Der Tag war da …

Eins der vielen wunderschönen Bilder meines Bruders

Eins der vielen wunderschönen Bilder meines Bruders

Ich habe heute ein Video gesehen und es beschäftig mich schon den ganzen Tag. „Dieser Tag wird kommen!“ von Marcus Wiebusch. Es lässt mich nicht mehr los. Aufmerksam wurde ich darauf im Blog von Thomas Mampel, mampel’s welt, der jede Woche einmal ein Video vorstellt, das sich in irgendeiner Weise mit sozialen Themen beschäftigt. Keins hat mich bisher so berührt oder wohl besser gesagt, persönlich getroffen. Erzählt wird die Geschichte eines Fussballspielers, der schwul ist und es geht darum, wie die Gesellschaft damit umgeht. Dass ein Tag kommen wird, an dem Liebe, Leben und Freiheit gefeiert wird.

Ich kann viele Nachrichten ertragen. Bei Nachrichten über schlimme Ereignisse aus dieser Richtung merke ich aber immer wieder, dass sie mir persönlich weh tun. Dass ich sie nicht wahrhaben will und nicht verstehen kann, dass es sie noch immer gibt. Es geht um Homophobie. Ich fühle mich schon allein durch das Wort belästigt und die Vorstellung an Menschen, die sich laut und dumm gegen Schwule und Lesben äußern, verursacht mir Übelkeit. Ich kann nicht verstehen, dass man Menschen auf ihre sexuellen Neigungen reduziert und ausschließlich  daran ihren Stellenwert misst. Schlimmer noch, ihren Stellenwert dadurch sogar auf Null setzt. Menschen, die sich homophob äußern, sind für mich der Inbegriff blanker Dummheit, die jedem verbal ins Gesicht schlagen, der in irgendeiner Weise davon betroffen ist.

Ist ein Mensch schwul oder lesbisch, macht er oder sie in der Regel viele Jahre durch, die von Selbstzweifel, Identitätssuche und psychischen Schmerzen begleitet sind. Sie begeben sich meist auf eine jahrelange Suche, sich selbst und einen Platz in der Gesellschaft zu finden, der einigermaßen Akzeptanz und Ruhe verspricht. Einen Platz, an dem sie so leben können, wie sie eben sind. So wie sie geboren wurden, was nicht durch Erziehung oder Einfluss entstand, sonder tief in ihnen verankert war. Ich zolle jedem größten Respekt, der das durchmacht und besonders, denen, die offen und mutig dazu stehen können. Offen in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften leben und offen für ihre Lebensart einstehen. Die immer wieder blöde Sprüche und Beleidigungen, oft Schlimmeres, wegstecken, weil sie klüger sind, als diejenigen, die diese Beleidigungen aussprechen. Hinter Homophobie kann für mich nur Unwissen, Angst und Unsicherheit stecken. Vor was, bleibt mir dabei völlig unklar. Schwule und Lesben hat es immer gegeben, wird es immer geben und es dürfte in unserem Jahrhundert überhaupt kein Thema mehr sein. Traurig, dass Homosexualität in ⅓ aller Staat weltweit noch unter Strafe gestellt ist (Wikipedia).

Was viele in meinen Augen dabei vergessen ist, dass ganze Familienschicksale damit verbunden sind. Wenn einem jungen Mensch klar wird, dass seine Neigung anders ist, als seine Erziehung, sein Umfeld, die Gesellschaft, von ihm erwartet, macht er einen schwierigen Prozess durch. Aber nicht nur er alleine, auch seine Eltern und seine Geschwister, seine Verwandten und Freunde. Es ist ein jahrelanger Prozess in dem alle Beteiligten mit sich selber ins Reine kommen müssen, wie sie zu Homosexualität stehen. Können sie damit leben, sie tolerieren, sie akzeptieren oder bestenfalls annehmen? Können sie den homosexuellen Verwandten begleiten, unterstützen, offen zu ihm stehen? Ihn verteidigen, ermutigen, völlig wertfrei den Menschen dahinter sehen und wahrnehmen?

Ich stand einmal am Spielfeldrand eines Hockeyplatzes. Außer meinem Mann und mir waren noch zwei weitere befreundete Ehepaare dort und wir beobachteten fröhlich das Spiel unserer Kinder. Die Kinder standen altersmäßig kurz vor der Pubertät und wir unterhielten uns darüber, dass die ersten Jugendzeitschriften, Bravo oder Mädchen, in die Kinderzimmer einzogen. Und da fragte einer in die Runde, was denn Jungen in dem Alter so lesen. Im Überschwung der fröhlichen Atmosphäre sagte ich laut: „Ach, da frage ich mal meinen Bruder, der ist schwul!“ Ich drehte mich um, sah die Gesichter der beiden Frauen und mir war schlagartig klar, dass ich in dieser Runde das Falsche gesagt hatte. An dem Abend rief ich meine Mutter an und sagte ihr, dass ich es jetzt könnte – laut und deutlich und mit Stolz sagen: „Mein Bruder ist schwul!“

Ich weiß noch, dass es mir damals unwahrscheinlich gut damit ging. Ich war frei. Frei zu sagen, dass er so ist und frei offen zu ihm zu stehen. Ich werde hier nicht seine Geschichte erzählen. Die ist sehr lang und nicht mit ein paar Sätzen zu fassen. Aber ich kann stolz behaupten, dass ich kaum einen Menschen kenne, der sein Schicksal so unglaublich tapfer und hartnäckig meistert wie er. Kaum jemanden kenne, der so feinfühlig, sensibel und kreativ ist, wie er. Und ich kann stolz erzählen, wie unwahrscheinlich bereichernd seine Neigung für mein Leben ist. Wie dankbar ich ihm bin, dass er so ist, wie er ist.

Es war viele Jahre ein Prozess für unsere ganze Familie, in dem letztendlich nur eine Feststellung gewann. Er ist der Sohn, der Bruder, den wir alle lieben, ohne den unsere Gemeinschaft brüchig wäre. Der Prozess war nie leicht, oft schmerzhaft, oft unschön, aber er ließ uns alle zusammenwachsen. Es passiert leider zu oft, dass Familien daran zerbrechen. Dass Söhne oder Töchter nicht nach Hause zurück können, Bänder zerschnitten sind, einlenken unmöglich wird. Ich bin dankbar, dass wir es anders erlebt haben. Dass wir Menschen, die schwul oder lesbisch sind, wirklich als die sehen können, die sie sind – hinter dem, wofür sie kämpfen müssen.

Ich möchte, dass dieses Video einen Platz in meinem Blog hat. Möchte, dass die ganze Welt weiß, wie stolz ich auf meinen Bruder bin. Ich möchte, dass Liebe, Leben und Freiheit gefeiert wird – von allen Menschen.


8 Kommentare zu “Der Tag war da …

  1. Elvira sagt:

    Dass mein kleiner Bruder, mittlerweile auch schon 51 Jahre alt, schwul ist, war für unsere ganze Familie nie ein Problem. Auch in seinem Freundeskreis und bei den Kollegen gab es nie abfällige Äußerungen. Homophobie ist ihm persönlich nicht begegnet. Leider hatten einige seiner schwulen Freunde nicht dieses Glück. Besonders hart traf es HIV-positive und an Aids erkrankte Männer, die von ihren Familien förmlich ausgestoßen wurden. Trotz aller Aufklärung hat es für mich den Anschein, dass Homophobie eher zu-, denn abnimmt. Dabei wird Homosexualität leider meistens auf sexuelle Neigung reduziert und die Liebe ausgeklammert. Aber darum geht es doch in Wirklichkeit, nicht wahr? Um Liebe!
    Danke für diesen Beitrag!
    Liebe Grüße von Elvira

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    • Es geht aber auch um Unsicherheit und Unkenntnis, aus der Angst entsteht etwas zuzulassen, dass man nicht einschätzen kann. Wirklich ein schwieriges Thema … mein anderer Bruder meinte zu dem Beitrag, der könne dazu Bücher füllen, was er als Bruder erlebt hat, dass im Beitrag aber eigentlich alles gesagt sei.

      Liebe Grüße zurück 🙂

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  2. Liebe Frau Schmidt,
    vielen Dank für Ihren Artikel, der das geniale Musikvideo von Marcus Wiebusch für mich mit Leben erfüllt hat. Sie beschreiben, welche Herausforderung es bedeutet, anders zu sein – für einen selbst ebenso wie für das Umfeld.
    Das schöne an dieser Geschichte ist: man kann sie auch andersherum lesen. Denn ebenso sehr, wie die Geschichte einer Identitätsfindung bis zum Coming Out etwas sehr Spezielles ist, ist es doch auch allgemeingültig. Wir könnten uns wiedererkennen.

    Ich und die meisten meiner Bekannten und Freunde haben diesen Prozess doch eigentlich auch er- und durchlebt: die Erkenntnis, dass wir anders sind als unsere Eltern. Das gespannte Abwarten, wer einen im Leben so akzeptiert wie man ist, und wer sich lieber mehr oder weniger rasch entfernt. Die Dynamik in einer Familie, in der Verhältnisse und Beziehungen immer wieder neu verhandelt werden.

    Natürlich haben Lesben und Schwule in der Regel hier einen weitaus steinigeren Weg zurückzulegen, schließlich begeben sie sich außerhalb des gesellschaftlichen Konsens. Sie und ihre Familien werden auf eine ganz andere Probe gestellt, als diejenigen, die es „einfach“ mit pubertierenden Jugendlichen zu tun haben. Und trotzdem bleibe ich dabei: im Lebensweg dieser besonderen Menschen, schwul, lesbisch oder wie auch immer „anders“, könnten wir uns alle wiederfinden, vielleicht sogar an ihnen orientieren. Denn eigentlich sind wir alle anders. Und alle besonders.

    Aber das sagt das Video ja eigentlich, nur wesentlich eleganter, als ich es kann: „Der Tag wird kommen … der mutigste von allen, der erste der es schafft…“
    Danke für Ihren Artikel, liebe Frau Schmidt!

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    • Lieber Herr Schmidt,

      ich gehe vollkommen konform mit ihren Gedanken. Gehe sogar noch einen Schritt weiter. Denn der Prozess der Identitätsfindung hört ja noch lange nicht mit dem Ende der Pubertät auf. Bis heute verändern sich meine Ideen, Erwartungen und Vorstellungen, auch das Handeln, und diesen Prozess begrüße ich sogar sehr.

      Wie schade um Menschen, die denken, sie seien perfekt oder fertig. Aber genau das ist Leben. Und wenn wir – gesellschaftskonformen – diesen Prozess zeitweise schwierig finden, wie geht es denen die sich auch noch mit Konventionen auseinandersetzen müssen.

      Ja, wir sind alle besonders – mal leichter, mal schwerer!

      Herzliche Grüße

      Anna Schmidt

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  3. Als ich nach 2000 ab und an mal arbeitslos war, durfte ich zwei Weiterbildungen in Geschäftsenglisch machen. Meine Mit“schülerInnen“ hielt ich für intelligente Leute – doch damit befand ich mich offenbar auf dem Holzweg. Als ich heftig dagegen protestieren musste, dass Schwul-Sein keine Krankheit ist und damit auch nicht „heilbar“, hatte ich es bei diesem Teil der Klasse versch… Leider entfleuchen mir dann solche Bemerkungen wie: „(Eure) Dummheit ist auch nicht heilbar.“ –
    Ein Hetero wird doch für sein Amt auch nicht nach seinen Liebespartnern ausgesucht – aber bei Schwulen und Lesben maßt sich das die restliche Menschheit an.
    In meiner längsten Bloggeschichte habe ich diesem Thema auch ein Kapitel gewidmet, weil ich es endlich möchte, dass Toleranz auf diesem Gebiet herrscht.
    http://chh150845.wordpress.com/2014/04/11/2036-just-married/

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