Ein Tag ohne Multikulti. – Geht das überhaupt?

Um es gleich vorweg zu sagen – ich bin blond und blauäugig, also germanischer Abstammung. Auch mein Name ist rein deutsch und so kann ich von der Ursprungsgeschichte her schon mal versuchen, einen „rein-deutschen“ Tag zu erleben.

Wach werden … ich habe Glück, denn ich wache immer vor meinem Wecker auf, um ihn rechtzeitig auszustellen. Er ist aus Taiwan. So gehe ich erstmal in die Küche – nein, heute gibt es keinen Kaffee aus Kolumbien, der gute alte Pfefferminztee aus dem Garten muss reichen, um ganz wach zu werden. Im Badezimmer wird es dann schon schwieriger. Zähneputzen mit Colgate geht nicht, der war Amerikaner, also Ajona von einem Schwaben. Beim DuschDas habe ich wieder Glück, die Firma wurde zwar von einem Niederländer, aber auf deutschem Boden gegründet, die weitere Firmengeschichte unterschlage ich hier lieber. Aloe Vera Produkte zum Eincremen sind heute tabu – die Pflanze gibt es nicht in unseren Breitengraden. Beim Anziehen muss ich einfach streiken, denn auch die Baumwolle kommt ursprünglich aus Asien, aber der Herr Fugger hat sie wenigstens ab dem 14. Jahrhundert in Deutschland verarbeitet.

Fertig für den Hundespaziergang habe ich das nächste Problem. Mein Hund ist ein Golden Retriever, eine englische Rasse. Aber er schaut mich mit so bittenden Augen an, dass ich beschließe, mir für einen Tag einzubilden, er sei ein deutscher Schäferhund. Um meine Hundefreunde muss ich heute einen großen Bogen machen. Die eine Freundin kommt aus der Ukraine und die Hunde sind ausnahmslos „Ausländer“. Also gehen mein Hund und ich ganz alleine und einsam am Kanal entlang … und so ein Mist – ausgerechnet heute begegnet mir der nette alte asiatische Herr, der mich immer herzlich grüßt, obwohl wir uns gar nicht kennen. Ich ignoriere ihn und hoffe, dass er mir beim nächsten Mal verzeiht.

Hunderunde geschafft, jetzt noch schnell Brötchen holen. Nein, heute gibt es nicht die günstigen, die als Rohlinge aus Asien eingeflogen werden. Heute muss ich die teuren Brötchen beim Bäcker um die Ecke kaufen, denn das deutsche Handwerk hat (zu recht) seinen Preis. Das Frühstück überstehe ich noch recht gut. Es gibt genug, was das deutsche Land zu bieten hat, aber auf so eingedeutschte Besonderheiten wie Croissants oder Cappuchino muss ich schon verzichten.

Jetzt wird es schwierig, ich muss zur Arbeit gehen. Mein Auto kann ich stehen lassen, denn das kommt aus Tschechien. Aber die 20 Minuten Fussweg überstehe ich ganz gut. Ich überlege mir schon einmal was es zum Abendessen geben soll. Salat kommt nahezu immer aus Holland und auch viele Gemüsesorten wie Paprika, Zucchini, Auberginen oder Mais gibt´s nicht bei uns. Also Kartoffeln mit Kohl und Bratwürstchen, meine Kinder werden wohl kaum begeistert sein. Und auch beim Obst kann ich nicht punkten, denn Bananen, Ananas, Apfelsinen, Melonen und viele andere sind in deutschen Gärten nicht zu finden. Also Pflaumenkompott, es ist ja sowieso Herbstzeit.

Bei der Arbeit muss ich wieder ganz schön mogeln, denn eigentlich darf  ich meinen geliebten PC nicht mal anschauen. Alle technischen Komponenten, die ich zum Arbeiten brauche, stellen schon alleine eine halbe Weltreise dar. Also schreibe ich vorsintflutlich meine Texte mit einem Bleistift, doppelte Arbeit, grummel! Telefonieren ist heute auch nicht, das Handy kommt aus Korea. Ja, und dann mache ich am besten meine Bürotür zu, denn einige liebe KollegInnen kommen aus der Türkei, aus Serbien, aus Polen, aus Schwaben … ok, die Schwaben lassen wir gelten.

Mittagessen und Mittagpause – die  Dönerbude, der Chinese, die Pizzeria, der Mexikaner, der Sushi-Laden fällt aus. Currywurst geht, Pommers auch, der Hamburger ist gestrichen. Dann  verkümmel ich mich doch lieber mit der guten alten Butterstulle mit Leberwurst auf eine Parkbank – und denke nach: Ich gebe auf! Ein Leben ohne Multikulti ist für uns gar nicht möglich und außer einer schrecklichen geschichtlichen Epoche gab es nie einen rein-deutschen Staat. Selbst Preußen war ein Vielvölkerstaat und Zufluchtsland für viele Verfolgte und Andersgläubige (wie Hugenotten, Holländer und Russen). Gleichgültig, was wir anfassen und tun, wohin wir uns bewegen, worüber wir sprechen, in welchen Kreisen wir uns aufhalten – es gibt schon lange kein unbeeinflusstes deutsches Leben mehr.

Die Welt ist bunt und global geworden, die Grenzen sind fast auf der ganzen Welt offen und auch das Internet lässt uns am Leben des ganzen Erdballs teilhaben. Wir haben die Freiheit, uns überall zu bewegen und zu leben. Aber eins müssen wir noch gewaltig in unserer Umgebung verbessern – die Toleranz zu üben  und den enormen Gewinn des Multikulti in unseren kleinen Lebenskreisen zu nutzen.

Stadtteilzeitung Steglitz-Zehlendorf – Ausgabe 162, November 2012

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