Das andere Ende der Perlenkette …

Mein Wecker steht still auf dem Nachttisch, doch er klingelt nie. Ich wache jeden Morgen pünktlich um 5.30 Uhr auf. Natürlich auch am Wochenende, was ich gerne abstellen würde, aber es ist eine über Jahre gepflegt Gewohnheit geworden. Ich genieße die ruhigen Morgenstunden. Ich trinke meinen Kaffee, lese Nachrichten und E-Mails, danach ist eine halbe Stunde Gymnastik dran und eine Viertelstunde am Maltisch. Schließlich gehe ich duschen, mache mich fertig, laufe mit dem Hund eine Runde und starte in den Tag … dann ist es halb neun Uhr morgens. Drei Stunden, ohne Verpflichtung, nur für mich, wie ein Ritual. Das war früher mal anders.

In diesem „Früher“ liegt der Grund für mein zeitiges Aufstehen. Ich war junge Mutter von zwei süßen Mädchen. Die mussten in den Kindergarten und später zur Schule. Morgendliche Hektik habe ich mein Leben lang verabscheut. Verschlafen war immer der Beginn eines richtig schrägen Tages und ist mir zum Glück nicht oft passiert. Aus diesem Grund habe ich mir früh angewöhnt, um 5.30 Uhr aufzustehen. Ich habe eine halbe Stunde Kaffeetrinken genossen, mich geduscht und angezogen um dann, selber fertig, meine Kinder zu wecken. Nun hatte ich Zeit mich nur ihnen zu widmen, bis wir entspannt weggehen konnten. Es war mir wichtig, dass sich die Kinder in Ruhe, Harmonie und ohne Zank, auf ihren Tag außer Haus einlassen konnten.

Sehr viel früher, erzählen meine Mitmenschen, sei ich ein Langschläfer und Morgenmuffel gewesen, den man nach dem Aufstehen nicht ansprechen durfte. Kluge Leute sprechen mich heute so früh immer noch nicht an. Aber das gehört woanders hin. Ich bin in meinem 60 zigsten Lebensjahr angekommen. Meine morgendlichen Gewohnheiten haben sich mehrfach im Leben geändert, je nachdem, ob ich alleine war oder nicht. Heute ist es nur noch der Ehemann, mit dem ich beim Frühstück zu einem Konsens kommen muss. Ansonsten bin ich größtenteils frei.

Diese Freiheit ist hart erarbeitet, auch wenn die „Unfreiheit“ zuvor eine klare Entscheidung war. Sie hieß Kinder großziehen und etwa 20 Jahre in allen persönlichen Belangen und Wünschen zurücktreten. Alle Wünsche wurden dem Erziehungsauftrag untergeordnet oder vielmehr angepasst. Meine Arbeit und meine Freizeitgestaltung mussten ständig nach den Erfordernissen der Kinder geändert werden. Selten war etwas „nur für mich“. Dem Vater erging es dabei nicht anders. Mit der Pubertät bekamen wir eine Ahnung, dass sich etwas ändern könnte. Die Kinder mochten nicht mehr im Fokus der elterlichen Fürsorge stehen. Freiräume erschlossen sich und wurden größer, bis zur klaren Feststellung, dass die Versorger-Rolle endgültig passé ist. Schließlich muss aber deutlich festgestellt werden, so hart manche Tage waren, haben andere uns belohnt. Wir haben es bewusst und aus Liebe gemacht. Dafür sind wir jetzt auch 20 Jahre älter.

Nun komme ich mir wie auf einer Wippe vor: Bei guter Laune, oben, jubele ich der neuen Freiheit zu, bei schlechter Laune, untern, werden alle Zipperlein doppelt schwer. Und je nach Befinden kokettiere ich mit dem Alter oder fühle mich genervt. Im Büro werden die KollegInnen immer junger. Die direkten TeamkollegInnen könnten meine Kinder sein. Ich erwische mich, wie ich meinen Kollegen mit: „Junger Mann“ anspreche und das eigentlich richtig blöd finde. Die Kollegin, zweifache junge Mutter, erzählt real und in ihrem Blog von ihrem innerlichen Chaos, gerne arbeiten zu wollen und doch Kinder versorgen zu müssen. Ich merke eine Tendenz meine Erfahrungen dazu zu sagen, aber lasse es ganz bewusst sein. Das liegt alles hinter mir, denke ich dann auf dem Heimweh, bei dem ich genieße, dass niemand mehr nachfragt: „Wann kommst du nach Hause!“

Meine Freundin hat treffend den Punkt ausgedrückt, an dem ich mich gerade befinde: „Ich denke langsam darüber nach, dass das ewige Haare färben lästig ist, und ob das Stehen zu grauen Haaren nicht vielmehr meinem selbstbewussten Alter und meinem „Ich“ entsprechen würde“. Das bedeutet auch, sich selber einzugestehen, dass die lebenslang gesammelten Perlen der Perlenkette sich dem Fadenende zuneigen. Wie viele Perlen noch passen, haben wir selbst in der Hand. Ich sage gerne, dass ich heute die Summe dessen bin, was ich im Leben erlebt habe. Jeder Tag, auch die Schlechten, gehören dazu. Ich würde keinen wiederholen wollen, weil sie nie gleich sein könnten.

Der Auszug der zweiten Tochter ist eine Frage der Zeit. Die Ruhe, wenn der Ehemann und ich alleine sind, haben wir schon oft testen können. Es ist weniger Arbeit im Haushalt (die man doch gern getan hat), die Diskussionen, welches Essen auf den Tisch kommt, verschwinden. Es ist mehr Selbstbestimmung und unsere eigenen Wünsche und Vorstellungen treten wieder in den Vordergrund. Ich muss mich nicht mehr beweisen, muss niemandem gefällig sein und kann die Menschen um mich sammeln, die mir guttun. Ich kann deutlich „Nein“ sagen, wenn ich etwas nicht will. Meine Hobbys und Interessen bekommen großen Raum, neben den Zielen und Plänen, die wir gemeinsam verfolgen. Es wird sich zeigen, was sich verwirklichen lässt, denn eine entspannte Genügsamkeit macht sich breit. Es muss keine Weltreise mehr sein, die Ostsee oder selbst der Garten reichen aus. Es ist nicht wie vor 20 Jahren, dafür kann ich heute klar sagen, was ich will oder eben auch nicht.

Wie immer haben wir selber die Wahl und entscheiden, wie wir damit umgehen. Depressive Züge entwickeln und krampfhaft an der Jugend festhalten, fordert sehr viel Kraft. Ich denke, am leichtesten mache ich es mir, wenn ich mit mir selber ehrlich umgehe. Ja, die Haare werden grau, die Waage zeigt nicht gerade das Traumgewicht, die Arztbesuche häufen sich. Aber ich kann mir entspannt alles so einrichten, wie ich es haben möchte und brauche. Ich kann eine Neugierde entwickeln, was uns noch bevorsteht. Welche Überraschungen die Kinder uns präsentieren. Insgeheim lächeln, wenn mir junge Leute erzählen, welche Erfahrungen sie machen mussten. Wir werden nun die Alten, mit hoffentlich viel Humor, viel Offenheit, Neugierde für Neues und Verständnis für Junges. Mein einziger Wunsch ist gesund bleiben, den ich durch eine positive Denkweise fördern kann. Das ist nicht an allen Tagen leicht, aber so kann auch die Perlenkette noch ein gutes Stück länger werden.

Redet drüber … Sucht!

Es ist fast wie eine alte Gewohnheit: Wenn ich in einer Zeitung oder in sozialen Netzwerken einen Artikel finde, der „Sucht“ zum Thema hat, muss ich ihn lesen. Ich lese diese Artikel immer sehr kritisch. Wenige schaffen es, mir neue Erkenntnisse aufzuzeigen, selten finde ich etwas, was mich fesselt und zu Ende lesen lässt. Kürzlich hat mich meine Schwester auf einen Bericht aufmerksam gemacht, der mich nicht nur sehr ansprach, sondern der sowohl meine Erfahrungen deckte, als auch einen anderen Weg im Umgang mit Sucht offenbarte. Die Headline des Beitrags im Business Insider Deutschland lautet: „Studie zeigt eine unbequeme Wahrheit über Sucht“. Der Beitrag beginnt mit dem Satz: „Das Wort Sucht – … – ist negativ konnotiert. Wir bezeichnen Sucht als eine Störung und Betroffenen wird von der Gesellschaft ein Problem zugesprochen.“

Die Gesellschaft jedoch ist, nach meiner Ansicht, ein großer Teil des Problems, wenn es bei uns um das Thema Sucht geht. Süchtige stehen außerhalb der Norm. Was nicht die Norm erfüllt, gehört geächtet. Die Form der Sucht spielt dabei keine Rolle. Sucht ist nicht gesellschaftsfähig. Wer süchtig ist, wird abschätzig betrachtet, möglichst totgeschwiegen, aus den eigenen Reihen verwiesen. Über Sucht wird nicht gesprochen, jedenfalls nicht öffentlich, weil es ja vermuten ließe, dass man selbst Betroffener ist, als Angehöriger oder Süchtiger. Betroffen sein bedeutet Schwäche, deutet auf ungelöste Probleme hin, falsche Erziehung und lässt Fehler in der Lebensführung oder im Miteinander vermuten. Zu gerne wird negiert, dass es einen selbst treffen könnte. Zu gerne vergessen, dass Sucht keinen sozialen Status kennt und zu gerne übersehen, dass Sucht überall in unserer Gesellschaft präsent ist.

Ich bin betroffen und damit auch meine Familie. Ich könnte auch sagen „Ich war betroffen“, aber auch dafür hat die Gesellschaft eine Form gefunden, die mich sozusagen lebenslang „ächtet“. Ich bin, wenn es nach der Gesellschaft geht, eine „trockene Alkoholikerin“. Ich verabscheue den Begriff, denn ich bin weder „trocken“, noch „Alkoholikerin“. Ich habe vor 20 Jahren geschafft, meinem Leben die entscheidende Wende zu geben und für mich beschlossen, das Alkohol keine Rolle mehr in meiner Lebensführung spielen wird. Den Entschluss fasste ich selber, den nötigen Rückhalt dafür gab mir meine Familie und mein Freundeskreis. Wer jetzt erwartet, dass ich hier von dem Grauen der Sucht und dem elendigen Weg daraus erzähle, braucht nicht weiterlesen. Das werde ich nicht tun, denn seither ist jeder Tag für mich besser gewesen als die Tage davor. Ich genieße mein Leben, ich lebe bewusst und bin die Summe dessen, was ich erlebt habe, wozu auch sehr düstere Tage gehören. Aber ich bin nicht bereit, ein lebenslanges Stigma zu tragen, nur weil unsere Gesellschaft Sucht nicht offen bespricht. Jeder anderen Krankheit wird mit Betroffenheit begegnet, aber Sucht nicht als Krankheit anerkannt, sondern als Makel empfunden.

Natürlich gab es Gründe für meine Sucht, trotz dessen, dass ich eine glückliche Kindheit und eine große Familie hatte und habe. Nur spielt es hier keine Rolle, welche Gründe dazu führten, die vielfältigster Art sein können. Ich kann nur versichern, dass es tatsächlich jeden treffen kann, sei man sich auch noch so sicher gefeit zu sein. Entscheidend, wenn man denn in die „Falle“ getappt ist, ist die eigene Erkenntnis und der Wille sich zu befreien. Das passiert im Kopf und so bezeichne ich es immer als „Kopfsache“. Die körperlichen Symptome bekommt man je nach Substanz recht schnell in den Griff. Viel schwieriger ist es, den eigenen Geist zu überzeugen, dass das Ende der Sucht als lebensrettender Entschluss zu sehen ist. Wir verlieren nichts, sondern können nur gewinnen!

Ich fasste meinen Entschluss vor 20 Jahren auf dem Weg in ein Krankenhaus. Im Zuge der anschließenden Therapie wurden Patienten verpflichtet die verschiedenen Gruppen kennenzulernen, die Alkoholsucht zum Thema hatten. So saß ich an einem Abend in einem recht dunklen Raum, in dem die Gruppenmitglieder um einen Tisch saßen. Es waren die Anonymen Alkoholiker, bei deren Begrüßungsritual jeder Teilnehmer sagt: „Ich heiße Soundso, bin seit … anonymer Alkoholiker …“ und fügt dann noch ein/zwei Sätze zur aktuellen Verfassung an.  Irgendwann war Ingrid an der Reihe und sagte: „Ich heiße Ingrid, ich bin seit 7 Jahren anonyme Alkoholikerin und ich leide seit 7 Jahren unter meiner Sucht!“ Das war aus meiner heutigen Sicht der Moment in meinem Leben, in dem ich Optimist wurde. Ich saß mit großen Augen dort, hörte die anderen kaum mehr und dachte für mich, dass ich mich nicht der ganzen Mühe unterwerfe meine Sucht zu besiegen um den Rest meines Lebens zu leiden. Ich wollte leben, bewusst und jeden kommenden Tag genießen.

Das gelang natürlich nicht sofort, aber es wurde immer besser. Meine Familie und Freunde mussten wieder Vertrauen in mich gewinnen. Ich musste die Ernsthaftigkeit zeigen, mein Leben zu stabilisieren. Ich wurde stärker, physisch, wie psychisch und gewann meine frühere Persönlichkeit nicht nur zurück, sondern gewann eine veränderte, selbstbewusstere hinzu. Etwa zwei Jahre nach der Therapie hatte ich hin und wieder noch das Gefühl, dass mir „Alkoholikerin“ auf der Stirn geschrieben steht. Doch irgendwann merkte ich, dass es außer mir selbst, niemanden mehr interessierte. Die Menschen um mich herum bewerteten mich nach dem, wie sie mich aktuell erlebten. Natürlich habe ich nicht jedem gleich erzählt, was ich erlebt hatte, aber hin und wieder ergab es sich doch aus Gesprächen. Niemals in den vergangenen Jahren erlebte ich dadurch Ablehnung. Immer Anerkennung und oft die gegenseitige Öffnung, dass mein Gegenüber ähnliche Erfahrungen gemacht hatte. Diese anderen waren immer starke, in sich ruhende Menschen, die ihr Leben im Griff hatten und genau wussten, was sie nicht mehr wollten. Es kann tatsächlich jeden treffen und wenn man aufmerksam zuhört, ist es erstaunlich, wie viele Menschen betroffen sind.

Wäre es nach der gesellschaftlichen Meinung gegangen, hätte ich damals „erst mal in der Gosse landen müssen“, hätte mein Umfeld verlassen müssen um, eine Chance zu haben, hätte mich später still und ohne Stressfaktoren bewegen müssen. „Einmal ‚Suchti‘, immer ‚Suchti‘“ ist die gängige Meinung. Hin und wieder hörte ich Gespräche mit Leuten, die diese Meinungen vertraten. Ich habe nichts dazu gesagt, sondern sie nur still für mich zu den Dummen stellt.

Ich habe nichts von dem getan, was in der Allgemeinheit für richtig gehalten wird, um einen Weg aus der Sucht zu finden. Ich habe mich nicht verkrochen, sondern den Weg in den Beruf wiedergefunden. Ich blieb in genau dem Umfeld, welches ich vorher hatte. Ich habe Alkohol nicht aus meinem Leben verbannt, sondern kann jedem Gast ein Glas Wein anbieten oder eingießen und gönne es ihm von Herzen. Ich habe keinen Psychologen konsultiert oder eine Gruppe besucht, die mich auf Jahre an eine schwache Lebensphase erinnert. Ich ging meinen – glücklichen – Weg.

Möglich wurde das, weil meine große Familie, meine Freunde und mein Ehemann im entscheidenden Moment erkannten, dass es mir ernst war. Auch vorher ließen sie mich nicht fallen, sondern zeigten mir ihre Grenzen auf, bekräftigten immer wieder die Möglichkeiten mir zu helfen, aber gaben mir trotz Abhängigkeit, das Gefühl nicht alleine zu sein. Mit meinem Mann habe ich zwei wunderbare Kinder aufgezogen. Natürlich interessierten die sich im gewissen Alter für Alkohol. So haben wir frühst möglich mit ihnen meine Problematik kommuniziert und sie ihre Erfahrungen mit Alkohol machen lassen. Einen heilsamen „Kater“ hatten beide, den die Mutter half auszukurieren.

Ich bin nicht stolz auf das, was ich erlebt habe, aber stolz darauf, was ich daraus gemacht habe. Es gehört zu mir und hat mein Wesen verändert. Ich wurde aufgefangen, bekam Grenzen aufgezeigt, bekam Halt und Zuneigung als ich sie am dringendsten brauchte. Ich habe gelernt Hilfe annehmen zu können. Das Wunderbare ist, dass ich heute in der Lage bin, das was ich bekam, weiterzugeben. Ich helfe, wem ich helfen kann, und sei es nur dadurch, dass ich eine positive Lebenseinstellung teile. Dabei ist mir vollkommen klar, dass ich ideale Bedingungen und die richtigen Menschen um mich hatte, um das zu schaffen. Nicht selten endet Sucht in hilfloser Ohnmacht und Tod.

Sucht ist kein Makel. Eine Krankheit allemal und eine Falle, in so vielfacher Form, dass man sich hüten sollte, sich sicher zu fühlen. Ich bin dankbar, dass ich ihr entkommen bin und Menschen hatte, die mich begleiteten, unglaubliche Kraft mobilisierten mich zu stützen, mit mir redeten, mir meine Chance gaben und bis heute bei mir sind. Es sind die Menschen, die praktiziert haben, was im letzten Satz des oben erwähnten Beitrags steht: „Anstatt Süchtige zu hassen und sie zu isolieren, sollten wir eine warmherzigere Gesellschaft aufbauen.
Wenn wir die Art und Weise anpassen, wie wir uns miteinander verbinden und Menschen helfen können, durch ihr normales Leben erfüllt zu werden, kann Sucht in Zukunft ein geringeres Problem werden.“

Redet drüber!