Was ist „Alt“?

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Wir saßen in einer fröhlichen Runde in einem Restaurant und waren mit verschiedenen Themen beschäftigt, die wir sehr spaßig durchsprachen. Bis die Frage aufkam, was eigentlich „Alt“ ist. Da wurden die Gesichter plötzlich ziemlich ernst. Wer fällt nun in das Muster, schienen die Gesichter zu fragen – die Altersspanne der Runde lag zwischen geschätzten Mitte 30 bis Anfang 60 – alle Jahrzehnte vertreten. Ich habe mal frech behauptet, dass „Alt“ eine Sache des Kopfes ist und relativ früh anfangen kann. Das, weil ich Menschen kenne, jünger als ich, die ich aber schon als sehr alt empfinde. Wirklich wissen tue ich nicht, wie sich Alter definiert. Wie komme ich dem also nun näher? Eine Definition muss her. Deshalb: Google ist mein Freund – ich gebe „definition alt“ ein (Google interessiert sich nicht für Groß- und Kleinschreibung) und bekomme 67.200.000 Einträge. Dafür habe ich keine Zeit. Also versuche ich mal aus dem Bauch raus das Thema zu beleuchten und meine „Altersweisheit“ zu Rate zu ziehen.

„Alt“ werden wir wohl immer nach der eigenen Jahreszahl, dem persönlichen Standpunkt und beruflichen Hintergrund definieren. Ich weiß noch genau, dass ich mit 18 Jahren meine Eltern als ganz schön alt empfand. Meine Mutter war damals 38 Jahre alt. Aus heutiger Sicht – mit 38 Jahren hatte ich gerade mal zwei kleine Kinder – ist 38 Jahre so richtig volle Kanne mittendrin. Mir war erst ziemlich spät klar, dass ich mit sehr jungen Eltern gesegnet war. Heute stehe ich manchmal da und denke bei manchen Leuten: „Die sind ja noch ganz schön jung.“ Das hat aber weniger mit ihrem Alter als eher mit ihrem Verhalten zu tun. Wenn sich mal wieder ein eigener Geburtstag nähert, staune ich tatsächlich darüber wie viele Jahre ich schon geschafft habe und mich trotzdem noch so jung fühlen kann. Wie jung es sich in meinem Kopf anfühlt, kann ja keiner von außen sehen. Zugegeben, manchmal stehe ich morgens auf und ohne Kaffee in der Hand, fühle ich mich mindestens 30 Jahre zu alt – manchmal. Zum Glück nicht oft – das überwiegende Morgens-Gefühl ist Neugierde auf den Tag – das fühlt sich ziemlich jung an.

Aus Sicht der Soziologie werde ich mir in Bezug auf das Alter wohl die Frage stellen, welche Rolle ich in der Gesellschaft erfülle. Bin ich noch in der Entwicklung oder am Anfang des Arbeitsprozesses, bin ich jung. Trage ich Verantwortung, im Beruf oder für Kinder/Familie, habe ich eine tragende Rolle, bin also im „besten“ Alter. Gebe ich Verantwortung ab, die Kinder wachsen aus dem Haus heraus, junge Kräfte wachsen im Arbeitsprozess nach, bin ich auf dem Weg ins Alter. Der Biologe schaut sich den Körper an und fragt nach dessen Leistungsfähigkeit oder beginnenden Abbauerscheinungen. Der Psychologe macht alles am Zustand der Psyche fest – ein sehr komplexer und umfassender Bereich.

Der beste Gradmesser für das eigene Alter ist wohl das Selbstempfinden, auch wenn das durch die Sicht der anderen empfindlich gestört werden oder manchmal sogar peinlich werden kann. Ich selbst empfinde mich also noch als ganz schön jung … bis im Bus ein netter junger Mann für mich aufsteht und fragt, ob ich mich setzen möchte. Zwischen Rührung (Er nimmt auf mich persönlich Rücksicht) und Entsetzen (Wie kommt der denn da drauf – als ob ich so aussehe), lehne ich natürlich dankend ab. Natürlich empfinde ich ein gewisses Alter, durch das ich mich aber noch lange nicht alt fühle, sondern es genießen kann. Ich weiß heute zum Beispiel, was ich nicht mehr will. Da gibt’s eine ganze Menge Sachen … habe ich alles ausprobiert – muss nicht mehr sein. Ich weiß, dass ich mich nicht mehr beweisen muss – vor anderen – vor mir selber schon, aber das ist eine andere Geschichte. Ich weiß, was ich unbedingt noch machen oder erleben möchte – das ziemlich bewusst und als Antriebsfeder. Und ich weiß, welche Menschen mir gut tun und welche nicht. Und tatsächlich bin ich auch auf dem Weg „Nein“ sagen zu lernen – dafür musste ich allerdings ganz schön alt werden. Also hängt alt sein eigentlich von der jeweiligen Sache und meiner Tagesform ab – aus meiner Sicht.

Der Körper freilich lässt unser Alter nicht leugnen. Ich bewundere Bilder von superfitten Senioren, die in Fitness-Studios locker mithalten können mit allen, die unter 25 Jahre alt sind. Aber das ist Werbung, die uns genauso ein falsches Bild vermitteln möchte, wie das der ständig superschlanken Frauen. Gehen wir in ein Bildarchiv und geben das Wort „Alt“ ein, strahlen uns zu 95 Prozent Bilder mit lachenden Alten an. Selbst auf Krankenhausbildern oder wo Omas gefüttert werden – die lachen alle. Eigentlich müsste das was richtig schönes sein, so wie die sich alle freuen. Tja, nur will keiner so alt sein. Die Realität sieht  dann doch anders aus und ich behaupte mal, dass derjenige ein Lügner ist, der mit 50 Jahren noch kein Zipperlein an sich entdeckt hat. Im Alter scheiden sich die Geister in diejenigen, die immer mehr und teurere Schönheitscremes brauchen und diejenigen, die tapfer jede Falte als Trophäe sammeln. In diejenigen, die heroisch zur kurzgeschorenen, offenen Frisur stehen, weil einfach keine Haare mehr da sind oder diejenigen, die jedes, aber auch jedes Haarwässerchen ausprobieren und Strähnchen hoch toupieren und pflegen. Es gibt definitiv keinen Jungbrunnen nach dem die Menschheit seit Jahrhunderten sucht – oder war’s der Gral? Na gut … vielleicht gibt’s dafür ja irgendwann einmal eine App.

Die Jugend und die Gesellschaft sind diejenigen, die uns erbarmungslos unsere Altersgrenzen aus ihrer Sicht aufzeigen. Wenn ich meine Kinder auffordere, dass sie mal wieder deutsch mit mir sprechen sollen, bedeutet das, ich verstehe ihre Jugendsprache nicht. Besonders allergisch reagiere ich auf: „Ey, alter!“ was so ziemlich einem konstanten Satzende bei ihnen gleich kommt. Sobald ich ein Wort in ihrer Sprache gelernt habe, kommt ein „Mama, das ist peinlich.“ Pfff … was denn nun? Fangen wir „Alten“ an „chillen“ in unseren Wortschatz aufzunehmen, sagt das schon kein Jugendlicher unter 20 mehr. Man will sich ja abgrenzen … Tja, und die Gesellschaft – die ist nicht viel besser als die Jugendlichen – die grenzt uns Ältere ab. Ich lese von Angeboten „50+“, Senioren-Bonus-Heften, Seniorenresidenz, Freizeit-Angebote speziell am Vormittag … Die Wirtschaft hat uns als zahlungskräftiges Potential – allerdings nur im Freizeit- und Pflegebereich entdeckt. Hallo? Und seien wir ehrlich, ab dem gesegneten Alter von 40 Jahren müssen wir bei einem Wechsel der Arbeitsstelle entweder verbeamtet sein, in irgendeinem Aufsichtsrat sitzen und Millionen verdienen oder mindestens eine wichtige Fähigkeit haben, damit das klappt. Das Potential und die Erfahrung der Normalbürger zu nutzen, hat unsere Wirtschaft noch nicht verstanden. Normalbürger schicken wir lieber in Rente, sonst werden sie zu teuer und Rente zahlen ja unsere Kinder – wie auch immer sie das einmal machen werden.

Bei allen Überlegungen über das Alter komme ich zu der Überzeugung, dass ich dennoch eines nicht will: Noch einmal Jung sein und alle Erfahrungen, die ich heute habe, noch einmal machen müssen. So wie es ist, ist es auch gut. Ich fühle mich im „besten“ Alter, aller Zipperlein und schönen Erinnerungen zum Trotz. Alt sein bleibt für mich eine Frage des Kopfes. Wenn ich den Kopf kein Futter mehr gebe, wird das auch nix mit der fitten Alten. Krampfhaft jung bleiben wollen funktioniert nicht. Wenn ich aufgebe – mich für nichts mehr interessiere – mich von nichts mehr begeistern lasse und nur noch von negativen Dingen beeinflussen lasse. Wenn ich mich über die Jugend aufrege und früher alles viel besser fand – wenn ich jeden Tag damit beschäftigt bin, mir selber leid zu tun und die Schuld meines Dilemmas bei anderen vorgeschobenen Dingen suche – dann bin ich alt. Möge dieser Tag nie kommen! Und wenn mich andere als alt empfinden, dann möchte ich die Persönlichkeit haben, das mit Würde – und ganz  besonders mit Humor – zu tragen und hoffe, dass meine Erfahrungen für Jüngere zum Nutzen sind. Alt werden kann ziemlich entspannend, schön und lustig sein. Alt sein – auch!
 

16 Kommentare zu “Was ist „Alt“?

  1. Vor mehr als 20 Jahren habe ich mit dem Jugendherbergsverband eine Radtour gemacht – die Jungen waren alle unter 20 und wir Alten alle +/- 50. Das größte Kompliment hat mir damals ein 19jähriger gemacht, als er sagte: „Wenn ich mal so wie du im Alter werde, dann habe ich keine Angst mehr davor.“ – Jetzt naht die 7 vor der Alterszahl – doch mit technischen Dingen nehme ich es mit den meisten jüngeren Frauen auf – na gut, Männer sind da oft besser, aber nicht immer!
    Aber etwas Wahrheitsgehalt hat der Spruch: „Alt werden ist nichts für Feiglinge!“

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  2. Ich bin ganz ehrlich, ich habe angst vor dem alt werden. und das schreibe ich mit meinen 22, damit zähle ich zu den Jungen?. Das einzige was mir dabei Angst macht sind vermutlich meine Gedanken. Horror Szenarien! Ich seh mal wieder nur den negativen Bullshit.
    Manchmal fühle ich mich etwas geschädigt von dem hin und her taumeln zwischen Medien und Wirklichkeit.
    Dieses Thema ist mir wirklich unangenehm, ich muss gestehen, dass mich öfter dabei ertappe wie ich denke oder sage: „Mit 50 lasse ich mich einfrieren“. Was das allerdings bringen soll weiß ich auch nicht…
    Jetzt Frage ich mich gerade warum meine Einstellung dazu so dermaßen negativ ist? Bin schon etwas geschockt.
    Auf jeden Fall noch etwas zum Hinterfragen, denn ich glaube, dass ich mit meiner Einstellung die Freude und Begeisterung aus meinem Leben halte.
    Danke für den Artikel, regt mich zum Nachdenken an :))

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    • Erstmal: Glaube den Medien nicht – es ist ganz anders! Und glaub mir, mit 18 war für mich 50 undenkbar. Was glaubst du, wenn du einmal im Rückblick einmal feststellen wirst, welche Bereicherung dein Weg dahin war und das wird er sein … ich würde nur versuchen ein bisschen mehr Optimismus zu gewinnen – mit Lachen geht das Altern sehr viel leichter – bestimmt! 🙂 Welche Energie muss deine Freude und Begeisterung haben, wenn du versuchst sie klein zu halten – lass sie lieber raus … liebe Grüße!

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  3. Sabine Depew sagt:

    Mit knapp 30 habe ich viel zum Thema gearbeitet und gelesen. In wenigen Tagen werde ich fünfzig. Die Perspektive ist jetzt anders. Ich geniesse es, Erfahrung zu haben und weiss, was unser Slogan von damals „Erfahrung zahlt sich aus“ tatsächlich bedeutet. Und dennoch merke ich auch die Zimperlein, die zunehmen. Ich stelle aber unter dem Strich fest äusserliche Schöhnheit und Ausstrahlung sind altersunabhängig.

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    • Liebe Sabine, zum Glück gibt es diesen Perspektivwechsel … sonst würden wir sicherlich ständig „aua“ sagen. So können wir die Vorzüge des Alterns sehen und auch genießen! Und mit der Schönheit und Ausstrahlung hast du vollkommen recht – die kommt von innen – egal, wie alt man ist! 😉

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  4. Sehr schöner Beitrag! Vielleicht gerade weil ich mich selbst gerade mit dem Alter auseinander setze… Ich denke, solange man noch Spaß daran hat Neues zu lernen bleibt man jung. Und ab und zu etwas machen, was überhaupt nicht dem „Alter“ entspricht…
    Ich wünsch euch ein schönes Wochenende…
    Liebe Grüße
    Daniela

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  5. Andrea Bentele sagt:

    Ein ganz wunderbarer und wahrer Beitrag.
    „Alt sein“ heißt eben auch, eine Menge Lebenserfahrung zu haben, sich der eigenen Person, der eigenen Wünsche, der Abneigungen etc. wirklich bewusst zu sein. Und du hast Recht: Man muss sich vor anderen auch nicht mehr beweisen, was der eigenen Lebensqualität durchaus gut tut. Und die paar Zipperlein? Mein Gott, von denen lassen wir uns doch nicht von der Lust am Leben abhalten, gell

    Und nur am Rande, sozusagen causa colorandi:
    Wir haben unsere Küche vor 2 Wochen neu gestrichen. In einem leuchtenden Orange. Der 16jährigen Tochter gefiel es nicht. Sie meinte, es sähe jetzt aus wie in einer Studenten-WG. Der Gatte und ich antworteten wie aus einem Mund: „Mein Gott, wie spießig bist du denn?“
    Wer ist oder denkt jetzt alt? 😉

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  6. Ein toller Text!
    Meine Oma musste neulich einige Zeit im Krankenhaus verbringen. Ihr einziger Klagepunkt: „Die haben mich mit lauter Alten zusammen gesteckt. Ich hab dem Doktor schon gesagt, das ich hier so schnell wie möglich raus muss.“
    Sie selbst wird im Sommer 80. 😀

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