Angekommen

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Im Rheinland hatte ich eine Freundin mit der ich mich über unseren damaligen Wohnort unterhielt. Ich lebte mit meiner Familie für unsere Verhältnisse schon lange in dem kleinen Ort am Rhein. Diese Freundin erzählte mir damals, dass sie in diesem Ort aufgewachsen ist, ihre Eltern dort geboren und aufgewachsen sind und auch die Großeltern das gleiche erlebt hatten. Alle hatten im gleichen Haus gewohnt, entsprechend der Generation in der unteren oder oberen Etage. Sie erzählte auch, dass sie sich nichts anderes vorstellen könnte als dort zu wohnen, nicht mal im Nachbarort. Dieses Gespräch hat mich damals unwahrscheinlich beeindruckt, so dass ich es nie vergessen habe. Immer am gleichen Ort zu leben war für mich damals mit einem Gefühl zwischen Hochachtung und Mitleid belegt. In jedem Fall war es für mich suspekt, was das für eine Sorte Mensch sein konnte, die sich mit einem Ort in der Welt zufrieden gab.

Ich hatte es anders erlebt. Zu meiner Kindheit und Jugend gehörten Umzüge. Der Vater war bei der Bundeswehr und die Familie gewöhnt dort zu leben, wo er eingesetzt wurde. Zuhause war dort, wo die Eltern lebten. Alles andere war austauschbar und zu ersetzen. Uns war sehr bewusst, dass wir viel gesehen und erlebt hatten und wirklich viele Menschen kannten. Oft Bundeswehrangehörige, denen es genauso ging wie uns. Der Satz „Nette Menschen gibt es überall, es kommt nur darauf an, wie man selber auf sie zugeht!“ prägte uns von Kindheit an. Was wir nicht hatten, waren Jugendfreunde, aber das wurde uns erst später bewusst. Nach dem Gespräch mit der Freundin kamen noch viele weitere Umzüge dazu. Wegen der Ausbildung, wegen verschiedener Arbeitsstellen, wegen der Liebe und der letzte Umzug mit der Liebe, sprich dem Ehemann, gemeinsam. Die Republik hatte ich von unten nach oben durch, auch das Ausland war dabei. Der letzte Umzug ging in die große Stadt. Wir waren in Berlin gelandet.

Nun ein Zeitsprung von 20 Jahren: Wir leben immer noch am gleichen Ort und im gleichen Haus. Für mich etwas ganz Besonderes. Wenn mich früher jemand fragte, woher ich komme, sagte ich mit einem Grinsen, ich sei Kosmopolit. Heute weiß ich nicht mehr genau, was ich bei der Frage antworten soll. Ich empfinde mich nicht als Berlinerin, aber ich fühle mich Zuhause. Das liegt nicht an Berlin, das hängt mit meinem kleinen Bezirk zusammen. Manche sagen mein „Kiez“, und auch wenn ich das Wort nicht mag, so drückt es doch aus, was mich verbindet. Es ist ein sehr vertrautes, inniges Gefühl für das unmittelbare Umfeld. Ich kenne mich hier aus, kann wie im Schlaf meine Wege gehen. Ich weiß, wohin ich mich wenden muss um bestimmte Dinge zu erreichen. Es gelingt fast nicht mehr einen Einkauf oder Hundespaziergang zu Ende zu bringen, ohne gegrüßt zu haben oder eine kleine Unterhaltung mitzunehmen.

Berlin kann so dörflich sein. Ich habe oft zu den Kindern gesagt, dass sie sich gut überlegen sollten, mit wem sie sich verzanken. Wir haben mehrfach erlebt, dass wir zu Wegbegleitern den Kontakt verloren und sie in vollkommen anderen Zusammenhängen wiedergetroffen haben. Wenn ich mit den Kindern durch die Straßen gehen, ist eine häufige Frage „Woher kennst du den denn?“. Die Kinder sind echte Berlinerinnen. Hier geboren, aufgewachsen, verwurzelt und heimisch. Sie kennen nichts anderes und bei Diskussionen um Auslandsjahr oder Ausbildung an fremden Orten, staune ich über die hartnäckige Weigerung einer Tochter, woanders hinzugehen. Wir erleben immer öfter bei Menschen, dass sie jemanden kennen, den wir kennen und Querverbindungen entstehen. Bei einem Hundespaziergang kam ich mit einer Frau ins Gespräch, die ich seit zwei Jahren vom sehen kannte und grüßte. Bei dem Gespräch kam heraus, dass sie eine Freundin hat, die wiederum Freundin einer meiner Freundinnen ist, mit deren Kinder unsere Kinder befreundet sind. Verstanden? Nicht wichtig. Jedenfalls kannte ich den Namen der Frau viele Jahre bevor ich die Frau selber kennenlernte.

Was ich an unserem kleinen Bezirk besonders schätze und liebe ist, dass ich gar nicht mehr umziehen muss um nette und neue Menschen zu finden. Die Auswahl ist riesig, abwechslungsreich, spannend und multikulturell. Es kommt eben wirklich auf uns selber an, wie wir uns dem Umfeld öffnen und neue Menschen in unser Leben lassen. Hier sind wir ein Teil des Umfeldes geworden und genießen sehr, dass wir „alte Hasen“ geworden sind. Zu „alten Hasen“ gehören auch alte Freundschaften, etwas dass es in meiner Jugend nicht gab. Freunde und Bekannte geben uns Sicherheit, Abwechslung und schenken uns viele schöne Gemeinsamkeiten und Momente im Jetzt. Wir haben Wegbegleiter mit denen wir Erinnerungen aus 20 Jahren teilen können und gemeinsam älter werden. Wir können bei manchen Entwicklungen mitreden, weil wir sie durch die Jahre begleitet haben. Wir haben gesehen, wie die Kinder von Nachbarn von den Windeln bis zum Abitur groß wurden. Wissen, wer in den benachbarten Häusern wohnt und genießen eine freundschaftliche, unaufdringliche Nachbarschaft. Es ist Geborgenheit, die uns hier begegnet, ohne das Gefühl zu bekommen gebunden oder kontrolliert zu sein.

Heute sind mir Menschen, die immer an einem Ort leben nicht mehr suspekt. Mein Gefühl ihnen gegenüber ist Verständnis und fast ein bisschen Neid. Dennoch bin ich froh, dass ich beide Seiten kenne und das prickelte Gefühl erlebt habe, eine neue Stadt zu entdecken und kennenzulernen. Aber ich vermisse das Gefühl nicht mehr, etwas entdecken zu müssen. Ich lebe hier in einer Stadt, die mir jeden Tag die Möglichkeit bietet neues zu entdecken und mich dennoch in den vertrauten Bezirk zurückzuziehen kann. In der jeder nach Vorliebe seinen Platz und Akzeptanz finden kann. In einer Stadt, in der ich die Straßennamen kenne. Die spannend ist, Möglichkeiten bietet mitzumachen und sich einzumischen. Es ist eine Stadt, die beides hat – Großstadtflair einerseits, Parks und ruhige grüne Plätze andererseits. Sie ist laut und leise, Weltstadt und doch dörflich, offen und problembeladen, modern und alt zugleich.

Wir streben nicht an, mit der dritten Generation gemeinsam in einem Haus zu leben. Wohin es die Kinder einmal zieht, wird die Zeit zeigen. Wir haben unsere Entscheidung getroffen. Wir werden hier bleiben. Nicht mehr umziehen. Werden noch mehr in diesen Bezirk eintauchen und Teil davon werden. Ich habe immer noch das Gefühl in jeder anderen Stadt leben zu können, aber ich will nicht mehr, denn dieser Platz ist eben nicht austauschbar und zu ersetzen. Er ist einzigartig, vertraut und gehört zu unserer kleinen, meist heilen Welt. Wir sind genau in diesem Monat im 20. Jahr angekommen.

12 Kommentare zu “Angekommen

  1. […] nachdenklicher Blogbeitrag von annaschmidt-berlin.com hat mich dazu inspiriert, auch etwas zum Thema Wohnort zu schreiben. Da […]

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  2. Du schreibst das für mich sooo nachvollziehbar. Ich habe 20 Jahre am gleichen Ort gelebt, dann bin ich sehr oft umgezogen und nun lebe ich seit fast 10 Jahren wieder an einem Ort (allerdings 400 km weiter südlich als früher). Wenn ich meine Mutter besuche kann ich mir nicht vorstellen, immer noch dort zu leben, meine Kinder in die gleiche Schule zu schicken, in die ich ging usw. Auch bei mir halten sich ein winziges Fünkchen Neid und Mitleid auf diejenigen, die das so haben, die Waage.
    Obwohl wir hier total zufrieden sind tagträume ich doch ab und zu vor mich hin, wie es wäre einfach mal wieder woanders hinzuziehen. 🙂
    LG Schnipseltippse

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  3. Christiane sagt:

    Obwohl ich Urberlinerin bin und mein ganzes Leben hier verbracht habe, fühle ich mich nicht als Berlinerin. Wollte auch zwischenzeitlich woanders leben, hat sich aber nicht ergeben. So geht es mir denn ähnlich wie im Text beschrieben, ich bin in meinem „Kiez“ – der dem Foto nach zu urteilen, der gleiche zu sein scheint – zu Hause und möchte die Kontakte zu den ‚Nachbarn‘ nicht missen.

    In diesem Sinne herzliche Kiezgrüße

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    • Diesen Kiez verrate ich gerne – es ist Lichterfelde und das Bild von der Kanalpromenade am Lilienthal-Denkmal. Es ist ein schöner, grüner und sehr menschlicher „Kiez“, finde ich. Und mit den Nachbarn hast du recht. Mir wurde gesagt, dass der Berliner seine Nachbarn nicht kennt, als wir herzogen. Ich habe genau das Gegenteil erlebt. Liebe Grüße! 🙂

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  4. Was für ein schöner Text! Ich habe ihn schon gesehen, als Du ihn veröffentlicht hast, aber etwas in mir sagte „nimm Dir Zeit für diesen Text!“. Darum habe ich ihn erst jetzt in Ruhe gelesen und jetzt steht mir ein Tränchen im Auge. Nach sieben Jahren habe ich Berlin verlassen. Lange Zeit hatte ich noch einen Koffer in Berlin, mittlerweile nicht mehr. Berlin vermisse ich selten und ob ich bin mir sicher, dass ich dort nicht mehr leben möchte. Zumindest nicht dauerhaft. Aber ich liebe Berlin und Texte wie Deiner bringen diese klitzekleine Sehnsucht wieder hoch. Danke dafür 😉
    Schön, dass Du angekommen bist!

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    • Ich freue mich sehr, dass du dir Zeit für den Text genommen hast – was für ein schönes Lob! Was ich an Berlin besonders mag ist, dass es so vielfältig ist. So leben wir trotz Großstadt sehr grün und ruhig. Haben aber die Möglichkeit in 20 Minuten mittendrin zu sein. Und trotz aller Vorteile hier, könnte ich mir immer noch vorstellen auf dem Land glücklich zu sein. Im nächsten Leben vielleicht. 🙂

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  5. Martina sagt:

    Hallo Anna,
    ich kenne eine Reihe von „Bundeswehrkindern“ in unserem Alter, die einfach froh sind, dass/wenn sie ihr endlich ihr Zuhause haben und einfach glücklich an einem Ort sind, der vertraut ist und an dem man tatsächlich fast alle kennt. Du hast Dein Zuhause gefunden, Du Glückliche! Viele Grüße und herzlichen Glückwunsch zu 20 Jahren Zuhause, Martina

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  6. Vera Komnig sagt:

    Danke! Dein Erzählen hilft mir, wieder einmal auch die andere Seite der Medaille „Umzug-neues Zuhause“ zu betrachten, denn mich zieht es in letzter Zeit extrem stark fort. Deine Geschichte lässt mich auch wieder das Positive an einem langen Aufenthalt an einem Ort schätzen…

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