschen, die das System die ganze Zeit am Laufen gehalten haben, diese Zeit erlebt? Wie war es für diejenigen, die trotz eigener Ängste und der allgemein herrschenden Verunsicherung den anderen systemrelevanten Menschen den Rücken freigehalten und ihre Kinder betreut haben? Was war schlecht? Was war gut? Was wird die Krise überdauern und was sollte sich auf keinen Fall wiederholen?

Um all diese Fragen beantwortet zu können, haben wir vom Stadtteilzentrum Steglitz unsere Kitas besucht und einfach nachgefragt. Denn, wer könnte besser davon erzählen, als die Kitaleitungen und Erzieher*innen, die die ganze Zeit über „an vorderster Front“ gekämpft und Tag für Tag ihr Bestes gegeben haben?!

Nach den Strolchen erzählen die Marienfelder Kiezhopser 


Der Anfang

Am Morgen des 13. März glaubte Sandra Dehmel, Projektleiterin der Kita Marienfelder Kiezhopser, dass sie einen ganz normalen Tag mit ihrem Team erleben würde. Eine Erste-Hilfe-Weiterbildung in der Geschäftsstelle des Stadtteilzentrums war geplant. Während der Weiterbildung erreichte den freien Träger die Nachricht, dass Corona-bedingt alle Kitas in Berlin schließen müssten. Es sei ein großer Vorteil gewesen, dass sie nicht in der Kita gewesen sei, sondern in der Geschäftsstelle, erzählt sie, da sich die Informationen in kürzester Zeit änderten. Zwischen Team und Verwaltung hin und her gerissen, kamen immer neue Anweisungen, die sie in den Pausen an ihr Team weitergab. Es stand aber fest: Die Kita wurde geschlossen. Als die Weiterbildung zu Ende war, trafen sich alle Kolleg*innen, ohne Absprache, in der Kita wieder. Jeder im Team packte etwas für zuhause ein. Je nach Vorliebe wurden Bastelsachen, Sprachlerntagebücher oder Akten mitgenommen, eben Dinge, die man macht, wenn man Zeit hat. Erst dann trennten sich die Wege des Teams ins vermeintliche Wochenende … der Ausgang ungewiss.

Letztlich war die Kita am Montag noch einmal geöffnet. Die Eltern kamen mit ihren Kindern und das Kitateam versuchte sie in vielen Gesprächen zu beruhigen, ohne schon selber viel zu wissen. Die Kinder waren an diesem Tag sehr kuschelig, da auch sie die Veränderung spürten. Ab Dienstag war dann tatsächlich für 1 ½ Wochen geschlossen und lediglich die Kolleg*innen ohne Kinder vor Ort. Relativ gesehen hätten sie Glück gehabt, sagt Sandra Dehmel, nur eine Kollegin gehörte zur Hochrisikogruppe, zwei weitere mit Kindern fielen aus und eine Kollegin mit Kind sei nach einer Woche wiedergekommen. So konnte die Notbetreuung personell gut besetzt werden.

Die Eltern

Besonders in dieser ersten Zeit haben die Kitaeltern das Team sehr unterstützt. Als um die E-Mail-Adressen gebeten wurde, sei innerhalb kürzester Zeit ein Verteiler aufgebaut worden. Darüber bekamen die Eltern 2-3 pro Woche eine E-Mail, um sie immer auf dem neusten Stand zu halten und gut zu informieren. Am Anfang kam selten eine Antwort auf die Mails. Erst als Sandra Dehmel den Eltern ehrlich mitteilte, dass sie sich vorkomme, als würde sie gegen eine weiße Wand schreiben, kamen E-Mails zurück. Die Eltern wollten nicht zusätzlich belasten oder beschrieben, wie es ihnen selber und ihren Kindern ging. Sie äußerten Lob, Dankbarkeit, boten Hilfe an und halfen nicht zuletzt, indem sie Vorgaben einhielten. Das Wir-Gefühl war sehr gegenwärtig in diesen ersten Wochen. Dann kippte es etwas, weil nach neuen Vorgaben stärker hinterfragt wurde, warum andere Kinder kommen durften, die eigenen aber nicht. Dies sei dennoch immer gut zu erklären gewesen und ein konstruktiver Weg zwischen „Was dürfen wir“ und „Was können wir machen“ gefunden werden.

Die Kinder

Die Kinder, die die Notbetreuung besuchen durften, beschreibt Heike Steinitz, stellvertretende Projektleiterin, als tiefenentspannt. Es war ungewöhnlich, dass die Kita so leer war. Diese ersten 6 – 7 Kinder mussten sich als neue Gruppe zusammenfinden, wussten die erhöhte Aufmerksamkeit aber doch sehr zu genießen. Waren es im März noch wenige Kinder, wurde mit der Zeit immer weiter geöffnet bei kleinen Gruppen. Ende April wurden es drei Gruppen und im Mai wieder vier. Trotz dessen, dass Ende Juni wieder alle hätten kommen können, wurden 15 Kinder weiter zuhause betreut, was ebenfalls eine große Hilfe war.

Die zuhause betreuten Kinder fehlten ganz einfach. Anders lässt es sich kaum beschreiben. Zwar wurde von ihnen per Mail erzählt, kleine Videos oder gemalte Bilder geschickt, aber ihre fehlenden Stimmen und Lachen machten die Räume leise. Eltern erzählten, dass auch die Kita vermisst wurde und Spaziergänge nicht in die Nähe gemacht werden durften. Diese Kinder bekamen Post: Zwei Briefe mit Vorschlägen zum Basteln, Malen oder mit Blumensamen und einer Anleitung dazu, vom ganzen Kitateam unterschrieben. Als diese Kinder wiederkommen durften, mussten sich so manche Eltern dann sagen lassen: „Mama, die Zeit zuhause mit dir war schön, aber meine Freunde spielen besser.“ Letztendlich, erzählen die Erzieher*innen, haben alle Kinder in dieser schwierigen Zeit und durch die geänderten Verhältnisse auf verschiedenste Weise einen großen Entwicklungsschub gemacht.

Der Senat

Nach den Vorgaben des Senats in der Corona-Zeit gefragt, greift Sandra Dehmel ganz einfach hinter sich und stellt einen dicken Ordner auf den Schreibtisch. Die 16. Trägerinformation kam am 10. Juni bei den Kitas an. Problematisch waren Informationen, die freitags nachmittags sehr spät ankamen und montags morgens umgesetzt sein mussten, was nicht nur einmal passierte. Teils kamen neue Informationen täglich an. Auch die Formulierungen mit „sollte“, „könnte“ oder „möglichst“ waren wenig hilfreich. Manche Vorgaben ließen schon beim Lesen die Machbarkeit anzweifeln. So sollten beispielsweise die Fußböden der Kita mehrfach täglich desinfiziert werden. Die anwesenden Kinder durften aber nicht währenddessen in den Garten. Oder der Toilettengang, bei dem das Kind immer begleitet werden sollte und danach alles desinfiziert werden musste. Was mit den anderen Kindern der Gruppe in der Zwischenzeit zu tun sei, stand nicht dabei. Neue Mülleimer mit Fußtritt mussten angeschafft werden. Stellt man sich jedoch ein 3-jähriges Kind an solch einem Eimer vor, weiß man, dass dem kleinen Fuß die Kraft fehlt und es doch oben anfasst. Aus den 30-seitigen Hygienevorgaben des Senats hat Heike Steinitz einen schnell zu erfassenden 4-seitigen Desinfektionsplan geschrieben. Nach den wöchentlichen Mitteilungen des Senats schrieb sie die Pläne, wer wann kommen durfte, immer wieder um. Anfangs noch sehr akkurat mit Linien und Kästchen, später einfach mit durchstreichen, darüberschreiben und angeklebten Zetteln. Heike Steinitz sagt, dass sie sich sehr gewünscht hätte, einmal einen Senatsvertreter vor Ort zu sehen und gemeinsam über die Vorgaben zu sprechen.

Der Träger

Was sie beim Senat vermissten, kam dennoch aus dem Kolleg*innen-Kreis. War irgendeine Frage offen oder wurde Unterstützung gebraucht, konnte sich das Team auf Anke Eichner und Angela Wittrin, Leitung des Arbeitsbereiches Kindertagesstätten, verlassen. Sie verstanden es in der ganzen Zeit präsent und doch nicht allgegenwärtig zu sein. Trotzdem vermittelten sie das notwendige Vertrauen, das Team vor Ort entscheiden zu lassen und unkonventionelle Lösungen zu akzeptieren. Sie schafften den Rückhalt und notwendigen Rahmenbedingungen, besonders in der Fragestellung: „Was braucht ihr!“ und „Wie geht es euch!“. Auch Katrin Reiner, wellcome-Koordinatorin, und Birgit Kiecke, Ansprechpartnerin für Kinderschutz, waren in dieser schwierigen Zeit unverzichtbare Unterstützerinnen des Teams. Heike Steinitz erzählt von ihrem 5-jährigen Sohn und dem Spagat zwischen Muttersein und stellvertretende Kitaleitung. Zum einen ist da die Mutter, deren Sohn ihr ein und alles ist. Zum Zweiten die stellvertretende Projektleiterin, deren Beruf nicht systemrelevant genug ist, als dass ihr eigenes Kind betreut wird. Und zum Dritten die Kollegin, die genau weiß, dass sie dringend in ihrem Projekt gebraucht wird. Nach einer Woche mit dieser Zerreißprobe stand sie im Büro den Tränen nah. Katrin Reiner fand genau die richtigen einfühlsamen Worte und bot an, Hilfe zu finden. Sie stellte einen Kontakt her und Heike konnte sich beraten lassen. „Nur weil ich Erzieherin bin, bin ich ja nicht eine bessere Mutter,“ sagt sie „und durch Katrin konnte ich Hilfe annehmen!“ Danach ging alles besser.

Das Team

Das Team beschreibt Sandra Dehmel in den Wochen nach dem 13. März in eigenen Worten am besten: „Corona hat in jedem von uns die beste und stärkste Seite herausgekitzelt. Als wir noch nicht wussten, ob wir die Kita wieder betreten dürfen, hat sich jeder mit Arbeit eingedeckt. Die Kolleg*innen, die länger zu Hause waren, haben immer wieder Möglichkeiten gefunden die Leute in der Kita zu unterstützen. Es war nicht viel reden nötig. Als nach ein paar Wochen das große Planen und Organisieren losging, muss meine ‚Jetzt-bitte-nicht’-Ausstrahlung groß gewesen sein. Die Kollegen*innen fingen ganz von selbst an, ihre Anliegen und die der Eltern alleine oder untereinander zu klären. Anfangs kam dann hinterher ein zögerndes ‚Ich habe mal …’, später war es ein selbstverständliches ‚Ich habe mal … nur, dass du informiert bist’. Und wenn ich stundenlang über den neuen Vorgaben gebrütet habe, ist wie selbstverständlich alles weitergegangen. Jeder hat sich und seine Aufgabe gefunden. Jeder hat irgendwie den anderen aufgefangen. Jeder hat auf jeden aufgepasst. Jeder hat selbst dafür gesorgt, dass alle die nötigen Infos haben, und dass alles reibungslos weitergeht.“ Ihr Fazit: „Es tut gar nicht weh, abzugeben, zu delegieren, machen zu lassen, nicht alles zu jeder Zeit unter Kontrolle zu haben.“ Ein großes Lob an ein „Team“, im wahrsten Sinne des Wortes!

Unterstützung für Trans* und queer lebende Menschen

Es ist weit mehr als ein Spiel und aus vielen Lebensgeschichten nicht wegzudenken. Die Rede ist von Fußball, Fußballvereinen und eine enorme Zahl von verbundenen Fans. Die Wahl des Lieblingsfußballvereins gleicht einem Glaubensbekenntnis und hält meist lebenslang. Umso bedeutender ist der gesellschaftliche Tenor des „Spiel des Lebens“, wie es gerne von Liebhabern genannt wird. Dieser gesellschaftlichen Bedeutung sind sich die Fußballvereine insbesondere in den letzten Jahren sehr bewusst geworden. Damit verbunden auch die Notwendigkeit, eine klare und soziale Haltung einzunehmen. Man könnte es „mit gutem Beispiel vorangehen“ nennen, so wie es der Berliner Verein Hertha BSC immer wieder tut.

Zum Sozialbericht 2019 „Mehr als Fußball“, der im November erschien, schreibt Paul Keuter, Mitglied der Geschäftsleitung, dass Hertha Haltung zeigen will, die sich an unseren Werten ‚Vielfalt‘ und ‚Fortschritt‘ ausrichtet. Wie das genau aussieht, liest man im Sozialbericht, der auf 72 Seiten alle Facetten des sozialen Engagements des Vereins aufzeigt. Auf Seite 24 des Berichts findet man die Headline: „In Berlin kannst du alles sein – auch LGBTQ“. Darunter steht: „Gerade in der Welt des Fußballs muss noch viel gegen Homo- und Transphobie gekämpft und müssen klassische Geschlechterrollen aufgebrochen werden. Hertha BSC verschreibt sich diesem Kampf und setzt sich ein – für ein buntes Berlin, auch in Bezug auf die sexuelle Orientierung und Identität, für die Bewahrung demokratischer Grundtugenden wie Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit.“

Die Haltung gegen Homo- und Transphobie ist aber nur ein Beispiel des Engagements. Der Verein fördert nicht nur eine Vielzahl eigener Projekte, sondern unterstützt beispielsweise mit der Bezirkswette kleine Initiativen und zeigt so seine Verbundenheit mit der Hauptstadt. In der Spielzeit 2019/20 wurden die Spieltage um die „Bezirks-Wette“ erweitert, bei denen der Hauptstadtclub mit dem im Vordergrund stehenden Bezirk eine Ticket-Wette eingeht. Schaffen es die Fans, das bereitgestellte Kontingent an „Bezirks-Tickets“ abzurufen, stellt Hertha BSC einem sozialen Projekt aus einem zugehörigen Kiez 5.000 Euro zur Verfügung.

Der 25. Spieltag – das Bundesligaspiel Hertha BSC gegen SV Werder Bremen am 7. März sollte für das Stadtteilzentrum Steglitz e.V. zum Glücksfall werden. Über das Internet fanden die Verantwortlichen das Stadtteilzentrum und boten sich als „Wettgegner“ an. Das zu unterstützende Projekt sollte der Aufbau einer Beratungsstelle für trans*identen Kinder und Jugendlichen sein. Es war lange ungewiss, aber am Spieltag stand fest, dass es gelungen war. Weit mehr als 500 Tickets für das Spiel über die Bezirkswette waren verkaufen. Die Freude war nicht nur bei Thomas Mampel, Geschäftsführer des Stadtteilzentrums, einem echten Herthaner, sehr groß und damit auch der Beginn des Projektes möglich.

Seither wurde viel im Hintergrund gearbeitet. Katrin Reiner, die sich diesem Projekt widmet, hat Kontakte geknüpft, recherchiert, sich selber weitergebildet und nicht zuletzt eine Präsentation erarbeitet. Diese hat sie unter anderem im Projektleiter*innenkreis des sozialen Vereins präsentiert. Themen wie die Definitionen Trans*identität und Inter*geschlechtlichkeit, der Sprachgebrauch oder Trans*kinder und deren Familien, wurden neben anderem besprochen. Klar wurde dabei, dass dieses Thema viele Wissenlücken aufweist, auch im Kreis der Pädagog*innen und Erzieher*innen. Um diese Themenstellung in die Arbeit des Vereins zu integrieren, eine Haltung auszubauen, zu sensibilisieren und zu stärken werden die nächsten Schritte geplant. Zunächst wird das Thema in Arbeitsgruppen und Teams vorgestellt. Daraus werden sich weitere Diskussionen und Besprechungen ergeben, die letztlich die Richtung der Weiterentwicklung möglich und sinnvoll machen.

Katrin Reiner möchte das Projekt „von innen heraus“ wachsen lassen, das heißt Kolleg*innen einbinden und offen für Denkanstöße und Meinungen zu sein. Möglich wäre später beispielsweise eine Jugendgruppe für trans*idente Jugendlich oder eine Beratungsstelle für Betroffene und ihre Eltern, Vorträge zur Aufklärung und Klärung für Einrichtungen und andere soziale Träger. Zum jetzigen Zeitpunkt ist alles offen.

Begeistern und sensibilisieren steht im Fokus von Katrin Reiner, die das Thema von Grund auf kennt. Mit der Unterstützung von Hertha BSC ist das Projekt vorerst gesichert. So kann das Stadtteilzentrum in naher Zukunft Inter* und Trans* und queer lebende Menschen unterstützen ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Zudem alle eigenen Möglichkeiten nutzen, eine breit gefächerte Akzeptanz zu fördern.

Denn, so wie Hertha BSC sagt: In Berlin kannst du alles sein …

Immer wieder … zuhören, laut werden, voneinander lernen!

WhatsApp meldet sich: Es ist meine Schwägerin, die mir einen Link zu einem Gastbeitrag im Magazin Bento schickt. Der Beitrag ist von Aminata Touré, der Vizepräsidentin des schleswig-holsteinischen Landtages. Gleich in der Headline sagt sie: „Es fehlt nicht an Schwarzen, die sprechen, sondern an Weißen, die zuhören.“ Ich stimme zu, aber ergänze im Kopf: „… sondern an Weißen, die zuhören und sprechen.“ Meine Schwägerin und Aminata Touré sind dunkelhäutig, also per Geburt mit dem Thema Rassismus verflochten. In meiner Familie sind alle entsetzt, was George Floyd passiert ist und welche Entwicklung daraus entstand. Meine Tochter kauft sich ein T-Shirt mit der Aufschrift: „No place for hate, sexism, racism, homophobia, anti-semitism.“ Meine Mutter positioniert sich in Facebook und Instagram. Meine Schwester äußert sich sehr besorgt. Ich bekomme aber auch andere Stimmungen mit. Schon wieder Rassismus in nicht endender Debatte? Was geht uns Amerika an?

Es geht uns sehr viel an und wenn wir – Weiße – wollten, würden wir Rassismus tagtäglich und mitten unter uns bemerken. Der Tod von George Floyd ist nur der Auslöser einer lange fälligen Debatte und Forderungen nach allgemein gültiger Menschenwürde und Gleichstellung. Alleine die Frage an einen andersfarbigen Menschen, welche Nationalität seine Ursprungsfamilie hat, ist rassistisch. Das erstaunte Gesicht einer Fleischverkäuferin, wenn ihre farbige Kundin Hochdeutsch spricht. Die Frage des Kellners, ob der dunkelhäutige Gast etwas anderes isst als die Tischnachbarn. Aber es betrifft nicht nur die dunkelhäutigen Menschen. Betroffen sind alle Ethnien, die sich von unserem Allgemeinbild unterscheiden. Die Gründe sind vielfältig und meist durch Angst vor Unbekanntem begleitet. Der Alltagsrassismus ist real, alltäglich, dabei oft unauffällig und unerträglich. Doch kann sich kaum jemand davon freisprechen. Auch ich nicht.

Auf der Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung steht: „Rassen? Gibts doch gar nicht!“ und wir lesen im Beitrag: „… Die Einteilung der Menschen in „Rassen“ hat nach heutiger Erkenntnis keine wissenschaftlich begründete Grundlage. Und doch existieren „Menschenrassen“ tatsächlich. Nicht als biologische Fakten, sondern als – unbewusste – Denkstrukturen und Urteile in unseren Köpfen. …“ Zitat Ende.

Es gibt ebenso keine allgemein akzeptierte Definition für Rassismus. Mir sagt die Beschreibung von Albert Memmi, tunesisch-französischer Schriftsteller und Soziologe, zu: „Der Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden sollen.“ Entstanden ist Rassismus in der Zeit des europäischen Kolonialismus und Imperialismus. Menschen wurden in Rassen eingeteilt, die unter anderem den Kolonialismus und Sklaverei rechtfertigen sollten. Wenig bekannt dabei ist, dass die wissenschaftlichen Errungenschaften des 17. und 18. Jahrhunderts eng mit der Sklaverei verbunden sind. Körperliche, ethnische oder kulturelle Merkmale einer Gruppe wurden und werden genutzt, um diese im Pseudovergleich mit dem eigenen Standpunkt herabzusetzen. Colette Guillaumin, französische Soziologin und Feministin, hat gesagt „ ,Rassen‘ existieren nicht, aber Rassismus tötet.“

Ich spreche mich selber nicht frei, Rassismus nicht zu erkennen oder ihn unwissentlich zu begehen. Um Rassismus tatsächlich zu begegnen, braucht es aus meiner Sicht eine weit größere Sensibilisierung, Debatte und Haltungsänderung auf allen gesellschaftlichen Ebenen als wir zurzeit haben. Wir brauchen politische Vorgaben und klare Standpunkte, Projekte und passende Bildungsvorgaben von der Kindertagesstätte an. Kinder kennen keinen Rassismus. Den erlernen sie – im Alltag und am Abendbrottisch.

Es macht mich unglaublich traurig, dass Rassismus überhaupt noch ein Thema ist. Im 21. Jahrhundert fühlen sich Menschen höherwertig als andere. Das beste Bild für mich dazu: Ein weißes, ein beiges, ein braunes Ei nebeneinander auf einer Seite. Auf der anderen Seite alle drei Eier aufgeschlagen in der Pfanne. Kein Unterschied, kein Besser oder Schlechter, kein Frisch oder Alt, kein Teuer oder Günstig … keine Wertung – alle gleich!

Alle gleich! Was für eine wunderbare Vorstellung. Es gehören tatsächlich alle dazu. Nicht nur die unterschiedlichen Hautfarben, auch sexuelle Orientierungen, religiöse Richtungen oder andere Unterschiede, die vordergründig trennen. Alle Menschen, die in der Gemeinschaft und in der Toleranz zueinander eine unglaubliche Bereicherung sind. Was für eine wunderbare Vorstellung wäre es, in einem Land zu leben, in dem tatsächlich jeder ohne Wertung so sein kann, wie er ist!

Meine Mutter zeigt mehrere Fotos aus ihrer Puppenwerkstatt. Dazu schreibt sie: „Wenn unsere Kinder schon mit ethnischer Vielfalt aufwachsen, grenzen sie im späteren Leben niemanden aus und haben keine Berührungsängste, zu Hautfarbe, Sprache und Religion.“

Was durch den Tod von George Floyd ausgelöst wurde, ist eine große Bewegung, die hoffentlich nicht vorbei ist, wenn die Medien das Interesse verlieren. So unfassbar dumme und ignorante Aussagen es dazu einerseits gibt, gibt es andererseits auch Beispiele, die Hoffnung machen: Alle vier lebenden ehemaligen amerikanischen Präsidenten stellen sich auf die Seite der Demonstranten in Amerika. Unglaublich viele Künstler*innen aller Kunstrichtungen positionieren sich für Vielfalt. Es ist für viele weiße Menschen, mich eingeschlossen, schwer, nachzuvollziehen, was andersfarbige Menschen tagtäglich an Rassismus erleben. Besonders schwer, wenn man niemanden mit anderer Hautfarbe so richtig kennt. Empfehlenswert dazu ist der Brennpunkt zum Thema „Rassismus“ von Carolin Kebekus, in dem diese Menschen zu Wort kommen und das beschreiben.

Die Debatte um Rassismus ist hoffentlich lange nicht zu Ende. Ich habe gemerkt, nachdem die Partei, die keine Alternative ist, bei uns in den Bundestag gewählt wurde, dass ich müde wurde gegen Intoleranz zu kämpfen. Ich glaubte, dass langsam auch der letzte Mensch begriffen haben müsste, dass es keine höher- oder minderwertigen Menschen gibt. Glaubte ich. Das war falsch und es ist anders: Solange es Menschen gibt, die sich aus mangelndem Selbstbewusstsein, aus Machtwillen, aus Dummheit oder anderen Gründen über andere stellen, wird es Rassismus geben. Und so lange ist es immer wieder notwendig, dass wir – alle Ethnien – nicht nur sehr sensibel zuhören und immer mehr voneinander lernen … wir müssen laut werden, sprechen, uns gegen Menschenfeindlichkeit positionieren und sie, wo immer möglich, entlarven.

Das andere Ende der Perlenkette …

Mein Wecker steht still auf dem Nachttisch, doch er klingelt nie. Ich wache jeden Morgen pünktlich um 5.30 Uhr auf. Natürlich auch am Wochenende, was ich gerne abstellen würde, aber es ist eine über Jahre gepflegt Gewohnheit geworden. Ich genieße die ruhigen Morgenstunden. Ich trinke meinen Kaffee, lese Nachrichten und E-Mails, danach ist eine halbe Stunde Gymnastik dran und eine Viertelstunde am Maltisch. Schließlich gehe ich duschen, mache mich fertig, laufe mit dem Hund eine Runde und starte in den Tag … dann ist es halb neun Uhr morgens. Drei Stunden, ohne Verpflichtung, nur für mich, wie ein Ritual. Das war früher mal anders.

In diesem „Früher“ liegt der Grund für mein zeitiges Aufstehen. Ich war junge Mutter von zwei süßen Mädchen. Die mussten in den Kindergarten und später zur Schule. Morgendliche Hektik habe ich mein Leben lang verabscheut. Verschlafen war immer der Beginn eines richtig schrägen Tages und ist mir zum Glück nicht oft passiert. Aus diesem Grund habe ich mir früh angewöhnt, um 5.30 Uhr aufzustehen. Ich habe eine halbe Stunde Kaffeetrinken genossen, mich geduscht und angezogen um dann, selber fertig, meine Kinder zu wecken. Nun hatte ich Zeit mich nur ihnen zu widmen, bis wir entspannt weggehen konnten. Es war mir wichtig, dass sich die Kinder in Ruhe, Harmonie und ohne Zank, auf ihren Tag außer Haus einlassen konnten.

Sehr viel früher, erzählen meine Mitmenschen, sei ich ein Langschläfer und Morgenmuffel gewesen, den man nach dem Aufstehen nicht ansprechen durfte. Kluge Leute sprechen mich heute so früh immer noch nicht an. Aber das gehört woanders hin. Ich bin in meinem 60 zigsten Lebensjahr angekommen. Meine morgendlichen Gewohnheiten haben sich mehrfach im Leben geändert, je nachdem, ob ich alleine war oder nicht. Heute ist es nur noch der Ehemann, mit dem ich beim Frühstück zu einem Konsens kommen muss. Ansonsten bin ich größtenteils frei.

Diese Freiheit ist hart erarbeitet, auch wenn die „Unfreiheit“ zuvor eine klare Entscheidung war. Sie hieß Kinder großziehen und etwa 20 Jahre in allen persönlichen Belangen und Wünschen zurücktreten. Alle Wünsche wurden dem Erziehungsauftrag untergeordnet oder vielmehr angepasst. Meine Arbeit und meine Freizeitgestaltung mussten ständig nach den Erfordernissen der Kinder geändert werden. Selten war etwas „nur für mich“. Dem Vater erging es dabei nicht anders. Mit der Pubertät bekamen wir eine Ahnung, dass sich etwas ändern könnte. Die Kinder mochten nicht mehr im Fokus der elterlichen Fürsorge stehen. Freiräume erschlossen sich und wurden größer, bis zur klaren Feststellung, dass die Versorger-Rolle endgültig passé ist. Schließlich muss aber deutlich festgestellt werden, so hart manche Tage waren, haben andere uns belohnt. Wir haben es bewusst und aus Liebe gemacht. Dafür sind wir jetzt auch 20 Jahre älter.

Nun komme ich mir wie auf einer Wippe vor: Bei guter Laune, oben, jubele ich der neuen Freiheit zu, bei schlechter Laune, untern, werden alle Zipperlein doppelt schwer. Und je nach Befinden kokettiere ich mit dem Alter oder fühle mich genervt. Im Büro werden die KollegInnen immer junger. Die direkten TeamkollegInnen könnten meine Kinder sein. Ich erwische mich, wie ich meinen Kollegen mit: „Junger Mann“ anspreche und das eigentlich richtig blöd finde. Die Kollegin, zweifache junge Mutter, erzählt real und in ihrem Blog von ihrem innerlichen Chaos, gerne arbeiten zu wollen und doch Kinder versorgen zu müssen. Ich merke eine Tendenz meine Erfahrungen dazu zu sagen, aber lasse es ganz bewusst sein. Das liegt alles hinter mir, denke ich dann auf dem Heimweh, bei dem ich genieße, dass niemand mehr nachfragt: „Wann kommst du nach Hause!“

Meine Freundin hat treffend den Punkt ausgedrückt, an dem ich mich gerade befinde: „Ich denke langsam darüber nach, dass das ewige Haare färben lästig ist, und ob das Stehen zu grauen Haaren nicht vielmehr meinem selbstbewussten Alter und meinem „Ich“ entsprechen würde“. Das bedeutet auch, sich selber einzugestehen, dass die lebenslang gesammelten Perlen der Perlenkette sich dem Fadenende zuneigen. Wie viele Perlen noch passen, haben wir selbst in der Hand. Ich sage gerne, dass ich heute die Summe dessen bin, was ich im Leben erlebt habe. Jeder Tag, auch die Schlechten, gehören dazu. Ich würde keinen wiederholen wollen, weil sie nie gleich sein könnten.

Der Auszug der zweiten Tochter ist eine Frage der Zeit. Die Ruhe, wenn der Ehemann und ich alleine sind, haben wir schon oft testen können. Es ist weniger Arbeit im Haushalt (die man doch gern getan hat), die Diskussionen, welches Essen auf den Tisch kommt, verschwinden. Es ist mehr Selbstbestimmung und unsere eigenen Wünsche und Vorstellungen treten wieder in den Vordergrund. Ich muss mich nicht mehr beweisen, muss niemandem gefällig sein und kann die Menschen um mich sammeln, die mir guttun. Ich kann deutlich „Nein“ sagen, wenn ich etwas nicht will. Meine Hobbys und Interessen bekommen großen Raum, neben den Zielen und Plänen, die wir gemeinsam verfolgen. Es wird sich zeigen, was sich verwirklichen lässt, denn eine entspannte Genügsamkeit macht sich breit. Es muss keine Weltreise mehr sein, die Ostsee oder selbst der Garten reichen aus. Es ist nicht wie vor 20 Jahren, dafür kann ich heute klar sagen, was ich will oder eben auch nicht.

Wie immer haben wir selber die Wahl und entscheiden, wie wir damit umgehen. Depressive Züge entwickeln und krampfhaft an der Jugend festhalten, fordert sehr viel Kraft. Ich denke, am leichtesten mache ich es mir, wenn ich mit mir selber ehrlich umgehe. Ja, die Haare werden grau, die Waage zeigt nicht gerade das Traumgewicht, die Arztbesuche häufen sich. Aber ich kann mir entspannt alles so einrichten, wie ich es haben möchte und brauche. Ich kann eine Neugierde entwickeln, was uns noch bevorsteht. Welche Überraschungen die Kinder uns präsentieren. Insgeheim lächeln, wenn mir junge Leute erzählen, welche Erfahrungen sie machen mussten. Wir werden nun die Alten, mit hoffentlich viel Humor, viel Offenheit, Neugierde für Neues und Verständnis für Junges. Mein einziger Wunsch ist gesund bleiben, den ich durch eine positive Denkweise fördern kann. Das ist nicht an allen Tagen leicht, aber so kann auch die Perlenkette noch ein gutes Stück länger werden.

Das kleine Wörtchen Dankbarkeit …

Es ist Muttertag und wie immer gibt es drei Standpunkte. Die einen, die die Gelegenheit nutzen, der Mutter Danke zu sagen, weil sie es im Alltag oft vergessen und weil man es halt so macht. Die Zweiten, die die Chance ergreifen, um von Herzen ihre Wertschätzung auszudrücken. Schließlich noch die dritte Fraktion, die Muttertag für ein Relikt aus ungeliebten Zeiten, oder vielmehr für ein vom Kommerz gemachtes Fest halten. Es spielt hier keine Rolle, zu wem man gehört. Was mir oft an dem Tag passiert, sind kleine Nachrichten von anderen Müttern. WhatsApp meldet sich: „Guten Morgen liebe Anna, alles Liebe zum Muttertag. Lass uns dankbar sein, dass wir Mamas sein dürfen!“ Da ist es wieder: Das kleine Wörtchen „Dankbarkeit“, über das ich sehr oft in den letzten Tagen nachgrübele.

Seit Wochen bin ich zuhause, öfter alleine und habe viel Gelegenheit darüber nachzudenken. Es ist keine leichte Zeit für uns alle. Die Pandemie hat unser aller Leben zum Stillstand gebracht. Eine Zeit lang jedenfalls. Für mich war es ok. Ich gehöre zur Risikogruppe. Ich fühlte mich die ganze Zeit sicher und beschützt. Es gab auch nichts zu klagen. Wir haben es gut. Genug Platz zuhause, genug zu essen, Dinge, die uns beschäftigen, einen Garten, Möglichkeiten uns aus dem Weg zu gehen. Wir können trotzdem weiter arbeiten. Die Gehälter kommen pünktlich und in voller Höhe. Wir haben keine kleinen Kinder mehr zu versorgen. Ach ja, ganz wichtig, das WC-Papier geht uns nicht aus – ohne Hamsterkauf. Anderen ergeht es schlimmer. Mir ist bewusst, dass andere weitaus schwierigere Situationen zu bewältigen haben. Dennoch habe ich den Eindruck, dass die Menschen mit jeder Lockerung der Pandemie-Regelungen unzufriedener werden.

Niemand wird je mit Sicherheit sagen können, ob alle Maßnahmen gerechtfertigt oder überzogen waren. Fakt ist, unsere Krankenhäuser haben keinen Kollaps erlebt, unsere Sterberate ist eine der niedrigsten der Welt und schließlich wird viel getan, um wirtschaftlich zu unterstützen. Ich mag dabei nicht über die Grenzen anderer Länder sehen, wo es sehr viel anders aussieht. Sicherlich sind einige Fehler passiert. Doch wer konnte je schon so ein Szenario proben. In diesen Tagen möchte ich kein Entscheidungsträger sein. Statt Dankbarkeit zu zeigen oder einfach ruhig zu bleiben, mehren sich die Nachrichten von Protesten. Gegen die Auflagen des Abstandhaltens, der Hygiene, des Ausgangs, der Wiederöffnungen und vieles mehr. Verschwörungstheorien werden geboren, bei denen man sich einfach nur noch fragen kann, ob die Leute alle Tassen im Schrank haben. Die Demokratie sei gefährdet und die Grundrechte sollen untergraben werden. Natürlich auch wieder die Rechten, die die Gunst der Stunde nutzen, Verschwörungsexperten und eine Menge Leute, denen langweilig ist. Hinterfragen ist unmodern. So viele Aluhüte können gar nicht gebastelt werden, um die Leute wieder auf den Boden zu bringen.

Aber es ist auch eine andere Dankbarkeit, die immer mehr zu vermissen ist. Sie ist persönlich und steht in engem Zusammenhang mit Zufriedenheit. Damit anderen etwas gönnen können, sich an Kleinigkeiten zu freuen und mit gegenseitiger Wertschätzung. Ich habe zuweilen den Eindruck, dass die Menschen sich verändert haben. Wir Älteren sagen gerne entweder: „Früher war alles viel besser.“ oder: „Ihr solltet es einmal besser haben! “. Der erste Satz ist das ständige Klagelied vergangene Zeit zu glorifizieren und sich mit Unbekanntem nicht arrangieren wollen, vielmehr Neues zu kritisieren. Der zweite Ausspruch ist der Wunsch der älteren Generation, dass die Zukunft der Nachkommenschaft gesichert ist. Aber eher ist er ein unterschwelliger Vorwurf, wenn der Nachwuchs nicht gehorchen mag und die Andeutung, dass man selber es ja nicht so gut hatte. Beide Sätze passen in die Zeit nach dem letzten Weltkrieg, vor dem tatsächlich sehr vieles besser war (oder auch nicht) und es nicht viel dazu gehörte, es leichter zu haben als eben in jenen Tagen.

Heute frage ich mich oft, was unsere Nachkommen einmal besser haben sollen? Oder wo wir uns selber noch steigern sollen. Dabei beschränke ich mich auf dieses Land. Was wollen wir mit unseren Luxusbestrebungen noch erreichen, wie groß darf der Fernseher werden, wie dick darf der Reisekatalog in die Welt sein. Wir leben auf einem dermaßen hohen Niveau, dass kaum mehr zu toppen ist. Auf Kosten der Umwelt und der Außenwelt, die wir tunlichst von unserem Luxus ausschließen möchten. Man muss bewahren, was einem lieb und teuer ist!

Immer höher, weiter, schneller geht irgendwann nicht mehr, aber mit dem Status quo zufrieden zu sein, ist für die meisten Menschen nicht leicht. Dabei ist es so angenehm, einem anderen sagen zu können, dass sein Kleid, die Frisur oder sein Bild gefällt. Es ist schön, die Leistung anderer zu sehen und wertschätzen zu können. Genauso wie wir genießen ein Lob des Partners, der Freundin, des Chefs zu bekommen. Zu sehen, dass jemand bemerkt hat, dass ich mir mit etwas besondere Mühe gegeben habe. Oder nur Einfachmal zwischendurch gesagt zu bekommen, dass man für jemanden wichtig ist.

Auch materiell mit dem zufrieden sein, was man hat, kann sehr entspannend sein. Ich muss nicht die neusten Markenklamotten, das teuerste Parfüm und den angesagtesten Schmuck haben, um persönliche Zufriedenheit zu spüren. Es ist gut, einen realistischen Blick zu wahren, was tatsächlich lebensnotwendig ist oder was Luxus ist. Natürlich möchten sich Jüngere eine Existenz aufbauen und vorteilhaft ist, wenn sie dabei nicht auf verlockende Ratenzahlungsangebote hereinfallen. Es war doch eine spannende Zeit als der improvisierte Haushalt sich immer weiter in eine komplette Wohnungsausstattung entwickelte. Nichts muss von Anfang an perfekt sein.

Ich habe so viele Dinge, für die ich dankbar sein und die ich wertschätzen kann. Habe um mich Menschen, die ich begleiten und bewundern kann. Ich darf kleine Situationen erleben, an denen ich mich lang erfreuen kann. Ich kann im Großen und Ganzen tun, was ich will, sagen, was ich will, mich bewegen, wie ich will. Ich darf sogar dankbar sein, schon zu den Senioren zugehören, mit allen Zipperlein des Alters, die ich natürlich zähneknirschend annehme. Aber mir dafür die Laune zu verderben? Was ich erlebt habe, war in der Summe zu wertvoll.

Die kleinen Wörtchen Dankbarkeit, Zufriedenheit, Gönnen sind kein Bild nach außen, sondern ein Eindruck, wie ich mit meiner Persönlichkeit umgehe, was ich für ein Mensch bin. Natürlich darf ich Dinge hinterfragen, kritisch betrachten, bessere Lösungen anstreben und mich klar positionieren. Entspannter lebt es sich, mit dem Gegebenen und Erreichten zufrieden zu sein und das zu pflegen. Vieles ist heutzutage besser, als es je zuvor gewesen ist, aber – anders halt!

50 Kinder … mehr geht nicht

„In Abstimmung mit Bauernverbänden werden insgesamt zehntausende Saisonkräfte aus der EU eingeflogen“ (Tagesschau). Am Donnerstag, dem 9. April sind die ersten Maschinen in Düsseldorf und Berlin gelandet. Zehntausende Saisonkräfte bedeutet zehntausende Menschen, die die Pandemie Corona weiter verbreiten könnten. Uns wird vermittelt, dass sie strikt getrennt von anderen abgeschirmt arbeiten und so unsere wertvolle Spargelernte retten. In normalen Zeiten ist das keine besonders erwähnenswerte Nachricht, hätte es nicht zwei Tage vorher eine andere Nachricht gegeben: „Deutschland lässt zunächst 50 minderjährige Flüchtlinge aus Griechenland einreisen!“ (Fokus). 

50 Kinder … keine zwei volle Grundschulklassen. Das wird gefeiert, als erster guter Schritt, da mehr Kinder zur Zeit nicht reisefähig wären … von geschätzt 14 Tausend Kindern, die sich in den griechischen Lagern aufhalten. Es würde mich interessieren, wer die Reisefähigkeit dieser Kinder geprüft hat. Ganz besonders in dieser Pandemiezeit, in der die geflüchteten Menschen in den griechischen Lagern ganz gewiss nicht an erster Stelle medizinischer Versorgung stehen.

Als ich die Nachricht hörte, war ich fassungslos … 50 Kinder. Seit Wochen und Monaten wird diskutiert die Menschen aus den griechischen Lagern zu holen. Kompromisse werden gesucht. Die Zahl von 1000 bis 1500 Kinder, die Deutschland aufnehmen könnte steht im Raum. Sehr viele Deutsche Städte bieten sich an, Kinder und Geflüchtete aufzunehmen. Und die europäische Lösung heißt: 50 Kinder für Deutschland und 12 für Luxemburg. Ich bin immer noch fassungslos!

Deutschland hat 83,1 Millionen Einwohner. Das bedeutet auf 1,66 Millionen Deutsche kommt ein Kind. Ist das die Zahl der fremdländischen Unterwanderung, die so viele ängstliche Bürger fürchten? Ein Bekannter sagt zu mir, dass die Pandemiezeit die schlechteste Zeit wäre, um Kinder aufzunehmen. Zumal man ja nicht wüsste, was nachzüglich kommt. Wir sind eins der medizinisch bestens gerüsteten Länder der Welt. Die Sterblichkeitsrate bezüglich Corona ist bedenklich, aber vergleichsweise zu anderen Ländern niedrig. Zehntausende Erntehelfer schaffen wir zu organisieren, aber nicht mehr als 50 Kinder. Zudem leben diese Kinder schon länger in diesen Lagern. Ein Armutszeugnis für Europa, dass es diese Lager überhaupt noch gibt. Mein Mitleid gilt den Helfern, die festlegen müssen, welche 50 Kinder das Lager verlassen dürfen. Welche Kriterien müssen die Kinder erfüllen, die 13.950 andere Kinder nicht erfüllen?

Ja, es ist alles schwierig in dieser Zeit von Corona. Was aber an Zwischen- und Mitmenschlichkeit gefeiert wird, hört offensichtlich an Solidarität an der deutschen Grenze auf. Es ist eine politische Entscheidung und böse wer glaubt, dass die wenigen gewonnenen Prozentpunkte in der Wählergunst erhalten bleiben sollen. Unbequem, wer glaubt, dass die momentane Ruhe von Rechts gehalten werden soll. Also bitte kein Öl in das rechte Feuer gießen, dass unsere Menschlichkeit schon lange verbrennt.

Das Osterfest steht vor der Tür. Das höchste christliche Fest. In einem der reichsten Länder der Erde wird christliche Nächstenliebe gefeiert, die vor politischem Eigennutz und mehr als 50 Kindern halt macht. Schämen sollten wir uns alle … dass wir es zulassen, dass wir die Verantwortlichen gewähren lassen, nicht laut aufschreien, den Rechten den Raum schaffen, dass so etwas hier passieren kann. Ich fasse es immer noch nicht.

Den Osterbraten essen wir mit frischem Spargel. Lassen wir es uns schmecken. 13.950 Kinder haben nicht mal die Aussicht auf genügend Nahrung. 50 vielleicht … mehr geht nicht … zum Heulen!

Pfleger Georg


Es gibt Erfahrungen im Leben, die man nicht gerne macht und doch dankbar sein darf, dass man sie machen kann. So ist es mir passiert. Ich merkte, dass ich immer schlechter laufen konnte, auch Probleme mit dem Rücken waren zur Gewohnheit geworden. Frau wird halt älter. Würde mich ein Auto anfahren wollen, realisierte ich irgendwann auf einer Kreuzung, könnte ich nicht mal mehr weglaufen. So ging ich in ärztliche Behandlung und die Diagnose war alles andere als schön. Ein quer stehender Wirbel drückte die Nervenbahn im Rücken ab, weshalb die Beine nicht mehr wollten. Spinalkanalstenose nennt sich das im Fachjargon und die einzig erfolgversprechende Abhilfe bedeutet eine Operation an der Wirbelsäule. 

Auf jede Operation verzichte ich gerne. Diese Erfahrung brauche ich nicht, aber es gab keine Alternative. Die Nervenbahn hätte irgendwann versagt und damit die Beine. Ich war doch dankbar, etwas zu haben, was man beheben kann, wenn auch der Weg dahin mehr als unbequem erschien. Der OP-Termin war schnell gefunden, und bis dahin musste meine Umgebung viel Verständnis aufbringen, weil ich nichts anderes mehr im Sinn hatte. Google hat nicht gestreikt, wenn ich allerlei zusammenhängende Stichwörter recherchierte. Es half nichts – da musste ich durch. Gut vorbereitet und tapfer ging ich am Vortag ins Krankenhaus, erledigte alle erforderlichen Vorgespräche und Untersuchungen, lernte meine Bettnachbarin kennen, die die gleiche OP an diesem Tag hinter sich gebracht hatte und verbrachte irgendwie die Stunden bis zum frühen Abend … verstohlen beobachtend, wie sich die Nachbarin fühlt.

Gegen 17 Uhr klopfte es kurz an der Tür und ein junger Mann kam herein. „Pfleger Georg,“ stellte er sich vor, mit einem fröhlichen „Grüß Gott!“. Er erklärte uns, dass er der Pfleger für die Spätschicht sei, zuständig für die nächsten Stunden und fragte, wie es uns geht. Meine einzige Frage war, ob er schon sagen könne, um wie viel Uhr ich am nächsten Tag mit der OP an der Reihe sei. Vom Arzt wusste ich, dass zwei bis drei solche Operationen am Tag in diesem Krankenhaus gemacht werden. Pfleger Georg wollte nachsehen und mir Bescheid geben. Wieder warten im ruhigen Zimmer. Die Nachbarin, Oma Bach, frisch operiert, war nicht sehr gesprächsselig und ich fand heraus, ohne Hörgeräte noch tauber als ich. Später kamen eine Schwester und Pfleger Georg zur abendlichen Runde vorbei. Blutdruck messen, Puls, Tabletten verteilen und noch ein paar Kleinigkeiten. Und die OP-Zeit? 16.39 Uhr, antwortete Pfleger Georg.

Große Freude … 16.39 Uhr … ich sollte einen ganzen Tag wie auf heißen Kohlen warten … na klasse. Trotzdem schlief ich die Nacht recht gut. Oma Bach lang ruhig und leise, wofür ich sehr dankbar war. Am nächsten Morgen kam wieder die gleich Routine – Blutdruck messen, Puls, Tabletten verteilen und noch ein paar Kleinigkeiten mehr. Kurze Zeit später kamen die netten Schwestern, die das Frühstück verteilten. Frühstück für Frau Schmidt? Nein, die muss nüchtern bleiben. Ich mochte nicht glauben, bis nachmittags Hunger schieben zu müssen. Wenigstens eine Tasse Kaffee wollte ich aushandeln, aber auch die bekam ich nicht. Doch nicht so nette Schwestern. Ich saß doch sehr stinkig auf meinem Bett und stellte mich auf einen langen Tag mit Warten ein. Kein 10 Minuten später klopfte es an der Tür. Die nächste Schwester kam herein. Ob ich Frau Schmidt sein? Ja! Gut, es geht los. Etwas verwirrt schrieb ich schnell meiner Familie „Es geht los!“ ins Handy. Sie sollten doch wissen, was mir gerade jetzt passierte, nicht erst um 16,39 Uhr. Nicht, dass mich jemand vermisst. Auf dem Weg in den Anesthesie-Raum des Operationstraktes wurde ich viermal gefragt, wie ich heiße, wann und wo ich geboren bin, was ich arbeite und was operiert wird. Denn Sinn dahinter sollte ich erst später verstehen. Der Nachname Schmidt ist doch recht gefährlich in einem Krankenhaus. Mehr gibt es von der OP nicht zu erzählen – ich war irgendwo, jedenfalls nicht bei Bewusstsein.

Ich kann mich noch bruchstückhaft an den Aufwachraum erinnern. Der nächste klare Moment kam irgendwann im Laufe des Tages, den ich viel mit Schlafen verbrachte. Das Liegen war nicht so ganz gemütlich, aber es war erträglich. Oma Bach fragte von der linken Seite, wie es mir ginge. Nun waren wir beide ans Bett gefesselt und konnten auf bettebene Erfahrungen austauschen – mit Hörgeräten im Ohr. Um 17 Uhr kam wieder das gleiche Klopfen wie am Vortag und Pfleger Georg kündigte fröhlich seine Schicht an. So ging es nach der OP in die Krankenhaus-Routine über. Nach immer gleichem Muster Morgen-Untersuchung, Frühstück, Arztbesuch, Mittagessen, Kaffeetrinken, Abenduntersuchung, Abendessen, Nachtruhe. Über die Tage ging es Oma Bach und mir immer besser. Wir mussten das Bett verlassen, lernten, wie man sich mit so einem malträtierten Wirbel bewegt und versuchten das beste daraus zu machen. Dabei stellten wir fest, dass wir uns sehr gut verstanden. Oma Bach war eine sehr optimistische, nette Frau, ruhig, angenehm, sehr kultiviert und gut belesen. Wir mochten uns.

Knapp 14 Tage später kam der Abschied. Oma Bach wurde in die Reha in ein anderes Krankenhaus verlegt. Ich selber durfte nicht nach Hause, weil die Blutwerte nicht in Ordnung waren. Irgendwie war mir die ganze Zeit klar, dass ich so eine nette Nachbarin nicht mehr bekommen würde. Nach ein paar Tränchen meines Schicksals und der blöden Blutwerte wegen, stellte ich mich auf ein weiteres Wochenende im Krankenhaus ein. Oma Bach verabschiedete sich. Keine Stunde später hatte ich eine neue Nachbarin.

Schon allein dem neuen Bett sah man an, dass da ein schwierigerer Patient das Zimmer bezogen hatte. Viele Ständer und Schläuche säumten das Bett. Viele Ärzte, Schwestern und Pfleger kümmerten sich. Schnell war klar, dass die neue Bettnachbarin von der Intensivstation kam. Aus den Gesprächen erfuhr ich, dass sie der armen Frau nicht, wie bei mir, einen Wirbel fixiert hatten. Ihr hatten sie gleich mehrere Wirbel mit Schrauben verziert. Sie tat mir unheimlich leid!

Aber – Oma Kippling war wach und das sollte das größte Leid aller Schwestern und Pfleger – und mir – in den nächsten Tagen werden. Kaum eine halbe Stunde im Zimmer, klingelte Oma Kippling und bat, umgebettet zu werden. Sie wollte gerne auf der Seite liegen. Pfleger Georg erklärte ihr geduldig, wie sie das nun gemeinsam bewerkstelligen würden und legte sie routiniert auf die Seite. Alles gut. Er ging wieder, um keine 5 Minuten später wieder im Zimmer zu stehen. Oma Kippling hatte geklingelt und bat, dass ihr die Füße zugedeckt werden. Pfleger Georg ging wieder um nach kürzester Zeit und Klingeln zurückzukehren. Nun wollte sie doch noch etwas trinken und wieder auf den Rücken gelegt werden. Auf der Seite war ihr das nichts. So ging es gefühlt jede viertel Stunde weiter. Pfleger Georg kam und ging. Als es an den abendlichen Rundgang ging, stand Pfleger Georg geduldig am Bett und erklärte Oma Kippling, dass sie in den nächsten 30 Minuten nicht klingeln dürfe. Er müsse den Rundgang machen. Auf der Intensivstation sei eine Pflegekraft für 3 Patienten da, hier auf der Station hätte eine Pflegekraft 15 Patienten. Oma Kippling verstand und versprach Geduld zu haben. Pfleger Georg ging.

Ein paar Minuten Ruhe, dann rumpelte es im Nachbarbett. Irgendetwas fiel vom Nachttisch runter. Oma Kippling gab mir die klare Anweisung zu klingeln. Sie dürfe ja nicht. Ich erklärte ihr, dass die Pflegschaft doch gerade die Abendrunde mache und wir auch bald an der Reihe seien. Ach ja, hatte sie vergessen, aber sie klingelte doch wieder, um dem noch geduldigen Pfleger zu erklären, dass ihr etwas runter gefallen sei. „Nun aber – nicht mehr klingeln,“ verabschiedete er sich.

So ging es gefühlt den ganzen Freitag, Samstag und Sonntag weiter, wobei Oma Kippling auch die Nächte gut füllen und die Belegschaft in Bewegung halten konnte. Als ich einmal etwas genervt im Flur sitzend Ruhe suchte, leuchtete die rote Lampe unseres Zimmers besonders oft. Nach ein paar Mal, setzte sich die gescheuchte Schwester auf den Stuhl neben mich und klagte ihr Leid. Kein Wort über die Oma, doch allgemein, dass es hier manchmal nicht zu schaffen ist. Es brauchte nicht viel Einfühlungsvermögen, das zu erkennen. Mehr als alles andere sehnte ich den Montag herbei. Ich war geneigt, mich selbst zu entlassen, was dann zum Glück nicht notwendig war. Die Blutwerte waren gut und die Tochter konnte mich nach Hause holen. Wie es mit Oma Kippling weiter ging, kann ich natürlich nicht sagen. Ja, auch nach drei Tagen tat sie mir noch leid, aber es war gut, dass sich die Wege trennten – nett ausgedrückt. Mein Kontingent an Geduld mit der Bettnachbarin war erschöpft.

Unabhängig der Freude nach Hause zu können, war es mir ein Bedürfnis Pfleger Georg am letzten Abend zu sagen, wie sehr ich seine Arbeit und die der KollegInnen bewundere. Wir kamen auf den Beruf Pfleger zu sprechen und er beklagte etwas, dass Leute im Privaten immer glauben, er würde nur Patienten waschen und Bettpfannen verteilen. Dabei tut er weit mehr.

Pfleger Georg und alle seine KollegInnen und Kollegen gehören zu dem Heer von Menschen, die in so einem Krankenhaus einen enormen Dienst leisten. Pfleger und Schwestern unterstützen die Patienten und pflegebedürftige Menschen. Dabei bewegen sie sich immer innerhalb der Gratwanderung, den Patienten zu unterstützen und ihm doch ein höchstmögliches Maß an Selbstbestimmung und eigenem Handeln zu lassen. Sie stellen die Hygiene und Ernährung während des Krankenaufenthalts sicher. Sie überwachen die Genesung, dokumentieren den Verlauf, organisieren Therapien und medikamentöse Unterstützung. Dabei haben sie immer den Patienten im Blick, der oder die ein höchstmögliches Maß an Freundlichkeit und Wertschätzung erwarten darf und bekommt.

Auch Oma Kippling … zweifelsohne eine sehr intensive und Zeit fordernde Patientin. Auch sie wurde immer wertschätzend und höflich behandelt und gepflegt. Ich habe die Pflegekräfte bewundert … alle!

Mein Wirbel heilt nun still vor sich hin. Ein Korsett (modern Orthese) hilft mir dabei. Ich bewundere jede Frau, die gerne ein Korsett trägt. Es sind viele Erfahrungen, die durch diese Geschichte zusammen kommen. Am prägendsten ist für mich allerdings die Erfahrung mit Pfleger Georg, der immer freundlich, nett und humorvoll war. Für den Beruf muss man viele Fähigkeiten mitbringen und ein hohes Maß an Engagement und Empathie aufbringen, ohne dabei selber zu zerbrechen. Sie müssen Menschen lieben, gleich ob es welche wie Oma Bach oder Oma Kippling sind, deren Namen im Übrigen geändert sind … ein bisschen was von beiden steckt wohl in jedem von uns drin. Oder? 😉

Redet drüber … Sucht!

Es ist fast wie eine alte Gewohnheit: Wenn ich in einer Zeitung oder in sozialen Netzwerken einen Artikel finde, der „Sucht“ zum Thema hat, muss ich ihn lesen. Ich lese diese Artikel immer sehr kritisch. Wenige schaffen es, mir neue Erkenntnisse aufzuzeigen, selten finde ich etwas, was mich fesselt und zu Ende lesen lässt. Kürzlich hat mich meine Schwester auf einen Bericht aufmerksam gemacht, der mich nicht nur sehr ansprach, sondern der sowohl meine Erfahrungen deckte, als auch einen anderen Weg im Umgang mit Sucht offenbarte. Die Headline des Beitrags im Business Insider Deutschland lautet: „Studie zeigt eine unbequeme Wahrheit über Sucht“. Der Beitrag beginnt mit dem Satz: „Das Wort Sucht – … – ist negativ konnotiert. Wir bezeichnen Sucht als eine Störung und Betroffenen wird von der Gesellschaft ein Problem zugesprochen.“

Die Gesellschaft jedoch ist, nach meiner Ansicht, ein großer Teil des Problems, wenn es bei uns um das Thema Sucht geht. Süchtige stehen außerhalb der Norm. Was nicht die Norm erfüllt, gehört geächtet. Die Form der Sucht spielt dabei keine Rolle. Sucht ist nicht gesellschaftsfähig. Wer süchtig ist, wird abschätzig betrachtet, möglichst totgeschwiegen, aus den eigenen Reihen verwiesen. Über Sucht wird nicht gesprochen, jedenfalls nicht öffentlich, weil es ja vermuten ließe, dass man selbst Betroffener ist, als Angehöriger oder Süchtiger. Betroffen sein bedeutet Schwäche, deutet auf ungelöste Probleme hin, falsche Erziehung und lässt Fehler in der Lebensführung oder im Miteinander vermuten. Zu gerne wird negiert, dass es einen selbst treffen könnte. Zu gerne vergessen, dass Sucht keinen sozialen Status kennt und zu gerne übersehen, dass Sucht überall in unserer Gesellschaft präsent ist.

Ich bin betroffen und damit auch meine Familie. Ich könnte auch sagen „Ich war betroffen“, aber auch dafür hat die Gesellschaft eine Form gefunden, die mich sozusagen lebenslang „ächtet“. Ich bin, wenn es nach der Gesellschaft geht, eine „trockene Alkoholikerin“. Ich verabscheue den Begriff, denn ich bin weder „trocken“, noch „Alkoholikerin“. Ich habe vor 20 Jahren geschafft, meinem Leben die entscheidende Wende zu geben und für mich beschlossen, das Alkohol keine Rolle mehr in meiner Lebensführung spielen wird. Den Entschluss fasste ich selber, den nötigen Rückhalt dafür gab mir meine Familie und mein Freundeskreis. Wer jetzt erwartet, dass ich hier von dem Grauen der Sucht und dem elendigen Weg daraus erzähle, braucht nicht weiterlesen. Das werde ich nicht tun, denn seither ist jeder Tag für mich besser gewesen als die Tage davor. Ich genieße mein Leben, ich lebe bewusst und bin die Summe dessen, was ich erlebt habe, wozu auch sehr düstere Tage gehören. Aber ich bin nicht bereit, ein lebenslanges Stigma zu tragen, nur weil unsere Gesellschaft Sucht nicht offen bespricht. Jeder anderen Krankheit wird mit Betroffenheit begegnet, aber Sucht nicht als Krankheit anerkannt, sondern als Makel empfunden.

Natürlich gab es Gründe für meine Sucht, trotz dessen, dass ich eine glückliche Kindheit und eine große Familie hatte und habe. Nur spielt es hier keine Rolle, welche Gründe dazu führten, die vielfältigster Art sein können. Ich kann nur versichern, dass es tatsächlich jeden treffen kann, sei man sich auch noch so sicher gefeit zu sein. Entscheidend, wenn man denn in die „Falle“ getappt ist, ist die eigene Erkenntnis und der Wille sich zu befreien. Das passiert im Kopf und so bezeichne ich es immer als „Kopfsache“. Die körperlichen Symptome bekommt man je nach Substanz recht schnell in den Griff. Viel schwieriger ist es, den eigenen Geist zu überzeugen, dass das Ende der Sucht als lebensrettender Entschluss zu sehen ist. Wir verlieren nichts, sondern können nur gewinnen!

Ich fasste meinen Entschluss vor 20 Jahren auf dem Weg in ein Krankenhaus. Im Zuge der anschließenden Therapie wurden Patienten verpflichtet die verschiedenen Gruppen kennenzulernen, die Alkoholsucht zum Thema hatten. So saß ich an einem Abend in einem recht dunklen Raum, in dem die Gruppenmitglieder um einen Tisch saßen. Es waren die Anonymen Alkoholiker, bei deren Begrüßungsritual jeder Teilnehmer sagt: „Ich heiße Soundso, bin seit … anonymer Alkoholiker …“ und fügt dann noch ein/zwei Sätze zur aktuellen Verfassung an.  Irgendwann war Ingrid an der Reihe und sagte: „Ich heiße Ingrid, ich bin seit 7 Jahren anonyme Alkoholikerin und ich leide seit 7 Jahren unter meiner Sucht!“ Das war aus meiner heutigen Sicht der Moment in meinem Leben, in dem ich Optimist wurde. Ich saß mit großen Augen dort, hörte die anderen kaum mehr und dachte für mich, dass ich mich nicht der ganzen Mühe unterwerfe meine Sucht zu besiegen um den Rest meines Lebens zu leiden. Ich wollte leben, bewusst und jeden kommenden Tag genießen.

Das gelang natürlich nicht sofort, aber es wurde immer besser. Meine Familie und Freunde mussten wieder Vertrauen in mich gewinnen. Ich musste die Ernsthaftigkeit zeigen, mein Leben zu stabilisieren. Ich wurde stärker, physisch, wie psychisch und gewann meine frühere Persönlichkeit nicht nur zurück, sondern gewann eine veränderte, selbstbewusstere hinzu. Etwa zwei Jahre nach der Therapie hatte ich hin und wieder noch das Gefühl, dass mir „Alkoholikerin“ auf der Stirn geschrieben steht. Doch irgendwann merkte ich, dass es außer mir selbst, niemanden mehr interessierte. Die Menschen um mich herum bewerteten mich nach dem, wie sie mich aktuell erlebten. Natürlich habe ich nicht jedem gleich erzählt, was ich erlebt hatte, aber hin und wieder ergab es sich doch aus Gesprächen. Niemals in den vergangenen Jahren erlebte ich dadurch Ablehnung. Immer Anerkennung und oft die gegenseitige Öffnung, dass mein Gegenüber ähnliche Erfahrungen gemacht hatte. Diese anderen waren immer starke, in sich ruhende Menschen, die ihr Leben im Griff hatten und genau wussten, was sie nicht mehr wollten. Es kann tatsächlich jeden treffen und wenn man aufmerksam zuhört, ist es erstaunlich, wie viele Menschen betroffen sind.

Wäre es nach der gesellschaftlichen Meinung gegangen, hätte ich damals „erst mal in der Gosse landen müssen“, hätte mein Umfeld verlassen müssen um, eine Chance zu haben, hätte mich später still und ohne Stressfaktoren bewegen müssen. „Einmal ‚Suchti‘, immer ‚Suchti‘“ ist die gängige Meinung. Hin und wieder hörte ich Gespräche mit Leuten, die diese Meinungen vertraten. Ich habe nichts dazu gesagt, sondern sie nur still für mich zu den Dummen stellt.

Ich habe nichts von dem getan, was in der Allgemeinheit für richtig gehalten wird, um einen Weg aus der Sucht zu finden. Ich habe mich nicht verkrochen, sondern den Weg in den Beruf wiedergefunden. Ich blieb in genau dem Umfeld, welches ich vorher hatte. Ich habe Alkohol nicht aus meinem Leben verbannt, sondern kann jedem Gast ein Glas Wein anbieten oder eingießen und gönne es ihm von Herzen. Ich habe keinen Psychologen konsultiert oder eine Gruppe besucht, die mich auf Jahre an eine schwache Lebensphase erinnert. Ich ging meinen – glücklichen – Weg.

Möglich wurde das, weil meine große Familie, meine Freunde und mein Ehemann im entscheidenden Moment erkannten, dass es mir ernst war. Auch vorher ließen sie mich nicht fallen, sondern zeigten mir ihre Grenzen auf, bekräftigten immer wieder die Möglichkeiten mir zu helfen, aber gaben mir trotz Abhängigkeit, das Gefühl nicht alleine zu sein. Mit meinem Mann habe ich zwei wunderbare Kinder aufgezogen. Natürlich interessierten die sich im gewissen Alter für Alkohol. So haben wir frühst möglich mit ihnen meine Problematik kommuniziert und sie ihre Erfahrungen mit Alkohol machen lassen. Einen heilsamen „Kater“ hatten beide, den die Mutter half auszukurieren.

Ich bin nicht stolz auf das, was ich erlebt habe, aber stolz darauf, was ich daraus gemacht habe. Es gehört zu mir und hat mein Wesen verändert. Ich wurde aufgefangen, bekam Grenzen aufgezeigt, bekam Halt und Zuneigung als ich sie am dringendsten brauchte. Ich habe gelernt Hilfe annehmen zu können. Das Wunderbare ist, dass ich heute in der Lage bin, das was ich bekam, weiterzugeben. Ich helfe, wem ich helfen kann, und sei es nur dadurch, dass ich eine positive Lebenseinstellung teile. Dabei ist mir vollkommen klar, dass ich ideale Bedingungen und die richtigen Menschen um mich hatte, um das zu schaffen. Nicht selten endet Sucht in hilfloser Ohnmacht und Tod.

Sucht ist kein Makel. Eine Krankheit allemal und eine Falle, in so vielfacher Form, dass man sich hüten sollte, sich sicher zu fühlen. Ich bin dankbar, dass ich ihr entkommen bin und Menschen hatte, die mich begleiteten, unglaubliche Kraft mobilisierten mich zu stützen, mit mir redeten, mir meine Chance gaben und bis heute bei mir sind. Es sind die Menschen, die praktiziert haben, was im letzten Satz des oben erwähnten Beitrags steht: „Anstatt Süchtige zu hassen und sie zu isolieren, sollten wir eine warmherzigere Gesellschaft aufbauen.
Wenn wir die Art und Weise anpassen, wie wir uns miteinander verbinden und Menschen helfen können, durch ihr normales Leben erfüllt zu werden, kann Sucht in Zukunft ein geringeres Problem werden.“

Redet drüber!