Ich weiß, wo der Schiri wohnt!

Foto: Maccabi Games 2015

Foto: Maccabi Games 2015

Wird man Mutter und Vater hat man in der Regel eine ungefähre Vorstellung davon, wie man seine Kinder erziehen will. Eigene Erfahrungen, Prinzipien und Vorstellungen spielen eine Rolle, aber es ist, wie gesagt, nur eine Vorstellung. Das Leben belehrt uns meist anders und viel hängt vom Charakter des Kindes ab – nicht jedes Kind kann gleich erzogen werden. In einem Punkt hatten mein Mann und ich jedoch einen festen Vorsatz: Wir wollten, dass unsere Kinder mit Sport groß werden und mit Sport die Pubertät überstehen. Danach würde es ihre eigene Sache sein, ob sie weiter Sport treiben oder nicht. Natürlich war uns klar, dass sie auch mit Sport jeden Blödsinn der Pubertät durchleben würden. In einem Punkt wären sie dennoch gewappnet: Sie wüssten was Verantwortung und Verlässlichkeit gegenüber einer Mannschaft bedeutet. Es wurde der Hockeysport. Mit fünf ½ Jahren kam die ältere Tochter, Fritzi, nach Hause und erklärte uns, dass sie von nun an Hockey spielen würde. Was diese Entscheidung für unser Familienleben bedeuten würde, war uns damals nicht klar. Hockey wurde nicht nur die Sportart beider Kinder, sondern nahm einen sehr großen Raum im Familienleben ein. Vor ein paar Tagen wurde das kleine Mädchen von damals als Hockey Bundesliga-Schiedsrichterin hoch gestuft. Eine wunderbare Leistung, ein harter Weg und viele Beteiligte, die sich heute mit der Tochter freuen können.

Es hat mit einem Zufall angefangen. Bei einem Hockeyturnier wurde mit den Mädchen und Knaben der Spielklasse A ein Schiedsrichter-Regeltest durchgeführt. Diejenigen, die den Test bestanden, bekamen eine Schiedsrichterpfeife geschenkt. Fritzi bestand den Test und ihr damaliger Betreuer der Mannschaft, Christian Kober, fand heraus, dass ihr das Pfeifen durchaus liegt. Er setzte sie immer wieder bei Punktspielen ein. Bei einem dieser Spiele wurde sie von Heiner Lohmann angesprochen, ob sie nicht Lust hätte BVH (Berliner Hockey Verband) Schiedsrichterin zu werden. Sie hätte Talent dafür und um am in Kürze stattfindenden Lehrgang teilnehmen zu können, würde er mit Michael Niggeloh sprechen. Sie nahm teil, bestand den Lehrgang in der Theorie. Die praktische Ausbildung im Rahmen eines Turniers in der Sporthalle am Steinplatz ließ Fritzi das erste Mal auf Petra Goerke treffen, die dann ihre langjährige Mentorin wurde und sie in den Mädchenförderkreis aufnahm.

Fritzi bekam ihre ersten Trikots als BHV Schiedsrichterin. Das bedeutete für die Familie jede Woche am Wochenende neue Sporthallen in Berlin kennenzulernen. Dies nicht nur bei den Spielen, die beide Töchter als Sportlerinnen mitmachten, sondern nun auch bei den Hockeyspielen, in denen die Schiedsrichterin gefordert war. Zwei Mannschaften, zwei Hockeyspielerinnen, eine Schiedsrichterin, ein Auto – logistisch war es manchmal nicht einfach. Aber – die Töchter hatten Spaß am Spiel, Fritzi an der Schiedsrichterei und wir Eltern die Möglichkeit unseren Vorsatz durchzuhalten. Hockey wurde das zentrale Familienthema.

Fritzi wurde im weiteren Verlauf für das Turnier „Jugend trainiert für Olympia“ oder die Endrundenspiele um die Berliner Meisterschaft angefragt. Damit kam sie in das Blickfeld zwei weiterer Namen, Rene Pleißner (Mitglied SRA – Schiedsrichter und Regelausschuss) und Malik Schulze (Schiedsrichterobmann des Berliner Hockey-Verbandes). Ab dem Jahr 2011 gehörte sie zum festen Schiedsrichterkader bei den Endrunden in Berlin. 2012 wurde sie vom Berliner Schiedsrichterausschuss für die Teilnahme am Länderpokal (Berlin/Rhein-Pfalz Pokal) nominiert, womit sie in den Nachwuchsbereich des DHB (Deutscher Hockey Bund) aufgenommen wurde, der durch Gabi Schmitz, Vorsitzende des Jugend-Schiedsrichterausschusses des DHB, geleitet wird.

Es folgten zwei Jahre mit persönlichen Höhepunkten: 2013 die ersten Jugendländerspiele und der ersten Endrunde der Deutsche Meisterschaft, 2014 zwei Länderspiele in den Niederlanden, die Teilnahme am Fünf Nationenturnier in England sowie die Nominierungen zu verschiedenen Endrunden. 2015 bekam sie den dritten Satz der Schiedesrichter-Ausrüstung, den der Regionalliga. In diesem Bereich wurde sie von Dirk Möller, 2. Stellvertreter SRA, unterstützt. Auch Michelle Meister, Jerrit Trebesius, Andreas Wille oder Lothar Kubig und andere haben diesen Weg begleitet. Am 28. Oktober bekam sie die offizielle Nachricht, dass sie für die 2. Bundesliga Damen (Feld) und Bundesliga Damen (Halle) hoch gestuft wurde.

Mit 13 Jahren hat Fritzi ihr erstes Spiel gepfiffen, mit 21 Jahren beginnt sie in der Bundesliga. Dazwischen liegen Jahre, die manchmal nicht so leicht waren, wie es sich hier vielleicht liest. Schiedsrichter müssen viel aushalten, blitzschnelle Entscheidungen treffen, körperlich fit sein, durchsetzungsfähig Spiele lenken, ohne den Spielfluss kaputt zu pfeifen. Sie müssen immer auf dem aktuellsten Stand der Regeln sein und trotz manchmal harter Kommentare von Trainern und Zuschauern gelassen bleiben. Ich habe oft gestaunt, wie meine Tochter so manche Bemerkung ignoriert, Rückschläge wegsteckt, scharfe Kritik verarbeitet, Nichtnominierungen hinnimmt und auf die nächste Chance wartet. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass die Jugendlichen, die sich dem Schiedsrichterwesen widmen, begleitet sind. Sie lernen zeitlich angemessen, werden beobachtet, geschult, beraten und in eine Richtung gelenkt, die ein breites Kreuz mit der Pfeife in der Hand möglich machen. Fritzi war nie allein, sondern konnte auf Unterstützung zählen – wurde gefördert und gefordert.

Letztlich darf man den Vater der jungen Dame dabei nicht außer Acht lassen. Er hat sie durch ganz Berlin gefahren, ihr immer den Rücken gestärkt, ihre Spiele beobachtet und mit ihr durchgesprochen. Hockey war und ist wohl das häufigste Thema an unserem Esstisch und wir haben oft andere familiäre Dinge hinten angestellt. Die Pubertät beider Töchter ist lange vorbei – das Hockeyspiel ist geblieben. Als die Hochstufung zur Bundesliga-Schiedsrichterin offiziell wurde, fragte Fritzi, ob wir stolz seinen. Ich habe geantwortet: Wenn du Mutter oder Vater bist und dein Kind einen Meilenstein schafft, ist es immer etwas Besonderes und ein Geschenk. Danke dem Kind für das Geschenk und den Wegbegleitern für die Unterstützung.

Und warum ich das jetzt so ausführlich und öffentlich schreibe? Ersten ist Hockey ein wunderbarer Sport. Zweitens sollte Hockey eine weitaus höhere Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit – auch im Fernsehen – bekommen. Drittens fehlt es immer an Schiedsrichtern: Eltern – wenn ihr selbstbewusste Kinder wollt – schenkt euren Kindern eine Pfeife … und fördert sie! 😉

„Nur“ ein gelbes Bobbycar

annaschmidt-berlin.com_bobbycar

Es hat eigentlich ganz einfach angefangen: Eine Kollegin fragte in einer Besprechungsrunde, ob irgendwer noch ein ungenutztes Bobbycar im Keller hätte. Sie hätte in ihrer Einrichtung viele Mütter mit kleinen Kindern, denen solch ein Spielzeug nicht zur Verfügung stehen würde und sie es sich auch gar nicht leisten könnten. In dieser Runde konnte jedoch keiner dem Wunsch entsprechen. Ein paar Tage später fragte die Kollegin über ein vereinsinternes Netzwerk aber noch einmal nach. Der Wunsch danach war offensichtlich groß. Also gab’s eine kleine Anfrage in einem großen Netzwerk (das mit F) und innerhalb weniger Stunden meldeten sich zwei Freundinnen und drei Gefährte wurden zur Abholung versprochen.

Ein paar Tage später drehte ich nach der Arbeit eine Runde mit dem Auto und holte das erste Bobbycar ab. Quitschgelb und im einwandfreien Zustand. Die Spenderin sagte nur: „Was gibt es schöneres als ein Kinderlachen und wenn sich darüber noch ein Kind freut, wäre ihr das Dank genug.“ Dann brachte ich das kleine Auto in die Einrichtung. Als ich dort ankam, waren eine ganze Gruppe Mütter dort und auch genau das kleine Mädchen, für das dieses Auto gedacht war. Die Kollegin freute sich unheimlich als sie das Auto sah, zeigte es den Müttern und die Schwester des Mädchens setzte sie auf das Bobbycar. Anfängliche Skepsis zeichnete sich im Gesicht des Kindes ab, wandelte sich ganz schnell in die Erkenntnis, dass es sicher und gemütlich sitzen konnte und in Windeseile hatte das Kind verstanden, wie das Auto zu bewegen war. Das Lachen und die Freude des Kindes und der Erwachsenen war meinen Weg wert. Zufrieden und mit einem Lächeln ging ich wieder zum Auto und fuhr nach Hause.

Es hat mich aber noch eine Weile beschäftigt. Es war so einfach hier eine Freude zu machen und bei mir ein gutes Gefühl zu hinterlassen. Warum machen wir so etwas eigentlich nicht öfters? Wie viele Spielzeuge liegen ungenutzt in Kellern oder sind in irgendwelchen Ablagen in Kartons verstaut? Und warum? Aus Bequemlichkeit, damit sie erst einmal aus dem Weg sind? Aus Nostalgie-Gründen, weil die eigenen Kinder damit ja gespielt hatten. Oder weil vielleicht, eventuell, gegebenenfalls … noch die potentiellen Enkelkinder damit spielen könnten. Oder weil man einfach nicht weiß, wo man es abgeben könnte und es zum Wegschmeißen ja doch zu schade ist.

Wir haben zuhause so gut wie alle Spielzeuge abgegeben. Zum einen, weil die Kinder groß sind und wir einfach keinen Platz haben das alles aufzuheben. Zum anderen, weil ich eh aus einer Familie komme, die Dinge immer dort zur Verfügung stellt, wo sie besser gebraucht werden können. Entsprechend dem Alter der Kinder wurde immer getauscht, verteilt und verschenkt. Das lernt man einfach in großen Familien so. Aber eine große Familie hat nicht jeder und auch nicht das Geld, ständig neues Spielzeug zu kaufen.

Wenn man im Moment durch die Supermärkte läuft, weiß man schon automatisch, was in ein paar Wochen wieder los ist. Die Weihnachtssüßigkeiten stehen seit September in den Regalen, gleich neben den Halloween-Sachen – es lebe der Konsum. Der Handel macht uns freundlicherweise darauf aufmerksam, was wir kaufen sollen und wo unsere Bedürfnisse sind. Das finde ich persönlich übel – Altweibersommer will in meinem Kopf einfach nicht zu Lebkuchen und Spekulatius passen. Aber ich will nicht undankbar sein und freue mich über die rechtzeitige Erinnerung Weihnachtsgeschenke zu besorgen. Klappt nur nie und die Geschenke in letzter Minute stehen bei mir jährlich hoch im Kurs. Gut, darum geht’s mir hier nicht. Der Gedanke Weihnachtsgeschenke besorgen zu müssen, verursacht vielen Eltern schlaflose Nächte. Denn auch wenn sie es gerne täten, können sie es nicht, weil das Geld dafür fehlt. Und so mancher Wunsch, den sie gerne erfüllen würden, muss sich in einem Nichts oder einer halbherzigen Alternative auflösen. Das kennt wohl jeder, der Kinder hat – Millionäre sind eher die wenigsten von uns. Glücklich sei derjenige, der es einigermaßen gut hinbekommt und die Kinder glücklich machen kann, ohne das Dispo in eine schwere Krise zu stürzen.

Und mit den Weihnachtssüßigkeiten kommen auch bald die Spendenaktionen, die für gute Zwecke sammeln und werben, was das Zeug hält. Im Fernsehen, im Radio, mit der Post … Möglichkeiten und Angebote gibt es unzählige. Man kann überall spenden und sich selber ein gutes Gefühl vermitteln. Ich habe schon oft gehört, dass mir Leute sagten, sie spenden jedes Jahr an die gleiche Organisation. Dann hätten sie etwas getan, könnten bei den anderen absagen „Ich habe ja schon …“ und das gute Gewissen ist für ein Jahr ruhig. Es ist richtig und wichtig, dass gespendet und geholfen wird, ganz ohne Zweifel. Was ich schade dabei finde ist, dass man eben im Fernsehen, im Radio und in der Post nur die großen Organisationen findet, die sich den Werbeaufwand leisten können. Die kleinen Projekte, Vereine und Einrichtungen können das nicht, weder personell noch finanziell.

Wenn ich mich – unabhängig davon, dass ich für einen sozialen Träger arbeite – in meinem unmittelbaren Wohnumfeld umsehe, fallen mir sofort mehrere Möglichkeiten ein, wo man helfen kann. Nur ist das nicht ganz so bequem, wie ein Überweisungsformular auszufüllen. Man muss einmal hingehen und fragen, was gebraucht wird – schauen, ob man’s verwirklichen kann und noch einmal hingehen um es zu bringen. Ich bin mir sehr sicher, dass so gut wie jeder in seiner Nähe eine Möglichkeit findet, bei kleinen Einrichtungen zu helfen und zu spenden. Es müssen nicht die großen sein. Die kleinen Sachen, gleich um die Ecke, brauchen es meistens viel mehr als große Organisationen, nur muss ich dann auf eine glamouröse Fernsehgala verzichten. Gewinnen tue ich dabei allerdings den Dank der Menschen, die versuchen mit ihrer Arbeit mein Umfeld ein bisschen besser zu machen. Vielleicht den Dank einer Mutter, die sonst kein Geschenk fürs Kind hätte. Sicherlich den Dank der Menschen, deren Arbeit mit ihrer Spende unterstützt wird.

Der Blick in den eigenen Keller lohnt sich sicherlich einmal. Vielleicht finden man ja Sachen, die woanders besser aufgehoben wären und anderen Freude machen. Nicht verkehrt ist es in jedem Fall, sich jetzt schon Gedanken zu machen, ob man in der Weihnachtszeit helfen kann und wie man es machen möchte. Ob es wirklich die großen Spendenaktionen sein müssen oder ob sich nicht ganz in der Nähe etwas anbietet, was die ganze Aufmerksamkeit wert wäre.

Ich werde in den nächsten Tagen noch die beiden anderen Autos abholen und an den versprochenen Platz bringen. Und dann mache ich mir meine Gedanken, wo ich selber einen sinnvollen und guten Beitrag in der Weihnachtszeit leisten kann. Oder noch besser – wo ich auch zwischendurch mal, zum Beispiel bei der Vermittlung eines Bobbycars, helfen kann.

Ich bedanke mich herzlich bei Feza Guschke und Dorothée Wiese für die Bobbycars und den Trecker
– damit habt ihr den Kindern im „kieztreff“ eine große Freude gemacht!